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Ich und die Berge

Theodor Wundt: Ich und die Berge - Kapitel 13
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authorTheodor Wundt
titleIch und die Berge
publisherRich. Bong, Berlin
year1917
illustratorTheodor Wundt, U. Heim
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Alpinismus

So ist also das ganze Wanderleben wieder vorbeigehuscht mit seinem Sehnen und Suchen, seinem Sturm und Drang, seinem Schauen und Genießen und endlich dem langsamen Sichbegnügenmüssen. Das alles kommt mir jetzt vor wie ein schattenhafter Traum, denn neben der Intensität des Erlebens ist das bißchen Erinnerung kaum wie das Alpenglühen gegenüber der strahlenden Sonne, so beruhigende Reize es auch hat, und in der Vielgestaltigkeit des so viel umfassenderen und inhaltsreicheren Lebens selbst spielt das Wandern doch nur eine recht bescheidene Rolle. Immerhin ist es von nicht zu unterschätzender Bedeutung und so wenig es ein Leben ausfüllen kann, geeignet, ihm in gar manchem eine entscheidende Richtung zu geben, es bedeutsam zu beeinflussen. Wenigstens war das bei mir der Fall.

Wenn ich mich frage, was das Wandern mir gewesen ist, so sehe ich darin in erster Linie eine gewisse innere Notwendigkeit, die sich aus meinem ganzen ungestümen Wesen ergab und die wohl auch typisch für junge, kräftige Naturen ist. Die unbändige Sehnsucht, die mich erst planlos in die lockenden Fernen trieb, war von solch elementarer Wucht, daß sie befriedigt werden mußte, ein künstliches Zurückdämmen einen gewaltsamen Eingriff bedeutet hätte, der leicht gefährlich geworden wäre. Ich bin meinem Vater heute noch dankbar, daß er diesen Drang auf Wanderwege leitete und sehe darin eine gesunde Ablenkung von Abwegen aller Art. Nicht als ob ich dadurch von Torheiten ganz zurückgehalten worden wäre. So weit reicht die Kraft des Wanderns nicht. Wohl aber hat es mich mit seiner stärkenden Bewegung in freier Luft und seinen zahlreichen Anregungen immer wieder auf richtige Bahnen gelenkt, auf den Weg gesunder Natürlichkeit, wenn es sich dann bald auf die Berge konzentrierte, so bedeutete das gegenüber dem Durchstreifen fremder Länder zweifellos eine gewisse Einengung und Beschränkung, denn bei Wanderreisen befindet man sich mitten im Leben selbst mit seiner ganzen Vielfältigkeit und weitet den Blick für Menschen und Verhältnisse, während der Bergsteiger sich in einer wohl großartigen aber verhältnismäßig einfachen Natur bewegt. Um so mehr befriedigt es andererseits die Abenteuerlust, die nun einmal – glücklicherweise – mit dämonischer Macht in manchem Menschen steckt. Außerdem wird der Blick nach innen gerichtet, der Kontakt mit dem Ewigen hergestellt und die Seele vertieft. Allmählich, Schritt für Schritt. Auch ich habe ja erst in der Freude an körperlicher Betätigung, dem Aufenthalt in der gesunden frischen Luft und in dem Abenteuerlichen mein Hauptziel gesehen, doch scheint mir das nur eine Vorstufe zu dem ahnungsvollen Schauen zu sein, das ich für das Höchste halte, was der Alpinismus zu geben vermag. Jedenfalls hat es mir mehr gegeben, als ich auf meinen geistigen Wanderungen mit dem trockenen, allerdings recht grüblerischen Verstand zu erreichen vermochte.

