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Idyllen und Gedichte

Salomon Geßner: Idyllen und Gedichte - Kapitel 8
Quellenangabe
titleIdyllen und Gedichte
authorSalomon Geßner
modified20170815
typepoem
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Die Gegend im Gras.

Du hoher schwarzer Tannen-Hain! der du die Pfeil-geraden rœthlichten Stæmme dicht und hoch durch deinen dunkeln Schatten empor hebst; hohe schlanke Eichen! und du Fluß! der du mit blendendem Silber-Glanz hinter jenen grauen Bergen hervorrauschest, nicht euch will ich izt sehen; izt sey das Gras um mich her meine Gegend. Diese bewundernswyrdige Welt im kleinen, von unendlich mannigfaltiger Schœnheit; unendliche Arten Gewæchse, Millionen verschiedene Bewohner, theils fliegen von Blumen zu Blumen, theils kriechen und laufen umher, in Labyrinthen des Grases; unendlich mannigfaltig an Bildung und Schœnheit, findt jeder hier seine Nahrung, jedes seine Freuden; Mitbyrger dieser Erde, jeder in seiner Art vollkommen und gut. Wie sanft rieselst du voryber, kleine Quelle! durch die Wasser-Kressen und durch die Bachbungen, die ihre blauen Blumen emportragen; du schwingest kleine funkelnde Ringe um ihre Stæmme her, und machest sie wanken; von beyden Ufern steht das fette Gras mit Blumen vermischet; sie biegen sich heryber, und dein klares Wasser fließt durch ihr buntes Gewœlb und glænzet im vielfærbichten Wiederschein. Ich will izt durch den kleinen Hain des wankenden Grases hinsehn; wie glænzet das mannigfaltige Gryn, von der Sonne beschienen! sie streuen schwebende Schatten eins auf das andere hin; schlanke Kræuter durchirren das Gras mit zarten Aesten und mannigfaltigem Laub, oder sie steigen daryber empor, und tragen wankende Blumen. Aber du blaue Viole, du Bild des Weisen, du stehst bescheiden niedrig im Gras, und streust Geryche umher, indeß daß Geruch-lose Blumen hoch yber das Gras empor stehn, und pralerisch winken. Fliegende Wyrmchen verfolgen sich unten im Gras; bald verliert sie mein Aug im grynen Schatten, dann schwærmen sie wieder im Sonnen-Schein, oder sie fliegen zu Schaaren empor, und tanzen hœher in der glænzenden Luft.

Welch eine bunte Blume wieget sich dort an der Quelle? so schœn und glænzend von Farbe – – – doch nein! angenehmer Betrug! ein Schmetterling flieget empor, und læßt das wankende Græschen zuryk. Izt rauschet ein Wyrmchen, schwarz beharnischt auf glænzend rothen Flygeln vorbey, und sezt sich (zu seinem Gatten vielleicht) auf die nahe Gloken-Blume. Rausche sanft, du rieselnde Quelle! Erschyttert nicht die Blumen und das Gras, ihr Zephir! Trieg' ich mich, oder hœr' ich den zærtesten Gesang? Ja sie singen; aber unser Ohr ist zu stumpf, das feine Concert zu vernehmen, so wie unser Auge die zarten Zyge der Bildung zu sehn. Was fyr ein liebliches Sumsen schwærmt um mich her? Warum wanken die Blumen so? Ein Schwarm kleiner Bienen ists; sie flogen frœlich aus von ihrer fernen Wohnstadt, und zerstreuten sich auf den Fluren und in den fernen Gærten; aufmerksam wæhlend sammeln sie die gelbe Beute, und kehren zuryk, ihren Staat zu mehren, jede mit dem gleichen Bestreben, da ist kein myssiger Byrger; sie schwærmen umher, von Blume zu Blume, und verbergen nachsuchend die kleinen haarichten Hæupter in den Kelchen der Blumen; oder sie graben sich myhsam hinein, in die noch nicht offenen Blumen; die Blume schliesset sich wieder, und verbirgt den kleinen Ræuber, der die Schæze ihr raubt, die sie vielleicht erst Morgen der kommenden Sonne und dem glænzenden Thau entfaltet hætte.

