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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 6
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typeessay
authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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In literarischer Opposition zu Metternich

Es ist unbestreitbar, daß über Prag eine Atmosphäre der Melancholie lagert. Jeder Fremde, der längere Zeit innerhalb Prags Mauern lebt, empfindet sie und fühlt sich davon bedrückt. Was aber muß der empfinden, den sein Beruf fast den ganzen Tag im Krankenhause festhält und der, wenn er es verläßt, keinem frischen Luftzug begegnet, keine Aufheiterung findet? Das Düstere der Umgebung begann mehr und mehr auf mich einzuwirken; es war ein gar zu grausiger Aufenthalt für ein von Hause aus allzu zart besaitetes Gemüt.

In diesem Gemüte sah es seltsam aus. Der ganze innere Mensch befand sich in einem gärenden Entwicklungsprozeß. Die Fantasie schweifte mit leidenschaftlicher Vorliebe in einer dichterischen Welt, der Kopf grübelte und machte sich mit den Grundfragen der Philosophie unendlich viel zu schaffen, an das Herz trat das Leid der Welt in allen Formen und erschreckend nahe heran. Verließ ich das Haus, wo Krankheit und tiefstes Elend gewissermaßen angehäuft und registriert beisammenlagen, so war es, um in ein anderes hinüberzugehen, wo umnachteter Geist wild tobte oder stumpfsinnig vegetierte, und in ein drittes, das durch das Martyrium kreißender Weiber und alles, was sich daranknüpft, noch entsetzlicher als die beiden anderen war.

In diesem Kreis eingeschlossen, fühlte ich mich unglücklich über das Leid der Welt. Hang zu einsamer Träumerei, Hypochondrie, Schwermut überkamen mich mehr und mehr.

Ich hatte Hegel so gut wie mancher andere studiert, aber das Resultat, zu welchem er scheinbar gelangt, das:

»Was vernünftig ist, das ist wirklich,
Was wirklich ist, das ist vernünftig«,

wollte mir gar nicht in den Kopf. Dieser Spruch erschien mir eigentlich nur als die modernisierte Fassung des alten:

»Was ist, ist von Gott,
Was Gott tut, das ist wohlgetan.«

Ich konnte mich über die Zustände der Welt nicht beruhigen, und meine Überzeugungen waren die revolutionärsten. Ich sah, wohin ich blickte, eine grausame harte Notwendigkeit, in die ich mich nicht ergeben, mit der ich mich noch weniger einverstanden erklären konnte. Der Zufall der Geburt, der den einen von Kindheit an trägt und begünstigt, dem anderen jedes Mittel des Emporkommens entzieht, der Fluch der Armut, welche die Entartung der Familie im Gefolge hat, schien mir die Weltordnung laut anzuklagen. Dazu eine auf die Lehre vom Sündenfall, der Erbsünde und einem sühnenden Opfertod basierte Religion. Das Ganze erschien mir wie ein schnöder, nur bei systematischer Irreführung der Massen möglicher Betrug – wer sich nicht dagegen erhob, mußte ein Feigling sein.

Auf politischem Gebiete verlangte mein Verstand einen Volksstaat, ein Gemeinwesen, in welchem die Pflege des Gemeinwohls erster und letzter Zweck ist. Im Gegensatz zu dieser Forderung sah ich im existierenden Staate den baren Absolutismus, die Herrschaft eines mit der Geistlichkeit verbündeten, übermütigen und ungebildeten Adels; dagegen die zahlreichste und intelligenteste Klasse von jeder Beteiligung am politischen Leben ausgeschlossen. Der ewige Stillstand war dekretiert worden, jede freie Äußerung des Gedankens wurde innerhalb der chinesischen Mauer, die die regierenden Kräfte erbaut hatten, ausgeschlossen. Ein argusäugiges, Wort und Tun kontrollierendes Polizeisystem wachte Tag und Nacht.

Österreich führte damals im Auslande das Epitheton »das glückliche«, zog man aber das Denken und Fühlen der unendlichen Mehrzahl in Betracht, konnte man es ebensogut »das unzufriedene« nennen. Seine Kultur lag trotz aller Begünstigung der Natur tief darnieder. Der Adel war im Erbbesitz aller höheren amtlichen und militärischen Stellungen. Die Klöster waren im Zunehmen begriffen und die Unterrichtsverhältnisse so eng mit der Kirche verknüpft, daß nicht nur die Volks- und Mittelschule, sondern auch die höheren Unterrichtsanstalten von Geistlichen, sogar von Mönchen, geleitet wurden. Die bäuerlichen Untertanenverhältnisse bestanden noch in mittelalterlicher Form fort mit Robot und Zehnten. Vom Staatshaushalte war gar nichts bekannt, jede Kontrolle durch eine Volksvertretung fehlte, kein amtlicher Bericht gelangte zur öffentlichen Kenntnis.

Alle Berührungen mit dem Auslande wurden vermieden, Pässe waren schwer zu erlangen, eine strenge Zensur hielt alles unter Vormundschaft. Jeder Bewegung von unten herauf wurde entgegengearbeitet, jede, wo sie sich nur im Bereiche der österreichischen Machtsphäre zeigte, kräftig durch Waffengewalt niedergezwungen.

