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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 3
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typeessay
authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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Im Gymnasium

Inzwischen hatte ich das Alter erreicht, in dem der Knabe gewöhnlich in die Lateinschule eintritt. Die Eltern wählten von den Gymnasien das nächstgelegene, kaum zwei Wegstunden von Karlsbad entfernte Schlackenwerth.

Es war dies ein elendes trauriges Städtchen, das sich von einer Feuersbrunst, die es vor Jahren heimgesucht, noch nicht hatte erholen können. Damit der Ort doch von einer Seite her einen kleinen Verdienst habe, hatte die Regierung dort ein Gymnasium, aus vier Klassen bestehend, unter der Leitung von Piaristenordenspriestern weiter vegetieren lassen. Doch mit jedem Jahre schmolz die Anzahl der Schüler, wuchs die Verarmung der Bürgerschaft. Öde Gassen, ein Marktplatz von grauen, alten, baufälligen Häusern eingefaßt, wo die Höckerin mit ihrem Obstkorb die längste Zeit hindurch das einzige anwesende lebende Wesen war, eine niedrige Kirche mit daranstoßendem Schulgebäude und draußen vor der Stadt, jenseits eines kleinen Flüßchens, ein großes Klostergebäude im nüchternsten aller Stile – so war Schlackenwerth im Jahre 1832.

Es war im Oktober, als mich der Vater an diesen Ort meiner Bestimmung brachte und durch die öden Gassen dem Kloster zuführte, in welchem ich fürderhin meinen Unterricht erhalten sollte. Eine eigentümliche Scheu ergriff mich, als ich die kalten hallenden Gänge durchwanderte, die zu der Zelle des Rektors und des Klassenlehrers führten, mich ihnen vorzustellen. Ein farbloses Licht fiel durch halberblindete Fenster, kein Wesen war in den Korridoren sichtbar, bis wir auf die ärmlichen Gestalten zweier Schüler stießen, die, eine blaue Schürze vorgebunden, in einer tiefen Fensternische die hohen Kanonenstiefel der Herren Professoren wichsten.

Ich hatte in meinen Büchern viel von Klosterzellen gelesen und hatte mir hohe nackte Wände, einen Kasten mit Büchern in Schweinsledereinband, dabei ein Kruzifix und den traditionellen Schädel gedacht – ich fand jedoch wohnliche Zimmer, gut möbliert und ohne jedes besondere mönchische Abzeichen. Pater Nikolaus, mein künftiger Lehrer, ein höherer Fünfziger im schwarzen Talar, erhob sich vom Sofa, empfing uns freundlich. Es war ein ernster, trauriger Mann. Das gelbbraune Gesicht, das spärliche graue Haar, das unter dem schwarzen Käppchen hervorsah, die müden grauen Augen, der zusammengezogene Mund erzählten von einer leidenvollen Vergangenheit. Er versprach, mich unter seine besondere Obhut zu nehmen; ich sollte mit seinem Neffen, der auch eben ins Gymnasium trat, Wohnung und Kost teilen beim Kantor und Schullehrer, Herrn Hessenteufel.

Herr Hessenteufel, Regens Chori an der Stadtkirche und Lehrer an der »Trivialschule«, war trotz seines deutschen Namens tschechischer Abkunft, ein kleiner, untersetzter, schwarzhaariger, olivengrüner, galliger Mann in den Vierzigern, der dem Jähzorn in bedauerlicher Weise unterworfen war und in Momenten des Affekts alle, die er schlagen durfte, Weib, Kinder, Schulkinder, mit dem ersten besten Instrumente, das ihm in die Hand kam, sei es nun Lineal, Bakel, Eßlöffel oder Fidelbogen, über den Kopf zu hauen pflegte. Seine Gattin, eine Frau in den Dreißigern, stammte aus dem Musikantendorf Gottesgab. Sie war vor Jahren umhergezogen, die Herzen der Menschen durch Gesang und Saitenspiel zu erfreuen, und hatte in den Stürmen des Lebens ein Auge eingebüßt. Seitdem sie Frau Hessenteufel war, hatte sie keine Lieder mehr, die Harfe war beiseite gestellt. Niemand hätte ihr mehr eine musikalische Seele zugetraut. In ihrer Ehe bewährte sie eine seltene Fruchtbarkeit. Noch hatte der Säugling kaum mit dem mütterlichen Busen recht Bekanntschaft geschlossen, als der Schoß schon wieder an die bildende Arbeit ging. So war es von Jahr zu Jahr. Diese leidenschaftliche Produktivität entsetzte den Gatten und war wohl der hauptsächlichste Grund seiner wilden cholerischen Ausbrüche. Seine Besoldung mit allen Nebeneinkünften betrug zwischen drei- und vierhundert Gulden. Damit war schwer zu leben. Herrn Hessenteufels Reizbarkeit steigerte sich im mathematischen Verhältnisse zum Zuwachs seiner Familie.

