Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Homer >

Ilias

Homer: Ilias - Kapitel 74
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleIlias
sendergerd.bouillon
firstpub1793
Schließen

Navigation:
Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Nur der göttliche Mann Euryalos trat ihm entgegen,
Er des Mekistheus' Sohn, des taläonidischen Herrschers,
Welcher in Thebe vordem, am Leichenfest des erschlagnen
680  Ödipus, alles Volk der Kadmeionen besieget.
Emsig bereitete diesen der speerberühmte Tydeide,
Sprach ermunternde Wort', und wünscht' ihm herzlich den Siegsruhm.
Erstlich legt' er den Gürtel ihm dar, und reichte darauf ihm
Schöngeschnittene Riemen des mächtigen Stiers von der Weide.
685  Als sich beide gegürtet, da traten sie vor in den Kampfkreis.
Gegeneinander zugleich mit gewaltigen Armen sich hebend,
Stürmten sie an, und es mischten die lastenden Arme sich ringsum;
Schrecklich erscholl um die Kiefer der Fäuste Geklatsch, und der Angstschweiß
Floß von den Gliedern herab. Nun erhub sich der edle Epeios
690  Hoch, und schlug auf den Backen des Schauenden, daß er nicht länger
Stehen konnt', und zur Erde die blühenden Glieder ihm sanken.
Wie vor dem kräuselnden Nord ein Fisch aus dem Wasser emporspringt
Am meergrasigen Strand, und die dunkele Wog' ihn bedecket:
So von dem Streich aufsprang er. Allein der erhabne Epeios
695  Stellt' ihn empor bei den Händen; und traute Freund', ihn umeilend,
Führten ihn weg durch den Kreis mit schwernachschleppenden Füßen,
Dickes Blut ausspeiend, das Haupt gehängt auf die Schulter;
Zwischen sich dann den Betäubten und Irrenden setzten sie nieder.
Andere gingen indes, und trugen den doppelten Becher.

700 

Peleus' Sohn nun setzte noch andere Preise des Kampfes,
Zeigend dem Danaervolk, des mühsamstrebenden Ringens:
Erst dem Sieger ein groß dreifüßig Geschirr auf dem Feuer,
Welches in Wert zwölf Rinder bei sich die Danaer schätzten;
Doch in dem Besiegeten stellt' er ein blühendes Weib in den Kampfkreis,

705  Klug in mancherlei Kunst, und geschätzt vier Rinder an Werte.
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:

Kommt hervor, wer begehrt auch diesen Kampf zu versuchen!
Jener sprach's; da erhub sich der Telamonier Ajas,
Auch der erfindungsreiche Odysseus, kundig des Vorteils.

710  Als sich beide gegürtet, da traten sie vor in den Kampfkreis,
Faßten sich dann einander umschmiegt mit gewaltigen Armen:
Gleich den begegnenden Sparren, die fest der Zimmerer fügte,
Eines erhabnen Gebäus, die Gewalt der Winde vermeidend.
Beiden knirschte der Rücken, von stark umschlungenen Armen
715  Angestrengt und gezuckt; und es strömte der Schweiß von den Gliedern;
Aber häufige Striemen umher an den Seiten und Schultern,
Rot von schwellendem Blut, erhuben sich; immer voll Sehnsucht
Rangen sie beide nach Sieg, um den schöngegossenen Dreifuß.
Weder Odysseus vermocht' ihn verrückt auf den Boden zu schmettern,
720  Noch auch Ajas vermocht' es, gehemmt von der Kraft des Odysseus.
Aber nachdem schon murrten die hellumschienten Achaier,
Jetzo begann zu jenem der Telamonier Ajas:

Edler Laertiad', erfindungsreicher Odysseus,
Hebe mich, oder ich dich; für das übrige sorge Kronion!

