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Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin

Eduard Mörike: Idylle vom Bodensee oder Fischer Martin - Kapitel 2
Quellenangabe
typepoem
booktitleSämtliche Werke Band I
authorEduard Mörike
year1967
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05651-x
titleIdylle vom Bodensee oder Fischer Martin
pages871-918
created19981214
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1846
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Erster Gesang

                Dicht am Gestade des Sees, im Kleefeld, steht ein verlaßnes
Kirchlein, unter den Höhn, die, mit Obst und Reben bewachsen,
Halb das benachbarte Kloster und völlig das Dörfchen verstecken,
Jenes gewerbsame, das weitfahrende Schiffe beherbergt.
Uralt ist die Kapelle; durch ihre gebrochenen Fenster
Streichet der Wind und die Distel gedeiht auf der Schwelle des Pförtleins;
Kaum noch hält sich das Dach mit gekrümmtem First, ein willkommner
Schutz vor plötzlichem Regen dem Landmann oder dem Wandrer.
Aber noch freut sich das Türmchen in schlanker Höhe den weiten
See zu beschauen den ganzen Tag und segelnde Schiffe,
Und jenseits, am Ufer gestreckt, so Städte wie Dörfer,
Fern, doch deutlich dem Aug, im Glanz durchsichtiger Lüfte.
Aber im Grund wie schimmern die Berge! wie hebet der Säntis
Silberklar in himmlischer Ruh die gewaltigen Schultern!

    Hoch noch weilte die Sonn in Westen und wärmte des Kirchleins
Mauern; es schattete zierlich im Fenster die steinerne Rose
Innen sich ab an der Wand, an welche gelehnt auf den kühlen
Platten die Mähder vom Dorfe den Trunk einnahmen, der Schneider
Wendel und seines Weibes Verwandter, ein lediger Bursche,
Steffen genannt; die zwei. Zu ihnen gesellte sich grüßend
Martin, der Fischer, ein Siebziger schon, noch munter und rüstig;
Nicht wie seines Gewerbes die anderen, denen der Geist sich
Stumpft im gemächlichen Tun des gleich hinschleichenden Tages,
Denen die Zunge sogar in stummer Fische Gemeinschaft
Auch erstarrt, ein freundliches Wort nur mürrisch erwidernd.
Er nun stand in der Türe. Den Mostkrug reichte der Schneider
Ihm zum Bescheid und fragte, nachdem er getrunken, den Alten:

    »Fischer, wie lang ist's her, seit daß die Kapelle den Meßner
Nimmer gesehn und daß sie kein Vaterunser gehört hat?
Doch wohl ein sechzig Jahre, so schätz ich, oder darüber?«
    Aber der andere sagte darauf: Mitnichten! Es denkt mir,
Als ich ein Bursche mit achtzehn war, da pflegten die jungen
Ehfraun noch hierher am dritten Tag nach der Hochzeit
Beten zu gehn, nach altem Gebrauch, wann eben der Morgen
Grauete über dem See. Mit einer Gefreundtin alleine
Ging sie, die Neuvermählte, verhüllten Hauptes, und brachte
Eine wächserne Kerz und ließ den Küster die Glocke
Für sich läuten da droben, als welches besonderen Segen
Bringen sollte den Fraun, da mit ihr sich ein Wunder begeben.
Hievon habt Ihr gehört, doch wissen es wenige gründlich.«
    Dies die Worte des Alten; darauf der Schneider ihm zurief:
»Setzet Euch her, und trinkt! wir haben noch Weile zu plaudern.
Kommt, und erzählt aus dem Grund, so wie Ihr sie wißt, die Geschichte!«
    Jener nun ließ auf den Estrich zu ihnen sich nieder, die Pfeife
Holt' er, die täglich gebrauchte, hervor, mit dürftigem Rohre,
Zog dann listigen Blicks dem Schneidergesellen den Knaster
Aus dem Wamse, das neben dem Krug und Brode gelegen
(Ein Dragoner zu Pferd auf dem Päcklein rühmte die Sorte
Als der Gesundheit dienlich und von preiswürdiger Güte):
Jetzo brannte das Kraut und der Fischer begann die Erzählung.