So ragen die alpinen Erlebnisse aus meinen Erinnerungen wie strahlende Höhen heraus. Die Berge sind mir etwas geworden, das ich nicht mehr hergeben möchte, eine Stärkung, eine Kraft, ein Trost, die mich über alle Stürme des Lebens hinwegbrachten, ein Heiligtum, das sich dem Flüchtenden immer wieder öffnete, eine Quelle und ein zuverlässiger Stützpunkt des Idealismus in dem brandenden Meer der sich widerstreitenden Interessen. Vor allem bin ich dem Alpinismus für eine Fülle von Ewigkeitsmomenten dankbar, die mich in meinem tiefsten Innern ergriffen haben. Solche Momente, bei denen man das Rauschen des Weltgeistes verspürt, mögen sie nun der Natur, der Liebe, Freundschaft, einer großen Handlungsweise oder was sonst immer entspringen, sind es ja erst, die dem Leben seine richtige Weihe geben, den monotonen Alltag wirklich wert zu leben machen. Wofür ich aber noch besonders dankbar bin: es waren Ewigkeitsmomente ohne Reue, ohne das fragende Grübeln, das beim Erwachen aus der Ekstase intensiveren Lebens sich so häufig einstellt. Wo gibt es denn das sonst für eine kritische Natur, die alles selbst zu prüfen gewöhnt ist, sich nur an die eigenen Erfahrungen hält? Man frage sich ehrlich: Folgt in diesem unvollkommenen Dasein auch den erhebendsten Momenten nicht meist etwas nach, das zerrt, rüttelt, peinigt? Wer ist nicht schon gerade in seinen besten und lautersten Augenblicken doch schließlich irgendwie enttäuscht oder durch Zweifel gequält worden? Außer dort oben! Und erwächst daraus nicht eine natürliche Dankbarkeit für diese Welt, ein glaubensstarker Optimismus, der über ihre Mangelhaftigkeit freudig hinweghilft? Nein, der richtige Alpinismus kennt keine Pessimisten, und das allein genügt schon, um ihm seine überragende Bedeutung zu geben. Man steht da wirklich über dieser Welt, nicht bloß äußerlich.

Das machte sich bei mir in gar manchem geltend: Der dort oben immer wieder nach innen gerichtete Blick ließ mich das äußere Leben mehr und mehr als das ansehen, was es in Wirklichkeit ist, eben als eine Äußerlichkeit, mit der man sich humorvoll abfindet, und der Umgang mit der Natur wendete den Blick immer wieder auf das Große und Natürliche. Einen starken Einfluß hat dabei auch der Umgang mit den besseren Führern auf mich gehabt, mit einem Michel Innerkofler, Stabeler, Michele Bettega, Ulrich Almer und anderen. Bei ihnen habe ich Achtung vor dem Menschen an sich gelernt, sie haben mir mehr gesagt, als manche »Kulturträger« mit ihrem Ehrgeiz, ihrer Eitelkeit, Nervosität, Empfindlichkeit und was sonst noch solche liebliche Dinge sind.

Endlich haben mir die Berge eine große Liebe ins Herz gelegt, die alles poetisch verklärt, das ganze Leben mit einem romantisch abenteuerlichen Hauch durchzieht, der mir über alles hinweghilft. Um nur ein Beispiel anzuführen, so habe ich dieses Buch in der Hauptsache während der Sommeschlacht bei einem 12wöchigen ununterbrochenen Aufenthalt im Gefechtsunterstand geschrieben. Hunderte von Granaten flogen alltäglich über den notdürftigen Bau hinweg, den ich mir zum Tagesaufenthalt zurechtgezimmert hatte, was kümmerte es mich! Ich befand mich ja in meiner anderen Welt. Frau Maud hat oft zu mir gesagt, es schlage mir alles immer zum Besten aus. Woher kann das kommen, als von den Bergen, die mir einen zweiten, höheren Lebensinhalt gegeben haben, der sich in freudigem Glauben nur an den idealen Kern und das tiefere Wesen der Dinge hält, sich über ihre Äußerlichkeiten erhebt, vor allem aber auf die Tat eingestellt ist, die immer wieder weiterhilft. Was ich in jahrelangen mühevollen Studien vergeblich suchte, das haben mir die Berge spielend gegeben.

Wenn wir nun noch kurz die allgemeine Bedeutung des Alpinismus betrachten, so ist es fraglos ein Zeichen von Kraft und gesundem Gefühl, daß sich der moderne Mensch an die Ersteigung der Berge gewagt hat, die ihm jahrtausendelang verschlossen geblieben waren. Er war in gewissem Sinn eine Notwendigkeit unserer Zeit, als eine Reaktion gegen die Nervosität des modernen Lebens mit seiner mehr und mehr ins einzelne gehenden Zergliederung des Berufslebens und seiner geisttötenden Spezialisierung, gegen Überkultur und Phrasentum ein Schrei nach idealen, kräftigen und mutigen Anschauungen. In dieser Hinsicht bedeutet er mehr und mehr ein Stück Lösung der sozialen Frage in idealem Sinn.