Der deutsche Stamm Österreichs, berufen, der historische und politische Mittelpunkt des Staates zu sein, machte keine sichtbaren Anstalten, sein Dasein zu bestätigen. Wien schien sich nur um seinen Prater und Lanners Geige zu kümmern. Ja, alles wünschte Änderungen und zeitgemäße Umgestaltungen, aber in verschwiegener Brust. Innerhalb der schwarzgelben Schranken durfte niemand solch hochverräterische Wünsche zur Sprache bringen. Es gab, ein paar wortkarge Regierungsblätter ausgenommen, keine politischen Zeitungen, in den literarischen Journalen wurden Anspielungen auf Politik nicht geduldet. Das Unbehagen war allgemein, aber niemand wußte, wie es anders werden könne.

Leute, die sich draußen umgesehen hatten, wollten Österreich den Bildungsverhältnissen Deutschlands genähert, die Untertanenverhältnisse umgemodelt, die Jesuiten zurückgedrängt, das Lehr- und Bildungswesen von der Kirche emanzipiert sehen, aber wie sollte das geschehen? Es gab keine Tribüne für das gesprochene Wort; dagegen herrschte die Verpflichtung, jede Zeile, die im Druck erscheinen sollte, der Zensur zu unterbreiten.

Nein, für diesen Staat konnte man keine Liebe empfinden. Ich war ein Österreicher, hatte aber nicht nur über die Regierungsform Österreichs, die ich für den höchsten Ausdruck des Absolutismus und Ultramontanismus hielt, sondern auch über den Staat an sich die ketzerischsten Ansichten.

Es ist seitdem oft gesagt worden, indem man die bekannten Aussprüche Voltaires über die Notwendigkeit des Deismus variierte: Österreich müsse erfunden werden, wenn es nicht bereits existierte. Ich höre dies geflügelte Wort noch immer, zum Teil von sehr gescheiten Leuten wiederholen. Abgesehen davon sagen sie, daß die in Österreich so häufige Rassenkreuzung von großem Vorteile für die Welt sei, so gehe aus der großen Annäherung und teilweisen Verschmelzung im Gegensatz zueinander stehender Nationalitäten sehr viel Gutes hervor. Indem ferner die Steuerkraft der industriell vorgeschrittenen deutschen Provinzen fortwährend dazu verwendet werde, um zahlreichen anderen materiell zurückgebliebenen und in Mißwirtschaft verlotternden Ländern zu Hilfe zu kommen und deren Ausfälle zu decken, werde gerade in diesen Ländern eine regere Vitalität, eine lebendigere Tätigkeit hervorgerufen. Wenn auch das Prinzip der Verlegung deutscher Beamten und Soldaten in fremde, mitunter halbwilde, fast immer feindselig gesinnte Länder für die Betreffenden anfangs sehr unangenehm werden könne, so gehe doch schließlich für sie selbst und ihre Familien ein Zuwachs an Kenntnis fremder Sitten, Gebräuche und – mitunter höchst absonderlicher – Sprachen hervor. Auch übernähmen dafür wieder Persönlichkeiten aus den für alles, was mit Polizeidienst zusammenhängt, besonders talentierten slawischen Stämmen die Überwachung des bürgerlichen und politischen Lebens in deutschen Provinzen. Das alles ist als sehr heilsam und zweckmäßig erkannt worden. Darauf beruht die Lehre vom »echten« Österreichertum, und sie wird von allen verteidigt, die »das politische Prinzip über das nationale stellen«. In der Zeit, von welcher ich rede, war nun der Kreis dieser großen österreichischen Kulturaufgabe noch viel weiter gezogen als heutzutage: er reichte bis nach Mainz, Frankfurt, Rastatt, er reichte bis an den Po und den Ticin, ja, er dehnte sich nicht selten bis über die Marken am Adriatischen Meere und über die päpstlichen Staaten hinaus. Bald rückten die weißen Röcke im Neapolitanischen, bald in ein oder dem anderen italienschen Fürstentum ein. Der Territorialbestand der Monarchie hatte seit dem Wiener Kongresse keine Alteration erfahren, und geheiligte Verträge gaben ihr das Recht, bald da, bald dort eine kleine Exekution auszuführen.

Wir nun und eine ganz kleine Anzahl junger Leute konnten uns damals mit den regierenden Anschauungen durchaus nicht befreunden. Wir hielten das Zusammenleben mit so vielen fremdsprachlichen Elementen in einem Staatsverbande, die Gemeinschaft der Deutschen Österreichs mit so vielen andern, in ihrem Naturell entgegengesetzten Stämmen für eine unglückliche Tatsache, die uns dem übrigen deutschen Tun entfremde, für eine Kette, ein Hemmnis jedes wirklichen nationalen Fortschrittes. Wir träumten von einer nicht mehr allzu fernliegenden Vereinigung aller deutschen Länder in ein Deutschland, das heißt in eine kompakte Nation von vierzig Millionen, die eine Sprache sprechen, vereinigt in einem Nationalheer, befähigt, sich allenthalben niederzulassen, daheim von denselben Staatsmännern regiert, im Auslande von denselben Gesandten vertreten. In diesem Bunde wollten wir nicht fehlen. Aber wie sollte es dazu kommen? Uns umgaben lauter Leute ohne jedes nationale Bewußtsein, die sich lediglich als Untertanen und beherrschte Masse fühlten. Diese unnationalen Zwitter, die weder kalt noch warm, weder Fisch noch Vogel, waren uns besonders widerwärtig. Noch eher, so schien es, könnte man sich mit Individualitäten fremder Nationalitäten verständigen, die dasselbe wollten wie wir: die Trennung und Auseinandersetzung einer unharmonischen Verbindung. Man geht eben in der Jugend sehr weit, sträubt sich gegen gewisse Notwendigkeiten und ist allen Kompromissen abgeneigt.

