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Idiotenführer durch die russische Literatur

Bertha Diener: Idiotenführer durch die russische Literatur - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorBertha Eckstein-Diener
titleIdiotenführer durch die russische Literatur
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1925
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20153003
projectid226c95ae
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Russland

aber begibt es sich so:

Nach der Nestorchronik erscheinen im Jahre 862 n. Chr. die slawischen Stämme um Kiew und Nowgorod bei den Normannen (Varjagern oder Varägern), einer ganz fremden Rasse, flehen: kommt und herrscht über uns, macht uns Gesetze, macht uns die ganze Geschichte, wir bringen das nicht zustande!

Erst ging alles gut, dann leidlich, ging wie alles gehen mußte bei fortschreitender Degeneration dieser Fremden, denen es am klirrenden Aneinander von Art auf Art als bildnerischem Regulativ gebrach. Denn: »nur ein königliches Volk darf einen König haben, nur ein herrliches einen Herrn.« Wer nicht als Reiter des Rassenwillens kommt, verkommt als Beschwichtigungsnull oder fremder Oger. Gelangweilt bis zur Rotwut von dem ewigen Hineinboxen in bloßen Schleim, wandte sich schließlich in Iwan dem Schrecklichen, der sich in seinen Briefen stets den Demütigen nennt, alles Irresein gegen die Edeln eigenen Stammes; systematisch und familienweise rottete er sie fast gänzlich aus. Die manisch sadistischen Kriegs- und Mordexpeditionen gegen ganze Städte seines Reiches sind füglich bekannt. Unter Godunow merkten die Russen selbst zwar immer noch nichts, der Kosmos aber vomierte schon.

Tryphon von Wyotha, ein griechischer Abt, berichtet, wie damals nicht selten zwei bis drei Monde, zwei bis drei Sonnen zugleich aufgegangen seien. Feuersäulen hätten des Nachts am Firmament gebrannt, in blitzenden Bewegungen eine Kriegsschlacht vorgestellt. Von Wirbeln wären Türme weggestürzt, Weiber und Vieh hätten fehlgeboren. Die Fische der Tiefe und das Wildpret in den Wäldern seien verschwunden oder, zu Speise gebraucht, ohne Geschmack gewesen. Nie gesehene Tiere und Vögel wären erschienen, Adler hätten in den Straßen von Moskau geschwebt, in den Gassen hätte man schwarze Füchse mit den Händen gefangen ...

Auch Peter der Große fand statt eines Volksgebildes noch immer nichts vor als »weißes Papier« und soll als erstes Krönungswort gesagt haben: »jetzt will ich aus Bestien Menschen machen.« Dann beschnitt er seinen Russen den Bart, zog ihnen den Kaftan aus, berief Franzosen und Italiener und ließ sich von ihnen die »künstliche Stadt« erbauen, allen Panmongolisten, Muschikomanen, Slawophilen, gleich dem übrigen Westen die leibhaftige Satanszentrale. Nur beliebte man dabei zu vergessen, daß auch das heilige Moskau seine Kirchen aus Byzanz, seine Paläste aus Bologna bezogen hatte, ja die Ringmauer um den allerheiligsten Kreml sogar als direkte Kopie aus Ferrara, jener einzigen Stadt Italiens allerdings, so bös und fad und Goethen so zuwider, daß zweiter italienischer Reise Hin- und Rückweg sie abscheuvoll vermied.

Im Jahre 1917 endlich wurde in plombierten Waggons der fremde Marxismus als Staatsform importiert.

Dies zur Historie.

