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Ilias

Homer: Ilias - Kapitel 30
Quellenangabe
typeepos
authorHomer
translatorJohann Heinrich Voß
year1990
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3 458 32904 8
titleIlias
sendergerd.bouillon
firstpub1793
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Jener sprach's; und den Graben durcheilet er; aber ihm folgten
195  Argos' Könige nach, so viel zum Rat sich versammelt.
Auch Meriones folgt', und Nestors edler Erzeugter,
Ihnen zugleich; denn sie selber beriefen sie mit zur Beratung.
Jetzt nachdem sie den Graben durchwandelten, setzten sich alle,
Wo noch rein das Gefild' aus umliegenden Leichen hervorschien;
200  Dort wo der stürmende Hektor sich wendete von der Argeier
Blutigem Mord', als schon die finstere Nacht sie umhüllte:
Dort nun setzten sich jen', und redeten untereinander.
Also begann das Gespräch der gerenische reisige Nestor:

Freund', o möcht nicht jetzt ein Mann vertrauen der Kühnheit

205  Seines entschlossenen Muts, zu den edelmütigen Troern
Hinzugehn? ob er einen der äußersten etwa erhaschte,
Oder vielleicht ein Gespräch der feindlichen Männer behorchte,
Was sie jetzo im Rat abredeten: ob sie gedenken,
Fern allhier zu bleiben von Ilios, oder zur Stadt nun
210  Heim von den Schiffen zu kehren, nachdem sie besiegt die Achaier.
Dieses erforscht' er alles vielleicht, und kehrte zu uns dann
Unverletzt; groß wäre der Ruhm ihm unter dem Himmel
Rings in der Menschen Geschlecht, auch lohnten ihm edle Geschenke.
Denn so viel den Schiffen umher gebieten der Herrscher,
215  Deren sollt' ein jeder ein schwarzes Schaf ihm verehren,
Samt dem saugenden Lamm; kein Eigentum wär' ihm vergleichbar;
Auch zu jeglichem Fest und Gastmahl würd' er geladen.

Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Jetzo begann vor ihnen der Rufer im Streit Diomedes:

220 

Nestor, mich reizt mein Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit,
Einzugehn in das Heer der nahe gelagerten Troer.
Doch wenn ein anderer Mann zugleich mir folgte; dann wäre
Mehr der Zuversicht, und des unerschrockenen Mutes.
Wo zween wandeln zugleich, da bemerkt der ein' und der andre

225  Schneller, was heilsam sei; doch der einzelne, ob er bemerket,
Ist doch langsamer stets sein Sinn, und schwach die Entschließung.

Jener sprach's; und viel' erboten sich schnell dem Tydeiden:
Willig waren die Ajas zugleich, die Genossen des Ares;
Willig Meriones auch, sehr willig der Sohn des Nestor,

230  Willig der Atreione, der Schwinger des Speers Menelaos;
Willig war auch Odysseus, der Duldende, unter die Troer
Einzugehn; denn er trug ein wagendes Herz in dem Busen.
Jetzo begann vor ihnen der Völkerfürst Agamemnon:

Tydeus' Sohn Diomedes, du meiner Seele Geliebter,

235  Selbst nunmehr zum Genossen erwähle dir, welchen du wünschest,
Aller umher den besten, dieweil so viele bereit sind.
Doch nicht täusche das Herz die Ehrfurcht, daß du den bessern
Übergehst, und den schlechtern aus blöder Scheu dir gesellest,
Schauend auf edleren Stamm, und wer erhabner an Macht sei.

240 

Jener sprach's; denn er sorgt' um den bräunlichen Held Menelaos.
Jetzo begann von neuem der Rufer im Streit Diomedes:

Wenn ihr nun den Genossen mir selbst zu wählen gebietet,
Wie vergäße doch ich des göttergleichen Odysseus?
Dem so entschlossen der Mut und das Herz voll freudiger Kühnheit

245  Ragt in jeder Gefahr; denn es liebt ihn Pallas Athene.
Wenn mich dieser begleitet, sogar aus flammendem Feuer
Kehrten wir beide zurück; weil keiner ihm gleicht an Erfindung.

Ihm antwortete drauf der herrliche Dulder Odysseus:
Tydeus' Sohn, nicht darfst du so sehr mich rühmen, noch tadeln;

250  Denn vor kundigen Männern von Argos redest du solches.
Gehen wir denn! schnell eilet die Nacht, und nah ist der Morgen.
Weit schon rückten die Stern', und das Meiste der Nacht ist vergangen.
Um zwo Teile bereits; nur der dritte Teil ist noch übrig.

Dieses gesagt, verhüllten sich beid' in schreckliche Rüstung.

