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Il Pantegan

Victor Hadwiger: Il Pantegan - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleIl Pantegan / Abraham Abt
authorVictor Hadwiger
year1984
firstpub1919
publisheredition text + kritik
addressMünchen
isbn3-8377-162-4
titleIl Pantegan
pages71
created20140905
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Glaubst Du, Ernesto, daß es einen einzigen Menschen gibt, der mich auslachen darf? – Heb' doch den Kopf und hör zu. Schweinsäugel nicht in die Funzeln hinein. Zwei Minuten noch, und Du mußt ein Stamperl Blut austrinken. Das gibts nur für einen fröhlichen Kopf. Avanti, Ernesto mio!«

Der Angerufene glotzte in irgendeine der Tranlampen an der Ecke eines Durchhauses bis ihm die Augen zu tränen begannen. Seine Blicke verschleierten sich wie die eines liebeslüsternen Hundes. Da fühlte er das Nasse auf seinen Wangen, und glaubte sich einem Gefühl gegenüber. Die Schwäche der verwirrten Sinne nahm ihn ganz in Besitz, und er schluchzte: »Ich muß sterben, leg mich hin, gib mir noch ein Schlückel und dreh mich um, und dann ist es aus.«

Pantegan lugte ins Dunkel und beobachtete die Straße in seinem Rücken. Dann stemmte er seine Fußspitze an den Eckstein unter der Laterne. Ein flinkes Wippen der Finger, und die Dunkelheit beschützte ihn. »Ernesto, halte Deine Faust 25 fest! – Ich weiß, die haben alle ihre Fräuleins, und ich kenn' eine drunter, die hat mich das Pfeifen gelehrt, genau den Pfiff kann sie, pfeift wie ein Dampfschiff.« Er stieß einen schneidenden schrillen Pfiff aus.

»Da lachen sie schon, ich hör ihn schon lachen, den Gewissen. Hör wie sie mich lieblich anlachen. Steh jetzt, Ernestino, steh doch, sing Dein Liedel! Wein ihnen das Lachen aus dem Bauch! Mein Gott, kannst Du denn nicht so lang stehn bleiben, bis sie Dich umstoßen? Ich muß Dir doch helfen dürfen. Da schau her, das ist eins.«

Er zog ein spanisches Messer aus der Tasche. »Laß nur, laß nur, ich helf Dir schon. Wer sich so in der Notwehr befindet, der muß einfach stechen. Und es ist doch gut, daß ich mir einen von den Sechsen aussuch. Sing doch, sing doch!« Er stieß den Betrunkenen vorwärts, und der hieb mit Händen und Füßen um sich. Wie ein taumelnder Gladiator rannte er in einen Knäuel gröhlender Leute hinein, während Pantegan sich in die Schatten duckte.

»Hast Du Deine Tanzratte vergessen?« Pitsch! Lang wie ein Affenarm schnellte etwas gegen das Gesicht Ernestos. Eine schmale Strieme zeichnete Stirn und Backen. Die Hände des Getroffenen schnellten empor, als wollte er rücklings taumeln. Aber es war nur die Bewegung des Erwachens, dieser Ruck nach oben, ein Augenblick der wiederkehrenden Kraft des Hasses, die im Letzten keine Erschöpfung kennt. Wie Enterbrücken schlugen sich die langen Nägel in die Haut zwischen den dicken Haarbüscheln des Artisten, und Blut rieselte über die Schläfen des vorwitzigen Diebes. Ein Augenblick des Kampfes, Mann gegen Mann. – Aber da stand er schon, Pantegan der Vermittler. Nur ein paar Worte rechts und links, und dazwischen ab und zu eine Mahnung zur Vernünftigkeit: »Laßt sie, die haben was miteinander.«

Da gingen die andern Fünf, als müßte es so sein, weil eben ein Vernünftiger das Wort nimmt.

»Sei jetzt wieder friedlich, Ernesto,« und sein feines Messer glitt zwischen die beiden ringenden Körper irgendwo hin. 26 Beide torkelten über das Pflaster. Unten lag der Betrunkene, über ihm grinste das verzerrte Gesicht des Possenreißers.

»Steh auf, Ernesto, wir gehen zur Wopitza, daß Du Dein Stamperl kriegst. Du hast ihn ja schön auf die Schläfen geschlagen. In der Notwehr ist man immer ein ganzer Kerl. Kannst Du noch gehn? – – – Der schluckt uns nichts mehr weg. Komm, wir wollen ihn zur Wopitza führen, Arm in Arm, Du besoffener Samariter. Avanti!« Sie hoben den Sterbenden auf, und schleppten ihn durch den dunkeln Gang, einen Rekrutenmarsch pfeifend. Ihre Schritte klapperten im Exerziertakt über die Zementplatten.

Nur der Mund des Gemordeten schien noch einen blutigen Witz sprechen zu wollen. Seine Herzwunde blutete nach innen. Aber Pantegan stopfte die letzte Schwatzhaftigkeit mit seinem Tuch.

»Wir wollen uns ein Stamperl Schnaps ins Gewissen gießen im ›Violetten Affen‹, Herr Mario di Rigardo! Wir haben doch die Ehre?« näselte Pantegan. »Und dann singen wir ein Kirchenlied dazu. Auf, Ernestino, altes Husarenherz, laß ihn nicht fallen, er ist so zerbrechlich und nachdenklich. Die ganze Affäre zerbricht sich ihm, wenn Du ihn jetzt ausrutschen läßt.«

Sie schleppten den Halbtoten in einen schmutzigen, einsamen Raum hinten im »Violetten Affen«. Die Alte an der Türe bettelte ihren Sechser und kicherte verlegen, denn sie hatte Marios weitaufgerissene Augen im Halbdunkel gesehen. Dann warfen sie ihn auf ein Sopha, und bestellten Schwarzen für Drei. »Der ist für den Aloysius, der dritte,« flüsterte Pantegan, und schielte zu einem alten Bild im Goldrahmen über dem Sofa. »Schau ihn, er winkt schon mit der Lilie.« Dann klingelte er. Madame kam und ging schmunzelnd wieder. Sie hatte den Mokka gebracht, und die Gläser für den Brandy zurechtgestellt.

»Ernesto, sing nicht, sonst wacht er uns wieder auf,« kicherte Pantegan verwirrt, und Ernestos schnurrende Laute wurden dumpfer und leiser. »Sei still, Ernestino, sei ganz still, es kommt gleich, unser Pröstchen.« Und eine von Pantegans 27 großen Händen legte sich quer über Mund und Nase des Sterbenden. Man hörte kaum noch einige schwache, gurgelnde Atemzüge.

Madame kam wieder, nachzusehen, und man trank mit ihr ein Valeti. Aber Madame lächelte sehr deutlich und sehr ungläubig, und dann wollte Madame auch nicht stören. »Gute Nacht meine Herren, Carissimi.«

Da scheint sich das Leben noch einmal aufzubäumen in der Brust des Gemordeten. Er atmet ganz tief.

»Ernesto, hör mal.« Er wühlte in den Taschen des schäbigen Artistenfracks und zog einen kleinen, in fettige Zeitungsblätter gewickelten Gegenstand hervor. »Pfui, es hat einen Fleck!« Und er warf das Päckchen auf den Tisch. Dann schob er das Hemd des Toten zurück, um die Wunde zu sehen. Sie hatte sich weit geöffnet, wie zwei anklagende Lippen klafften die Ränder. Immer mehr Blut trat jetzt aus.

Und Pantegan muß sich rasch in ein Lachen flüchten. Einen Augenblick war er blaß geworden, seine Hand glitt aus, und ein großer roter Tropfen saß auf der grauen Haut seines Ringfingers, rund wie ein großer Granat. Aber dann gewann er sich wieder und sammelte alle Sinne in einer grausamen Lustigkeit. Er nahm eines der Gläschen und hielt es unter die Lippen der Wunde. Mit jenem Lachen, das alle zahm hielt, stellte er es blutgefüllt vor Ernesto hin. »Da trink, mein Hündchen, so ein witziger Schnaps ist süß und reinigt die Kehle. Auf gute Nacht! Prost, rotes Pröstchen!«

Ernestos Stirne lag auf dem Tischrande wie die eines plötzlich verwirrten Beichtkindes über dem Pult der Kirchenbank.

»Ich muß sterben, ich muß sterben, Pröstchen, Pröstchen,« winselte er halblaut zwischen Weinen und Lachen. Pantegan aber nestelte eifrig an dem Gewande des Toten. Wieder kam Blut und Speichel aus dem Mund des Getöteten.

