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Ilias

Homer: Ilias - Kapitel 64
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleIlias
sendergerd.bouillon
firstpub1793
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Als er solches vernommen, der Erderschüttrer Poseidon;
Flugs durcheilt' er den Kampf und den klirrenden Sturm der Geschosse,
320  Hin wo Äneias war, und der hochberühmte Achilleus.
Jenem sogleich nun goß er umschattende Nacht vor die Augen,
Peleus' Sohn Achilleus, und selbst die mordende Esche
Zog er zurück aus dem Schilde dem mutigen Held Äneias,
Legte sie dann vor die Füße des Peleionen Achilleus.
325  Doch den Äneias schwang er, empor von der Erd' ihn erhebend;
Und weit über die Reihen des Volks, und die Reihen der Rosse,
Flog Äneias hinweg, von der Hand des Gottes geschleudert;
Bis er kam an die Grenze des tobenden Schlachtengetümmels,
Wo der Kaukonen Volk zum Kampf gerüstet einherzog,
330  Jetzo naht' ihm wieder der Erderschüttrer Poseidon;
Und er begann zu jenem, und sprach die geflügelten Worte:

Welch ein Gott, Äneias, gebietet dir, also verblendet
Gegen des Peleus' Sohn zu kämpfen dem Kampf der Entscheidung,
Der weit mächtiger ist, und mehr geliebt von den Göttern?

335  Künftig weiche zurück, so oft du jenem begegnest;
Daß nicht trotz dem Verhängnis in Aïdes Haus du hinabsteigst.
Aber nachdem Achilleus den Tod und das Schicksal erreicht hat;
Dann getrost fortan in den vordersten Reihen gekämpfet!
Denn kein anderer sonst der Danaer raubt dir die Rüstung.

340 

Sprach's, und verließ ihn daselbst, nachdem er ihm alles verkündigt.
Schnell dem Achilleus anjetzt von den Augen scheucht' er des Nebels
Hehre Nacht; und sofort weit schauet' er rings mit den Augen.
Tief aufseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:

Weh mir! ein großes Wunder erblick' ich dort mit den Augen!

345  Siehe, die Lanze liegt an der Erd' hier; aber der Mann ist
Nirgends, dem ich sie warf, ihn auszutilgen verlangend!
Ei daß auch Äneias geliebt von unsterblichen Göttern
War! doch meint' ich gewiß, er rühme sich nur so vergebens.
Wandr' er dahin! Nie wahrlich mit mir sich annoch zu versuchen
350  Waget er, der auch nun zu entfliehn sich freut aus dem Tode!
Auf denn, nunmehr anmahnend der Danaer Kriegesgeschwader,
Will ich die anderen Troer im feindlichen Kampfe versuchen!

Rief's, und sprang in die Reihn, und ermunterte jeglichen Streiter:
Nicht so fern von den Troern enthaltet euch, edle Achaier;

355  Alle nun, Mann auf Mann, dringt ein, und gedenket des Kampfes!
Denn zu schwer wird mir's, wie groß auch meine Gewalt sei,
Solch ein Männergewühl zu umgehn, und mit allen zu kämpfen!
Selbst nicht Ares vermöcht' ein Unsterblicher zwar, noch Athene,
Solchen Schlund des Gewürgs mit Kriegsarbeit zu umwandeln!
360  Aber so viel ich selber vermag an Händen und Schenkeln
Und an Gewalt; nicht mein' ich das mindeste des zu versäumen;
Sondern rings durchwandl' ich die Ordnungen; nimmer auch, hoff' ich
Wird ein Troer sich freun, wer meinem Speere begegnet!

Also ermahnte der Held; auch dort der strahlende Hektor

365  Rief den Troern Befehl, und verhieß dem Kampf mit Achilleus:

Trojas mutige Söhne, verzagt nicht vor dem Peleiden!
Wohl auch ich mit Worten Unsterbliche selber bekämpft' ich,
Doch mit dem Speer unmöglich; denn weit gewaltiger sind sie.
Nimmer vermag auch Achilleus ein jegliches Wort zu vollenden;

370  Sondern eins vollbringt er, das andere läßt er verstümmelt.
Ihm nun eil' ich entgegen, und wäre sein Arm wie die Flamme,
Wäre sein Arm wie die Flamme, sein Mut wie blinkendes Eisen!

Also ermahnte der Held; da erhuben sie drohende Lanzen,
Trojas Söhn', und es stürmte der Streiter Gewühl, und Geschrei scholl.

375  Jetzo trat zu Hektor und redete Phöbos Apollon:

Hektor, durchaus nicht mehr mit Achilleus wage den Vorkampf,
Sondern umher in der Meng' und dem Schlachtgetümmel erhasch' ihn:
Daß nicht etwa sein Speer dich bändige, oder sein Schwerthieb!

