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Ich und die Berge

Theodor Wundt: Ich und die Berge - Kapitel 9
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authorTheodor Wundt
titleIch und die Berge
publisherRich. Bong, Berlin
year1917
illustratorTheodor Wundt, U. Heim
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Berner Oberland.

Daß das Berner Oberland die Perle der schweizerischen Nordalpen ist, wurde schon früher erwähnt. Manchen ist es das vornehmste Gebiet der Alpen überhaupt. In gewissem Sinn nicht mit Unrecht. Es ist der klassische Boden alpiner Eis- und Firnpracht, der in seinem unerhörten, wechselvollen Gestaltenreichtum zuerst die Pioniere der großen alpinen Zeitepoche anzog und an Abwechslung und Kontrasten wohl unerreicht ist. Es gibt kaum ein Gebirge, wo sich die eisigen Firne so wuchtig, abenteuerlich und malerisch aus einer ausgesucht schönen und herrlich grünen Tallandschaft erheben.

Für mich selbst kam, da ich nun einmal ein alpiner Genießer war, nur der zentrale Gebirgsteil zwischen Lauterbrunner und Aaretal in Betracht, der, in dem Finsteraarhorn kulminierend, im Norden neben dem Schreckhorn, Mönch und Eiger die Jungfrau und das Wetterhorn als stolze Eckpfeiler trägt und die gewaltigen Kessel des obern und untern Grindelwalder Gletschers umschließt, im Süden aber in dem Aletschgletscher und Fiescherfirn sich langsam und weniger malerisch nach dem Rhonetal zu hinabsenkt.

Mein diesjähriges Ziel war das Wetterhorn (3703 m), dessen prächtig massive und doch so graziöse Gestalt, ein glitzernder Firnzacken über ungeheuren Felsen und dem darunter befindlichen fröhlich grünen Land den Glanzpunkt des schönen Grindelwald bildet. Ich machte die Besteigung auf dem gewöhnlichen Wege von Grindelwald über den obern Grindelwaldgletscher und die Glecksteinhütte und stieg dann nach jenseits in das Rosenlauital ab. Sie verlief in Gesellschaft Ulrich Kaufmanns, eines prächtig trotzigen alten Kumpans ohne besondere Abenteuer, und hat bleibende Eindrücke in mir zurückgelassen.

Grindelwald mit Wetterhorn.

Da war die mächtige trümmerreiche Felswand, die sich von dem Gletscher in allerhand riesenhaften Formen breit bis unmittelbar unter den Gipfel hinaufzieht, eine düstere Welt für sich, die merkwürdig zu der glitzernden Firnenpracht des gegenüberliegenden Schreckhorns abstach. Da war der schneeverwehte Gipfel, auf dem wir rittlings sitzend einen Ausblick von einfach ungeheuerlicher Pracht und Großartigkeit hatten. Man sehe sich nur diese riesenhafte Gestalt des Eiger an, der sich so scharf aus dem grünen Land zur Rechten erhebt, den schneeweißen Mönch mit seiner dachförmigen Kante, hinter der noch die Jungfrau hervorlugt, die nach Süden ziehenden Schneehänge und darunter den abgrundtiefen, gewaltigen Eismeerkessel! Da waren die ungeheuren Felsen beim Abstieg und das schöne, romantische Rosenlauital mit seinem edelgeformten Wellhorn! Gewiß, es gibt nur wenige Touren von solcher Schönheit!

Bei meiner Rückkehr beschenkte mich dann Frau Maud mit einem Töchterlein, das in Erinnerung an die Hochzeitsreise den Beinamen »Matterl« erhielt.

Ein überaus arbeitsreicher Winter folgte, denn der Große Generalstab versteht in diesem Punkt keinen Spaß, und auch in dem folgenden Jahr, das wiederum dem Berner Oberland gewidmet war, hatten wir nur acht Tage zu unserer Verfügung. Acht kurze Tage, von denen dazu noch mindestens zwei für Hin- und Rückreise wegfielen, was wollte das besagen, dazu noch in dem regenreichen Sommer 1896! Sie verflogen mit Sturmeseile, und ehe wir es uns versahen, saßen wir wieder zu Hause. Es war wie ein kurzer Traum, und doch bedeutete er eine Welt von Ewigkeitserinnerungen.

Unser erstes Ziel war das Schreckhorn (4080 m), dessen Anblick mir seit unserem Abstieg von der Berglihütte nicht mehr aus dem Kopf gegangen war.

Finsteraarhorn vom Mönch.