»Ich muß ihm den Schnurrbart abwischen, gib mir Deine Serviette, meine hat Flecken. Guck ihn nur, da sitzt er stramm wie ein Grenadier beim Dessert. Schnäpschen gefällig, di Rigardo? Guck ihn nur, er lacht. Beschissen lacht er, eklig zutraulich. 28 Aber steh jetzt auf, Ernesto, laß ihn den Schnaps allein austrinken. Wir gehen und stecken dem Prsteck sein Hösel durchs Hinterfenster. Morgen spielt der Prsteck die Komödie. Ich bin schon elend gut aufgelegt!«

Ernesto sprang auf, ein Dämon würgte ihn und zerrte ihn hinaus. Aber auch Pantegan war hülfreich und schob wacker hintendrein. So kamen sie durch den Gang an der grinsenden Alten vorbei. »Gute Nacht, Emerenzia, der Herr drin wird noch lange schlafen.« Und Pantegan drückte rasch ein Silberstück in die schmutzige Hand, die sich in Behagen krümmte. »Und morgen kann der Herr ein Klistier kriegen, Ehrenwort, muß einfach!« Die Alte wieherte laut, und wollte eben noch mit einem Mund voll Schmutz quittieren. Aber Pantegan war eilig, und schon standen sie unter dem dunkeln Bogen.

»Wo ist Dein Tuch, Ernesto?« Pantegan suchte in seinen Taschen. »Wo ist Deine Serviette, wo hab ich Deine Serviette gelassen? Weißt Du nicht, ich hab ihm doch den Schnurrbart gewischt.« Das Gesicht Pantegans veränderte sich, aber gleich hatte er wieder das gewisse Lächeln erhascht. »Seine Wenigkeit haben es vielleicht aufgefressen, armer Ernestino.« Ernestino starrte ihn an mit bettelnden Augen wie ein gestraftes Kind.

»Gute Nacht, mein Hundel, macht nichts, macht nichts, weißt ja, wir müssen alle sterben. – – –«

Und er schob ihn in irgend einen dunklen Flur durch eine der dunklen Türen, die immer offen stehen in den Gassen der dunklen Stadt.

*     *     *

Drüben an dem Flußufer, wo die Spielplätze der Menschen sind, geht man zur Feier Johannis des Beichtigers und Beschützers. Vor den Türen stehn jugendliche Birken, an allen Türen der Stadt, dort wo sie an den Hügelhängen hinaufklettert und freudiger ist als unten in der Taltiefe. Die Stadt ist in den Stunden, da die Sonne den Kindern in ihre kleinen Gesichter scheint, viel größer als sonst, und die krause, 29 widerspenstige Sprache dieses Landes ist auf den Kinderlippen flüssiger geworden. Nur ganz unten sind die Nächte vorwitzig, und es ist da als räkelte sich die Finsternis auch mitten im Sonnenschein und wolle nichts für das Licht hergeben und geize um jeden Winkel, der ihr abgerungen werden soll.

Von einem der Hügel schielt Pantegan hinunter auf die Stadt, die er so lange geliebt hat, auf alle die Dächer, unter denen es am dunkelsten ist, und wo man sich vor der Sonne fürchtet. Es blendet ihn das reinliche Frühlicht. Wie zusammengeworfene Felsenstücke lungern die grauen Häuserblöcke seines Reviers, zwischen denen er schweigsame Mörder gezüchtet hat. Noch tiefer ist das alles von so weit gesehen, noch unterirdischer.

Und er ging weiter hinüber, noch immer im Taumel der letzten Handlungen und Verwirrungen. Seine Finger machten noch immer jene klammernde Bewegung, mit der er dem Betrunkenen das Gläschen voll Blut hingestellt hatte. – Jener Zauber wollte ihn nicht loslassen, mit dem er alle die letzten Jahre und ihre Menschen an sich gebunden hatte. – Die Türen der dunkeln Stadt rissen sich wieder auf vor seinen inneren Augen, und die dumpfen Parfums der Gemächer betäubten die Sinne des Zweiflers, während sein lichtentwöhnter Leib unter den Strahlen eines unberührten Morgens dahinglitt.

Schon sah er unten das kleine weiße Stationshäuschen, von dem aus das Gerinnsel der Großstadt einen Abfluß hatte nach den fruchtbaren Feldern und reichen Dörfern des breiten Westens. Das war Pantegan, klug und stark, auch wenn es hieß zu gehen, wie jene Tiere war er, die Julia pflegte, die einen dunkeln Fleck mit dem andern vertauschten, jene Nager mit einer glatten, gleitenden Behendigkeit. Aber ohne die wehmütige Anhänglichkeit an den, der füttert, ein schleichender grausamer Verächter war er, den Keiner fing, weil er alle Fallen verachtete.

Nur sie allein waren ihm nachgegangen in den Jahren einer dunkeln Geschichte, die vielen Seelen, die er wie in dichten, schmierigen Säcken hinter sich herschleifte. Und sie waren so treu, kaum daß sich mehr ein Verräter gegen ihn gewagt hätte. 30 Immer lachte das Tier in ihm, das unwiderstehliche Tier, auch jetzt, als er über das Trittbrett des Waggons sprang. Drei oder vier rote Tücher winkten einen Abschied, der kleine kümmerliche Motor pfiff und der große Pantegan streute das bißchen Erlebnis von gestern, das bißchen plötzliche Angst ins Gras.

»Komm, wenn ich Dich rufe, Du mußt dann gleich kommen. Du weißt, daß das Leben sehr kurz ist, wenn man es nicht mit allen Mitteln lebt.« Er gedachte jetzt dieser wenigen Worte, der einzigen, die er in seiner dumpfigen Höhle zurückgelassen hatte. Sie waren an Julia und standen auf einem weißen Tuch mit einer leicht verlöschbaren Schrift geschrieben.

So fuhr er gegen Westen und suchte sich eine andere Krone, oder irgend etwas, ein Haus, einen Baum oder ein Weib, oder vielleicht ein paar neue Gedanken des Lebens, weil ihn diese ersten Kapitel sterben lassen wollten.

»Du weißt, daß das Leben sehr kurz ist, wenn man es nicht mit allen Mitteln lebt.«

*     *     *

Benjamin, das graue Schwein, der Pflegling der Emerentia, grunzte selbstherrlich wie der heilige Apis, warf die faulen Salatblätter voll heiligen Übermutes über die Borde des Trogs und lächelte gutmütig ins Halbdunkel hinüber. Die warme, modrige Luft der letzten Nacht bewegte sich durch die Hofzimmer und wehte leise bis an die Nerven Benjamins. Das Schwein hob den Rüssel und stieß einen hohen quiekenden Ton aus, der fast leidend klang, in seiner noch immer unerfüllt gebliebenen Begierde. Und doch wollte Emerentia nicht kommen. Wenn je ein Schwein die Zeitempfindung gehabt hat und seiner Umgebung den Sinn für die Bedürfnisse der Existenz eingeprägt hat, so hieß es Benjamin. Er war der lebendige Eimer des Lasters, und der Genuß der Abfälle des Lasterhaften hatte ihn über das Maß gewaltig gemacht, ihm eine Art der Persönlichkeit gegeben. Er war geradezu ein Theologe des Lasters geworden. Die Spötter, die nach dem Licht, nach der 31 Sonne verlangen, kannte dieses Schwein nicht, denn es lebte in einer eigenen einsamen Wissenschaft. Nie hat es einen Stern gesehen, nie auch ein anderer den Stern Benjamins.

Jahrzehnte waren vergangen, seit der »Violette Affe« anfing, gute Zinsen zu tragen. Erst hatte er bunte Glasfenster gehabt und rosige Rüschen hatten die wie mit der Brennschere gekräuselten, zierlich biedermeierlichen Vorhänge geschmückt. Aber längst war diese Zeit der allzulauten Äußerlichkeit vorbei. Man lebte zwar noch immer, man wurde violetter mit jedem Tag, aber stiller und unauffälliger mit jedem Jahr.

Benjamin schnupperte wie in der Bedrängnis des Liebesdurstes, und warf sich aufgeregt rechts und links. Jeder der ihn so sah, mußte in Benjamin eine besondere Seele vermuten, denn es war nicht allein Emerentia, die er liebend vermißte, die bedächtige nachdrückliche, die keine andere Liebe hatte wie eben Benjamin, es war ein Sinn für das Außerordentliche, der ihn schnuppern ließ. Aus der Ausdünstung der Nacht heraus witterte Benjamin das Bedeutsame. Und doch war er andrerseits wie die andern Einsamen, die oft für ein Widriges stumme Entsagung tauschen. Grunzend legte er den resignierenden Kopf ins Stroh, und nur sein langes Ohr wedelte nervös in der Atmosphäre des »Violetten Affen«. Einen Augenblick mochte da Benjamin wohl überlegen, warum eigentlich in diesem Hof Alles ein graues Ineinanderfließen wäre, warum nicht Fenster und plärrende Kinder in den Fenstern vom Leben zeugten, wie einst in seiner bräutlichen Jugendzeit. Warum immer diese Emerentia, mochte das Schwein sich fragen, mit ihrer triefenden Freundschaft, oder höchstens ein paar Leute, die einer Notdurft gerecht wurden. Aber das Bewußtsein ruhigen, junkerlichen Stolzes lenkte seine Gedanken rasch ab von den bewegten Bildern, es wedelte sie weg mit seinen breiten Ohren, wie Fliegen. – – – – –

Da endlich, die Geräusche – regelmäßige, bedachte Geräusche. Viele Füße strecken sich, Schritt vor Schritt wie im Takt eines unhörbaren Trauermarsches. Kaum daß die Zehen die 32 Bretter der Stufen berühren. Und doch, Benjamin hört und horcht.