Kurz, in dieser Welt schien mir getrennt, was zusammengehörig, und zusammengeschmiedet, was innerlich unvereinbar. Geistesbildung und Soldatentum waren Gegensätze geworden, das Soldatentum nur der verlängerte bewaffnete Arm des absoluten Monarchen, der bloß durch den anderen Arm des bewaffneten Volkes pariert werden könne. Oft fühlte sich das Gemüt gleichsam von allem Jammer der Welt zugleich angefaßt. Sehnsuchtsvoll blickte der junge Mensch nach Abhilfe her, hoffte auf andere Zeiten und meinte, nur aus einem vollständigen Zusammenbruch des alten Systems könne eine bessere Welt hervorgehen.

 

In den Ferien 1843 kam ich zum ersten Male nach Wien und wohnte dort auf dem »Salzgries«. Die Stadt erfüllte meine Erwartungen nicht. Die eigentliche Stadt, die ein Fußgänger bequem in einer Stunde umgehen konnte, schien mir, in ihren Wallgürtel, in das Korsett ihrer Basteien eingeschnürt, eine große und düstere Kaiser- und Adelsburg zu bilden, die vierunddreißig weiten Vorstädte aber waren von trostloser Monotonie. Die Herrlichkeit der Stephanskirche war mit Baugerüst umstellt, am Turme wurde geflickt und gequacksalbert, er war wie ein Kranker von Bandagen umwickelt. Nur die beiden Plätze des Neumarktes und des Grabens mit ihren verzierten Brunnen machten einen heiteren Eindruck auf mich. Nein, Alt-Wien war nicht schön! Das »'s gibt nur a Kaiserstoadt, 's gibt nur a Wean« war mir ein Ausbruch des aufs höchste forcierten Lokalpatriotismus.

Da es ein Sonntag war, wanderte ich nachmittags dem Prater zu. Eine unabsehbare Reihe von Wagen bewegte sich langsamen Schrittes die Jägerzeile entlang. In der bis an die Donau führenden Hauptallee gab es ein Durcheinander von herrschaftlichen Wagen, Cabriolets und Fiakern, nicht wenige Reiter, zu beiden Seiten eine wogende Menschenmenge. Mädchen und Frauen: teils niedliche Püppchen mit blitzenden Augen, teils üppige Matronen, wandelten in den auffallendsten Trachten. Der Wurstelprater bot das Bild eines Jahrmarkts mit buntem Gewühl. Schaubuden und Ringelspiele luden von allen Seiten ein. Mir aber schien die rechte Heiterkeit, die Stimmung echten Volkslebens zu fehlen. Allerdings war die Hitze drückend, der Staub sehr arg, und ich wanderte einsam in der Menge.

Das »Capua der Geister« hatte für mich keine sonderliche Anziehung. Am anderen Morgen holte mich Moritz Hartmann nach Baden ab, und ich ließ mich gern entführen. Er hatte dort bei einer reichen Bankiersfamilie als Erzieher zweier Knaben eine angenehme Stellung. Ich wurde freundlich aufgenommen. In Baden traf ich meinen älteren Freund Max Schlesinger und schloß gute Freundschaft mit Karl Beck, der, nachdem er sich draußen im Reich mit »Gepanzerten Liedern« Ruhm ersungen, nach längerer Abwesenheit in sein Vaterland zurückgekehrt war.

Wir teilten einander unsere Arbeiten, unsere Pläne mit. Nachmittags pflegten wir Pferde in einer dortigen Reitschule satteln zu lassen und jagten, wiewohl wir sämtlich mangelhafte Reiter waren, durchs Helenental und in die Brühl, wobei es nicht ohne Fährlichkeiten abging.

Eines Tages, als ich zu kurzem Besuch nach Wien zurückgekehrt war, machte mich Hartmann auf einen ältlichen Herrn aufmerksam, der, verdrießlich vor sich hinredend, daherschritt: es war Franz Grillparzer. Ich sah ihn mit seltsamen Gefühlen an. Wir betrachteten die Zensur als ein geistiges Inquisitionstribunal und hatten sie nie respektiert. So ließen wir denn unsere Gedichte und sonstigen poetischen Erzeugnisse über die Grenze wandern, und da sie in Blättern erschienen, die in Österreich nicht gelesen wurden, blieben wir unbelästigt. Ich glaube, wir jungen, unzufriedenen Köpfe hielten damals diejenigen für gar keine eigentlichen und rechten Poeten, die sich einer unserer Meinung nach unwürdigen Institution fügten, oder wir blickten auf sie wie etwa wilde ungezähmte Elefanten auf solche blicken, welche den Palankin der Fürsten tragen. Mit Kopfschütteln hörten wir, daß ein Friedrich Halm, ein Grillparzer, von allen anderen nicht zu reden, sich solchem Joche fügten. Da wurde uns gar gesagt, daß Grillparzer das Institut der Zensur sogar prinzipiell billige, rechtfertige, gutheiße. Das war doch zuviel. Ich sah mir den sonst verehrten Mann mit Empfindungen an, wie sie sich etwa in der Brust eines Niederländers regten, wenn ihm ein Spanier begegnete, von dem es hieß, daß er die Inquisition billige und zeitweise selbst im San Benito erscheine.

