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Idiotenführer durch die russische Literatur

Bertha Diener: Idiotenführer durch die russische Literatur - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorBertha Eckstein-Diener
titleIdiotenführer durch die russische Literatur
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1925
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Psychologie

Motto:

Was ist das gerade mir ganz Unerträgliche? Das womit ich allein nicht fertig werde, was mich ersticken und verschmachten macht? Schlechte Luft! Schlechte Luft! Daß etwas Mißratenes in meine Nähe kommt. – – Daß ich die Eingeweide einer mißratenen Seele riechen muß – – – – Was hält man sonst nicht aus an Not, Entbehrung – – – bösem Wetter – – –

(Zur Genealogie der Moral)

 

Käme nur ein einziges Mal in einem Roman Dostojewskis jemandem die Erleuchtung, ein Fenster aufzumachen, zwei Drittel aller Psychologie entwichen mit den Übrigen und auf der Stelle.

Gerade jetzt und hier aber kommt es zu paß, sich nichts entgehen zu lassen; was da west oder verwest, noch ungelüftet in der Substanz, lediglich auf seine Struktur hin zu besehen, und was es denn mit dieser ganz neuen Menschenkunde eigentlich auf sich habe.

Sie folgt in ihrer Totalität ungewohntem Schema. Ein Bild erläutere es: man kann betrachten das gesamte psychische Geschehen als einen Strahl, geradlinig herausschießend in der Richtung des Schicksals, obwohl man weiß, er pflanze sich eigentlich in lauter Transversalschwingungen fort, in einem Oszillieren von Impulsen, Motiven, Stimmungen, ganz quer gelagert zur dominanten Strahllinie, doch betont man bewußt nur diese und läßt das gegenständig vorwärtstreibende Flimmern seelischer Molekularbewegung außer acht. Umgekehrt kann man absehen von der sichtbaren Strahlrichtung selbst und den Augpunkt verlegen in eben dieses ununterbrochene Hin- und Herzittern psychischer Inhalte.

Das Strahlenbild gilt, wie jedes Gleichnis, nur bedingt, denn die Motive, Triebe, Impulse von Moment zu Moment schwingen natürlich nicht einfach transversal zwischen ihren Polen ja – nein, ja – nein, sondern überlappt noch, verknotet, entwirrt wieder, gebremst, verschränkt, rückläufig, vordrängend flirren sie durcheinander.

Noch eine dritte seelische Anschauungsform besteht außer diesen beiden und zwar in genialster Verkürzung, wo ein langes Schicksal gegeben ward, zu schauen, »wie Gott die Zeit schaut: als durch ein Rohr – alles auf einem Haufen.«

Nur zartestem Adel, weise naiv, gelingt das bisweilen, etwa dem Wolfram von Eschenbach, wenn er von Parzivals Mutter nichts weiter sagt als eben dies:

Frou Herzeloid' diu rîche
in drier lande wart ein gast:
sie truoc der fröuden mangels last.
der valsh sô gar an ir verswant,
ougè noch ôre in nie dâ vant.
ein nebel was ir diu sunne.

In den wenigen Zeilen: »sie trug der Freuden mangels Last, der Falsch an ihr so sehr verschwand Auge noch Ohr ihn nie da fand, ein Nebel war ihr die Sonne« allein liegt für den tiefer Horchenden, und zwar restlos, alles durchlebt, was die andern Psychologien in zwanzig Jahre Geschehen auseinander zu schildern gezwungen wären, und eben darum bliebe unerreicht die feine Zermalmung, die Fremdheit aus der Trübe und in der Abkehr gleichgültige Vollendung.

Kunst obersten Ranges bedient sich nun, wo sie psychologisch wird, was nur als Mittel und sparsam im Maß geschieht, womöglich aller drei seelischen Betrachtungsarten; so zu sehen am Wallenstein, wo feinstes Quergeflimmer, der geheimnisvoll zerrende Schicksalsstrahl und schließlich wieder in wenigen Zeilen »alles auf einem Haufen« beisammen ist.

Dostojewskis Stärke liegt in der zweiten Anschauungsform. Er verschwelgt sich im Molekularen; zeigt nacheinander und klug mit Gegenphasen auch durcheinander all das auf, was, scheinbar quer zu Tat und Willensrichtung, von Moment zu Moment im Menschen aufhöhnt, zischt, bremst, zuckt. Dieses Umlagern aber fesselt die Handlung, denn es entfesselt endloses Gerede. Da sich pausenloses Empfindungsoszillieren nicht in lauter Geschehnisse symbolisch umsetzen läßt, müssen die Figuren den größten Teil ihrer Psychologie irgendwie sagen. So ist der ganze Roman »die Sanfte« ein einziger psychologischer Monolog. Aus diesem Grunde, nicht etwa weil sie es nicht wüßte oder zu schildern nicht vermöchte, meidet die Weltliteratur von je ein unaufhörlich lückenloses seelisches Detail. Lediglich an kritischen Stellen, wenn der Strahl gleichsam in ein neues Medium tritt und von ihm eine Ablenkung der Lebensrichtung erfährt, nur bei diesem Aufprall wird alles Quergezitter mit offenbar, weil dort von seinem Einfallswinkel die Brechung im Schicksal abhängt. Nur da bekommt es Sinn.

Denn was bestimmt letzten Endes das Geheimnis jener Strahlrichtung, die das Fatum einer Seele darstellt? Nur die Momente realer Auswirkung. Mag ein erosbefallener Mensch, allein im Zimmer, bis in seine Abgründe erschüttert, in Paroxysmen von Haß zu Verzückung hin und her geschleudert werden nach seines Herzens rätselhaftem Maß; Verhängnis schlägt das Stimmungspendel erst im Entscheidungs- und Entschlußmoment zur Tat, dem stets von außen aufgedrungenen; nach welcher Seite es da gerade schwingen wird, auf welche Phase im Gegenspieler gerade treffen wird, kommt aus dem Abgrund der Zeit, ist unvorsehbar, unabwendbar, steht unter holdem oder üblem Stern, zu binden und zu lösen. An solcher Lebensstelle kann innerhalb der gedrängten Vielfalt des Moments die Bedeutung der feinsten Schwebung am Kunstwerk riesenhaft werden, wie es ein Sonderinstrument zuweilen im Orchester darf.

Dostojewski aber schwellt die lückenlosen Affektwechsel zum Selbstzweck auf, sie fesseln ihn so sehr, daß er immer wieder am Narrenseil der Psychologie aus der großen Kunst hinausläuft.

Dazu an fahler Verödung kommt die Unsichtigkeit alles Geschehens. Bei Dickens etwa – nicht »dem ersten Psychologen der Weltliteratur«, sondern einem Meister des Romans, sieht man die Seelenwege eines ganzen Stadtviertels, ihr Schwälen, sich Verschränken, Zerkränken, Verwühlen einfach daran, wie dort eine Katze ausschaut im Gegensatz zu anderen Gegenden, ohne daß die Bewohner ein Wort zu reden brauchen. Bei Dostojewski ist niemand, auch keine Katze, gesehen, neu herausgesehen aus ihrer Eigenart bis in das letzte Schwanzhaar, als welches intensivstes Heraussehen jedes Gegenstandes und Wesens in einen neuen Leib, wahrer als Wirklichkeit, eben den Kosmos Kunstwerk ergibt, den mit Sonnen, Irr- und Wandelsternen die Hand seines Herrn hinausrollt in die Zeitlichkeit. Hier aber spiegelt keine Welt, Allgestaltige, Inneres auf einmal; im Nacheinander wird es von den Menschen gesprochen und da sogar noch einmal reduziert zu Rhythmus, weil dem Unmusikalischen der Melos fehlt. Er hat nur ein mehr Stottern oder Rasen, Dehnen, Verzögern der Rede, wie das Strichpunktsystem der Morsezeichen, für inneren Wechsel zur Verfügung und muß gleichsam an einem endlos tickenden Telegrammstreifen seinen Leuten, die ohne Landschaft sind, buchstäblich die Seele aus dem Mund herauszerren.

Wenn diese endlosen Streifen zu Hauf sich dann untereinander verknäulen ins Unentwirrbare, rinnt es immer noch wie Entzücken um jene oberste Erdkruste aus Kaffeehaustischchen, wo einst die Parole entstand, Seelenkunde begänne erst hier. Es gibt eben eine sich selbst befriedigende psychologische Geilheit an sich, die Wert und Lustgehalt einer Psyche, unabhängig von Wuchs, Art, Zielhöhe, lediglich in ihrer Verwickeltheit sucht. Es ist da ein dem Orgasmus offenbar verwandter Taumel vorhanden, wie er etwa durch das dauernde Suchen des linken Ohres mit der rechten Hand zu entstehen scheint, wo die Verschränkungsmöglichkeiten dieses relativ einfachen Vorganges bis zu Ratlosigkeit und keuchendem Irrsinn einen anders nicht erreichbaren Lebensreichtum vorfingern müssen.

Nur einem ganz Urteilslosen, also etwa dem heutigen Durchschnittsleser, aus und lüstern wie er ist nach wanzenflachen Fix- und Fertigkeiten, kann man weismachen, Dostojewski sei seelisch reicher, weil komplizierter als etwa – mit solchen Vergleichen wird nicht gekargt – Homer, dessen Gestalten noch primitiv, nur eine einzige Eigenschaft verkörperten, wie bereits ihr »schmückendes Beiwort« beweise. Als ob der »listenreiche« Odysseus schon beim Frühstück listenreich wäre und immer so weiter den ganzen Tag nur »listenreich« und nicht überdies so viel der Zärtlichkeit, Kühnheit, Ehrfurcht, Sehnsucht, Schwermut, Schonung durcheinander besäße, wie nur je einer, dieser »heilige Dulder«; oben der Pallas Freund, unten an den Wurzeln von chthonischen Göttern umtastet. Nur daß er – Vollmensch – zu alledem noch eine Feengabe List hinzuempfangen hat, wieder fächerig gebrochen von Verschlagenheit zu Infamie, von Schelmerei zu grauenhafter Weisheit.

Dieses Plus an lebendiger Essenz, das gleichsam keinen Platz mehr findet, fließt über als Klangfluidum »der Listenreiche«; auf dieser rhythmischen Verbreiterung kommt der Name dann jedesmal dahergeschwommen, sie inselt ihn heraus von andern Vollmenschen mit anderm Überfluß, wie der Königsring die Kartusch des einen Pharao vom Nächsten.

Doch ist erfreulicherweise ja nicht abzuleugnen, daß Homerische Gestalten, als Griechen und Wohlgeratene, mit dem ganzen Reichtum eines übermenschlichen seelischen Erlebens, durch seine heroische Einordnung nach gewaltigen Achsen, schließlich auf gleich kommen, während Dostojewskische Figuren, als Russen und Unterwertige, es trotz aller Aufregung bloß zu einem verdienten Kolportageschicksal bringen, ohne mit ihm fertig zu werden.

Erledigt geboren, steht keiner unter steigender Sonne, keiner mit der Stirn in den Sternen, keiner wird in der Liebe körperlich wunderbar, oder weiß auch nur um die kristallne Verzückung von etwas Vollkommenem.

Es wird nichts aus ihnen, weil sie zu sehr damit beschäftigt geblieben sind, ja keinen Zug an sich unaufgezeigt zu lassen und nur nicht zu vergessen, auf alle ihre Widersprüche herz- und hirnlicher Verzwicktheit nachdrücklich hinzuweisen, als Mannequins der eigenen Psychologie.

Schließlich schaufeln diese Lemuren immer wieder auf höchst verwickelte Methode sich und Dostojewskis Kunst das Grab.

Züge und Krämpfe. In Lemuria, dem einzig erlebten »Ort der Handlung«, interessieren ihn meist nur sie – Gestalten mehr als ihre Träger. In den Entwürfen findet man ein Bordereau voll Zügen, die er bald der einen Figur gibt, um sie der andern zu nehmen. Es kommt ihm nicht darauf an, ursprünglich geplante Charaktere zu spalten, jeden Teil jetzt mit der Strecke auf ihn entfallender lückenloser Psychologie allein durch andere Romane zu schicken.

Nun scheint es gleich, wie Einer es macht, was er macht, nur gilt: das Werk. Jedes Wie und jedes Was aber sind schon rätselhaft als Eins gekeimt aus einem magischen Drüben, als Wille zur Qualität: Gestalt.

Geht es um sie, kann etwa Balzac, vielleicht der gewaltigste Romancier, daher nicht nur mit durchdringendster Seelen-, sondern auch Sachkenntnis bevorzugt, was Züge betrifft, von spartanischer Kargheit und unbestechlichem Gewissen sein.

Jener steinreiche und steinharte alte Bauer, den ihm das Leben als Entwurf zum Vater der »Eugenie Grandet« geliefert, hatte, um Überführungskosten zu sparen, die Leiche seiner Frau in einen Koffer gezwängt und sie so als »Freigepäck« in der Postkutsche mit sich in das Städtchen genommen, wo die Familiengruft lag. Da die Leichenstarre inzwischen eingetreten war, konnte der Körper an Ort und Stelle nicht mehr gestreckt werden, und der Schreiner sah sich genötigt einen dreieckigen Sarg für sie zu zimmern.

Im Roman steht davon kein Wort. Ein dreieckiger Sarg. Aus Geiz. Man stelle sich nur vor, was es bedeuten will, wenn ein Autor auf solch eine Trouvaille verzichtet, die ihm Natur selbst in die Hand drückt. Doch Balzac, dem es um mehr ging als Psychologie, die nur ein Glied ist am Leib echter Kunst, der die Ehrfurcht kannte vor dem Eigenleben des Stoffes und die transzendente Verantwortung der Maße, wußte wohl, daß dieser krönende Zug – mochte er psychologisch so richtig sein, wie er wollte – falsch war in der Ausgewichtung, um ein Geringes zu überspitzt nach der Groteske hin, gerade hier, im Gegenstand zum Rhythmus am Schicksalswuchs der Eugenie, einem der wundervollsten Wesen im unbefleckten Silbergrau entsagender Vollendung.

Dieser Gigant der Phantasie, Explosivstoff, schweifender Magier, ist zugleich Diener an der Offenbarung des jenseitigen Imperativs: Gestalt, und daher in der Kunst ein Gott, sonst wäre er trotz aller Grandiosität nur ein Kuriosum geblieben.

Warum eigentlich diese lästige, scheinbar vermeidliche Beschränkung auf streng Umrandetes?

Dringt Maßlosigkeit nicht weiter? Nein. Eben dieses Häutchen aus Maß, dieser äußerste Rand aus Hingabe und Entsagung; daß etwas sich so, gerade so, nur so abgrenzt von allem Übrigen, gehorsam der »Idee«, schenkt ihm das Grenzenlose. Denn jetzt erst – durch ein Kontinuum von Qualität herausgeeinzelt – als Ganzgeschlossenes besitzt es einen Mittelpunkt. Dieser aber muß, wo immer das kleine Gebilde sich befinden möge, nun zugleich Mittelpunkt der unendlichen Kugel All sein; all ihre Radien treffen sich in ihm, alles Draußen wird zugleich es selbst, und das lückenlos umrandet Endliche enthält im Strahleneintausch somit das volle Abbild der Unendlichkeit.

