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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 4
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authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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Letzte Schuljahre in Prag

So waren mir drei Jahre vergangen, drei Jahre, von denen ich zehn Monate in Schlackenwerth im Hause des Schullehrers Hessenteufel in der Schulzucht der Piaristen, zwei Monate in Karlsbad bei meinen Eltern zubrachte. Mit Schaudern dachte ich daran, daß ich auch noch ein viertes Jahr dort werde hingehen müssen. Da, gegen den Herbst 1835, faßten meine Eltern den Entschluß, fortan die Wintermonate in Prag zuzubringen, wo ich dann auf dem dortigen Altstädter Gymnasium weiter studieren könne. Und so sah ich mich denn im Oktober 1835 in die böhmische Hauptstadt versetzt.

In Prag entwickelte sich nun mein Leben unter freieren Verhältnissen, nachdem ich unter den Piaristen die größte Beschränkung hatte ertragen müssen. Ich befand mich plötzlich unter zahlreichen Genossen, unter denen ich manchen Freund fand und für die Zukunft festhielt. Ich war der steten Aufsicht ziemlich ledig. Statt des elenden Schulmeisterquartiers hatte ich die freundliche Wohnung meiner Eltern in der Neustadt Prags, der »breiten Gasse«, um mich waltete wieder liebende Sorgfalt. Ich sah das erste Theater, ich las die ersten Bücher neben meinen Schulkompendien. Ich lernte zeichnen und hatte Klavierunterricht bei einem guten Lehrer. In der Schule waltete ein vernünftiges und humaneres System. Ein günstiger Wechsel machte sich nach allen Seiten hin fühlbar.

Und noch besser wurde es in den zwei letzten Gymnasialjahren, damals Humanitätsklassen genannt. Professor Dittrich, der uns durch diese beiden Jahrgänge führte, war ein wackerer Mann. Er war Prämonstratenser, aber aufgeklärt, den Meinungen seines Lehrers Bolzano zugetan. Er hatte, ich weiß nicht mehr wo, Goethe kennengelernt und sprach mit Verehrung von diesem, eine grenzenlose Bewunderung aber zollte er Tiedgen. Die »Urania«, aus der er viele Stellen zu zitieren wußte, wurde uns als das erste aller Bücher, als die glänzendste Blüte deutscher Dichtung ans Herz gelegt. Vom Tage an, wo er zufällig erfahren hatte, daß Tiedge unserem Hause befreundet gewesen, hatte ich beim Professor einen großen Stein im Brette. Auch Goethe – natürlich mit Auswahl – zu lesen war uns erlaubt. Er war ein sonderbarer Klostermann, der die Poeten begünstigte und es gern sah, wenn der oder jener ein aufgegebenes Thema metrisch bearbeitete.

