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Ille mihi - Zweiter Band

Elisabeth von Heyking: Ille mihi - Zweiter Band - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorElisabeth von Heyking
titleIlle mihi ? Zweiter Band
publisherVerlag von Gebrüder Paetel
printrunVierte Auflage
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Diese Prophezeihung erfüllte sich, und als Taudien, seinem Versprechen gemäß, mit einem der nächsten Postdampfer eintraf, fand er Wolf schon mitten in unerquicklichen Verhandlungen.

Einer der üblichen Bürgerkriege wütete gerade in einer entlegenen Provinz des Landes. Ein eigentliches Wüten war es zwar kaum zu nennen, da auf beiden Zeiten nie mehr als ein paar Kämpfer verletzt wurden, während sich die übrigen durch weise Flucht ihren Parteien erhielten – immerhin hatten diese Zusammenstöße genügt, um die Kaffeeplantagen dort angesiedelter Deutschen zu zerstören. Wolf mußte protestieren und für die betroffenen Landsleute Entschädigung verlangen; aber er erhielt die Antwort, für die Taten der Insurgenten könne die Regierung der Republik nicht verantwortlich gemacht werden.

Die Regierung war ja auch tatsächlich nicht gut dran, und die Entrichtung irgendwelcher Entschädigungen wäre ihr schwer gefallen – denn die öffentlichen Kassen waren wiederum, wie so oft in diesem Lande, auf geheimnisvolle Weise geleert. Manchmal fehlte es sogar an Mitteln, um auch nur die monatlichen Gehälter und Besoldungen der Beamten und Soldaten zum richtigen Termine auszuzahlen. An solchen Tagen war es dann ein bekanntes Schauspiel, den Finanzminister in die Magazine der fremden Kaufleute wandern zu sehen, um mit ihnen, über den Ladentisch weg, eine kleine momentane Anleihe zu negoziieren. – »Buenos amigos« waren dann plötzlich diese ausländischen, sonst von indianisch-spanischem Hochmut gern übersehenen Geschäftsleute, und der simple Karl Großmann wurde bei diesen Gelegenheiten zwischen zwei abrazos »muy querido Don Carlito« genannt.

Bei diesen kleinen Verlegenheiten halfen denn auch wirklich die fremden Kaufleute oftmals aus, in dem Wahne, sich so späteres Wohlwollen und künftige Lieferungsbestellungen zu sichern. – Aber eine ganz anders große und schwierige Frage war es mit den Zahlungen für die garantierten Zinsen der Bahn, die die Regierung halbjährlich aufbringen sollte. Da vermochten die gefälligen ausländischen Kaufleute nicht Hilfe zu leisten!

Die Pünktlichkeit dieser Zahlungen endlich durchzusetzen war demnach der schwierigste Punkt, über den Wolf zu verhandeln hatte.

Die große Finanzgruppe, die den Bau jener Bahn unternommen hatte, nahm in Berlin eine mächtige Stellung ein und setzte all ihren Einfluß daran, eine wirksame Pression gegen die säumigen Schuldner zu veranlassen. Dabei wiesen die Finanzherren darauf hin, daß das Land durch seinen natürlichen Reichtum sehr wohl imstande wäre, die versprochenen Zinsen aufzubringen, daß aber die durch Zölle und Steuern einlaufenden Staatseinnahmen in die Privattaschen der jeweilig an der Regierung beteiligten Parteiführer abflössen. – Durch die von so maßgebender Seite vorgebrachten Beschwerden und durch die Fruchtlosigkeit aller bisherigen Reklamationen waren die mit der Vertretung deutscher Rechtsansprüche im Auslande betrauten Herren des Ministeriums allmählich in eine nervöse Ungeduld versetzt worden. So wurde die Sprache in Berlin immer drängender, und Wolf erhielt den Auftrag, die renitente Regierung in schärferem Tone an ihre Verpflichtungen zu mahnen. – Als aber auch darauf all seine Schritte nichts nützten, mußte er in den ihm zugehenden Erlassen die Andeutung lesen, daß bei mehr Energie und größerer Geschicklichkeit des Gesandten wohl bessere Erfolge zu erwarten gewesen wären. – Die Gereiztheit über eine ziemlich aussichtslose Lage machte sich, wie so oft, Luft durch Ärger gegen den eigenen Beamten.