Dostojewski, in die psychologische Linie entlaufener Sklave, verrät immer die geschlossene Gestalt: das Werk. Im »Idioten« verrät er sogar alle Psychologien um eines einzigen Zuges willen. Auf den ersten tausend Seiten hat sich der Leser berechtigt gefühlt, den »Idioten« (Fürsten Myschkin) für die Hauptfigur zu halten, nachdem er mehrere epileptische Anfälle, darunter einen ganz schweren, samt ekelsten Vor- und Nachwehen mit ihm durchgemacht. Stets in das Zentrum der Ereignisse gerückt, weiß der »Held« zudem nie, in wen oder ob er überhaupt verliebt ist, bleibt jedoch aus Güte stets bereit, Gatte zu sein wem immer das dienlich erscheinen möge. Halb verhöhnt, halb geduldet im Schwätzer- und Schmarotzerkranz, dabei immer recht freundlich, und überdies von einer schweizer Heilanstalt als Schwachsinniger ärztlich beglaubigt, steht es mit den messianischen Aussichten zum besten.

Eine Zeitlang wird neben ihm von drei Generalstöchtern die Jüngste, Aglaja, fast Hauptfigur, zumindest plötzlich mit einer Fülle von Albernheit, Ungezogenheit und Hysterie ausgestattet, die Beachtung fordert. Damit sind aber ihre Züge und Dostojewskis Interesse an ihr erschöpft; für kurze Zeit bespringt seine wühlende Gier noch eine schwindsüchtige Mißgeburt von Jüngling, aus infernalischer Bosheit, gereizter Nichtigkeit und Selbstmordkoketterie, bis endlich nur mehr Rogoschin und Nastassja Filipowna ihm wichtig geblieben sind. Und jetzt kommt der Zug, für den er dann alles im Stich läßt, in den er sich verbuhlt. Rogoschin hat Nastassja Filipowna erstochen, nachdem sie vor der Trauung mit dem Idioten (Fürsten Myschkin) noch an der Kirchentür in vollem Brautschmuck weggestürzt ist, wieder mit ihm, in sein Haus und, halb mit Absicht, auch in diesen Tod. Niemand weiß noch von dem Mord, nur der Idiot, auf der Suche nach Nastassja Filipowna, geht bang, nach den verhängten und geschlossenen Fenstern blickend, gleichsam vor dem Verbrechen auf und ab. Da kommt Rogoschin die Straße entlang, führt ihn schweigend ins Haus. Schließlich an das Bett. Ein Leichenfuß steht heraus. Rogoschin fragt, ob man den Geruch schon spüre. Er habe »gute amerikanische Wachsleinwand« gekauft und »vier Fläschchen einer desinfizierenden Flüssigkeit«.

Mit der zynischen Wollust dieses Zuges ist Dostojewski völlig ausgeleert und erledigt. Schicksale und Entwicklungen aller Menschen, auf vierzehnhundert Seiten angezwirnt, bleiben liegen, wo sie gerade sind. Nur ein Nachtrag von etwa einer und einer halben Seite – kahl wie ein Polizeibericht – vermerkt etwa: diesen habe der Schlag getroffen, jener sei ziemlich wohlhabend geworden, die Generalsfamilie lebe im Ausland, das Urteil gegen Rogoschin laute auf soundso viele Jahre Zwangsarbeit, Aglaja Epantschina sei einem polnischen Hochstapler hereingefallen, der Idiot säße – leider – wieder in der schweizer Heilanstalt und lalle nur mehr.

So liegt dieser riesige Roman da, wie ein verstümmelter Tintenfisch, dem plötzlich alle Tentakel bis auf einen, rasend sich windenden, abgehackt sind. Ein vage Zergangenes mit sieben offenen Rümpfen und Stümpfen, aus denen dies wenige Sekret sickert. Fast drei Jahre lang hat er an diesem, seinem Lieblingsidioten gearbeitet, ihn zweimal völlig vernichtet und neu geschrieben; dies das Resultat.

Wo den Literaten schrankenloses Lob unmöglich – bewundern sie wenigstens schrankenlos, daß, was sie merken, Dostojewski schließlich auch gemerkt hat und unbefriedigt bleibt.

So geht es von Roman zu Roman, mit Ausnahme des kleinen Büchleins »Der Spieler«, innerhalb dessen schmalem Format die Kohäsion ein Auseinanderfallen noch verhindert.

Seiner Dämonie fehlt übergeordnet das heroische Prinzip. Kunst, wie jede Qualität kostbarster Art, aber ist heroisch und zäh bis an die Zähne. Ihm jedoch wird jeder Roman zur Niederlage und verlorenen Schlacht, weil letzten Endes hier – klarer Qual der Zusammenschau ohnmächtig – ein übler Schwelger im Nervenfusel taumelt, kein Feldherr führt. Daher der tiefe Heroshaß des Zuchtlosen und »Iwanuschka des Schrecklichen« Demutsknute, um in die Knie zu peitschen, was unbestechlich, ihm so unerträglich aufrecht steht am Dienste der Gestalt. Diese aber ist instinktgeborene, pausenlose, lückenlose Zucht, wie nur ein Herr sie herrlich an sich selber übt, und wird in höchster Spannung: Harmonie.

Da ist sie dann das Halten – Aushalten können, an Ebenmaß gleich einem Bogen in nie nachlassender Energie, die rasenden Schübe reißender Kräfte und was Lao-Tse meint, wenn er sagt, die Wahrheit liege in den Gegensätzen zugleich. Als dritter Zustand. (Niemals »in der Mitte«.)

Dieser Russe bleibt ewig Leibeigener seiner dürren Dualität; schnappt über von Atheismus zu Dogmatik, von Wut zu Demut, von blindem Ja zu taubem Nein, bricht in leere Gegensätze entzwei und kreischt:

»Ich hasse die Harmonie.«

Nichts aber hat seinem Ruf der Größe so genützt wie eben dies, daß ein Geröllfeld stets größer erscheint als der Parthenon; und amorphe Genialitäten trümmerhaft liegen zu lassen, wo sie einfallen, eben ermöglicht, alle zu belassen, statt jene nur der Einordnung in ein Kontinuum der Qualität Gefügige am Geisterbau, gehorsam der »Idee«, oder »Gott«, oder wie sonst man es nennen mag.

Was Dostojewski aus sich herausbringt, ist nie Wurf, nie wohlgeboren. Das hat mit Not, mit Übereilung nichts zu tun, liegt als Defekt ganz tief in der Essenz. Denn geht es etwa um psychologische Nußknackereien oder um geklügeltes Auskosten einer verspreizten Satanie, können Vermieter, Verleger, Gläubiger lange warten.

Balzac, der ewig Gehetzte, wie keiner von infamem Ausbeutertum von Buch zu Buch gejagt in täglich sechzehnstündiger Frohn, bis er buchstäblich zerplatzt, hat in den etwa achtzig Werken seines Lebens nicht durchwegs Meisterliches geschaffen, doch etwa an die zwanzig mal. Und mag er auch zuweilen ohne festen Plan begonnen haben, seiner Substanz eignet eben, daß jegliches sich in ihr von innen heraus weltkörperhaft erzeugt. Die Temperamente seiner Figuren handeln als planetarische Zustände, das ergibt die räumliche Weite und zugleich minutiöse Genauigkeit aller Gesichtsfelder. Kommt etwa, wie im »Vetter Pons«, ein Deutscher vor, so ist bei subtilster Einmaligkeit zugleich das ganze vielspältige Deutschland mit ihm da. Durch die zeitgebundene Person hindurch pfählen sich ganz erfüllte Jahrhunderte vor und zurück.

In eben diesem »Vetter Pons« gibt es auch eine Concierge. Eine normale Concierge. Ihre drei Sous Gemeinheiten, halb rechtmäßig erknausert an der Beköstigung eines alten Mieters, eben jenes Vetters Pons, wirken harmlos wie an einem Eidechschen das Drachenhafte. Bei diesem bringt erst ein Vergrößerungsglas den Lindwurm heraus; jener menschliche Drache geht gigantisch auf in Gift und Stank, wenn die Strahlen der Habgier ihn in ihren Brennpunkt nehmen. Aus den drei Sous Schwindeleien werden Verrat, Geilheit, Erbschleicherei, Meuchelmord und sind dabei wie nichts gegen die Niedertracht, die – namenlos – noch zwischen ihnen schwält. Alles, weil die Concierge erfahren hat, das unmerklich zusammengeschleppte Bilderwerk und Gerümpel in der Wohnung ihres alten Mieters, jene Fülle vermeintlichen Krames, den ihr Flederwisch durch Jahre so verächtlich gestäupt, sei schwere Millionen wert.

Und nun geschieht etwas Unheimliches. Man spürt die Megäre wachsen, auch zwischendurch, auf jenen Seiten, die gar nicht von ihr handeln, wie sie, während völlig anderes vorgeht, Gelegenheitsorgane der Gemeinheit, durchweg neuer Art, entwickelt, spürt: wo ein organischer Grundtrieb im Menschen angestochen wird, und Besitzgier ist ein solcher, müssen mit ihm zugleich unterirdisch verborgene Eigenschaften nach allen Richtungen gesteigert ausschwären oder aufschwärmen, je nach dem inneren Rang des von ihm Besessenen, und daß keine Staatsform so sterbensgrau- oder himmelblaugleich sein könnte, um nicht solch latenten Grundtrieb auszulösen, wie ein lässiger Pfiff die reife Lawine aus der Verhaftung löst.

Dieser, immerhin noch lokale Wirbel von Infamien aber erhebt sich ins astronomisch Unabwendbare, sowie jene Concierge die Klingel einer Advokaturskanzlei gezogen hat. Jetzt tritt überpersönlich die Jauche des Jus in ihr Recht und über alle Ränder; nun erweist sich der Abschaum erst als kosmisch, weil die Erde auf ihrer Laufbahn just durch die Weltblase des bürgerlichen Zeitalters keucht.

Das alles – ohne ein Wort Psychologie – geschieht, wie das Leben geschieht.

Der Gesamtrhythmus des Romans ist von fast unbegreiflicher Vollkommenheit, wie Bewegung eines Tieres oder Gestirns.

 

Jedes echte Werk der Kunst, ganz gleich, welcher Nation oder Zeit entbunden, trägt in seinem Geschehen auch etwas an Kosmologie. Als ein vollkommen Umdichtetes wird es Mittelpunkt jenes unfaßbar Unendlichen; in ihm webt die Weltseele mit, jede seiner Figuren hat die Würde, ihr Schicksal zugleich in den Sternen und in jeder Kreatur klopfen zu spüren, bei klar gewahrter Persönlichkeit.

Mit Dostojewskis Gestalten soll sich angeblich alles völlig innerlich in einem reinen Seelenraum abspielen. Könnte es ihn geben, müßte er so hohl sein wie die Phrase, die ihn – behauptet. Dieser reine Seelenraum enthält oder projiciert doch immerhin Äxte, mit denen alten Weibern der Schädel eingeschlagen wird, Abtritte, in die man besudelte Kinder eine Nacht lang sperrt, dreitausend Rubelscheine, jungen Damen von ihren Verlobten veruntreut; warum bricht in diesen Seelenraum nie ein Sublimes plastisch aus? Warum funkelt nie etwas auf, betaut von höherer Helle?

In solch sublime innere Landschaft etwa ist fjordhaft eingeschliffen der Anfang von Balzacs »Seraphitus-Seraphita«. Darüber ein wegeloses Eiskristall- und Engelland, wie aus dem magnetischen Pol ergossen, über das auf Schneeschuhen die Furchtlosigkeit fliegt. Und dann ragt da mit eins zwischen den Worten des holden Androgyn auch etwas wie ein perlmutterfarbener Planet herein, Gestirnseele strahlender Substanz, zart gleich Jupiter, aus Swedenborgischem Geist gehaucht, und wallt elastisch durch diese triviale, feiste Erde durch, nach klingendem Gesetz, als wäre sie nichts.

Doch wem keine kühnen Paradiese hinter der Stirn wachsen, dem wachsen sie auch nicht ins Werk.

Die Russen aber sind zauberlos. Hat man das noch immer nicht bemerkt? Ohne einen Schöpferträumer, der sich aus säligem Widerschein ein Wunder ins andere spinnt, wie ihn die – angeblich nüchterne – angelsächsische Rasse im halben Dutzend hervorbringt. Die »homerischen Übertreibungen« Gogols etwa sind nur Superlative des Kleinhäuslertums. Sogar die russischen Gespenster lernen nichts dazu, bleiben, wo sie in der Literatur vorkommen, die gleichen trüben, schwunglosen Burschen je und je.

Kein Russe kann in übergeordnete Reiche entführen. Keinem steht ein unirdischer Wind unter den Tragflächen seines Traumes. Keiner hat den Auftrieb ins magisch Klare, Dostojewski schon gar nicht, der sogar an den Wurzeln ohne erdhafte Mystik bleibt, wie oben ohne warme Weltverwobenheit – ein Besessener richtungsloser Dämonie, verfilzt er seinen psychologischen Weichselzopf im Leeren.

Vermag aber eine Psychologie von Menschen ohne Musik, ohne Kunst, ohne Natur noch Seelenkunde im Sinn einer Weltgeltung zu sein?

Was haben wir mit den inneren Zuständen von Geschöpfen zu tun, in deren Leben und Reaktionen das alles ohne Belang bleibt?

Arme Psyche, die nur aus »Psychologie« besteht.

Sogar im Gemeinsten, das meist unter der einigenden Formel: »Wir sind eben alle nur Menschen,« für eine Brüderlichkeit im Allergemeinsten beweisend werben soll, muß sich das noch abgründig trennend auswirken. Denn außer diesem noch so verpfuschten, geschändeten, verlotterten, vernüchterten, vernichtenden Nur Da-Sein lebt ja noch ein Klang-Sein, Licht-Sein, Raum-Sein, Welt-Sein, in das wir uns einzeln, einsam und ganz allein, hinausgeboren haben. All diese Geburten aber sind irgendwie unsere »schweren Stunden« und Taten der Tapferkeit gewesen, denn jede Geburt ist ganz nahe beim Tod, und Heldenmut ist jeder erste Augenaufschlag, und jeder erste Atemschlag ein Schrei der Qual; in diesem äußersten Sinn einer neuen Geburt Kunst sehen, Musik hören, Natur fühlen lernen ist eine höchst ethische Funktion und hängt für jeden einzelnen von uns, sofern er sie erringt, zusammen mit dem Ausgetriebenwerden in die gestaltete Persönlichkeit.

In jene Höhenlagen des Seins, uns verbunden durch Klang-Raum-Licht-Weltgefüge, können wir aus dem Ärgsten flüchten, wenn auch auf Augenblicke nur, wie in Weihestätten, an denen die Erynnien in Schlaf sinken, und auf diesen Schutz haben wir ein heiliges Recht.

Schicksale hingegen, bei denen all dies Ungeheure an Erkenntnisschichten, Erlebnisschwüngen, Sinnesflügen, das bis in unsern Schlaf und unsre Spiele reicht, nicht mitflutet, mitglutet, können wohl in der Handlung spannend sein zum Zerreißen, lassen aber im höchst Menschlichen kühl und sind letzten Endes keine großen Erwerbungen des Gemütes.

Sie gehen uns nichts mehr an.

Soll man sie deshalb ablehnen? Mit nichten. Zwischen Lao-Tse und Botokudenmärchen bleibt allerhand Raum.

Überdies, wer wäre Ewigem stets zu-, Sensation fragwürdigerer Herkunft nie abgeneigt? Nur wo diese attentäterisch im Sinne eines Weltmaßes sich dreist macht, ist von ihr abzusehen, jedoch mit Nachsicht, denn Versuche am untauglichen Objekt – und jeder Wertungsfähige ist ein solches – sind straffrei. Er bleibt in jeder Zuckung eben sich bewußt, hier gehe es um Exaltation, nicht Aufschwung, Überhitzung, nicht Feurigkeit, talentiertes Gewölle, nicht Meisterwurf, epileptischen Krampf, nicht schöpferische Wehe, aus der es künderisch kreißt.