Um diese Zeit las ich zum erstenmal die Ilias in der Voßschen Übersetzung. Kein Buch hat einen tieferen Eindruck auf mich hervorgebracht, es war ein Ereignis in meinem Leben, und es ist mir von diesen Tagen eine unauslöschliche Erinnerung geblieben. Mit hoher Neugier las ich Gesang um Gesang, wunderbar und immer stärker gefesselt, je weiter ich vordrang, und als ich zu Ende stand, ergriff mich zum erstenmal die geistige Gewalt einer Dichtung, die wie keine andere dem in uns niedergelegten Triebe nach künstlerischer Schönheit entgegenkommt. Die bewunderungswürdige Weisheit der Anordnung, die herrliche, so einfache und doch verschlungene Führung der Helden zu ihrem Geschicke trafen mich wie eine Offenbarung. Die sanftesten Regungen des Mitleids wechselten in mir mit dem Hochgefühl, das die Darstellung kraftvoller Männlichkeit in der Brust eines Knaben hervorruft. Nachdem ich zuerst die Griechen gehaßt hatte, die mit so unsäglicher Beharrlichkeit Priams heilige Feste in Schutt zu legen bemüht waren, nachdem Hector mein Liebling gewesen, gewann Achilles mein ganzes Herz, und trotz aller Grausamkeit wagte ich doch nicht, ihn einen Frevler zu nennen, wenn ich seine Liebe zur fernen Mutter und die Hingabe eines ganzen Lebens an seinen verstorbenen Freund in Betracht zog. Achill und Patroclos sind Urbilder der Freundschaft, vom Dichter gezeichnet, wie es hinterhin keinem zweiten gelang. Wo ist der Jüngling, dessen Herz bei dieser Schilderung nicht in Bewegung gerät und schwört, seinem Achill, dem er noch begegnen wird, ein Patroclos zu sein! So hob mich die Ilias durch alle Entzückungen, und da ich im letzten Gesänge an die Schilderung kam, wie der greise Priam in Achilles' Zelt den Leichnam seines Sohnes erbittet und dem Gewaltigen die Hände küßt, »ach, die entsetzlichen Würger, die viel der Söhn' ihm gemordet«, da hielt ich die Tränen nicht mehr zurück und ließ sie fließen, ohne mich ihrer zu schämen. Lange, lange ist die Ilias meine Begleiterin geblieben. Sooft ich mich zu ihr flüchtete, öffnete sich mir der Blick auf eine starke, einfache, lichte Welt, deren Luft mir Erquickung war. Wohl hatte ich inzwischen gehört, daß Homer nie gelebt habe und eine ganze Schar von Homeriden an diesen Gesängen gedichtet haben soll. Aber in diese Anschauung habe ich mich nie finden können: dazu war mir die in der Ilias herrschende Einheit und Harmonie doch zu stark.

Eine Partitur, an der statt eines großen Genius viele Musikanten komponieren, ist mir unbegreiflich. Oder ich müßte mir den Mann, der die zerstreuten Teile, die dichterischen Produktionen eines ganzen Zeitraums in ein Letztes und Ganzes umgeschmolzen, als einen Dichter denken, der dem ursprünglichen Homer kaum nachsteht.

Man hat Prag oft ein steinernes Geschichtsbuch genannt, es ist dies keine Redensart. Prag ist wirklich eine steinerne Chronik, und zwar eine mit den schönsten Illustrationen und den wunderbarsten Ornamenten geschmückte. Das fabelhafte Bad der Libussa auf dem einsamen, trümmerreichen Wischehrad, die einfache Kapelle, in der Huß gepredigt, der majestätische Theyn, der grabsteinbesäte Judenkirchhof, jenseits der Brücke der Palast des Friedländers mit seinen ausgedehnten Gärten, wie für einen Monarchen mit einem Heer von Dienern geschaffen, das Goldschmiedegäßchen, in dem die Alchimisten des zweiten Rudolf wohnten, der in der Einsamkeit seinen Träumen nachhing, während er eine Provinz nach der andern verlor, das Ferdinandeische Lustschloß, wo Tyho de Brahes Observatorium stand, der Wladislawsche Trakt des Hradschins, aus dessen breitem Fenster zwei königliche Statthalter und ihr Sekretär in den achtundzwanzig Fuß tiefen Wallgraben flogen – alle diese und noch hundert andere denkwürdige Ruinen, Gräber, Häuser, Paläste sah ich wieder und wieder an, bis die Vergangenheit, die Geschichte, die sich an sie knüpfte, vor meinem Blicke lebendig ward. Dabei las ich alles, was ich an Chroniken, Geschichtsbüchern, Monographien auftreiben konnte, so fleißig, daß ich mich frühe schon zu einem guten Cicerone durch Prags Gassen ausbildete. Dabei sagte ich mir immer, daß von den Schätzen, die allenthalben lagerten, nur wenige gehoben seien. Die poetische Ausbeute, wie sie von Brentanos »Gründung Prags« bis auf Grillparzers »Ottokar« und wieder bis auf Rellstabs und Herloßsohns Romane vorlag, erschien mir sehr dürftig. Insbesondere die reiche Rudolfinische Zeit, die einen Walter Scott verdiente, schien mir ihres Poeten zu harren.

