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Idiotenführer durch die russische Literatur

Bertha Diener: Idiotenführer durch die russische Literatur - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
authorBertha Eckstein-Diener
titleIdiotenführer durch die russische Literatur
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1925
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectid226c95ae
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Dostojewski

Hier stößt jede Frage in den Kern vor. Was sonst russisch repräsentativ – sei's europäisch oder anders hingeneigt – kann erst von diesem Schwerpunkt aus gewichtet werden. Dostojewskis Werke selbst, denen nach der Literatenparole »nur Begeisterung nahen darf und auch sie nur demütig«, sind in Anbetracht der Flut deutschartiger Ausgaben füglich als bekannt vorausgesetzt.

Und man vergesse nie: Sie erheben Anspruch, die »universellen Gestaltungen unserer ganzen inneren Welt« zu sein.

Wie sehen nun Menschen wohl aus, deren geistige Windrose von Anakreon bis Hamsun, von Li-Tai-Po bis D'Annunzio streichen soll, deren Lotrechte als Maß steht von den »Müttern« bis zu den Türkisengipfeln des Vedanta? Ist doch Gestalt verdichtetste, dem Auge unmittelbar sinnfällig gewordene Qualität.

Sie sehen gar nicht aus.

Kein Dostojewski-Mensch ist bildhaft geschaut, noch vermag er bildhaft zu schauen. Vage Bündel zerknitterten Unbehagens, liegen sie meist mit offenem Hemdkragen auf dem fleckigen Wachstuch ihrer Schlafsofas dahin und treiben Seelenonanie, immer vom Angstschweiß irgend eines Erfürchteten pariahaft verklebt; gehen dann, verkrampfte Hörige einer boshaften Schimäre, mit ihrem üblen Tage schwanger. Immer geldbedürftig, dabei unfähig, welches zu verdienen, bleiben sie dauernd von Erbschaften, Darlehen oder anderen Schäbigkeiten abhängig.

Immer knirschend oder zerknirscht, gekränkt oder Kränkung witternd, erlechzend auch, laufen sie ihre entzündeten Nerven entlang, bis in die Enden jeder Manie, ohne daß dies Hemmungslose in ihnen Fülle werden könnte, denn zu Krampf gesteigerte Schwachheit ist es, nicht Überschwang der Kraft.

Ihre verjauchten Seelen sind wie von einem heimlichen, inneren Sekret befressen, ihre Ekstasen Vergiftungsräusche eines zu Geifer geschlagenen Geblüts. Wie durch blinde Korridore hin verläuft ihr Weg in einer fensterlosen Welt. Und dies Farblos-Schale, in dem reich und arm Kaspar-Hauserhaft drinsteckt, das wie ein zu niederer Plafond die Scheitel abscheuert, die Hirnhaut kontinuierlich reizt, ist vollgelebt mit seelischem Unrat und macht die Weiber oft schreien in Ketten von Hysterie: dalbernde Generalstöchter, Beamtenfrauen, Rentnerinnen, Prostituierte; schon die Dreizehnjährigen drohen mit hysterischen Anfällen (Lisa, Karamasow), denn es ist keine pantheistische Raumtiefe um sie, keine bewaldete Weltkugel, in die das Verfaulte osmosieren könnte aus diesen verstopften Adern, Herzen und Hirnen. So bersten sie denn vor Bosheit.

Es kann auch nichts von irgendeinem freien Draußen in diese mißratenen Sinne herein, nichts was plastisch oder feurig, nichts was schmeckt, sprüht, funkelt, nicht Frucht noch Blume, kein Dolchstoß Sonne, kein Vogelton.

Amusische und Adionysische, bleiben sie gleicherweise ohne Natur und Kunst, und vor ihnen geht kein Tagtraum her. Das »Rothschild-Programm« des »Jünglings«, Raskolnikows »Idee« sind rabiater Kaffeehausrationalismus. Das Fehlen dieser weichen jungen Märchenwolke, in der jedes Geschöpf selig wandelt, die es ununterbrochen aus sich herausspinnt im schimmernden Schlaf der Vision, läßt sie richtungslos wie lädierte Insekten, trotz aller Aufgeregtheit für Vollmenschen schließlich unverbindlich, armselig und irgendwie nur zweidimensional zurück.

