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Idiotenführer durch die russische Literatur

Bertha Diener: Idiotenführer durch die russische Literatur - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorBertha Eckstein-Diener
titleIdiotenführer durch die russische Literatur
publisherAlbert Langen
printrun1. bis 20. Tausend
year1925
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20153003
projectid226c95ae
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Gestalt

ist Wille zur Qualität und etwas durchaus Magisches.

Man denke: Chaos, das Ungeordnet-Gleiche, aus gleichgültigen, weil beliebig gegeneinander auswechselbaren Teilchen, wird ein Geordnet-Ungleiches, gewinnt Struktur. Nicht mehr belanglos mit einem mal, was rückwärts, vorn, oben, unten. In Örtern brechen Eigenschaften auf; jedes Anderssein ersteht planmäßig an seiner ganz bestimmten Stelle im Raum; irgend etwas setzt Örter und Qualitäten plötzlich in zauberhafte Beziehung, irgend etwas, das nicht Materie ist, sondern Materie wechselt, Stoff wechselt, durch wechselnden Stoff hindurch seine eigne Schicksalskurve an- und absteigt nach »jenseitigen Imperativen«.

Dieses Wunder im Aufgang heißt: organische Struktur.

Der Siegeslauf der Qualitäten durch den Raum aber zeichnet den Umriß der lebendigen Gestalt.

Gestalt ist somit Chaos, das Zucht und Bürde der Selbstvollendung auf sich genommen, aufgeweht von einem unirdischen Drüben, gehorsam der »Idee«, oder »Gott« oder wie sonst man es nennen mag; dem eben, was macht, daß ein Klumpen Schleim aufsteht und mit der Zeit ein Leopard wird oder ein Zwetschkenbaum, ein Fisch, eine Blume, ein Etwas, das in seiner Art alles Ja und alles Nein, den inneren Anspruch und den Tod auf sich genommen und ich gesagt hat, um nun dieses ich so schön und genau, so gerade und rein wie möglich bis ans Ende zu gehen. Denn: erst Struktur kann zerfallen, und nur das Chaos steht noch unter Leben und Tod.

 

Ihre metaphysische Treue ist das Ergreifende an Tier- und Pflanzenformen. Von ihnen weiß man irgendwie: ziemlich unversudelt sind sie herübergegeben, hereingepreßt durch die widerständige Materie, ganz gehorsam dem Druck der »Idee«, und nun halten sie aus der Tiefe des Unbekannten herauf Einzug in die ganze Majestät und Süße ihrer makellosen Wirklichkeit. Und wie die Elektrizität hinausfließt in die Oberfläche der Körper, sie ganz umspannend, Haut aus geheimnisvoller Kraft, so sitzt das Transzendente im Umriß des Geschöpfs, an dieser seiner freiwilligen Endlichkeit aus Hingabe und Entsagung. An den Rändern der Wesen – daß Eins sich so, gerade so, nur so, abgrenzt vom Andern – ist »Gott« am intensivsten; in der schlichten Bewegung eines Tieres, wie es mit dem Ohr zuckt, ist er manchmal fast mit Händen zu greifen.

Rassen obersten Ranges haben je und je in Ehrfurcht um diese Überlegenheit der tierischen Linie gewußt, ihnen erfließt sie direkt aus der Gottheit selbst. Tiere und Götter zeugen ineinander, sind auswechselbar und restlos ebenbürtig. Erst spät, wenn die großen Schauer sich verlaufen haben, wird das Divine zur Menschengestalt subalternisiert. Mythischer Ahnherr und Gesetzgeber, Essenz der Rassensubstanz aber ist fast immer das Gottier selbst. Erste Priesterkönige, noch ganz nahe dem Geheimnis, tragen als höchste Würde seinen Namen, wie der Pharao sich »goldener Horus« nennt oder, als Stier gebildet, seine Feinde zerstampft. Im Gilgamesch heißt es vom Helden: »mit den Gazellen ißt er Kräuter, mit dem Gewimmel des Wassers ist wohlgemut sein Herz.« Nur Tiere dürfen einen Halbgott lehren. Im Zend Awesta aber retten sie sogar die Welt vor Ahriman, dem Div des Ungeists, denn erst die Schreie der wilden Tiere, die der König als Helfer im Heere hat, »machen seine Krallen weich.«