Dann fällt ein großes Stück Fleisch, ein Klumpen mit langen Fortsätzen, die sich an den Enden wieder zerteilen, in die große Öffnung über ihm, durch die Benjamin nur selten ein kleines Stück Tag für Augenblicke genießen darf. Benjamin beschnüffelt das große Stück Fleisch und atmet asthmatisch bei einem Rundgang um die seltsame Masse. – Dann fraß er den Artisten.

*     *     *

Die so tief in den Tag hinein schlafen müssen, sind immer verwirrt und aufgescheucht, wenn ein Schicksal früh des Morgens anklopft. Oft haben sie nasse Wangen von der Betrübnis ihrer Nächte, und in ihrer Furcht erkennen sie, ein wie kleines Stück Tag ihnen da gereicht ist. Man findet sie an den Nachmittagen, an denen sie die Welt suchen, die ihnen vorenthalten wird, und erkennt sie an ihren Gebärden. Mitten unter den runden Bürgern weinen sie mit ihren starren Augen. Man möchte sie dann zu irgendeiner Liebe bekehren, aber man fürchtet sich vor ihren ausgekühlten Händen.

Julia war in Allem wie diese geworden. Nur selten stahl sie sich in den sonntäglichen Sommer und litt sichtlich an der Entwöhnung vom Sonnenlicht. Nur den Verdorbenen fühlte sie sich näher, und der Musik in den öffentlichen Parks, die ihre Sinne flüchtig entzündete, mit den Liebesliedern und den Schlachtmärschen, welche den Tod für das lärmende Dunkel zum Tausch bieten.

Es war ein Register stummer Geschehnisse, das Julias Leben bisher ausgefüllt hatte. Aus den dürren Zweifeln einer jungen Liebe hatte sie der Pantegan fortgejagt und zu sich hergetrieben, sie gelehrt, daß es Menschen gebe, die sehr stark und unwiderstehlich sein können, ohne zu schenken. Und sie hatte ihm das Alles zugesagt, ihm diese ganze große Furcht ihrer Seele hingelegt. Nur daß sie ihm ihren Körper nicht gegeben, bewahrte ihr die Kraft geharnischten Hasses.

33 Und darum liebte sie der Unbesiegte mit der Liebe jener, die ihre Welt fast ausgetrunken haben und alle Fragen ihrer Welt und alle Hindernisse, alle Höhen und Tiefen kennen, und alle Spaziergänge in der Ebene, die nur mehr eine einzige, unwegsame Klippe im Schicksal haben. – – – – – – – – – – – – – – – – – –

 

Julia ging hinüber zu ihm, – zu der Türe, die sie in der Gewohnheit der gemeinsamen Jahre täglich geöffnet und geschlossen hatte, wenn Pantegans erster Appetit seinen Schlaf ablöste. Ihre Finger waren dann noch vorsichtig, beinahe rücksichtsvoll, nur selten gleichgültig. Sie wartete gern, ja sie fürchtete sich in einer Art Wollust vor seinem Morgengruß. Ihr Wille erlöst zu werden, war in diesen Morgenstunden tot, nur in der späten Dämmerung erinnerte der Rausch der Knechtschaft an die Sehnsucht, Tagaugen zu haben, unter die vielen Fröhlichen zu fliehen, die drüben unter den Kastanien auf und ab gingen.

Und diesen Morgen hatte Julia mit noch ungeduldigeren Fingern erwartet, denn der allzustille Tag der Gasse hatte auf etwas Besonderes hingedeutet. Sie war sehr unruhig, ein paar lästige Haarsträhnen mußten sorgfältig zurückgeschoben werden, dem Gehör Alles freizugeben, alle die feinen Geräusche des Erwachens, das Knistern der Bettwäsche, und die ersten, fast noch aus dem Traume geflüsterten Wünsche. Aber es rührte sich nichts, kein Knistern, kein Atemzug wollte laut werden. Da drückte sie leise den Riegel nieder. »Sind Sie krank, Cesare?«


Dann trat sie zu den unberührten Kissen hin mit einem Gesicht, das halb Erstaunen, halb Furcht war.

»Wenn Pantegan einmal nicht wiederkäme, wüßte ich, daß er tot ist. Ich weiß nicht, warum ich so denken muß.«

Sie schlug die braune Decke nachlässig über das Kopfkissen. Da fiel ihr das beschriebene Tuch auf. Sie las, und faltete es nachdenklich zusammen. Ihr Gesicht war blaß und was früher Halbes aus ihm gesprochen hatte, wich etwas Bestimmtem, 34 einer Art Entschluß, der Tat werden sollte. Die schlaffen Muskeln des Mundes strafften sich, und die Hände führten Bewegungen aus, als wollten sie etwas fest anfassen. Sie ging zurück in ihr Schlafzimmer. Dann nahm sie das Tuch, entfaltete es wieder und las noch einmal pflichttreu, wie ein Schüler vor der letzten Prüfung: »Du mußt dann gleich kommen.« Und ärgerlich warf sie das Tuch wieder auf die Decke hin. – – – – »Wer weiß, wem Dein Du gehört. Es fühlen nicht Alle, daß sie Dein Du sind. Ich könnte jetzt gehen.«

Aber Julia ging nicht an diesem Tage. Sie wusch das Tuch gehorsam in ihrem Waschbecken mit derselben müden Gebärde, die allen ihren Handlungen seit langem eignete, nachdrücklich, fast andächtig widmete sie sich der Wäsche, und ihre Gedanken folgten dem Fernen wie gepeitscht von einer unbekannten Macht. Ab und zu glitt ihr Blick auf die Bretter des Fußbodens hinunter, zu denen, die noch immer ihre einzige Liebe waren, jenen sanften Tieren, die vor dem Zwieback kauerten, wie vor einem auserwählten Glück, deren Fell so fein war. Und Julias Finger, matt in der Entbehrung einer großen Liebe, gingen auch jetzt wieder gern über das feine, lichte, berauschende Fell der großen Nagetiere, das in den späteren Morgenstunden einen besonderen, blauen Glanz hatte.

»Ich bin noch da, Pantegan, aber es ist Nachmittag. Wer weiß, wie lange es Nachmittag sein wird . .«

Dann nahm sie ihr spanisches Schultertuch, das ihr Pantegan geschenkt hatte, als einen Dank für die Erschöpfung seiner ungezählten Werbungen. Das Haar ließ sie lässig über der Stirne liegen und den weißen, widerspenstigen Nacken beschützen. So verließ sie das Haus, nur das Taschentuch, dessen Schrift erloschen war, nahm sie mit. Wie einen Talisman verbarg sie es unter den Batistspitzen des Hemdes.


Es war ein Abend, feierlich überall. Aus allen Gasthäusern, von allen grünen Plätzen her, riefen die Klarinetten und der Dudelsack dieses Volkes, das nur einer einzigen menschlichen 35 Gebärde imstande ist, der Musik und des berauschten Tanzes. Und Julia ging noch schneller, weil sie sich vor so vieler Freiheit fürchtete – die Alleen entlang, durch die Baumschulen, an den wilden Gärten vorbei, hinter den Reitern und Wagen her in den großen Park.

Über den Rhododendron und Azaleenbeeten, über Geranium und blühenden Purpurnelken versäumte eine neugierige Sonne die Stunde des Untergangs. Ein breites, ruhiges Rot war da, nur an den Rändern der riesigen Flächen lüstern bewegt. Julia starrte in die Blütenmasse hinein wie in den zitternden Spiegel eines seltsamen Gewässers, und ihre Sinne flackerten wie vor den Offenbarungen einer kommenden Kraft. In den Kronen der Platanen lärmten die Finken und Meisen zu Trotz den Trompeten und Violinen. Immer tiefer schien dieses Meer kaum entschleierter Genüsse zu werden, bewegt von Gesängen, offen den Erscheinungen und Fährnissen, eine bebende Frage, ein jüngstes Gericht.


Der Kandidat erquickte sich mit frischen Bretzeln, die man ihm in einer unverständlichen Sprache feilbot, denn er war noch fremd in der Stadt der Kreizari. So nannte man die Scheidemünze. Er lächelte als Antwort in seiner Sprache, und bot ein Kupferstück. Die Bretzelfrau grunzte einen Fluch, weil der fremde Kandidat nicht überzahlt hatte. Aber der Kandidat lachte jetzt noch einmal, und diesmal ganz verständlich. Und er würgte nachdrücklich und genießerisch an den schmackhaften Bretzelbrocken. Dann gingen seine Blicke hinüber zum Himmel. Das Gesicht des Kandidaten erschien vielleicht ein wenig dumm in diesem Augenblick. Er stand zwischen dem Teich der fremdartigen Schwimmvögel und dem Riesenviereck roter Blüten. Die Sonne saß noch immer über den dunkelgrünen Platanenkronen und blendete die jungen Schwäne, die sich hungrig an das Ufer des Teiches in die Nähe des Kandidaten drängten.

