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Ich und die Berge

Theodor Wundt: Ich und die Berge - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorTheodor Wundt
titleIch und die Berge
publisherRich. Bong, Berlin
year1917
illustratorTheodor Wundt, U. Heim
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Verheiratet.

Schreckhorn von der Berglihütte

Nun waren wir also zu Hause! Wie ein Wirbel waren die Ereignisse dieser denkwürdigen Hochzeitsreise an uns vorbeigestürmt, und wir hatten fröhlich den Augenblick genossen. Jetzt aber zeigte sich bald auch die tiefere Bedeutung unseres Tuns.

Zunächst hatte mein Schwiegervater wahrlich Recht gehabt, als er sagte: »Diese Reise wird eine Erinnerung fürs ganze Leben sein.« Nun sind ja andere Hochzeitsreisen gewiß auch schöne Erinnerungen, aber diese war zugleich eine Tat gewesen, von seiten meiner Frau sogar eine Reihe von Taten, und wiegen die nicht schwerer, als alles beschauliche Glück und mühelose Genießen? Schon der Entschluß war ein großer und geeignet, uns in unseren Beziehungen zueinander zu heben, Kleinigkeiten nicht aufkommen zu lassen. Außerdem waren wir aufs engste aufeinander angewiesen gewesen, hatten gelernt, daß wir uns aufeinander verlassen konnten, hatten unendlich vieles erlebt, und wenn allemal die Gefahr gekommen war, dann hatten die Augen aufgeblitzt, und wir hatten uns nicht klein finden lassen. Wie hätten wir da nicht ein unerschütterliches Vertrauen zueinander gewinnen sollen! Wir hatten uns in diesen Wochen besser kennen und schätzen gelernt, als manche oft in jahrzentelangem Zusammensein, wir hatten gelernt, die großen Gesichtspunkte hoch zu halten, immer wieder den hohen Zielen zuzustreben, sie nicht über den Kleinigkeiten zu vergessen, hatten gelernt uns und die Dinge so zu nehmen, wie sie waren. So war eine im Sturm erprobte Kameradschaft entstanden, in der wir wußten, was mir aneinander hatten, die sich stetig erweiterte und vertiefte, an der nicht von Tag zu Tag etwas abbröckelte, wie damals bei der » grande passion«. Dazu die unvergängliche Feiertagsstimmung, die wir von dort oben mit uns heruntergenommen in den Alltag, die auch nicht mehr vergehen konnte, wie hätten sich jene überwältigenden Augenblicke verwischen sollen! Der grandiose Tag auf der Südseite des Matterhorns, das Wüten des Sturmes in seiner unheimlichen Pracht und Größe, das schließlich doch erzwungene Gipfelglück, das Entschleiern des Jungfraugeheimnisses auf dem Schneehorn, der Ausblick von dem Gipfel der strahlenden Eiskönigin und Dutzende andere, wo die von ihren Fesseln befreite Seele sich hinausgeschwungen in den Äther, sich eins gefühlt hatte mit dem unendlichen All! Und das alles Hand in Hand mit dem andern, mitfühlend, mitahnend, sich so ganz verstehend! War das nicht lebendig gewordene Poesie, ein höheres Leben, das seine Weihe über die ganze Zukunft werfen mußte? Was wollte es da besagen, daß wir allerhand Mühen und Beschwerden auf uns genommen hatten, die jetzt doch nur dazu dienten, alles noch mehr zu verklären! was bedeuteten z.B. jene 21 Nächte, die wir in Hütten oder im Zelt, zum Teil recht unbequem, verbracht hatten! Nein, diese viel kritisierte Hochzeitsreise war das allein Richtige gewesen, und ich habe nicht wenig Lust, jedem jungen Ehepaar zu raten, es uns nachzumachen.