 

Wenn ich auf die Studentenjahre 1837 bis 1839 zurücksehe, tritt auch der Genosse vor meine Erinnerung, der mir am nächsten stand: Moritz Hartmann.

Es wächst jetzt – zwölf Jahre nach seinem Tode – schon etwas Moos über diesen Namen. Wir leben in einer rasch und viel produzierenden Zeit; so viele neue Namen sind auf die Tagesbühne getreten und haben die Aufmerksamkeit an sich gerissen; früher als sonst stellt sich jetzt für die Dahingegangenen das Dämmerlicht des halben Vergessenwerdens ein. Die erst nach Hartmanns Tode erschienene Sammlung seiner Schriften ist nicht gehörig berücksichtigt worden. Indes, er ist eigentlich früh geschieden; die Generation, die ihn kannte und durch seine kräftige Persönlichkeit gefesselt worden war, ist größtenteils noch am Leben. Sie findet seine Lieder noch in den Anthologien, greift dann und wann, um sich das Jahr 1848 zu vergegenwärtigen, zu seinem »Pfaffen Mauritius«; sie erfreut sich noch an einer der schönen Erzählungen wie »Der Krieg um den Wald«, »Von Frühling zu Frühling«. Wie weit auch Hartmann hinter den Zielen zurückgeblieben, die er sich gesteckt, und hinter den Hoffnungen, die man von seinem Talente gehegt, im Kreise der österreichischen Dichter nach 1848 wird er doch seinen Platz behalten. Wie es nach der gleichen Anzahl Jahre nach dem Todestage mit den Tagesgrößen von heute aussehen wird, ist ja auch sehr fraglich ...

Wir lebten anderthalb Jahre zusammen im alten, schwarzen Prag und saßen ein Jahr lang, wenn nicht auf derselben Schulbank, doch im selben Lehrsaale, dem großen, ebenerdigen Saale des Clementinums, wo wir im sogenannten »ersten philosophischen Jahrgange«, jetzt etwa dem Obergymnasium entsprechend, eine Schar von vier- bis fünfhundert zusammen waren. Es zog uns beide zur Literatur, zur Dichtung, und wir waren unzertrennlich. Wir lasen außerordentlich viel, Altes und Neues, gewiß täglich einen Band: dies und jenes von Goethe, alles von Schiller, Uhland, Heine, Grabbe, Immermann, Byron, Shelley. Das waren so unsere Leute. Von allen Lebenden stellten wir Lenau obenan, und das Erscheinen eines neuen Buches von diesem hatte für uns die Bedeutung eines neuentdeckten Weltteils.

Der Jugendfreund ist eine gar wichtige Person. Das Mädchen verliebt sich und folgt einem ihr bisher fremden Manne ins Haus; der junge Mensch wählt sich einen Freund infolge einer gewissen Anziehungskraft, und dieser gewinnt den größten Einfluß über sein Denken, Tun und seine ganze Zukunft. Dem Freunde vertraut er, was er sogar den Eltern nicht sagen würde. Wer von uns bei unserem Bunde den größeren Einfluß auf den anderen übte, weiß ich noch heute nicht zu sagen.

Hartmann war eine glücklich organisierte und wirklich ursprünglich liebenswürdige Natur. Er hatte ein schönes, offenes Gesicht, auf dessen Zügen ein gewisser Enthusiasmus festgehalten war, und war von großer körperlicher Anmut. Er war voll feurigen Lebensmutes und sah alle Dinge in einem gewissen romantischen Lichte. Das Dorf, in dem er geboren war, der Eisenhammer seines Vaters, die Wälder um Duschnik mit ihren Sagen, alles erschien ihm selbst so eigenartig und bedeutsam. Es flogen ihm Lieder und Balladen zu wie einem Musiker Melodien; er fixierte sie rasch und rezitierte sie gern. Er hatte etwas Selbstbewußtes; man sah, daß er eine Freude an sich selbst hatte. Immer etwas romantisch herausgeputzt, sei's auch nur mit einem farbigen Halstuch oder Sacktuch, das er hervorsehen ließ – er mußte schon beim ersten Erscheinen jedem auffallen, und das wußte er auch.