»Der Himmel ist tief«, lachte der Kandidat zwischen zwei Bretzelbrocken, »und das Leben ist ein schiefes Brett, auf dem wir 36 Kandidaten der Ewigkeit hinaufklettern müssen, um uns von den Zweideutigkeiten der Erde hinweg und nach Aufwärts zu entfernen. Unsere Schenkel spüren zwar die scharfen Kanten des Brettes, und wenn wir ausruhen wollen, müssen wir den Allerwertesten den schiefen Ebenen anvertrauen. Aber dazu sind wir eben Kandidaten.« Und er lachte noch einmal verschmitzt zwischen den Bretzelbrocken zu so selbständigen Gedanken, und dann blickte er hinüber über das flammende Gewirr der Blütenbäume. Die Farbe der roten Blumen wärmte ihn mehr als die kühlen Strahlen des letzten Abendlichtes, die von den Kelchen begehrlich aufgesogen wurden. Er wühlte mit seinen Gedanken zwischen den Pflanzenkörpern, und unkeusch tasteten seine Sinne über jeden Blütenkelch. In diesen Gedanken war es ihm, als ob sich die Blüten warm anfühlen müßten, wie einst als Kind den jungen Nestvögeln ging er ihnen mit seiner Phantasie zu Leibe, und begehrte sie zwischen den Fingern zu liebkosen. »Unendliches Entzücken«, dachte der Kandidat pathetisch, »wenn ihr Fleisch werden könntet, wie Magdalenas Fleisch.«

Sein Kopf war voll der Bedingungen der Sünde, eben als er Julias schmale Silhouette jenseits des Bosketts bemerkte, und ehe er zu Endurteilen kam, liebte er schon, rasch wie ein Kandidat im verspäteten Frühling.

Er schlich langsam an den hungrigen Schwänen vorbei, fast allzulangsam für einen Liebhaber, und er gab der flachen Erscheinung drüben mit seinen Sinnen Plastik und rief sie mit Gedanken und Empfindungen, die schneller waren als seine Schritte.

»Guten Abend, Sennora, Ihre Körpergrenzen sind wie mit einem scharfen Instrument in eine harte Platte eingeritzt. Ich erinnere mich an das Beste des Riberra. Leiden Sie?«

Seine vom Abend erregte Stimme zitterte dieses Geständnis.

 

Aber Julia antwortete nicht. Nur daß sie an seiner Seite blieb, war vielleicht eine Antwort. Während er an einer Verwirrung litt, die seine Rede karg machte, wurde ihre Seele wie von 37 einer Brandung auf- und niedergeworfen, und strandete an fremden Gestaden.

»Sennora, Sie schweigen, und ich werde vielleicht zurückkehren müssen und die Schwäne füttern. Oder ich muß mich fortschwemmen lassen von der Gemeinheit, die sich hier begeistert.«

Sein Ohr folgte den Geräuschen der Musik, den Tonmassen, die sich wie Staubwolken in das Laub der riesigen Rüstern emporhoben.

»Reden sie doch, Sennora!« Sein Gesicht war noch breiter geworden, sein Mund schien noch geöffneter zu Erläuterungen.

»Die Musik vergiftet mich, Sennora. Reden Sie ein Wort, das uns Beiden die Musik überflüssig macht – oder kommen Sie mit mir. Ich weiß einen Baum im Garten.«

Der Kandidat berührte Julias Arm. Ihr Fleisch zitterte, als er sie an den Baum führte. Aber auch diese führenden Finger des Kandidaten waren noch sehr unruhig.

»Kommen Sie, kommen Sie, ehe die Plebs uns hinwegschwemmt. Sehen Sie die vielen Köpfe in den Geräuschen dieser miserablen Trompetenkomödie hin- und herbaumeln wie eine Menge bestaubter Pagodenköpfe. O, die Pagoden, soll man sie nicht hassen? Ich liebe nur die Menschen, die ihrem Jahrhundert alles vorwegnehmen. Kommen Sie, wir müssen plaudern und einander anrühren – mit den Seelen, Sennora, so anrühren.«

Julia horchte den verwirrten Klängen nach, zwischen die sich seine Worte drängten, und den Melodien, die er mit seiner Stimme zerschnitt. Aber es war nicht die Stimme Pantegans, die immer befahl, peitschte und niederwarf, das fühlte sie. Während sie diese Stimme verachtete, warb sie zugleich, und sie verachtete immer das Andere, während sie das Eine an sich zog. Und darum wagten sich Julias Augen zu ihm und erkannten, daß der Kandidat sehr blond war. Er hatte langes, schütteres, blondes Haar. – – – –

»Ich will, daß die Frau in Ihnen erwacht, ich will Sie als Frau 38 sehen. Es sind so viele Weiber an mir vorübergegangen, wie schmutzige Musik. – Sehen Sie, dort ist mein Baum . . .«

Der Kandidat deutete auf eine Weide im Nebel der Ferne, jenseits einer weiten, kaumgepflegten Wiese. »Hier ist der Park zu Ende, und das Land fängt an. Denken Sie sich die Musik weg und die Leute, und sehen Sie nur das Land, in dessen Mitte unser Baum steht.«

Die Musik drüben hörte auf, und man sah die Leute nach Osten drängen. Auch die roten Wege im Innern des Gartens wurden leerer. Ein Windstoß hob die Äste der Platanen auf, daß sie wie die schwebenden Flügel der schwarzen Schwäne sich bewegten.

»Sie müßten Bertha heißen«, begann der Kandidat wieder. Seine Stimme war fester und klarer geworden. Nur daß er den runden Giradi noch in der Hand behielt, verriet einen Rest Unsicherheit. – »Für mich, Sennora, müßten Sie Bertha heißen. Hören Sie die wilden Gänse da oben?«

Ein Heer wilder Gänse rauschte vorüber.

»Hören Sie sie schreien? Dieses Volk hat Wintersorgen, allzufrühe Wintersorgen. Sie kommen aus meiner Heimat. Es scheint dort drüben früh Herbst geworden zu sein.«

»Sind Sie ein Fremder«, fragte Julia, und sah auf den runden Strohhut des Kandidaten hinunter, der noch immer zwischen den schüchternen Fingern hin und herbaumelte.

»Ja, ich bin Hörer der Sprachkunde und komme aus dem Norden«, sagte der Kandidat, und sein blonder Predigerkopf nickte verlegen zu dieser Aufklärung.

»Ja, Sie sprechen so eigentümlich, ich glaube Sie schreiben Bücher.«

»Meine Gnädigste, reden wir nicht vom Bücherschreiben«, stotterte der Kandidat noch verlegener. »Das Bücherschreiben ist müßig, und die Sprachkunde langweilig und die Gotteswissenschaft verlogen. Lassen Sie uns Bäume finden.«

Die Gänse schrieen noch einmal auf in der Ferne und der Kandidat faßte den Arm Julias fester und versuchte sie an sich zu ziehen. »Ich danke Ihnen, daß Sie jetzt gesprochen haben, 39 in diesem Augenblick gerade, da ich so traurig war, weil die Gänse schrieen. – Ich bilde mir ein, daß hier alles viel wärmer ist, ich will hier bleiben bei Ihnen.«

Er zog sie auf die Bank nieder unter der Weide. Julia fühlte sein Blut, und ihre Fragen kamen zu ihm wie hungrige Tiere, die man liebt und im Eifer der Güte füttert.

»Es muß Ihnen etwas sonderbares geschehen sein, Bertha. – Ich würde es fühlen, wenn ich Ihre Stirne küssen dürfte. Ich würde es genießen, das Sonderbare – etwas ganz Großes oder Infames oder Weltfremdes oder Einziges. Ich muß ein Wort in Ihnen finden, das Sie mir ganz gibt. Sind Sie sehr unglücklich?«

Und der Kandidat küßte Julia hinter dem Gitter der Weidenzweige, zwischen denen das letzte Licht leuchtete.

*     *     *

Ein düsterer Himmel drückte auf das Gemüt des Kandidaten, als er die nächsten Tage mit Julia feiern wollte. Aber immerhin war er bereits ein Freund der Lemminge geworden und kannte schon einige Entredeux, die Julia in der Nachmittagssonne genetzt hatte. Er verglich die Erwählte mit Penelope, die ihre Liebe einer dunkeln Hoffnung anvertraut hatte.

»Sie sind entzückend, liebe Berta, Sie sind wie eine Auferstehung, wenn Sie so zwischen den Geschöpfen Ihrer Liebe gehen. Es tut nichts, daß Sie gelitten haben, Ihr Gespinst ist mit sehr viel Andacht geschaffen. So müssen Penelopes Maschen gewesen sein, so durch einen Handgriff leicht lösbar, eine wundervolle Täuschung.«

»Ja, Herr Erich, zerreissen wir Alles, zerreissen wir es, es liegt nichts daran, wenn etwas von mir zerrissen wird . . .«

Der Kandidat griff nach einem Glas Dalmatiner und schluckte verlegen einen sauren Tropfen.