Den ganzen Ablauf der Historie hin ist bei den großen Völkern und Religionen die Haltung zum Tier stets heroisch, nie sentimental. Erst Juden- und Christentum, aus betonter Naturlosigkeit heraus, sind Erfinder der Arroganz gegenüber der Kreatur und überhebliche Barmherzigkeit tritt an Stelle der Bewunderung. Unpantheistische, haben sie das innere Ohr, den statischen Sinn verloren für ihre beziehungsvolle Stelle in der göttlichen Durchkreisung aller lebendigen Flugbahnen: Natur.

Ist nun die tierische Linie reiner, so ist sie doch schmäler in ihrer Einfalt, gemessen an menschlichem Willen zur Qualität. Anderen Umriß hat dieser noch klar zu ziehen, jenseits der Haut; aus ihm schießt schöpferischer Zwang, weit um den Zentralkern Körper, als zweiter, dritter, ungezählter Geistesleib. Sinne und Regungen, Scheinwerfern gleich, tasten, grenzen sich noch einmal aus dem fremden Nichts riesengroß ein Ethos an Figur heraus; fahren, in erhabener Konsequenz der Linie, im Stofflosen den Wuchs des Wesenskeimes noch einmal nach, als Kult und Kunst, als Sprache, Wissenschaft, Musik, als Sitte und Gesetz. Gerade an diesem magisch gebundenen Rand aus äußerster Hingabe und Entsagung aber wird wiederum die Transzendenz am intensivsten: hier Geistkontur, was Tier und Pflanzenumriß – dort.

Und alles: Gesteine, Erze, Erden, was schweifend, greifbar und amorph oder geringer an Gefüge noch, zähmt sich der Mensch zu dienen dieser, seiner kühn erweiterten Gestalt. Er bricht das Harte, härtet Weiches, um sich aus der labilen Welt monumental den Raum herauszusparen, in dem allein er ausgewichtet ist. Da tritt er dann in sich zurück aus Wirrwarr und Verwobenheit, wo unterm Kuppelsturz bis oben hin das Herz in seinem eignen Äther steht. Der Säulen Entasis, der Stufen Gleiche, das Kranzgesims, sein appollinisches Gefüge, im Wuchtigsten fadenfein, dort hält er den holprigen Kosmos im Schach und alles Hütt und Hott der Sternenzügel. Beim Überschwänglichsten und Letzten aber, das nichts mehr fassen kann, da greift er in die Luft und bildet's zur Musik.

 

Nun scheint nach biologischem Gesetz, bei Tier- wie Menschenarten, diese ihre Essenz bildnerischer Kraft stets an den Anfang verlegt.

Das steht schon in dem greisesten Bilderbuch: der Erde, und wer deren Schichten durchblättert, sieht verblüfft ganze Tiergruppen, nicht etwa allmählich, wie früher geglaubt wurde, vielmehr in sogenannten »Anastrophen«, ohne materielle Ursache, oft plötzlich in die Erscheinung brechen; sieht wie die »Idee« in ihnen gleichsam explodiert. Ist die – unbekannte – Aufgabe gelöst, erlöschen sie, trotz gleich günstiger Umwelt, meist ebenso rasch und von innen heraus wie sie entstanden. Die Natur zieht die Art einfach wieder ein, ohne Hinterlassung von Gründen für ihre braven Forscher. Spinnt sich dann aufs neue wo anders etwas ganz Andersartiges an. Von »Fortschritt« scheint sie nicht eben viel zu halten.

