Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Theodor Wundt >

Ich und die Berge

Theodor Wundt: Ich und die Berge - Kapitel 12
Quellenangabe
pfad/wundt/ichberge/ichberge.xml
typereport
authorTheodor Wundt
titleIch und die Berge
publisherRich. Bong, Berlin
year1917
illustratorTheodor Wundt, U. Heim
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090514
projectid1f2735e1
Schließen

Navigation:

Ausklang.

In einer Gletscherspalte am OIperer.

In Zermatt ging einst das Gerücht, ein blinder Engländer habe das Matterhorn bestiegen, ja mehr noch, er habe sich auch auf zahlreiche andere Berge hinaufschleppen lassen. Daß dies für den Gipfel spleeniger Verrücktheit angesehen wurde, liegt auf der Hand. Auch ich tat das erst, ging dann aber der Sache auf den Grund und wurde von einem Führer, der dabei gewesen, eines Besseren belehrt, so sehr, daß ich ordentlich Sympathie für den Blinden bekam. Derselbe war in seiner Jugend Bergsteiger gewesen und hatte erst später das Augenlicht verloren, ohne im übrigen den vollen Gebrauch seiner Glieder einzubüßen. Nun hing er mit solcher Liebe an seinen Jugenderinnerungen, daß er sie soviel als irgend möglich wieder aufzufrischen suchte. Aber, welchen Sinn, so fragt man sich unwillkürlich, hatte das denn, nachdem er nun doch einmal nichts sah? Als ob man nur mit dem äußeren Auge sähe! Gibt es nicht auch einen inneren Blick, der alle Finsternis durchdringt? Tatsächlich unternahm der Mann nur Touren, die er in seiner Jugend schon einmal gemacht hatte und bediente sich der Führer, die ihn früher begleitet. Dabei hatten dieselben genau zu erklären, was alles zu sehen war, und ihre Erinnerungen von damals soviel als möglich aufzufrischen. Mußte ihm das nicht die Zeiten, wo er es selbst noch im goldenen Sonnenlicht sehen und erleben konnte, so ins Gedächtnis zurückrufen, daß er sie, verklärt von dem Schimmer der Vergangenheit, wieder lebhaft fühlte, mußte nicht wenigstens der Geist des Ortes ihn wiederum mit seinem Zauber umfangen?

