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Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin

Eduard Mörike: Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin - Kapitel 6
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band I
authorEduard Mörike
year1967
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05651-x
titleIdylle vom Bodensee oder Fischer Martin
pages871-918
created19981214
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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Fünfter Gesang

            Schwebe nunmehr, o mein Lied, feldwärts auf beweglichen Schwingen!
Erst am hellen Gestade hinab, dann über das Fruchtfeld
Schräge den Wasen hinauf, der gemach ansteiget zum Waldsaum.
    Dort, in der Frühe des Hochzeittags, da noch auf den Gräsern
Blinkte der Tau und stärkenden Duft noch hauchte die Erde,
Stand bei den Eichen die holdeste Schäferin, hütend alleine,
Wie sie wohl manchmal tat an der Stelle des älteren Bruders.
Denn längst war sie geübt in den sämtlichen Künsten des Handwerks:
Wußte geschickt den unfolgsamen Stör mit der Schippe zu treffen,
Stieß in das Pfeifchen und schickte mit flüchtigen Worten den Schafhund
Hinter den irrenden Haufen herum und sie stoben zusammen.
Auch wenn der Bruder den Pferch aufschlug für die Nacht auf dem Felde,
Trieb sie die Pflöck in den Grund mit kräftig geschwungenem Schlägel.
Doch jetzt haftete ruhigen Blicks ihr Aug auf der Berge
Morgendlich strahlenden Reihn, die mit schneeigen Häuptern zum hohen
Himmel sich drängen; und jetzo die fruchtbaren Ufergelände
Flog sie entlang, und den herrlich besonnten Spiegel durchlief sie,
Welcher, vom Dunste befreit, schon wärmender Strahlen sich freute.
Hier arbeiteten Fischer im Kahn, dort schwand in die Ferne
Winzig ein Segel, indes schnell wachsend ein anderes nahte,
Und noch andre begegneten sich und kreuzten die Wege.
Rauch stieg auf von den Dächern des Dorfs, und irres Getöse
Kam undeutlich herauf von Menschen und Tieren; die Peitsche
Knallt' und es krähte der Hahn. Doch weit in den blauenden Himmel,
Über dem See und über dem wilden Geflügel des Ufers,
Kreiste der Reiher empor, dem Säntisgipfel sich gleichend;
Aber im Walde, zunächst bei der Schäferin, sangen die Vögel.
    Jetzt, indem nach dem Dorfe sie sah, kam hinter den Gärten
Tone, der Schiffer, hervor und trat in die offene Straße.
Da sprach jene verwundert für sich: ja, wahrlich, er ist es!
Sagten die Mädchen doch jüngst, er würde verreisen auf heute.
Trotzig geht er einher und getrost, doch, wie ihm zumut sei,
Dauert er mich auf ein neu's und muß ich denken, er ziehet
Weit in die Welt und kommt nicht mehr. Das aber ist Torheit,
Weiß ich wohl. Wie schön dem wandernden Buben der breite
Strohhut läßt mit dem hängenden Band – er hat ihn das erste
Mal heut auf – und mit silbernen Knöpfen die Jacke von Sammet!
Trude, was hast du gemacht, so wackeren Jungen verlassen!«
    Also sprach Margrete, die Schäferin, mit sich alleine,
Während er nah und näher herankam unten im Fahrweg.
Aber o welches von euch, ihr wehenden Lüfte des Morgens,
Führt' ihm das Wort zu Gehör? Denn mit einmal schaut' er herüber,
Stand und schaute nach ihr: da schien er sich erst zu bedenken,
Sprang dann über den Graben und stieg in der Furche des Kornfelds
Grade den Flügel herauf. Von Schrecken gelähmet, das Mädchen
Duckte sich nieder am Stamm der gewaltigen Eiche, sich bergend,
Saß und zog ihr kurzes Gewand auf die Knöchel der Füße
Hastig hinab, denn barfuß war in den Schuhen die Hirtin.
Gleich dann stand er vor ihr und bot ihr die Zeit, und sie gab's ihm
Mit schamlächelndem Munde zurück, unsicher die braunen
Augen erhebend; sie glänzten ihr hell im Schatten des Baumes.
Und er sagte sogleich: »Nach Buchhorn muß ich dem Vater;
Gibst du mir nichts in der Stadt zu bestellen? Es sei was es wolle.« –
»Dasmal nicht«, erwiderte sie: »dankswert ist der Antrag.« –
Hierauf wechselten sie gleichgültige Reden; doch abseits
Waren die stillen Gedanken gekehrt und auf anderen Pfaden
Hin und wieder betrafen sie sich und flohen sich alsbald
Scheu. Nun schwiegen sie gar, und er, an die Eiche sich schmiegend,
Blickte von oben auf ihre Gestalt. Da quoll ihm der Busen
Bang und wallete ganz vor sehnender Liebe das Herz ihm,
Welche zuvor ihm schon mit Verheißung leise genaht war,
Wenn dem Einsamen oft das liebliche Bild Margaretens
Sich vor die Seele gestellt mit Trost und Schwestergebärde.