 

Nie, wenn ich die Geschichte Böhmens, zumal die seiner Religionskriege, las, hatte ich mich eines tiefen Mitgefühls erwehren können. Es war doch ein arger Frevel an diesem Volke begangen worden, es hatte ein schreckliches Schicksal erfahren! Aus seinem Schoße waren die ersten reformatorischen Bestrebungen auf dem Gebiete der Kirche hervorgegangen. Aber sein großer Reformator starb elendiglich auf dem Scheiterhaufen. Das Volk rächte seinen Tod in einem furchtbaren Aufstand, zu dessen Niederwerfung ganz Europa herbeieilte. Darauf war dasselbe Volk unter Georg von Podiebrad zu großer Bedeutung und Blüte gelangt, zum Beweis, daß ein tüchtiger Kern darin war. Böhmen befand sich auf einer hoch zu nennenden Stufe intellektueller Bildung und wehrte sich seiner Freiheit. Dem allen machte die von den Jesuiten in Szene gesetzte Gegenreformation ein Ende, und wie das geschah, bleibt ewig ein Schandfleck in der Geschichte. Die protestantische Religion, zu der sich mehr als drei Vierteile der Einwohner bekannten, wurde gewaltsam ausgerottet, der Adel des Landes nach der verlorenen Schlacht am Weißen Berge teils hingerichtet, teils verbannt und seiner Güter verlustig erklärt. Mehr denn dreißigtausend Familien wanderten aus. Nun wurde dem Volke eine ihm fremde Sprache aufgedrängt und sein ganzes Geistesleben damit zerstört. War denn das alles nicht unleugbar wahr, und war das nicht tragisch?

Das alles wirkte auf mich, und ich beschloß, ein historisches Gedicht in drei Teilen zu schreiben. Der erste Teil der Trias sollte den Hussitenkrieg schildern. Der zweite das große Zeitalter Böhmens unter dem edlen und tapfern Georg von Podiebrad, der ja nahe daran war, deutscher Kaiser zu werden. Das dritte Gedicht sollte mit der Wahl Friedrichs von der Pfalz beginnen, den Kampf gegen Ferdinand den Zweiten, die Schlacht am Weißen Berge und die Greuel der Gegenreformation malen, in welcher Böhmen an Körper und Geist erlag.

Damit glaubte ich in eine reiche Fundgrube dichterischer Motive zu greifen.

Ich begann mit dem Hussitenkriege. Da konnte ich wenigstens nach einer Seite hin die volle Seele entladen. Der Kampf eines ganzen Volkes um Rechte der Glaubens- und Gewissensfreiheit, tragisch auslaufend in der Vernichtung einer ganzen Generation – dem Vorwurf schien es mir nicht an Großartigkeit zu fehlen. Und welche Gelegenheit bot mir dieser Teil, in Hussitenpredigten gegen Rom und das Papsttum loszustürmen!

Das Bedenken, daß der Kampf der Böhmen dazumal ein Krieg gegen das deutsche Reich gewesen, schien mir unerheblich, da es sich um eine so ferne Vergangenheit handelte und stets die allgemeinen freiheitlichen Ideen im Vordergrunde des Gedichtes standen. Hatte doch auch Fr. Lessing seinen »Huß vor dem Concil« und seine »Hussitenschlacht« gemalt und damit ein geistiges Erwachen der Malerei zu neuen Stoffen kundgegeben. Warum sollte die Dichtung nicht wagen, was die Malerei bereits getan? Es sollte aber auch mein Gedicht ein Mahnruf an Deutschland sein, welches, meiner Ansicht nach, die begonnene Führung der protestantischen Idee, die mit der deutschen identisch, des lieben Friedens wegen eingestellt und dadurch eine Rückbildung in der ganzen mitteleuropäischen Welt verschuldet hatte.

Es war kurz vor meinem letzten Rigorosum, im Sommer 1846, daß mir der Gedanke, den »Ziska« zu schreiben, gekommen war. Ich ging sogleich an die Arbeit. In unmittelbarer Nähe des Prager Krankenhauses steht ein großes altes Gebäude, vom fünfzehnten Jahrhundert her als ein den Herzögen von Troppau gehöriger Palast bezeichnet. Man nennt es das »Faustische Haus«, und die Sage behauptet, der Alchimist und Buchdrucker Dr. Johannes Faust habe hier jahrelang gewohnt und in den unteren Kellerräumen unheimliche Künste getrieben. Ein kleiner, sich selbst überlassener, von einem steinernen Geländer umfaßter Garten liegt daneben, von welchem man einen Blick in die Tiefe hinter dem Kloster Emaus und weiter hinaus auf die kahlen Höhen des Wyšehrades und dessen sagenberühmte Mauern hat. Dieser Garten war mir besonders lieb.

Hier, auf dem Boden einer romantischen Vorzeit, alte Mauern neben mir und vor mir, saß ich, von einem seltsamen Reize angezogen, viele Stunden, während mir das alte Steingeländer als Schreibtisch diente.

 

Am letzten Tage des Jahres 1845 hatte ich mein erstes Rigorosum abgelegt aus den Fächern der Anatomie, Physiologie, Botanik, Mineralogie und allgemeinen Pathologie. Nun sollte die fortgesetzte und angestrengte Repetition der weiteren Studiengegenstände folgen, damit auch das große Examen aus der Chemie, speziellen Pathologie, Pharmakologie, der gerichtlichen Medizin und der Geburtshilfe mit Ehren vor sich gehe.

Voll Eifer hatte ich mich auf meine Studien geworfen, steckte über Hals und Ohren in meinen Büchern und Heften und ließ mir kaum Zeit zum Schlafen. Alle Gedanken an meinen »Ziska« waren verbannt, und eine Zeitlang ging alles gut. Ich arbeitete unverdrossen. Aber es war mir vorausbestimmt, daß ich neue große Störungen erleben sollte. Diesmal kamen sie nicht von meinem Kopfe, sondern von meinem Herzen.

