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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 8
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typeessay
authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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Unter Flüchtlingen in Brüssel

Keineswegs aus freien Stücken hatte ich im Januar 1847 von Dresden aus, meines »Ziska« wegen von der österreichischen Regierung verfolgt, meine Wanderschaft angetreten. Ich sah mich aus Arbeiten und Studien herausgerissen. Ohne Stimmung, tief verdrossen, mehr geschoben als vorwärts getrieben, zog ich dahin.

In Köln machte ich zuerst Halt. Aber – wie sehr überträgt sich unsere Stimmung auf die Dinge – was ich um mich sah, drückte mich nieder. Die engen Gassen, die Giebel der altertümlichen Häuser, die alten Kirchen machten den düstersten Eindruck auf mich. Gegen Abend stand ich im Dome, die große Fensterrose, von einem Blick der Januarsonne beleuchtet, warf ein dämmeriges Licht hinein – ich verweilte nur kurz und ging weiter, ohne etwas von der Erhebung zu spüren, von welcher an diesem Orte sich alle Schilderer ergriffen geben. Der Dom hatte mich wie ein unheimliches Rätsel angemutet.

Ein mächtiger Südwest ging über das Land. Die Luft war beinahe schwül, und das Moseleis trieb den Rhein hinab. Ich wohnte in Deutz. Rasch packte ich meine wenigen Effekten zusammen, um noch bei freier Passage hinüberzukommen. Es dunkelte, und es gab eine der lebendigsten Szenen, die ich je gesehen. Wohl an fünfzig Menschen waren in ein großes Floß gestiegen, das von acht Männern vorwärts gelenkt wurde, während andere vollauf zu tun hatten, die herantanzenden Eisschollen vom Fahrzeug abzuhalten. Das Durcheinander von Menschen, ihre Rufe, das Brausen des mächtigen, gewaltigen Stromes stimmte seltsam zusammen. Die Macht des Eises war eine so große, daß wir weit vom gewöhnlichen Zielpunkt kamen und eine ganze Strecke hinabtrieben. Endlich langten wir weit außerhalb des Bereichs der Häuser an, und ich konnte mir durch die Dunkelheit den Weg zum Bahnhof suchen.

Weiter ging's durch das winterlich tote Aachen nach Lüttich. Die Fahrt vor und hinter Verviers hat wohl noch jeden in Erstaunen gesetzt. Immer wieder steigen senkrechte Felswände im Angesicht der Bahnlinie auf, es ist, als wolle sich der Zug am Fels zerschmettern, da hat schon ein Tunnel den Bahnzug aufgenommen, und mit höllischem Donnergepolter geht es durch den Berg weiter, bis endlich wieder ein Tal im Licht der Sterne daliegt. Im Tale aber drängt sich Fabrik an Fabrik, jede ein Palast von vielen Stockwerken, Maschinenwerkstätten glühen in Feuerhelle, und aus den Schloten wirbeln feurige Dämpfe. Die erste Nachtfahrt durch diese Gegend bleibt wohl jedem unvergeßlich.

Nun war ich in Brüssel, meine Stimmung wurde gelassener. Stundenlang saß ich auf dem Steingeländer der oberen Stadt und schaute hinab auf das Meer grauer Dächer, das im Wintersonnenschein unabsehbar vor mir ausgebreitet dalag. Dann erst stieg ich herunter. Vor wessen Geist werden, wenn man Brüssel betritt, nicht tausend alte Erinnerungsbilder lebendig? Man steht ja auf dem Boden, auf welchen den Knaben bereits Egmont und Schillers Geschichte des Abfalls der Niederlande geführt! Leider existiert das alte Brüssel kaum mehr. Nur der Platz mit dem in seiner Art einzigen Stadthause und ein paar benachbarte Gebäude erinnern an die alte Pracht und sind intakt geblieben, während man sonst unermüdlich tätig gewesen ist, alles übrige in eine Stadt ohne Geschichte und ohne historische Denksteine zu verwandeln. Das ist das Brüssel Egmonts, Hoorns, Arteveldes nicht mehr! Alles ist neufranzösisch geworden, Baustil und Menschen. Auch ein Klärchen würde man hier heute vergeblich suchen. Aber schöne Läden mit Spitzen, Sammet und Seidenstoffen gibt es da, wie wohl kaum anderswo.

Hier endlich wußte ich mir einen Freund. Jakob Kaufmann, ein Name, der unvergessen sein soll, wenn man von deutschen Schriftstellern spricht, die aus Böhmen hervorgegangen, lebte hier. Er erteilte Unterricht in der englischen Sprache an einer Brüsseler Privatschule.