Dostojewski selbst hat diese Wechselbälge genialen Zustands geflissentlich verhätschelt, als Patient einen Kult mit seiner Krankheit getrieben, an ihr gehangen wie andere an Haschisch oder Meskal. Nicht weniger als fünf seiner Figuren sind schwelgerisch beschriebene Epileptiker; vom literarischen Russentrust gar wird sein Gebrechen geradezu als Erweis messianischer Berufung adonisiert.

Jedoch – nicht jedem verzerrten Mund entschäumt ein Gott.

Nicht jeder Blinde ist ein Seher, – mit dem »zweiten« Gesicht notwendig bevorzugt, weil er des ersten ermangelt.

Der pythisch Entrückte liegt hingeschleudert, kein bresthaft Blinder und Tauber, ein Geblendeter und Betäubter vielmehr vom Einstrahlen, Eindröhnen neuer Sphären in seine durch Weihen geläuterte Person. Verklärung steigt aus Klärung, Götternähe, lorbeerherb, als Rausch der Reinheit durch Entgiftung, nicht als Vergiftungstaumel zerfressenen Geblüts; als kathartische Befreiung, nicht als Pression, der kläglich Depression folgt, sowie sich der vermeintlich überhimmlische Ort in eine besudelte Matratze wandelt; deren Flecke können doch stets nur eine Fallsucht bezeugen, die man hat, nicht eine Gnade, die man nicht hat. Er bringt nichts mit aus seiner Abgeschiedenheit, ungleich allen wahrhaft Verzückten, denen ein edler Beglänztes, fest umklammert in verkrampften Sinnen, dann aufzuzeigen gegeben ward als Erweis, daß sie drüben gewesen und wiedergekommen seien.

Tolstois blockige Fleischigkeit, Dostojewskis fallende Seuche stehen hier nicht etwa als physische Ursachen psychischen Versagens; sie gehören lediglich zum Gesamtkomplex der Erscheinung. Denn Körper und Geist, Bewegung und Empfindung, »außen« und »innen« entsprechen sich zwar, so daß man eines aus dem andern zu erschließen vermag, entstehen aber nicht aus einander, wie die Philosophie seit langem, der Mythos von jeher weiß. Bedingen sich nicht direkt, sondern indirekt, rückbezogen als zweierlei Anschauungsformen auf einen unbekannten Urgrund, jene außerwesliche Wurzel eben, aus welcher der Lebensbaum: die Weltesche Ygdrasil hervorbricht, von oben verkehrt hinunterwachsend in die Zeitlichkeit, mit allem Gezweig, Gezwitscher und Getue. An ihr Holz Griechisch ὑλη = Holz und zugleich Materie. hing freiwillig einst auch Wodan sich selbst, als einer der – bisher – sechzehn gekreuzigten Heilande.

Hätte die europäische Menschheit sich nicht im Verflachungsbann der hebräischen Vokabel »Fortschritt«, als einem Fortschreiten – weg von jeder tieferen Einsicht, das Sehen abgewöhnt, sich an ihr rassenblind, urteilsschal, qualitätsscheu kriegen lassen, besäße noch direkte Wesensschau, genügte ihr ein eindringlicher Blick, um jeden Inhalt kritischer Essays geradeswegs aus den Porträts russischer Schriftsteller abzulesen. Sofort aus Dostojewskis unrein gemischtem Gesicht, das lehmfahl, augenlos, von allen Süchten zerquetscht unter hochgetriebenem Scheitel kauert.

Solche Kopfform darf nur ein vornehmer Chinese sich erlauben, dessen großabrollende Züge in gelassener Sinnenweite glatter Flächen, zu dieser Stirn gebildet, mit ihr statt eines Sträflingsschädels ein wundervolles Haupt ergeben.

Druck und Unlust in des Russen zu tiefst fehlgeborener Art finden an seinen Figuren zuweilen nicht mehr Platz, dann züngeln sie, spitz verschlagen, herüber nach dem Leser. Diese sadistischen Spritzer ins Publikum erregen, reizen, faszinieren oft, lassen keinesfalls ruhen, denn auf Wirkung zielt er skrupellos. Da wird es manchmal nötig, erklecklich weit in der Literatur herunterzugehen, weg von der Kunst, um sie an ihrem rechten Ort: dem psychologischen Verbrecherroman, schätzen zu können.

Katastrophenstimmungen mit dazwischen gewickelter Satanie, derart die Folter des Lesers ins Unerträgliche zerdehnend, sind seine Stärke.

Bei Ahnungen vergreift er sich dagegen häufig in der Dosis. So im »Idioten«, wenn der Anblick von Rogoschins Messer jeden jedesmal ahnen läßt, daß es Nastassja Filippowna einst durchbohren werde.

Liegt es auf dem Tisch, wird »geahnt«, ist es in Seidenpapier gewickelt, wird »geahnt«, Fürst Myschkin nimmt es in die Hand und »ahnt«, Nastassja Filippowna selbst nimmt es in die Hand und »ahnt« erst recht, Rogoschin verfinstert sich bei seinem Anblick und »ahnt«.

Der Mord am alten Karamasow wird, da außer der Null Aljoscha alle ihn wünschen, weniger finster als feig »geahnt«, außerdem noch »heilig« vom Staretz Sossima, niederstürzend in die Knie, »geahnt«.

Nun bleibt es ja stets eine heikle Sache, wenn der Autor auf Seite dreiundachtzig mystisch vorausfühlen läßt, was er auf Seite hundertundsiebzehn doch unschwer eintreffen machen kann, eine Praktik, noch in unguter Erinnerung aus jener Siegesalleedramatik, bei welcher in historischen Festspielen zur Sedansfeier aus markgräflich brandenburgischem Knappentroß alle Augenblicke jemand an einer Handvoll preußischer Erde roch, um aus ihr Deutschlands Größe und den Sieg von Anno siebzig zu weissagen.

Wie dagegen eine sichere Dichterhand die Spur der Ahnung durch die Nerven zieht, steht in der Lagerlöf verhangen ragender Novelle: »Herrn Arnes Schatz.«

Da sitzt der reckenhafte Pfarrer auf Solberga, ehe die Mordbrenner kommen, mit allen Todgeweihten an langer Tafel beim Abendbrot, zwischen ihnen der Fischkrämer Torarin als Gast. Der bemerkt, wie die alte, fast taube Hausmutter in das allgemeine Schweigen hinein die Hand ans Ohr hält, um besser zu hören. Hierauf wendet sie sich an Herrn Arne und fragt ihn: »Warum schleifen sie Messer auf Branehög?«

»Es war eine so tiefe Stille im Zimmer, daß alle zusammenzuckten. Als sie sahen, daß sie dasaß und auf etwas horchte, hielten sie ihre Milchlöffel still und strengten sich an, um zu hören.

Eine Weile war es ganz totenstill in der Stube, aber dabei wurde die alte Frau immer unruhiger und unruhiger. Sie legte die Hand auf Herrn Arnes Arm und fragte ihn: ›Ich weiß nicht, warum sie heute Abend auf Branehög so lange Messer schleifen?‹

Torarin sah, daß Herr Arne ihr über die Hand strich, um sie zu beruhigen. Aber er dachte nicht daran, zu antworten, sondern aß ruhig wie zuvor weiter.

Die alte Frau saß noch immer da und horchte. Vor Angst traten ihr Tränen in die Augen, und ihre Hände und ihr Kopf zitterten immer heftiger.

Da begannen die beiden kleinen Jüngferchen, die am Tischende saßen, vor Angst zu weinen.

›Könnt ihr nicht hören, wie es scharrt und kratzt?‹ fragte die Alte.

›Könnt ihr nicht hören, wie es zischt und knirscht?‹

Herr Arne saß still und streichelte seiner Frau die Hand. Solange er schwieg, wagte niemand sonst ein Wort zu äußern.

Aber alle glaubten, daß die alte Hausmutter etwas höre, was entsetzlich und unheilbringend sei. Alle fühlten, wie das Blut in ihren Adern erstarrte. Es saß niemand am Tische, der noch einen Bissen zum Munde führte, außer dem alten Herrn Arne selbst.

Sie dachten daran, daß die alte Hausmutter es war, die durch viele Jahre Sorge für das Haus getragen hatte. Sie war immer daheim auf dem Hofe geblieben und hatte mit Klugheit und Fürsorglichkeit über Kinder und Gesinde, über Hab und Gut und Viehstand gewacht, so daß alles gedieh.

Nun war sie abgearbeitet und steinalt, aber es war doch gewiß, daß sie es vor allen anderen merken würde, wenn dem Hofe Gefahr drohte.

Die alte Frau wurde immer ängstlicher und ängstlicher. Sie faltete die Hände, und in ihrer Hilflosigkeit begann sie so bitterlich zu weinen, daß große Tränen über die verschrumpften Wangen rollten.

›Fragst du gar nicht darnach, Arne Arneson, daß mir so bang ist?‹ klagte sie.

Herr Arne beugte sich nun zu ihr hinab und sagte: ›Ich weiß nicht, wovor du dich fürchtest.‹

›Ich fürchte mich vor den langen Messern, die sie auf Branehög schleifen,‹ sagte sie.

›Wie kannst du hören, daß sie auf Branehög Messer schleifen?‹ sagte Herr Arne und lachte. ›Der Hof liegt ja eine Viertelmeile Wegs von hier. Nimm nur wieder den Löffel zur Hand und laß uns unser Abendbrot beenden.‹«

Hier geht das, weil der Skandinave dauernd verstrahlt steht mit dem Element. Fast greifbar gehen Wissenswellen um alles aus dem Boden durch ihn hin in die Luft und über Wasser fallend zurück.

Vier Brüder: Elf, Alf, Sylph, Mensch. Fast ohne Geheimnis vor einander.

Nicht die vier Karamasow.

Hauptmanns »Winterballade« bringt die gleiche Szene schon dramatisch verroht, weil abgeschnitten von diesem ihrem Stromkreis durch ein stimmungsfremdes Shakespearesches Vorspiel. Die Bruchstelle an dieser Stil- und Völkerscheibe verwächst nicht mehr, wird nur verschmiert. Dort stockt das Fluidum.

Am germanischen Spitzentyp, so herb, sehnig, nüchtern er da oben stehen mag, bleibt Prophetie eben magische Natur, traumhaft in schlaflos überhellten Nächten aus dem Menschenhaupt herausklingend als Wort, und transparenter als blasses Glas wird die Schranke vor ihm zwischen Leben und Tod K. Edschmid hat die geheimnisvolle Brechung am nordischen Menschen in seiner Studie: »Hamsun-Flaubert« meisterlich herausgestellt..

Des Russen luftlose Kasernaten können wohl unmittelbar an ihren entzündeten Nervenenden einander durchfühlen, das aber dünkt ihn als Effekt zu dürftig, so läßt er sie darüber grell hinaus noch Ahnungsattitüden mimen. Mantik, vergröbert zu Metakitsch, durchstößt, blutrünstig oder sentimental, mit Taschenmesser oder Gebet, je nachdem, stets scheel genießerisch und zu bewußt, die sonst so raffinierte seelische Verfilzung, von einer weit niedrigeren, nicht pantheistischen, vielmehr ordinären Wirkungswelt hereingewollt.

Ewig Psychologie, gerade sie, immer nur sie, die in einer großartigen Weltkunst dienend zu bleiben hat, hält hier einzig die Höhe.

Der Kopf hat es nie zu verbergen vermocht: ein außerordentlicher Oberbau über trostlosem Naturmaterial.

Auch die Laster sind nicht wohlgeraten, so stehen alle Triebballungen von Anbeginn niedrig klassiert, mögen sie später gehirnlich noch so nervenfein versponnen werden. Melodramatisches erwächst ihm durchaus zu eigener Lust. Urteilslos für Rang und Qualität, barbarisch erbaut, sentimental bewegt, sitzt er davor: sein eigenes Allerseelentagspublikum zu ermäßigten Preisen. Was ihn recht herzlich rührt, auch innere Bereitschaft zur Kunst, ist eindeutig herausgestellt im »Tagebuch« als Weltdogma für Malerei.

Da wird ihr vorgeschlagen: »Genrebilder mit sittlichem Zentrum« ... »Welch ein prachtvolles Sujet für einen Künstler! Erstens die ideale, unmögliche, schmutzigste Armut der jüdischen Hütte. Man kann sogar noch viel Humor dabei verwenden. Humor ist doch der Scharfsinn eines tieferen Gefühls – diese Bezeichnung gefällt mir ungemein. Mit feinem Gefühl und Verstand könnte der Künstler viel aus dem alten Hausgerät der armen Hütte machen, und prachtvoll würde sich die Beleuchtung ausnehmen, ein brennendes Stümpchen Talglicht auf einem schiefen Tisch, und durch das bereifte Fenster Morgengrauen. Die Frau hat erst bei Tagesanbruch entbunden, und nun müht sich der alte Doktor um das Neugeborene. Keine Windeln, kein einziger Lappen im Haus – es gibt solche Armut, meine Herren Künstler, ich versichere Ihnen, der reinste Realismus, ein Realismus, der bis ans Phantastische reicht. Und da hat denn der Greis schon seinen fadenscheinigen Rock ausgezogen und darauf das Hemd, das er nun zu Windeln zerreißt. Sein Gesicht ist ernst und nachdenklich. Der kleine neugeborene Judenbengel zappelt vor ihm auf dem Bett, und der Christ nimmt das Jüdchen auf den Arm und wickelt es in das Hemd, das er von seinen eigenen Schultern gezogen hat. Der nackte achtzigjährige und von Morgenkälte zitternde Oberkörper des Doktors kann im Bilde im Vordergrund stehen. Viel läßt sich natürlich aus seinem Gesichtsausdruck sowie dem der jungen Mutter machen. Sie sieht auf ihr Neugeborenes und wundert sich über das, was der Doktor mit ihm anstellt. »Dieser arme kleine Jude wird groß werden und vielleicht auch sein Hemd abziehen, um es einem Christen zu geben, wenn er sich der Geschichte seiner Geburt erinnert,« denkt in naivem und edlem Glauben der Alte bei sich. – – – ›Habe ich es getan, so wird es auch ein anderer tun; bin ich denn besser als ein anderer?‹ sagt er sich, um sich zu stärken. – ›Nein, dieses Bild, glaube ich, würde schon ein sittliches Zentrum haben.‹

Es stimmt fürtrefflich zu Tolstois: »die Kunst hat eine nützliche Arbeit zu sein, kein pflichtloser Genuß, sonst wird sie so überflüssig und schädlich wie die Pyramiden.«

Russen eben.

Doch woher es sich wohl fügen mag, daß unsern Musageten und literarischen Verwaltern europäischer Geistgestalt der Magen hier niemals meutert? Ihnen, die doch sonst, geht es etwa um van Gogh, Picasso, el Greco, »alle Wendeltreppen ihrer Perioden ins immer Verstiegenere drehen, bis sie vor Feinheit nicht weiter können, sie würden denn wahnsinnig«.

Bei Dostojewski selbst ist es an dem: Wo alles erst zu beginnen hätte, das Abwägen und Auswerten lebendiger Teile gegeneinander, um aufzuschließen der Wunschseele verwegenste Blume, ist sein Mark erschöpft. Schweißbleich taucht er aus eiskalter Kinderschändung oder anderem Krampf auf – in eine veraltete Weihnachtsnummer der Gartenlaube als ethischen Gegenpol. Er bringt es auf der Sternenschale wirklich nicht weiter. Sein Dualismus bleibt auf einer Seite verkümmert, weil Weite den Widersprüchen fehlt und Majestät den Gegensätzen. Der Licht-Same ist schon im Sentimentalen steckengeblieben.