Nun werden die Bedächtigen natürlich einwenden, das sei eben eine Ausnahme gewesen, und nicht jede Frau könne ihre Hochzeitsreise in die Berge machen, auch wenn sie Lust dazu hätte. Ich möchte deshalb hier etwas näher auf die Eignung der Frau zum Bergsteigen eingehen, eine Frage, der sich Frau Maud eingehend angenommen hat und in der sie auch an die Öffentlichkeit getreten ist. Als Resultat einer Rundfrage bei den bekannten Bergsteigerinnen konnte sie zu Anfang des Jahrhunderts feststellen, daß alle bedeutenderen Gipfel der Alpen schon von Frauen erstiegen waren. Dabei wird dem Manne allerdings die größere Kraft, Entschlossenheit, Umsicht und Fachkenntnis zugesprochen, die die Elite der Erstbezwinger schwieriger Gipfel zu Leistungen befähigt haben, die Frauen wohl nicht erreichen können. Auf der andern Seite wird bei der Frau die vielfach größere Geschicklichkeit, Ausdauer und Zähigkeit gegenüber dem Durchschnittstouristen hervorgehoben. »Mancher Mann vermag ein Kind nicht so lange auf dem Arm zu tragen, ohne zu ermüden, als eine viel schwächere, zartere Frau dies gewöhnt ist.« Unbestreitbar ist ferner ihre größere Enthaltsamkeit im Alkoholgenuß und in dem den Lungen schädlichen Rauchen. Auch hören wir, daß den Damen bei Unbequemlichkeiten der Humor nicht so leicht ausgehe, sie schlechtes und ungenügendes Essen leichter ertragen usw.

Also die Eignung des sogenannten schwachen Geschlechts zum Bergsteigen wurde schon damals einwandfrei nachgewiesen.

Daß nur eine Frau, welche über einen normalen, wirklich gesunden Organismus verfügt, Bergsteigerin werden soll, leuchtet ein, aber der Grund für mangelnde Fähigkeit liegt meist weniger an einer ungesunden Veranlagung, als in verweichlichender Lebensweise, dem Mangel an Abhärtung, der geringen Bedeutung, die man dem Turnen beilegt, und oft auch an dem unsinnigen Schnüren von zarter Jugend auf. Daß demgegenüber das Bergsteigen innerhalb vernünftiger Grenzen nur zuträglich wirke, wird allgemein betont und von verschiedenen Damen darauf hingewiesen, daß, obgleich sie früher manchen Sport getrieben haben, sie doch nie so kräftig und gesund gewesen seien, als nachdem sie Bergsteigerinnen wurden. »Ich halte es für sehr zuträglich, nervöse Mädchen oder Frauen in die Berge zu schicken. Es würde sich dabei ein recht prosaischer, aber gesunder Appetit mit nachfolgendem erquickendem Schlaf einstellen, und als neuer Mensch würde so ein leidend gewesenes, armes Ding zurückkehren. Allgemeines Bergsteigen der Damen würde einen erfolgreichen Feldzug gegen die Bleichsucht bedeuten, und die Schwächlichen würden dabei kräftig, die Rundlichen schlank werden.«

Besonders betont werden die seelischen Einflüsse des Bergsteigens. »Wir huldigen ihm, weil wir dadurch hoch über das Niveau des alltäglichen materiellen Lebens gehoben werden und uns einen idealen Zug des Geistes zu bewahren vermögen.« »Gerade diejenigen Eigenschaften, die die Erziehung der Frau meist vernachlässigt, werden beim Bergsteigen entwickelt: Beobachtung, Vorsicht, Geistesgegenwart, Geduld, Selbstbeherrschung, Entschlossenheit und Ausdauer.« Auch auf die Kameradschaft mit dem Gatten wird hingewiesen. Endlich schrieb die Witwe eines in den Alpen verunglückten Bergsteigers: »Obgleich mir von den Bergen das tiefste Leid zugefügt wurde, so vermag dies doch nicht einen Schatten auf all das Glück zu werfen, das mir an der Seite meines Mannes von den Bergen geboten wurde. Nie in meinem Leben werde ich die unaussprechlich erhabenen Augenblicke vergessen, wo wir uns so ganz und gar eins mit der Natur fühlten. Zu ihr flüchtete ich auch in meinem höchsten Leid und fand in den Bergen Trost und Kraft, mein Schicksal zu ertragen.«

Auch im einzelnen geben die Damen recht verständige Ratschläge, indem sie vor zu frühzeitigem Steigen, vor Rekords, zu scharfem Tempo und sonstigen jugendlichen Übertreibungen warnen, gleichzeitig aber konstatieren, daß oft Sechzigjährige noch recht gute Bergsteigerinnen sein können.