Ohne Hemmung schlägt das Pendel eines dürren Dualismus maßlos aus in Wut und Demut, doch immer in der gleichen Ebene, ein linear verlorener Schwung, weil keine volle Erde drunter kreist, den schrillgeritzten Strich in ihre größere Flugbahn aufzunehmen, daß er sich schließe und vollende zum Umkreis ganzer Menschlichkeit.

Nie ein kühnes, reines, wohlgeratenes Laster.
Nie ein Mensch mit einem freien Umriß.
Nie eine unerschütterliche Freude.
Nie treibt der Stachel der Wollust in die Schönheit hinauf. Vielmehr »wie Hunde an einer Mauer gelagert«, tun sie kauernd ihren Schmutz ab, schon winselnd in Vorangst, die Verlust ist zugleich, daß ihnen später unter Prügeln die Nase hineingesteckt werde.

Sie ermangeln meist gar sehr des Taktes, angeborener oder erworbener Vornehmheit, in Erscheinung, Gebärde und Begierde. Ihr Eros – doch nein, der holde Herr aller Gestalt rührt nicht gerne an die Epidermis von Dostojewski-Menschen – ihre Sexualität, meist Zerebralmasochismus mit sadistischer Komponente, ist brünstig nach schlechtem Gewissen aus, nach »Schuldbekennen« und allerhand exhibitionistischen Manövern, auf daß jedes schon durch Grausamkeit, Bosheit und Beschränktheit entstellte Geschöpf es nun durch seine Würdelosigkeit noch einmal werde, und in der Reue wie eine salzbestreute Schnecke: ganz zu Schleim. Unterwelt steht diesen Herz- und Hirnbrüchigen bis zum Hals, oben flennt Sentimentalität über die erschlafften Gesichter.

»Ist Gott oder ist Gott nicht?« schreien sie von Zeit zu Zeit einander an. Und jetzt ist er da, dieser Hinschwatz und Herschwatz, der nimmer endende Gehirnschwatz der Weihelosen. Im ungelüfteten Pferch einer rabulistischen Dialektik bis zur Drehkrankheit, religiös steril bis zum Grotesken, geht dieses Gesellschaftsspiel mit Schaum vor den Lippen: »ist Gott oder ist Gott nicht?« Kaugummi wäre edler am Platz, muß durchaus etwas speichelseicht stundenlang von Mund zu Mund gehen. Wie könnte eines höheren Daseins irgendwelcher Strahl einleuchten in diese Fanatiker der Banalität, mit ihrem Gottespendel: ja oder nein, an der trockenen Schnur einer Diurnistenlogik?

Das hat noch nichts kapiert von Heroismus und Blickweite des Verzichtes – bitter wie Chinin – ein wieder ins unvollendet hinausgespannte Weltenbild ertragen zu lernen, nichts von den fruchtbaren Abstürzen, den Schroffen, Schritt um Schritt, das Herz im Hals bezwungen, bis eine begeistete Menschheit auf den Gipfeln gottloser Religiosität die Kraft gefunden, die Ehrfurcht ist und so sich neigt:

»Wer darf ihn nennen, und wer bekennen:
ich glaub' ihn.«

Wer aber steht nach russischer »Philosophen« Richtspruch höher? der Bauernjunge Fedka oder Faust? »der Bauernjunge Fedka, weil er gleich zu »nützlicher Arbeit« gelangt, Faust erst am Ende seines Lebens.« Vielleicht ist Faust, so ganz nebenbei, doch noch im Laufe seines Lebens zu allerhand anderem außer »nützlicher Arbeit« gekommen.