Ich war seit Jahren mit einer ausgezeichneten Prager Familie befreundet und in ihrem Kreise wie ein Sohn aufgenommen.

Ihr gehörte ein herrlicher Besitz, die schöne, mitten in der Stadt gelegene Färberinsel, in deren Saalgebäude alle Bälle und Konzerte abgehalten wurden. Vier in gleicher Weise für Musik begeisterte Schwestern teilten sich in das Regiment des edlen, gastfreien Hauses, in dem alle in Prag wohnenden und alle nach Prag kommenden Künstler Aufnahme fanden. Zu den ersteren gehörte W. Ambros, von Hause Jurist und Beamter, dabei Musikschriftsteller, Alexander Dreyschock, sodann Fr. Kittl, unlängst Direktor des Prager Konservatoriums geworden, ein großes Talent; er komponierte eben an einer Oper »Die Franzosen vor Nizza«, zu der ihm Richard Wagner den Text überlassen hatte.

In diesem Hause hatte ich Hector Berlioz kennengelernt, der im Januar 1846 nach Prag gekommen war und uns in großen starkbesuchten Konzerten seine Symphonie fantastique, seinen »Romeo und Julia«, die großen Ouvertüren »Harold«, »Lear« und den »Carneval romain« vorgeführt hatte, Produktionen, von denen ich einen gewaltigen, unverlöschlichen Eindruck empfangen.

In dieser Familie saß als Hausgeist, als Spiritus familiaris, ein alter Italiener, ein Musiker namens Giovanni Gordigiani. Er war Opernsänger gewesen, hatte auf allen größeren Bühnen Italiens gespielt und gesungen und hatte, als seine Stimme nachließ, eine Stelle als Gesangslehrer am Prager Konservatorium übernommen. Er war ein sanfter und freundlicher alter Mann, dessen Kopf noch die auffallenden Spuren ehemaliger Schönheit zeigte und der durch absonderliche Tracht, bis auf die Schultern fallendes Haar und langen schwarzen Bart eine Stadtfigur geworden war. Er glich in seiner Erscheinung dem Harfner aus Wilhelm Meister.

Dieser alte Künstler hatte eine Oper, »Consuelo« – nach George Sands Roman – gedichtet und in Musik gesetzt. Sie sollte am Schlusse des Sommerkurses von den besten Schülern und Schülerinnen des Konservatoriums aufgeführt werden. Dazu war ihm die Benutzung des Stadttheaters zugestanden worden, auch der Opernchor sollte mitwirken.

Der Alte wollte nicht aus der Welt gehen, ohne gezeigt zu haben, was er vermöge.

Eines Tages traf ich in der befreundeten Familie ein wunderbares Geschöpf, das mir wie ein schöner Knabe in Frauenkleidern vorkam. Dies Geschöpf hatte einen herrlichen Kopf, umflattert vom üppigsten, nach Knabenart kurzgeschnittenem Haar, schwarz wie Ebenholz. Die Wangen waren voll und kindlich zart wie die einer rosig angehauchten Kamelie, und auf einer dieser Wangen saß ein kleines schwarzes Mal, das einem Schönpflästerchen glich.

Dies Zwitterwesen zwischen Knabe und Mädchen hatte schwellend rote Lippen, dunkelbraune, feurige Augen und welche Büste! Welche Arme! Dabei eine Stimme, fast wie die eines Mannes.

»Diese schöne Dame«, sagte Gordigiani, indem er mich an der Hand nahm und mich vorführte, »ist die große Sängerin Marietta Alboni. Schon mit sechzehn Jahren ist sie in Bologna aufgetreten wie ein Phänomen. Alles ist fehlerlos an ihrem Gesang, alles virtuos und doch alles Gabe der Natur, nicht des Studiums. Auch eine ausgezeichnete Darstellerin ist sie, die alles aus dem Leben herauszugreifen weiß. Nun kommt sie von Wien, wo Marelli sie engagiert hat, und wird hier in mehreren Rollen auftreten. Aber aus Freundschaft für den alten Gordigiani, ihren Landsmann, hat sie ihm soeben ihre Mitwirkung in seiner Oper zugesagt. Sie wird den Barkarolenknaben Pierrotto singen.«

Meine Freude über dies Anerbieten war groß.

Das Piano war aufgetan, Gordigiani setzte die Finger auf die Tasten, und Marietta sang die große Arie aus Händels »Rinaldo«:

Lascia, eh' io pianga la dura sorte.

Nein, etwas Mächtigeres und Herzenbezwingenderes als diesen Alt hatte ich nie im Leben gehört! Mein Herz geriet in große Unruhe, und diese wuchs, als ich Marietta als Arsace in Rossinis »Semiramis« und als Maffio Orsini in Donizettis »Lucrezia« gehört. Wenn ich fortan über meinen Büchern saß, wie tauchte ihre Gestalt vor mir auf! Zudem gab es nur zuviel Verlockungen, sie da und dorthin in die Stadt zu begleiten. Abende wurden ihr geopfert, die besser angewendet hätten sein können. Die Aufführung der »Consuelo« rückte immer näher; die Theaterwelt war mit der Macht einer Invasion bei mir eingebrochen. Ich ließ mich verleiten, größeren und kleineren Proben beizuwohnen, das nahm viel Zeit fort. Die Gattin des Kompositeurs hatte sich an einer Übersetzung des Librettos versucht; als man es in Druck geben wollte, zeigte sich, daß viele Verse nichts taugten und eine Umarbeitung dringend nötig sei. Da sollte ich helfen und half nach Kräften. So wurden Verse geschrieben in einer Zeit, da ich ungeteilt über meinen Büchern hätte sitzen sollen.