Er war ein Mensch, der immer unendlich größer als seine Stellung, sein Name, seine Anerkennung war. Aus engen Verhältnissen hervorgegangen, von Gitschin gebürtig, hatte er es unter dem Alpdruck der Metternichschen Zeit daheim nicht aushalten können und war nach Leipzig gezogen, das ja eine Zeitlang das Koblenz der österreichischen Emigranten war. Er hatte viel schöne Gedichte geschrieben, die er jedoch schämig verbarg und nur in guter Stunde seinen vertrautesten Freunden zeigte. Zu einem Buche brachte er es vorerst nicht, nicht einmal zu einem Büchlein; dazu war sein Geist zu aphoristisch, zu epigrammatisch; er wollte alles so kurz als möglich sagen. Aber in seiner Filigran-Arbeit, in kleinen Bildern, kleinen Satiren literarischer und politischer Gattung, geistreich und graziös gefaßt, war er ein Meister.

Der jüdische Stamm, so eifrig auf Erwerb bedacht, hat andererseits auch Naturen aufzuweisen, welche den Erwerb ganz verschmähen und fast selbstlos scheinen. So war gewiß Baruch Spinoza, so Moses Mendelssohn, so war auch Jakob Kaufmann. Hatte er sein warmes Stübchen, Feder und Papier, so wußte er, ein Stoiker edelster Art, seine bescheidenen Bedürfnisse zu decken und war glücklich auf seine Weise. Sanft, gut, anspruchslos, war er der Berater aller Österreicher, die nach Leipzig kamen, wofern sie seines Anteils würdig waren. Weich und freundlich klang seine Rede, und fast immer spielte ein wohlwollendes Lächeln um seine Lippen.

Er hatte keinen literarischen Ehrgeiz. Die Arbeit selbst war sein Lohn. Selbst seine gelungensten Artikel unterzeichnete er nicht, ihm selbst schienen sie zu unbedeutend, während seine Freunde einen Geist darin erkannten, der dem Ludwig Börnes verwandt war.

Im Leben war er ein humoristischer Philosoph oder philosophischer Humorist, an Einfällen unerschöpflich. Saß man in der English Tavern oder sonstwo bei Porter und Ale und Jakob Kaufmann kam herein, hastig nach allen Seiten grüßend, und zog er den alten hyazinthfarbenen Überrock aus, da wußte man auch: nun wird bald gelacht werden, nun wird man viel gescheite und viel pudelnärrische Dinge zu hören bekommen. Er war ein Causeur seltenster Art, und man wurde förmlich eingeladen, ihn sprechen zu hören. Bald horchte alles an den benachbarten Tischen zu ihm herüber. Die Heimat, die hinter ihm lag und die er kaum je wiederzusehen gedachte, erschien ihm nicht selten im rührend-groteskesten Lichte; er wußte von magyarischer Einfalt und slawischer Schlauheit die wundersamsten Anekdoten, die dann wieder als Themata für philosophische und kulturhistorische Betrachtungen dienten. Nie hat jemand Österreich besser gekannt als Jakob Kaufmann; seine Urteile über den Kaiserstaat haben leider noch heute Gültigkeit.

Das Land seiner Vorliebe war England, er wurde nicht müde, englische Institutionen zu loben. Mit jedem Glase wurde er wärmer und mehr Engländer; da wollte er schließlich nur englisch sprechen. Unzählige Stellen englischer Dichter wurden ihm gegenwärtig, das Lied vom fine old english gentleman vor sich hersingend, trat er den Heimweg an.

Täglich, sobald es Abend wurde, verließ ich mein Zimmer, wo ich von der Kälte auf dem abscheulichen roten Backsteinestrich nicht wenig zu leiden hatte, und eilte aus der Vorstadt trotz Wind, Regen und Dunkelheit in das Café du Boulevard, wo allabendlich an einem bestimmten Nagel der hyazinthfarbige Überrock hing. Unweit davon saß der freundliche Philosoph, nie allein, immer von einem Kreis von Bekannten umgeben. Sie waren alle seine Gäste, die er mit seinen Einfällen bewirtete.

