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Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin

Eduard Mörike: Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin - Kapitel 3
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band I
authorEduard Mörike
year1967
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05651-x
titleIdylle vom Bodensee oder Fischer Martin
pages871-918
created19981214
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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Zweiter Gesang

              Also erzählte der Fischer und endigte seine Geschichte.
Ruhig am Boden die Pfeif ausklopfend, empfing er des Schneiders
Dank, der höchlich ihn pries, vorab sein gutes Gedächtnis.
»Aber«, so fuhr der Wendel nun fort, »wo kam denn die Glocke
Selber am Ende noch hin, die zuletzt für die rechte gedient hat?
Wurde sie etwa verkauft im Aufstreich, oder, ich will nicht
Hoffen, geraubt, wie die erste, von gottvergessenen Händen?«
    Ernstlicher Miene versetzte darauf der Befragte mit Schalkheit:
»Besser verborgen ist manches dem Menschen, denn daß er es wisse,
– Sagt ein vortrefflicher Lehrer, Ambrosius, wenn es mir recht ist.
Denn wovon einer nicht weiß, und läg es ihm auch vor der Nase,
Dessen begehret er schon selbst nicht, daß er solches entwendend
Sein Gewissen beschwere, mit Gott so vermied er den Fallstrick.
Doch euch darf ich vertraun was ich nur in voriger Woche
Erst zufällig entdeckt; auch sagt ihr es beide nicht weiter.
Hört denn: weder verkauft im Aufstreich wurde die Glocke,
Noch kam sonst sie abhanden, durch Gaudieb', oder zur Kriegszeit,
Wo ja, zerstückt und zum groben Geschütze gegossen, schon manche
Lernte den schrecklichen Dienst: vielmehr zur Stunde noch hängt sie
Droben in ihrem Gebälk. Kein Mensch denkt dran und ich selber
Wunderte mich; doch zweifelt ihr etwa, so geht nur ein dreißig
Schritte zunächst da hinauf im Neubruch, neben des Schusters
Weinberg, bis zu dem Nußbaum links, da könnt ihr sie sehen,
Durch den zerrissenen Laden! Sie tritt mit der unteren Schweifung
Halb ins Licht; dem schärferen Aug entgeht sie nicht leichtlich.
Niemand weiß es bis jetzt, durch mich zum wenigsten niemand,
Außer dem Schultheiß, dem ich sogleich pflichtschuldige Meldung
Tat. Er salviere sie nur, eh es ruchtbar wird in der Gegend!
Wohl bald fänden sich da Liebhaber; ich stünde nicht gut für.
Denn an Gewicht drei Zentner, ich setze das mindeste, hat sie.
Kommt auf das Pfund ein Gulden, so macht sich die Rechnung von selber.
    »Mein!« rief Wendel erstaunt: »was sagt Ihr! wäre die Glocke
Noch im Stuhl? Sankt Velten und alle Heiligen! hätte
Das auch einem geträumt? Ja, Fischer Märte, da habt Ihr
Weislich gehandelt und schön, daß Ihr's gleich anzeiget dem Schulzen!
So was nur gleich vors Amt und vor die Behörde, so ist man
Quitt und außer Verantwortung, es falle was will vor.
Ei so sag doch ein Mensch den Streich! Die Glocke seit fünfzig
Jahren vergessen im Turm! Natürlicherweise, die Stiegen
Fehlen solang es mir denkt, wer sollte sich dahin versteigen!«