Ich liebte und machte alle Qualen der Eifersucht durch. Marietta reiste nicht nur mit einer alten Duenna, sie hatte auch einen Begleiter zur Seite, der als ihr Sekretär bezeichnet war. Signor Carlo war ein kleines unbedeutendes, bescheidenes Männchen, ganz jung, in Mariettas Jahren, nahm sich aber vieles seiner Herrin gegenüber heraus. Das konnte zu denken geben. Zudem wohnten sie nebeneinander, Zimmer an Zimmer, nur durch eine Tür getrennt. Carlo folgte seiner Herrin wie deren Schatten. Und wenn man ihn irgendwo hinschickte, zog er es vor, die Kommission einem Lohndiener zu übergeben und sofort wieder zur Stelle zu sein. Ein seltsamer Sekretär! Außer dem Italienischen verfügte er nur über einige Brocken Französisch, führte aber auch im Italienischen die Feder höchst ungelenk. Hatte er den einfachsten Brief an eine Theaterdirektion zu schreiben, so verfaßte er mehrere Entwürfe, die er uns zur Begutachtung vorzulegen pflegte. Dessenungeachtet sprach er von seiner gewaltigen Korrespondenz. Aber eines Tages, als er in seine Brusttasche griff, um uns den Artikel einer Mailänder Musikzeitung vorzulesen, zog er zugleich einen langen, schmalen, mit Linien und Sternchen bedruckten Lederstreifen heraus. Was das sei, darüber konnte niemand im Zweifel sein, der einmal ein Schneidermaß gesehen.

Hocherrötend steckte er es hastig wieder ein.

Eines Tages war ich, da die Sängerin noch nicht zu sprechen war, in Signor Carlos Zimmer getreten. Er saß – auf einem Tische, und zwar noch in Hemdärmeln. Vor ihm lag ein halbfertiges Wams von braunem Tuch. Rasch räumte er alles weg, sprang herunter, war sehr verlegen. Aber eine Schere und ein Endchen Wachslicht, welches noch die Spur gewichster Fäden trug, war auf dem Tische liegengeblieben.

»Wer ist Signor Carlo?« fragte ich an diesem Tage den alten Maestro. Er erwiderte mit einem Seufzer:

»Carlo ist Mariettas Jugendgeliebter, ein Schneider! Beide stammen aus einem Dorfe unfern Cesena in der Romagna. Er hat ihr aber- und abermal eine wahre Hundetreue bewiesen – das hat sie gerührt, denn sie ist die beste Seele. Nun führt sie ihn als ihren Sekretär mit sich. Er näht ihr die Männerkleider, auch Pierrottos Wams und Beinkleid geht aus seiner kunstfertigen Hand hervor. Nun wirst Du vieles verstehen ...«

»Sind sie am Ende verheiratet?« fragte ich.

»O nein. Für einen so dummen Streich ist Marietta zu gescheit. Sie hat sehr viel Ehrgeiz. Carlo wird sich nicht lange mehr bei ihr halten. Doch noch ist für den armen Teufel der böse Augenblick nicht gekommen ...«

Ich war von diesen Eröffnungen ganz niedergeschmettert. Was, die himmlische Marietta, diese große Sängerin liebte eine erbärmliche Schneiderseele? Wenn irgend etwas, hätte mich das von einer übertriebenen Begeisterung heilen sollen. Aber ich stand bereits in jenem Stadium, wo kein Heilmittel mehr anschlägt.

Der Tag der Consuelo-Aufführung kam. Der alte Maestro hatte eine Oper im Stile Mozarts und Cimarosas geschrieben. Consuelo hatte mehrere innige, ergreifende Momente, Porpora – Gordigiani selbst gab den Porpora – konnte mit seiner gealterten Stimme nicht durchgreifen, nur Marietta als Knabe Pierrotto war unübertrefflich. Es gab einen Achtungserfolg. Die Oper war melodiös, hatte aber einen Haarbeutel mit auf die Welt gebracht; die Instrumentation war in kindlichen, längst überwundenen Formen gehalten.

Einige Tage später legte ich mein zweites medizinisches Rigorosum ab. Ich bestand mit Ehren, aber es wäre alles noch weit besser gegangen, wenn nicht Marietta Alboni nun schon seit sechs Wochen in Prag gewesen wäre.

Jetzt wurde, abermals unter großen Störungen, eine bereits früher ausgearbeitete Dissertation, »De Helminthiasi« in Druck gegeben. Demnächst sollte die Promotion stattfinden.

Dieser Akt ging damals unter Formen vor sich, die einer längst vergangenen Zeit angehörten.