Eine ungeheuere, jedoch kompliziert brüchige Dämonie hüben vermag nicht mehr sich drüben zu wandeln in bildnerische Kraft, zergeht vielmehr zu süßlich kahler Visionslosigkeit, an Zielsetzung steril wie Tolstoi. An dieser Wende springt auch ihm Iwanuschka der Schreckliche mit seiner Masochistenknute bei, nicht in Person, da Dostojewski ihn ja nicht zustande bringt, doch als Prinzip.

Nichts Unfreundliches sei vorhin gemeint gewesen gegen ein wackeres Familienblatt, wie es im Laufe zweier Menschenalter Unzähligen die ihnen allein zugänglichen Erschütterungen gemütlich in Bild und Gleichnis eingemerkt. Anders aber, wenn, wie bei dem Russen, eine uralte Weihnachtsnummer zu apokalypseln begänne, einherkäme, messianisch aufgeschwellt, taktlos wie ein Erlöser, frech wie ein demutstoller Christ. Denn was gebiert sich denn da schließlich aus Bergen von Bosheit, über die das Verstandesgestotter: ist Gott oder ist Gott nicht, gekollert kommt, aus so privaten Eruptionen als sterilen Wehen? – Das alte Christentum.

Nicht jenes: Mythen einsaugend aus allen Weihetümern der Erde, sich auftastend an Roms gerecktem Wuchs, erweckt von gnostischem Hauch, wiedergeboren im neuplatonischen Äther, getürmt als nordischer Willensschwung oder axtbehauen zu eichenhartem Tor, das echtem Druck von schlichter Hand sich öffnet, auf daß es endlich katholos – allmöglich, auch allen höheren Menschen möglich werde als Welteinheitsgefühl.

Nein, jenes nicht. Dafür ausschließlich die negative Moral, mit ihren Seligpreisungen der Mißratenheit und Höllenstrafen für die Qualität. Jene längst durchschaute Ranküne von unten und Umkehrung aller schöpferischen Wertskalen, wie sie das Judentum aus sich heraus erregt hatte als sein erstes Attentat gegen alle Vornehmheit auf Erden; nicht zum eigenen Gebrauch, vielmehr in einigender Formel ad usum jener untersten Schichten, wie sie aus allen Völkern, die nicht mehr im Stadium der Essenz stehen, im Lauf ihrer Evolution immer dichter niedersinken: vorzeitig, »müde« gewordene Teile der Idee, ausgebrannte Schlacken, Mischlinge, Zersetzungsprodukte, anfanglos Beendete.

Die russische Messiade ist ausschließlich der Exponent dieses Weltpöbels und möchte seine Vorgänge zu jenen der Menschheit fälschen, ist der in negativer Moral sitzengebliebene Teil des Christentums, ohne einen einzigen neu zugewachsenen Gedanken, ohne eigene Tönung, ohne Blüte, ohne Duft.

Man hat das »heilige Rußland« vor der Revolution mit seinen schwälenden Sekten, stumpfdunkeln Ikonen, dieses ganze verschwommene sich Buckeln, erschlaffte Regen, wie eines versunkenen Tieres Rücken unter Schlamm, oft verglichen mit Europas Situation im Mittelalter. Es sei eben »noch« sechshundert Jahre »zurück«. Ein Fehlblick und zudem schwere Unterschätzung des mittelalterlichen Menschen. Mit welcher verzweifelten Tapferkeit hat er das, seiner und jeder Art fremde, Christentum inbrünstiglich gepackt, ihm alle Möglichkeiten entpreßt, es an- und umgewandt, durchglüht, entfacht, in der Scholastik begrifflich gepölzt und schließlich, als völlig Ausgesogenes, nach der Renaissance entlassen. Wann hätte Rußland so ungemeine Probleme wie des Realismus und Nominalismus je auch nur zu fassen, geschweige zu stellen vermocht, in deren Hochspannung Jahrhunderte vibrierten.

Da knien die Kathedralen über den Leib des Kontinents, verklärte Skelette, Zeugen, was aus dem allen ward in lebendiger Völker pausenlosem Ringen des Gefühls durch dreizehnhundert Jahre.

Diese Erwachsenen, dem Christentum lange Entwachsenen wieder in das Prokrustesbett seines künstlichen Infantilismus moralisch einzupferchen, dünkelt sich jedoch Iwanuschka der Schreckliche durch den Mund seiner »Klassiker« befugt, der all die Zeit, wie der Swinegl des Märchens, nie aus der gleichen Lehmfurche zu kriechen geruht, die er nicht einmal selbst gezogen.

Und nun entsteht das Peinliche, zu sehen, wie sein Dompteur und Prophet Dostojewski, dieser Unkindlichste aller Menschen, denn ihm fehlt der Verspieltheit Zug, lehrhaft Naivität demonstriert, evangelische Einfalt auf Alldienstbarkeit gründet. Jetzt beginnt es auch ernstlich ein »Ärgernis« zu werden für die »Starken dieser Welt«, insoferne sie nämlich noch Sinn haben für Echtes und keinen für flächlich wirre Hinfälligkeit in eine Pfütze Sentimentalität, für »Tränlein«, »geprügelte Pferdlein« und »Vöglein, die man immer um Verzeihung bitten« sollte. Das Tier wird nur im Diminutiv geschätzt. Mißhandelt, entstellt, erniedrigt ins Mitleid. Dann erst ist es flennender Allumarmung zugänglich. Dostojewski weiß nur hinunter zu lieben, nicht hinauf, mitmasochistisch, auf heimlichem aber stark genossenem sadistischem Umweg – nie mit gerader Pracht.

Dies bleibt der russischen Literatur überwiegende Stellung gegenüber dem Tier. Sie meidet auch in ihm den – Helden.

Hier kommt sogar der feine Tatare Turgenjew von der Umwelt nicht los. Seine berühmte Tiergeschichte »Mumu« hat eigentlich einen tauben Muschikidioten bekannter Prägung zur Hauptfigur; Mumu, sein »armes kleines Hündchen«, muß ertränkt werden. Tolstois »Leinwandmesser« ist natürlich ein Wallach, frühchristlicher Richtung sogar, da er über die Verwerflichkeit des Privateigentums sinniert. Tschechow bevorzugt Vierfüßler, etwas dekrepid und schwachsichtig, »grau in grau«, wie seine Menschen. Ljesskows »Tier« zeigt die blitzschnelle Bekehrung eines alten Bösewichts durch priesterlichen Zuspruch in einen sanften Wohltäter auf Lebenszeit; der arme, gefangene, gequälte, dann gejagte Bär bleibt Nebenfigur wie Turgenjews Mumu. Das Tier ist eben »auch« Mitgeschöpf, muß sich die Deklassierung durch Nächstenliebe gefallen lassen, oder wird zu moralischem Ende mißbraucht, bekommt als Hund eine Nadel zu schlucken, um dann Rühr- und Verbrüderungsszenen der Knabenwelt auszulösen (Karamasow). Mit wenig Ausnahmen bleibt die russische Haltung zum Tier sentimental, statt ehrfürchtig. Bei kostbaren Völkern und Individuen verhält es sich prinzipiell umgekehrt, und das aus tiefem Grund. Das Tier ist ein früher Gott. Man sucht es auf zu seiner höchsten Stunde. Schaut in Ehrfurcht und Bewunderung den Adel seiner Herrlichkeit und in ihm den »actus mysticus« der Natur. Es ist ganz Gestalt und dem Menschen Vorbild, »auf göttlichem Umweg« ihm wieder gleich zu werden. So fühlte Goethe.

Wer aber in die Natur geht, um nach des Staretz Sossima Gebot »die Vöglein um Verzeihung zu bitten« (Karamasow), dem passiert es leicht, daß er dann nicht weiß, wie sie aussehen. »Sein (des Verteidigers Fetjukowitsch) Gesicht wäre angenehm gewesen, wenn nicht seine, schon an sich kleinen und ausdruckslosen Augen ganz ungewöhnlich nahe beieinander gestanden wären, so daß allein der schmale Knochen seiner langen dürren Nase sie voneinander trennte. Kurz, diese Physiognomie hatte etwas so entschieden Vogelhaftes, daß es auffallen mußte.«

Das entschieden Vogelhafte zeigt sich bekanntlich am enormen Abstand der Augen. Diese liegen ganz außen zu beiden Seiten des Kopfes, gerade um hundertundachtzig Grade auseinander, wie sonst bei keinem höheren Tier. Das ergibt im Flug ein immenses Blickfeld, in der Ruhe jene bezaubernd kritisch schiefe Kopfhaltung, äugt so ein Pips das Besondere, etwa eine verunglückte Franziskus-Imitation, die ihn um Verzeihung bittet. Nur Eulen haben engstehende Augen. Da stimmt es aber erst recht nicht, denn das Eulenauge ist nicht klein und ausdruckslos, vielmehr, wie bei allen Nachttieren, stark überdimensioniert, halbkugelig vorgewölbt und von erregender Mächtigkeit.

Schöpferrassen, demutlos und ehrfürchtig, wie das nun einmal dazu gehört, streben daher, statt die Vöglein um Verzeihung zu bitten, im heroischen Wunschbild ihrer selbst, lieber danach, deren Sprache zu verstehen. Dazu genügt freilich nicht vor einem eingebildeten Wolf davonzulaufen, vielmehr irgendeine Art Drache muß besiegt, mehr noch, der große Eigenruf vorher gefunden werden, der einzig ihn hervorlockt. Wer das vermag, wird des Tarnhelms Herr, »zu wandeln jede Gestalt«. Dann ist er besondert jede Kreatur, weil er den Mut gefunden, zuvor ganz selbst zu sein. Einer, dem man nichts weismachen kann; einer, der alles werden, alles werten darf, weil seiner heldenhaft errungenen Auserwählung der Grad der Qualität an jedem Wesen aufleuchtet, unbestechlich und unmittelbar.

Das ist der Bruderweg durch Besonderung zur Allheit nach oben, statt verschwommener Brüderlichkeit nach unten.

Wertung verbieten, den, der werten darf, aber vernichten, und wo das nicht gleich geht, mindestens pervertieren und abbiegen von seinem Weg, ist offener wie heimlicher Drang aller reißenden Menschenliebe. Überall lauert das durch. Den wahren Reiz öffentlicher Erniedrigung, dieser ganzen, wenig appetitlichen Prozedur, auf daß die russische Seele endlich halbwegs zimmerrein werde, verrät Sonja als letzte Suggestion in der großen Überredungsszene dem schon längst zusammengeklappten Morddilletanten Raskolnikow: »Geh an einen Kreuzweg, beuge dich vor dem Volke, küsse die Erde, denn du hast vor ihr gesündigt und sage vor dem ganzen Volk:

›Schau, ich demütige mich, damit ich dich zwingen kann, dich zu demütigen.‹«

Hier also liegt die Lustprämie: andere zur Demütigung zwingen können, und dargereicht wird sie von einer frigiden Prostituierten, also von Eros Verworfenen, deren Unbegabung zur irdischen Liebe sie für – diese – himmlische allerdings prädestiniert erscheinen läßt. Es ist eben immer wieder dasselbe. Schon der alte Hagenbeck wußte, entzückt von der Liebenswürdigkeit und dem Charakter der großen Raubtiere, nur mit diesen gäbe es Gemeinschaft, während berühmt sanfte Geschöpfe, etwa die Tauben, abgesehen vom Symbol, im Privatleben ausnahmslos die infamsten Luder seien.

Da es sich hier um die Zerstörung einer Kulturform von hohem Rassenrang: Selbstachtung handelt, die zu Exhibitionsmasochismus infantilisiert werden soll, hat es Sonja leicht. Die sanfte Kathartikerin, aus der ihrem lymphatischen Knie so leichten Lammesstellung heraus, reicht den doppelten Köder: die infantile Erlösung »alles aufzudecken vor allem Volk« mit ihrer sadistischen Gegenlust hierdurch zwangsweise der gleichen Entwürdigung zu verhaften, was doch noch irgendwo vielleicht, auf hohen schlanken Beinen, anderer Erosethik – aufrecht dient.

Wie könnte da ein Allmensch widerstehen? Dostojewski jedenfalls nicht, denn er verdirbt seinen, bis dahin vorzüglichen, psychologischen Kriminalroman durch eine angeklebte Erlösung, die nicht recht halten will und rückwärts immer abblättert. Ein zweiter – nie geschriebener – Teil hätte sie dingfester machen sollen. Dabei reißt es ihn selbst hin und her, und diesmal wäre er eigentlich lieber bei der Stange geblieben, denn dieser Stockrusse hat mehr als vor dem lieben Gott doch noch vor der Polizei Respekt. Raskolnikow ist geradezu das Hohelied dieser Institution, bis zur exhibitionistischen Verführungsszene Sonjas. Von da ab gibt er Gott die Ehre, der wieder nicht recht weiß wie er zu ihr kommt und sie eigentlich ablehnt, weil der irdische Funktionär Porphyri Petrowitsch inzwischen schon alles allein besorgt hat.

Diese Figur, tiefster Polizeifrömmigkeit entboren, ist Dostojewskis einzig gelungene auf der positiven Seite des Daseins. Eine durchaus originelle Schöpfung für die höchste Form psychologischer Kriminalliteratur.

Schon mitzuerleben, wie dieser Rutengänger des Verbrechens aus der totalen Mark- und Hirnlosigkeit des Mordes unfehlbar auf einen »Intellektuellen« als Urheber schließt, ist ein Labsal, und wie dann in der höflichsten, liebenswürdigsten Weise dem Erwitterten darüber, ob absolut alles oder gar nichts gewußt sei, die ganze Länge des Zweifels belassen wird, damit seine Phantasie sich an ihr abmatte, gleich dem Lachs am Haken, dem der Fischer auch volle Leine gibt zum Auf- und Abrasen in den Erschöpfungstod, um ihn dann mühelos landen zu können.

Die völlige Willenszermalmung eines äußerlich frei und unbelästigt gelassenen Verbrechers, gleichsam durch suggestive Fernwirkung, ist ein Meisterspiel.

Hier kann auch Psychologie nie überwertig werden, weil es ja diesmal nur darum zu gehen braucht, Entstehung, Ablauf, Auswirkung eines Mordes im Inneren des Mörders ahmend nachzuziehen. Zur Steigerung dieser Suggestion ist vorzüglich ersonnen und immer wieder ausgenützt das Zusammengeschweißtbleiben von Mörder und Leser zu einer Gruppe, vermöge ihres gemeinsamen Wissens um das im Grunde so natürliche, dem Uneingeweihten so schwer begreifliche Entkommen vom Tatort, wie ja Dostojewski eine ganz außerordentliche Begabung und Lust zeigt zur wirksamen Lagerung des Krimen. In all diesem bleibt »Raskolnikow« ein Muster des zum psychologischen Meisterwerk gesteigerten Verbrecherromans mit seinen, hier völlig berechtigten Tricks und Blendern.

Leider ist er nicht mit Frankheit zu Ende geführt. Kaum beginnt das Grauen sich zu zersetzen, wird Dostojewskis Blickrichtung moralisch schielend nach Wirkung und Nachfolge; dreht sich nach außen – weg vom Werk. Dieses, ein bis dahin gerade Gewachsenes, krümmt sich zu despotischer, von heimlichen Wolfslichtern befunkelter Erniedrigungsorgie. Ihr Hervorbringsel: der hereingesollte und gewollte Sühnekomplex, steht an Überzeugungskraft im umgekehrten Verhältnis zur Aufdringlichkeit seiner Gebärde. Glaubwürdige Wiedergeburt vermag ihm nimmermehr zu entkeimen.