    Also ereiferte sich mit fliegenden Worten der Schneider.
Aber der Alte erhub sich gelassen und sagte: »Die Sonne
Macht sich hinunter, und ich will heim, sonst hab ich vom Weibe
Zank ins Essen. Ihr mäht wohl noch euer Restchen? Der Abend
Ist schön kühl und morgen am Sonntag ruhet die Sense.«
    Grüßend verließ er die zwei, die nimmer gedachten der Arbeit.
Doch nur etliche Schritte zum Schein fort lief er und schlich dann
Sacht an die Mauer zurück und horcht', ob etwa nicht Wendel
Irgend sich ließe verlauten mit bösem Gelüsten, nachdem er
Ihn durch betörende Reden versucht von wegen der Glocke.
Denn sie war nimmer vorhanden in Wahrheit. Aber dem Schneider
Keimte geschwind im Busen der sündige Samen und sproßte
Stracks auch die Blume, die glänzende, schon des beschlossenen Frevels;
Ja schon waren ihm weit die Gedanken entführt, nach dem Ziele
Schwärmend die Kreuz und Quer, unschlüssig nur wie er es angriff.
    Kurz noch schwieg er und sprach zum Vetter die prüfenden Worte:
»Will man warten, bis unsere Herrn vom Rate die Glocke
Holen – ja, helf ihr Gott! was gilt's, sie hat Füße bekommen?
Daß auch kein Nagel von ihr im Holz bleibt, das will ich schwören!
Mir ein wackerer Mann ist der Schultheiß, aber pressieren
Tut ihm nichts und wenn ihm das Stroh im eigenen Bett brennt.
So der Heiligenpfleger, der Bürgermeister, sie lassen
Fünfe nur auch grad sein: ich könnte Geschichten erzählen.
Sicherlich ist die Sache bereits verträtscht und im halben
Flecken herum, nun kriege nur morgenden Tags so ein Jude
Wind, so ein Kesselflicker vom Allgäu oder Zigeuner –
Wutsch! hat der Henker sie fort. Dann werden sie kommen die Herren,
Werden beaugenscheinigen langs und breits, und mein Schultheiß
Hält die Dose sich über dem Bauch und streichelt den Deckel:
›Hier ist‹, sagt er, ›das Loch, da kam er herein der Halunke!‹
So und so. Das nennt man den Tatbestand, mußt du verstehen,
Gar eine schöne Sache: das Ei zwar holte der Marder,
Aber man weiß doch ehender wie man's ohne geworden.
Mord! das soll nun ein Bürger, ein denkender, alles voraussehn,
Und ihm sollt es nicht wurmen ins Herz, wenn der Kirche Besitztum
Und der Gemeinde verliederlicht wird, von Ketzergesindel
Heimlich verschachert in Eil, wohl unter der Hälfte des Wertes,
Aber das Geld in der Zeche vertan, in Würfel und Karten,
Welches mit ringerer Sünde daheim den hungernden Kindlein
Käme zugut, da ein Segen die Untat würde vergüten?
Nein! mich kränkt es, mich fickt's und – Bursch, das müssen wir hindern!
Ein Weg leuchtet mir ein. Er ist nicht ganz in der Ordnung,
Sag ich frei, doch ist es einmal ein leidiger Notfall.
Nehm ich des Wesens mich an, ich tu es mit Zittern und Zagen!
Doch kein Mensch erfahre davon. Wir bringen selbander
Morgen den Schatz beiseit, veräußern ihn wie er den Wert hat,
Keinen Heller zuviel und keinen Heller zuwenig.
Aber der Kirche verbleibt der Gewinst. Man wartet ein Weilchen
Zeit und Gelegenheit kommt, wir stiften ein schönes Gewandstück
Oder Gerät – ich habe das noch so genau nicht erwogen,
Wie oder was – nur daß wir die Kirche bedenken vor allem!
Fällt dann für uns was ab, wir nehmen's mit gutem Gewissen.
Eine Kappe mit Bräm und güldener Zottel, du hättst sie
Lang für den Winter am Sonntag gern; eine maserne Pfeife,
Silberbeschlagen, ein Ulmer Kopf auch stünde dir gut an.
Das sind meine Gedanken, ich handle mit dir wie ein Vater.«
    So weit ließ sich der Schneider heraus und steckte den Burschen
An, der vor Schmunzeln das Maul schon nicht mehr brachte zusammen,
Wegen der Kappe mit Bräm und wegen der stattlichen Pfeife.
Minder nicht freute sich jener geheim des wackeren Helfers
Bei dem bedenklichen Fall; denn stark von Gliedern und handfest
War der Gesell, er selber jedoch war schwächer am Leibe.
    »Ja«, so fuhr er nun fort, »Mir könnte gelegener selbst nicht
Kommen ein kleiner Profit, es ist ein gnädiges Wunder.
Auf Kiliani hab ich den Rest zu bezahlen dem Maurer,