Doch alles was da geysirhaft heraufkommt in die Wesenheit, kommt unter dem Gesetz des großen Erstimpulses. Auch jede Rasse von Belang.

Dort verkörpern sich die, den Ablauf ihres Schicksals entscheidenden Vorgänge, wo sie in »Anastrophen« von Genie den Mythos aufwirft, als Wunschtraum ihrer selbst, von solch geballter Leuchtkraft plastischer Vision, daß Stücke von ihm sich ablösen, Gestalten leibhaftig aus ihm austreten, wachsen, sich entwickeln, in unverweslichem Gestrahl den ganzen Ablauf der Historie mitschwingen, durch die Gipfelkette der prachtvollsten Hirne hin, die sie einander zunicken.

Von ihrer Dichte lebt die Dichtung. Alle Spannungen und das tödliche Entzücken, die Kreuzwege der ganzen Rasse liegen in den plastischen Situationen ihres Schicksals als Wunsch oder Warnung, oft unerhört, stets seherhaft beschlossen. Sie schlagen die magische Brücke herüber von Traum zu Tat und werden Helden genannt.

So rasen alle Völker in ihre Gestaltung hinein, schreiend vor Geburt, die der Welt etwas zu bringen haben, deren langer Schicksalskurve, raketengleich und wie mit Silberstift umrissen, bis in einen Humanismus eigenster Tönung hinaufzufahren bestimmt ist; kommen: klirrende Sturzgeburten aus einer intensiveren Seelenschicht, mit herben, frischen, ureignen, gnadenlosen Göttern (wer brauchte Gnade), als welche gerade zu jener Lösung – Er-lösung herangeleiten, dieser besonderen Menschenart als Aufgabe gestellt, von dem geheimnisvollen »Drüben«. Der Mythos aber bleibt die schicksalbildende Substanz, das schöpfungsträchtige Wunschtraumgespinst. »Aus Fetzen, die er ausstieß und verwarf, webt sich, tief unter ihm, das Märchen.« Seine Auswickelung, mit allem was ihn modifiziert, färbt, verhaspelt, wohl auch zerfetzt an Widerständen der Umwelt, heißt Historie. In ihm liegen beschlossen die schöpferischen Axiome. Aus ihm schießen die Richtlinien, Wertungen, Achsen der Rasse, nach denen Denken und Fühlen, Bewußtes und Unbewußtes sich lagert. Wahrheit ist immer Verdichtungsprodukt, Inzuchtprodukt, Druck der »Idee«, Dynamik der Erbmassen, eine donnernde Linie, kein Umherfragen im Intellekt, was jetzt wohl gerade nützlich, praktisch, »ökonomisch« – kurz: das Gescheiteste wäre.

Wahrheit kann man auch nicht »suchen«, weil man sie nicht findet, wie einen Regenschirm in der Straßenbahn.

Repräsentativ nur, wer von diesen Axiomen des Blutes bestürzt, sie zur höchsten Wertstufe hinaufzutreiben vermag, in streng geformtem Lebensgefühl, dämonisch und zuchtvoll zugleich. Wozu? Wohl erst jenseits subalterner Hirnlichkeit, die stets auf etwas »abzweckt«, liegt auch dies gegründet, wie alle feineren, besten Dinge. Will man's partout in den Verstand herunterzerren – vielleicht auf daß die Menschheit sich einen Flügelschlag zu höherem Geschick erhebe, einen Gipfel weiter gelange, eine tiefere Intensität da sei, eine neue Qualität, Grenze und Dimension. Der Spiegel des Weltbewußtseins aber sinkt und steigt mit dem gelungensten Exemplar. Die andern wiederholen nur, und sei's millionenmal, schon Dagewesenes, gleicher Fläche Angehöriges. Mehr ist gelegen an einem Vollendeten, als an zehn Planeten wimmelnd voll Verbesserter, Entwickelter, Gehobener. Denn da ist als zöge ein geheimnisvoller Wille, in Intervallen, deren Rhythmus niemand kennt, eine Springflut vom Weltenquantum der lebendigen Essenz an sich und würfe sie auf zu solchem Herrn des neuen Maßes. An ihm entzündet sich das Glück der ganzen Rasse bis in die Spitzen des Gefühls, an seines Wesens Überschuß, von der Substanz so hoch hinauf getrieben, den Abglanz der Idee zu schauen.