Es ist das typische Schicksal Dostojewskischer Produktion, wo sie sich erlöserisch gehabt. Am Anfang gerät, was Inhalt eines Inquisitenspitals zu sein hätte, infolge unangebrachter Freiheit in jene höchst eigenartigen, bestürzenden, den Leser fesselnden Situationen; dem Ende zu suchen eine Handvoll Psychopathen einen Mythos, womöglich vom neuen Menschen und finden – eine Erbauungsstunde im Inquisitenspital, wie sie wohl ihnen ansteht, nicht aber freierem Wuchs aus reinerer Art.

Man wende nicht die Irren Shakespeares ein, die gerade durch die Irre hin kühnste Wissenslinien grüben.

Vollmenschliche, reißt erst das Leben ihre Anker los, schreckliche Bürde treibt ihr Wesen in den Wahn, oder Gesichte werden so ungeheuer, daß sie zeitweise in schützende Umnachtung fliehen.

Auch sind es Angelsachsen. Haben Selbstrespekt. Sie und ihr Publikum.

Nie könnte das Taktgefühl dieser gradgeborenen Rasse an einem, dem sie Herz und Ohr leiht, dulden, daß er anders als »außer sich« und Geistes abwesend gewisse Dinge preisgäbe. So sagen diese Dinge denn sich selbst, er ist nicht mehr zugegen. Nur im Wahnsinn, der Hemmungen aufhebt, die Persönlichkeit pathologisch schrumpft, ist infantile Entblößungssucht Erwachsenen – dort – gestattet. Ophelia, eine Edeldame, bei voller Klarheit Hamlets Spur in ihrem Mädchentum herausstöhnend in Zotenliedern ist unannehmbar angelsächsischem Geschmack. Russische Gestalten, eng wie sie sind und kompliziert verkommen zugleich, nimmt man von Anbeginn nicht recht für voll und repräsentativ in ihrem Schicksal. Denn der ergreifende Sturm des Fatums schüttelt nur aus erhabenstem Haupt jene letzte Erkenntnis, die zugeordnet ist der wahrhaft tragischen Erwählung. Darum gibt es kein russisches Drama, wie es ein griechisches, deutsches, französisches, englisches gibt.

Theaterstücke verschiedener Prägung sind natürlich da, seien es Alexei Tolstois inszenierte Zarengreuel, Tschechows Verdämmerungen, Puschkins aneinandergereihte Bilderchronik oder Reißer im Geschmack des Grand guignol, wie Gorkis Nachtasyl.

Wo es letzten lebendig-philosophischen Gehalt gilt, bleibt sogar Ahmung des Tragischen russischer Mimik versagt.

Sie, die sich auf vieles versteht, Weltgeehrte, Hochgerühmte an ihren bunten Grenzen von Zirkus, Kabarett, Ballett, wird läppisch, geht es um mehr als taumelnde Impressionen, skurril erwogen, sorgsam inszeniert. Vor des Schicksals volles Maß gestellt, bleibt ihr nur der Verlegenheitsausweg, es zur eigenen Kasperliade auszurenken. An Shaws Johanna im Moskauer Kammertheater ist dieser Tatbestand schließlich selbst dem Verblendetsten klar geworden. Träger des Tragischen können nur Menschheitsfiguren sein, und wer solche verkörpern will, muß eben wissen, was zu Frage steht.

Das visionslose Rußland hat keine einzige solche Menschheitsfigur in die Welt gebracht, weil es am Morgen seiner Inkarnation nichts aufwühlend und kühn gewollt. Unfähig von allem Anfang an der heroischen Konzeption des Wunschbildes seiner selbst. Nie hat sich ihm etwas aus der Substanz geballt, von jener Leuchtkraft plastischer Vision, daß es herausgetreten wäre leibhaftig aus dem Nichts, als nie noch Dagewesenes; Daseinsdichtung, Weltbelebung. Nie hat es sich einen Traumkontur aus dem Chaos gerissen, so ist Tiefe und Größe von planetarischem Maß zu entfalten ihm auf allen Gebieten des Lebendigen versagt geblieben. Man greife was man will heraus: klassische Mechanik, Mathematik, Astronomie, Biologie, Physik, Philosophie – es ist das gleiche wie zu Anbeginn mit Mythos, Kult und Staat. Wo steht an den Wurzeln der Bildgeburten, an irgendeiner hinreißenden Wende des Äon ein einziger russischer Name?

Es gibt eine russische Akademie der Wissenschaften, gewiß, es gibt ja auch Negeruniversitäten, wo das aus fremder Essenz Aufgeworfene nachträglich besehen, bedacht, begriffen wird, wohl auch um hier ein Fäserchen zu entfernen, dort ein Brückchen zu schlagen in verdienstvollen Arbeiten aller Art. Als käme es darauf an und nicht auf den »jenseitigen Imperativ« der Zeugung selbst. Diesen elementaren Sachverhalt jedoch tunlichst zu verwischen, danach ist der Verflachungswahn des »allgemeinen Fortschritts« von je fanatisch aus. Er trübt die Intuition für den mit Ja vorgeborenen Rang an Völkern wie Individuen; will, was Funktion der Qualität ist, zu jener der Zeit fälschen, »das Spätere von selbst zu einem Vorzüglicheren stempeln«, ohne daß irgend etwas in Erfahrung oder Historie je hierfür gesprochen hätte. Da nach ihm die Menschheit als Ganzes fortschreitet, schreiten auch alle Menschenarten und deren Teile die Einzelwesen irgendwie fort. Alle sind mögliche Genies, wenn man sie nur lange genug beläßt. So müßten Weddas, Botokuden – alles was heute noch nicht von selber bis fünf zu zählen vermag, es in seinen fernsten Nachkommen mit der Zeit doch noch zu den la Grange'schen Weltgleichungen bringen.

Der perversen Verpönung, so Einleuchtendstes wie Rangunterschiede als eingeborene Eigenschaften ein für allemal festzustellen, dankt Rußland, daß man es in manchem zwar noch für etwas zurückgeblieben hält, doch nur, um dereinst um so mehr von ihm zu erwarten; es habe ja eben noch den ganzen »Fortschritt« vor sich. Als wollte man einem Infantilen mit Vollbart mehr Zukunft prophezeien und mehr Bedeutung seinem Tun als andern Zeitgenossen, weil er im Gegensatz zu diesen die Elementarklassen nie durchzumachen vermocht.

Da Rußland jener Essenz bildnerischer Kraft ermangelt, die nach biologischem Gesetz stets an den Anfang des Geschicks verlegt, dort in »Anastrophen« von Genie zur Selbstgestaltung treibt, zeigt es sich allemal besonders feindlich stumpf vor Dingen ganz nahe dem Geheimnis, an jener ersten wunderhaften Ausflußstelle in das Sein; vor allem was Weltauge heißt und kosmische Vision.

Kommen seine Westler nach Europa, da ein Weltbild sich zu borgen, dann fast ausnahmslos von Hegel, dem »getrocknet aufgewachsenen Subalternen«, wie Lagarde ihn nennt.

Seit einem Jahrhundert beschwipsen sie sich mit Nüchternheit gerade an der einzigen Philosophie, von der man sich schließlich auch vorstellen könnte, daß rationalisierte Ameisen auf sie verfallen wären, um die Summe ihrer fatalen Einzelverkrüppelungen sich zu versüßen als »ethisches Ganzes, in dem die Idee der Freiheit sich verwirklicht« (dem Ameisenhaufen). Zu seiner Sinngebung bedürfte es allerdings der Hilfskonstruktion einer vollkommenen Uremse irgendwo draußen, die sich den Haufen schließlich besieht und ihre Freude an ihm hat, denn innen ist kein Einzelwesen mehr so unverstümmelt geblieben, daß es dies selbst zu tun vermöchte.

Tamerlan, Gottesgeißel und Würger der Völker, wurde mit Lahmheit geschlagen zur Strafe, weil er im Privatleben eine einzige Ameise unvorsichtigerweise zertreten hatte, wenn aber gerade die Ameisenart Mensch, plötzlich überwertig geworden, droht, auch den Löwen-, Adler-, Blumen- und Gottmenschen in ihren Haufen zu sperren, »damit die Idee der Freiheit sich verwirklicht«, dürften ein paar Kübel Lauge kaum fehl am Orte sein.

Streift hingegen je ein hochwüchsiger Gedanke, etwa aus arisch-asiatischem Bestand, die Sphäre Rußlands, wird er unverzüglich dem nie gelüfteten Moralpferch angepaßt, in dem es selbst sich ewig dreht.

Daß Jeden Mitverschuldung trifft an allem Weltgebrechen, erfährt in Dostojewskis Hirn sofortige Umdeutung und Ausbeutung zugunsten jener manischen Nebenlust der Zerknirschung: dem Ungebrochenen die Schwingenspitzen seines Ja zu knicken, die er so bitter nötig hat, er, der Gefährdetste, Einsamste im Aufrausch zu andrer Wertgrenze und Dimension. Durch die Weltverschuldung soll ihm von vornherein der eigene jubelnde Drang verdächtig und beschämend gelten, denn dieser lindert nichts. Wohl mag das Opfer in der Linie seines Soseins liegen, dieses selbst folgt tieferem und dunklerem, feinerem und strengerem Befehl. Er wird wahrscheinlich keine »nützliche« Arbeit leisten, am wenigsten Gemeinnützliche, und vielleicht am meisten geben, wenn er »nur« genießt, weil sein Genießen selber Schöpfung wird. Er weiß zu sicher, wer er ist, was er will, wieviel ihm anvertraut, um an der Bürde der Selbstvollendung vorbei sich in Alldienstbarkeit zu drücken, für welche alle überlegenen Menschenkenner, von Buddha angefangen, das gleiche, feine Abwärtslächeln haben:

»unheilbar in der eignen Haut,
wird allgemeines Wohl gewählt.«

Indien, das erstmals den Gedanken gefaßt: jeder trägt Verantwortung für jegliches Geschehen, hatte auch die Herzenskraft ihn zu Ende zu denken, und so verlegte es in einer blendend radikalen Intuition diese Verantwortung folgerichtig schon in die Weltsetzung selbst: das Herausgetretensein der ganzen Wandelbilderschau in Raum, Zeit und Notwendigkeit.

Löschung dieser Schuld kann stets nur Weltverlöschung selber sein, wo alles tun sollen aufhört, gleich wie alles getan haben.

Wen das Problem so abgründig zu erschüttern vermag, nicht nur auf Augenblicke, sondern pausenlos, dem wird es weder mehr beifallen, als ein Wandelbildchen andern Wandelbildchen nachzulaufen und sie um Verzeihung zu bitten, noch wird er es mit einer neuen Verteilung der Produktionsgüter versuchen gegen das Urleid: jede anhebende Süße immer wieder hineinsterben zu sehen in die grauenhafte Dimension der Zeit. Vielmehr schwingt er um aus Evolution zu Involution, von Werdung zu Entwerdung, um »im Unsichtbaren, Unkörperlichen, Unaussprechlichen, Unergründlichen den Standort zu finden,« wo die karmische Kette zerbricht.

Man sieht: für Zerknirschung bleibt nirgends Raum.

Schuld, Leid, Sühne, Alldienstbarkeit sind in russischer Fassung, welche Schleichwege sie auch immer wählen möge, stets Attentat des Chaos wider die Gestalt, auf daß diese nimmer in ihre Enden gelange, sich vielmehr zersetze in jene gleichen, gleichgültigen, beliebig gegeneinander auswechselbaren Teile, aus denen das Chaos einzig besteht.

Im Einzelwesen ist die Wirbel an Wirbel auf sich ruhende Struktur von der Psyche gesehen Innenstolz; Demut ein Versuch zur Erweichung dieser Struktur, Schmerz ein Mittel, den Innenstolz zu brechen.

Denn es gibt total verschiedene Grundhaltungen zum Leid.

Der Myste als Mensch der Involution läßt es widerstandslos hindurch, es trifft ihn nicht, weil er ihm nichts entgegenwirft, auf das es treffen könnte.

Der Held als Mensch der Evolution hat sich dem Leiden kämpferisch zu stellen, damit es ihn überall behauen könne, in jede Blöße stoßen, wie einen ungeheueren punching-ball; ihn hinschleudere, daß er – noch zitternd – sich wieder aufraffe gegen den nächsten Schlag.

Mit dem Schicksal kämpfen bis zum Weißbluten, es verprügeln, bis es womöglich den Schwanz einkneift, an ihm sich edlere Kanten und Schliffe, feinere Zellen, reicheres Blut erstreiten ist die heldische Haltung zum Leid. Der Vordergrund hat ewig bittre Schlacht zu bleiben, mag auch für stummes, letztes Ahnen irgendwie der Ringkampf auch Umarmung sein.

Was des Wissens Mühe wert, beginnt erst jenseits der Folter auf der fernen, reifen, freien Seite des Leids. Wer masochistisch an der Folter kleben bleibt, kommt eben nie dorthin; damit der Schmerz uns so weit bringe, alles restlos zu verschmerzen, darf er nicht zwischendurch als heimliche Orgie geschwält haben.

Liegt es hieran, wenn Rußlands Qual nie fruchtbar wird?

Was Marter, naiv gelitten, heldisch bekämpft, mit prachtvollstem Haß gehaßt, in sechzig Jahren aus einem Wesen machen kann, hat sie am großen Strindberg bewiesen.

Ihm ist Leiden nicht Vorwand zur Selbstschändung oder hinterhältig verschobene Brunst. Für diesen Schweden bleibt Schmach wirklich etwas Schmähliches, und alles, was ihn leiden macht: Frau, Freund, Welt, Sitte, Gesetz, vermag er dann mit solcher Seherkraft zu hassen, daß ihm der Haß ganz unversehens in Verklärung ausbricht, in deren strahlender Materie schließlich sein ganzer Plebejismus verbrennt. Denn wiewohl Skandinave, also so ziemlich aus dem besten Völkermark geschnitten, das heute in Europa lebt, ist er zugleich typischer Plebejer, wehleidig und roh, »der Sohn der Magd«. Stoiker? nicht er. Wenn es weh tut, brüllt er Werk um Werk. Lernt dann auf skurrillstem Umweg in einem niederösterreichischen Dorf von alten Tanten seiner Frau, er der Schwede – Swedenborg kennen und steht von nun ab in azurnen Flammen; schmiert zwischendurch das annähernd albernste Buch anspruchsvoller Halbwisserei: das Blaubuch, bis immer öfter im Haß- und Liebesgetümmel, zwischen den beiden gnadelosen Händen des holden und schrecklichen Herrn der Gestalt, Pausen kommen, wo, wie im Röntgenbild durch übles Fleisch, ganz rein eine nie gesehene Struktur gespenstisch aufscheint, bis der »Pairschub« der Materie eingetreten ist und die Übersinnlichkeit jenes dritten Zustandes nach der Dualität, die kein Russe je zu erreichen vermag.

Von diesem Drüben schreibt er nunmehr herüber seine unerhörten letzten Dramen mit grandioser Vergeßlichkeit für Wirkung und Zuschauer, ganz und völlig ohne Kompromiß.

Jede Phase des tollen »Sohns der Magd« aber versteht und begrüßt, wo alles noch tobt, der äußerste Aristokrat seiner Zeit: Peladan.

Eingeweihte der Qualität, verehren und bewundern sie einander durchs ganze Leben schrankenlos.

So ging Strindberg den ungeheuren Weg der Selbstvollendung in Liebeshaß, Einsamkeit und Qual hinauf und wurde – der Größten Einer.