Er hatte die Absicht, nach Beendigung der beiden »philosophischen Jahrgänge« Medizin zu studieren und Arzt zu werden.

Es gab damals in Österreich noch keine Studentenverbindungen, kein Korpswesen, keine Burschenschaft. Ich glaube, wir haben dadurch viel Kopfschmerz und viel Zeit erspart. Den Bierhumpen sind wir ferngeblieben, und noch bis heute habe ich keinen Sinn für eine Richtung der Poesie, die das Zecherleben der Jugend feiert. Ich verstehe diese Poesie einfach nicht.

Hartmann war der Sohn eines nicht unbegüterten Vaters, der aber für mehrere Töchter zu sorgen hatte. Er scheint dem Grundsatz gehuldigt zu haben, die Söhne müßten, wenn sie das siebzehnte oder achtzehnte Jahr erreicht, sich selbst durchzubringen lernen. Sonach war Hartmann als Hauslehrer bei einer Familie eingetreten und bezog nichts von Hause als den Sparpfennig, den ihm seine gute Mutter jedesmal beim Abschiede in die Hand drückte. Diese Mutter war auch sein guter Genius.

Wir träumten alle politischen Ideale unserer Zeit: freie Staatsformen, Ausgleich der Klassenunterschiede, Toleranz und Friede auf politischem und nationalem Gebiete. Wir waren des Glaubens, daß die Kriege eine Barbarei, die in nicht allzu ferner Zeit zwischen Kulturvölkern abgeschafft werden müsse. Wir hatten da schon ganz bestimmte Überzeugungen und hielten sie fest. Drei Ständen gingen wir aus dem Wege: den Theologen, den Adeligen (die in unserer Klasse die vordersten Bänke zugewiesen hatten) und den Militärs; wir wußten, daß es zwischen ihren Überzeugungen und den unsrigen keine Brücke gäbe.

Zum weiblichen Geschlechte hatten wir noch gar keine Beziehungen. Das Thema von der Liebe wurde vorerst nur ganz aus der Ferne gestreift. Wir sahen sie auf dem Theater dargestellt, wir lasen von ihr in Büchern, wir hielten es auch dann und wann für passend, uns verliebt zu stellen, aber das war eitel Spiel und Selbstbetrug.

Unsere Sehnsucht, unser Denken ging ausschließlich über die nördliche Grenze nach Deutschland. Der Rhein mit seinen historischen Städten, Thüringen mit seinen Wäldern, der Neckar und der Schwarzwald, das waren die romantischen Lande für unsere Phantasie. Nur in Deutschland gab es eine größere Literatur, eine edlere Journalistik, ein Schreiben ohne Zensurzwang. Ein Buch konnte auch nirgend anderswo als in Deutschland erscheinen. Das letztere ist eigentlich noch immer so.

Es war eine Zeit, die den Schriftsteller sehr hochstellte, höher jedenfalls, als die unserige ihn stellt. An Gelderwerb wurde dabei weit weniger gedacht als heute. Das gelungene Gedicht, die gelungene Erzählung wurden als ein Gemeingut betrachtet, und man freute sich, sie fleißig nachgedruckt zu sehen. Für Verse Honorar einstreichen zu wollen, daran dachte niemand. Wahrlich, die Musen haben ihr Gesicht sehr verändert. Einst lebte man für sie, jetzt will man von ihnen leben!