Jener sprach's; und Hektor entwich in den Haufen der Männer,

380  Angstvoll, als er die Stimme vernahm des redenden Gottes.
Aber Achilleus sprang voll stürmender Kraft in die Troer,
Mit graunvollem Geschrei; und zuerst den Iphition rafft' er,
Ihn des Otrynteus Sohn, den tapferen Völkergebieter,
Welchen gebar die Najade denn Städteverwüster Otrynteus,
385  Unten am schneeigen Tmolos, in Hydas fettem Gefilde.
Diesem, der anlief, schoß mit dem Speer der edle Achilleus
Grad' auf die Mitte des Haupts, und ganz voneinander zerbarst es.
Dumpf hinkracht' er im Fall; da rief frohlockend Achilleus:

Liege nun, Otrynteide, du Schrecklichster unter den Männern!

390  Hier ist also dein Tod; die Geburt war fern an Gygäas
Schönem See, wo dir dein väterlich Erbe gebaut wird,
Am fischwimmelnden Hyllos, und Hermos strudelnden Wassern!

So frohlockte der Held; doch jenen umschattete Dunkel;
Und von der Danaer Rossen zermalmt mit rollenden Rädern

395  Lag er im Vordergewühl. Nach ihm dem Demoleon jetzo,
Jenem tapferen Wehrer der Schlacht, Antenors Erzeugtem,
Stieß er den Speer in den Schlaf, durch des Helms erzwangige Kuppel:
Wenig hemmte das Erz den Stürmenden; sondern hindurch drang
Schmetternd die eherne Spitz' in den Schädel ihm; und sein Gehirn ward
400  Ganz mit Blute vermischt: so bändigt' er jenen im Angriff.
Drauf dem Hippodamas stürmt' er, der rasch vom Wagen herabsprang,
Als er vor ihm hinbebte, den ehernen Speer in den Rücken;
Und er verhauchte den Geist, und stöhnete dumpf, wie ein Stier oft
Stöhnete, umgeschleppt um den helikonischen Herrscher,
405  Wann ihn Jünglinge schleppen; es freut sich ihrer Poseidon:
Also stöhnt' auch jener, den mutigen Geist aushauchend.
Er dann flog mit dem Speer auf den göttlichen Held Polydoros,
Priamos' Sohn. Ihm wehrete noch sein Vater die Feldschlacht,
Weil er der jüngste Sohn, gezeugt in späterem Alter,
410  Und der geliebteste war, ein rüstiger Läufer vor allen.
Jetzt vor kindischer Lust, mit hurtigen Füßen zu prangen,
Tobt' er im Vorderkampf, bis sein blühendes Leben dahin war.
Den nun traf mit der Lanze der mutige Renner Achilleus,
Als er vorüberflog, an den Rückgrat, wo sich des Gurtes
415  Goldene Spang' ihm schloß, und zwiefach hemmte der Harnisch.
Aber hindurch an den Nabel durchstürmt' ihn die eherne Spitze;
Heulend sank er aufs Knie; und Gewölk des Todes umhüllt' ihn
Schwarz; und er rafft' empor das Gedärm mit den Händen sich krümmend.
Hektor, sobald er gesehn, wie dort Polydoros der Bruder
420  Hielt das Gedärm in den Händen, umhergekrümmt auf der Erde;
Schnell vor die Augen herab floß Dunkel ihm, und er ertrug nicht
Länger entfernt sich zu wenden; hinangestürmt zu Achilleus,
Schwenkt' er den blinkenden Speer, wie ein Glutstrahl. Aber Achilleus,
So wie er sah, aufsprang er, und rief frohlockend die Worte:

425 

Siehe der Mann, der so schmerzlich mein innerstes Herz mir verwundet,
Der den Genossen mir schlug, den trautesten! Länger fürwahr nicht
Wollen wir scheu voreinander entfliehn durch die Pfade des Treffens!

Sprach's, und mit finsterem Blicke begann er zum göttlichen Hektor:
Näher heran, daß du eilig das Ziel des Todes erreichest!

430 

Wieder begann unerschrocken der helmumflatterte Hektor:
Peleus' Sohn, mit Worten fürwahr nicht, gleich wie ein Knäblein,
Hoffe mich abzuschrecken; denn wohl vermöcht' ich ja selber,
So herzschneidende Wort' als frevele auszurufen.
Weiß ich doch, wie tapfer du bist, und wie weit ich dir nachsteh.

435  Aber solches ruht ja im Schoß der seligen Götter:
Ob ich, wiewohl geringer an Kraft, dein Leben dir raube,
Treffend mit meinem Geschoß, das auch an der Spitze geschärft ist.

