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Ilias

Homer: Ilias - Kapitel 33
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleIlias
sendergerd.bouillon
firstpub1793
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Sagt mir anitzt, ihr Musen, olympische Höhen bewohnend:
Welcher kam zuerst Agamemnons Händen entgegen,
220  Unter den Troern selbst, und den rühmlichen Bundesgenossen?

Erst Antenors Sohn Iphidamas, groß und gewaltig,
Aufgenährt in Thraka, der scholligen Mutter der Schafe.
Kisseus der Ahn' erzog ihn als Kind in seinem Palaste,
Welcher Theano gezeugt, Iphidamas' rosige Mutter.

225  Aber nachdem er das Ziel der rühmlichen Jugend erreichet,
Jetzo behielt ihn der Ahn', und gab ihm die blühende Tochter.
Neuvermählt dann folgt' er dem großen Ruf der Achaier
Aus dem Gemach, mit zwölf schönprangenden Schiffen des Meeres;
Ließ darauf in Perkope zurück die schwebenden Schiffe,
230  Aber zu Fuß hinwandelnd erreicht' er Ilios' Mauern.
Dieser begegnete jetzt des Atreus' Sohn' Agamemnon.
Als nunmehr sich genaht die Eilenden gegeneinander,
Jetzo verfehlt' Agamemnon, und seitwärts flog ihm die Lanze.
Aber Iphidamas stieß auf den Gurt ihm, unter dem Panzer,
235  Kraftvoll, drängte dann nach, der nervichten Rechte vertrauend.
Dennoch nicht durchbohrt' er den schöngetriebenen Gürtel;
Sondern vom Silber gehemmt, verbog wie Blei sich die Spitze.
Schleunig ergriff die Lanze der herrschende Held Agamemnon,
Zog sie heran, mit Gewalt, wie ein Berglöw', und aus der Hand ihm
240  Riß er sie; schwang in den Nacken das Schwert, und löst' ihm die Glieder.
Also sank er daselbst, und schlief den ehernen Schlummer,
Mitleidswert, von der Gattin getrennt, für die Seinigen kämpfend,
Ihr, die jugendlich nicht ihm belohnt die großen Geschenke:
Hundert Rinder schenkt' er zuerst, und gelobte dem Schwäher
245  Tausend Ziegen und Schaf' aus seinen unzähligen Herden.
Ihn entwaffnete jetzt des Atreus' Sohn Agamemnon,
Trug dann einher durch der Danaer Reihn die prangende Rüstung.

Aber da jetzt ihn Koon ersah, der gepriesenste Kämpfer,
Er Antenors älterer Sohn; da umhüllt' ihm die Augen

250  Überschwenglicher Gram um den hingesunkenen Bruder.
Seitwärts genaht mit dem Speer, und unbemerkt Agamemnon,
Stach er ihm in die Mitte des Arms, dicht unter der Beugung,
Daß ihm grade durchdrang die schimmernde Spitze der Erzes.
Schauer ergriff nun plötzlich den herrschenden Held Agamemnon;
255  Dennoch rastet' er nicht vom Kampf und Schlachtengetümmel,
Sondern er stürzt' auf Koon mit sturmgenähreter Lanze.
Jener zog den Iphidamas nun, den leiblichen Bruder,
Eifrig am Fuße gefaßt, und rief den Tapfersten allen.
Doch wie er zog im Gedränge, verwundet ihn unter dem Schilde
260  Jener mit erzgerüstetem Schaft, und löst' ihm die Glieder;
Hieb dann über dem Bruder das Haupt von der Schulter ihm nahend.
So vom Atreiden besiegt dem Könige, fanden Antenors
Beide Söhn' ihr Verhängnis, und sanken in Aïdes' Wohnung.

Aber jener durchflog noch andere Scharen der Männer,

265  Mordend mit Lanz' und Schwert und gewaltigen Steinen des Feldes,
Weil ihm das Blut noch warm aus offener Wund' hervordrang.
Aber sobald ihm stockte das Blut in erharschender Wunde,
Heftiger Schmerz nun faßte den Heldenmut Agamemnons.
Wie der Gebärerin Seele der Pfeil des Schmerzes durchdringet,
270  Herb und scharf, den gesandt hartringende Eileithyen,
Sie der Here Töchter, von bitteren Wehen begleitet:
Also faßte der Schmerz den Heldenmut Agamemnons.
Und er sprang in den Sessel, dem Wagenlenker gebietend,
Schnell zu den Schiffen zu kehren; denn unmutsvoll war das Herz ihm.
275  Laut nun scholl sein durchdringender Ruf in das Heer der Achaier:

Freunde, des Volks von Argos erhabene Fürsten und Pfleger,
Ihr nun hemmt zurück von den meerdurchwandelnden Schiffen
Diesen entsetzlichen Streit, da mir Zeus' waltende Vorsicht
Nicht gewährt, die Troer den ganzen Tag zu bekämpfen!

280 

Sprach's; da geißelte jener die schöngemähneten Rosse
Hin zu den räumigen Schiffen; und nicht unwillig entflohn sie.
Beide mit schäumender Brust, und besprengt von unten mit Staube,
Trugen sie fern aus der Schlacht den qualenduldenden König.