725 

Sprach's, und hub ihn empor; doch der List vergaß nicht Odysseus,
Schlug ihm von hinten die Beugung des Knies, und löst' ihm die Glieder:
Rücklings warf er ihn hin, und es sank von oben Odysseus
Ihm auf die Brust; rings schauten erstaunt und wundernd die Völker.
Jetzo hub auch jenen der herrliche Dulder Odysseus,

730  Und bewegt' ihn vom Boden ein weniges, nicht ihn erhebend;
Dennoch beugt' er sein Knie; da sanken sie beid' auf den Boden
Dicht aneinander hinab, ringsum mit Staube besudelt.
Und zum drittenmal hätten sie beid' aufspringend gerungen;
Aber Achilleus erhub sich, und hemmte sie, also beginnend:

735 

Nicht mehr strebt miteinander, euch selbst abmattend in Arbeit.
Beiden gebührt der Sieg; mit gleichem Preis denn belohnet.
Geht, damit noch andre der Danaer eifern im Kampfspiel.

Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten;
Wischten sich ab den Staub, und hüllten die Röck' um die Schultern.

740 

Peleus' Sohn nun setzte noch andere Preise dem Wettlauf:
Einen silbernen Krug von prangender Kunst; er umfaßte
Sechs der Maß', und besiegt' an Schönheit all' auf der Erde
Weit; denn kunsterfahrne Sidonier schufen ihn sinnreich;
Aber phönikische Männer, auf finsteren Wogen ihn bringend,

745  Boten in Häfen ihn feil, und schenkten ihn endlich dem Thoas;
Drauf für den Priamiden Lykaon gab zur Bezahlung
Ihn dem Held Patroklos Jasons Sohn Euneos.
Den nun setzt' Achilleus, den Freund zu ehren, zum Kampfpreis
Ihm, der am schnellsten im Laufe der hurtigen Schenkel erschiene;
750  Einen mächtigen Stier dem folgenden, schwer des Fettes;
Drauf des Goldes ein halbes Talent bestimmt' er dem letzten.
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:

Kommt hervor, wer begehrt auch diesen Kampf zu versuchen!
Sprach's; und Ajas erhub sich, der schnelle Sohn des Oileus,

755  Drauf Odysseus im Rate gewandt, und Antilochos endlich,
Nestors Sohn; denn rasch vor den Jünglingen siegt' er im Wettlauf.
Alle gereiht nun standen; es wies das Zeichen Achilleus.
Ihnen erstreckte der Lauf von dem Stande sich; aber in Eile
Stürmete Ajas voran; ihm flog der edle Odysseus
760  Nahe gedrängt: so wie dicht an des schöngegürteten Weibes
Busen das Webschiff fliegt, das schön mit den Händen sie herwirft,
Zartes Gespinst ausziehend zum Eintrag; nahe dem Busen
Lenkt sie es: also verfolgt' ihn Odysseus nah; und von hinten
Trat er die Spur mit den Füßen, eh' fallend der Sand sie bedeckte;
765  Und an den Nacken ihm strömte den Hauch der edle Odysseus
Stets im geflügelten Lauf; und daher schrien alle Achaier
Ihm, wie er strebte nach Sieg, den Eilenden mehr noch ermunternd.
Als sie dem Ende des Laufs nun naheten, betet' Odysseus
Schnell zu des mächtigen Zeus' blauäugiger Tochter im Herzen:

770 

Höre mich, Göttin, mit Huld, und bringe mir Hilfe zum Wettlauf!
Also sprach er flehend; ihn hörete Pallas Athene;
Leicht ihm schuf sie die Glieder, die Füß, und die Arme von oben.
Als sie nun annahten hinanzufliegen zum Kampfpreis;
Jetzo strauchelte Ajas im Lauf, denn es irrt' ihn Athene,

775  Dort wo der Unrat lag der geschlachteten brüllenden Rinder,
Die zu Patroklos' Ehre der Peleione getötet;
Und mit dem Rinderkot ward Mund und Nas' ihm besudelt.
Aber den Krug ergriff der herrliche Dulder Odysseus
Schnell, wie zuvor er kam; und den Stier der gewaltige Ajas.
780  Dieser stand, in den Händen das Horn des gewendeten Rindes,
Immer noch Kot ausspeiend, und redete vor den Argeiern:

Traun, wohl irrte die Göttin im Laufe mich, welche von jeher
Mütterlich naht dem Odysseus, ihm beizustehn und zu helfen!

Jener sprach's; und umher erhuben sie frohes Gelächter.