Hartmann war Jude, aber die vielen Schmerzen, welche die Juden von heute plagen, hat er meines Wissens nicht durchgemacht. Kränkungen seiner Abstammung wegen hat er nie erfahren. Damals, in einer Periode des Humanismus, hatte man den Juden gegenüber das Gefühl, sie jahrhundertelang in ein Ghetto gesperrt und sie darin nicht selten mißhandelt zu haben, und empfand ein Bedürfnis, das Unrecht durch Schonung gutzumachen. Man ignorierte in Gegenwart eines Juden dessen Judentum und das Judentum überhaupt; kam doch die Rede darauf, sprach man von den »Israeliten« als abwesenden Leuten. Der gebildete Jude dagegen hatte sich in dieser Zeit des Liberalismus von seinen Traditionen abgekehrt und hatte das lebhafteste Bestreben, durch Erziehung, Bildung, Sitten den Christen gleich zu werden und durch nichts von ihnen abzustechen. Hartmann war kein Verehrer altjüdischer Traditionen, aber das alte Judentum, wie man es in Prag vollauf zu sehen bekam, hatte für uns beide den Reiz eines Kuriosums. Die Prager Judenstadt ist für mich ein Studienfeld gewesen, von welchem ich in späteren Jahren vieles für meine Bücher (»Die Sansara«, »Lemberger und Sohn«, »Sacro Catino«) verwendet habe. Nie versäumten wir, dem Purim beizuwohnen und die grotesken Zeremonien des langen Tages zu studieren.

 

Im sogenannten »ersten philosophischen Jahrgang« drehte sich alles um den Professor der Mathematik, Ladislaus Jandera. Niemand konnte im voraus wissen, ob er diesem furchtbaren Eiferer genügen werde, und genügte man ihm nicht, so war man verloren; denn mit einer schlechten Zensur aus der Mathematik konnte man nicht aufsteigen. Uns beiden – Hartmann und mir – hatte, scheint es, die Natur alle Anlagen auf diesem Gebiete versagt. Wir fühlten, daß wir zurückblieben; aber statt auf diesem Felde unsere Anstrengungen zu verdoppeln, ließen wir nach und waren voll böser Ahnungen betreffs des schließlichen Ergebnisses.

Der furchtbare Ladislaus Jandera war ein ganz kleines altes Männchen, eine Gestalt wie einem Märchen von E. T. A. Hoffmann entnommen. Er war Prämonstratenser, trug jedoch kein Mönchskleid, sondern bei hohen Kanonenstiefeln einen bürgerlichen Rock, und zwar, weil er so viel mit der Kreide hantierte, einen blau-weißen Rock wie ein Müller. Auf seinem Gesichte, dem harten, eckigen Gesichte eines erbosten Gnomen, war ein furchtbarer Eifer für die heilige Wissenschaft gleichsam erstarrt. Wenn er das Katheder erklettert hatte, was meist unter einem Sturme des Auditoriums geschah, hatte er die Gewohnheit, die Arme à la Napoleon über die Brust zu kreuzen und die Zuhörerschaft mit wilden Blicken zu beherrschen, bis alles still wurde. Vor sich auf dem Tische das sogenannte »Me-mo-ri-a-le«, in der Hand die Kreide, unter dem Arme einen kurzen, weißen Stock, mit dem er zu demonstrieren und oft wie besessen auf die Tafel loszuhämmern pflegte, begann er mit einer gellenden, durch jeden Sturm gehenden Stimme, jedes Wort in seine einzelnen Silben zerlegend, seinen Vortrag. »Klar-heit!« war seine Losung, und »Das muß jetzt je-de Kö-chin be-grei-fen!« sein letztes Wort nach jeder längeren Auseinandersetzung, womit er sich selbst das seiner Meinung nach größte Lob zollte. Leider muß ich gestehen, daß ich sehr oft das, was jede Köchin begreifen sollte, nicht begriff.