Es ist etwas Geheimnisvolles um diesen Berg, auch wenn man von seinem bezeichnenden Namen absieht. Im Innern des Gebirgs gelegen, tritt er nicht so hervor wie die Jungfrau oder das Wetterhorn, und keine grünen Matten umsäumen seinen Fuß. Dafür ist aber auch alles wilder ursprünglicher. Die Kessel, die ihn zu beiden Seiten umgeben, sind so mächtig und großartig, wie nur irgendein Alpenzirkus. Dazu kommt, daß die Besteigung lange vergeblich versucht wurde und wegen Steinfalls und Lawinengefahr, wovon mehrere Unglücksfälle erzählen, berüchtigt ist. Auch die Sage hat sich des Berges mit seinen beiden »Täubchen« auf dem Gipfel bemächtigt, die verdammte Seelen sein sollen, und es ist nicht gerade verwunderlich, wenn eine junge Dame, die einst unmittelbar unter dem Gipfel biwakieren mußte, sich allerhand poetische Gedanken über die Sturmgeräusche machte, die sie dort oben zu hören bekam. »Noch immer schweben mir die tausend und abertausend von Strahlenglorie umflossenen Gestirne vor. Aber unheimliche, gedehnte Laute schreckten mich aus dem Verkehr mit den höheren Welten auf. Uh, uh, uh, drang es aus der Tiefe ganz schauerlich empor. War es ein Chor von Nachteulen, uns hilflosen Menschenkindern das nahe Unheil verkündend? Bald änderte sich der Ton, und ich vernahm wie Geheul eines hungernden Wolfes. Dann durchflog es die Lüfte in schrillem Pfiff, und darauf erfolgte Gewinsel und ersterbendes Gestöhn. Vielleicht ein armes gejagtes Tier, das der wilde Jäger verfolgt und getroffen? Zuletzt glaubte ich gar noch, das Seufzen und Jammern rühre von einer abgeschiedenen Seele her, welche auf einsamer Klippe für begangene Missetat zu büßen hat.«

Uns selbst sah ein Sommerabend in der Schwarzegghütte, wo wir den prächtig wilden Eismeerkessel in allen Stadien des Sonnenuntergangs bei stürmisch düsterm Himmel bewundern konnten, während jenseits der schmalen Lücke zwischen Eiger und Mettenberg die grüne Landschaft in friedlichem Abendrot erstrahlte.

Bald nach dem Abmarsch am andern Morgen sandte uns das Schreckhorn seinen Morgengruß in Gestalt einer Steinkanonade herab, die mitten zwischen unsere Gesellschaft hineinprasselte, so daß der Schnee ringsum nur so aufspritzte. Wie das Leben in die noch Schlaftrunkenen brachte! Wie besessen stoben wir auseinander, bis wir endlich in Sicherheit waren. Es war nichts passiert. Nur Stabeler, unser Leibführer, hatte einen Stein auf seinen Rucksack bekommen, aber es war dafür gesorgt, daß da nichts hindurchging, und nach einem kräftigen Schluck konnte man ihn darüber belehren, wie gut und nützlich es sei, die Rucksäcke entsprechend voll zu beladen.

Über den endlosen Anstieg an der breiten Kesselwand hinauf zum Grat ist nicht viel zu sagen, während hier sonst eine Hauptschwierigkeit darin besteht, eine gefahrfreie, nach den Verhältnissen stets sich ändernde Route zu finden, stiegen wir angesichts des außerordentlich tiefen Schnees gerade in die Höhe, was allerdings einige Lawinengefahr bedeutete. Dann folgte eine hochinteressante Kletterei auf dem scharfen Felsgrat, an dem »Elliotwändle« vorbei, wo jener verwegene Tourist, der sich nie anseilte, einst abstürzte, und mit dem Erreichen des Vorgipfels kam dann der Triumph des Tages.

Schreckhorngipfel

Man kann sich kaum einen Begriff von dem Gipfelblock machen, der sich so ungeheuerlich wild aus den Abgründen und der blendenden Firnenpracht ringsum erhebt, ein Koloß von unerreicht packender Eigenart. Dazu dieser Marsch da hinüber, der in seiner schaurigen Pikanterie allein schon die Anstrengungen einer Hochtour wert ist!

