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Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin

Eduard Mörike: Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin - Kapitel 5
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band I
authorEduard Mörike
year1967
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05651-x
titleIdylle vom Bodensee oder Fischer Martin
pages871-918
created19981214
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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Vierter Gesang

              Nicht zwölf Wochen fürwahr, nachdem sich dies alles begeben,
Sah man, im Sonntagsrock, mit dem Blumenstrauß in dem Knopfloch,
Eifrig den Hochzeitbitter im Dorf umher und der Gegend
Laden die Gäste zu Ehren der Gertrud und dem Gesponsen.
Und schon hatte geheim sich die männliche Jugend verschworen,
Alle, was hiesige sei'n, nicht teil am Tage zu nehmen;
Weder zur Kirche zu gehn, noch im Hirschen zu Tanz und Gelage;
Auch, wenn am Morgen der Zug mit Musik von der Kirche geholt wird,
Nicht wie sonst mit Pistolen und Stutzern im Winkel zu passen
Und mit verdoppeltem Knall die errötende Braut zu begrüßen.
Selber die Mädchen, so viel rechtschaffener Dirnen im Dorfe
Waren zu selbiger Zeit, die auf Ehre noch hielt und auf Treue,
Standen ihr ab insgesamt, durch die kühnere Käthe begeistert,
Märtes Verlobte; sie gab den übrigen immer das Beispiel.
    Käthchen, o treffliches Kind, mit beredsamen Lippen, und Augen
Hell und wahr wie der Tag! noch seh ich dich dort auf der Wiese
Hand in Hand mit den andern im Reihn lustwandeln am Sonntag.
Euerer achte begegnetet ihr Gertrud an der Mutter
Sommergarten – es hatte noch kaum die Geschichte verlautet –
Alsbald fingt ihr sie ein im geschlossenen Ring, die Bestürzte.
Scherzweis noch, und als glaubtet ihr's nicht, sprach ein und die andre:
»Du! was ist es mit dir? Es geht ja die Rede, du hättest
Neues Werg an der Kunkel, man rüste dir eilend die Mitgift:
Aber wir glauben es nicht, wir hörten es denn von dir selber.
Darum gib nur Bescheid auf der Stelle, nicht eher entkommst du.«
– Und sie verleugnet' es kaum. Da schauten die Mädchen einander
An, halb lächelnd und schadenfroh: doch nicht so die Käthe,
Sondern das Wort nahm diese, und dicht vor die Stirn ihr tretend
Las sie der Falschen den Text: das ging risch rasch wie ein Wetter-
Regen, der schräg ins Gesicht dem reisenden Manne daherfährt,
Spitzige Schloßen dazu, feindselige, nicht zu ertragen,
Daß er verdummt dasteht und sich duckt und blinzelt; es macht' ihn
Aber der Wind barhäuptig und rollet den Hut auf dem Acker
Weit, und gebrochenen Laut von den Lippen nur raufet der Sturmwind.
Endlich, der Weinenden, wie sie hinwegstrebt', rief sie das Wort nach:
»Geh nur hin! und miß dir in schefflige Säcke die Batzen!
Möchten wir dich nur bald aus dem Ort gehn sehn und der Markung!
Gar nichts wollen wir künftig von dir! ja mich ärgert der Bach schon,
Welcher das Rad dir treibt an deiner geizigen Mühle,
Daß er uns fällt in den See! Doch will's Gott steckt er ihn nicht an:
Weit gnug ist er und breit – ich mein, so ein Tropfen verliert sich,
Und der Tone verschmerzet noch wohl ein Mädchen wie du bist!«
    So, mit zornigen Tränen im Blick, ausschaltst du sie tapfer,
Weil sie den Freund des Geliebten, den treuesten Jungen, betrübte.
– Damals glaubtest du nicht, bald selber den Liebsten zu kränken,
Bitterer weit als jene vermocht, in eiligem Siechtum
Scheidend vom lieblichen Leben hinweg, aufs Jahr, wenn der See blüht,
Eh du den eigenen Tag der Vermählung erblicktest, o Jungfrau!
Deiner gedenket die Muse mit Leid so oft als der Frühling
Über den See neu wieder die schwimmenden Teppiche lässet
Gleiten aus goldenem Staub und dem Fischer die Garne vergoldet.