»Aber hören Sie, Berta, vielleicht ist es besser, die Knoten fester zu schnüren und auf die zarten, lösbaren Gewebe der Treue zu verzichten.« Und er suchte die vielen Empfindungen, die sich ihm aufdrängten, in Gedanken umzuwechseln. –

40 . . . . . . . . . . . »Berta, Ihr müßt Euch verändern, Ihr müßt die Knoten fester ziehn, und biedere Gewebe für die neue Liebe netzen.«

»Helfen Sie mir, Herr Erich. – «

Der Kandidat ging nervös und nachdenklich auf und ab, als suchte er etwas über den Mustern der zerrissenen Teppiche. »Das Schicksal wird uns helfen, Julia. – Aber höre, Julia, Dein Wirt hat schöne Perser, Du mußt kein Gesindel hier empfangen.«

Julia trat an das Fenster neben die vergilbten Batistlappen, durch die der Pantegan Alles besehen hatte, war sein Wille der Gasse aufgedrängt, die lauten Verwirrungen, die Gebärde und das Geschrei der Händler und Beschützer, die Liebe und den Mord und alles das . . . .

Der Kandidat nippte wieder an seinem Glas Dalmatiner. Sein schütteres, schlohgelbes Haupthaar bewegte sich unter der Einwirkung eines elektrischen Stromes – und er lächelte. Auch fürderhin schien es bei diesem Kandidatenlächeln bleiben zu wollen. Das Ende aller ihrer Zusammenkünfte war immer dieses blonde Lächeln. Alle Spaziergänge, alle Sonnenuntergänge segnete er damit. Blaß wie die späten Blüten der Vorstadtgärten war Alles geworden, die Seelen und die Hoffnungen der Seelen. Nichts war da mehr von den glühenden Beeten des ersten Abendrausches, und keine Tat der Liebe stritt dem Pantegan seine Macht.

So war der Kandidat aus einem Prediger ein ernster Freier geworden. In der dunkeln Gasse neben all ihren Gedächtnissen stand er mit seinem blassen, blonden Freierlächeln und wartete auf ein biederes Wort aus der Heimat.


 

Die große Stille in den Gemächern und die stummen Freiheiten des Alleinseins schienen Alles zu erweitern, gefügig und bereit zu machen und die Dinge auszudehnen wie eine laue Flut. In der Hoffnung großer Erlösungen warteten die vier Augen auf irgend eine Hand, die sich einmal plötzlich aus der 41 Dämmerung hervorrecken müßte, auf die Hand irgend eines Geschickes, die den Schlüssel all diesem Letzten, Stillen, Geheimnisvollen hinreichen würde. Überall klafften die Türen, die sonst immer so dunkel verhangen waren in Pantegans Tagen, und über die zernagten Perser trippelte das behagliche Geschlecht der Lemminge.

Julias Seele ruhte aus von dem Zwang der Härte und auch ihre Seele löste die laue Flut des Friedens. Nur selten fühlte sie sich angefaßt und umklammert, wenn irgendwo eine Uhr schlug, oder die Glocke ging. Dann zuckte ihr Gesicht, und sie sprang auf, um in ihr Schlafzimmer zu laufen und irgend etwas zu suchen, was noch vergessen worden war.

»Du bist ein glückliches Weib, Julia, weil Du den Sinn für Pflicht und Verantwortung so in Dir nährst und ihn so scharf empfindest.« Und er lächelte wieder, blond, breit und satt wie nach einem Frühstück. Und mit seinem Kandidatenlächeln kehrte auch die Stille wieder zurück, die von einer flüchtigen Welle gestörte Ebbe des Lebens.


 

Drüben in den Laubgängen des großen Gartens rüsteten sich die Wandervögel, die südlichen Enten schlugen fröstelnd mit den Flügeln und man begann Schutzhütten zu bauen für sie am Teich.

»Wir wollen im Herbst auf- und abgehen, Julia. Ich bin eigentlich ein herbstlicher Mensch. Ich will den Herbst wieder einmal ganz für mich haben, das heißt, ich will ihn Dir zeigen, ihn Dir erklären.«

Und sie gingen den Weg zum Baum hin wie am ersten Tag. »Siehst Du, Julia, jetzt ist unsere Weide noch viel schöner. Im Frühjahr war sie voll Bienen und gefrässigem Käfervolk, jetzt erscheint sie still und nachdenklich müde. Wir wollen noch eine Weile hier warten. Ich finde diesen herbstlichen Baum so verständig und mütterlich. Ich denke, hier müssen wir alle unsere Geheimnisse loswerden.«

Das Gesicht des Kandidaten stand breit offen allen 42 Geständnissen, wie jene Türen in Pantegans Haus, die nunmehr aufgerissen waren und zwischen denen die laue Flut des friedlichen Müssigganges leise auf- und niederbebte.

»Eine lange Ebbe muß dann kommen und wir werden die Segel einziehen nach all der Flut und den vielen Gewittern. Nach all dem was wir uns noch sagen müssen, wird uns dann Ebbe gegeben werden.«

Julia suchte verwirrt in den Vertiefungen des zerscharrten Sandweges.

»Es ist vielleicht ein Siegel auf manchen Seelen, Erich, und keiner darf daran rühren, nur der Eine, dem es gehört.« Ihre Stimme klang unsicher, fast aufgeregt, und doch dumpf und farblos.

Der Kandidat stutzte, sein Lächeln schien straucheln zu wollen und eine tiefe Falte bildete sich in den rasierten Backen.

»Ich kann Dich nicht verstehn. Es ist mir die Luft hier zu ruhig. Ich höre jeden Vogel, der vor dem Einschlafen singt, und jeden Spanner, der geräuschvoll flattert, und vor Allem das, was in mir selbst spricht. Es lenkt mich hier alles ab. Komm, wir wollen lieber in Deine Zimmer zurück. Dort sagst Du mir, was noch Letztes zu sagen ist.«

»Ich schreib es seit Jahren auf, lieber Erich. Ich war noch ganz klein, da konnte ich schon schreiben, und schrieb Alles auf. Ich habe das ganze Schicksal aufgeschrieben, und an Alle habe ich gedacht, die neben mir waren, an die Geburten und die Begräbnisse. Weißt Du, Erich, manchmal glaube ich, daß ich schon tot bin, und dann komm ich mir so klug vor.«

Es war diesmal ein langer Weg, dieser rote Sandweg durch den Park, fortgesetzt durch die graue Straße mit ihren Laternen, der Weg, der zwischen dem Schweigen und den Geständnissen lag.

*     *     *

Aber wie viel Julia auch von ihrem Schicksal eingestand, sie verstand es dennoch, den Kandidaten an den Zerwürfnissen ihrer Seele vorüberzuführen. Und auch als sie den Rest der 43 Blätter, die sie vor Pantegans Augen gerettet hatte, vor ihm aufdeckte, vermochte er kaum Anderes zu ergründen, als Kindheitserinnerungen. In dem ungeschickten Gekritzel der Kinderhand wie in der gehorsamen Schrift des Mädchens eilten die Geschehnisse wie flüchtige Lieder.

»Ich muß Dir jetzt die Augen zuhalten, Erich.« Und der Bräutigam-Kandidat bog seinen Nacken und ließ sich gefügig die kühlen Finger über das Gesicht legen. Begehrlich streichelte er die Innenflächen dieser weichen, kühlen Hände mit seinen Wimpern, und der Rest Nachdrücklichkeit und ehrenhafter Männlichkeit des Wesens mußte aus der Situation flüchten.

»Da ist eine Stelle für mich ganz allein gewesen, Erich, beinahe eine Dummheit«, lächelte Julia, blätterte schnell, und befreite die Kandidatenaugen von den kühlen Fingern, die wieder zurückgingen zu den Liedern des Erlebnisses.

»Hier ist der erste Tag. Hör, Erich, wie dumm kleine Kinder sind. Ich möchte ein Kind haben, das schreiben kann und so dumm ist, wie ich war. Sieh doch die Buchstaben – sie sind selbst alle wie dumme Kinder und haben Zappelbeine.«

Der Kandidat durfte dann das Blatt einsehen, und es wurde ihm warm bei dem Gedanken, seine Liebe vielleicht einmal fleischlich erweitern zu dürfen. Es war das erste Mal, daß er sich als Erzeuger fühlte, und daß von Kindern gesprochen wurde.

Julia las; ihre Stimme veränderte sich, ihre Augen und Lippen schienen sich als Verräter zu fühlen und wurden unsicher.

»Du sollst Dich nicht schämen, Julia«, – der Kandidat flocht eine gemütvolle Gebärde ein – »alles was in Dir geschehen ist, wird ein Gesang in Deinem Mund. Du hast eine Kirche um Dich gehabt. Und nur weil Du so viel Arme und Elende in Deiner Kirche gesehen hast, bist Du manchmal traurig gewesen.«

Der Kandidat rückte einen Stuhl zurecht und schloß die Augen in der Gebärde der andächtigsten Zuhörer.