Der Geist des Ortes! In gewissem Sinn ist ja alles durchgeistigt, hat sein Seele, wenn man sie nur sehen will. Wer z. B., der im Schlafwagen bei Nacht die Lande durcheilt und unterwegs zufällig erwacht, hat nicht schon in einem einzigen Augenblick den Geist der Gegend in sich aufgenommen, an die er vorher mit keinem Gedanken gedacht? Man hört draußen im Dialekt oder in fremder Sprache einige gleichgültige Worte, sieht im Vorbeifahren einen Fluß, eine weite Heide, eine spärlich beleuchtete Straße oder irgendeine Kleinigkeit und ist sofort im Bilde, ahnt und fühlt die der Gegend innewohnende Eigenart. Ist es nicht schon etwas ganz anderes, ob da der Rhein oder die Donau fließt, ob man sich gerade in Luzern, Eisenach oder Florenz befindet, auch wenn es nur der Bahnhof ist? Nun kann man vielleicht einwenden, daß da auch noch andere als rein lokale Beziehungen mitsprechen und anklingen, während bei den leblosen Bergen nur die starre Örtlichkeit an sich zum Ausdruck komme, die nichts Menschliches an sich hat. Aber der Bergsteiger schafft sich eben solche Anhaltspunkte, er lebt mit seinem Berg, gibt und empfängt von ihm, kommt ihm mit Liebe und Vertrauen entgegen und erhält dafür nicht bloß Größe, Schönheit und Unendlichkeit in ganz bestimmter Eigenart, erhabene Schauer, vielleicht auch Schrecken und Gefahren, sondern er erlebt auch zahlreiche kleine Nichtigkeiten, die für empfängliche Seelen einen unendlichen persönlichen Reiz besitzen. Das alles aber schafft Beziehungen, verbindet, bringt Leben und persönliche, menschliche Werte. So kann ich mir z. B. sehr wohl denken, daß, wenn man mich mit verbundenen Augen auf das Matterhorn führen und mir nur ganz unzusammenhängende Worte zuflüstern würde, das völlig genügte, um mir den Geist des Berges heraufzubeschwören, die Örtlichkeit mit allen ihren Zusammenhängen lebendig zu machen. Und ist ein Blinder nicht doppelt empfänglich, weil sein Blick nur nach innen gerichtet ist? Wenn ich somit besondere Sympathien für den blinden Matterhornbesteiger empfinde, so kommt das vielleicht daher, daß ich allmählich auch in eine Lage kam, wie er. Nicht etwa, daß mir das Augenlicht genommen worden wäre, nein, es war ein anderes, aber doch ähnliche Gefühle erweckendes Leiden, mit dem ich allmählich zu kämpfen hatte: das Altern. Auch damit ist ja so mancher Verzicht verbunden, der schmerzlich wirkend den Blick nach innen lenkt und dadurch wieder den Trost der Läuterung und Verklärung mit sich bringt. Doch ich greife vor. Noch pochte das Alter nicht so radikal bei mir an, wenn es sich auch langsam mit seiner Unerbittlichkeit geltend machte. Nach wie vor gingen wir allsommerlich, meist auch zur Winterszeit, in die Berge und suchten, oft weit nach Osten schweifend, für uns neue Gebiete auf. So zogen wir zweimal in die schönen Zillertaler Alpen, wo wir unter anderem bei einer Olpererbesteigung Gelegenheit hatten, eine tückische Spalte zu besichtigen, in die wenige Tage zuvor ein Bergsteiger mit seinem Führer gestürzt und in der er nach vergeblichen Versuchen, wieder ans Tageslicht zu kommen, zugrunde gegangen war. Es war eine in ihrer Art wunderbare Eishöhle, ein herrlich gewölbter Dom von magisch schimmernder, blaugrüner Pracht. Ringsum erhoben sich, nur durch ein kleines Loch beleuchtet, die kalten Flächen kuppelförmig über uns, zu unsern Füßen gähnte eine unergründliche, dunkle Tiefe, während ein phantastischer, gewundener Gang ans Tageslicht führte und die sonnige Welt draußen ahnen ließ, zu der hier alles einen so starren Kontrast bildete. Ein eigentümlich einsames Gefühl wie auf hohem Bergesgipfel überkam einen, und die zahlreichen verbrannten Streichhölzer, die der Unglückliche benutzt hatte, um seinen letzten Willen zu schreiben, erweckten unwillkürlich Gedanken über das Leid dieser Welt und ihre tückischen Zufälle. Und doch sprach auch aus dieser unbarmherzigen, starren Kälte die eindrucksvolle Größe der unendlichen Natur.

Recht unterhaltsam war's einige Jahre später in der schönen Berliner Hütte im Zillertal, in der man sich so münchnerisch fühlt. Auch dem stolzen Großglockner und den Stubeiern wurde ein Besuch abgestattet, und einmal zog mich Baumbachs prächtige Sage vom Zlatorog so an, daß es über die Niederen Tauern bis zum schönen Triglaw und weiterhin auch noch nach Triest ging. Auch die Voralpen, vor allem den benachbarten Sentis und das schöne Kaisergebirge vergaßen wir nicht.

Wenn es somit an neuen Wegen nicht fehlte, so erging es mir doch mehr und mehr wie dem blinden Matterhornbesteiger. Die alten Plätze taten es mir in wachsendem Maße an, und ein unwiderstehliches Sehnen zog mich immer wieder zu ihnen, eine gewisse Treue und Dankbarkeit für das, was ich hatte schauen und erleben dürfen, welche Wonne, in der Vergangenheit zu kramen, sie wieder an sich vorüberziehen zu lassen mit ihren jugendlichen Torheiten und Übertreibungen, ihrer Kampfeslust, ihrem Übermut, ihren Hoffnungen, jubelnden Siegen oder auch Niederlagen! Und das alles zusammen mit Frau Maud, die sich so glühend dafür interessierte, war das nicht auch ein Glück in seiner Art, stiller und in sich gekehrter wohl, aber dafür auch milder und verklärter; wenn auch keine Erweiterung, so doch eine Vertiefung?