Dort auf die hohe Klee-Blume sezt sich ein kleiner Schmetterling; er schwingt seine bunten Flygel; auf ihrem glænzenden Silber stehn kleine purpurne Fleken, und ein goldner Saum verliert sich am Ende der Flygel ins Gryne; da sizt er præchtig, und puzt den kleinen Busch der silbernen Federn auf seinem kleinen Haupt. Schœner Schmetterling! biege die Blume zum Bach hin, und sieh da deine schœne Gestalt; dann gleichest du der schœnen Belinde, die beym Spiegel vergißt, daß sie mehr als Schmetterling seyn sollte; ihr Kleid ist nicht so schœn wie deine Flygel, aber Gedanken-los ist sie wie du.

Was fyr ein wildes Spiel hebt ihr izt an, kleine Zephir? Sich haschend wælzen sie sich durch das Gras hin; wie ein sanfter Wind auf einem Teich Wellen vor sich her jagt, so durchwyhlen sie das rauschende Gras; die kleinen bunten Bewohner fliegen empor und sehen in die Verwystung hinunter; izt ruhen sie wieder die Zephirs, und das Gras und die Blumen winken sie freundlich zuryk.

Aber, ô! kœnnt' ich mich izt verbergen! Bedeket mich, ihr Blumen! Dort geht der junge Hyacinthus voryber, im schœnen goldnen Kleid; er eilt durchs veræchtliche Gras neben der Natur hin, und pfeift; sie mag ihn anlæcheln, fyr ihn ist das eine zu alte Schœne; er eilt zu Fræulein Henrietten, wo die schœne Welt beym Spiel-Tische sich sammelt; da wird sein Kleid Augen vom feinerm Geschmak besser entzyken, als ein glyhendes Abend-Roth. Wie wird er lachen, wenn er mich sieht, fern von der feinen Welt bey den Wyrmern im Gras kriechen! Aber verzeihen sie, Hyacinthus, wenn ich so dumm bin, ihrem schœnen Gang und dem Glanz ihres Kleides nicht nachzusehn; denn hier in diesem Græschen læuft ein Wyrmchen empor, seine Flygel sind grynlichtes Gold, und wechseln præchtig die hellen Farben des Regen-Bogens. Verzeihen sie, Hyacinthus, verzeihen sie der Natur, die einem Wurm ein schœner Kleid gab, als die feineste Kunst ihnen nicht liefern kann.

O wie schœn bist du, Natur! In deiner kleinsten Verzierung, wie schœn! Die reinesten Freuden misset der, der nachlæssig deine Schœnheiten voryber geht; dessen Gemyth durch tobende Leidenschaften und falsche Freuden verderbt, der reinesten Freuden unfæhig ist. Selig ist der, dessen Seele durch keine trybe Gedanken verfinstert, durch keine Vorwyrfe verfolgt, jeden Eindruk deiner Schœnheiten empfindt. Wo andre mit ekler Unempfindlichkeit vorybergehn, da læcheln mannigfaltige Freuden um ihn her. Ihm schmykt sich die ganze schœne Natur, alle seine Sinnen finden immer unendliche Quellen von Freude, auf jedem Fußsteig, wo er wandelt, in jedem Schatten, in dem er ruhet. Sanfte Entzykungen sprudeln aus jeder Quelle, dyften aus jeder Blum ihm zu, ertœnen und lispeln ihm aus jedem Gebysche. Kein Ekel verderbt ihm die immer neuen Freuden, die die Schœnheiten der Natur in End-loser Mannigfaltigkeit ihm anbieten. Auch in der kleinsten Verzierung unendlich mannigfaltig und schœn, jedes zum besten Endzwek in allen seinen Verhæltnissen schœn und gut. Selig! ô selig! wer aus diesen unerschœpflichen Quellen seine unschuldigen Vergnygen schœpft; heiter ist sein Gemythe, wie der schœnste Fryhlings-Tag; sanft und. rein jede seiner Empfindungen, wie die Zephir, die mit Blumen-Gerychen ihn umschweben.

 


 

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