785  Auch Antilochos jetzo enttrug den letzten der Preise
Lächelnd umher, und also vor Argos' Söhnen begann er:

Freunde, das wißt ihr alle, doch sag' ich es: daß auch anitzt noch
Ehre den älteren Menschen verleihn die unsterblichen Götter.
Ajas zwar ist nur ein weniges älter denn ich bin;

790  Jener indes ist früheres Stamms, und früherer Menschen:
Doch man preist sein Alter ein grünendes; schwerlich gelingt es,
Daß im Lauf ihn ereil' ein Danaer, außer Achilleus.

Jener sprach's, lobpreisend den rüstigen Peleionen.
Aber Achilleus drauf antwortete, solches erwidernd:

795 

Nicht umsonst, Antilochos, sei dies Lob dir geredet;
Sondern ich will des Goldes ein halbes Talent dir hinzutun.

Sprach's, und reicht' ihm das Gold; und freudig nahm es der Jüngling.
Jetzo trug der Peleide die weithinschattende Lanze,
Samt dem Schild' und dem Helm, und legte sie nieder im Kampfkreis,

800  Jene Wehr des Sarpedon, die jüngst Patroklos erbeutet.
Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:

Hierum laßt zween Männer, die tapfersten unseres Heeres,
Beid' in Waffen gehüllt, und zerschneidendes Erz in den Händen,
Angestrengt einander vor Argos' Volk sich versuchen,

805  Wer nun den blühenden Leib des anderen eher verletzet,
Durch die Waffen das Fleisch und das dunkele Blut ihm berührend:
Dem gewähr' ich zum Preise dies Schwert voll silberner Buckeln,
Schön, von thrakischer Kunst, das ich Asteropäos geraubet.
Aber die Rüstungen hier empfangen sie beide gemeinsam;
810  Und mit köstlichem Mahle bewirt' ich sie beid' im Gezelte.

Jener sprach's; da erhub sich der Telamonier Ajas,
Auch der Tydeid' erstand, der starke Held Diomedes.
Als sie nun beiderseits im versammelten Volk sich gewappnet;
Traten sie beid' in die Mitte hervor, voll Begierde des Kampfes,

815  Mit androhendem Blick; und Staunen ergriff die Achaier.
Als sie nunmehr sich genaht, die Eilenden gegeneinander;
Dreimal rannten sie an, und dreimal stürmten sie nahe.
Ajas darauf stieß jenem den Schild von gerundeter Wölbung;
Doch nicht rührt' er den Leib; ihm wehrt' inwendig der Harnisch.
820  Aber der Held Diomedes hinweg am mächtigen Schild' ihm
Zielet' er stets nach dem Hals mit der blinkenden Schärfe des Speeres.
Laut nun riefen daher, um Ajas besorgt, die Achaier,
Daß sie vom Streit abließen, und gleich sich teilten den Kampfpreis.
Aber Achilleus gab das große Schwert dem Tydeiden,
825  Samt der Scheid' in die Hand, und dem schöngeschnittenen Riemen.

Jetzo trug der Peleide die rohgegossene Kugel,
Welche vordem geworfen Eëtions mächtige Stärke;
Aber jenen erschlug der mutige Renner Achilleus,
Und entführt' in Schiffen mit anderer Habe die Kugel.

830  Aufrecht stand der Peleid', und redete vor den Argeiern:

Kommt hervor, wer begehrt auch diesen Kampf zu versuchen!
Wenn er auch weit umher fruchttragende Äcker beherrschet,
Hat er daran zu fünf umrollender Jahre Vollendung
Reichen Gebrauch: denn nimmer ihm darf aus Mangel des Eisens

835  Weder Hirt noch Pflüger zur Stadt gehn, sondern er reicht ihm.

Jener sprach's; da erhub sich der streitbare Held Polypötes,
Auch Leonteus Kraft, des göttergleichen Beherrschers,
Ajas auch, der Telamonid', und der edle Epeios.
Alle gereiht nun standen: da faßt' Epeios die Kugel,

840  Schwang sie ins Wirbel, und warf; und es lachten umher die Achaier.
Hierauf nahm sie und warf des Ares' Sprößling Leonteus;
Nächst ihm drauf entschwang sie der Telamonier Ajas
Aus der gewaltigen Hand, daß sie hinflog über die Zeichen.
Doch da die Kugel ergriff der streitbare Held Polypötes:
845  Weit wie ein Rinderhirt den gebogenen Stecken entschwinget,
Welcher im Wirbel gedreht hinfliegt durch die weidenden Rinder:
So ganz über den Kreis entschwang er sie; alle nun schrien auf.
Und es erhuben sich Freunde des göttlichen Manns Polypötes,
Die zu den räumigen Schiffen den Preis hintrugen des Königs.