Ganz besonders hatten es mir neben Zermatt die Dolomiten angetan, in denen die Herz und Lunge verhältnismäßig wenig anstrengende Kletterei mir zudem noch am ehesten Gelegenheit gab, meine schwindenden Kräfte einigermaßen zu erproben. So machten wir unter anderem eine Dolomiten-Erinnerungstour, die mich wieder an die altbekannten Plätze führte, wir begannen in Sexten mit dem schönen Zwölfer, den wir über die Eisrinne erstiegen und von dessen Gipfel wir erwartungsvoll zu den Drei Zinnen hinüberblickten. Wie gemütlich war's dann in der dortigen Hütte, wo Sepp Innerkoffler, der als Jeanne Imminks Führer unsere Hochzeitsreise mitgemacht, eine mächtige Freude hatte, uns wiederzusehen und wir den ganzen Abend über Erinnerungen austauschten, während es seine Frau sich nicht nehmen ließ, uns einen Extraschmarren vorzusetzen. Andern Tags machte es mir einen ganz besonderen Spaß, von den Hängen der Großen Zinne behaglich mitanzusehen, wie Frau Maud Jeanne Imminks Kletterkünste an der Kleinen Zinne nachahmte und ihren Gipfel erstieg. Dann wurde den Cadinen ein Besuch abgestattet, ein für mich noch neuer Gipfel erklettert und Frau Maud mein Turm gezeigt. Neu war mir auch der Anblick des Torre del Diavolo und seines Nachbars Gobbo, des »Buckligen«, bei dem die Natur sich offenbar einen Scherz erlaubt hat. Wer sollte nicht das buckelige Untier sehen, das mit seiner Schnauze, dem breiten Maul und den kleinen Äuglein an dem stolzen, größeren Nachbar neidisch hinaufgrinst? Von bergsteigerischem Interesse ist auch die erste Besteigung des scheinbar völlig unnahbaren Torre del Diavolo durch zwei Damen, deren Führern es nach talelangen Mühen gelang, vom Gipfel des Gobbo eine Seilschlinge nach einem Felsenvorsprung zu werfen, so daß eine, wenn auch nicht gerade bequeme Beförderungsmöglichkeit da hinüber gegeben war.

Von Sepp Innenkoffler wurde nun Abschied genommen. Er war einer der intelligentesten Tiroler Führer, und sein inzwischen auf den Felsen des Paternkofels erfolgter Heldentod, wo ihn bei der Artilleriebeobachtung die feindliche Kugel traf, sichert ihm einen Ehrenplatz in der ruhmreichen Kriegsgeschichte seines Landes.