Wohnung und Haushalt, alles trug den Stempel größter Dürftigkeit. Unser Mittagsmahl war elend über jeden Begriff und wechselte Tag für Tag zwischen Klößen und Kartoffeln, selten kam ein Stück gekochtes Rindfleisch auf den Tisch. Nicht besser war es um unsere Schlafstätte bestellt. Eine Kammer, in die tagüber kein Sonnenstrahl drang und von deren Wänden die Nässe troff, war alles, was mir Herr Hessenteufel nach dieser Richtung anbieten konnte. Da wurde mein Bett neben dem seinigen und dem des Professorsneffen aufgestellt.

Ich hatte mich Hessenteufels beiden ältesten Knaben angeschlossen, ihre Tätigkeit interessierte mich. Mit ihnen stieg ich auf den Kirchturm, die Glocken zu läuten, mit ihnen trat ich die Balken, wenn die Orgel unter den Händen ihres Vaters erbrauste.

Der älteste, etwa sieben Jahre alt, ministrierte täglich in der Kirche und verdiente damit einige Kreuzer, die den Einkünften der Schullehrerfamilie sehr zustatten kamen. Auch der Zweitälteste hatte schon ministriert, hatte jedoch seine Leistungen einstellen müssen. Die Kirche fordert nämlich mit Recht vom Ministrantenknaben nebst mehreren moralischen Eigenschaften auch ein Paar ganze Stiefel, damit die beim Knien auf den Altarstufen der Gemeinde zugekehrten Schuhsohlen kein Ärgernis erregen. Dieses Ärgernis hatte stattgefunden und war vorerst nicht zu beseitigen gewesen. So war der junge Mann einstweilen beiseite geschoben worden.

Die Tätigkeit des Erstgeborenen am Altar imponierte mir nicht wenig, ich sah ihn gern in seiner Funktion. Es kam die Adventzeit, die Zeit der »Rorate«, der Frühmesse, nach Rorate coeli, einem Versanfang aus Jeremias, so benannt. Da hieß es zeitig aufstehen und durch den hohen Novemberschnee in die Stadtkirche eilen. Der schmale, halbdunkle Raum, die spärlichen Lichter, die ärmlichen Besucher, das zusammen machte einen eigentümlichen Eindruck. Wie kalt es war! Mich fror in meinen Fausthandschuhen, die schlecht bekleideten Schullehrerknaben klapperten vor Kälte. Allerdings hatten sie es zu einer kleinen Abhilfe gebracht. In irgendeiner Rumpelkammer hatten sie ein großes steinernes Ei gefunden, das wurde vor dem Gange in die Kirche heiß gemacht und mitgenommen. Zuerst wurde es in den Kelch gelegt, damit dieser sich etwas erwärme, dann herausgenommen, und der älteste behielt es bei sich. Der jüngere, der immer ärger fror, rückte immer mehr und mehr heran, gab wohl auch im Schutze des herrschenden Dunkels dem andern einen Puff und raunte: »Das Ei gib her!« – »Du kannst schon warten!« brummte der andere. Der Priester am Altar wendete sich um und sagte: »pax vobiscum!« dann sotto voce: »Verflixte Buben, was habt ihr wieder da untereinander?« – »Et cum spiritu tuo!« erwiderte der Ministrant. »Der Wenzel will mir das Ei nicht geben!« rief der Mißvergnügte herüber, indem er sich grollend entfernte.

