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Ilias

Homer: Ilias - Kapitel 44
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleIlias
sendergerd.bouillon
firstpub1793
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Listenreich antwortete drauf die Herrscherin Here:
330  Welch ein Wort, Kronion, du Schrecklicher, hast du geredet!
Wenn du jetzt in Liebe gesellt zu ruhen begehrest
Oben auf Idas Höhn, wo umher frei alles erscheinet;
O wie wär's, wenn uns einer der ewigwährenden Götter
Beid' im Schlummer erblickt', und den Himmlischen allen es eilend
335  Meldete? Traun nie kehrt' ich hinfort zu deinem Palaste,
Aufgestanden vom Lager; denn unanständig ja wär' es!
Aber wofern du willst, und deiner Seel' es genehm ist;
Hast du ja ein Gemach, das dein Sohn, der kluge Hephästos,
Dir gebaut, und die künstliche Pfort' an die Pfosten gefüget:
340  Dorthin gehn wir zu ruhn, gefällt dir jetzo das Lager.

Ihr antwortete drauf der Herrscher im Donnergewölk Zeus:
Here, weder ein Gott, vertraue mir, weder ein Mensch auch
Wird uns schaun: denn ein solches Gewölk umhüll' ich dir ringsum,
Strahlend von Gold; nie würd' uns hindurchspähn Helios selber,

345  Der doch scharf vor allen mit strahlenden Augen umherblickt.

Also Zeus, und umarmte voll Inbrunst seine Gemahlin.
Unten nun sproß die heilige Erd' aufgrünende Kräuter,
Lotos mit tauiger Blum', und Krokos, samt Hyakinthos,
Dichtgedrängt und weich, die empor vom Boden sie trugen:

350  Hierauf ruheten beid', und hüllten sich rings ein Gewölk um,
Schön und strahlend von Gold; und es taueten glänzende Tropfen.

Also schlummerte dort auf Gargaros Höhe der Vater,
Sanft von Schlaf bezwungen und Lieb', und umarmte die Gattin.
Eilend lief der erquickende Schlaf zu den Schiffen Achaias,

355  Botschaft anzusagen dem Erderschüttrer Poseidon;
Nahe trat er hinan, und sprach die geflügelten Worte:

Jetzo mit Ernst, Poseidon, den Danaern Hilfe gewähret!
Ihnen verleih' itzt Ruhm, zum wenigsten, weil noch Kronion
Schläft; ich selber umhüllt' ihn mit sanft betäubendem Schlummer,

360  Als ihn Here betört zu holder Lieb' und Umarmung.

Dieses gesagt, entflog er zu rühmlichen Menschengeschlechtern.
Doch ihn reizt' er noch mehr, dem Danaervolke zu helfen.
Schnell in das Vordergetümmel voraus sich stürzend ermahnt' er:

Argos' Söhn', auch jetzo vergönnen wir Sieg dem Hektor,

365  Priamos' Sohn, daß er nehme die Schiff, und Ruhm sich gewinne?
Aber er wähnt zwar also, und frohlockt, weil noch Achilleus
Bei den geräumigen Schiffen verweilt mit zürnendem Herzen.
Dennoch vermissen wir sein nicht sonderlich, wenn nur wir andern
Mutiger angestrengt uns verteidigen untereinander!
370  Aber wohlan, wie ich rede das Wort, so gehorchet mir alle.
Jetzt die gewaltigsten Schild' und größesten unseres Heeres
Angelegt und die Häupter in weithinstrahlende Helme
Eingehüllt, in den Händen die mächtigsten Lanzen bewegend,
Wollen wir gehn, ich selber voran; und schwerlich besteht uns
375  Hektor, Priamos' Sohn, wie ungestüm er daherstrebt!
Ist wo ein streitbarer Mann, der mit kleinerem Schilde sich decket,
Reich' er dem schwächeren Krieger ihn dar, und nehme den größern!

Jener sprach's; da hörten sie aufmerksam, und gehorchten.
Ringsum ordneten diese die Könige selbst, auch verwundet,

380  Tydeus' Sohn, und Odysseus, und Atreus' Sohn Agamemnon;
Gingen umher, und vertauschten die kriegrischen Waffen der Männer:
Starke bekam der Starke, dem Schwächeren gaben sie schwache.
Aber nachdem sie den Leib mit blendendem Erz sich umhüllet,
Drangen sie vor; sie führte der Erderschüttrer Poseidon,
385  Tragend ein Schwert, entsetzlich und lang, in der nervichten Rechte,
Gleich dem flammenden Blitz, dem niemand wagt zu begegnen
In der vertilgenden Schlacht; auch die Furcht schon hemmet die Krieger.