»Also der erste Tag, Erich.«

*

44 Die Sonne sitzt auf meinen Händen. Ich habe ihr ein Bett gemacht, sie ist sehr schön und leuchtet. Draußen sind viel Blumen, ganz viele, und über den Bäumen fliegen Mücken und Schmetterlinge, weiße und schwarze und gelbe und rotgetupfte. Die Mutter ist auch da. Aber sie sagt nichts. Sie ist so wie die Mutter in meinem Bilderbuch, dort wo die letzte Geschichte aufhört. Es ist ein kleines Bild hinter dem letzten Satz, ein Bild von einer Mutter, und das Bild hat die Augen zu.

Ich möchte gerne meine Mutter fragen, warum die Sonne so warm und so gelb ist. Ich weiß doch, daß die Mutter auch manchmal ein Bett für die Sonne macht, wenn sie allein dasitzt. – Aber ich will doch lieber nicht fragen, weil die Mutter so still ist wie in dem Bilderbuch am Ende, und weil ich mich fürchte.

*

Jetzt ist Sonntag. Vielleicht sind zu viel Menschen bei uns, und einer hat einen ganz langen schwarzen Bart. Der ist wohl ein Fürst oder der Kaiser. Er hat einen langen schwarzen Rock, und erzählt immer vom lieben Gott.

Und dann gehen wir hinaus mit dem Herrn, der den langen Bart hat und immer vom lieben Gott spricht.

Ich möchte gerne wissen, wer der liebe Herr Jesus ist und der Kaiser, und warum unser Herr einen langen Rock hat und ein schwarzes Buch in der Hand. Am Weg steht eine Bettlerin, die singt ein Lied. Sie hat eine heisere Stimme und die Vögel lachen sie aus, weil sie eine heisere Stimme hat. Ich sage es meiner Mutter, und die Mutter sagt, es wäre dumm, die Vögel könnten nicht lachen. Ich weiß aber, daß es doch wahr ist, daß die Vögel lachen können, und daß die Bettlerin nicht singen und nicht lachen kann.

Der schwarze Mann geht mit uns in die Kirche, und die Bettlerin läuft hinter uns her. Meine Mutter weint, ich weiß nicht warum, aber ich glaube, daß Mütter oft weinen müssen, oder ganz still sein, wie es in meinem Bilderbuch gemalt ist.

*

45 Ich setze mich ins Gras und denke nach, warum wir eigentlich arm sind. Ich möchte lieber ein Schmetterling sein. Der Graf bei uns hat sich ein neues Pferd gekauft, und reitet auf dem Pferd. Es ist ein ganz weißes, und schleppt seinen Schwanz hinter sich her wie ein weißes Tuch. Der Graf sieht mich an und lacht, und zeigt auf sein neues weißes Pferd. Der Graf spricht zu mir. Ich hab' es nicht verstanden, und seh nur, daß er von seinem neuen Pferd herunter steigt. Und er nimmt mir meine weiße Sternblume aus der Hand, und hebt mich auf das Pferd. Er hält mich fest, und ich fürchte mich. Aber ich freu mich doch, daß ich so hoch bin und reiten kann.

Der Graf führt das Pferd weiter durch die Bäume, ich sitze darauf und der Graf spielt mit meiner Blume. Er zupft ihr die Blätter nicht ab, wie die andern Leute von den Sternblumen, er hält sie nur immer in der Hand und dreht den Stiel. Ich schaue über das Pferd hinüber auf den Turm. Ich bin so hoch, und das Pferd ist so schön.

In dem Turm läutet der Küster Mittag. Wir reiten zu meiner Mutter, und dann sind wir da. Das Pferd und der Graf bleiben draußen stehn, weil das Pferd zu groß ist. Vielleicht ist der Graf der Kaiser oder der liebe Jesus.

Dann geh ich hinein. Meine Mutter schläft. Sie hat sich eine Kerze angezündet. Ich traue mich nicht hin, weil sie so still ist, wie eine Tote. Ich lösch die Kerze aus, weil doch schon Tag ist und die Sonne scheint. Dann geh ich wieder zu dem Graf, und sag ihm, daß meine Mutter schläft. Der Küster läutet noch immer, und der Graf steht ganz still neben dem weißen Pferd, und hat die weiße Sternblume in der Hand. – Und ich frag ihn, ob er der liebe Jesus ist. Aber er hat nichts gesagt, und ist wieder fortgeritten. Da ist mir so bange nach ihm. Ich kriech zu meiner Mutter ins Bett, die ist ganz kalt.

In der Kirche ist es jetzt Winter, und die Blumen hier in der Kirche sind ganz kalt und hart – wie aus Eis. Schmetterlinge und Vögel fliegen nicht in die Kirche hinein, und der liebe Gott ist fast immer allein. Nur der Herr Geistliche kommt zu ihm und sagt ihm dann etwas ganz leise hin, bis er es versteht.

46 Auch der Herr mit dem langen schwarzen Rock ist nur ganz selten da und sitzt in der Bank. Man sieht seinen Kopf nicht, weil er weint oder in seinem Buch liest. Ich glaube aber, er liest nur in dem Buch. Ich kann ihn nicht leiden, weil ich zu viel Angst vor ihm hab und weil er damals wie ich geweint habe, gesagt hat: Gehe hin, mein Kind, deine Mutter schläft.

Draußen um die Kirche herum ist ein großer weißer Garten. Der ist wohl das Bett, wo meine Mutter drin liegt. Warum schläft sie immer?

Der schwarze Herr kommt aus der Kirche heraus und schaut mich an. Sein Gesicht ist gelb und häßlich, und er sagt zu mir: Pflück nichts ab, mein Kind, die Lilien hier sind Gottes Lilien.

Und er geht wieder von dem Bett fort, wo meine Mutter schläft. –

Ich möchte gern Schmetterlinge fangen und sie in der Kirche auslassen, damit sie sich auf die gefrorenen Blumen setzen. Wenn ich noch den Strohhut hätt von meiner Mutter, und noch Sommer wär, könnte ich ganz alle Schmetterlinge fangen, die wo auf dem Bett von meiner Mutter sitzen.

Dann geh ich wieder zur Türe von der großen Kapelle. Da riecht jetzt der Rauch und der Herr Geistliche küßt auf das große Buch. – – – – Draußen in dem weißen Garten aber reitet der liebe Jesus auf einem weißen Pferd – – – ich bin ganz still und rühr mich nicht. Er ist groß wie ein Graf und lacht so freundlich und das Pferd geht sehr leise und langsam, damit es meine Mutter nicht weckt. Aber ich hab jetzt keine weiße Blume, weil es der schwarze Herr nicht will. Der liebe Jesus lacht mich doch an und reitet über das weiße Bett wo sie meine Mutter hingelegt haben.

*

Ein Fink singt in der Fichte vor dem Haus. Der schwarze Herr geht vorüber, aber er ist nicht mehr so schwarz wie früher. Seine Haare, sein Bart, sein Rock und sein Schirm sind ganz grau geworden. Er droht mit dem Schirm zu mir herüber, weil ich im Garten vor dem Haus sitze und nachdenke. Die Buben 47 schreien: »der Idiot kommt!« wenn der Herr so spaziert. Dann spuckt er aus und geht weiter.

Dieses Jahr ist so verregnet. Ich muß immer denken, daß das Leben viel zu lang ist, und es gibt zu viel Geburtstage, immer einer nach dem andern kommt, immer noch einer. Der Fink ist weggeflogen, der hat sich vielleicht eine andere Fichte im Schloß gesucht, da singt er jetzt. Aber der Herr Graf ist nicht mehr zu Hause und der Herr Jesus auf dem Schimmel hat sich vielleicht irgendwo verirrt. Nur der alte Herr und der Regen sind noch da, und überall droht einer mit dem Regenschirm nach mir. Heute bin ich sechzehn.

Ich möchte Alles los sein, das Haus mit dem nassen Dach und die Fichte und das Gespenst mit dem Regenschirm.

Drüben, ganz drüben ist eine Stadt, der Fink weiß wo, abends fliegt er sicher hin und lacht mich aus, wenn der graue Herr mit dem Schirm droht.

Ich bin so traurig, weil ich alles nicht dürfen soll. – – Ich könnte eigentlich am liebsten in die Stadt fahren und fragen, wo der liebe Jesus hingeritten ist. Die Menschen in der Stadt haben alle ganz große Augen und dürfen Alles dürfen.

Gute Nacht, liebe Buben, gute Nacht, lieber Fink.