Ach wie drang es ihn jetzt in überfließender Rührung
Auf einmal sein ganzes Gemüt vor ihr zu entdecken!
Aber ihm fehlte der Mut, und er fand nicht wie er beginne.
Endlich mit Not, nur daß er nicht blöd und seltsam erscheine,
Frug er, sich zwingend zum Scherz, mit erheiterter Miene das Mädchen:
    »Margret, singen wir nicht bald wieder zusammen den Kehrreim,
Wie dort, wo ich im Schiff euch fuhr und das Kälbchen ins Aug traf?
Traun, hier säng es sich schön, und niemand nähm es in übel.« –
Doch das errötende Kind am Boden mit spielendem Finger
Rupfte das Moos und sagte die ungeheuchelten Worte:
    »Nicht gern, Tone, das glaub, und heut am wenigsten denk ich
Gern an den leidigen Tag. Ich bin nicht schuld, es ist wohl wahr:
Aber, hat es mit euch auf ein End gehn sollen – ich sagt es
Gleich und sage noch jetzt – ich hätt doch können davon sein.«
    »Rede mir nicht so!« versetzte der Jüngling rasch mit bewegter
Stimme: dein Wort kränkt mich; denn so Gott will warest du damals
Mir zum glücklichen Zeichen dabei, und wahrlich umsonst nicht
Muß ich zuerst dir wieder am heutigen Morgen begegnen,
Der zu Schmerzen mir nur, zu Verdruß und Verschämung gemacht schien.
Diesen, ich lüge dir nicht, ich sah seit Wochen ihn kommen,
Eben als sei es ein Tag wie ein anderer; siehe, so ist mir
Völlig gewendet der Sinn! Noch kaum zwei Monate bin ich
Los von der Gertrud und – schon so viel Jahre mir deucht es.
Ja ich denke zurück und kann mich in dem Vergangnen
Selbst nicht wieder und kann nicht wieder das Mädchen erkennen,
Das mich betört, um das verzweifelte Liebe zuletzt noch
Dreizehn Tag und Nächte mit Fäusten mich schlug und würgte
(Wahrhaft sei es dir alles bekannt)! Doch mitten im Jammer
War ich entlassen der Pein; mich stieß ein plötzlicher Mut an,
Hoffnung kam in mein Herz, ich weiß nicht wieso, noch von wannen,
Denn nichts war mir bewußt, darnach ich irgend begehrte.
Nein, vielmehr, nur wie oft noch im Angesichte des Winters
Hell aus nacktem Gezweig ein Frühlingsvogel die Stimme
Hebt und zumal im Busen die staunende Freude dir wecket,
Also war ich erfreut und gewiß glückbringender Zukunft.
Meinem Geschäft nach ging ich getrost, und gesellte mich bald auch
Zur Kameradschaft wieder, wie vordem. Einmal, am Sonntag,
Hieß mich der Fischer mit ihm die Käthe besuchen in ihrer
Stube; da plauderten wir, und er, wie er immer zu tun pflegt,
Nahm vom Schranke herunter das Buch mit alten Geschichten,
Las ein Stück und das andere laut und plauderte wieder
Zwischenhinein. Indem so sah ich im Fenster ein braunes
Näglein stehen im Glas, und ich lobt es, weil es so schön roch.
Sagte die Käthe: ›Dir sei es geschenkt! ich hab es von einer,
Die verdrießet es nicht, weil du's bist, Tone; die Schäfrin
Gab mir's gestern, sie hat sie von allen Farben im Garten.‹ –
Sagt's, und redete noch, da kamst du just mit der Walburg
Langsam die Gasse herab im Gespräch und am Hause vorüber.
Alle wir sahen dir nach mit wohlgefälligen Blicken.
Sieh, und im Hinschaun kam mir ein Wort des herzlichen Lobes
Und dein Name mir über den Mund – so rührte dein Bild mich
In der Seele! so schön warst du! ja recht wie der Friede
Selber erschienest du mir! – Ich war wohl etwan ein wenig
Stille geworden; da blickten die Zwei sich mit heimlichem Lachen
An, doch taten sie nicht so fort, noch sagten sie etwas,
Und bald ging ich hinweg. Von Stund an aber, o Schäfrin,
Kamst du mir nicht aus dem Sinn, und war mein erstes Gedenken
Früh im Erwachen an dich, und mein letztes an dich, wenn ich einschlief,
Müd von sauerer Tagsarbeit. Schau, jegliche Nacht fast
Leert ich im Traum vor dir mit tausend Tränen mein Herz aus!
Aber am Tag, wie sollt ich zu dir mich finden? Ich sah dich
Kaum in der Kirche einmal und kaum auf der Straße von weitem.