    Jetzo verweile mit Lust mein Blick im Kreise der Jugend
Und bei dem lustigen Rat, den Märte, der Schelm, sich ersonnen,
Daß er räche den Freund, ein großes Gelächter bereitend,
Wider den Willen desselbigen zwar, doch es ließ ihn nicht ruhen;
Und frei war ihm das Feld. Denn früh am Tage der Hochzeit
Ging der Beleidigte weg nach der Stadt, in Geschäften des Vaters,
Zu der versammelten Schiffherrnzunft, und gedachte noch weiter
Um ein Stündchen zu wandern am See hinunter, nach Manzell,
Wo ein Vetter ihm saß, ein Seiler, sein herzlicher Pate;
Denn er wollte daheim nicht den Tag, den verhaßten, mit ansehn.
    Als nun die Stunde der Trauung herankam und schon zum andern
Mal das Geläute erscholl, da fuhren auf rasselnden Wagen
Von zwei Seiten zum Dorfe herein die Verwandten des Brautpaars,
Männer und Fraun, auch vom Ort nicht wenige richteten hurtig
Sich zur Kirche; jedoch der blühenden Dirnen kein halbes
Dutzend sah man im Zug, und diese gehorchten den Eltern.
    Indes spähte vom Fenster daheim auf die sonnigen Straßen
In Hemdärmeln der Märte hinaus durch das grünende Weinlaub,
Welches, gedrängt an die Scheiben umher, der getäfelten Stube
Kühligen Schatten verlieh; denn heiß kam frühe der Tag schon.
Still war alles im Haus, und Vater und Mutter zur Kirche.
Hinten im Lehnstuhl schlummert' der Ehni, es lag in der Wiege
Neben das Kleinste, sein Enkel, und schlief; schwach regte der Wedel
Noch in der Hand sich des Alten, sein Haupt umsummte die Fliege,
Und ihm war das Gestrick von den Knieen gesunken des Netzes,
Das er zur Hälfte bereits mit hölzernen Nadeln vollendet.
Dies ja war sein Geschäft, des Erblindeten, seit er die Garne
Nimmer geschleppt auf das Boot und den freundlichen See nicht gesehen.
    Märte nun aber, indem er am Fenster den Hans und den Frieder,
Zwei Kameraden, ersah, ging eilig und trat in die Haustür,
Winkte die beiden herein und sie folgten ihm über die enge
Höckrige Stiege hinauf nach dem oberen Boden des Hauses,
Wo viel altes Gerümpel umherstand und am Gebälke
Hing unbrauchbares Fischergerät voll Spinnengewebe.
Vorn in der Hellung jedoch des geöffneten Ladens am Schornstein
Sah man gelehnt – fürwahr dem Beschauer ein Schrecken im Anfang –
Grinsende Puppen, ein seltenes Paar, in menschlicher Größe,
Welche der Schalk aus Werg und aus Heu kunstreich und mit alten
Haderlumpen zusammengestoppt; auch Pfähle umwand er
Dick mit Stroh: so begabt' er mit Armen und Beinen die Leiber.
Doch die Gesichter zu malen auf Leinwand mußte des Nachbar
Schreiners Gesell Bleiweiß und Mennige leihen und Kienruß;
Flachs hing aber dem Manne vom Haupt, an der Stirne mit gradem
Schnitte gekürzt, wie der Müller sich trug; und Haare vom Roßschweif
Deckten die Scheitel der Braut, zum ärmlichen Zopfe geflochten.
Also waren sie strack und steif, nur die Kniee gebogen,
Nebeneinandergesetzt auf die eisenbeschlagene Truhe,
Welche den nächtlichen Fleiß so manches vergangenen Winters,
Köstliche Ballen gesponnenen Tuchs, verwahrte der Hausfrau.
    Hell aufjauchzten die Bursch' und lachten unbändig, sobald sie,
Wer die wären, erkannt. Da sagtest du, sinniger Fischer:
Jetzo sind sie noch nackend, ihr seht es, gleichwie im Garten
Eden die Menschen gewesen im Anfang, unsere Eltern:
Doch ihr sollet im Feiergewand sie schauen, ein jedes
In der Farbe, so ihm vor andern geliebt und vertraut ist.