Man schreie nicht »Barbaren«. Reine Barbaren sind Eruptionen einer Essenz und naiv. Vielleicht kostbarer Rohstoff zu neuer Wertgrenze und Qualität. Haben den Kopf voll Götter, die Arme voll Tat und Jubel im Leib. Potentiell liegt jede weltmännische Erlesenheit und jedes zarte Wunder in ihrem frischen Saft, der sie noch sehr bestürzt. Ermangeln auch keineswegs der Form, nur noch nicht fein genug durchnetzt, durchadert sind sie mit dem schaffenden Instinkt; das Formgewissen klopft noch nicht bis in die Kapillaren. Ja, nur was barbarisch war und fast noch ist, dem wird an der »kritischen Temperatur« seiner Barbarei der Faust und die Iphigenie gleicherweise erschwinglich. Jene aber sind weder Vollmenschen, noch naiv und gar nicht nach Triumph gewachsen, vielmehr meist abkunftlose Einzelschicksale aus dem Inquisitenspital aufeinander losgelassen. Welch ein Jubel bei allem, was Myopsis durch Hornbrillen zu Programmen wölbt, aus Sterilität oder anderen noch trüberen Gründen an der Zersetzung der Menschheit interessiert ist! Über die oberste Erdrinde aus Kaffeehaustischchen rann von nun an die Losung, hier erst begänne die Psychologie.

Scheint es doch fast am Anfang jedes großen Werkes von Dostojewski, als ob alle Sanatorien der Welt ihren Inhalt auf einmal in die Freiheit ergössen. Das ergibt nun zweifellos höchst eigenartige, atemraubende, ja nie dagewesene Situationen.

Hier draußen, wo geschultes Personal fehlt, der gewohnte psychoanalytische Zuspruch und die morgendliche Dusche (oh, wie sehr fehlt gerade sie!), sind diese irgendwie Lädierten oder ganz und gar Erledigten, diese Trümmer von Menschen, innerhalb der ersten achtzehn Stunden in eine Bedrullie geraten, die verantwortungsvollere Menschheit, eben durch Gründung von Sanatorien, stets zu verhindern sich ethisch verpflichtet halten mochte.

Dostojewski, weniger skrupelvoll und selbst stark pervers, schwelgt die neurotischen Hahnenkämpfe seiner Iche, die alle die gleiche Sprache sprechen, bis auf den äußersten Tropfen Angst- und Wutschweiß aus, in einer schräg gestellten Logik ohne Fehl, dem verzerrten Feuerzauber in Mimes Höhle nicht unpaar.

Was aber, wenn der letzte hingeröchelte sado-masochistische Krampf verzuckt ist? Wie soll dieser trostlose Maniakhaufen seiner realen Um- und Innenschau das weltgültige Gegenreich eines Allmenschen gebären, halb Sühneforderung des eignen christlich chronisch schlechten Gewissens, teils Berserkerdogma des Tatarendünkels. Denn:

»Alle Menschen müssen russisch werden,
als erstes und vor allen Dingen russisch – – –«

Wie diese beispiellose Anmaßung annehmbar, ja auch nur glaubhaft begründen?

Lange sucht Dostojewski krampfhaft, schwankt völlig hilflos, wohin er den neuen Menschen versetzen solle, da es ja weder ihn, noch irgendeine schöpferische Schicht als seinen potentiellen Träger in Rußland gibt, und worin dies Allmenschliche überhaupt bestehen möge.

Im »Jüngling« probiert er es mit dem Adel.

Werssiloff: »in seiner (des Adels) Hut ist die Zukunft Rußlands. Unserer sind vielleicht nur Tausend, aber ganz Rußland hat nur die Jahrhunderte gelebt, um diese tausend Menschen hervorzubringen ... den Typ des universalen Leidens. Und das ist der wesentliche Unterschied zwischen uns und allen andern. In dieser Beziehung sind wir etwas ganz Einziges. Mit einem Franzosen bin ich Franzose, mit einem Deutschen Deutscher, mit einem alten Griechen Grieche ... und mag ich auch in Europa nichts getan haben, mag ich auch nur ausgewandert sein, um dort umherzuwandern und ich wußte ja schon im voraus, daß ich nichts anderes tun würde, aber auch das war schon genug ... ich brachte meine russische Schwermut dorthin ...«