    »Anna hatte, die Gräfin, von ihren Gütern das beste,
Weinberg, Felder und Wald, dem Kloster geschenkt auf dem Todbett;
Denn sie verstarb als Wittib und ohne Kinder auf ihrem
Schlößchen, davon auf dem Bühl noch stehen die wenigen Mauern.
Aber es war ihr Bruder der Abt bei den Benediktinern
Im Stammkloster, er hieß Ernfried. Alljährlich im Sommer,
Wenn der Fischer aufs neue das Netz auswirft und den Barsch fängt
Und den Felchen zumal, den Leibtrost geistlicher Herren,
Kam er einmal an den See, um der Mönche Wirtschaft zu mustern,
Wie sein Amt ihm befahl, und die leibliche Schwester zu sehen.
Dieser gedachte nunmehr, zu ihrer Seele Gedächtnis,
Eine Kapelle zu baun, unfern dem Kloster. (Man sah dort
Aus den Fenstern hierher auf den Platz.) Und sie hoben das Werk an,
Steckten das Viereck aus und den schmälern Chor nach der Morgen-
Seit und gruben den Grund. Nicht lang, so stockte der Spaten
Kreischend an hartem Metall, und es kam ein eherner Dreifuß
Bald an das Licht – so heißet das fremde Gerät in der Chronik –,
Hoch und schwer, mit mancherlei Zierat, Schlangen und Laubwerk;
Messer sodann und Beil' und Opfergefäße von Kupfer,
Heidnische: denn es hauseten hier vorzeiten die Römer;
Auch ein gegossenes Bild ward vor aus der Erde gezogen,
Armslang nur, mit Schild und mit Schwert, ein gerüsteter Kriegsgott.
Als nun die Mönche verwundert den Fund auf dem Platze beschauten -
›Sieh!‹ sprach einer, ›das ist von ungefähr nicht, und der Anfang
Kündiget Segen dem Haus und Kloster! Bevor wir den ersten
Stein zum Grunde gelegt, ist, mein ich, die Glocke dem Kirchlein
Gnädig geschenkt, und es mußte das Erz ihm reichen der Heide.
Sagt, wo rühmte sich sonst noch eine Kapelle desgleichen?
Wo wird eine wie sie mit gläubigen Gaben geehrt sein,
Wenn sie nun steht an dem Ufer und bald ihr Ruf sich verbreitet?‹
– Alsbald fielen die andern ihm bei; doch einer bestritt ihn.
Pater Eusebius war er genannt, vor allen den Vätern
Fromm und gelehrt, kunstreich und in alten Geschichten bewandert,
Welcher mit lieblichen Farben und Gold ausmalte die Bücher.
Dieser vernahm ungern, daß jene die seltsamen Stücke
Einzuschmelzen beschlossen, wofern es gefiele dem Prior.
Der nun gab den Bescheid, ein Teil, was künstliches Werk sei,
Soll nach dem Kloster gebracht, im Saal bei den Büchern verwahrt sein,
Aber den Kessel, die Schüsseln und mächtigen Schalen, die schmucklos
Wären und glatt, die möge man ohne Bedenken dem Gießer
Lassen zum Guß und was an Gewicht noch fehle darauf tun.
Also schien es gerecht und waren es alle zufrieden.