Diese begehrt ausbündigen Staat, ein gleißendes Taftkleid,
Cochcorot, und es ist ihr gewährt, so viel es mich kostet;
Leibchen und Rock (ich habe den Zeug erst heute bekommen)
Ganz aus Ackerschnallen gemacht, wie sie eben im Kornfeld
Blühn und die reifende Saat im Wechsel erheitern mit blauen
Nelken. Zu Wams und Hosen erwählte sich diese der Peter.
Blume an Blume gesetzt, mit Zwirn und Baste verbunden –
Kein Kramladen, noch Warengewölb, ihr möget in Konstanz,
In Sankt Gallen und fort bis Paris nachfragen, verkauft euch
Feinere Stück wie die, und das rote zumal für die Trude!
Trudelchen hieß sie bis heut, nun soll sie die Trudelmadam sein!
Wären sie selbst nur hübscher von Antlitz, besser gebaut auch!
Dafür kann ich halt nicht, so wurden sie einmal erschaffen.
– Wißt, auf die Nacht ergötzen sie sich mit uns auf dem Tanzplatz!
Diesen erratet ihr nicht wo er ist; denn weder im Hirschen,
Weder im Adler bestellten wir Hochzeit; nicht in der Stube,
Nicht im Saal, auf der Straße nicht ist's, noch Wiese, noch Wald ist's,
Auch nicht der See: nein alles zumal – nun ratet das Rätsel!«
    Sprach es der Fischer, und jene zerbrachen umsonst sich die Köpfe.
Also eröffnet' er ihnen, sie wollten hinaus in die grüne
Herberg ziehn insgeheim miteinander, die sämtlichen Buben.
Dies ist dort im Gehölz ein vermooseter trockener Weidplatz,
Fast viereckig, mit Eichen besetzt und luftigen Birken,
Einem geräumigen Saale nicht ungleich; aber vor alters
War es ein Sumpf. Unferne dem Dorf, an der Ecke des Waldes,
Führet ein Holzweg hin; nur selten befährt ihn ein Fuhrwerk.
Drossel und Mönch singt dort ungestört und die Amsel dazwischen
Orgelt von früh bis zum Abend ihr Lied, die zufriedene Weise.
Du auch, wenn dir's gefiele um unsere Ufer zu wohnen,
Fändest das was dich erfreut, o Nachtigall; doch du verschmähst uns.
    Weiter nun sprach zu den zween, die begierig ihn hörten, der Fischer:
»Sagt, wo ihr Ort und Gelegenheit mögt pläsierlicher finden,
Sei es im Dorf, in der Stadt, und sei's in den Gärten der Städter?
Aber den Platz fein auszustaffieren, daß jedes ihn lobe,
Soll uns die Trude (wir fragen sie nicht) von dem Ihrigen borgen,
Höret! Zu Mitten der Nacht, wenn drunten im ›Hirschen‹ der Lebtag
Und das Gewühl erst recht angeht, doch ruhig die Straßen
Wurden im übrigen Dorf, da schleichen wir uns an des Jörgen
Tenne – sie liegt uns eben gerecht am Ende des Fleckens –;
Drin herberget für heut, ich weiß, ein geladener Wagen,
Über und über bepackt mit unendlicher Habe der jungen
Müllerin, unserer schönen, die stets froh war des Besitztums.
Zwar es gedachte derselbe nur erst bei lieblicher Tagszeit
Morgen gemach mit Rossen die sichere Straße zu fahren,
Bärnau zu; doch anders ihm schmierte die Räder das Schicksal.
Du sollst, Ächzender, nachts irrtümliche Wege durchs Brachfeld
Schwanken, dem Holz dort zu die unwillige Deichsel gewendet!
Alldort laden wir ab in Ruh, und ein sämtlicher Hausrat
Wird an den grünenden Wänden umher beim Scheine der Fackeln
Sorgsam verteilt und ganz die erfreuliche Wohnung gegründet.
Ohne Verwunderung nicht, wie mir ahnet, ja sicher mit großen
Freuden begrüßt sich das Paar in der sonst unwohnbaren Wildnis
Als wie daheim, sieht aufgeschlagen sein mächtiges Ehbett
Selbst, das gesegnete, dort und schmauset am eigenen Tische.«
    So sprach, trockener Miene, mein Freund; da schnalzt' mit dem Finger,
Hoch aufspringend, der Hans und rief voll Jubels der Frieder:
»Spitzbub du! o durchtriebene Haut, vom Galgen gestohlen!
Schöneres hast du nimmer erdacht, es ist wahrlich dein Hauptstreich!