Trojas Söhn' auch stellte der strahlende Hektor in Ordnung.
Siehe mit schrecklicher Wut nun strengten den Kampf der Entscheidung

390  Der schwarzlockige Herrscher des Meers, und der strahlende Hektor,
Dieser dem Troervolk, und der den Danaern helfend.
Hoch aufwogte das Meer an der Danaer Schiff' und Gezelte
Brandend empor; und sie rannten mit lautem Geschrei aneinander.
Nicht so donnert die Woge mit Ungestüm an den Felsstrand,
395  Aufgestürmt aus dem Meer vom gewaltigen Hauche des Nordwinds;
Nicht so prasselt das Feuer heran mit sausenden Flammen
Durch ein gekrümmt Bergtal, wann den Forst zu verbrennen es auffuhr;
Nicht der Orkan durchbrauset die hochgewipfelten Eichen
So voll Wut, wann am meisten mit großem Getös' er dahertobt:
400  Als dort laut der Troer und Danaer Stimmen erschollen,
Da sie mit grausem Geschrei anwüteten gegeneinander.

Jetzo zielt' auf Ajas zuerst der strahlende Hektor,
Als er sich gegen ihn wandt', und nicht verfehlt' ihn die Lanze:
Dort wo ihm zween Riemen sich breiteten über den Busen,

405  Dieser vom Schild', und jener des silbergebuckelten Schwertes,
Traf er; doch beide beschirmten den Leib. Da zürnete Hektor,
Daß sein schnelles Geschoß umsonst aus der Hand ihm entflohn war;
Und in der Freunde Gedräng' entzog er sich, meidend das Schicksal.
Aber den Weichenden traf der Telamonier Ajas
410  Schnell mit dem Stein; denn viele, die räumigen Schiffe zu stützen,
Lagen gewälzt vor den Füßen der Kämpfenden: den nun erhebend,
Warf er über dem Schilde die Brust ihm, nahe dem Halse;
Jenen schwang, wie den Kräusel, der Wurf, und er taumelte ringsum;
So wie vor Zeus' hochschmetterndem Schlag hinstürzet die Eiche,
415  Wurzellos, und entsetzlich der Dampf des brennenden Schwefels
Ihr entsteigt; mutlos und betäubt steht, welcher es anschaut
Nahe dem Ort; denn furchtbar ist Zeus' des Allmächtigen Donner:
Also stürzt' in den Staub die Gewalt des göttlichen Hektor.
Schnell entsank die Lanze der Hand, es folgte der Schild nach,
420  Auch der Helm; ihn umklirrte das Erz der prangenden Rüstung.
Laut vor Freud' aufjauchzend bestürmten ihn Männer Achaias,
Hoffend ihn wegzuziehn, und schleuderten häufig Speere
Gegen ihn; dennoch traf den Völkerhirten nicht einer,
Weder mit Stoß noch Wurf, denn die Tapfersten nahten umwandelnd,
425  Held Äneias, Polydamas auch, und der edle Agenor,
Auch Sarpedon, der Lykier Fürst, und der treffliche Glaukos;
Auch der anderen keiner versäumt' ihn, sondern sie hielten
Wohlgeründete Schild' ihm zur Abwehr. Doch ihn erhebend
Trugen die Freund' auf den Armen aus Kriegsarbeit zu den Rossen,
430  Welche geflügeltes Hufs ihm hinter dem Kampf und Gefechte
Standen, gehemmt vom Lenker am kunstreich prangenden Wagen;
Diese trugen zur Stadt den schwer aufstöhnenden Krieger.

Als sie nunmehr an die Furt des schönhinwallenden Xanthos
Kamen, des wirbelnden Stroms, den Zeus der Unsterbliche zeugte;

435  Legten sie dort vom Geschirr zur Erd' ihn, sprengten dann Wasser
Über ihn her: bald atmet' er auf, und blickte gen Himmel;
Hingekniet dann saß er, und spie schwarzschäumendes Blut aus;
Aber zurück nun sank er zur Erd' hin, und es umhüllte
Finstere Nacht ihm die Augen; denn noch betäubte der Wurf ihn.

440 

Argos' Söhn', als jetzo sie Hektor sahen hinweggehn,
Drangen gestärkt in der Troer Gewühl, und entbrannten vor Streitlust.
Siehe zuerst traf Ajas, der rasche Sohn des Oileus,
Satnios, ungestüm mit spitziger Lanz' ihn ereilend,
Enops Sohn; ihn gebar dem rinderweidenden Enops

445  Eine schöne Najad' an Satniois grünenden Ufern:
Diesen traf anrennend der streitbare Sohn des Oileus
Durch die Weiche des Bauchs, daß er taumelte; und ihn umdrängten
Troer zugleich und Achaier, gemischt zu grauser Entscheidung.
Aber der Lanzenschwinger Polydamas kam ihm ein Rächer,
450  Panthoos Sohn, und schoß Prothoënor rechts in die Schulter,
Areïlykos' Sohn, daß hindurch der stürmende Wurfspieß
Fuhr; und er sank in den Staub, mit der Hand den Boden ergreifend.
Hoch frohlockte darob Polydamas, laut ausrufend:

Nicht ist jetzt, wie ich meine, dem mutigen Panthoiden

455  Aus der gewaltigen Hand umsonst entsprungen der Wurfspieß;
Sondern der Danaer einer empfing ihn im Leib'; und vermutlich
Wird er, gestützt auf den Stab, in Aïdes Wohnung hinabgehn!