Daß wir selbst unseren Idealen treu blieben und fest zu unseren Bergen hielten, versteht sich wohl von selbst. Wenn immer möglich, zogen wir hinauf. Freilich, das Leben mit seinen wachsenden Berufsanforderungen und zu Anfang auch die Ehe mit ihren Konsequenzen brachten dann und wann unumgängliche Einschränkungen mit sich, aber das alles konnte höchstens stören, nicht verhindern. Im allgemeinen wurde ich ja dabei mit der Zeit allerdings ruhiger, welchen Einfluß ich der Ehe gern einräume. Wohl machten wir da und dort noch verwegene Seitensprünge oder arrangierten ein romantisches Freilager in unserem Zelt, das uns nie verließ, in der Hauptsache aber zogen wir gesittet und nach den Regeln der Kunst auf unsere Berge, um unsere Aufmerksamkeit dem zuzuwenden, was es zu sehen gab, es intensiv und verständnisvoll zu genießen, was mir, wie schon früher ausgeführt, immer mehr als die Hauptsache erschien. Und wie schön waren diese Weihemomente gar jetzt, wo wir uns von Jahr zu Jahr mehr verstanden, von Jahr zu Jahr auf eine längere Kette reizvoller Erinnerungen zurückblicken konnten, die uns im Verein mit dem Planen neuer Touren so viele Alltagsstunden verschönten.

In bezug auf die Wahl der Gebiete wurde ich allmählich verwöhnt. Angesichts meiner wachsenden Gebundenheit in der Zeit konnte es sich für mich nicht darum handeln, ganze Gebirgsteile systematisch zu durchforschen, was ja auch seine Reize hat. Auch die Photographie, die besonders packende Gegenstände verlangt, hielt mich davon ab. Mein Streben war vielmehr darauf gerichtet, Frau Maud die Hauptschönheiten der bedeutendsten Gebirgsteile zu zeigen. So wurden wir in gewissem Sinne alpine Feinschmecker, die nur das Beste und Schönste vorwegnahmen, was ich gerne und durchaus unreumütig gestehe; denn der Alpinismus war mir eben ein Genuß und eine Erholung, und ich sehe nicht ein, weshalb ich da nicht aus dem Vollen schöpfen sollte.

Wie sehr Frau Maud Alpinistin geworden war, zeigte sich sofort nach unserer Rückkehr von der Hochzeitsreise. Wir hatten nur wenige Tage Zeit, um unser neues Heim zu genießen. Dann rief mich der Dienst, und während ich zum Krieg im Frieden hinauszog, nahm Frau Maud gräßliche Rache dafür, daß ich die Hochzeitsreise mit zwei Frauen gemacht hatte, indem sie dieselbe jetzt allein fortsetzte. Zu ihrer Entschuldigung muß allerdings gesagt werden, daß sie sich dabei redlich Mühe gab, um den Vorsprung, den ich in der Lichtbildkunst vor ihr voraus hatte, nachzuholen. Sie nahm sich dieselben Führer, die wir zusammen gehabt hatten und ging nach allen den Stellen, an denen meine photographische Kunst aus irgendeinem Grunde versagt hatte. So brachte sie eine ganze Reihe prächtiger Bilder nach Hause, die mir von höchstem Interesse waren. Wie unterhaltsam und so gar nicht haushaltungsmäßig gestalteten sich dann die langen Winterabende in der Dunkelkammer, wo aus den weißen Platten eine schöne Erinnerung nach der andern ans Licht gezaubert und unsere ganze Reise in dem dunkeln, rot erleuchteten Zimmerchen noch einmal durchlebt wurde!

Im Sommer 1895 freilich, der auch meine Versetzung nach Berlin brachte, waren die Verhältnisse doch stärker als wir, und Frau Maud mußte mich zweimal allein wegschicken. Ich hatte dabei noch eine Rechnung mit dem Matterhorn auszugleichen, dessen photographische Ausbeute mir nicht genügte, da ich eine Monographie über den Berg schreiben wollte. Weiterhin wandte ich mich dem Berner Oberland zu, das unser nächstes gemeinschaftliches Ausflugsgebiet werden sollte, und in den folgenden Jahren zogen wir über das Engadin, die Ortler, und Ötztaleralpen nach dem Osten, um Frau Maud auch meine geliebten Dolomiten zu zeigen.

Davon seien einige Hauptmomente hervorgehoben.

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