Sein Gegenpol: Gorki ging aus dem Barfüßlertum heraus, den Weg der Parteidoktrin, des Klassenbewußtseins und des »Fortschritts« nach unten und wurde – ein arrivierter Plebejer, dem die Kunst seinen Schusterschemel längst vor die Tür gesetzt hat, mag ihm auch ein Sowjet-Klubsessel im westlichen Schaufenster dafür gerichtet stehen.

Wo aber wäre in diesen sechzig qualbegnadeten Jahren eine Stelle gewesen, wo Mitleid an Strindberg herangekonnt? Zwischen Menschen besserer Art wird das eben stets unmöglich, nicht weil kein Mitleidiger sich unter ihnen fände, wohl aber keiner, dem man es anzubieten wagte, so kann es lediglich – Wegschauen sein von der würgenden Scham, die allem Leiden eignet; Diskretion sich fortstehlend auf Gummisohlen des Taktes; erst ganz von fern her Hilfsbereitschaft blind und stumm.

Was ist dagegen von einer Allmenschheit zu halten, die Mitleid nicht nur annimmt, sondern – heischt, fast kreischt »als oberstes und einziges Gesetz des Seins«?

Gerade dieses Wort, von eng- und weitläufigen Nebengefühlen umschlichen, jedenfalls ein leises Wort, und wie keines des Schattens bedürftig, wird anstößig auf einem Panier, um nicht zu sagen unanständig.

Keineswegs aus Zufall haben just die Saubersten, um nur Kant, Nietzsche, Han Ryner zu nennen, es beinahe mit physischem Ekel abgelehnt.

Worauf es wirklich ankommt: jene lebendigste gentilezza des Gehabens hinwiederum, kann niemals abgelöst als moralische Forderung stehen, denn sie ist Überfluß aus völlig souveränem Sein; Nebenprodukt, erfreulicher Hauch der immer eigenhafter blühenden Figur.

Was sich bei dem Notversuch ergibt, ohne Vision solch souveränen Seins, bloß aus freundlichen Betätigungen, eine Romanfigur zusammenzusetzen, zeigt »der Engel« Aljoscha Karamasow.

Nach dem alten »wollüstigen Insekt« Fjodor, neben dem Untermenschen des Affekts Mitja, dem sterilen Intellektuellen Iwan, dem klebrigen Schleicher Smerdiakow, sollte endlich einmal hier der junge Allmensch des künftigen Rußland leibhaftig ins Dasein treten, er, für den die ganze Erde Vorhalt war. So verzichtete Dostojewski schweren Herzens darauf, auch ihn wie ursprünglich geplant vorerst in alter Weise zu verjauchen. Kein nach dem Fall Aufgerichteter, ein von Geburt Aufrechter sollte da stehen.

Was da schließlich aufrecht steht, gleicht jedoch weniger einem Menschenbild als einer Tafel auf allgemein zugänglicher Stelle, an der zu lesen wäre: hier kann Müll abgeladen werden. In übler oder anderer Laune schmeißt jeder hin, was ihn gerade ärgert oder drückt; nirgends Wall oder Widerstand, und so haben schließlich alle diese bequeme Ablege recht gern.

An der Aljoschafigur zeigt sich die ganze Seichtigkeit und Blutleere des russischen Traumes.

Der »Engel« ist ausgespart aus aller anderen Süchten.

Ein »sehr geliebter junger Held«, von dessen Bild sein Autor nie Deutlicheres auszusagen weiß, als daß die Backen rot und der Wuchs kräftig sei.

So völlig Konstruktion bleibt die Figur, als hätte Dostojewski im Leben nie erfahren, was den Namen eines Jünglings zu tragen verdient. Jenes Holde und etwas Herbe, mit der prinzlichen Erektion des ganzen Wesens, das, woraus eben dereinst ein Mann und Meister obersten Ranges zu reifen vermag.

Und überdenkt man es, so ist von solchem Jünglingtum, an dessen edlen Maßen Liebe weiser wird und Weisheit lieblicher, in der ganzen russischen Literatur nicht das geringste zu finden.

Gogol in allen seinen Phasen, in Amtsstaub und Dorfmorast, in Höllenangst und Haudegenlust ist es so geist- und körperfremd wie der laffigen Satanie Lermontows. Puschkins junge Männer sind Byronsnobs, von ihm nichtssagend und banal gewollt gleich seinem unendlich langweiligen Onjegin. Das Fehlen russischer Jünglingsblüte im höchsten Sinn, und damit auch nationaler Sinngebung selbst, so zart wie tief erkannt zu haben, beweist Turgenjews Art, mit der er aus den welken Villegiaturen seines Talentes »Väter und Söhne« ins Hoffnungslose, um nicht zu sagen Belanglose entläßt. Dostojewski, der ihn haßt wie die Vornehmheit selbst, hätte ihm kein Fernrohr anzubieten gebraucht, um die Dinge in Rußland von Paris oder der Brühlschen Terrasse aus besser sehen zu können, wenn er über sie schriebe.

Er hat sie besser gesehen als die Muschikomanen daheim.

Gerade als Fremder, als Tatare, also Nachkomme idealer Parvenüs und wie alle Parvenüenkel rascher gekelterten Geschmacks wie rascher ermüdeten Blutes, stand er hoch über dem Gemenge.

So sah er Rußland immer an den Polen des Nichts gelagert, ohne Schöpferdenker wie ohne Schöpferträumer.

Sein materialistischer Tatmensch Basarow als Vertreter der Söhne ist im Grunde ebenso fruchtlosen Hirns, wie der Onkel Paul als Vertreter der Väter fruchtlos verdämmernden Herzens ist.

Zu Russen verurteilt zu sein lastet irgendwie uneingestanden als Lebensunbehagen auf allen, die es nicht in Moskauwütigkeit ersäufen. Vielleicht auf diesen auch. Wo sie nicht weiter wissen, stottern sie eben stier ins Leere: Rußland.

Nie hat ihnen aus dieser Leere ein Formgebild zurückgelächelt, so fehlt von je die Plastik diesem Land, wie die Tragödie fehlt.

Den Unpolitischen: Symbolisten, Dekadenten, Ästheten, was da die jeweiligen literarischen Modedrinks der Pariser Boulevards in oft sehr reizvollen russischen Gläsern den letzten Jahrzehnten servierte, das bleibt nur eben resigniert verhaftet dem Heimatodeur aus Wanzen und Weihrauch; findet nirgends rechten Halt. Manche fliehen in ihren Gedichten zu den ungeborenen Kindern. Schön scheint ihnen nur was »unentweiht von Flohbissen« im Mutterleib schon stirbt.

Andre gebärden sich bald byzantinisch apokryph, bald spätrömisch dekadent. Einige rennen zu den Kirgisen oder Lappen, wollen »Urtier« werden, wieder andere zu Lenau, Platen, Verlaine. Entlaufene Sträflinge des heiligen Rußland, wohnen sie in der Heimatlosigkeit des Ekels, ohne Richtung, Achse, Stern.

 

Am besten wird russische Literatur stets dort, wo sie ohne Prätention Typisches in seiner ganzen Breite aus dem Volkscharakter hebt und stilisiert, etwa Bestechlichkeit und Trägheit. Aus jener formt sich Gogols nationales Lustspiel: der Revisor, aus dieser Rußlands originellster Roman: Oblomow. Durch seine Bände zieht ein langaushauchendes Versagen, achtzig Seiten braucht es, bis der Held nur seine Füße in Pantoffel schiebt. Doch nicht an Tatträgheit, an Traumträgheit geht letzten Endes dieser feine Mensch zugrunde. Hielten innen seine Bilder hell und jung, ohne breiig zu verfließen, verfaulte er auch in der Faulheit nicht.

Sein romantischer Gegenpol: Eichendorffs »Taugenichts« lebt den ganzen Unterschied. Dem »knacken vor Faulheit die Knochen«, indes das Jubilieren seines inneren Wesens ihn mitsamt seiner Faulheit, die holde Nützlichkeitsverachtung ist, durch aller Reiche Wunder schwebt und schließlich froh und heil im Rechten landet.

Am Oblomow »knackt« nichts, auch vor Faulheit nicht; er hat kein »Außen« und »Innen« mehr. Käsig-körperhaftes und gedunsenes Dösen, das in Schwaden richtungslos verschwimmt, merzerisieren an ihm zu Eins.

Wer aber wollte es Autor und Leser verübeln, ihn so, gerade so, wie er nun einmal ist, schließlich feiner liebenswert zu finden, als die Tüchtigkeit in Person: den deutschen Stolz in all seiner bocheähnlichen Vollkommenheit von Kommerz bis Gemüt.

Die »Oblomowerei«, von Gontscharow satirisch bitter gewollt, zieht ungewollt die Herzen sanft herüber zum Verhöhnten. Gerade weil hier ausnahmsweise russisches Versagen nicht mit positiven Vorzeichen als Mission sich andern aufdrängt.

Oblomow ist Iwanuschkas edelste Blüte. Kein Idiotenterror wird an ihm aufgereckt, doch um das phosphoreszierende Verwesen dieser weichen Seele legt sich unverweslich ein Werk von Menschheitsgeltung und unverlierbarem Wert.

 

Niemand mit Gewissen im Ohr vermag solche Menschheitsgeltung aus Puschkins Ton zu hören.

Die Wand der Sprache trüge Schuld, wird uns geflissentlich versichert. Zu fragen wäre nur, wieso es kommt, daß schon nach drei beliebigen Zeilen chinesischer Lyrik, rein vegetativ verschieden von der unseren wie eine Quittenblüte von einem Maßliebchen, jeder unverrückbar weiß: hier ist großer Eigenstil, so hold wie fremd und der Elite der Dinge zugehörig. Das gleiche gilt von einem Vers des Gilgamesch, einer Sonnenhymne des Echnaton, von allem echtester Art.

Es gibt eben eine Qualität des Tons, die durch jede Sprachenscheide schwingt. Bei Puschkin ist nirgends neues Bildergut zu spüren, nur Epigonenhaftes, klassizistisch wohlbekannt, bald leicht Byronisch, bald französisch überfächelt.

Der gute Glaube, hier Außerordentliches zu besitzen, mag Rußland gerne zugebilligt werden. Griechischem Vollklang war es nie gewachsen; der wird ihm eben noch erfaßlich und ertragbar, hindurchgegangen durch Puschkins singendes Negerblut Puschkin war direkter Nachkomme von Ibrahim, Peter des Großen berühmtem Leibmohren..

Antike, nicht serviert als gefrorene Nachspeise, vielmehr beseelt zum Erlebnis, muß nämlich immer wieder höchst selbst erworben werden, durch Genie plus Arbeit, auf weitem reinem Weg und im Elementaren wunderbar. Weder im kosmopolitischen Overall noch mit geiler Breitseite und schon gar nicht in stinkenden Sinnen hirnlich überreizt.

Wo es um diese unvergleichliche Erschütterung aus ganz weißer Idee heraus geht, kann Europa noch anerkennenswert empfindlich sein; man macht ihm da schwerer etwas vor, zumal seinen, bis auf weiteres, germanisch durchbluteten Schichten. In eifervollem Fernweh halten diese dort verklärt, was ihnen selbst zu werden unvergönnt geblieben.

Durch einen Regiefehler des Schicksals waren ja gerade sie im frischesten Schöpfungssaft an eine lebensfeindliche, einem Endstadium zugeordnete Lehre geraten, somit von vornherein in die verkehrte Phase.

Um die einzelnen Germanenstämme nacheinander bis in ihre Zukunft hinein zu beugen, mußte dort angesetzt werden, wo ihre elementare Triebkraft zur Qualität lag; es hieß ihnen vorerst Mythengut, Kultwelt als Wunschtraumgebilde gewaltsam zertrümmern, sie selbst mit artfremdem Quietismus zerfressen, wie es am brutalsten den Sachsen geschah, da man lang vor Herder schon wußte, wie sehr Religion Produkt des Nationalcharakters ist und, an Stelle mephitischer Kriegschemie neuerer Tage, seelische Vergasung des Gegners en gros betrieb, wo es nicht ging, ihn geradewegs abzuschlachten.

Aller Lebensdrang, im vollen Schuß zur Gesamtverkörperung gebremst, setzte sich zwangsläufig in Gehirnzittern um, als halbwegs Erlaubtes. Diese beklagenswerten Stämme wurden später haarsträubend gelehrt, derart mit Dialektik zwischen den so mörderischen als überflüssigen Widersprüchen von Impuls und Dogma im Schweiß ihres Gewissens dahinspintisierend.

Vielleicht ist der deutsche Professor letzte Nachwehe dieses Regiefehlers am germanischen Schicksal. Es redressieren wollen mit der Parole: zurück zu Wodan und durch Boykott des one step zugunsten des Julsprungs, hieße sich in seiner Art nicht minder infantil gebärden wie Tolstoi mit seinem »Wankja der Pförtner«-Terrorismus und Beethoven-Bann.

In was für Hochgebilde der leuchtende Schwung jenes nordischen Seelenaufgangs heute auseinandergefaltet stünde, vermag niemand mehr zu sagen – gehört doch gerade Unvorsehbarkeit zum Urwesen dessen, was direkt aus dem lebendigen Zauberstoff mythischer Symbole drängt –, in etwas, das zwar Asen zu Ahnen gehabt hätte, ihnen jedoch in des Wortes Zweisinn auch bereits so ent-wachsen wäre, wie etwa der Vedanta dem brahmanischen Pantheon fortgewachsen ist oder das griechische Drama dem Mysterienkult.

Das bleibt verpaßt und vorbei. Man kann nicht Jahrtausendstücke dem Völkerleben ausschneiden und das Einst aus Jetzt stückeln. Jede Geistgestalt hat ihre vorgeborene Stelle in der Zeit.

Weiterlebt allem Germanischen die Sehnsucht, dem tiefen Abglanz einer Menschenart, wie fernem Geschwister, nachzufühlen, die mystisches Wesen direkt in Form der Natur empfangen und gebildet, deren bestes Schicksal ein grenzenloses Folgen sein durfte jenem magisch sinnlichen Element, aus dem das Lebendigsein besteht einer Menschenart, die in Wirbeln stürzen konnte durch die Größe jedes Grauens, ganz erschüttert und ganz ungebrochen, um dann umschwingend mit der »erinnernd sich neubefiedernden Seele« zu steigen und zu steigen »auf dem Rücken der Himmel stehend und zu dem wahrhaft Seienden das Haupt emporgerichtet«.

Dem Saft dieser Welt Entschöpftes läßt Europa nur aus bester Hand sich reichen.

Vor Surrogaten in Puschkins Manier bleibt es gelassenen Ohrs.

Russen pflegen darob beschwörend zu toben, und auch von der literarischen Internationale wird es nicht eben gerne gesehen, doch erst vor dem eigentlich Slawisch-Messianischen heißt ihr Kühle – Ketzerei.

Die Russen sind nun einmal das auserwählte Volk des Judentums, genauer gesprochen, jenes einzige Volk, das sich von je als Ganzes erwählen ließ, an anderen sind es nur die abgelebten und entraßten Teile. Hier taugt einmal eine Gesamtheit zur ungeheuren gelatinösen Masse, auf der es seine Ideen als Reinkulturen ziehen kann, denn es überzieht stets andere, nie sich selbst mit diesen seinen Ideen. Gleichwie Juda in der materiellen Ebene seine Mittel, statt zum Aufbau eigenen Werks, meist lieber als Leihkapital verwendet, so baut es sich nicht frei und weithin sichtbar selber auf aus seinem Geist, borgt diesen vielmehr allen Entleerten, Substanzarmen oder sonstwie Steckengebliebenen, die sich keiner lebendigen Struktur organisch einbezogen fühlen, zu Sabotagezwecken an anderer Qualität und gegen fabelhafte Verzinsung an Macht und Einfluß. Es hat an der allgemeinen Entrassung somit rein instinktiv das größte Interesse, möchte seine Klientel schlechthin zur »Menschheit«, das ihr Geborgte zur »Idee der Menschheit« avancieren lassen.

