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Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin

Eduard Mörike: Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin - Kapitel 8
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band I
authorEduard Mörike
year1967
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05651-x
titleIdylle vom Bodensee oder Fischer Martin
pages871-918
created19981214
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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Siebenter Gesang

                O glückselige Zeit, da der Jüngling blüht und die Jungfrau!
Unaufhaltsam gehst du dahin, nie wiederzukehren!
Gleichwie ein weitaussehendes Lied anhebet und freundlich
Jedem das Herz einnimmt (dies hoffet ein Sänger bescheiden),
Daß man der fliehenden Stunde nicht wahrnimmt und sich das Ende
Gerne verhüllt, doch kommt es zuletzt und die Töne verstummen:
Also verrinnt die gemessene Frist anmutiger Jugend.
Zwar auch der Mann, der dem Haus vorsteht und neben dem Weibe
Blühende Kinder ernährt, noch über die Mitte des Lebens
Grünet er neidenswert: dann aber empfängt ihn das Alter
Schon mit unwillkommenem Gruß, und dringet ihm Freundschaft
Auf, die jeden beschämt und welcher doch alle sich fügen,
Ehe das Bitterste naht; denn lieb ist das Leben auch so noch.

    Solche Gedanken, o munterer Greis, betrübten die Seele
Dir nicht am Abende dort auf dem Heimweg von der Kapelle,
Wo du den Schneider betrogst und früherer Jahre gedachtest.
– Aber ich singe die Strafe nunmehr, die du jenem bereitet.
    Sonntag war es gewesen, und schweigende finstere Nacht war's,
Als mit seinem Gesellen der Schneider den Gang nach dem Kirchlein
Antrat, bestens mit allem versehn, was die Absicht erheischte.
Ihn durchjästete ganz, wie ein giftiges Fieber, die Habgier,
Seit er die Glocke gesehn, die vermeintliche, drüben vom Hügel.
Denn am hellen Mittag dort standen sie, spähten und blinzten,
Öfter den Standpunkt wechselnd, hinauf; und die Hand vor die Sonne
Über dem Auge gedeckt, rief, schluckend in freudigem Schrecken,
Wendel zumal: »Da ist sie, bei Gott! Mit der unteren Schwellung
Sticht sie finster ins Licht, wie der Alte gesagt! und ein Weltsding,
Ein allmächtiges, wie mich bedünkt – die macht uns zu schaffen!«
– Gleichfalls sah der Geselle sie dann und bekräftigt' es lebhaft,
Trug hingegen war alles und Gaukelwerk des durchtriebnen
Greisen. Er war mit dem frühesten Tage bereits in dem Türmchen
Oben gewesen, indem er den Chor von außen erklettert
– Siebenzigjährig ein Jüngling noch –, in die Lücke des Kirchdachs
Stieg und über das Deckengewölb weglaufend zur Schnecken-
Treppe gelangte, von welcher hinabwärts hohl das Gemäuer
Hallte, der Stiegen beraubt. Dort aber ins Glockengehäuse
Hatte der Alte den Speck, um die diebischen Ratzen zu fangen,
Heimlich gebracht, und war, wie er kam, bald wieder gegangen.
Jetzt, in der Nacht, schon lange bevor ankamen die Diebe,
Wartet' er ihrer am Felsengestad, dicht unter dem Kirchlein.
    Weit noch waren die Schneider entfernt, die beschwerliche Leiter
Zwischen sich tragend; der Meister voran und hinten der Bube.
Während sie nun so gingen und keiner ein Wort mit dem andern
Redete, häufig die Ohren gespitzt, anhielten und horchten,
Kamen dem Wendel Gedanken der Furcht. Ihm fiel nacheinander
Ein was er früh in der Schule gehört von Wundergeschichten.
Bald wie ein Heiligenschänder gestraft ward, bald wie ein Räuber
Sein ruchloses Beginnen gebüßt, noch eh es vollbracht war;
Jener zumal, von welchem erzählt wird, daß er die Mutter
Gottes bestohlen im Dom, ihr strahlendes Bild am Altare,
Und wie die Himmlische seiner geschont anfänglich und stille
Hielt, da er frech aus der Hand ihr die goldene Kugel gebrochen,
Ja noch geduldig es litt, die Erbarmende, daß er den Mantel
Ihr von der Schulter geraubt, aus gediegenem Silber getrieben;
Aber indem er die Hand ausstreckte zuletzt, ihr die Krone
Selber zu nehmen vom Haupt – urplötzlich die mächtigen Arme
Warf sie um ihn und hielt so gefangen ihn bis an den Morgen,
Wo die erstaunende Menge den schon Entseelten befreite.
Noch auf den heutigen Tag steht sie mit gebogenen Armen,
Zum Wahrzeichen, die Heilige, dort und zur ewigen Warnung.
Aber – so tröstete Wendel sich bald – hab ich doch im Leben
Nichts dergleichen geglaubt! Und dächt ich, es wäre die Wahrheit,
Scheut ich die lumpige Glocke doch nicht. Ja wenn es die echte
Wär, und man führte sie über den See, ich wollte noch eher
Denken, es hätte Gefahr; daß sie etwa, schwerer und immer
Schwerer von selbst sich machend, das Schifflein brächte zum Sinken.
Aber so ist es ein Wechselbalg, ein elendiger. Diebe
Haben hieher sie gebracht, drum holen auch Diebe sie wieder.
    Dies und anderes sprach er bei sich. Und sie standen am Kirchlein,
Traten hinein und rasteten nicht erst, sondern der Bube
Schlug gleich Feuer und steckte das Blendlicht an (das der Schneider
Eigenhändig gemacht), es wurde die Leiter gerichtet
Und sie stiegen hinauf, nacheinander, mit Feilen und Zangen,
Bis an die steinernen Stufen und weiter so fort; der Geselle
Diesmal voran. Doch unhörbaren Tritts, in geringer Entfernung
Folgte der Fischer und blieb in der obersten Wendung der Treppe
Unter dem Schlupfloch stehn, so, daß er nur halb mit dem Kopfe
Ragt' aus dem Boden hervor, den jene soeben betraten.
Doch kaum hatte der Schneider beim streifenden Scheine des Lichtes
Flüchtig erblickt was im Stuhl dort Zweifelhaftes herabhing,
Als ihm der Mut einsank, und jetzo, näher getreten,
Starreten beide mit offenem Mund. Denn, ach, statt der Glocke
Schwebt ein Ungeheuer von Hut, dreieckig, am Stricklein!
Nicht ein solcher fürwahr, wie er Sonntags während der Predigt
Hinter dem Sitze des Schultheiß hängt, andächtiger Stille;
Noch wie der Schäfer ihn hat am festlichen Tage des Wettlaufs
Auf dem Gröninger Markte, geziert mit farbigen Nesteln;
Nein, wie im Acker der Landmann ihn aus der werdenden Furche
Unter der Pflugschar ziehet hervor und ihn wirft in den Graben:
Gelb vom Regen gewaschen der Filz und gedörrt an der Sonne,
Löcherig, ohne Gestalt, ein Auswurf seines Geschlechtes.