Brüssel wimmelte dazumal von Flüchtlingen und Emigranten aller Art; wir lernten manche derselben an unserem Tische kennen. An problematischen Existenzen, die der Polizei Louis Philippes aus dem Wege gegangen, war kein Mangel. Ein paar hatten ihrer Aussage nach wichtige militärische Posten im polnischen Revolutionskriege eingenommen und ließen merken, daß ihnen im Generalstabe der kommenden Revolution noch größere Posten anvertraut werden würden – sie sind später wirklich im badischen Aufstande flüchtig aufgetaucht. Da war einer, den wir den »düstern Wahrsager« nannten – Zug für Zug der Apemantus Shakespeares in die Wirklichkeit von damals übertragen. Er war ein unerreichtes Muster pessimistischer Darstellung. Täglich brachte er Kunde von einem neuen Greuel, »der unsere Zeit den finstersten Tagen des Mittelalters gleichstelle«, oder von einer neuen Schandtat der Könige, »die das Blut der Ruhigsten zum Sieden bringen müsse«. Der Ausgangspunkt aller Politik datierte für ihn von der von Robespierre formulierten Erklärung der Menschenrechte, doch war er der Meinung, daß man bei der nächsten Erhebung die Prinzipien Babeufs zu realisieren haben werde. Darüber duldete er keinen Widerspruch. Dem, der ihn wagte, wurde bedeutet, er sei zwar ein ganz guter Geselle; dennoch würde die Volkspartei nicht umhin können, ihn bei so perversen Gesinnungen »ein wenig zu verkürzen«. Er sah sich schon im Geiste auf dem Berge eines europäischen Konvents sitzen, ein neuer Marat oder Anacharsis Cloots. Mit seinen Ansichten harmonierte die ganze Erscheinung – der verwitterte Kopf mit den fanatischen Augen, der struppig rote Bart, ja auch die Kleidung, Hut, Rock und Hosen, welche sämtlich den Zerfall mit der Zeit zum Ausdruck brachten ...

Es war eine merkwürdige Zeit und der »rote Wolf« – denn dies war sein Name, und ich habe ihn, wie er war, in meinen Roman »Zwischen Fürst und Volk« hinübergenommen – eines ihrer merkwürdigsten Originale. Die Epoche der Pariser Kommune hat gezeigt, daß solche Typen noch heute existieren, aber sie bleiben jetzt in den Tiefen ihrer Konventikel, sie tauchen nicht mehr an die Oberfläche. Man würde sie aber auch nicht mehr wie damals belustigt anhören und sie lediglich für Originale und seltsame Träumer halten ...

Während ich so in Brüssel dahinlebte, morgens Gemäldegalerien, Museen, Sehenswürdigkeiten aller Art durchmusternd, abends in einer Gesellschaft, in der mich das Durcheinander der Meinungen interessierte, machte ich mir Vorwürfe, daß ich eine Familie nicht besuche, die Jahre hindurch meinen Eltern sehr befreundet gewesen. Und doch blieb ich aus gutem Grunde fort.

General Skrzynecki, der Oberfeldherr der Polen im Freiheitskampfe von 1831, hatte, seitdem er mit seinen Truppenresten nach Galizien übergetreten war, in Prag gelebt und war mit den Seinigen viel in unser Haus gekommen. Ich war seit meinen Knaben Jahren gewohnt, mit scheuer Verehrung zu ihm hinaufzusehen, und wohl mußte diese hohe stattliche, vom Nimbus des Unglücks umgebene Gestalt, der schöne Kopf von trübem melancholischen Ernste mit den ruhigen schwermütigen Augen und dem feingezogenen Munde auch auf solche, die die Verdienste des Mannes nicht im entferntesten zu verstehen und überschauen imstande waren, einen imponierenden Eindruck machen. Der General hatte aus einer großen Stellung nichts gerettet und war beinahe arm. So lebte er Jahr um Jahr unter polizeilicher Aufsicht, durfte den Umkreis der Prager Mauern nicht verlassen und mußte selbst um eine Badereise nach Karlsbad »bittlich einkommen«. Mit der Unruhe eines Schiffbrüchigen, der immer auslugt und immer geneigt ist, den weißen Flecken am Horizonte für das Segel eines vorüberziehenden Schiffes zu halten, hatte er hingelebt – sein Leben ein stetes Erwarten. Da wurde einmal ein Briefchen bei uns abgegeben, darin stand ein Lebewohl. Der General hatte Prag und Österreich heimlich verlassen. Welche Bewegung verursachte bei uns, die ihm anhingen, dieser Schritt! »Das steht mit Ereignissen, die bald hervortreten werden, im Zusammenhange!« sagte mein Vater mit erhobenem Finger. Wir verlebten auch mehrere Tage in ängstlicher Sorge, daß er auf seiner Flucht aufgegriffen werden könne. Doch nein, die österreichische Polizei erfuhr seine Flucht erst aus belgischen und französischen Blättern, und nach langen Bemühungen erhielt die Familie die Erlaubnis, dem Flüchtling nachfolgen zu dürfen. Die Sache gab viel zu reden, und manche Konjektur wurde geschmiedet. Aber die Vorhersagungen trafen nicht ein, die Welt blieb ruhig, und Polen schien nach Grochow und Ostrolenka in tödlicher Ermattung verharren zu sollen.