Und wieder am Schluß des »Jünglings«: »glauben Sie mir, in diesen (den Adeligen) findet sich tatsächlich alles, was es bisher an Schönem bei uns überhaupt gegeben hat ... wenigstens irgendeine Art von Ordnung und zwar nicht eine von außen her vorgeschriebene, sondern eine aus uns selbst heraus entwickelte. Mein Gott, das ist ja für uns das Wichtigste, wenn es nur endlich einmal eine selbstgeschaffene Ordnung ist! Und so etwas zu sehen gab uns Hoffnung ... Es war doch endlich etwas anderes, war nicht ewig dieses Zerstören, nicht ewig umherfliegende Splitter, nicht Schutt, Unrat, aus denen nun schon seit Jahrhunderten bei uns noch immer nichts hervorgehen will ...«

Nichtstun, Umherwandern, adlige Form und Schwermut sollen also hier allmenschlich das Menschliche umgreifen.

In den »Dämonen« ist gerade wieder Vornehmheit das, was sich unbedingt aufhängen muß: Stawrogin. Nicht ein zufälliger Vornehmer, nein, der Herrensohn, » der letzte Herrensohn«. Mit welcher Wonne läßt Dostojewski ihn im mütterlichen Salon öffentlich vom Sohn seines leibeigenen Lakaien Schatow ohrfeigen und, wie Herrenmenschen in Rußland nun einmal sind, die Ohrfeige in masochistischer Neugier einstecken, dann nächtelang mit eben diesem Schatow im Geschwätz (ist Gott oder ist Gott nicht?) sitzen und angeschrien werden:

»Schatow, seiner selbst nicht mehr mächtig, warf sich auf ihn und faßte ihn wild an der Schulter: »küssen Sie die Erde, tränken Sie sie mit Ihren Tränen, flehen Sie um Verzeihung« schrie er außer sich. »Sie sind ein Atheist, weil Sie ein Herrensohn sind, der letzte Herrensohn. Sie haben den Unterschied von Gut und Böse verloren, denn Sie haben aufgehört Ihr Volk zu verstehen. Es steigt eine neue Generation herauf, mitten aus dem Herzen des Volkes, doch Sie werden sie nie erkennen, weder Sie noch ich, denn auch ich bin ein Herrensohn, ich, der Sohn Ihres leibeignen Dieners Paschka. Hören Sie: erwerben Sie sich Gott mit der Arbeit – darin liegt alles – oder aber verschwinden Sie, wie eine Fäulnis verschwindet, erwerben Sie sich Gott mit der Arbeit!«

Mit welcher Arbeit?

»Mit gemeiner Bauernarbeit.« (Hier schielt Tolstoisches Dünger-Dogma herein.)

Und Stawrogin verschwindet »wie eine Fäulnis«, erhängt sich, nachdem er vorher noch bei Schatows Schwester, seiner Mutter Gesellschafterin, letzten Halt gesucht.

Im »Jüngling« wird wieder alles, was nach »neuer Generation« aussieht, verworfen.

»Jetzt, seit kurzer Zeit, geht bei uns etwas vor, was dem oben Geschilderten (Formung des Adels) vollkommen entgegengesetzt, es ist nicht mehr der Nachschub von unten, der sich an die höhere Menschlichkeit anschließt und mit ihr zusammenwächst, sondern umgekehrt, von der schönen, feststehenden Schicht bröckeln Klümpchen ... ab und scharen sich in einem Haufen mit den Vertretern der Unordnung und des Neides ... Neue Gestalten werden auftauchen und noch unbekannte Gesichter und eine neue Fata Morgana. Aber was werden das für Gestalten sein! Wenn sie unschön sind, so ist ein weiterer russischer Roman unmöglich. Doch wehe uns! Wird dann der Roman allein unmöglich sein?«

Wie Stawrogin als Vertreter des Alten, so muß hier einer von der neuen Generation Selbstmord begehen, da er erkennt, Rußland sei von der Natur minderwertig und nur für eine Stellung zweiten Ranges geboren.