 

Eine russische Religion hat es nie gegeben. Kaum die primitivsten Ansätze dazu. Rudimente eines Wettergottes, sonst nichts. So beschlossen die Russen im Jahre 980, sich nunmehr einen Glauben anzuschaffen, ließen zu diesem Zweck von den gangbarsten Marken in Originalpackung Proben schicken, gleichsam als »Muster ohne Wert«. Der Annalist erzählt, wie vier zur Auswahl kamen: erst der mohammedanische Envoie. Schilderung des Paradieses und der blühenden Houris erregte bei der Kundschaft Wohlgefallen; Beschneidung, das Verbot des Weines aber dünkten sie abscheulicher Brauch. Die deutschen Katholiken sprachen von der Größe des unsichtbaren Weltenlenkers und fielen gänzlich ab. Als man die Juden angehört, wurden sie gefragt, wo ihr Vaterland sei. »In Jerusalem, doch Gott hat uns in seinem Zorn in fremde Länder verstreut!« »Und ihr von eurem eignen Gott Verworfenen wagt es andere zu lehren! Wir wollen nicht so wie ihr unser Land verlieren!«

Nun wurden zehn Männer ausgesandt, sich die Religionen der Mohammedaner, Juden, Katholiken und Griechen an Ort und Stelle zu beschauen, die ansehnlichste Gottheit dann heim zu treiben, wie eine passende Kuh vom Viehmarkt.

Der Kaiser Porphyrogenita zu Byzanz wußte wohl: »daß der rohe Sinn mehr von äußerem Glanz ergriffen wird,« so ließ er denn in der Hagia Sophia eine besondere Liturgie als Köder inszenieren, mit dem gewünschten Effekt. Nach Hause zurückgekehrt, sprachen die Gesandten mit Verachtung von den armseligen Religionen der Mohammedaner, Juden und Katholiken; nur den Gott aus Byzanz wollten sie haben, mit den prächtigen Kleidern, Dienern, Schmucksachen und Engeln.

Da dieses uralte Volk – schon in der Steinzeit bewohnten Slawen das ganze Donaubecken – im Jahre Tausend noch kein halbwegs brauchbares Alphabet zustandegebracht, dehnte man den Import auch auf diese Geistgestalt aus, und zwei griechische Mönche lieferten den Russen die »cyrillischen Buchstaben«, wie Byzanz ihnen Religion und Architektur, die Normannen den Staat geliefert hatten. Gerade dies Volk ohne Mythos, ohne Struktur, ohne Religion, ohne Alphabet, doch nicht ohne Größenwahn nennt sich nun Slawen-Slowo: »Menschen des Wortes«, die einzigen, so eine Sprache haben. Weil sie die der andern nicht verstanden, vermeinten sie, jene hätten keine, heißen bis auf den heutigen Tag die Deutschen »Njemzy«: Stumme.

 

Seit der Steinzeit, so rund zehntausend Jahre, wird diese Seelenstagnation von keiner inneren Spannung unterbrochen, denn: ohne Naissance auch keine Re-naissance, ohne Formation keine Re-formation.

Und nun versuche der Einzelne sich einmal vorzustellen – oh, nur so ganz obenhin und ungefähr – was für Gesichte die übrige westliche Menschheit aufgeworfen in einem Jahrtausend allein: die Kathedralen und Shakespeare, die Minnesänger, Kepler, die katholische Kirche mit ihrer ganzen Schleppe an Visionen, die Renaissance, Musik von Palestrina bis Mahler, die Enzyklopädisten, Kant, die deutschen Mystiker, Michelangelo, Swedenborg, Cervantes, geistige Spannungen von Dante bis Lord Kelvin, von den Kreuzzügen bis Luther, Formenwelten von der Alhambra zu Behrens, von Rheims über Fischer von Erlach bis Berlage. Welch durchglühter Wechsel von Krönung und Entthronung seelischer Belange, welche Fruchtbarkeit der Abstürze, welcher Todesmut der Verwandlungen aus dem geheimnisvollen Wissen um eine kompromißlose Sehnsucht nach Vollendung heraus und immer und immer wieder dies Wichtigste: jeden Gipfel lassen können um der Eroberung eines neuen Abgrunds willen, denn erst Abgründe und Gipfel ergeben zusammen das Antlitz der lebendigen Erde – eine Ganzheit dem panisch erweiterten, apollinisch belichteten Blick.

Der das bedacht – nein, zu bedenken nur versucht – er wird nach etwa einer Stunde, sehr still, der Fülle, der er kaum die Haut geritzt, entsagen, an diesem Tage aber wird er sich etwas anders halten, beherrschter und gereckter zugleich. Er steht in einem geweihten Ring der Auserwählung, einem Wipfelgefühl, das bis in die Biegsamkeit der Körperspitzen pausenlos Verantwortung und Haltung drängt, er steht in der Dignität, in dem großen Wir des Humanismus.