Und mein Unglück machte mich blöd, ich wollte dich meiden
Eher als dir nachgehn. Doch heut, da ich dort von der Straße
Dich auf dem Hügel allein bei deinen Schafen erblickte,
Dacht ich: du willst nur hinauf, sie sehen und grüßen, und mehr nicht!
Denn so sprach ich bei mir in zweifelnder Seele noch gestern:
›Hüte dich wohl, ihr so bald und mit einem Mal zu verraten
Was dich im Innern bewegt! Nur seltsam gewiß und unglaublich
Müßte so plötzlicher Wandel das ehrbare Mädchen bedünken,
Ja sie scheute vielleicht und bliebe dir stutzig für immer.‹
Unfreiwillig jedoch, und trotz dem beschworenen Vorsatz,
Margret, sagt ich dir alles heraus, ich konnte nicht anders.
Aber so denke von mir darum nicht schlimmer als vordem!
Kennst du mich doch, und weißt, wie alles gekommen von Anfang.
Sprich mir ein freundliches Wort! nur soviel, daß du nicht unhold
Von mir denkst! ich lasse dich dann und gehe zufrieden.«
    Sprach es, der Schiffer, und hielt sich nicht mehr: an die Seite der Hirtin
Sank er danieder ins Moos; sie aber bedeckte mit ihren
Händen das schöne Gesicht voll Glut und die strömenden Augen.
Himmlische Freude durchdrang, unfaßbar, welche dem Schmerz gleicht,
Ihr wie betäubendes Glockengeläut den erschütterten Busen.
Staunend blickte der Jüngling auf sie und rührete schüchtern
Ihr an die Achsel: »Was ist dir?« frug er, in steigender Ahnung,
Nahm ihr die Hände hinweg vom Gesicht, und es lachten die klaren
Augen ihn an, mit Tränen gefüllt unsäglicher Liebe.
Aber der Jüngling umschlang mit brünstigen Armen das Mädchen
Fest, und sie küßten einander, und hingen ein Weilchen sich also
Schweigend am Hals und fühlten die stärkeren Schläge des Herzens,
Sahen aufs neue sich an und herzten einander und lachten
Hell vor unschuldiger Lust, und schienen sich selber ein Wunder.
Tausendfältig sofort mit Worten bekräftigten beide
Sich, was wieder und wieder zu hören die Liebenden freuet.
    Ruhig indessen am Abhang weideten nieder die Schafe,
Vom aufmerksamen Wächter bewacht; auch schaute die Hirtin,
Oft vorbeugend ihr Haupt, nach der Schar, ob keins sich verlaufe.
    Hoch stand aber die Sonne, schon sechs Uhr schlug es im Dorfe,
Und es gemahnte die Zeit jetzt, ach, den Schiffer zum Abschied.
Zehnmal sagt' er bereits Lebwohl, und immer von neuem
Hielt er die Hand, die bescheidene, fest und hub er von vorn an.
Endlich erhoben sie sich, und, gelehnt an das Mädchen, der Jüngling
Sah in die Gegend hinaus. Ach, wieviel anders erglänzten
Jetzo die Berge vor ihm! und der See und der herrliche Morgen!
Ihn durchzuckte sein Glück, ein inneres Jauchzen versetzte
Jäh in der Brust ihm den Odem, er seufzete tief und küßte
Margareten die Stirne noch einmal, ging dann und kehrte
Nach drei Schritten sich um, und sagte die bittenden Worte:
    »Gib ein Zeichen mir mit auf den Weg, ein Blatt von der Eiche,
Oder was immer es sei von dir, zum tröstlichen Zeugnis
Dieser Stunde, damit ich im stillen daran mich bestärke!«
    Sprach's und löste zugleich die silberne Schnalle von seinem
Hemde, die breit, herzförmig, er vorn am Halse getragen;
Reichte sie ihr, und das willige Mädchen, geschwinde besonnen,
Sah am Boden zunächst, am knorrigen Fuße des Eichbaums
Liegen die Tasche, darin ihr Morgenbrot und ihr Betkranz
War, aus Bein, in Messing gefaßt, ein teueres Erbstück
Noch von der Ahne: den nahm sie heraus und drückte die Lippen
Innig darauf, gab dann in die Hand dem Liebsten das Kleinod,
Der es begierig empfing und sogleich am Herzen verwahrte,
Wie sie die silberne Schließe verwahrt am wärmenden Busen.
Jetzo, mit lang aushaltendem Kuß erst trennte das Paar sich.
    So denn hatte sein besseres Glück dem redlichen Jungen
Alle die Schmerzen zumal der vergangenen Tage vergütet.
Eh noch am Traualtar dem gekuppelten Mann sich die Falsche
Unwiderruflich verband, o Jüngling, umfingst du mit Freuden
Jene, die längst, in der Wiege, dir schon zudachte dein Schicksal.
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