In solch klarerer Augenblicke Verzweiflung tastet sich Dostojewski zuweilen zum Snobismus vor, versucht etwa seinem toten Ohr einen Hoffmannesken Musikerroman zu erpressen; qualvoll vergeblich. Der zerfällt in eine Marlittiade mit Angstneurosen, bricht schließlich ratlos ab.

Dann tobt sich die Rachsucht des ewig irgendwie Amorphen mit Knute und Kreuz in einem Weltsadismus ohnegleichen aus, durch Bände und Bände der politischen Schriften. Dort ist auch der Schlüssel zu Dostojewski selbst und, in ihm, zum ganzen sadistisch-messianischen Slawentum.

Alles torkelt durcheinander, in einer Mischung von »wahrhaftig orientalischer Gedankenlosigkeit und tatarischer Schläue«. Einmal ist Rußland Gott, der Zar herrscht in Rom, der Papst, der Antichrist, wird vernichtet, dann ist wieder der Muschik Gott, Konstantinopel das neue Jerusalem und russische Hauptstadt der Welt. Alle Völker sinken in den Staub vor Rußland, gezwungen durch das Schwert, gezwungen unter die Popen, die Knute, das Kreuz, gezwungen zum Bauernglauben – jawohl zum Bauernglauben – denn alles was Rußland hat und tut ist so, weil russisch, zugleich vollkommen. England, »der Krämer«, Frankreich, die schale Demokratenbrühe, Deutschland, der »Wurstmacher«, die Türken, die »Barbaren«, Europa, der »Ketzer«, alle, alle müssen sich restlos, bedingungslos unterwerfen, jedes Eigenleben hingeben, sich auslöschen, ganz und gar zergangen sein zu Russen, dann erst ganz zum Schluß, (wenn keiner mehr übrig ist), wird Rußland die Versöhnung verkünden und das funkelneue, bis auf weiteres aber noch der Apokalypse wörtlich nachempfundene dritte Reich. Vorerst aber einstampfen – der Golem grinst – alles einstampfen; Menschheit, auf die Knie, du Aas, du Fäulnis, »zu schlecht zum Dünger Rußlands«, nieder ins Nichts!

Alle Nerven überschwemmt vom Gift der Epilepsie, schreibt Dostojewski, hinschlagend, das Evangelium vom Allmenschen, mit dem Schaum vor seinem Mund auf das Brett vor sein Hirn.

Ein Leben lang röchelt, knirscht, kreischt, rast, schnaubt, trampelt, kratzt, beißt, belfert er Allmenschentum gegen dieses verhaßte Ausland, in dem er verloren umherirrt, nichts sieht, nichts hört, nichts lernt, als – die Roulette.

 

Man kann, muß vielleicht Europa fanatisch bekämpfen, geißeln, ja verwerfen, doch von der andern Dimension herüber. Weil es nicht genug, oh lange nicht genug getan an adeliger Geschlossenheit, an Wahlinstinkt, an Zucht und kritischem Ideal, an Äußerstem und Treue zur ganz weißen, zur eigensten Idee. Dieser »Allversteher« aber, der sich rühmt »mit einem Franzosen bin ich Franzose, mit einem Deutschen Deutscher, mit einem alten Griechen Grieche, darin sind wir Russen etwas ganz Eigenartiges«, er wird in Florenz fast tobsüchtig vor »entsetzlicher Langeweile, mangels jeder Anregung« – in Florenz, der Allmensch. In Dresden, wo Gärten, Musik, Kunst, dem Ärmsten frei, schleicht er durch Jahre von seiner Wohnung einzig ins Café, zur russischen Zeitung, dann ins Leihhaus, eventuell noch zum Hasard. Verspielt die letzten Habseligkeiten seiner Frau, winselt um Verzeihung: »ich bin schlechter wie ein Vieh« ... verspielt das neuerlich gesandte Reisegeld ... »ich schwöre dir bei Christus, bei meiner Ehre«, bricht sein Wort zehnmal, zwanzigmal ... aller fünfeinhalb Stunden wird er »wiedergeboren«, »beginnt ein neues Leben«, verspielt abermals alles, wieder flennende Würdelosigkeit, und so ad infinitum, – Leibeigener seines Dualismus.