Diese Idee besteht nun der Hauptsache nach ganz folgerichtig, den Abnehmern entsprechend, in der wahllosen Akzentverschiebung nach unten. Dem prinzipiellen Verlagern des Weltschicksals aus der Qualität in die Quantität, aus der Gestalt ins Chaos, die gleichen, gleichgewerteten ranglos gegeneinander auswechselbaren Teile, was politisch: Diktatur des Proletariats, sozial: Marxismus, ökonomisch: Kommunismus, psychisch: Kollektivbewußtsein, physikalisch: Wärmetod der Menschheit heißt.

Ein der Zahl nach riesiges Volk nun, ohne Struktur, Mythos, Philosophie, Plastik, Drama, kurz: Gestalt, doch eben darum von weichwütigem Überschwemmungsdrang befallen, wie alles, was nicht einem befruchteten Ei gleich sich eher abschließt und zu eigenem Wachstum zusammenhält, das war ein Fund ohnegleichen, denn dem überspitzten und stechenden Judentum glaubt niemand so recht am Beglückungsterror den werbenden Bruderkuß; in die breiige Zerliebung, in die Schlacksigkeit slawischer Allumarmung hingegen, bei der jeder Umarmte erstickt, fiel so mancher hinein. Deshalb liegt Juda ein Glaubenmachen an die Bedeutung, vor allem »Sendung« Rußlands auf jedem Gebiet, so sehr am Herzen; Juda »sendet« es ja des öfteren selbst. In moskowitisch-muschikistischer, möglichst exotischer Verpackung wird den andern Völkern da retour geschmuggelt, was diese nach seinem wahren Inhalt ohne weiteres zu schlucken nachgerade wenig Neigung zeigen.

So hilft chronische Ekstase vor dem »Kunstwert« messianisch slawischer Literatur deren Inhalt mit hereinzuschwemmen ins Weltbewußtsein, bis beider Bedeutung, unzertrennlich geworden, dort klassisch verfestet steht.

Es ist erstaunlich und jeder Bewunderung wert, wie früh, lang vor der politischen Chance, Juda an Rußland bereits die literarische gewittert und als pacemacher für jene verwendet hat.

Was kann in Dostojewskis Psychologie gewickelt nicht alles wieder eingeführt werden. So unschätzbar ist dieser – sehr unbewußt – Hörige Judas an moralischer Bindung und Influenz, auf dem Umweg über allerhand Todhaß, Attitüden der Windelweiche, Mirakelgesten, Skrupeln, Ranküne, Schläue, Selbstzersetzung, Werbefuror und Besessenheit, daß ihm sogar der Herzensschrei: »Gott allein weiß, was der Welt durch die jüdische Intelligenz noch bevorsteht« leicht nachgesehen werden kann.

Wer Christ ist, darf stets Antisemit sein, gar jemand, dem sich sogar als Atheist noch der Teufel aufs Bett setzt. Es wäre zu erinnern: baumeln einem Stier in der Arena die Widerhaken aus den Adern, von denen eigner Lebensschlag verrinnt, mag er immerhin in seinem wirren Hirn auch einmal gegen den Piccador anrennen, der gleitet schon rechtzeitig zur Seite, nach dem tiefen Stoß in die fremde Gestalt.

 

Nach dem tiefen Stoß in die fremde Gestalt rechtzeitig ins Anonyme zurückschmelzen, wieder aus ihm auftauchen, als wäre nichts geschehen, lediglich Partei unter Parteien im für und wider; sich dem selbst Lanzierten sogar dialektisch entgegenstellen, sich seinetwegen verfolgen lassen, nur damit die Urheberschaft möglichst lange verwischt bleibe, das ist Judas Meisterkunst von je. Es fällt nie direkt, sondern bohrt heimlich die Wurzeln fremden Wuchses an, auf diesem Umweg gehorsam dem Gebot Jahves, des Angst- und Wunschbilds eigener Sendung:

»Also sollt ihr an ihnen tun (den andern Völkern), ihre Altäre sollt ihr zerreißen, ihre Säulen zerbrechen, ihre Haine abhauen.«

Und die Völker – des Altertums wenigstens – scheinen Bescheid gewußt zu haben. Der Philosoph Euphrates macht Vespasian geradezu Vorwürfe, daß er Palästina dem Reich zurückgewonnen habe: »die Juden waren längst abgefallen, nicht von den Römern nur, sondern von der Menschheit, es wäre besser gewesen, sie gar nicht zu haben,« und Apollonius von Tyana lehnt die Einladung des Imperators ihn in Judäa zu besuchen rundweg mit der Begründung ab, er wolle ein Land nicht betreten, »welches von seinen Bewohnern entweiht sei, sowohl durch das, was sie getan, als was sie erlitten!«

Zum Frappierendsten jedoch gehört wohl der Brief des Kaisers Claudius aus dem Jahre 38 an die alexandrinischen Juden, in dem er sie zwar ausdrücklich vor Pogromen und in all ihren Rechten schützt, doch zugleich verwarnt, »sich nicht immer in die Angelegenheiten städtischer Obrigkeiten zu mengen, keine Juden mehr aus Syrien und Ägypten herbeizuziehen, sonst würde der Kaiser größeren Verdacht schöpfen müssen und auf jede Weise gegen sie vorgehen, weil sie eine allgemeine Krankheit der Welt erregten Nach einem von S. Reinach entdeckten Papyrus, herausgegeben von Mr. Idris Bell.

Um zu ermessen, was solche Anklage bedeutet, muß man die rein verwaltende Weltgebärde römischer Kaiserbriefe kennen in ihrer überragenden Urbanität. Die firne Toleranz dieses Rom, so überwältigend in seinem bloßen Sein, daß die Avaren-Khane nicht Geld von ihm verlangten für Kriegshilfe gegen die Slawen, sondern – das Patriziat. Herrscher im eignen Land, kämpften sie einzig um des Vorzugs willen, der überlegensten Menschenart ihrer Zeit angegliedert zu gelten.

Doch gerade was die Völker entzückt bis an »Sinas mitternächtiges Gebiet«, erregt Judas Todhaß: die Vornehmheit auf Erden, damals verkörpert in Rom. An ihrem jeweils stärksten Träger tastet es sich nach seiner schwachen Stelle hin, startete die Praxis an Ägypten und übt sie soeben an Albion, ohne je aus dem Training zu kommen. Es verträgt kein nach eigenem Gesetz geschlossen blühendes Gebilde. Das ging nach zwei Jahrtausenden erst wieder Nietzsche auf.

Der stille Riesenblick Roms für Rassenpsychologie ist damals um so erstaunlicher, als sich des Claudius Brief noch nicht einmal auf die evangelische Propaganda beziehen kann. Dieses verschlagenste Attentat gegen das Imperium, ihm bereitet an seiner schwächsten Stelle: den damals so zahlreich gewordenen Zersetzungsprodukten aus der großen Völkerverköterung, begann sich ja erst einige Jahrzehnte später auszuwirken, da aber war »was eine allgemeine Krankheit der Welt erregt« bereits nur mehr Partei unter Parteien, besonders als auch noch die alexandrinischen Snobs – Abgelebte von oben – mit der neuen Lehre zu flirten begonnen hatten. Die ganze damalige Ästhetenclique, alles, was so verrottet im Kern, daß es sich erst auf dem Umweg einer Todsünde wieder einiges Amüsement von seiner ausgeronnenen Natur erhoffen mochte; tief verwandt den lungernden Epheben und Salonbolschewisten dieses Jahrzehnts, denen die eigene Nichtigkeit urplötzlich als Vorwegnahme eines Kollektivbewußtseins in künderischem Licht zu erglänzen begann.

Juda aber schmilzt seit kurzem nicht mehr ins Anonyme zurück. Schon glaubt es das Verhältnis von Substanzverdünnung und Pöbeldichte am Planeten ihm günstig genug, um alles auf einmal reklamieren zu dürfen.

Lunatscharsky, der Sowjetbeauftragte für Unterricht, nennt den Marxismus geradezu »die fünfte (?) vom Judentum gestiftete große Weltreligion.«

Aus früheren kann Symbolisches im Zusammenhang sogar noch übernommen werden. So sind nach diesem quellend sich Überplaudernden – er ist der Dionysische unter den Marxisten – »die Produktionsmittel Gott Vater, das Proletariat der Sohn, der wissenschaftliche Sozialismus der Heilige Geist Zitiert nach Thomas Masaryk.

Heiter bestaunenswert, diese auf Parteidoktrin eingeschnurrte Trinität für den, der sie aus anderer Dimension herniederschillernd kennt! Doch zeigt sie den Marxismus auf als was er seinem sozialen Ziel nach ist, abgebalgtes Urchristentum, verdorrt am religiösen Fruchtfleisch, reduziert kraß und crud auf seine ursprüngliche Tendenz; Massenverhimmelung. Das Ringsherumgewachsene aus andern Ideen, Mythen, Völkern ist die Kirche. Daher richtet sich der jüdische Freisinn ausschließlich gegen dieses religiöse Fruchtfleisch, die mystisch-sakrale, hieratische Struktur. Er nennt sie »Obskurantismus« – mit Recht – denn sie verdunkelt bis zur Unsichtbarkeit den wertefeindlichen Kern, die Akzentverschiebung nach unten, welche dekretiert: was als vorzüglich zu gelten hat, bestimmen nicht mehr die Vorzüglichen, vielmehr gehen alle Befugnisse ohne Probe und Erweis auf die Untersten, Zufälligen, Vielen über, »die Armen im Geist«, denn »die Letzten sollen die Ersten werden.« Im Marxismus ist all das nur um ein Stockwerk tiefer verlegt, aus der Seele in den Körper, aus dem Himmelreich auf die Erde, und hier wie dort verbürgt schlichtes Nachsprechen eines Credo die endgültige Glückseligkeit.

Hat man noch nie bemerkt, wie persönlich und heimlich geschmeichelt sich fast jeder Jude, und sei er selber Atheist, fühlt, wenn ein prominenter Mensch andrer Rasse seinen Wandel nach evangelischem Diktat beskrupelt? So persönlich und heimlich geschmeichelt, wie ein Großbörseaner, der sein Haupt mißbilligend gegen das Diktat von Moskau schüttelt, der Familienstolz aber gleißt auch ihm dabei aus dem Aug. Flaggen doch die hundertvierzig Banken Moskaus zum erstenmal ganz offen im Zeichen ihres Sterns, der Sichel und Hammer beherrscht.

Der alte Scherz: nur Juden sind Christen, gilt insoferne, als strenge darauf gesehen wird, niemanden fremder Rasse aus der evangelischen Moral zu entlassen, er gehe denn bereits in deren materialistisch eingenüchterte Fassung und Methode: den Marxismus ein. Wo dieser bereits diktiert, werden Rückfälle in die religiöse Vorform nicht mehr geduldet, wie – trotz Lunatscharskys Symbolfreundlichkeit – die Verfolgung der Kirche durch die Sowjets zeigt. Es kann eben etwas auf einer gewissen Stufe des Erreichten schon zur Ausmerzung vorgemerkt stehen und an kritischem Wendekreis in Artfremdem noch immer als auflockernd, lähmend, zersetzend belassen werden. So betreibt der Bolschewismus Auslandspropaganda mit russischer Literatur, die er im Inland auf den Index setzt, wie Tolstois messianische Schriften, deren Düngerkommunismus ihm wenig und deren Muschikomanie ihm gar nicht paßt, als Rivale gegen die ausschließliche Diktatur des Stadtproletariats. Dort, wo letzte Kraßheit noch verfrüht wäre, schiebt man eben Gewöhnungskuren ein. Das war von je. Als die nordischen Völker durch das Christentum atrophiert werden sollten, ließ man im Heliant vorläufig auch noch einiges aus, in Sonderheit, was sich auf den masochistischen Unehrenkodex bezieht: »so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar.« Dies und Verwandtes wurde wohlweislich und sorgfältig eskamotiert.

Dem unbeschönigten Marxismus Moskaus erscheint nun die Durchsetzung der ihm abgekehrten Menschentypen mit Dostojewski und seiner Art wichtig genug, um ihm ganze Stäbe von Kommentatoren zu halten. Man öffnet Archive, läßt den literarischen Nachlaß in allen Ländern sich verbreiten in immer neuen Schüben, damit die Wirkung ja nicht erlahme. Fanatische Zarenfrömmigkeit, galligste Wut gegen jeglichen Fortschritt, das alles wird diesem Autor – für den Auslandsvertrieb – so schweigend nachgesehen, wie Antisemitismus und Orthodoxie, ja kommt sogar zu paß, denn es verwirrt, und hilft die Verwandtschaft der Strebung verschleiern, gerade weil Mittel und Methode hier vom andern Ende der Welt geholt wurden. Russischer Christus, Exhibitionismus, Selbstschändung, Alldienstbarkeit, Muschikomanie, künstlicher Infantilismus, Einstampfung, Allversöhnung, Idiotenideal – auch sie sind ja nur Verkleidungen für Eines und Eines ganz allein: die systematische Welthetze gegen den ungemeinen Menschen, von dem es zu Anfang hieß:

Da ist, als zöge ein geheimnisvoller Wille in Intervallen, deren Rhythmus niemand kennt, eine Springflut vom Weltenquantum der lebendigen Essenz an sich und würfe sie auf zu solchem Herrn des neuen Maßes. An ihm entzündet sich das Glück der ganzen Rasse bis in die Spitzen des Gefühls, an seines Wesens Überschuß, von der Essenz so hoch hinaufgetrieben, den Abglanz der Idee zu schauen.

Daß dieser gejagt, niedergejohlt, pervertiert, gemindert oder, in störrische Überspannung getrieben, an seinen Instinkten irre gemacht und abgelenkt werde von seinem Weg, um das geht es.

Denn durch sein bloßes Dasein als Strahler, Beleber, Erhöher, Bedränger erzwingt er unbewußt, auch noch bei strengster Stille und Zurückgezogenheit, daß jeder einzelne an ihm sich seiner eignen Art bewußter werde im reinen Ja und Nein, und steht somit der Zersetzung aller Qualität, sowohl zum allmenschlichen Chaos der Moskauwütigkeit, wie zum Massemenschen proletarischer Färbung, die beide nur Negative sind, Negierung des Helden und Prinzip der Un-Gestalt, hindernd im Wege.

Gestalt aber ist Wille zur Qualität. Alle Schöpfung hebt mit ihr an. Sie hat das Primat, steht als mythische Vision am Anfang alles Anfangs. Wo eine Menschenart einen genialen Kern hat und somit eine Mission zu erfüllen, formt sie aus dem Lichtesten, Berauschendsten, aus ihrem besten Blutnetz am Morgen der Inkarnation zu Halbgöttern und Heroen ihr eigenes plastisches Bild. Die immer aus der Entstehung in die Vergehung sterbenden Einzelwesen arbeiten unbewußt an ihm, dem Unerschöpflichen, heben es auf die Gipfel des Wissens und aller unermeßlich bereicherten Vielfalt der Zeit. Von Tod zu Tod der Individuen entzündet sich das todlose Bild, tropft ab von Person zu Person, wandelt sich ab durch die organisch atmenden Gebilde; durch ihr Bewußtsein hin gewinnt es Geistgestalt in neuen Reichen, von Klang bis Stein.