Zur Feier einer Doktorpromotion wurde der schöne, hohe, mit den Bildern aller Rektoren geschmückte Saal des Carolinums weit aufgetan, das eingeladene Publikum aufzunehmen. Nicht nur Männer, auch Frauen, die beste Gesellschaft pflegte diesen Feierlichkeiten beizuwohnen. Der Doktorand empfing die herankommenden Gäste, die verwandten und ihm befreundeten Familien schon an der Treppe, und geleitete sie gruppenweise zu ihren Sitzen. Das weibliche Geschlecht, das sonst nie die geheiligten Räume der alma mater betrat, drängte sich mit Vorliebe zu dieser Feier. Es fehlten nie die schönen Mädchen, mit denen man auf den Bällen getanzt; sie erschienen an der Seite ihrer Mütter in den elegantesten Promenadetoiletten, denn ein gemachter Doktor darf ja demnächst ans Heiraten denken. Die, welche den Vorgang nie gesehen hatten, waren sehr neugierig, die Doktoranden aber befanden sich immer im Zustand großer Erregung. Beim Eintreten lächelten wohl die Schönen über die seltsame Tracht, in der sie ihre jungen Freunde trafen. Vorgeschrieben war ein schwarzer, rundgeschnittener Frack, dazu Kniehosen, Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe, ein mit Straußenfedern besetzter Dreispitz unter dem Arm, ein Galanteriedegen an der Seite.

Inzwischen schlug die feierliche Stunde, das Professorenkollegium versammelte sich auf dem erhöhten Podium. Der Rector magnificus, der spectabilis Decanus, alle präsidierenden Männer erschienen in Amtstracht, der Oberpedell in scharlachrotem Mantel stand im Hintergrunde, in der Hand das Abzeichen seiner Würde. Nun hatte der Doktorand in wohlgefügter lateinischer Rede seinen Lebenslauf zu erzählen und seine Studien gehörig herauszustreichen; schließlich richtete er an den Herrn Promotor die Bitte um Verleihung der ersehnten Doktorwürde. Der Promotor erwiderte, wieder lateinisch und in weitläufigen ciceronianischen Formen, daß der Herr Kandidat dieser Auszeichnung würdig befunden sei. Der Rector magnificus trat vor, und nachdem auch er sich in breiter Gegenrede ergangen, entschloß er sich zum feierlichen Akte. Er hing, vom herbeigetretenen Pedell bedient, dem Doktoranden eine schwere güldene Kette um den Hals und steckte ihm an den zweiten Finger der rechten Hand einen ansehnlichen Ring zum Zeichen, daß der junge Doktor auf Lebenszeit mit der alma mater vermählt sei. Während nun von der Höhe Trompetengeschmetter und Paukenwirbel erscholl, wurde die Szene mit feierlichen Umarmungen beschlossen. Jetzt war der Glückliche aller akademischen Ehren teilhaftig.

Ganz nach diesem Ritual bin ich am 2. Juli 1846 um elf Uhr vormittags im großen Carolinsaale zum Doktor der Medizin promoviert worden. Es war gebräuchlich, gleichzeitig zwei bis drei Kandidaten zu promovieren; ich erlangte die Doktorwürde gleichzeitig mit meinem lieben Freunde Johannes Spielmann, der später eine Autorität auf dem Gebiete der Geisteskrankheiten geworden ist. Wir hatten beide viel Bekanntschaften. So war denn die Versammlung eine glänzende. Man war zu Fuß und zu Wagen herangekommen. Auch schöne Töchter fehlten nicht, der Saal war bis zum Drücken voll. Ich war bei dem Akte sehr gerührt. Dankbarkeit gegen meine Lehrer erfüllte meine Seele. Wiederholt blickte ich zum Bilde meines Großvaters empor, der mich von der Wand ernst und nachdenklich ansah. Tränen traten mir in die Augen, als Professor Oppolzer, den ich wie ein höheres Wesen verehrte, mich in seine Arme schloß. Und nun war alles vorbei, die Trompeter auf der Estrade bliesen ihre uralte, traditionelle Fanfare.

Ich hieß fortan Doktor. Der Name hat doch einen eigenen Klang in deutschen Ohren, im Lande, wo man von Doktor Faust und Doktor Martin Luther zu sprechen gewohnt ist!

Als ich unmittelbar darauf auf meinem Zimmer Rokokofrack, Kniehosen, Seidenstrümpfe und Schnallenschuhe abstreifte und den federbesetzten Dreispitz wegwarf, hatte ich doch das Gefühl, daß mir etwas für alle Zeit von diesem Akte geblieben sei.

Dann flog ich in den »blauen Stern«, um mit Marietta, die dort wohnte, zu speisen. Sie war bei der Festlichkeit zwar nicht anwesend gewesen, doch hatte sie mir bei dieser Erhebung zum Doktor einen kleinen Beistand geleistet. Sie hatte mir nämlich, als meine schwarzen Seidenstrümpfe beim Anziehen gerissen waren, mit einem Paar ihrer Theaterstrümpfe ausgeholfen. Ich verwahre sie noch heute als eine Erinnerung an die große Sängerin, die ich später mit ihrem Carlo in Paris wiedertraf, aber seitdem sie Gräfin Pepoli wurde, nie mehr gesprochen habe.

So war ich denn Doktor der Medizin, aber schon während meines Studiums hatte ich einsehen gelernt, daß mir zum praktischen Arzte die rechte Befähigung abgehe. Wenigstens zum praktischen Arzte von ernster, ich möchte sagen, heroischer Richtung. Das Messer in ruhiger Hand zu führen, war mir versagt. Dazu fehlten mir die nötigen Stahlnerven. Nie würde ich, das fühlte ich, den tragischen Teil des ärztlichen Berufes, der aber den Arzt erst zum Arzte macht, erfüllen können. Ein ernstes Duell mit dem Tode zu führen, dem weinenden Gatten die freudige Kunde der Rettung zu geben, der liebenden Mutter den Neugeborenen zum Kusse zu reichen und dabei die halbgebrochenen Augensterne wieder aufleben zu sehen – das alles und vieles andere, den edelsten Teil, den Triumph des Medizinerlebens, würde ich nie erfüllen können. Selbst im Laufe der Jahre war es mir nicht gelungen, mich gegen die furchtbaren Eindrücke nach dieser Seite hin abzuhärten. Ich bewahrte ein Grauen vor Operationen, der Schmerzensschrei des Patienten lähmte mich. Selbst vor stark widrigen Gerüchen habe ich eine krankhafte Scheu nicht überwinden können.