Jener sprach's; und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier;
Aber dem Ajas schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis,

460  Ihm des Telamons Sohn, dem zunächst hinsank Prothoënor.
Schnell dem Weichenden nach entsandt' er die blinkende Lanze.
Zwar Polydamas selber vermied das schwarze Verhängnis,
Schnell zur Seite gewandt; doch Archilochos, Sohn des Antenor,
Fing es auf; ihn weihte der Götter Rat dem Verderben.
465  Diesem flog das Geschoß, wo Haupt und Nacken sich füget,
Oben am Wirbel hinein, und durchschnitt ihm beide die Sehnen;
Daß ihm eher das Haupt und Mund und Nas' auf die Erd' hin
Taumelten, ehe hinab die Knie' und Schenkel ihm sanken.
Laut rief Ajas nunmehr zu Panthoos trefflichem Sohne:

470 

Sinne, Polydamas, nach, und sage mir lautere Wahrheit!
War nicht dieser ein Mann, Prothoënors wegen zu fallen,
Würdig genug? Kein Niedrer erscheint er mir, oder von Niedern;
Sondern ein leiblicher Bruder des Rossezähmers Antenor,
Oder ein Sohn; ihm muß an Geschlecht er nahe verwandt sein.

475 

Sprach's, ihn wohl erkennend; doch Schmerz erfüllte die Troer.
Akamas stieß mit dem Speer itzt Promachos hin den Böoten,
Treu den Bruder umwandelnd, da er an den Füßen ihn wegzog.
Hoch frohlockte darob Held Akamas, laut ausrufend:

Argos' Volk, Pfeilkühne, der Drohungen ganz unersättlich!

480  Nicht wird wahrlich allein Mühseligkeit stets und Betrübnis
Uns zu teil; euch selber ist so zu fallen geordnet!
Schaut, wie Promachos euch, von meiner Lanze gebändigt,
Ruhig schläft; daß nicht des Bruders schuldige Rache
Lang' euch bleib' unbezahlt! So wünscht auch ein anderer Mann wohl
485  Einen Freund im Hause, des Streits Abwehrer, zu lassen!

Jener sprach's; und es schmerzte der jauchzende Ruf die Achaier.
Aber Peneleos schwoll sein mutiges Herz vor Betrübnis.
Wild auf Akamas sprang er; doch nicht zu bestehen vermochte
Jener des Königes Sturm; und Ilioneus streckt' er danieder,

490  Phorbas' Sohn, des herdebegüterten, welchen Hermeias
Hoch im Volk der Troer geliebt, und mit Habe gesegnet;
Doch ihm hatte sein Weib den Ilioneus einzig geboren:
Unter der Brau' ihm stach er die unterste Wurzel des Auges,
Daß ihm der Stern ausfloß, und der Speer durchs Auge gebohret,
495  Hinten den Schädel zerbrach; und er saß ausbreitend die Hände
Beide. Peneleos drauf, das geschliffene Schwert sich entreißend,
Schwang es gerad' auf den Nacken, und schmetterte nieder zur Erde
Samt dem Helme das Haupt; noch war die gewaltige Lanze
Ihm durchs Auge gebohrt; dann hub er es, ähnlich dem Mohnhaupt,
500  Zeigt' es dem Troervolk, und sprach mit jauchzender Stimme:

Meldet mir dies, ihr Troer, Ilioneus' Vater und Mutter,
Daß sie den glänzenden Sohn daheim im Palaste betrauern!
Denn auch nicht des Promachos Weib, des Sohns Alegenors,
Heißt den trauten Gemahl willkommen hinfort, wann aus Troja

505  Heim wir kehren in Schiffen, wir blühenden Männer Achaias!

Jener sprach's; und rings nun faßte sie bleiches Entsetzen;
Jeglicher schaut' umher, zu entfliehn dem grausen Verderben.

Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend,
Wer der Achaier zuerst des Erschlagenen blutige Rüstung

510  Raubte, nachdem gewendet die Schlacht der gewaltige Meergott.

Ajas, Telamons Sohn, stieß erst den Hyrtios nieder,
Gyrtias' Sohn, den Ordner der trotzigen Myserscharen;
Drauf Antilochos nahm des Mermeros Wehr, und des Phalkes;
Aber Meriones warf den Hippotion nieder und Morys;

515  Teukros darauf entraffte den Prothoon und Periphetes;
Atreus' Sohn auch stach dem Hirten des Volks Hyperenor
Tief in die Weiche des Bauchs, und die Eingeweide durchdrang ihm
Schneidend das Erz; daß die Seel' aus der gaffenden Todeswunde
Schleunig entfloh, und die Augen ihm nächtliches Dunkel umhüllte.
520  Doch schlug Ajas die meisten, der rasche Sohn des Oileus;
Denn ihm gleich war keiner, im fliegenden Lauf zu verfolgen
Zitternder Männer Gewühl, sobald Zeus Schrecken erregte.
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