Aber wie Hektor ersah, daß Atreus' Sohn sich entfernte,

285  Rief er den Troern zugleich und Lykiern, laut ermahnend:

Troer und Lykier ihr, und Dardaner, Kämpfer der Nähe,
Seid nun Männer, o Freund', und gedenkt des stürmenden Mutes!
Fern ist der tapferste Mann, und mir gibt herrlichen Siegsruhm
Zeus der Kronid'! Auf, grade gelenkt die stampfenden Rosse

290  Gegen der Danaer Helden, daß höheren Ruhm ihr gewinnet!

Jener sprach's, und erregte zu Mut und Stärke die Männer.
Wie wenn oft ein Jäger die Schar weißzahniger Hunde
Reizt auf den grimmigen Eber des Waldtals, oder den Löwen:
So auf die Danaer reizte die edelmütigen Troer

295  Hektor, Priamos' Sohn, dem mordenden Ares vergleichbar.
Selbst voll trotzendes Muts durchwandelt' er vorn das Getümmel,
Stürzte sich dann in die Schlacht, wie ein hochherbrausender Sturmwind,
Der in gewaltigem Sturz die dunkelen Wogen empöret.

Welchen streckte zuerst, und welchen zuletzt in den Staub hin

300  Hektor, Priamos' Sohn, da ihm Zeus Ehre verliehen?
Erst Assäos den Held, Autonoos dann, und Opites,
Dolops, Klytios' Sohn, und Opheltios, auch Agelaos,
Oros, Äsymnos sodann, und Hipponoos, freudig zur Feldschlacht.
Diese Gebieter entrafft' er den Danaern, würgte dann weiter
305  Unter dem Volk: wie der West auseinander wirrt die Gewölke
Vom blaßschauernden Süd, mit dichtem Sturm sie verdrängend;
Häufig wälzt hochbrandend die Woge sich, aber empor spritzt
Weißer Schaum, vor dem Stoße der vielfach zuckenden Windsbraut:
So rings stürzten vor Hektor bezwungene Häupter des Volkes.
310  Jetzt wär' entschieden der Kampf, und unheilbare Taten vollendet,
Und in die Schiffe gedrängt das fliehende Heer der Achaier;
Hätte nicht den Tydeiden ermahnt der Dulder Odysseus:

Tydeus' Sohn, wie vergessen wir doch des stürmenden Mutes?
Auf, tritt näher, mein Freund, steh' neben mir! Schande ja wär es,

315  Wenn er die Schiff' einnähme, der helmumflatterte Hektor!

Ihm antwortete drauf der starke Held Diomedes:
Gerne beharr' ich allhier, und dulde noch; aber nur wenig
Fruchtet unsere Kraft; denn der Herrscher im Donnergewölk Zeus
Will die Troer mit Sieg verherrlichen, vor den Achaiern!

320 

Sprach's, und warf Thymbräos vom Wagen herab auf die Erde,
Links durchschmetternd die Brust mit dem Wurfspieß; aber Odysseus
Traf den edlen Molion, des Königes Wagengenossen.
Jene ließen sie dort ausruhn von der kriegrischen Arbeit,
Drangen hinein ins Getümmel, und wüteten: wie wenn die Eber

325  Unter die Hunde der Jagd hochtrotzendes Mutes sich stürzen:
Also durchtobten den Feind die Gewendeten; und die Achaier
Freuten sich aufzuatmen, gescheucht von dem göttlichen Hektor.

Jetzt war erhascht ein Geschirr; zween tapferste Männer des Volkes
Trug es, von Merops erzeugt dem Perkosier: welcher vor allen

330  Fernes Geschick wahrnahm, und nie den Söhnen verstattet,
Einzugehn in den Krieg, den verderblichen; aber sie hörten
Nicht sein Wort, denn sie führte des dunkelen Todes Verhängnis.
Diesen kann der Tydeide, der Schwinger des Speers Diomedes,
Raubete Geist und Leben, und trug die prangende Rüstung.
335  Doch des Hippodamas' Wehr und Hypeirochos nahm sich Odysseus.

Nun ließ schweben die Schlacht im Gleichgewichte Kronion,
Schauend von Idas Höhn; und sie würgten sich untereinander.
Siehe den Päoniden Agastrophos traf Diomedes
Stoßend mit eherner Lanz' am Hüftbein; denn sein Gespann war

340  Nicht ihm nah zu entfliehn; so groß war des Geistes Betörung!
Abwärts hielt der Genoß den Wagen ihm; aber er selber
Tobte zu Fuß durch das Vordergewühl, bis sein Leben dahin war.

Doch wie sie Hektor ersah durch die Ordnungen, stürmt' er auf jene
Her mit Geschrei; ihm folgten zugleich Heerscharen der Troer.

345  Ihn erblickt' aufschauend der Rufer im Streit Diomedes,
Wandte sich schnell, und begann zu Odysseus, der ihm genaht war:

Schau, dort wälzt das Verderben sich her, der gewaltige Hektor!
Aber wohlan, wir bleiben, und widerstehn unerschüttert!