Wir bummelten nun an dem schönen Misurinasee vorbei nach Cortina und wurden von Papa Verzi mit gewohnter Freundlichkeit aufgenommen. Dann kam der Cimone an die Reihe, den ich nun zum drittenmal bestieg, ohne die geringste Langeweile zu empfinden. Im Gegenteil, die Eindrücke waren größer als je zuvor, und auch der alte Bettega freute sich mächtig, Frau Maud von meinen photographischen Kraxeleien erzählen zu können. Ein Besuch des Rosengartens, wo inzwischen die prächtig gelegene Vajolethütte am Gartleingang erbaut worden war, folgte, und beim Anblick des Stabelerturmes gedachten wir wehmütig unseres guten alten Leibführers, der schon im Jahre nach seiner Rettungstat am Matterhorn einem Bergunglück zum Opfer gefallen war. Wieviel hatten wir mit ihm zusammen erlebt, wie sehr hatten wir ihn schätzen gelernt! Nicht bloß als Führer, sondern auch als Menschen und Freund. Auch das ist ja einer der Vorzüge des Alters, daß man den Genossen seiner Taten menschlich näher tritt, als dies in der Jugend meist der Fall ist. Nicht bloß wegen der Leistungen, sondern oft genug auch aus Sympathie für ihre Gefühle, die bei dem Naturmenschen häufig reiner aus dem Innern hervorquellen, wie bei dem Gebildeten, dessen Blick durch allerhand Nebendinge und Rücksichten so leicht getrübt ist. Ich muß in dieser Beziehung oft an die kleine Erzählung Whympers von seinem buckligen Zeltträger denken, als dieser zum erstenmal die Aussicht von den Hängen des Matterhorns bewundern konnte: »Der arme, kleine verwachsene Bauer starrte schweigend und ehrfurchtsvoll hinaus. Dann fiel er unwillkürlich wie anbetend auf die Knie, faltete die Hände und rief: ›O ihr schönen Berge!‹ Dabei waren seine Bewegungen so ungezwungen wie seine Worte natürlich, und Tränen zeugten für die Wahrheit seiner Erregung.« Auch den seiner Verantwortung bewußten Mut finden wir bei dem Naturmenschen oft unverfälschter als bei dem Übergebildeten, der so leicht geneigt ist, blasierte Todesverachtung für ihn auszugeben, die doch auf einer unendlich viel niedrigeren Stufe steht.

Um nun auf Stabeler zurückzukommen, so zwang er einem Achtung und Vertrauen wie eine selbstverständliche Sache ab. Goldklar lag diese kreuzbrave, ehrliche und tapfere Natur vor jedermanns Augen da. Aus den treuherzigen blauen Augen, dem scharfgeformten Gesicht mit seinem mächtigen blonden Vollbart, den buschigen Augenbrauen und dem wirren Haar sprach ein Naturkind von unverfälschter Treue, ein echter und rechter Tiroler, und zwar ein Südtiroler, wie man ihn charakteristischer sich nicht denken konnte, der unsereinem auf den ersten Blick beinahe zu lebhaft erschien. Da war alles gleich Feuer und Flamme, die Arme gestikulierten in der Luft herum, ein drastischer Ausdruck folgte dem andern, und doch lag darin keinerlei Übertreibung. Man sah, das alles steckte tatsächlich in dem Mann drin, mußte mit Naturgewalt heraus. Dabei war er von unbegrenzter Gutmütigkeit und hatte ein ungemein feines natürliches Taktgefühl. Daß er in der Stunde der Not das letzte Stück Brot, den letzten Schluck freiwillig hergab, war bei ihm völlig selbstverständlich. Aber auch im alltäglichen Leben, in den langen Stunden, wo man so leicht mißmutig wird, war ihm nichts zuviel, kein Rucksack zu schwer, kein, wenn auch unnötiger Weg zu lang. Stets blieb er bescheiden, willig und hilfsbereit. Ja, seine Gutmütigkeit konnte sich manchmal geradezu in Hilflosigkeit verwandeln, wenn er sich im Unrecht wähnte. So habe ich es erlebt, wie auf der Seißer Alpe eine hochnäsige reiche Sennerin sich durch einen harmlosen Witz von ihm beleidigt fühlte und ihn wütend anfauchte: »Was willst denn du, so a lumpiger Bergführer, der nix is und nix hat und um sein täglich Brot gehen mueß!« usw. Wie verdonnert stand der Brave da, ohne ein Wort zu finden. Augenscheinlich meinte er, sich schämen zu müssen, bis er durch unser homerisches Gelächter sich selbst und den Humor wiederfand, diesen Guß vergnüglich über sich ergehen zu lassen. Und dieser Humor, ein natürlicher Ausfluß seiner Gutmütigkeit, war ebenso bescheiden wie sein ganzes Wesen. »Stabeler,« pflegte ich zu ihm zu sagen, wenn er etwas besonders gut gemacht hatte, »was hast du denn da wieder angestellt?« »Ja schauen's,« meinte er dann, »i bin halt e bissel dumm, als wie die Leut bei uns so san. Wir Tiroler werden sonst mit vierzig Johren g'scheit. Da tuet's e Pfnatscherl. Dös hab i überhört und hab zwanzig Jahr Verlängerung kriegt.« Natürlich hatte er auch seine »ständigen« Witze. Beim ersten Zusammentreffen wurde man unweigerlich gefragt, ob man auch gutes Wetter »in der Flaschen« mitgebracht habe, und nie versäumte er unmittelbar vor der Ankunft auf einem Gipfel zu sagen: »In aner Stunden san wir g'wiß oben!«