Eines Tages wandelte ich mit Kaufmann in den entblätterten Alleen des Parks, als ein hochgewachsener, stattlicher Herr, der mit einem Hündchen daher gekommen war, vor mir stehenblieb und sagte:

»Mein Gedächtnis ist besser als das Ihrige.«

Jetzt erst sah ich empor in das schöne ernste Gesicht und erkannte trotz seiner seit Prag ganz ergrauten Haare den General. Ich entschuldigte mich, so gut ich konnte.

Abends trat ich in eine Parterrewohnung in der Rue des cerfs. Sie war sehr gewöhnlich möbliert, ein echtes Emigrantenquartier, das man nicht komfortabel macht, weil man es bald zu verlassen gedenkt. Ein Kaminfeuer war erloschen, ohne die Räume zu erwärmen, von der Wand blickte ein großes schwarzes Kruzifix. Und nun kam die Generalin heran und die schöne blonde Hedwig, und auf dem Tische sah ich wieder einmal den Samowar und die Teekanne mit den dünnen Butterbrötchen, von denen ich so oft als Knabe hungrig heimgekommen.

Ach, wären es nur der Tee und die Brötchen gewesen! Der General trat ein, und kaum hatten wir uns gesetzt, als die längst erwartete Strafpredigt über mich hereinbrach.

»Ich habe Ihr Gedicht gelesen«, sagte er, »aber mit welchen Empfindungen! So sind Sie den Krallen des Bösen verfallen! Sie konnten es wagen, das einzige, das ewige Institut, die römische Kirche anzugreifen? Unglücklicher! könnte ich Ihnen die Augen öffnen und Ihre Seele dem ewigen Heile zuführen.«

»Aber, Johann«, fiel die Gemahlin ihrem Gatten ins Wort, »du vergissest, daß unser guter Freund in protestantischen Anschauungen herangewachsen ist! Was kann ihm der Papst sein?«

Die Einrede half nichts. Der General fing an zu beweisen, wie Staat und Kirche untrennbar seien und jede echte Kunst und Poesie nur als katholische gedacht werden könne. Wie die Reformation ein Werk des Teufels sei, den Keim der Zerstörung in sich trage und die Bevölkerungen, die sich ihr anheimgegeben, stufenweise zum Materialismus, Atheismus, Pantheismus führe ...

Alles das hatte ich vorausgesehen. Schon in Prag hatte der General neben seinen kriegswissenschaftlichen Büchern den Grafen Le Maistre und den Abbé Lamennais so eifrig gelesen – den Thomas a Kempis pflegte er in der Tasche bei sich zu tragen.

Welch unerquicklicher Abend und wie bedauerte ich den Gang! Doch was war zu tun? Opponieren mochte ich nicht. Mit der stumpfen Gelassenheit eines Schlachtopfers, etwa eines Negers vor dem Missionär, ließ ich alles an mir dahingehen.

Nur sagte ich, damit sich der Akt nicht noch einmal wiederhole, daß ich morgen wieder abreisen werde.

Endlich war die Stunde gekommen, in der ich mich mit Anstand wieder entfernen konnte. Beim Abschied schlug das gute Herz des Generals wieder durch. Er küßte mich nach Art der Polen auf beide Wangen, zeichnete ein Kreuz über mich und entließ mich mit den besten Wünschen. Auch er gehört mit in das Bild der Emigrierten von allen Farben, die Brüssel damals beherbergte, ein Gegensatz zu den anderen, wie er schärfer gar nicht gedacht werden kann.

Ich habe ihn seit diesem Abend nie wiedergesehen und weiß nur, daß er vor nicht gar zu langer Zeit in hohem Alter zu Krakau gestorben. Er hatte seinerzeit ohne Beihilfe von irgendeiner Seite den Kampf von vier Millionen gegen fünfzig geführt, zudem noch von Nachbarmächten eingeschlossen, von denen jede die Wiederaufrichtung des Polenreiches fürchtete. Auch bei größter militärischer Begabung hätte seine hoffnungslose Sache kein anderes Ende nehmen können.

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