Mag sie doch bersten, sie hat es verdient, vor Scham und Erbosung,
Sie und ihr Schöps und die Mutter zugleich mit der kuppelnden Base!
Aber wie fangen wir's an, unbeschrien zu vollbringen das Wagstück?
Nicht leicht ist es, bei Gott! Auch die Nacht hat Augen und Ohren.«
    »Dies«, entgegnete Märte, »bereden wir alles am Kornhaus
Mit den übrigen zeitig genug um Ave Maria.
Jetzund, wie wir in einem es halten, vernehmet und gebt mir
Beifall. Euerer Hilfe bedarf's, ich rief euch umsonst nicht.
Eine Zechkompanie, wie im Ort noch keine erlebt ist,
Stellen wir an – verstehet mich wohl, dem Tone zu Ehren,
Weil er dem Meerkrokodil durch göttliche Fügung entronnen.
Wär er selber dabei, was gäb ich! Aber die Ohren
Sollen ihm klingen die Nacht vom Vivatrufen und Heisa!
Unserer zwanzig wir legen zusammen; ein preußischer Taler
Auf den Mann sei das mindeste: zwei zahl ich, und da sind sie!
Gleich nun geht ihr herum bei den andern – die mehresten wissen
Schon was es gilt –; dann kaufet ihr ein was teuer und gut ist.
Wein fürs erste, vom besten ein Fäßchen; ich rechne ein Imi
Zwei; Weißbrot und Käse verhältnismäßig; der Müller,
Unser Bräutigam, ist als ein wackerer Esser berufen –
Hieran denket mir ja; dann am Kaffee sollt ihr nicht sparen:
Trudelchens Herzbalsam ist der Kaffee, wenn ihr's noch nicht wißt.
Braten sodann und Salat; ich hieß den Metzger ein Säulein
Rüsten. Das Fleisch tragt nur und die Würst in den Adler': die Sephe
Macht es im Kessel uns gar, sie will mir's gerne zulieb tun.
Fisch' bring ich; Blaufelchen und Stichling'; auch mit den roten
Tupfen die Grundforelle: von achtzehn Pfund ein Gewaltstier
Hab ich – wüßte mein Alter darum, die stünde zu Mittag
Heut vor den Hochzeitgästen im ›Hirsch‹, so gewiß wir den Essig
Auch wohl finden dazu! Dann Lichter zu schaffen vergeßt nicht!
Lichter genug, daß helle der Saal und die köstliche Tafel
Glänze! Auch fichtene Fackeln insonderheit etliche Dutzend
Haltet bereit; wir haben sie nötig. Dies alles bestellt denn
Ohne Verzug. Und schickt mir des Lorenz Jungen, den Klumpfuß,
Der so saubere Flechtarbeit in Weiden und Rohr macht.
Sagt ihm, es gebe Verdienst. Er muß mir helfen das Brautpaar
Kleiden. Schon liegen die Blumen bereit; zwei Körbe gehäuft voll
Schleppten die Kinder mir heim, ich halte sie frisch mir im Waschhaus;
Und nun läßt mich im Stiche die Käth, auf die ich gerechnet!
Ja sie macht alle mir scheu, daß keine der Närrinnen hergeht!«
    Sprach es, der Fischer, und schalt auf die Dirnen, unbilligerweise.
Denn ihm hatte sein Mädchen sogleich, wohlmeinend mit Eifer
Ihre Gesinnung erklärt und gesagt: »Uns stünd es nicht fein an,
Mutwill zu üben an ihr und Unglimpf ihr zu erweisen,
Die doch eine der Unseren hieß und groß mit uns wurde.
Schau, wie glaubte sie wohl und nähm es nur irgend zu Herzen,
Daß es ein Ernst uns sei und daß sie sich habe versündigt?
Drum nichts Liebes von uns und auch nichts Böses erfährt sie.
Ihr seid Buben und tut was ihr wollt, doch sollst du gewarnt sein:
Treibst du es wieder zu arg und mußt wie neulich vor Amt stehn
(Denn dich nimmt man zuerst), ich gönne die Buße dir wahrlich!
    Dies, aufrichtigen Sinns und voll Klugheit, sagt' ihm die Käthe.
Aber der Hans und der Frieder sofort mit lachendem Munde
Liefen alsbald, zu vollziehn was der sinnige Fischer sie anwies.
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