Seine allgemeinen Kenntnisse waren gleich Null, denn in die Schule war er kaum gegangen. Mit dem Schreiben stand er also auf recht gespanntem Fuß. »Wissen's, dös Schriftliche, dös b'surgt mei Frau.« Und was das Lesen anbelangt, so hielt er es mit Michel Innerkofler und erklärte sich lachend für kurzsichtig. Dagegen machte er mit seinen italienischen Kollegen stets lebhafte Konversation. »Bello tempo heut, gelt?« oder beim Abschied: »Also adies, altera volta!«

Mit seinen Führerkenntnissen stand es anders. Auf sein außerordentliches Pfadfindertalent habe ich schon gelegentlich der Rothornbesteigung hingewiesen. Er brauchte einen Berg nur zu sehen, um sofort zu wissen, wie man ihm beikommen konnte. Auch wußte er stets genau, was möglich war und was nicht und konnte bei den kompliziertesten ihm noch fremden Touren stets auf das genaueste angeben, wo man sich inmitten des Gewirrs von Felszacken oder Eistrümmern befand, wie man gehen mußte, wie weit man noch zum Gipfel hatte usw. Nur so erklären sich seine zahlreichen Erstlingstouren, die in den Dolomiten allein über 25 betrugen, darunter die Auffindung eines steinsicheren Weges auf den Cimone della Pala, die Ersteigung der westlichen Graßleitenspitze und des Zahnkofels mit Ludwig Darmstädter, seines Turmes mit Helversen und im Kaisergebirge die Überschreitung des Totenkirchls mit Leon Treptow. Sein körperliches Geschick, seine Eistechnik und Kletterkunst waren absolut erstklassig, obgleich er sich einst den rechten Daumen auf der Jagd »aus Dummheit« weggeschossen hatte. »Jo wann i nit immer jagen müßt!« Seine größte Tugend aber war eine unbedingte Vorsicht und Sicherheit, und es ist besonders anzuerkennen, daß er trotz seines unleugbaren Mutes die Grenzen der Waghalsigkeit nie überschritt, wie er trotzdem an einem ganz leichten Berg verunglücken konnte, ist ein Rätsel geblieben und vermutlich seinem, soweit bekannt, unerfahrenen Touristen zuzuschreiben. Auch Philosoph war er. So sagte er einmal, als er über seine Touren gefragt wurde: »O mein Gott, do ist kein Berg in de Dolomiten, wo i nit schon oben g'wesen bin, in Tirol hob i alles g'macht und in der Schweiz die ganze G'schichten vom Engadin bis zum Gran Paradis. Bloß im Dauphine bin i nit g'wesen. Do hätt i au schon hingehen können, aber i hab nit wollen. Man mueß nit überall g'wesen sein!«

So lebt er in unseren und seiner Freunde Herzen weiter als eine kreuzbrave, treue und tapfere Seele, als ein Führer ersten Ranges, dem es nur wenige gleichgetan. Ehre seinem Andenken!.

Beendet wurde unsere Dolomiten-Erinnerungstour mit einem herrlichen Abend auf der Terrasse der neu erbauten Kölner Hütte, wo wir bei einem grandiosen Sonnenuntergang und vortrefflichem Rheinwein noch einmal die ganze südlich phantastische Pracht genießen konnten.