Zeigt aber dermaleinst die Weltzeit wieder auf Involution, dann werden diese ringenden Rassen wahrlich, gleich dem Mitraspriester, von sich sagen dürfen: »Herr, sei gegrüßt, Machthaber des Geistes! Herr! Als Wiedergeborener scheide ich ab, indem ich erhöhet werde, und als Erhöheter vollende ich. Geboren durch lebenzeugende Entstehung, werde ich erlöset in die Vergehung und ziehe des Wegs, wie du gewiesen hast, wie du zum Gebot erhoben und eingesetzt hast das Mittel des Heils – – – Zitiert nach Leopold Ziegler »Gestaltwandel der Götter.««

 

Das ohne Aug und Ohr, ohne Hand und Fuß, ohne Herz und Hirn aber liegt all die Zeit in seiner Seele wie die Rokitnosümpfe da, nichts spiegelt ihm. Nicht Indiens Ethos, noch Europas blendender Tumult, noch Chinas ungeheure bronzne Milde, kein Lotos und kein Lorbeerblatt und keine vornehm menschliche Gebärde.

Nicht einmal eine laue, faule Blase platzt von selbst, tritt nicht ein fremder Huf hinein.

Der fremde Huf. »Tatarenjoch« – das Verbum »schmachten« fügt sich, hundertmal gelesen, automatisch an und jene Anekdote von dem Brett über ausgestreckten Russen, auf dem die Eroberer zechten.

Schlichte, einzellige Lügen sind fast unsterblich wie Amöben. Es sei. Diese jedoch sich noch weiterhin suggerieren zu lassen geht gegen den Selbstrespekt, da längst von der asiatischen Seite her alles erforderliche Licht, für Rußland peinlich, auf das Tatarenreich gefallen. Die Horden des Timur, des Dshingis-Khan, das flirrte auf seinen Pferdchen wie Hagel über die Steppen, unterwarf, aber blieb nicht, flirrte zurück. Die großen Khane in ihrem imponierenden Pferdeverstand, da sie sich zu Ahnherrn, Werteschöpfern, untauglich wußten, wurden wenigstens sofort ideale Parvenus, Wertegenießer; saßen zu Samarkand in ihren persischen Palästen aus lilienfarbnen Kacheln, zwischen Nachtigallengärten, wo alles aus und ein ging was klug und schön, lernten dort von den holdesten Meisterinnen der Welt ihre panische Kraft zu Eros keltern. In innere Angelegenheiten unterworfner Reiche mischten sie sich gar nicht ein; genug, wenn die Tributpflichtigen ein mal des Jahres den schuldigen Zehent durch die Gesandtschaft überreichten. Und hat man sich denn nie gefragt, wieso es kam, daß Persien dichtete, Rosen zog und baute unter dem gleichen »Joch«? Wuchs später nicht Agra zum Wunder der Welt durch eben diese Tataren, als Großmogule Indiens? Wird – von der anderen Seite gesehen – Dshingis-Khan nicht bis zum heutigen Tag durch ganz Sibirien als eine Art Kaiser Joseph der Zweite legendär verehrt? Daß aber eine zehnprozentige Einkommensteuer notwendig alles Eigenleben in den Völkern so ganz und gar vernichten sollte, begegnet bei Erfahrenen unserer Tage manchem Zweifel.

Dies zur Kulturgeschichte.