255  Tydeus' Sohne nun gab der streitbare Held Thrasymedes
Sein zweischneidiges Schwert; denn das eigene blieb bei den Schiffen;
Auch den Schild; und bedeckt' ihm das Haupt mit dem Helme von Stierhaut
Sonder Kegel und Busch, der auch Sturmhaube genannt wird,
Und ohn' Erz die Scheitel der blühenden Jünglinge schirmet.
260  Aber Meriones gab dem Odysseus Bogen und Köcher,
Samt dem Schwert; und bedeckte des Königes Haupt mit dem Helme,
Auch aus Leder geformt: inwendig mit häufigen Riemen
Wölbt' er sich, straff durchspannt; und auswärts schienen die Hauer
Vom weißzahnigen Schwein, und starreten hiehin und dorthin,
265  Schön und künstlich gereiht; und ein Filz war drinnen befestigt.
Einst aus Eleon hatt' Autolykos diesen erbeutet,
Stürmend den festen Palast des Hormeniden Amyntor;
Jener gab dem Kytherer Amphidamas ihn gen Skandeia;
Aber Amphidamas gab zum Gastgeschenk ihn dem Molos;
270  Dieser gab ihn Meriones drauf dem Sohne zu tragen;
Und nun barg er umher Odysseus' Haupt zur Beschützung.

Jetzo nachdem sich beid' in schreckliche Rüstung gehüllet,
Eilten sie hin, und verließen die edelen Helden Achaias.
Ihnen naht' ein Reiher, gesandt von Pallas Athene,

275  Rechtsher fliegend am Weg'; ihn sahen sie nicht mit den Augen
Durch die finstere Nacht, nur ward sein Tönen gehöret.
Freudig vernahm Odysseus den Flug, und rief zu Athene:

Höre mich, Tochter Zeus' des Donnerers, die du beständig
Mich in allen Gefahren verteidigest, und, wo ich hingeh',

280  Meiner gedenkst; auch jetzo gewähre mir Lieb', o Athene!
Laß uns wohl zu den Schiffen und ruhmvoll wieder gelangen,
Täter erhabener Tat, die Kummer schaffe den Troern!

Ihm zunächst auch flehte der Rufer im Streit Diomedes:
Höre du jetzt auch mich, o Zeus' unbezwungene Tochter!

285  Folge mir, wie du dem Vater gefolgt, dem göttlichen Tydeus,
Als er gen Thebe ging, ein Gesendeter von den Achaiern.
Jen' am Asopos verlassend, die erzumschirmten Achaier,
Bracht' er freundliche Worte den kriegrischen Kadmeionen
Dorthin; doch umkehrend vollendet' er schreckliche Taten,
290  Mit dir, heilige Göttin, da ihm willfährig du beistandst.
So nun wollest du mir auch beistehn und mich behüten!
Dir gelob' ich ein jähriges Rind, breitstirnig und fehllos,
Ungezähmt, das nimmer ein Mann zum Joche gebändigt:
Dieses gelob' ich zum Opfer, mit Gold die Hörner umziehend.

295 

Also flehten sie dort; sie hörete Pallas Athene.
Drauf nachdem sie gefleht zu Zeus' des Allmächtigen Tochter;
Gingen sie schnell, zween Löwen an Mut, im nächtlichen Dunkel,
Hin durch Mord, durch Leichen, durch Rüstungen hin, und Schlachtblut

Auch nicht ließ dort Hektor die edelmütigen Troer

300  Ausruhn, sondern berief die Edelsten nun zur Versammlung,
Alle des troischen Volks erhabene Fürsten und Pfleger.
Als sich jene gesetzt, entwarf er die weise Beratung:

Wer doch möchte die Tat mir übernehmend gewähren,
Um ein großes Geschenk, das ihm zum Lohne genug sei?

305  Einen Wagen ihm geb' ich, und zween hochwiehernde Rosse,
Welche die edelsten sein bei den rüstigen Schiffen Achaias:
Wer auch immer es wagt, und selbst den Ruhm sich erstrebet,
Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer, und zu erforschen:
Ob sie stets noch bewachen die rüstigen Schiffe, wie vormals;
310  Oder ob sie vielleicht, von unseren Händen bezähmet,
Schon die Flucht miteinander beschleunigen, und sich enthalten,
Nächtliche Hut zu versehn, entnervt von der schrecklichen Arbeit.

Jener sprach's; doch alle verstummten umher, und schwiegen.
Aber im troischen Volk war Dolon, Sohn des Eumedes,

315  Eines göttlichen Herolds, an Golde reich und an Erze;
Zwar ein häßlicher Mann von Gestalt, doch ein hurtiger Läufer,
Und der einzige Sohn mit fünf aufwachsenden Schwestern.
Dieser begann hintretend im Rat der Troer zu Hektor:

Hektor, mich reizt mein Mut, und das Herz voll freudiger Kühnheit,

320  Hinzugehn zu den Schiffen der Danaer, und zu erforschen.
Aber wohlan, den Scepter erhebe mir, heilig beschwörend,
Daß du jenes Gespann, und den erzumschimmerten Wagen,
Schenken mir willst, das ihn trägt, den untadligen Peleionen.
Nicht umsonst auch werd' ich dir spähn, noch gegen Erwartung.
325  Denn so weit ihr Lager durchwander' ich, bis ich erreiche
Selbst Agamemnons Schiff, wo vielleicht sein werden die Fürsten,
Heilsamen Rat zu raten, der Heimkehr, oder des Kampfes.