Auch der Silvrettagruppe winterlichen Angedenkens wurde noch einmal ein Besuch abgestattet, und ich konnte vom Gipfel des interessanten Groß-Litzner auf das Jamtal hinabblicken, wo ich mich einst so vergeblich in dem tiefen Schnee abgemüht. Endlich wurde im Allgäu die Genossin der Mädelergabel, die stolze Trettachspitze, bestiegen, und ich hatte Gelegenheit, mich mit dem prächtigen Schraudolf in im übrigen recht vergnüglicher Weise über die Vergänglichkeiten dieses Lebens zu unterhalten. Bald darauf ereilte auch ihn der unerbittliche Tod.

Und nun kam langsam die Zeit, wo ich mich auf die Täler beschränken mußte, mich höchstens noch als »Jochfink« betätigen konnte. Sollte ich damit, wie das so viele tun, dem Alpinismus ganz Valet sagen? Auch das Alles oder Nichts hat ja seine Berechtigung. Aber war nicht mein ganzes Wesen und Sein allmählich auf die Alpen eingestellt, wäre das nicht wie ein geistiger und seelischer Selbstmord gewesen, und dafür war ich doch von Natur aus und dank meiner Berge viel zu positiv veranlagt. Ich zog also nach wie vor ins Gebirge, wenn es auch nur geschah, um beträchtlich hinaufzublicken und der Erinnerung zu leben, mir selber zu erzählen: »Da bist du damals hinauf, da ging's nicht mehr, und du hast gehangt und gebangt, dort kam der Nebel oder sonst irgendeine Tücke und schließlich standest du doch oben, triumphierend, sonnenfroh – oder auch nicht, was schadet's jetzt! Und wenn mir das allein schon eine große Befriedigung war, im Alter wird man ja genügsam, so hatte ich doch außerdem noch eine große alpine Aufgabe vor mir, beinahe die schönste von allen. Galt es jetzt nicht, all das, was der Alpinismus mir gegeben, in meinen Kindern wieder aufleben zu lassen, sie von der Heiligkeit meiner Berge zu überzeugen, mit Freiheitsgefühl, gesundem Sinn, Unternehmungslust und Wagemut zu erfüllen, sie zu Menschen der Tat zu machen und zu Idealisten zugleich, die den Alltag hier unten von Anfang an in seiner richtigen und so vielfach nichtigen Bedeutung erkannten? Faßte sich nicht darin mein ganzes Alpensehnen noch einmal in verklärter Weise zusammen, wie das Abendrot, das das goldene Tageslicht wiederholt, milder zwar, aber um so feuriger? Wahrlich, erst wer seine Kinder für die Berge erzieht, versteht deren wahre Bedeutung!

Die Jugend an der Mädelergabel

Und nun sollte gerade hier, wo, es sich um meines Lebens Krönung handelte, die Tragik einsetzen, was war natürlicher, als daß ich gerade auf meinen Max, den »Schreckerle«, wie er einst genannt wurde, meine größten Hoffnungen setzte. Wohl war auch das »Matterl« von unermüdlicher Energie und glühender Begeisterung für die Berge, aber er hatte doch die größere Kraft und Geschicklichkeit, ein äußerst starker, zäher, in sich gekehrter Charakter, der mit geradezu fabelhafter Energie das einmal erfaßte Ziel verfolgte und wie geschaffen war für eine große alpine Zukunft. Und nun liegt er unter dem grünen Rasen des Argonnerwaldes in dem feindlichen Land, nachdem er, noch nicht 18 Jahre alt, sein Blut für die Heimat vergossen.