850 

Hierauf setzte den Schützen der Held blauschimmerndes Eisen,
Zehn zweischneidige Äxt', und zehn der Beile zum Kampfpreis.
Dann erhub er den Mast des schwarzgeschnäbelten Meerschiffs
Fern am kiesigen Strand; und eine schüchterne Taube
Band er daran mit dem Fuß an dünnem Faden, zum Ziele

855  Ihrem Geschoß. Wer nun die schüchterne Taube getroffen,
Nehme die doppelten Äxte gesamt, zum Gezelte sie tragend;
Wer indes den Faden nur trifft, und den Vogel verfehlet,
Solcher mag wie besiegt mit den kleineren Beilen hinweggehn.

Jener sprach's; da erhub sich die Kraft des herrschenden Teukros,

860  Auch Meriones dann, Idomeneus' tapferer Kriegsfreund.
Beid' itzt nahmen sich Los', und schüttelten; aber des Teukros'
Sprang aus dem ehernen Helm. Sogleich von gespanneter Senne
Schnellt' er den Pfeil mit Gewalt; doch nicht gelobt' er dem Herrscher
Feirend die Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern.
865  Siehe den Vogel verfehlt' er; denn ihm mißgönnt' es Apollon;
Aber er traf den Faden am Fuß des gebundenen Vogels,
Und es durchschnitt den Faden das Erz des herben Geschosses.
Aufwärts schwang die Taub' in die Lüfte sich, aber herunter
Hing der Faden zur Erd'; und laut aufschrien die Achaier.
870  Eilend nunmehr entriß Meriones jenem den Bogen
Aus der Hand; denn den Pfeil hielt längst er bereit, um zu schnellen.
Alsobald gelobt' er dem treffenden Phöbos Apollon
Feirend die Dankhekatombe der Erstlingslämmer zu opfern.
Hoch nun unter den Wolken ersah er die schüchterne Taube;
875  Und wie im Kreise sie flog, durchschoß er sie unter dem Flügel:
Ganz hindurch drang stürmend der Pfeil, und zurück auf die Erde
Bohrt' er hinab vor den Fuß des Meriones; aber der Vogel
Ließ auf den Mast sich nieder des schwarzgeschnäbelten Meerschiffs,
Saß, und senkte den Hals, und die ausgebreiteten Flügel.
880  Bald entfloh aus den Gliedern der Geist, und ferne vom Mastbaum
Sank er hinab: rings schauten erstaunt und wundernd die Völker.
Aber Meriones nahm die zehn zweischneidigen Äxte;
Teukros die Beil' erhebend durchging die gebogenen Schiffe.

Peleus' Sohn nun legte den ragenden Speer und ein Becken,

885  Rein von Glut, mit Blumen geziert, vom Werte des Stieres,
Hergebracht in den Kreis. Da erhuben sich Sender des Wurfspeers:
Erstlich erstand der Atreide, der Völkerfürst Agamemnon,
Auch Meriones dann, Idomeneus' tapferer Kriegsfreund.
Doch es begann vor ihnen der mutige Renner Achilleus:

890 

Atreus' Sohn, wir wissen, wie weit du allen vorangehst,
Auch wie weit du an Kraft und Speerwurf alle besiegest.
Darum kehre du selbst mit diesem Preis zu den Schiffen;
Aber den Speer laß uns dem Held Meriones reichen,
Wenn es dir im Herzen gefällt; ich wenigstens rat' es.

895 

Jener sprach's; ihm gehorchte der Völkerfürst Agamemnon.
Er nun reichte den Speer dem Meriones; aber der Held dort
Gab dem Herold Talthybios hin den prangenden Kampfpreis.

 << Kapitel 73  Kapitel 75 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.