 

Seit dem Risorgimento lassen die wertempfindlichen Schichten des Westens fast ohne Verdauungspause in sich einströmen alles: von Lao-Tse bis zu den Botokudenmärchen in imposanter Toleranz; der Treue ihrer eignen Zellen sicher. Erste Kür erfolgte automatisch. Wie an Lakmuspapier ward an eignem Seelenstoff elementare Scheidung gleich grellhin sichtbar. Freund? – Feind? – Das deckt sich wundersamerweise durchaus noch nicht mit Ja und Nein. Gerade was sich selbst bis in die Weltgeltung hinauf Gestalt errungen, mit ihr das Recht zu werten, erscheint befähigt auszuschließen ohne zu verwerfen. Schon der einigermaßen Geratene ehrt jede Qualität, vom Tiger bis zur Symphonie, er weiß was sie, wie alles Echte, gekostet hat. Aus der Dichte seiner Zucht vibriert ihm ein unbeirrbarer Instinkt für Ebenbürtigkeit. Respekt vor dem heroisch formenden Willen, auch in feindlicher Gestalt, wird dann im holdesten Moment der Rasse zu Rittertum, Gerechtigkeit, Takt und Toleranz, ohne die Abwehr zu mindern. Jedoch auf Wichtigeres kommt es an, das alles, die Güte eingerechnet, ist nie Kern, nur Nebenprodukt, erfreulicher Abfall, natürlicher Splitter, vom Schliff der immer souveräner werdenden Figur.

Als nun vor etwa vier Jahrzehnten – zwischen Lao-Tse und Botokudenmärchen – zum erstenmal auch Rußland kam, nicht als politischer Klotz, vielmehr um Einlaß bat in jene geistigen Territorien wundervoll filtrierter Menschlichkeit, in das, was am Planeten wägt und bildet, Forum letzter Feinheit und großer Form, da nahm man es mit Freuden auf, horchte voll Anteil, ob ihm ein Herz aus dem Lehm schlüge und wie es sein Haus bestellt.

Es kam als Romancier.

Und wie die Courtoisie es übt, auch den Geringeren, ist der das allererste Mal zu Gast, ganz oben zu placieren – ein jeder tritt da gern zurück – so wurde Rußland damals hoch hinauf, den Ersten gleichgesetzt. Nie, von gar keiner Seite her, hatte es auch nur das Geringste aufzuweisen vermocht, da ließ man denn das Rhadamantne Maß für diesen Ankunftstag. Jetzt ist das nicht mehr an der Zeit, seit die wertempfindlichen Schichten, heimlich durchgenagte Filter, das Ein- und Ausströmen der geistigen Inhalte durch die Rassenkörper – in Mitteleuropa wenigstens – nur ungenügend regulieren.

Der Gast hingegen, den marxistischen Buchstaben des Rabbi unter der Zunge, ist zum Golem aufgeschwollen. Aus seinem toten Schlund beginnt er Seele zu vomieren. Nicht nur die eigene, sonst wär's ja nicht so viel, nein, auch noch »die russische Seele in jedem Irdischen«, den »neuen Menschen« und den »Mythos vom neuen Menschen aus dem Schoß der russischen Seele«. Vomiert die Sternenhäuser aller übrigen voll damit, bis zur Unbewohnbarkeit, denn schon lange ist die Rede nicht mehr, wie er sein Haus und seins allein bestelle.

Pfiffig postierte Türöffner heben Angeln vor ihm aus, gerinnen dann, voll Kriechfertigkeit, zu Hüpfprozessionen vergaichter Ekstase. Ästheten in der Höhe streuen aus verzückten Spiralen ihren wohlerwogenen Segen dazu ab. Beflissenste rücken Sophokles, Homer, Shakespeare, Goethe, Balzac in den Schatten der Museen, daß Platz sei für den Golem. Russisches Wesen aber ist zum Planetenwesen aufgetrieben, und wie der Russe in seiner Eigenschaft als Allmensch den Anspruch erhebt, die übrigen tiefer und wahrer, ja bereits in ihrer künftigen Fassung als Massemensch zu enthalten, so wird die russische Psychologie zur Menschenkunde schlechthin dekretiert, die auf alle Anwendung leide, einem Standard-Maß, wie das Meter in den Gewölben zu Paris. Der neue Mensch, den Rußland angeblich aus sich gebiert, wird zum Dogma der Welt, ihm gleich oder verworfen, jedes Bisherige sein Vorhalt, Vorzeit und Museumströdel!

Nun ist zu untersuchen: welches sind die Voraussetzungen solcher Berufung? Was berechtigt das Schicksal des Planeten unter die Diktatur so beispielloser Anmaßung zu stellen?

Wer Allmensch und russische Psychologie sagt, meint

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