So zogen sich mehrere Monate hin, und Wolf glaubte aus den auf seine Vorstellungen erfolgenden Antwortsnoten der Regierung der Republik sogar eine gewisse mißachtende Unbekümmertheit herauszulesen, als wage dieser halb zivilisierte Staat anzudeuten, daß von seinem großen Vaterlande ja doch nicht viel zu fürchten sei. – Die anfänglich rein materielle Frage war allmählich eine des Prestige geworden, besonders auch in den Augen der gespannt zuschauenden Vertreter der anderen Länder. Und Wolf sah wohl, daß eigentlich ein Exempel statuiert werden müsse, sagte sich aber doch gleichzeitig, daß die dazu erforderlichen Maßnahmen gerade hier schwerlich angewandt werden könnten, da dieser Weltteil für europäische Mächte bekanntlich als tabu gilt.

Da plötzlich erhielt Wolf zu seiner Überraschung die telegraphische Mitteilung, daß in einigen Tagen S. M. Schulschiff »Schill« und kleiner Kreuzer »Zieten« in den dortigen Gewässern eintreffen würden. »Er solle den Eindruck, den diese Machtentfaltung dort an der Küste hervorrufen würde, dazu ausnutzen, um die schwebenden Forderungen durchzusetzen, wobei er andeuten könne, daß seine hohe Regierung es bedauern würde, wenn sie gezwungen werden sollte, zur Erreichung ihrer Rechtsansprüche über den Weg freundschaftlicher Vorstellungen hinauszugehen.« –

»Gräßlich!« sagte Dedo, nachdem er dies Telegramm mit Wolf dechiffriert hatte, »nun auch noch Marine!«

Taudien aber, der kürzlich von einem längeren Ausflug im Lande in die Hauptstadt zurückgekehrt war, bemerkte: »Mir will die Lage hier gar nicht gefallen! An der ganzen Küste, bei Einheimischen und Fremden, wird gemunkelt, wir trieben diese ganze Zinszahlungsfrage überhaupt nur auf die Spitze, um einen Vorwand zu militärischem Einschreiten zu finden, und immer wieder werden dabei unsere angeblichen Absichten auf die Insel Santa Immaculata erwähnt. – Die Vertreter derjenigen Nation aber, die überall auf Erden Feindschaften gegen uns erwecken möchte, sind am eifrigsten dabei, solche Gerüchte zu verbreiten, weil sie wohl wissen, daß sie damit den Argwohn der großen nordischen Republik auf uns lenken werden. – Wenn jetzt nur nicht irgendeine Unüberlegtheit bei uns geschieht! – Zu wollen ist hier ja doch nichts für uns, – dafür gab es einst in anderen Weltteilen andere Chancen – aber die haben wir ja gründlich versäumt!«

Und Taudien versank in bitteres Grübeln über verlorene schwarze Reiche, deren Erwerbung er einst seines Lebens beste Jahre geweiht.

Wolf war durch die Worte des Freundes ganz besonders betroffen, weil sie die in ihm selbst schon aufgestiegenen Bedenken noch bestärkten.

Er entsann sich dabei auch, daß der Vertreter jener so gern Zwietracht säenden Macht ihm selbst vor kurzem in insinuierendem Tone gesagt hatte: »Meine Regierung wird Ihnen gewiß keine Schwierigkeiten machen, wenn Sie hier etwa ein Faustpfand ergreifen wollen.«

Es waren schwere Stunden der Sorge und Unruhe, die Wolf in der folgenden schwülen Nacht durchwachte. Sein ganzer Lebenswunsch war es ja gewesen, einmal an einer der großen Aktionen beteiligt zu sein, wo es sich erweist, ob Deutschlands eigenes Kraftbewußtsein und sein äußeres Ansehen hinreichend stark sind, um auf fernes, überseeisches Gebiet seine Macht zu erstrecken. Aber, wie auch Taudien, hatte Wolf dabei an ganz andere Länder gedacht! – Und nun, wo es schien, als ob ihm endlich solche Gelegenheit geboten werden solle, von der er früher geglaubt, daß sie ihn mit Begeisterung erfüllen werde, war es eine, vor der ihn die innere Stimme warnte.

Als das erste Licht des neuen Tropentages aufging, hatte Wolf nach schwerem Kampfe es als seine Pflicht erkannt, nach Berlin zu drahten, um seine Befürchtungen auszudrücken, daß bei einem etwaigen bewaffneten Eingreifen neben der indianischen Republik noch eine ganz andere Macht als Gegner Deutschlands auftreten würde.

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