Die Pracht der Aussicht liegt ausschließlich in ihrer grandiosen Wildheit, in der Eisesstarre der Gletscherwelt ringsum, die sich zu allen Seiten in phantastischen Formen aus den ungeheuren Tiefen erhebt, was will da das bißchen grüne Land besagen, das sich zwischen Eiger und Wetterhörnern schüchtern hervorwagt! Man mag sich einen Ausschnitt aus dem Rundblick nehmen, wo man will, im Nordosten bei den edelgeformten Pyramiden der Wetterhörner, im Osten bei dem türmereichen Lauteraarhorn, dem ausgedehnten Strahleggfirn, im Süden bei dem alles überragenden Finsteraarhorn, im Westen bei dem Tiefblick auf das Eismeer und hinüber zu Jungfrau, Mönch und Eiger: überall dieselbe starre, abgründliche Eisespracht, überall das bebende Gefühl der Einsamkeit, Kleinheit und Verlassenheit und – das stolze Sichdarübererheben!

Lauteraarhorn und Finsteraarhorn vom Schreckhorn.

Und das alles stürmt gleichzeitig auf uns ein, gräbt sich ein im tiefsten Innern in ewigen Schauern.

Nach einer solennen Rutschpartie beim Abstieg und einem fröhlichen Abend in der Hütte zogen wir andern Tags durch den prächtigen Eismeerkessel zu der uns wohlbekannten Berglihütte, um unsere Aufmerksamkeit dem Mönch zuzuwenden.

Zunächst schien uns das Glück nicht gerade hold zu sein. Wir trafen eine völlig überfüllte Hütte vor und waren froh, als wir nach Mitternacht annehmen konnten, daß es Morgen sei. Kein einziger Stern leuchtete an dem rabenschwarzen Himmel, als wir, im ganzen vier Partien, in dem tiefen Schnee zum Unteren Mönchjoch hinaufwateten. Ein heftiger Wind wirbelte die Flocken hoch auf und hüllte die verschneiten, schattenhaften Menschengestalten wie in Wolken ein. Man konnte glauben, es handle sich um eine Polarexpedition in der ewigen Winternacht. Nach einigen Schwierigkeiten an dem Schrund des Untern Mönchjochs trat dann allmählich die Dämmerung ein, und ein stürmischer Tag brach an. Ohne Unterbrechung tobte der Sturm, dicke Wolken jagten hin und her, und es schneite und hagelte durcheinander, als gehe es an das jüngste Gericht. Was Wunder, daß wir da den Rückzug antraten!

Andern Tags sah es draußen allerdings nicht viel besser aus, und wir mußten die Besteigung eben erzwingen.

Es war ein merkwürdiges Wetter, als wir den Grat vom Obern Mönchjoch anstiegen. Die Nebel, die uns einhüllten, verflüchteten sich dann und wann, so daß der massige Berg mit seinen scharfen Kanten und langgestreckten Schatten hin und wieder aus dem huschenden Gewölk hervortrat, ein eigener und in seinem beständigen Wechsel beinahe geisterhafter Anblick. Auf dem breiten Gipfelplateau kamen wir dann wieder in dicke Nebel, und Stunde um Stunde verrann in trostlosem Warten. Da, als wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, zeigte sich plötzlich ein dunkler Fleck in dem einförmigen Grau und verdichtete sich zu einem zackigen Felsen in dem sich senkenden Wolkenmeer, während darüber der klare Himmel zum Vorschein kam. »Das ist ja der Gipfel der Jungfrau!« Laut jubelten wir es hinaus in grenzenloser Freude und noch größerer Erwartung, was wohl sich noch dort drüben enthüllen würde? Aber unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Bleischwer und unbeweglich lagerte die Wolkenwand über der Erde, und der starke Westwind war eher unheilkündend, als glückverheißend. Mehrfach schien es sogar, als sollte der stolze Bau dort drüben wieder von den Nebeln verschlungen werden.

Eine bange, erwartungsvolle halbe Stunde verstrich so, als plötzlich ein frischer Windstoß in die Wolkenklumpen hineinfegte und ein tiefes Loch riß. Der luftige Sturmgott siegte, die graue Nebelwand wich, immer mehr trat der herrliche felsgezackte Berg hervor, immer höher hob er sich in die Lüfte, immer tiefer öffneten sich die Abgründe zu beiden Seiten, bis schließlich das ganze herrliche Gebilde im Sonnenglanz über den Wolken erstrahlte, ein märchenhafter Anblick von geradezu dramatischer Bewegung.

Wie aber stand es mit den andern Größen des Gebirgs? Wohl hüllten sie sich noch in dicke Nebel ein, aber der Bann war gebrochen, und eine nach der andern wagte sich aus der grauen Hülle hervor, eine schöner als die andere: Schreckhorn, Finsteraarhorn, Aletschhorn, Eiger, und wie sie alle heißen.