Der mir das Häuschen geflickt aus dem Grund, bevor es zusammen
Über dem Kopf mir brach; dann wäre dem Michel das Fleckchen
Wiese noch feil bei der meinen, – wenn's Tuch wär, nicht mit der Schere
Schnitt man's gätlicher zu; sei' s um zehn Taler, so hab' ich's!
Hinten, der Länge nach, fließet der Bach: da wird mir das Krebsrecht
Obendarein: nichts lieber von Kind auf tu ich wie krebsen!
Dann schwatzt täglich mein Weib mir vor um ein sauberes Halstuch,
Nur leicht seiden, geflammt; zwar auf so ein Ding wie ein Kunstherd
Red'te sie auch schon hin; das wär ihr einziges Leben.
Kunstherd! – ei ja freilich! warum nicht gar eine Baßgeig!
Steffen, wir sagen ihr nichts. Siehst du, gleich fallen die Weiber
Ins Marktfieber, wenn unverhofft so ein Geldchen ins Haus schaut.
Werd ich ja selbst schon sorgen und tun was billig und recht heißt.
Ist für die Kirch was übrig, inallweg soll's ihr gegönnt sein,
Ob sie es schon nicht braucht; ich ziehe mein Wort nicht zurücke.«
    Solchergestalt verdrehte der listige Mann sich die Rede
Frei im eigenen Mund, ihn kümmerte wenig die Stiftung;
Selbst dem Gesellen zu schmälern den Anteil hofft' er im stillen.
Aber der Fischer von außen vernahm mit innigem Lachen
Jegliches Wort. Er war auf den Gurt an der Mauer gestiegen,
Dicht am Fenster das Ohr, und biß sich die Lippen, der Alte,
Und sie besprachen sofort, wie sie wollten die andere Nacht schon,
Die auf den Sonntag käme, heraus mit Leitern und Stricken,
Auch mit Feilen und Zangen und was sonst wäre vonnöten,
Statt der Laterne das Blendlicht führend, zu mehrerer Vorsicht.
    »Haben die Glocke wir los«, sprach Wendel, »aus Klammer und Banden,
Wälzen wir leicht auf Hölzern sie vor bis zum größeren Schalloch,
Vorn nach dem Feld, wo hoch wir das Kleeheu schochen zu Haufen,
Daß sie gelind auffalle. Denn ob man am Seil sie hinunter
Bringe, bezweifl' ich dir stark: hiezu schon braucht es der Winde,
Aber vor Tag noch führen wir sie, verborgen im Kleeheu,
Auf dem Wägelchen heim und bergen sie wohl in der Scheuer.
Drüben am See da wohnt mir ein guter Bekannter, in Steinach,
Ein Rotgießer von Profession; er handelt mit allem
Was nur klingt, es sei alt oder neu; der mag sie verkaufen
Unter der Hand für mich, so hab ich den mindesten Schaden.
– Komm, wir steigen einmal auf die Höh, ob man heute noch etwas
Sieht; zwar glaub ich es nicht, zu dunkel schon will es mich dünken.
Morgen spazieren wir wieder heraus, wenn die Kirche vorüber,
Vormittags, und visieren vom Weinberg, wie es bestellt ist.
– Hätt ich den Märte nicht selber gehört, beim Wetter, ich glaubte
Jeden zum besten gehalten von ihm! doch sprach er's im Ernste,
Sah man wohl, und der Schalksnarr ist ihm endlich vergangen,
Den er wohl ehe gespielt, da er jung war, wie sie erzählen.
Jetzund brechen wir auf, und das Gras mag wachsen derweile.
Bis Montag, ich sage dir, wirst du vieles erleben!«
    Sprach's, weissagend, der Schneider, und schleunig erhoben sich beide.
Aber hinweg schon hatte sich leise der Horcher mit langen,
Weit ausgreifenden Beinen gemacht, bis wo das Gebüsch ihn
Deckte. Gemächlich so fort nun schlendert' er neben den Erlen
Hin, auf dem Fußpfad längs dem Berg, und es blühten dem Greise
Von scherzliebender Jugend die rötelnden Wangen noch einmal.

    Ländliche Muse! nun hemme den Schritt und eile so rasch nicht
Fort an das Ziel! Du liebest ja stets nach der Seite zu schweifen,
Und ruhst wo dir's gefällt. So wende dein offenes Antlitz
Hinter dich, fern in die Zeit, wo dein Liebling, jung noch mit andern,
Kühnerer Taten sich freute. Vergönn uns einen der Schwänke,
Deren er jetzo gedenkt auf dem Heimweg dort nach dem Dorfe.
Niemals-Alternde, du hast alles gesehen mit Augen!
Selbst auch hast du ihn manches gelehrt, mithelfend am Werke,
Und die roheren Kräfte mit deinem Geiste gemildert.
Sing! und reich, die wir lang nicht übten, die Flöte dem Dichter!

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