 

Läßt sich nun die Natur von Zeit zu Zeit herbei, es mit einer neuen Menschenart zu versuchen, so macht sie, wie es scheint, immer nur eine Essenz; der Pöbel wird dann schon von selber: vorzeitig » müde« gewordene Teile der »Idee«, ausgebrannte Schlacken, Mischlinge, Zersetzungsprodukte, an deren Überwertigwerden und quantitativem Druck sie schließlich erstickt. Darum steht wahre Demokratie nicht am Ende, sondern am Anfang des Geschicks, solange das ganze, zahlenmäßig meist geringe Demos lebendige Essenz ist und Aristie. Da sind die Priesterkönige von Gottes Gnaden zugleich von Volkes Gnaden, weil die Gottheit der Rasse Wunschbild, Ahnherr und irgendwie sie selbst ist, ihr steigerndes, ihr klarstes Teil. Diesem allein ist der Herrscher verantwortlich. Ist die schöpferische Essenz erst zersetzt, dann wird Monarchie, wie jede andre Staatsform, gleicherweise Harlekiniade und Leichenschändung der verwesten Idee.

Religiöse Kraft nun ist immer Schöpferkraft par excellence, mit oder ohne theistische Befriedigung, weil sie die große treibende Auseinandersetzung mit den unirdischen Quellen der Entstehung selbst bedeutet, um dann im Abstieg über die Philosophie zu allem übrigen zu werden. Kultische Bildnerkraft, Mythengut zu Anbeginn, sind stets das Entscheidende, weil geballtester Wille zur Qualität. Mit ihnen ist jedes Volk von Rang da, sofort und unbegreiflich da. An ihnen hängt es, wie man in seinen Wirbeln hängt; und daß je eine Menschenart Weltgültiges zu bieten hätte, die nicht am Morgen ihrer Inkarnation sich selbst mit allen Wurzeln ans Licht getrieben, nicht am Drahtseil stählernen Instinkts, auf kühnsten Nerven, aus dem Abgrund des Chaos heraufgeschritten wäre, unbeirrbar in ihrer mitgeborenen, ja vorgeborenen Form, dieses Irrtums hat man sich zu begeben.

Ja es unterliegt jedem Zweifel, ob die sälige Schwungkraft, der fast irrwitzige Mut zur Selbstgeburt an Kult und Staat, an Kunst und Gesetz, anders denn am Anfang einer Rasse erschwinglich, solange die Substanz noch in ihr glänzt, wie ja auch der Einzelne nur erreicht, was er als Jüngling abgesteckt im ersten Willensflug. Nicht einen Zoll wird sein Gesichtsfeld weiter, als frühe Sehnsucht es bestrich. Später freilich wird dies alles erst durchwaltet, ausgebaut, intensiviert, verwirklicht, verklärt.

So kommt die große Rasse, bis an den Rand voll Tat, sich durchschlagend, anpassend, lernend auch, Fremdes zu eignem Fleisch umwachsend; behauen, geglättet, geglüht, geschmiedet, gekühlt und wieder geglüht, zerrissen und wieder zusammenschießend, sie, nur sie, unauswechselbar – trotz allem, bis ins Mark –, und was sie anrührt wird Figur. An deren Reinheit, deren Schärfe ermessen sich dann Mühsal, Tapferkeit und Kraft, die sie herausgeschliffen aus dem Amorphen.

So stand die lebendige Substanz auf, und ward Ägypter, Minoer, Chinese, Perser, Dorer, Kelte, Germane, Römer, Inka – – – – mit

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