*

Der Fink ist fortgeflogen und der Idiot will auch nicht mehr kommen. Die Buben spielen im Bach, mit ihren kleinen Füßen machen sie sich kleine Flüsse und kümmern sich um nichts mehr hier. Ich möchte sie gerne wieder schreien hören. Sie sollen schreien: »der Idiot kommt«. Aber der Bach ist ihnen lieber, und der Regen spielt mit ihnen. Er hat ihnen das Haar verschwemmt, und ich hör sie lachen. Alles ist sonst so still und nur die Regentropfen schlagen auf das Blech.

Da klopft einer. – – –

Der Fremde spielt mit meiner Tante Schach. Sie lachen sich verdorben an. Sie gefallen mir nicht alle Beide, drum gehe ich ans Fenster, als wollt' ich den frechen Fink suchen.

48 Etwas Weißes bewegt sich in den Feldern drüben. – – – Da sagt der Fremde: »Schach dem König«. – Ich möchte ganz laut aufschreien, aber der Fremde hat schon längst meine Stimme erwürgt.

Gute Nacht, lieber Jesus.

*

Und doch ist heute Alles so hell geworden, ich weiß nicht, warum. Der liebe Gott reitet vielleicht durch die Dörfer, es ist so schade, daß ich mit dem Fremden wegfahren muß. Wer kann wissen, wo ich hinfahre. Es ist kalt, meine Hände sind wie erfroren. Der Fremde lacht mich an. Ja, ich verstehe ihn schon. Die Hunde bellen gegen mich, sie sehen, daß ich fortfahre und ich streue das Reisebrot zu ihnen hinunter. Sie fressen es aber nicht, und da faßt mich der Fremde an der Hand und küßt mich auf den Mund. Er will, daß ich ihn auch küssen soll, aber ich schäme mich, und mir ist so kalt.

»Schämst Du Dich vor den Hunden da?« fragt er.

Aber ich sage nichts und sehe sie alle an, wie sie neben mir herbellen und so jämmerlich sind und so elend. Ich weine, und der Fremde legt seine Hand auf meine Kniee. Da kehren die Hunde um und ich sehe sie nicht mehr.

*

Mir ist so, als ging ich zum letzten Mal zur Kirche. Er ist immer neben mir, der, und redet mich an mit seiner fremden Stimme. Er flüstert, aber seine Worte stechen in die Haut, wie die Stacheln von einer groben Bürste. Es ist so, als ob lauter Blut über mich hinunterrinnen würde. Auch in der Predigt bleibt er neben mir. – – –

Oben auf der Kanzel schreit der Pfarrer: »Folget ihm nach, folget ihm nach. Es ist nichts Leuchtendes mehr in uns, selbst das Stirnband der Opfernden ist getrübt vom Blute jener, die 49 erkannt haben. Der Tod hat einen Tempel gebaut, und will das ganze große Wesen beherbergen. Ich weiß, wir sind nur gekommen, weil uns das Weltall zu schwer geworden ist, das wir so lange auf unseren ungerechten Händen gewogen haben. Seht ihr ihn, da geht er, da ist seine Fußspur, folget ihm nach, folget ihm nach.«

Der Priester auf der Kanzel gießt noch immer mehr Worte über meinen Kopf. Ich verstehe ihn nicht. Aber er hat weiße, kühlende Hände und legt sie auf mich hin, und die Worte, die ich nicht verstehe, streicheln doch meinen Leib. Ich sehe ihn nicht mehr, ich sehe nur dieses eine Bild, das immer in meinem Herzen ist, immerzu. Da ist es und leuchtet mit seiner ganz stillen, unsäglichen Pracht:

Der Wald ist geöffnet, eine Halde liegt im Licht. Der große Graf reitet zwischen den gefallenen Stämmen und dem Farrenkraut und den Brombeersträuchern. Ein Dorn hat den Fuß seines Schimmels geritzt, der weiße Reiter steigt ab und wäscht das Blut von der Fessel. Das ganze Land ist von kleinen Birken eingesäumt, und blaue Blumen recken sich über das Kraut empor. Das Pferd wiehert, als spräche es den Reiter an, und sie gehen beide in den Wald zurück.

Wolken und Sterne necken einander am Himmel oben, ein Berg klettert zu den Sternen hinauf, und sie empfangen ihn. Und Pferd und Reiter wissen ihren Weg über den Berg. – –

Aber da erwache ich wieder, der Schwarze flüstert neben mir und es ist alles wieder entsetzlich dunkel und still. Nur der Pfarrer oben schreit und peitscht mit seiner Stimme die Verstockten. »Folget ihm nach, folget ihm nach!«


Der Kandidat stand auf und drehte sich eine Zigarette: »Liebe Julia«, sagte er, und strich mit einer Hirtengebärde über ihren Kopf, »Du mußt auf dieses Wunderbare verzichten und es nicht zwischen dem Dunkel so groß ziehen. Man stirbt an den Wundern.«

»Glaubst Du, Erich, daß ich sterben muß, wenn ich ihn seh? Ich sehe ihn doch, da ist er ja . .« Ihre Augen wurden ganz 50 groß, und der Mund weitete sich wie zu einem Gesange der Anbetung.

Der Kandidat setzte ein pikiertes Lächeln an. »Bin ich denn nicht mehr bei Dir, Julia?«

»Bist Du da, Erich? Erich, wenn aber Er kommt, der Andere, wirst Du ihn denn anschauen können, den Schwarzen mit den harten Händen? Und wenn er Dir den Arm zerdrückt, wirst Du dableiben wie die Hunde, die so gebellt haben? Kannst Du reiten, Erich? Weißt Du, wo der Berg ist?«

Der Kandidat ließ das beleidigte Lächeln fallen und entzündete eine Kerze auf dem Tisch. Da klopfte draußen Einer. Der Kandidat wollte aufspringen.

»Ein Bote, Erich, warte, es ist nichts, laß nur.« Sie ging um zu öffnen. Ihre Glieder zitterten. Eines der kleinen braunen Tiere schlüpfte neben ihren Böcken durch die Glastüre, und huschte in den Hinterraum. – – –

Dann kam sie wieder. Ihr Gesicht schien älter geworden zu sein in den Augenblicken dieser aufgeregten Dämmerung.

Der Kandidat saß ruhig, aber seine Pulse gingen laut.

»Wir wollen lieber im Dunkel sitzen, Julia« und er löschte die Kerze wieder. Etwas Schwarzes kroch zwischen ihnen über die zerschabten Teppiche.

»Ich glaube, wenn Du diese Erscheinungen opferst, Julia, wird Deine Stimme laut und warm werden. Das Leben hat Dich ja schon aufgeweckt.« Er wollte noch etwas hinzusetzen, aber die Gedanken verwirrten sich ihm, und er litt sichtlich an dieser Verwirrung.

»Wir sind nicht so allein, Julia, meine Heimat wird doch endlich antworten.« – – –

An allen Wänden kletterten Schatten hinauf. – – – »Du bist sehr schön, Julia, aber es schweigt etwas in Dir, das als Häßlichkeit neben Deinen Erlebnissen lungert. Gib mir nur dieses eine Wort noch, dieses dunkle, hin, damit ich das Licht anzünden kann, in dessen Schein wir leben können. Sag mir, wer ist dieses Wesen, das zwischen uns kriecht, wer ist dieses Tier, das Dich mir verdirbt?«

51 Julias Augen waren noch weiter und leuchtender geworden in der Dunkelheit. »Ich fühle heute so sehr den Herbst«, begann der Kandidat wieder, »so sehr viel Herbst. Julia, lies mir nicht mehr vor, sag mir nur Alles nebenbei. Ich werde ihn schon abschütteln, wenn mich einer am Arme faßt.« Er zündete dann die Kerze wieder an, und sprach sich in einen Rausch der Tapferkeit hinein, Alles an ihm schien Widerstand. Er blies den Rauch durch die Nasenlöcher, zwei deutliche blaue Rauchspiralen. Wie ein junger Scholar, dem eine Mensur winkt, stand er da, seine Augen hatten einen kindischen Trotz und sagten: Ich müßte ja nicht, denn ich bin zu klug, aber ich kann auch mehr als klug sein.

Julia sah nur die Rauchspiralen im Dunkeln, die sich wie Schalltrichter vorn und hinten weiteten. Und die Stimme des Kandidaten summte durch diese Rauchspiralen. Aber für Julia ertrank sie in den Kirchengesängen und predigenden Stimmen der versunkenen Erinnerung. »Folget ihm nach, folget ihm nach!« schrie es von einer unsichtbaren Kanzel her. Der Lichte ritt in die Ferne, und auch der Dunkle stand wieder da. »Wem ruft ihr?!« und dazwischen wieder die Musik und die wimmernden Stimmen vieler Gläubigen. »Wessen ist die Messe? Die Guten und die Bösen wandelt es an, die Stillen und die Lauten, die Lichten und die Dunkeln. Wer geht dahin, wer kommt uns zurück? Betet, betet! Wer ist da um auszuruhen? Würgt sie nieder, die sich ausruhen, und betet und folget nach.« – – – –

Die Worte sprangen wie zerstäubte Funken vor Julias aufgerissenen Augen, jedes ein Weg, jedes eine Verwirrung. – – – –

»Du mußt Dich aufraffen, Julia.« Es kam wie eine Stimme durch die schwingenden Rauchtrichter. »Du mußt das Leben anhören, wir müssen horchen, alle müssen wir aufhorchen und uns der Vergangenheit entledigen. Laß Deine Kirche da drüben – ite missa!«

*     *     *

52 Der Sturm stürzte sich über die Platanen hin, und zerzauste die letzten Geranien im Park. Auf den nackten Ästen trotzten ihm nur noch einige Dohlen, die um einen toten Vogel feilschten. Von den Hügeln her rollten große Massen Staub und verdarben die Rasenplätze. Abgestorbenes Laub hob sich in riesigen bunten Trichtern, und die roten Sandwege streckten sich wie zerfleischte Arme in die Dämmerung hinein. Bis in die Gassen der Stadt wälzte sich das Gewirr entwurzelter Dinge – Erde, Laub und Fetzen, die der Sommer vor dem Stadttor hatte liegen lassen, dazwischen bekritzelte Bogen und bunte Lappen, Abfälle alles Lebendigen . .