    Jetzo wuchsen gemach von Tag zu Tage die Mauern
Längs dem Gerüst in die Höh, und zunächst in der Hütte der Steinmetz
Eilte die Bogen und Fenster zu haun aus dem gelblichen Sandstein.
Kommenden Frühling, so war es bestimmt, den Tag vor des Herren
Auffahrt, wollten sie weihen das Haus. – Und es nahte die Zeit nun.
Blank in der Werkstatt hing beim Meister im Städtlein die Glocke,
Sauber von Ansehn, glatt und kraus, auch stattlich an Umfang.
Aber nicht jenem zur Lust und keiner christlichen Seele,
Sondern zum Schrecken vielmehr und großen Entsetzen gedieh sie
Jeglichem. Denn als der Gießer sie anschlug, sanft mit dem Hammer
Prüfend am äußeren Rand, und stärker und wie er nur wollte,
Seht! da verweigert' sie stracks den Ton und war es nur eben
Als man klopfe zum Spott an die lederne Haube des Kriegsmanns
Oder an klotziges Blei. Da stand nun der Meister und kratzte
Hinter dem Ohr, ratlos und schwieg, Unsauberes merkend,
Vor den Gesellen. Er hätte vielleicht sie gerne verheimlicht,
Wie man ein Scheuel verbirgt vor den Augen der Menschen, ein Mondkalb
Oder zauberisch Ding, unrichtiges, welches verflucht ist.
Aber es drängten die Leute sich zu in Scharen, und einer
Sprach, aus dem Hause getreten, nachher zu dem andern im Heimweg:
›Sagt! wann ist solches erhört in der Welt? Wohl glaub ich dem Alten,
Daß er den Guß fehllos nach der Regel gemacht und die Speise
Pünktlich gemischt nach der Kunst; ich wett Euch, sein ist die Schuld nicht.
Wisset, sie hat den Satan im Leib, von wegen des Erzes,
Drin sein blutiges Opfer empfing vor alters der Abgott.‹
    So denn befand es sich auch, und die Mönche bezeugten es selber.
Einige rieten, sogleich in den See die Glocke zu stürzen,
Jählings hinab in die Tiefe, bevor ausbräche das Unheil,
Doch unweislich erfand man den Rat: leicht konnte der Geist ja
Zornig im Grund aufwühlen die Wasser und über die Ufer
Treiben in Sud und Dampf den gewaltigen See, zum Verderben
Stadt und Land. Nun kam von dem Prior gesendet ein Pater,
Nicht von den Seinen, versteht, ein Franziskaner vom Thurgau,
Der sich auf die Beschwörung verstand und die Geister in Zwang nahm.
Diesen sobald nur die Sonne hinab war, führte der Meister,
Wo das Unheimliche hing, in die Kammer dort neben der Werkstatt,
Drin er allein ihn ließ (ihn stach nicht mächtig der Fürwitz –
Wendel, was dünkt Euch, bliebt Ihr dabei? Euch könnt ich es zutraun,
Denn das Sprichwort lügt wohl an Euch: es hätten die Schneider
Mut vor dem Feind ein Quentlein und wo es sicher ein Pfündlein).
Bald auch spürte der Pater, er hab es mit einem der Schlimmen.
Denn hart griff er ihn an, neun Stunden, eh daß er sich einmal
Rührte der Fuchs voll List, als wär er nicht in dem Neste.
Aber es tat nicht gut und der Tanz fing an mit dein Morgen,
Heftig. Da haben den Geist in der vierten Gasse die Nachbarn
Lachen gehört aus dem Erz und schrein mit erzener Stimme,
Gleichwie im Wald den brünstigen Hirsch, und hätte die Glocke
Krümmen sich mögen, bekannte der Mönch, und winden, da nun er
Aus der gequälten sich riß als ein Windbraus und in die öde
Luft mit Seufzen entwich. Und also war es gewonnen.
Gott dann lobte der Mönch und rief in Eile den Meister,
Dieser zugleich die Gesellen, auch andere kamen von selber,
Viele, zu sehn wie es ward und wie er nun weihe die Glocke,
Die noch empört nachdröhnte mit weinenden Tönen den Aufruhr.
Dreimal sprengt' er das Wasser und gab ihr den Segen, der Priester.
Aber zum Schluß, nachdem sie gestillt war, sprach er gelinde,
Nah hin neigend zum Rande den Mund, die bedeutsamen Worte:
›Lieblich sei, wie dein Name, nun auch deine Stimme, Maria!‹ –
    Wie wenn zur Frühlingszeit im Gärtlein hinter dem Hause,
An der rebenumzogenen Wand, der sonnigen, etwan
Seine Bienen der Bauer behorcht, im Korbe, zu wissen,
Ob sich bereite der Schwarm, und schon in der summenden Menge
Hell mit feinem Getön, stoßweise die Königin dutet,
Werbend um Anhang unter dem Volk, und lauter und lauter
Unablässig sie ruft, so sang von selber die Glocke,
Vom holdseligen Klange berührt des liebsten der Namen,
So auch horchten die Männer und horchten mit Lächeln die Frauen.

    Als am gesetzten Tage sofort allhier bei dem Kirchlein,
Auf dem geebneten Feld und dort vom Gestade hinaufwärts
An dem Hügel, schon viel Andächtige standen versammelt
Und, das neue Gebäude zu schenken der heiligen Jungfrau:
Wegen Anna, der Gräfin, nunmehr im Namen des Abtes,
Von den Vätern umgeben, im schönen Ornate der Prior
Selber erschien und den Raum einnahm vor der größeren Pforte,
Sah man auch schon von der anderen Seite den ländlichen Aufzug
Kommen des Weges daher vom Dorf, wo zuvor schon die Unsern,
Alt' und Junge, den Gießer bewillkommt und die Gesellen
Samt dem gesäuberten Werk. Nun bogen sie hinter dem Weinberg
Eben hervor und der Küster voran (zu eigenen Diensten
War er dem Kirchlein bestellt); ihm folgete billig der Meister;
Aber mit stetigem Schritt dann zwei Maultiere des Klosters:
Dicht aneinandergeschirrt und geschmückt mit hängenden Kränzen,
Trugen ein Polster, darüber bequem das scharlachgedeckte
Blatt mit der zierlichen Glocke. Sie stand aufrecht in der Mitte,
Schön mit Rosen bekränzt, und zum Schutz ihr hüben und drüben
Saß ein Knabe vom Dorf und ein Mädchen, erlesene Kinder,
Vierzehnjährig, und saßen gelehnt an die glänzende Glocke
Auf dem Teppich, der tief an beiden Seiten herabhing.
Jener auch hatte, der Knabe, den rings mit farbigen Bändern
Prangenden Klöppel vor sich, den schweren, aus Eisen geschmiedet,
Sie das genestelte Seil als ein Bündlein neben sich liegen.
Paar und Paar dann folgten in Feierkleidern die Jungfraun
Unseres Dorfes, zu Ehren der gottesfürchtigen Gräfin.