 

Ungeduldig erwarteten indessen meine Eltern in Karlsbad den jungen Doktor. Wohl begab ich mich hin – die Saison stand auf ihrer Höhe –, doch statt mich als Praktikus in die Badelisten einrücken zu lassen, ging ich allem geselligen Leben aus dem Wege und schloß mich ein, um an meinem »Ziska« weiterzuarbeiten.

In meinem kleinen Dachzimmer im »Englischen Hause«, den Blick aufs Egertal und das Erzgebirge, entstand ein Gesang um den anderen; es gab keinen Tag, der nicht mindestens seine fünfzig Verse eingebracht hätte.

Und doch zeigte es sich bei jedem Schritte klarer, daß das Werk nicht nur den Verfasser in arge Konflikte mit der Staatsgewalt bringen müsse, sondern auch in allem, was seinen Beruf und seine Stellung zu den Eltern betraf, eine gewaltige Änderung herbeiführen werde.

Vor allem ist zu sagen, daß dazumal für den Österreicher, der ein Buch oder auch nur ein Blatt daheim oder draußen im Reiche in Druck geben wollte, die Verpflichtung bestand, es der einheimischen Zensur als Manuskript zur Begutachtung vorzulegen. Erhielt es das behördliche Admittitur, so durfte es gedruckt werden; war es mit einem Damnatur zurückgekommen und erschien es trotzdem, so wurde gegen den Autor eine gerichtliche Verfolgung eingeleitet. Nun aber widersprach es meinen Grundsätzen, mich diesen Anordnungen zu fügen: die österreichische Zensur war mir wie Geßlers Hut, den nicht zu grüßen ich für eine Ehrensache hielt.

Ich hatte bis jetzt bei meinen poetischen Arbeiten keine namhafte Behelligung erfahren. Erst meine bei Philipp Reclam erschienenen »Gedichte« hatten mich in Konflikt mit der Polizei gebracht, der jedoch noch so ziemlich still verlief – ich wurde zu einer Geldstrafe verurteilt.

Anders stand es jetzt. Ich konnte nicht erwarten, daß mein »Ziska« unbeachtet bleibe, und brachte ich den in ihm liegenden politischen und religiösen Inhalt zu lebensvollem Ausdruck, konnte es nicht ohne Fährlichkeiten geschehen. Sollte ich auswandern, mich auf Jahre aus meiner Heimat entfernen? Auch das hatte seine Schwierigkeiten. Man bedurfte, um sich in den deutschen Städten zu halten, eines von der Heimatbehörde ausgestellten Passes. Verweigerte die Behörde die Verlängerung desselben, war man gezwungen, von Ort zu Ort umherzuwandern und den Punkt zu suchen, wo man geduldet wurde.

So hatten erst nach längerer Irrfahrt Eduard Duller in Darmstadt, Dräxler-Manfred in Wiesbaden, Hormayr in Bremen, Fallmerayer in München, Schuselka in Hamburg ruhige Stätten gefunden. Ohne Drangsal ging es nicht ab. Wie glücklich stand es um Nikolaus Lenau, Karl Beck, Anastasius Grün, die allerdings auch bei ihren Publikationen die österreichischen Zensuredikte nicht achteten! Die ersten beiden waren Ungarn, somit einer anderen Gesetzgebung unterworfen, der letztere war ein Graf, einer der ersten und ältesten Adelsfamilien des Landes angehörig. Ihn anzutasten unterließ man. Man ließ sein Pseudonym gelten und ignorierte sein Wirken.

Rastlos wanderte ich auf den Waldwegen um Karlsbad umher und erwog, was ich zu tun habe. Wenn ich mein der Beendigung entgegenreifendes Buch drucken lassen wollte, blieb mir nichts übrig als, wie kurz zuvor Moritz Hartmann getan, aus Österreich auf unbestimmte Zeit auszuwandern. Aber Hartmann hatte keine Stellung aufzugeben. Für mich dagegen hieß Auswandern soviel, als der Berufswissenschaft, für die ich mich an der Universität gemüht, und der durch den Doktorsgrad errungenen Stellung wieder entsagen.

Heute, ruhiger und gerechter, als ich es ehedem war, begreife, entschuldige, rechtfertige ich alles, was mich damals so schwer traf: den Zorn des Vaters, der den Sohn nicht die kaum eingeschlagene Laufbahn aufgeben sehen wollte und dessen Vorgehen Torheit, Trotz und Verblendung schalt, ich verzeihe ihm die Härte der Drohung, für immer seine Hand von mir abzuziehen. Es war der letzte Versuch, mich zum Einlenken zu zwingen.

Aber dämme einer den überschwänglichen Überzeugungseifer eines jungen Menschen, der mit seinem bald fertigen Büchlein sein Teil zur Befreiung der Geister beitragen zu müssen glaubt! Keine Einschüchterung verfing. Ich hatte bei mir beschlossen, den »Ziska« erscheinen zu lassen und demnächst die dazu nötigen Schritte zu tun.

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