Als uns einmal eine Sammlung alter Kupferstiche aus der Zeit der Französischen Revolution in die Hand fiel, machten wir beide gleichzeitig die Entdeckung, daß Professor Ladislaus Jandera die größte Ähnlichkeit mit Robespierre hatte. Es war ganz derselbe Kopf, nur weit älter, dieselbe Stirne, derselbe Mund. Ich kann aber auch den Mann mit keinem anderen und keinem Geringeren vergleichen als mit dem tugendhaften Abgeordneten von Arras. Auch Jandera war die personifizierte Tugend, die Gerechtigkeit und Unbestechlichkeit selbst, aber furchtbar, weil er nichts als sein Prinzip gelten ließ und die Individuen vor seinen Augen nichts waren. Wer vor ihm und seinem »Memoriale« nicht bestand, der hatte eben »sei-ne Un-brauch-bar-keit für den wissen-schaft-li-chen Be-ruf dar-ge-tan«. Tausende von jungen Leuten hatten schon ihre Laufbahn ändern müssen, weil sie seinen Forderungen nicht genügten. Ihm störte das nicht den Schlaf. Auch die persönliche Verwendung aller übrigen Professoren hätte ihn von einem ausgesprochenen »Nein« nimmermehr abgebracht.

Eines schönen sonnigen Vormittags stand Professor Ladislaus Jandera vor seiner Tafel und erklärte uns den Satz aus der Lehre von der Ellipse, daß, wenn man durch die Achse KC eines Kegels eine Ebene KLM senkrecht gegen die Ebene RS lege, die Ebene der Kurve AQMQ senkrecht auf dem Dreieck KLM stehen und jeder beliebige Schnitt, der parallel mit der Grundfläche LBMD gelegt würde, unbedingt seinen Mittelpunkt in der Achse KC haben müsse.

Indes saß Hartmann still beglückt in seiner Bank und las ein Buch, das ich mir gestern verschafft und ihm heute zugesteckt hatte, Grabbes »Faust und Don Juan«. Grabbe zählte zu unseren Lieblingsdichtern.

Ein wie ein Hahnenruf in die Luft geschmettertes »Quod erat de-mon-stran-dum!« weckte den Leser aus seinen Träumen. Das furchtbare Nußknackergesicht da oben war mit seiner Beweisführung fertig geworden.

»Und jetzt«, fuhr der Schreckliche in scheinbar mildem Tone fort – sein scharfes Auge mochte schon die längste Zeit den Unachtsamen verfolgt haben – »und nun (langsam im Katalog blätternd, bis er ihn gefunden), mein lieber Hartmann Moritz, kommen Sie zu mir herauf und zeigen Sie es Ihren Kollegen, daß Sie mich kapiert haben. Hartmann Moritz, herauf!«

War das ein Schrecken, bei dem auch mir, dem Freunde, Sehen und Hören verging! Dem Aufrufe mußte unbedingt Folge geleistet werden. In der gewaltigen Schüleranzahl regte sich schon der Sturm der Erwartung. Es gab indes nur einen ganz kurzen Auftritt. Hartmann war hinaufgestiegen, hatte einige Linien auf die Tafel gezogen und einige Worte gemurmelt. Dann hatte er die Flucht ergriffen und war mit einem feuerroten Gesichte in das Meer von Köpfen wieder untergetaucht, während auf der Höhe der bösartige Kobold, jammernd über so viel Unwissenheit, die Hände zusammenschlug.

Nun war aber auch das Los über ihn geworfen. Man durfte nicht ohne Furcht dem Kommenden entgegensehen.