Jener sprach's; doch Hektor erhub den Scepter, und schwur ihm:
Höre den Schwur Zeus selber, der donnernde Gatte der Here!

330  Nie soll jenes Gespann ein anderer lenken der Troer;
Sondern dir verheiß' ich daherzuprangen beständig!

Also der Held, und beschwur Meineid, und reizete jenen.
Eilend hängt' er darauf das krumme Geschoß um die Schulter,
Hüllete dann sich umher ein graugezotteltes Wolfsfell,

335  Fügte den Otterhelm auf das Haupt, und faßte den Wurfspieß,
Eilete dann zu den Schiffen der Danaer. Aber ihm ward nicht
Wiederkehr von den Schiffen, um Hektorn Kunde zu bringen.
Als er nunmehr verlassen der Ross' und der Männer Getümmel,
Ging er den Weg mit Begier. Allein der edle Odysseus
340  Merkte des Nahenden Gang, und sprach zum Sohne des Tydeus:

Siehe doch, Diomedes, da kommt ein Mann aus dem Lager!
Will er vielleicht auskundend zu unseren Schiffen herannahn,
Oder einen berauben der Leichname hier auf dem Schlachtfeld?
Aber wir lassen ihn erst vorübergehn im Gefilde

345  Wenig; und dann verfolgen wir ihn, und erhaschen den Flüchtling
Eilendes Laufs. Doch wenn er zuvor uns rennt mit den Füßen;
Immer dann zu den Schiffen vom Lager hinweg ihn gescheuchet,
Mit anstürmendem Speer, daß nicht zur Stadt er entrinne.

Also besprachen sich beid', und bargen sich außer dem Wege,

350  Unter den Toten geschmiegt; und vorbei lief jener bedachtlos.
Als er so weit sich entfernt, wie ein Joch Maultier' an des Ackers
Ende gewinnt; denn sie gehn vor langsam folgenden Stieren,
Mutig die Brach' entlang mit starkem Pflug zu durchfurchen:
Schnell nun liefen sie nach; und er stand, das Getöse vernehmend;
355  Denn er vermutet' im Geist, zurück berufende Freunde
Kämen aus Trojas Volk, ihm nachgesendet von Hektor.
Aber so weit nur entfernt, wie ein Speerwurf, oder noch minder,
Kannt' er die Männer als Feind'; und die hurtigen Kniee bewegend,
Floh er dahin; doch jene verfolgeten angestrenget.
360  Wie wenn zween scharfzahnige Hund', erfahren der Wildjagd,
Dringender Eil' hintreiben ein Hirschkalb oder den Hasen,
Durch dickwaldige Räum', und voran der Quäkende rennet:
Also trieb der Tydeid' und der Städteverwüster Odysseus
Jenen in dringender Eil', hinweg von dem Lager ihn scheuchend.
365  Aber nachdem schon nahe der Danaer Hut er gekommen,
Fliehend hinab zu den Schiffen; mit Zorn nun erfüllt' Athenäa
Tydeus' Sohn, daß keiner der erzumschirmten Achaier
Früheres Wurfs sich rühmt', und er selbst der zweite nur käme;
Drohend erhub er die Lanz', und rief, der Held Diomedes:

370 

Steh da, oder ich werfe die Lanze dir! Schwerlich noch wirst du
Lange dem schrecklichen Tod' aus meinen Händen entfliehen!

Sprach's, und im Schwung' entsandt' er den Speer, und fehlte mit Vorsatz;
Rechtshin über die Schulter ihm flog des geglätteten Speeres
Erz in den Boden hinein: und er stand nun, starr vor Schrecken,

375  Bebend das Kinn, und es klappten ihm laut in dem Mund die Zähne,
Blaß sein Gesicht vor Angst. Jetzt nahten sie keuchend, und hielten
Beid' an den Händen ihn fest; doch er mit Tränen begann so:

Faht mich; dann erkauf' ich mich frei. Mir lieget daheim ja
Erz und Goldes genug, und schöngeschmiedetes Eisen.

380  Hievon reicht mein Vater dir gern unendliche Lösung,
Wenn er mich noch lebend vernimmt bei den Schiffen Achaias.

Ihm antwortete drauf der erfindungsreiche Odysseus:
Sei getrost; kein Todesgedank' umschwebe das Herz dir!
Aber sage mir jetzt, und verkündige lautere Wahrheit.

385  Warum gehst du allein vom Lager hinab zu den Schiffen,
Jetzt in der finsteren Nacht, da andere Sterbliche schlafen?
Willst du einen berauben der Leichname hier auf dem Schlachtfeld?
Oder sandte dich Hektor, daß wohl bei den Schiffen du alles
Spähetest? Oder bewog dein eigenes Herz dich zu gehen?
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