    Sprachlos waren die zwei, unfähig ein Glied zu bewegen.
Schnöden Verrats Ahnung und die Angst unauslöschbarer Schande
Trieb dem unseligen Schneider den Schweiß aus. Selber das tiefe
Schweigen des Orts – nur der Nachtwind blies durch die lockeren Laden –
Ward ihm ängstlich und schien noch größere Schrecken zu bergen.
Und so kam es auch jetzt; denn die nächtliche Stille zerrissen
Gellende, schreiende Töne der Dorfklarinette mit einmal,
Fröhlich genug, doch verzweiflungbringend dem Ohre der Frevler,
Und es entstürzte dem Nest jählings, vor Entsetzen, der Eule
Noch schwach flatternde Brut, daß der Flaum an den Balken umherflog.
Gar wohl kannten die Weise des schelmischen Liedes die beiden,
Welches begann: »Was gleichet uns Schneidern an Witzen und Listen.«
Ebenso schnelle errieten sie auch den unsichtbaren Spielmann,
Welcher zu spielen so lang fortfuhr in beschleunigtem Zeitmaß,
Bis ihm das Lachen den Blast abstieß, ihm die Pfeife vom Mund sank
Und er sich jetzo nach Lust ausschüttete, Tränen vergießend.
Vor aus dem Dunkel nun trat er und stand von der Leuchte beschienen.
Wendel gelangte zum Wort und ruhigen Tones begann er:
    »Alter! Ihr habt zwei Schneider im Garn – was hülfe das Leugnen!
Lacht nur, ich lache vielleicht noch mit: doch, seid Ihr's zufrieden,
Bleibe der Spaß unter uns! Wie meint Ihr, könnet Ihr schweigen?
Drei Maß Wein, Bärnauer Gewächs, sind Euer noch heute.«
    »Sei's drum« – sagte der Fischer: »es gilt! Hier nehmet die Hand drauf.«

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