Wir hatten es wahrlich ernst genommen mit der alpinen Erziehung und konnten mit hoffnungsvollster Freude sein Werden und Wachsen beobachten. Daß Frau Maud die beiden Kinder schon in frühestem Alter an ihrer sichern Hand auf der Brüstung des im dritten Stockwerk befindlichen Balkons auf und ab gehen ließ, »um sie Schwindelfreiheit zu lehren«, sei nur nebenbei bemerkt. Später ging es dann alltäglich hinaus in Wald und Flur, das Lagerleben wurde geübt und von den Bergen erzählt, was stets große Begeisterung erweckte. So war der Junge 11 Jahre alt geworden, als wir ihn zum erstenmal mit ins Hochgebirge nach Zermatt nehmen konnten, vor allem waren wir gespannt, wie er sich zu unserem Matterhorn stellen würde. Würde es auch auf ihn jenen mächtigen Eindruck machen, wie seinerzeit auf uns? Zunächst enttäuschte er uns etwas. Kein Wort des Staunens oder der Bewunderung entschlüpfte ihm, und Frau Maud erklärte es sich damit, daß Kinder beinahe täglich etwas Neues und für sie noch Fremdes sehen, so daß eigentlich nichts sie überrascht. Später gestand mir dann der immer schweigsame und in sich gekehrte Gesell, der stets seine eigenen Wege ging, er habe wohl bemerkt, daß wir einen besonderen Ausdruck des Staunens von ihm erwarteten, weshalb er geschwiegen habe. Doch es kam anders. Als wir über den Gornergletscher zum Fuß unseres Berges hinübergingen, machte es ihm eine Riesenfreude, mit seiner kleinen Eisaxt Stufen zu schlagen, und als wir erst in die Felsen stiegen, packte ihn die Kletterlust mit Macht, und er war höchlichst enttäuscht, daß wir den Berg nicht bestiegen, sondern nur etwas an ihm herumkraxelten. Bei dem dann folgenden längeren Aufenthalt in Zermatt wuchs die Lust, und es gab keinen Kletterbock in der Umgebung, den er nicht von allen Seiten bestiegen hätte. Dann folgten neben »Wandervogel«-Touren mit Guitarre, Gesang und romantischen Nachtlagern Familienausflüge in die Voralpen, auf den Schwarzen Grat, die Mädlergabel, den Sentis, in die bayerischen und Lechtaler Alpen usw. Dabei herrschte stets eitel Freude bei der Jugend, die beständig Extraklettereien auf benachbarte Blöcke und Zacken zu machen hatte. Im Winter kam dann das Skilaufen an die Reihe, erst in gemeinsam in den Vorbergen verbrachten Übungsferien, wobei die beiden mit ihrer elastischen Geschicklichkeit die Eltern bald weit überholten und bei manchem Sturz auslachen konnten. Später zogen sie allein zu zahlreichen sonntäglichen Fahrten hinaus ins Gebirge. Da wurde dann in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen und nicht geringe Anstrengungen und Entbehrungen erduldet, denn nach dem Grundsatz meiner Jugend, daß mit Geld ein jeder reisen könne und es erst ohne solches eine wahre und wirklich genußreiche Kunst sei, gab es in der Hauptsache nur Proviant mit, der dann allerdings oft riesenhafte Dimensionen annahm. Dabei war der die Kasse verwaltende Junge äußerst gewissenhaft und lieferte selbst nicht verwendetes Trambahngeld stets wieder ab, allerdings meist nur pro forma, denn der gestrenge Herr Vater mußte solche Tugend doch auch belohnen. Wie nett war's dann allemal, wenn wir spät am Abend um den Tisch herumsaßen und die beiden mächtig einhauend von ihren Abenteuern und Taten erzählten, welch letztere bald recht respektable Gestalt annahmen. Dazu die rührende Kameradschaft, die sie mehr und mehr miteinander verband, nachdem sie draußen ganz aufeinander angewiesen, sich gegenseitig schätzen und einander aushelfen lernten, wahrlich, man wurde wieder ordentlich jung dabei!