Sprach's, und im Schwung' entsandt' er die weithinschattende Lanze,

350  Traf, und verfehlete nicht, auf das Haupt dem Kommenden zielend,
Oben die Kuppel des Helms; doch prallte das Erz von dem Erze,
Eh' es die schöne Haut ihm berührt; denn es wehrte der Helm ab,
Dreifach, länglich gespitzt, ihm geschenkt von Phöbos Apollon.
Hektor flog unermeßlich zurück, in die Scharen sich mischend;
355  Und er entsank hinkineend, und stemmte die nervichte Rechte
Gegen die Erd'; und die Augen umzog die finstere Nacht ihm.
Aber indes der Tydeide den Schwung der Lanze verfolgte,
Fern durch das Vordergewühl, wo sie nieder ihm schoß in den Boden;
Kehrete Hektors Geist, und schnell in den Sessel sich schwingend,
360  Jagt' er hinweg ins Gedräng', und vermied das schwarze Verhängnis.
Doch mit dem Speer nachstürmend, begann der Held Diomedes:

Wieder entrannst du dem Tode, du Hund! Schon nahte Verderben
Über dein Haupt; allein dich errettete Phöbos Apollon,
Den du gewiß anflehst, ins Geklirr der Geschosse dich wagend!

365  Doch bald mein' ich mit dir zu endigen, künftig begegnend,
Würdiget anders auch mich ein unsterblicher Gott zu begleiten!
Jetzo eil' ich umher zu den übrigen, wen ich erhasche!

Sprach's, und Päons Sohne, dem Tapferen, raubt' er die Rüstung.
Aber der Held Alexandros, der lockigen Helena Gatte,

370  Richtet' auf Tydeus' Sohn das Geschoß, den Hirten der Völker,
Hinter die Säule geschmiegt, auf dem männerbereiteten Grabmal
Ilos des Dardaniden, des vormals waltenden Greises.
Jener entriß dem starken Agastrophos eilend des Panzers
Künstlichen Schmuck von der Brust, und den mächtigen Schild von den Schultern
375  Samt dem gewichtigen Helm. Da zog er den Bügel des Hornes,
Schoß und traf, leicht umsonst den Pfeil von der Nerve versendend,
Unten den rechten Fuß; und das Erz, durch die Sohle gedrungen,
Bohrt' in den Boden hinein. Doch er mit behaglicher Lache
Sprang aus dem Hinterhalt, und rief lautjauchzend die Worte:

380 

Ha das traf! nicht umsonst mir entflog das Geschoß! O wie gerne
Hätt' ich die Weiche des Bauchs dir durchbohrt, und das Leben entrissen!
Dann vermochten die Troer nun aufzuatmen von Drangsal,
Welche du wild hinscheuchst, wie ein Leu die meckernden Ziegen!

Drauf begann unerschrocken der starke Held Diomedes:

385  Lästerer, Bogenschütz, Pfeilprangender, Mädchenbeäugler!
Wenn du mit offner Gewalt in Rüstungen wider mich kämest,
Wenig frommte dir wohl dein Geschoß und die häufigen Pfeile.
Jetzt da du leicht den Fuß mir ritzetest, prahlest du eitel.
Nichts gilt mir's! als träf' ein Mädchen mich, oder ein Knäblein!
390  Kraftlos spielt das Geschoß des nichtsgeachteten Weichlings!
Traun wohl anders von mir, und ob nur ein wenig es fasse,
Dringt ein scharfes Geschoß, und sofort zu den Toten gesellt es!
Seiner Vermählten daheim sind umher zerrissen die Wangen,
Und die Kinder verwaist; mit Blut die Erde befleckend
395  Modert er; und des Gevögels umschwärmt ihn mehr, denn der Weiber!

Jener sprach's; doch Odysseus der Lanzenschwinger sich nahend
Trat vor ihn; nun saß er geschirmt, und zog sich den schnellen
Pfeil aus dem Fuß; und der Schmerz durchdrang ihm heftig die Glieder.
Und er sprang in den Sessel, dem Wagenlenker gebietend,

400  Schnell zu den Schiffen zu kehren; denn unmutsvoll war das Herz ihm.

Einsam war nun Odysseus der Lanzenschwinger, und niemand
Harrt' um ihn der Achaier, denn Furcht verscheuchte sie alle.
Tief erseufzt' er und sprach zu seiner erhabenen Seele:

Wehe, was soll mir geschehn! O Schande doch, wenn ich entflöhe,

405  Fort durch Menge geschreckt! Doch entsetzlicher, wenn sie mich fingen,
Einsam hier; denn die andern der Danaer scheuchte Kronion!
Aber warum bewegte das Herz mir solche Gedanken?
Weiß ich ja doch, daß Feige von dannen gehn aus dem Kampfe!
Doch wer edel erscheint in der Feldschlacht, diesem gebührt es,
410  Tapfer den Feind zu bestehn, er treffe nun, oder man treff' ihn!
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