Daß diese Lösung auf mancherlei Wegen gesucht wird, ist nur natürlich und entspricht den verschiedenen Lebensbedingungen und Altersverhältnissen. Wenn dem einen fröhliche Spaziergänge in der schönen Alpennatur genügen, so freut sich der andere an intensivster Körperbetätigung, an Aufregung, Gefahr und der Stählung seiner moralischen Eigenschaften. Auch Extravaganzen und Exzentrizitäten finden in dem Naturell, den speziellen Lebensverhältnissen ihre Erklärung und bis zu einem gewissen Grade auch Berechtigung. Jedenfalls werden alle, die in die Alpen gehen, nicht nur körperlich frisch und leistungsfähig, sondern sie stärken auch Geist, Gemüt und Charakter. Der Hauptwert aber liegt in den seelischen Kräften, die durch den Verkehr mit einer großen Natur und ihren Schönheiten geweckt und angeregt werden. Sie sind auch der Maßstab, nach dem der richtige Alpinist beurteilt werden muß. Was er leistet, hat ja gewiß seine pfadfindende oder sportliche Bedeutung, was der Alpinismus aber innerlich bringt, ist mehr wert und die Hauptsache. Was nützen mich tausend erstiegene Gipfel, wenn ich innerlich nichts von ihnen habe!

Nun wird ja viel von der ethischen Bedeutung des Alpinismus gesprochen, ich möchte aber glauben, daß da eine Verwechslung vorliegt. Ethisch ist allerdings das Streben nach einem hohen Ziel, die Selbstverleugnung, mit der man Mühen, Anstrengungen und Gefahren auf sich nimmt, um dasselbe zu erreichen. Aber die Besteigung eines Berges ist kein solches Ziel und hat mit Ethik an sich nichts zu tun. Es gibt da kein kategorisches »Du sollst!« und man kann deshalb, abgesehen von Übertreibungen und Extravaganzen, auch von keiner Schuld sprechen. Wenn ich eine Besteigung aufgebe und umkehre, so liegt darin keinerlei Versündigung an irgendwelchem sittlichen Gebot. Dagegen ist das Bergsteigen die »vielseitigste und glücklichste Quelle aller Symbolisierungen inneren Erlebens« und seine Ähnlichkeit mit ethischen Bestrebungen eine geradezu verblüffende. Man setzt sich ein hohes Ziel, begeistert sich und kämpft für dasselbe, nimmt Mühen und Gefahren auf sich, und der reine Genuß, den man dabei erhält, bleibt einem als ein köstlicher, befriedigender Schatz, als ein ahnungsvolles Erleben des Ewigen. »Ja, so ist das Leben! Schritt für Schritt müht man sich ab, geht durch weite eisige Strecken, langsam und beschwerlich, ohne ein Ende abzusehen. Aber wenn man nur ruhig und fest weiterschreitet, Schritt für Schritt, dann kommt man schließlich doch zu einem großen und hohen Ziel, zu einem Blick in verklärte Fernen, die wohl unerreichbar sind, deren ahnungsvolle Schimmer sich aber mild über alles legen, klärend, heiligend, versöhnend.« Diese in meinem Matterhornroman von der entsagungsvollen Dulderin ausgesprochene Gleichheit und Ähnlichkeit des Bergsteigens mit den ethischen Bestrebungen im Leben ließe sich noch weit ausspinnen. Z. B.: Hier wie dort bleibt als wirklicher innerer Gewinn vor allem das, was man sich in ehrlichem Kampfe erstritten hat. »Und wenn es köstlich ist, so ist es Mühe und Arbeit.« Auch bedeutet wie im Leben nicht so sehr die Gipfelfreude das Glück, als das Ringen nach dem ersehnten Ziel. Es liegt so manches Schöne am Weg, an dem man sich erfreuen kann, wenn man es nur sehen und sich freuen will, das einen in seiner Gesamtheit mehr befriedigt, als die besinnungslose Hast nach dem entfernten Ziel, die sich um nichts kümmert und darum auch nichts sieht. Und wenn man sich so freudig staunend auf seinen Berg, der gewiß nicht der höchste zu sein braucht, hinaufgekämpft hat und hinausblickt über die Lande zu seinen Füßen, ist das nicht auch ein Lohn, ähnlich wie am Ende eines mühevollen Lebens?

Alle diese Ähnlichkeiten, die beliebig vermehrt werden könnten, die auch einen jeden Denkenden unwillkürlich beschäftigen, weisen indirekt auf die große ethische Bedeutung des Bergsteigens hin.