Jungfrau vom Mönch.

Unsagbar dankbare Erinnerungen durchzogen mich beim Anblick dieser einzigartigen Wandelbilder. Also dort drüben, über dem dicken Wolkenmeer waren wir auf dem mächtigen Schreckhorn gestanden, hatten den Fuß auf die sagenhaften »Täubchen« gesetzt und waren durch diese brodelnde Urwelt bis hier herauf gedrungen! Und dort war mein Finsteraarhorn, mit seinen charakteristischen Stufen, das ich vor 10 Jahren bezwungen, wie stolz war ich damals gewesen, auf diesem höchsten Gipfel des Berner Oberlands zu stehen, der an Wildheit der Aussicht beinahe noch das Schreckhorn überbietet! Wie hatte es mir imponiert, als ich, auf dem Schlußgrat sitzend, einen Stein nach jenseits in die Tiefe fallen ließ, um zu sehen, wie lange er wohl brauchte, um diese mächtigste Felswand der Schweiz hinunterzufallen. Ich habe sehr langsam dazu gezählt: eins, zwei, drei, und doch bin ich auf einundzwanzig gekommen, bis ich ihn zum erstenmal aufschlagen hörte. Dann wieder der Blick dort hinüber zur Jungfrau mit ihrer Erinnerung an die Hochzeitsreise! War das nicht wieder so eine Weihestunde, die das ganze Leben verklärte?

Auch beim Abstieg, der erst nach Stunden angetreten wurde, hatten wir mächtig Glück. Bei der Berglihütte waren wir im Zweifel, ob wir eine kurze Rast machen sollten. Schließlich hatte sich die Aussicht auf einen warmen Tee, den uns Frau Maud anbot, doch als zu verlockend erwiesen, und wir waren eingetreten, um bald darauf das furchtbare Donnern einer Lawine zu hören, die unmittelbar neben dem Berglifelsen herabstürzte: Eine gespenstige Wolke von hochaufwirbelndem Schneestaub langsam vorausschreitend, dahinter polternde Trümmer, deren Dröhnen laut von den weiten Wänden ringsum widerhallte, und lange noch, als das Ungeheuer friedlich dort unten auf dem Gletscher lag, leise nachrieselnder Schnee. Wir aber sahen uns schweigend an. Unser Weg, der dort im Zickzack an dem steilen Hang hinunterführe, war von den Schneemassen tief bedeckt, und jeder, der sich da befunden hätte, wäre ebenso von ihnen begraben worden, wie das einige Jahre später einer Partie von zwei Touristen und fünf Führern passierte, von denen fünf das Leben verloren, darunter der berühmte Alexander Burgener. Wir selbst stürmten später in wilder Hast über die gefahrvolle Stelle hinweg, dann ging es in ein trostloses Regenwetter hinein, das den ganzen Tag über unten geherrscht hatte. Doch was bedeutete das uns, die wir trotz der kurzen Spanne Zeit lebenslange Erinnerungen mit uns trugen! Fröhlich zogen wir wieder in den Alltag hinein, und Frau Maud beschenkte mich nach einem Vierteljahr mit meinem ersten Jungen, Max, der zur Erinnerung an diese ereignisreiche Tour den Beinamen »Schreckerle« erhielt.

In späteren Jahren zogen wir noch einmal zum Jungfraujoch hinauf, um über die dort zu erbauende Station der Jungfraubahn ein Bild zu gewinnen. Man mag über diese Bahn denken wie man will, jedenfalls gewährt sie einer Menge Menschen, die sonst nie in das richtige Hochgebirge kommen würden, einen intimen Einblick in dasselbe – falls sie sich nämlich auf den Nordhang des Jochs hinauswagen. Auch der Ausblick von der Station Eismeer ist im hohen Grade lohnend durch die Intimität des Blicks auf die riesenhafte Gletscherwelt.

Nordhang des Jungfraujochs.

Wenn Firnenglanz und Gestaltenreichtum die Schönheit der Höhen des Berner Oberlandes ausmachen, so ist Eleganz und Abwechslung die Eigenart des Fremdenlebens in Interlaken mit seinen beiden herrlichen Seen. Im übrigen muß gesagt werden, daß für den, der diese Eleganz nicht oder nur ausnahmsweise liebt, sich zahlreiche hübsch gelegene Punkte in der Umgebung abseits von der großen Heerstraße befinden, die sich durch außergewöhnliche Billigkeit und Reellität auszeichnen.

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