Sprach's, und die Lanz' aufschwingend, entsandt' er sie. Aber Athene
Trieb mit dem Hauch sie zurück vom Peleionen Achilleus,

440  Sanft entgegen ihr atmend; und hin zum göttlichen Hektor
Flog sie, und sank kraftlos zu den Füßen ihm. Aber Achilleus
Stürzte begierig hinan, ihn auszutilgen verlangend,
Mit graunvollem Geschrei; doch schnell entrückt ihn Apollon,
Sonder Müh', als Gott, und hüllt, in Nebel ihn ringsher.
445  Dreimal stürzt' er hinan, der mutige Renner Achilleus,
Zuckend mit ehernem Speer, und dreimal stach er den Nebel.
Als er das vierte Mal drauf anstürmete, stark wie ein Dämon;
Jetzo mit drohendem Laut die geflügelten Worte begann er:

Wieder entrannst du dem Tode, du Hund! Schon nahte Verderben

450  Über dem Haupt; allein dich errettete Phöbos Apollon,
Den du gewiß anflehst, ins Geklirr der Geschosse dich wagend!
Doch bald mein' ich mit dir zu endigen, künftig begegnend;
Würdiget anders auch mich ein unsterblicher Gott zu begleiten!
Jetzo eil' ich umher zu den übrigen, wen ich erhasche!

455 

Sprach's, und Dryops stach er gerad' in den Hals mit der Lanze,
Daß er hinab vor die Füß' ihm taumelte. Den nun verließ er;
Drauf den Philetoriden Demuchos, groß und gewaltig,
Hemmt' er im Lauf, sein Knie mit gesendeter Lanze verwundend,
Schwang dann genaht sein mächtiges Schwert, und raubt' ihm die Seele.

460  Drauf den Laogonos auch und Dardanos, Söhne des Bias,
Stürzet' er beid' anrennend vom Wagengeschirr auf die Erde:
Den mit der Lanze Wurf, und den mit dem Hiebe des Schwertes.
Tros dann, Alastors Sohn: der naht' ihm, fassend die Kniee,
Ob er sein des Gefangenen schont', und ihn lebend entließe,
465  Und ihn nicht zu erschlagen, an Alter ihm gleich, sich erbarmte:
Törichter, nicht ja erkannt' er, wie all sein Flehen umsonst war;
Denn nicht sanft war jener gesinnt, noch freundliches Herzens,
Sondern ein heftiger Mann! Zwar faßt' ihm jener die Kniee,
Strebend ihn anzuflehn; doch er haut' ihm das Schwert in die Leber,
470  Daß ihm die Leber entsank, und das schwarze Blut aus der Wunde
Ganz den Busen erfüllt'; und Nacht umzog ihm die Augen,
Weil ohnmächtig er sank. Auch dem Mulios stieß er die Lanze
Nahend ins Ohr, und sogleich aus dem anderen Ohre hervor drang
Jenem das spitzige Erz. Auch Agenors Sohn dem Echeklos
475  Schwang er tief in den Schädel das Schwert mit gewaltigem Hefte:
Ganz ward warm die Klinge vom spritzenden Blut; und die Augen
Übernahm der finstere Tod und das grause Verhängnis.
Auch den Deukalion jetzt: wo der Sehnen Geflecht sich vereinigt
Unter dem Buge des Arms, dort traf, die Rechte durchbohrend,
480  Ihn das spitzige Erz; und er harrt', am Arme gelähmet,
Vor sich schauend den Tod; doch das Schwert in den Nacken ihm haut' er
Daß mit dem Helme das Haupt ihm enttaumelte; und aus den Wirbeln
Spritzte das Mark ihm empor, und er lag auf der Erde sich streckend.
Weiter darauf enteilt' er zu Peireos trefflichem Sohne,
485  Rigmos, der aus Thrake der scholligen hergekommen:
Diesem schoß er die Lanze gerad' in die Weiche des Bauches;
Und er entsank dem Geschirr. Areïthoos drauf dem Genossen,
Als er die Ross' umlenkte, den ehernen Speer in den Rücken
Stieß er, und warf ihn vom Wagen; es tummelten bäumend die Rosse.
490  Wie ein entsetzlicher Brand die gewundenen Tale durchwütet,
Hoch im dürren Gebirg'; es entbrennt unermeßlich die Waldung,
Und rings wehet der Wind mit sausenden Flammenwirbeln:
So rings flog mit der Lanze der Wütende, stark wie ein Dämon,
Folgend zu Mord und Gewürg'; und Blut umströmte die Erde.
495  Wie wenn ein Mann ins Joch breitstirnige Stiere gespannet,
Weiße Gerste zu dreschen auf rundgeebneter Tenne;
Leicht wird zermalmt das Getreide vom Tritt der brüllenden Rinder:
So vor Achilleus dort dem Erhabenen trabten die Rosse
Stampfend auf bäuchige Schild' und Leichname; unten besudelt
500  Troff die Achse von Blut, und die zierlichen Ränder des Sessels,
Welchen jetzt von der Hufe Gestampf anspritzten die Tropfen,
Jetzt von der Räder Beschlag. So wütet' er, Ruhm zu gewinnen,
Peleus' Sohn, mit Blut die unnahbaren Hände besudelt.
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