    Aber der Kommenden freuete sich und des herrlichen Anblicks
Alle das Volk; da gingen sogleich entgegen der Brüder
Drei, durch die weichende Menge herein die Glocke geleitend
Bis in den offenen Kreis, wo hart am vorderen Eingang,
Unter das Türmchen geführt, haltmachten die Tiere. Sie waren
Bald entledigt der Last, als hoch aus dem obersten Fenster
Niedergelassen das doppelte Seil mit dem Haken den Henkel
Faßte, den starken, und frei die glänzende Glocke nun schwebte,
Jedem, die rosenbekränzte, zur Schau. Und es machte der Meister
Fest inwendig den Schwengel mit Riemwerk; dann zu dem Prior
Sprach er den Spruch, wie der Brauch ist, laut, daß ihn alle vernahmen:
›Diese, des Gießers Tochter, die Glocke, begehret und wünschet
Dienst am gesegneten Haus; Euch übergeb ich sie fehllos.‹
– Hierauf nahm er die Kränze herab und gab sie dem Mädchen
Nächst zur Hand, auch die flatternden Bänder, und stieß er die Glocke
An mit dem Eisen von innen, zur Probe; da schwang sich ein heller
Ton aus ihr, weitkreisend umher, inkräftig und lauter,
Daß unverwundert ihn keiner vernahm, laut priesen ihn alle.
Doch jetzt winkten die Väter und alsbald ward sie von oben
Auf am Seile gewunden und währt' es nicht lange, so hing sie
Läutend mit Macht im Stuhl; es ergötzte sich selber der weite
See, so viel er auch andre gewohnt war täglich zu hören,
Schöne, das Ufer hinauf und hinab, so große wie kleine.
Nach dem verrichtet' der Prior sein Amt und weihte die Schwelle,
Wände, den kleinen Altar und las er die Messe der Toten.
    Also war es bewandt mit dem Ursprung dieser Kapelle
Nach Wahrheit. Nun mehrete sich der Gläubigen Zulauf
Jährlich, der Frauen zumal, die jüngst in die Ehe getreten.
Denn die Verheißung bestand, daß die hier knieten und hörten
Singen die Glocke das Lob der hochgepriesenen Jungfrau,
Denen würde geschenkt, daß sie kein Stummes noch Taubes
Sollten gebären dem Mann. Da kamen sie häufig mit Gaben
Weither. Aber die Zeiten sind anders geworden hernachmals.
Seht nur rings um den See die verödeten Stifter! Was ehdem
Heilig erschien und für selig erkannt war unter den Menschen
Allen, es galt kaum noch; und den Betgang taten die Unsern
Selbst auf die Letzte mit Not und Scham, weil die ledigen Bursche
Ihnen am Weg aufpaßten vor Tag und neckten die Weiblein –
Dieser Sünde, so viel wir auch sonst Unziemliches übten,
Zeihe mich keiner! – Auch war das allein nicht Ursach; die Glocke,
Hieß es, wäre gestohlen und eine andere hinge
Droben im Stuhl, von keinerlei Kraft und nüchternen Klanges.
Ehdem hörten sie drüben in Rheinegg läuten und Arbon
Oft, wenn helle das Wetter und nicht entgegen der Wind war,
Aber hernach nicht mehr. So verkam der Gebrauch, dem der Pfarrer
Kaum nachfrug, doch wünschten ihn viele zurück von den Alten.
Aber das Kirchlein zerfiel von Jahr zu Jahr; was die Zeit nicht
Tat mit Regen und Wind, zerstört' und raubte der Mutwill.«

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