In Galerien kommt er nur um sich zu wärmen; sticht dem Widerwilligen aber was ins Auge, ist es ein Hexen- oder Höllenschund, wieder eine verkrampfte Ecke der Welt, ein Engstes an Mittelalter, in das er sich verkauert. Nie noch war ein Wesen so Hellas fern. Seinem Verständnis ist das ein vages Gestade, wo problemlose Leute bei andauernd günstiger Witterung, wenig bekleidet, umhergehen und zutunlich miteinander sind. Und nicht Russen! Oh, wie er im Grunde alle haßt, weil sie nicht Russen sind. Diese Hochgemuten, Unbegreiflichen, Selbstsicheren, auf starken weißen Wegen, durch welchen Bannspruch könnten sie doch, doch noch, in den Bruderschaftsbrei hinuntergestampft werden?

»Eros geht umher und sucht das Schöne, in dem er zeugen könne.«

Hier geht Rancune umher und sucht das Amorphe, darin die ganze Welt steril werden könnte. Das Dogma vom russischen Allmenschen ist in letzter Tiefe Rancune-Axiom, konstruiertes Möchte, nicht »bildhafte Vision« einer ausstrahlenden Substanz, zur Stunde der Reife, in die Wirklichkeit entfaltet als getriebene Blüte aus treibendem Wurzelstamm.

Doch hier zwischen dem flottierenden Maniakhaufen seiner Iche innen, dem Lehm des slawischen Nichts außen – wie soll ihm ein Allmensch entstehen?

Diesem, ins Christentum gesperrten, slawischen Hirn konnte zwangsläufig nur der vielmißbrauchte Ausweg kommen: durch paulinische Gnadenwahl. »Jehova kann schließlich machen, was er mag«, und da die letzten ja die ersten werden sollen, haben wir fraglos alle Chancen für uns.

Wie aber nie gekannte Begnadung, nie geschaute Begnadete im Kunstwerk überwältigend aufzeigen, zur Begründung sofortiger Pandestruktion mit versöhnlicheren Vorbehalten für den Jüngsten Tag?

Gar nicht, später einmal, in einem zweiten Teil, der eben nie geschrieben werden kann, immer Plan bleibt, bleiben muß. So entstehen die zwei-, vier- und sechsbändigen Fragmente (Jüngling, Raskolnikow, Karamasow), auch sie wieder eigentlich Fragmente eines Hauptfragments, das »Leben eines großen Sünders« heißen sollte. Er hofft, will, glaubt den zweiten Teil all dieser »abgesprengten ersten Teile« gewiß fanatisch selbst. Die krönende Kraft muß, wird noch durchbrechen – später. Doch schon jetzt kann er sich der Aufgabe nicht ganz überheben. Richtung, Fanfare, zumindest Rosenrot des Mirakel müssen sein, die Menschheit dem Dogma der »Alldienstbarkeit« zu verknechten, damit es » ein Ärgernis sei für die Starken dieser Welt« ... denn »in Europa sind wir nur Landstreicher«. Was tun?

So oft in großer Rassen größten Dichtern eine Wandlung am Lebensbefehl aufgerafft werden soll zu weithin gültiger Synthese, dann leuchtet in ihnen jene wundervolle Linie auf, die ohne Bruch herüberführt vom Mythengut.