Die Auserwählten tragen es am Kontur ihres Körpers und Wesens, an Haltung, Gebärde, Werk und Schicksal am reinsten, mit allem Glanz des Menschentums gesammelt und ganz Persönlichkeit geworden.

Daher der instinktive Todhaß der Entraßten, Entzüchteten, Zuchtlosen (nicht der Volkheit) gegen den ungemeinen Menschen in seiner unbestechlichen Geschlossenheit.

Er wirkt nicht als Komparativ oder Superlativ ihrer selbst, seine Verarbeitung in der Phantasie zum eignen billigen, diffusen Narzißbild ist mühsam oder undenkbar; er scheint aus intensiverem, auch unwünschbarem Stoff, doch wiederum so stark durch bloßes Dasein, daß alles Eigene an ihm schal wird und an Lustgehalt verliert, während Bestgeratenes verschiedener Rasse, wie von Gipfel zu Gipfel unter gleicher Sonne einander in einer übernationalen Sphäre grüßt und ehrt, im Gegensätzlichen besonders schont, weil es ja weiß: Auserwähltsein heißt vor allem gefährdeter sein und es bitterer haben.

Nun ist aber von höchster Bedeutung, daß auch der einfache und wenig schöpferische Mensch in der Phantasie an dem heroischen Wunschbild seiner Volkheit ichbetont teilhaftig sich empfinde und so von innen im Mirakel und allen Abwandlungen seiner Geistgestalten sei, solcherart gesteigert einem intensiveren Leben einbezogen werde, als es ihm sonst vergönnt. Am wichtigsten daß er spürt: auf diesen winzigen, anstrengenden Anteil zu guter Stunde kommt es an, statt sich vorschmeicheln zu lassen, die neunundneunzig Prozent Schlacke, aus denen sein übriger Erdenrest besteht und die sich über jenen Anteil wahren Lebens häufen, seien eine eigne und neue feurige Potenz, da der »Fortschritt« ja Schlacke in Kohle verwandle.

 

An der gleichen Gestalt teilhaben, heißt an der gleichen »Idee« teilhaben, und Menschen in ihrem heroischen Traumbild verschieben, heißt ihre schöpferische Phantasie verschieben und sie hindern in die Wirklichkeit ihrer Träume zu treten.

Was Dostojewskis Psychologie hierfür leistet, verkündet als Hymnus und in seiner Ekstase unübertrefflich ein besonders feiner und gepflegter Essayist:

» Niemand kann ermessen, um wieviel wir in den fünfzig Jahren seit seinen Büchern den Dostojewskischen Menschen schon ähnlicher geworden sind, wie viele Prophezeihungen sich schon in unserem Blute, in unserem Geiste von seiner Ahnung erfüllen Stefan Zweig, Drei Meister.

Wenn jüdische Geister wir sagen, meinen sie nie sich, sondern immer die Andern.

Für die Andern läßt Juda durch seine Medizinmänner Inzucht zur biologischen Todsünde stempeln, selbst bleibt es die reinste, daher instinktsicherste Rasse. Sogar bei Vermischung aber riskiert es nichts, seine Erbmasse ist dominant – die fremde wird aufgesogen.

Bei Andern untergräbt es jeden Adelskult, selbst hegt es eine der exklusivsten Aristokratien der Welt: die Sephardim, und sonnt sich in deren ohnegleichem Kastenhochmut Beruft England zu hohen Staatsstellungen Juden, dann ausschließlich Sephardim, gleich Disraeli oder Lord Reading (jetzt Vizekönig von Indien), von jenen Geschlechtern, aus denen schon die Mauren Spaniens sich Minister holten..

Den Andern redet es mit hochgradiger Beflissenheit zu, ihre Eigenart aufzulockern, selbst bleibt es der Mahnung treu: »Ihr seid das Salz der Erde. Wo das Salz dumm wird, womit soll man salzen?«

Die Andern – in Massen – überzieht es mit der Gehirndarre des Materialismus. Selbst hat es sehr geheime Lehren, zaubertiefer Weisheit voll.

Damit die Andern ihr bestes Wunschgut verleugnen und sich auf Iwanuschka einigen als heldisches Narzißbild, der wieder nur Mittelglied ist, Entwöhnungskur vom Helden überhaupt, an deren Ende die Zersetzung aller Eigenart zu einem Kollektivbewußtsein steht, für dieses Ziel empfiehlt sich zuvörderst gar wohl die Pervertierung jener Andern in Dostojewskimenschen, indem sie die Meinung zugefertigt erhalten, diese als den zukunftsreicheren, gesteigerteren Typus zu empfinden und gleich ihm die Selbstschändung in jeder Lebenslage als lustbetontes Gnadenmittel der Wiedergeburt; denn schleunigste Auflösung zugunsten radikaler Verwandlung wird stets gerade jenen Andern besonders warm empfohlen, die eigentlich keinen rechten Grund haben, mit ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit gar so unzufrieden zu sein.

Zur Auflösung aller Persönlichkeit dient ferner das Überwertigwerden einer Psychologie, die bei den Abwandlungen des inneren Gutes weit weniger Wert auf dessen Qualität als auf den Mechanismus der Abwandlung selbst legt. Tempo, Frequenz, Transmutation der Gefühle werden wichtiger als das Individuum. Schlaff und störrisch, aufbrausend und hemmungslos, betont der Dostojewskimensch ostentativ seine infantile Schwäche, nichts halten zu können und zu wollen, manchmal kaum mehr sein Selbstbewußtsein. Er kommt dahin, an seine Einheit nicht mehr recht zu glauben; flimmerzitternd verzuckt sie zum Empfindungskino oder verliert sich an eine lineare Manie, aber wenig ist mehr vorhanden, was diese ewig sich vertauschenden, gleichsam herrenlosen Gefühle eingesammelt rund umfaßt und sich mit ihnen im Innersten zu höherer Synthese dauernd verwachsen weiß. Der Heroismus fehlt für jenen äußersten Saum aus Hingabe und Entsagung, der dem Individuum ein Zentrum gibt und mit diesem im Strahlenaustausch die Unendlichkeit.

»Nie können seine Menschen gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften ihrer Sinne und Seele einander lieben, unendlich, unermeßlich sind die Verwandlungen des Begriffs, den die andern Psychologen unter dem Namen »Liebe« leichtfertig zusammengefaßt« – – wird uns bewundernd verkündet und erläutert an Katharina Iwanowna.

»Sie sieht Dimitri auf einem Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt sie, und sie haßt ihn. Er nimmt Rache und erniedrigt sie – und sie liebt ihn, oder eigentlich sie liebt nicht ihn, sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie opfert sich ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur ihre eigene Aufopferung, liebt ihre eigene Pose der Liebe, und je mehr sie ihn so zu lieben scheint, um so mehr haßt sie ihn wieder. Und dieser Haß fährt los auf sein Leben und zerstört es, und in dem Augenblick, wo sie es zerstört hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich als Lüge offenbart, ihre Erniedrigung gerächt ist, liebt sie ihn wieder Drei Meister.

Bei Yseult war es nicht so. Doch, wer könnte zweifeln, daß an dieser Gestalt mehr und Tieferes aus dem Abgrund des Eros heraufgekommen ist. Ja die lästerliche Vermutung scheint nicht ganz abzuweisen, daß Fräulein Katharina Iwanowna über die Liebe wenig Zureichendes erfahren hat – nie in den Kern der Verzauberung gelangt ist –, dieweil sie auf einer schmalen Seelenbühne immer nur die Posen ihrer travestierten Eitelkeiten mimt, von hysterischen Schreikrämpfen erschüttert – nicht von dem Gott.

Im pausenlosen Blitz höchster Anspannung und Entrücktheit, in einer einzigen überwältigenden Empfindung vibrierend stehen können, sie aushalten können ohne Ausweichen und Absinken, das aber ist gerade die Erwählung des kostbarsten und höchsten Menschen. Daher sind die – so häufigen – Katharina Iwanownas Objekt der Psychologie, die – so seltenen – Isolden bleiben den Dichtern und Meistern vorbehalten. Querstände und Verschränkungen des Gemütes kann man nämlich quer, verschränkt, unrein gemischt, auf alle Arten kompliziert und mit den Behelfen der täglichen Erfahrung darstellen, deren subalternes Wesen, uns allen wohlbekannt, ja eben darin besteht quer, verschränkt, unrein gemischt und kompliziert zu sein.

Einen Abglanz jedoch von der Qualität des großen Gefühls, das Gnade ist und Urphänomen, uns Armen zu vermitteln, gelingt nur einem Dichter und Meister, der bis auf den Grund der Sprache zu tauchen vermag, so tief, daß er die schwierige Schlichtheit aus ihr hebt, die an Qualität gleich ist der Gnade des großen Gefühls.

Wer weder Dichter noch Meister ist, dringt nie dorthin, doch genialer Psychologe kann er gern und gut noch immer werden; da kommt es ja nicht auf den eingebornen Rang des Was, sondern einzig auf das Wie der Verstrickung an. Mit dieser wirkt Dostojewski als eine Art »Heliant«. Fesselnde seelische Verwirrung vertuscht die elende Naturbeschaffenheit seiner Figuren. Die Gesetze des psychischen Mechanismus nachzuahmen, verleitet unwillkürlich dazu, auch seine Träger nachzuahmen, so werden die Andern auf dem Hyänenpfad der Psychologie den Dostojewskimenschen wirklich ähnlicher. Finden aber dereinst – diesen vorbildlichen »Personnagen« gleich – ihre ganz zerfressenen Iche sich hirnlich verspreizt ins Nie-wieder-auf-gleich-kommen, ausgekegelt an jedem Seelengliede und fehl an jedem Ort, blind für Kunst, taub für Musik, tot für Natur, dafür kreischend vor Stolz auf ihr bodenloses Minderwertigkeitsgefühl, dann täten sie wieder besser daran, es gar nicht erst erlöselnd mit Iwanuschkas Allmenschentum zu versuchen, vielmehr so desolate Makelhaftigkeit lieber ganz einschmelzen zu lassen, direkt vom »großen Knopfgießer« selbst und – einfach à la fortune du pot.

Flach, ja unsinnig wäre es, zu meinen, der Dostojewski-Hymne läge im Bewußtsein ihres Barden auch nur ein Gran Verschlagenheit oder übler Absicht zum Grunde. Darum ist gerade diese herausgegriffen aus dem Schwall propagandistischer Ekstase. Stefan Zweig, der sorgfältige Epiker und lautere Ästhet, weiß es sicher nicht echter, auch wenn sich ihm in einem anderen Essay Neigung zum deutschen Genius bezeichnenderweise gerade dann und dort vertieft, wo dieser nur mehr als harmloser Imbezil, etwa als Hölderlin des letzten Wahnsinnsstadiums, welttoten Augs, mit überlangen Fingernägeln auf ausrangierter Klaviatur verlorne Töne klappert.

Hans Blüher Näheres hierzu findet sich ausgeführt in: Secessio Judaica. Wert und Bedeutung des heldischen Bildes erläutert sein Hauptwerk: die Stellung der Erotik in der männlichen Gesellschaft. würde sagen, »der Geschichtsdruck seiner Rasse« verlange eben von ihm, daß er sich restlos begeistre, hingebend einsetze gerade für alles, was irgendwo, irgendwie auf die Wirtsvölker artvermindernd wirkt.

Im Missionshaften, Schicksalgebundenen, ganz gleich wie es sich nachträglich ästhetisiert oder ethisiert, liegt auch die Bedeutung solcher Rufe wie: »für mich ist die Tragödie der Karamasow nicht geringer als die Verstrickungen der Orestie, die Epik Homers, der erhabene Umriß von Goethes Werk. Sie alle diese Werke sind sogar einfältiger, schlichter, weniger erkenntnisreich, weniger zukunftsträchtig als die Dostojewskis. – – – Alles heilige Urwelt. – – – Jeder einzelne fühlt, so wie das Rußland Lenins und Trotzkis, daß er die ganze Weltordnung neu aufbauen müsse, und das ist der unbeschreibliche Wert des russischen Menschen für Europa. – – – und läßt uns fast sehnsüchtig werden, daß dieser glühende Tropfen Weltkindheit und Seelenaufgang seines Russenvolkes in die müde, stagnierende Welt des alten Europa einglühe.«

Die »Sendung« Rußlands! »Das Rußland Lenins und Trotzkis«, der größte Abnehmer und Hörige jüdischen »Geistes«, von Juda »in die müde, stagnierende Welt des alten Europa« selbst zurückgesandt mit eben diesem Geist als »Sendung«; ist es verwunderlich, wenn unsre Literaten da »fast sehnsüchtig werden Eine rühmliche Ausnahme macht von je Felix Salten, der als Erster gegen die Überschätzung russischer Literatur aufgetreten ist.«.

 

Wer Völker in ihrem eingeborenen Wunschbild schädigt, Untreue gegen das Wunschbild erregt, mordet seine Schöpferkraft und hindert, daß es lebendig sich vollende in Fleisch und Geist.

Sollte hier der Sinn des Ritualmordmärchens liegen?

Daß doch irgendein Makelloses, ein geliebter Erstling in den Wirtsvölkern als Opfer fallen muß, damit Juda dort sein höchstes Fest feiern könne? Des Festes Wesen und Sinn? Er wird in dieser vielspältigen Rasse, je nach der Seelenlage des Einzelnen, sich bis zum Nichtwiedererkennen verschieden spiegeln, flach oder tief; die Strebung nach ihm aber lenkt alle gleich. Nur wird jeder etwas anderes zu feiern hoffen.

Der Anspruchslose: den sozialen Bauchaufschwung in Reih' und Glied der Menschheitsriege.

Der Anspruchsvolle: durch das Medium der Masse die Diktatur der Welt.

Der Witzige: den Trick, nun seinerseits einmal den restlichen Planeten in ein Ghetto gesperrt zu haben.

Der Rachsüchtige: sein Fest der Feste.

Welcher Art aber feiert hinter diesen allen der große Ahasver es selbst? Wie, wenn diese singulare Erscheinung unter den Rassen, dieser leidenschaftlich Müde, überwach in der qualvollen Schlaflosigkeit seines Alters, sich so widermenschlich zäh wüßte, daß er die Auflösung aller für seine eigne brauchte? Einen gigantischen Umweg versuchte, sich endlich zur ewigen Ruhe zu zwingen: das Massengrab, um dort zu guter Letzt doch noch Vereinigung zu feiern mit jenen Hochgemuten, Fernen, Andern, die er so heimlich und hoffnungslos in langem Haß geliebt.

 

Da Rußland, wie schon der Tatare Turgenjew erkannte, sich stets an den Polen des Nichts gelagert findet, den beiden Extremen der Sterilität: bei Lethargie oder Zweckbesessenheit, Hirnweiche oder Hirndarre, weil es ohne Schöpferträumer wie ohne Schöpferdenker, so mußte Iwanuschka dem Schrecklichen mit schicksalhafter Notwendigkeit ein Antipode und Halbbruder erstehen. Innerlich Gegensätze, sind sie nach außen hin einig im Gelüst nach der bekannten Pandestruktion mit versöhnlicheren Vorbehalten für den Jüngsten Tag, nur daß die Zersetzung in einem Fall zum russischen Allmenschen, im andern zum Marxistischen Kollektivmenschen zu erfolgen hat. Beiden bedeutet »Versöhnung der Gegensätze«, daß der Gegensatz vernichtet ist. Auch als Kunsttheoretiker haben sie mehreres gemein. Dieser Halbbruder und Antipode ist seines Zeichens

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