So war Max 16jährig geworden, als ich ihn 1913 auf eine größere Tour mit mir nahm. Es war verabredet, daß wir erst wandern wollten und er dann zum Schluß einige Besteigungen machen könne. Dabei machte zunächst die Verpflegungsfrage allerhand humorvolle Schwierigkeiten. Um ihn zur Selbständigkeit zu erziehen, bekam er für sein Essen täglich 5 Kronen und ich gab ihm den Rat, sich entsprechend einzuteilen und täglich eine Krone für Führerlohn zu ersparen, um dann etwas Rechtes unternehmen zu können. Aber das hatte angesichts der entschlossenen Sparsamkeit des Jungen bald seine Grenzen, denn wenn er auch meinen Rat befolgte, an der table d'hôte zu essen, »weil er sich da soviel nehmen könne, als er wolle«, so ging der Jugendhunger doch meist so mit ihm durch, daß ich immer wieder »ausnahmsweise« mit einer Naturaleinlage nachhelfen mußte. So waren wir durch das Pflerschertal zur Magdeburger Hütte gewandert, hatten die Magdeburger Scharte überschritten, mußten dann aber unsere Absicht, auf den Becher zu gehen, wegen Unwetters aufgeben. Wir zogen also durch das Ridnauntal nach Sterzing, frischten, über den Jaufenpaß nach Meran ziehend, Andreas-Hofer-Erinnerungen auf, und in Bozen konnte ich es mir nicht versagen, den jungen Mann in die Geheimnisse des Batzenhäusls einzuweihen, was höchstes Entzücken erregte. Dann ging's über den Karerpaß und die Kölner Hütte zur Vajolethütte, wo endlich die beträchtlich angewachsenen Ersparnisse verwendet werden sollten. Es war nun sehr unterhaltsam zu sehen, wie er sich in Fragen verschiedenster Art mit dem Führer verständigte und schließlich auf die Rosengartenspitze einigte.

Am andern Morgen waren die beiden schon in aller Frühe weg und ich schlenderte langsam hinauf ins Gartl, um mir die Sache mitanzusehen. Aber als ich ankam, war alles schon vorüber. Der Junge hatte nicht allein die Rosengartenspitze, sondern auch die Laurinswand und einen dort befindlichen Zacken im Handumdrehen erstiegen und sein ganzes Geld auf einmal verbraucht. Die Kletterei hatte es ihm so angetan, daß es kein Halten mehr für ihn gegeben hatte. Nur darüber klagte er, daß es viel zu leicht gewesen sei. Also wahrlich gute Aussichten für die Zukunft.

Als dann im Sommer 1914 der Krieg ausbrach, befand er sich gerade im großelterlichen Hause in England und es gelang ihm, noch rechtzeitig die deutsche Grenze zu erreichen. Dort aber wurde er von der Behörde in Empfang genommen, von dem gestrengen Herrn Bezirksfeldwebel verhört und nicht mehr losgelassen. »Es sei ausgeschlossen, daß ein General seinen Sohn ohne Legitimationspapiere reisen lasse.« Dabei blieb es. So wurde er denn mit aufgepflanztem Seitengewehr durch die Stadt transportiert und mit zwei italienischen Arbeitern in einen Gepäckwagen eingesperrt, um in ein Gefangenenlager transportiert oder gar als Spion behandelt zu werden. Aber man hatte die Rechnung ohne den Sohn seines Vaters gemacht. Beim nächsten längeren Aufenthalt brach er aus und es gelang ihm, in dem allgemeinen Durcheinander auf weiten Umwegen und ohne die Bahn zu verlassen, sich heimzufinden. So konnte ich kurz, ehe ich selbst ausmarschierte, seinem Wunsch, Offizier zu werden, noch willfahren und ihn in mein altes Regiment einstellen. Schon nach fünfwöchiger Ausbildungszeit rückte er dann Mitte September mit zahlreichen Kameraden ins Feld. Begeistert wurde der Rhein überschritten, dann begann sofort der Ernst des Krieges. Kalte Biwaks im Regen und ohne Stroh wurden ohne zu murren ertragen und im Schützengraben, der gerade angegriffen wurde, soll der Junge, der ein vortrefflicher Schütze war, 10–12 Franzosen bei einem einzigen Ansturm erledigt haben. Es war der Höhepunkt seines Soldatenlebens. Kurz darauf wurde die Kompagnie zu einem Angriff herausgezogen, und in dem dichten Argonnerwald traf ihn neben und mit seinem Kompagnieführer die tödliche Kugel. Nur vier Tage lang war er draußen gewesen.

So werden Hoffnungen begraben.

Nun, noch ist mir ein kleiner Junge geblieben, der zusammen mit unserem »Matterl« gewiß die Höhentradition hochhalten wird, freilich ohne daß der Vater dabei wird mittun können.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.