Eine Gefahr ist demgegenüber allerdings vorhanden: daß der Bergsteiger, der sich über den Alltag erhebt und mit berechtigtem Stolz über die Lande hinausblickt, eine Herrennatur wird, die geringschätzig auf den gewöhnlichen Sterblichen und Talbummler herabblickt. Man kann das ja hin und wieder beobachten, insbesondere auch in einer Art blasierter Scheinbescheidenheit, die sich nicht offen an ihren Taten freut. Doch das sind Kleinigkeiten, die sich bald verlieren, denn ältere Leute brauchen einen tieferen Hintergrund für ihre Leistungen, als Bergbesteigungen.

Vielleicht ist es nun auch am Platz, noch einige kurze Worte über die Zukunft des Alpinismus zu sagen. Die eigentliche Bergsteigerära, die mit der Erstürmung der großen Alpengipfel um die Mitte des verflossenen Jahrhunderts endete, war eine jener großen Ausnahmegelegenheiten, die Heroen zeitigte. Was nachfolgte, ist Epigonentum, das sich auch noch da und dort in bedeutungsvollen Erscheinungen, wie zum Beispiel Ludwig Purtscheller, Emil Zsigmondy und andern heroisch ausprägte. In der Hauptsache aber ist das Bergsteigen eine Erholung geworden, die mit Heldentum nichts mehr zu tun hat. Daran ändern auch die extravagantesten Touren ebensowenig, wie der Zug in überseeische Länder, der wohl noch da und dort eine lokale geographische Bedeutung haben kann, in der Hauptsache aber ebenfalls abgeschlossen ist. Gewiß, man kann das bedauern, aber die Welt ist nun einmal eng und bietet ihre großen Gaben, von denen gottlob immer wieder neue auftauchen, nur einmal. Unsere Aufgabe aber ist es, den Alpinismus zu verinnerlichen und zu vertiefen. Daß eine solche Verinnerlichung nicht im rein Sportmäßigen liegt, daß sportmäßige Exzentrizitäten überhaupt kein erstrebenswertes Ziel bilden, ist zur Genüge von anderer Seite klargestellt worden, und mit Schaudern wird jeder wahre Alpinist an sportliche Auswüchse, wie z. B. Sechstage-Radrennen und ähnlichen Unfug denken. Nein, dafür sind ihm die Alpen zu gut, und man kann sich nur freuen, daß unser »Sport«, wenn man ihn so nennen will, kein Zuschauerpublikum hat.

Auf welchem Wege die Verinnerlichung des Alpinismus vor sich gehen soll, ist meines Erachtens völlig klar: Sein Ziel ist das ahnungsvolle Schauen, der Kontakt mit dem Ewigen, verbunden mit gesunder körperlicher Leistung und vernünftigem Tatendrang. Dieses Ziel ist auf die Seele des einzelnen eingestellt und verlangt volle Hingabe an das innere Ich. Lärm und großstädtische Überkultur sind ihm fremd und feindlich, denn der Alpinist will ja eben an die Quellen der Natur zurückkehren, um da wieder neue Kraft zu schöpfen. Nun ist es gewiß schön und gut, die Alpen den weitesten Kreisen zugänglich zu machen, über es liegt auch ein gewisses selbstmörderisches Beginnen darin, dies gar zu sehr zu tun. Die Hochregionen wenigstens sollten unberührte und ausschließliche Naturstätte sein. Leute, die ihrem innersten Wesen nach nicht dahin passen, sollten auch nicht durch allzu große Erleichterung angezogen werden, und die Alpenvereine sind keineswegs Vereine zur Hebung des Fremdenverkehrs. Sie haben höhere Aufgaben. Nur wer sich überwinden kann, gehört in die Berge, wer Stille liebt und den Drang hat, sich innerlich und tatenfroh in einer großen Natur zu betätigen. Die »Salontiroler« aber und ähnliche »Kulturträger« sollen sich mit den Tälern begnügen. Im übrigen ist der Lauf der Welt natürlich nicht aufzuhalten, auch wird der Weise immer einsame Wege finden, auf denen er sich innerlich stärken kann, wenn er nur ein Aristokrat der Seele ist. Dazu erziehen ihn aber die Alpenhöhen wohl mehr, als irgend etwas anderes. Also hinauf!

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