Durch sie verbunden, vermögen sie sich immer wieder mit jener schöpferischen Essenz auseinanderzusetzen, die direkt aus dem Geheimnis erfließt. Dann sind ihnen diese unbewußten Abgründe voll Gestalt und aufgetan. Doch nur die gewaltigste Pranke darf solche heldische Urbilder aus Wunsch und Traum greifen und hinaufwerfen in die Frische des Moments, auf neugewachsene Gipfel getürmter Wirklichkeit, damit die Wandlung der »Idee« kraftvoll an ihnen aufleuchte und bindend sei. Nur wo sie irgendwie mit agieren, in Zügen und Gebärden, geht es wahrhaft modern zu, kommt jener Wuchs aus Erz, jene Dichte des Schicksals zustande, die dem Augenblick die Perspektiven aufreißt, das unverbindlich Dünne erfundener Privataffären nimmt.

Wo sie repräsentativ formt, ist die indo-europäische wie jede Menschheit, die diesen Namen verdient, bis in die Nervenenden durchtränkt mit ihrem mythischen Element, als seelischem Zeugungsstoff, von D'Annunzio über Spitteler bis zur Lagerlöf, selbst Shaw der Hirnwitzige zieht seine geglücktesten Gestalten wohlbewußt aus ihm, selbst Claudel, der Sternenblock, so meteorisch-fremd, so rücksichtslos enorm, wie er da für sich liegt, ein abkunftloser Himmelstein Genie ist, sieht man näher zu – auch er – ein Riesenei des mythischen Phönix und Vogel Rock. Auch sein wildfremdes Goldhaupt schlägt aus einer Alexandermünze die Augen auf, ist überkreist von der Vision prometheischer Adlerflügel, und mitsamt seinen Maschinengewehren und Volksrednern auf den Kaukasus sagenhaft und heimatlich entrückt.

Dostojewski, der große und glücklose Sohn aus Geifer und Chaos, strampelt im Leeren mit seinem Rancune-Axiom. Ihm fehlt pantheistische Raumtiefe, der Halbgott im Blut. Sein ist nur eine gigantische, wenn man will geniale, seelische Kellerloch- und Hintertreppenwelt mitten in sarmatischer Öde. Das langt bei weitem nicht. Verzweifelt greift er in die Rasse nach Gestalt. Das einzige was die Russen, diese Nation ohne Frühling, je aufgeworfen als Wunsch und Wahrtraum ihrer selbst, ist die Volksfigur: »Iwanuschka der Dummkopf« In den Bylinen, Igors Heerfahrt ist nicht eine entwicklungsfähige Gestalt.! Nicht etwa »jüngster Sohn« des germanischen Märchens oder »reiner Tor«, nein, einfach erdbeschmutzter Idiot.

Gorki sagt von ihm: »er lebt beständig von der Stärke der andern, aber nicht deshalb, weil er über diese Stärke triumphierte, nein, der Starke hilft dem Dummkopf lediglich aus Mitleid mit seiner Dummheit ... während er selbst in den schwierigen Situationen, aus denen sich sein dummes Leben zusammensetzt, nichts tut als »bittere Tränen vergießen« und über seine Schwächen klagen. Er ist ein innerlich schwaches Wesen, durchaus abhängig vom Zufall und er erwartet seine Hilfe stets von außen, gleichgültig woher und von wem. Allerletzten Endes wird die geduldige, alles ertragende Dummheit notwendig belohnt, mit einem sorgenfreien Leben ...«

Begreiflich, daß dieses aus dumpfestem Muschikismus hervorgegangene Geschöpf, durch Dostojewski nun als Allmensch und Weltdiktator inthronisiert, für seine flennende Unfähigkeit »Mitleid zum wichtigsten und einzigen Gesetz des Seins« dekretiert. Leider aber hat er von seinem Erzeuger persönlich noch die Epilepsie und den aggressiven Panslawismus geerbt. Er »erfleht« nichts mehr wie die Volksfigur, sondern schwingt seine Mitleidsforderung als Demutsknute und Masochistenterror über die Welt, daß sie hinfalle, seine Gebrechen anbete und ihnen nacheifere. Das kompliziert ihn.

Mit der Inthronisierung des Idiotenideals in der russischen Literatur aber beginnt nun die systematische Welthetze gegen den vornehmen Menschen und die Vornehmheit als Qualität.

Am reinsten findet sich »Iwanuschka der Dummkopf« bei

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