Und es war, als hätte dieser Sturm auch den Boten Pantegans hergeweht, jenes Blatt, auf dem von einer sprunghaften Hand irgendwelche Worte für Julias Herz hingeschrieben waren: »Ich bin hier, ich trete mein Recht wieder an und meine Liebe.«

Er, der der Dunkelste von Allen war, warb wieder um sein Schicksal, um seine Gasse. Hinter den Gewittern her jagte seine Seele.

Fast fürchtete sich Julia hinzuhorchen in das Pfeifen und Stäuben der Wetter, aber doch verstand sie Alles, was der Sturm sagte. Wie Fragen, die sich auftürmen und wieder zusammenstürzen, kam es zu ihr her, Worte, befehlend, erzählend, werbend und verachtend, wie über Trümmerhaftes, Gleichgültiges hingegossen.

»Du mußt kommen«, spie der Sturm durch die Fensterritzen. Noch immer trug Julia den zerknitterten Zettel in der Hand, an dem Gassenfenster hinter den blauen Gardinen saß ganz still der Kandidat.

Julias Schritte verrieten nichts, als nur eben jenen Bann, während sie im Küchenraume auf und ab ging. Es lockte sie fast den zerknitterten Zettel wieder zu entfalten. Jedes Wort lockte, jedes Wort war von ihm. Aber doch tat sie es nicht, und ging wieder zu ihrem Kandidaten zurück.

»Sei nicht traurig, Julia,« sagte der Kandidat, »das Gewitter bricht nichts ab von unsern Zweigen, es zerzaust uns nur ein 53 wenig den Kopf. Wirf den Zettel da weg, wir wollen uns nicht mit Andeutungen und Zweideutigkeiten füttern – mach doch jetzt die Schinkensemmeln.«

Und der Kandidat nahm die Serviette, die zierlich gefranst neben ihm lag, und ihn so sehr an den Tee von gestern erinnerte. Der Kandidat lächelte: ihm war noch nichts von irgend einem Gleichgewicht verloren gegangen. Er wischte andächtig den Mund seiner Gefühle mit der Serviette von gestern.

*     *     *

Noch einmal breitete der Herbst die gelben Tücher über die frostige Gegend und lud die Sonne zu seinen letzten Sprößlingen. Auf den Teppichen der Parks langweilten sich verspätete Schmetterlinge, und die Ammen trugen ihre Anvertrauten in die letzte Wärme hinaus. Hoffende Frauen ruhten auf den Bänken und warteten in der dürftigen Sonne auf ihre Frühlingskinder.

Und in der Ferne hinter den Wäldern riefen die Hörner der Ulanen. Es war das Fest einer großen Retraite. Überall ward zum Sammeln geblasen.

Den Kandidaten lockte dieses Sterbende der Landschaft und weil auch er einer der Wartenden war, lobte er sich so viel Herbst. Er fütterte die Schwäne im Park mit noch mehr ausdrücklicher Güte als dazumal, und bemühte sich um Julia, ihr, wie er sagte, »das Vergessen zu lehren«.

»Der Gott geht schlafen, Julia, und verrichtet nur noch diese Andacht vor uns. Er hat uns in den Herbst geführt, und verabschiedet uns jetzt. Da sitzen wir nun vor den Astern. Pflück sie Dir, aber nimm sie nicht mit in den Winter. Den müssen wir uns allein schmücken mit unsern Erkenntnissen und Erlebnissen.

Horch doch die Musik. Die bunten Jungen sind wieder da und spielen den Einzugsmarsch. Sie sind hier älter geworden, echauffiert sehen sie aus, sie kommen aus dem Manöver in den Pavillon ihres Ruhmes, wie wir aus den Gedanken in die neuen Schicksale kommen.«

54 Julia lächelte, und spielte mit einer kleinen giftigen Frucht.

Auch zu der Weide gingen sie wieder hin und horchten hinüber zum Teich, wo die fröstelnden Enten lärmten.

»Wenn Du mich nur anhören wolltest, Julia, ich hab noch so viel zu ergänzen. Eigentlich streng genommen, wenn ich ganz intim nachdenke, sind alles Dies Anfänge gewesen. Die Grenzen der Jahreszeiten scheinen mir verwischt. Wesentlich aufgefaßt war es nur ein Frühling.«

Julia riß einen Zweig aus dem Gesträuch und kaute an der Rinde, während ihr die Tränen über die Backen liefen.

»Hast Du Furcht, weil noch nichts erfüllt ist, Julia? – – – Komm doch mit zur Musik. – – Wenn es eine neue Art zu sterben gäbe, Du Liebe, ich sagte sie Dir. Aber es ist so banal, an den Erinnerungen zu Grunde zu gehen.« Er umfaßte ihren Leib und küßte sie. Sie schluchzte laut, und die Spaziergänger am Schwanenteich blieben stehen und wunderten sich. – »Rede doch, Liebe.« Und er trocknete ihr Gesicht.

»Erich, es muß sein. Und wenn Du nichts erfindest, mußt Du das Alte dulden.«

»Sagst Du mir, daß ich Dir einen Tod erfinden soll, wo ich doch neben Dir stehe? Ich will Dir die Mücken fortjagen und alles wird gut sein. Dann schenkst Du mir Deine Nächte, und ich wache bis zum Morgen neben Dir.«

Eine Melodie, ein schwermütiges Soldatenlied drängte sich zwischen ihre Ängste, ein Reitergesang kam herüber, ein bacchanalischer Ruf der Todeslust. Die Melodie folgte ihnen durch das Gestrüpp und trieb sie vor sich her, weit ab von allen Spaziergängern.

Dann wölbte sich die Nacht über ihnen mit vielen Sternen und sie schenkten einander ihre Gebete, ihre Geheimnisse und Wünsche. Ihre Freuden begegneten einander in der restlosen Hingabe. Julias Fleisch glühte vor den Offenbarungen und keine Stimme mehr schreckte das wissende Weib in ihr.


Über den roten Sandwegen begegnete ihnen zwischen dicken 55 Nebeln der Morgen. Ein vergessener Kranich rief vom Strande herüber, und scheuchte die Amseln aus dem Frühtraum.

Julias Augen, groß und neugierig, suchten zwischen den grauen Gespenstern, die sich über die Teichfläche erhoben. Auch der Kandidat war nachdenklich geworden. Er stand plötzlich wie hinter großen Resultaten, die er ohne Verdienst gefunden.

»Ich werde ewig bei Dir bleiben, Julia.« – Es kam wie eine klägliche Entschuldigung aus seinem Munde. Aber Julia lächelte wie in einen Abgrund hinunter, aus dem eine Art verängstigter Musik zu ihr hinaufzukommen schien. »Hörst Du die Amsel noch? Sie fürchtet sich vor uns, wir wollen lieber fortgehen, Liebster.« Und sie strich ihm das Haar aus dem Gesicht, mit einer jener halb mütterlichen Gebärde des Vertrauens.

»Daß wir auch so lang im Dunkel gesessen sind, dort drüben. – Hast Du den Mond heute Nacht gesehen und die große Milchstraße, die vielen winzigen Sterne, die man nur in ganz klaren Nächten sieht? Drück mich fest an Dich. Mir ist kalt.« Der Kandidat reichte ihr seinen müden Arm hinüber. Er knöpfte an seiner Weste und rückte den rotschwarzen Mullschlips, der widerspenstig unter dem Kinn flatterte.

»Laß uns jetzt miteinander scherzen, niemals früher wollten wir scherzen, wegen der alten Rechnungen. Ich hab sie zerfetzt. Zu was diesen albernen Trab den Schicksalen entgegen, so Bein vor Bein. Wir waren von den Pausen vergiftet.« Der Kandidat atmete tief, und schaute in den Himmel hinauf, wo noch ein Stück des verblichenen Mondes mit den andern Lichtern stritt. – Dann ergriff er Julias Hand und gähnte: »Ja – von den Pausen vergiftet.«

*     *     *

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