Den schärfsten, aber auch den liebenswürdigsten Gegensatz zu dem furchtbaren Jandera bildete Exner, damals noch ein junger Mann, der uns philosophische Propädeutik, Geschichte der Philosophie, Psychologie nach Herbart usw. vortrug. Er war eine vornehme Erscheinung, und sein edles Denkerantlitz bleibt mir unvergeßlich. Er pflegte nie in ein Heft zu sehen und spann, was er vortrug, sozusagen aus sich selbst heraus. Die Hand im vollen braunen Haare, in der Haltung und teilweise in der Sprache eines halbwachen Träumers, pflegte er zu untersuchen, ob der Wirklichkeit irgendeine Realität zugeschrieben werden könne, und soviel ich mich erinnere, gelangte er dabei zu keinem für die Wirklichkeit günstigen Resultate. Ob dem Seienden als solchem räumliche und zeitliche Bestimmungen zukommen können, wie denn das Ding zu seinen Merkmalen komme, wie es sich mit dem Ding an sich verhalte u. dgl. mehr wurde weitläufig erörtert. Die Lieblinge Exners, auf die er immer wieder zu sprechen kam, waren die als Vorläufer Kants erklärten Eleaten und ganz besonders der ehrwürdige Zeno, welcher über das »sich selbst gleiche Sein« so viele Spitzfindigkeiten ersonnen hat. Daß der »fliegende Pfeil« in der Tat ruhe, weil er in jedem Punkte seiner Bahn seine bestimmte fixierbare Lage habe und sich hierdurch in sich selbst gleich erhalte, daß der schnellfüßige Achilleus die langsame Schildkröte nimmermehr einholen könne, weil diese, während er den Vorsprung, den sie vor ihm voraus hat, zurücklegt, einen neuen gewonnen haben muß – diese und noch viele andere spaßhafte Sophismen, die uns von den alten Eleaten aufbewahrt sind, wurden mit einer, wie mir scheint, sehr ungerechtfertigten Gründlichkeit durchkritisiert und erwogen. Ach, was muß nicht die Jugend alles über sich ergehen lassen! ... Indes habe ich Exner eine aufrichtige Verehrung bewahrt. Seine Kritik der Willensfreiheit, seine Versuche, die Ethik aus ästhetischen Prinzipien abzuleiten, haben sich meiner Erinnerung dauernd eingeprägt und auf meine späteren Überzeugungen Einfluß gewonnen.

Indes war der Juli herangekommen. »Meine Herren«, redete uns der Professor der Weltgeschichte an, »die Prüfungen stehen vor der Tür! Wir sind leider erst bei dem zweiten punischen Kriege angelangt. Es ist unwahrscheinlich, daß es uns gelingt, in den zwei Wochen, die wir noch vor uns haben, die gesamte weitere Geschichte bis in die neuere Zeit hinein zu bewältigen. Ich bemerke Ihnen aber, daß ich die ganze Weltgeschichte in den Kreis meiner Fragen ziehen werde.« Und nun begann eine Arbeit, die uns fast aufrieb. Dicke Bücher und Berge von Explikationsheften waren zu verdauen, Philosophie, Mathematik, Natur- und Weltgeschichte. Man saß achtzehn Stunden des Tages dabei, trank nachts schwarzen Kaffee, um wachzubleiben und ging erst schlafen, wenn die rosenfingrige Eos am Himmel erschien.

Ach, man hätte sich schließlich mit allem abgefunden! Mit allen Helden und Heerführern von Sesostris bis Napoleon, mit allen Tiergattungen, wie sie die Arche Noahs beherbergte, auch mit Anaximenes und Anaximander und sämtlichen Eleaten – aber da war Ladislaus Jandera das war eine entsetzliche Realität, die alle Eleaten zusammen nicht hätten leugnen können. Die schweren Tage kamen. Fünf Fragezettel mußten gezogen werden, und man setzte sich, sie auszuarbeiten, auf die sogenannte Schwitzbank. Ernst und feierlich saß der Robespierre der Mathematik im bläulich-weißen Rocke vor seinem Tische und sprach heute kein Wort. Einer nach dem anderen hatte an die Tafel zu treten. Es kam einigermaßen anders, als wir gedacht. Hartmann fiel durch – wie ich durchgekommen, begreife ich heute selbst nicht. Ich weiß nur noch, daß mein Erfolg mich nicht freute, da der Freund unterlegen war.

Mit dem Medizin-Studieren war es nun für Hartmann vorüber. Die Bahn mußte aufgegeben werden. Zwar vielleicht war die Erlaubnis einer Reparaturprüfung zu erwirken. Diese konnte aber Aussicht auf Erfolg nur vor einem anderen Forum haben. Hartmann beschloß, nach Wien zu gehen. Vorerst schied uns die Ferienzeit, er sollte in seine Heimat zurück.

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