 

In seinen ruhigeren Momenten, den kurzen Windstillen, welche zwischen den Stürmen seines Gemüts zuweilen einfielen, las Herr Hessenteufel gern in einem der drei Bücher, aus welchen die Bibliothek bestand: einem vereinzelten Bande der »Messiade«, Wielands »Neuem Amadis« und Schillers »Jungfrau von Orleans«. Diese drei Bücher lernte ich auch bei ihm kennen und las sie wiederholt. Indes war es uns streng untersagt, andere Bücher als unsre Schulkompendien zu lesen, alle übrigen wurden – und nicht nur in der Schule – konfisziert. Von Zeit zu Zeit pflegte der Herr Präfekt zu ungewohnter Stunde in den Wohnungen einzufallen, um nach unerlaubter Lektüre zu forschen. Solche Gänge verbreiteten Schrecken in der Gymnasialjugend, einzelne Schüler machten sich auf und kündigten, von Haus zu Haus laufend, ihren Kameraden an, daß man sich auf eine Visitation gefaßt machen könne. Alles, was nicht Kompendium war, wurde dann sorgfältig versteckt, man atmete aber, da man fast immer etwas geschwärzte Ware im Hause hatte, erst dann auf, wenn man versichert war, daß der Herr Präfekt den Heimweg angetreten. Bei solch einer Visitation, die in unserm Hause in Herrn Hessenteufels Abwesenheit stattfand, wurde nebst einem Bande Hermann und Dorothea, der mir gehörte, auch der »Neue Amadis« mitgenommen. Nur der Band der Messiade und die Jungfrau von Orleans blieben zurück, nach diesen war der Herr Präfekt nicht lüstern gewesen. Erst nach umständlichen Reklamationen erhielt Herr Hessenteufel diesen dritten Teil seiner Bibliothek zurück.

Von Zeit zu Zeit hing Herr Hessenteufel mit uns philosophischen Gedanken über das nach, »was den Menschen zieret«. »Sehen Sie«, sagte er und entwickelte damit einen seiner Lieblingsgedanken, »es gibt ein unfehlbares und nicht allzu schweres Mittel, in den Ruf gediegener Bildung zu gelangen. Man muß sich der Umschreibung bedienen. Der gewöhnliche Mensch sagt z. B.: Ich war in Karlsbad. Nun sagen Sie selbst – das sieht nach gar nichts aus! Drückt sich aber einer so aus: ich habe das benachbarte Weltbad besucht – o, das weckt gleich ein günstiges Vorurteil, man wird als gebildeter Mann erkannt. Sagte ich: ich bin auf dem Heimweg von dort mit der Meinigen eingekehrt, so ist das gar nichts, sage ich aber: ich habe auf meinem Heimwege von dem benachbarten Weltbade eine Zeitlang mit meinem teuren Ehegesponst an kühler Bierquelle gerastet – da versichere ich Sie, daß die Leute den Kopf nach einem umwenden und, wenn man fortgegangen, fragen, wer man ist! Solche Umschreibungen, sehen Sie, gleichen ungemein leicht zu lösenden Rätseln. Daß sich ein jeder ein klein wenig anstrengen muß, sie zu lösen, das ruft Respekt hervor. Merken Sie drum, meine jungen Freunde, wie ich die Umschreibung anwende – es wird Ihnen zustatten kommen.«

Auch seine Gedanken über deutsche Sprache entwickelte er vor seinen jugendlichen Zuhörern. »Ich bin weit herumgekommen«, sagte er, »habe Deutsche aus aller Herren Länder reden gehört, habe aber die Überzeugung gewonnen, daß nur der Böhme gut und richtig deutsch spricht. Mein Gott, was bekömmt man in Sachsen und in Schlesien für ein Deutsch zu hören! Es zerreißt unsereinem die Ohren! Aber einen Fehler hat auch der Böhme mit allen Österreichern, Sachsen und Schlesiern gemein: er spricht immer ein e statt des ö und ein i statt des ü. Nach dieser Richtung hin habe ich mich streng überwacht, und ich schmeichle mir, diese Doppellaute, welche der deutschen Sprache ihren eigentlichen Wortlaut verleihen, wie selten jemand auszusprechen.«

Wenn er drauf zu sprechen kam, pflegte Herr Hessenteufel die breiten wulstigen Lippen so zuzuspitzen, als ob er sie an ein unsichtbares Fagott setzte. Es war auch leicht zu bemerken, daß er mit Vorliebe ungewöhnliche Konjunktive in Anwendung brachte, um sein schönes ö oder ü brillieren zu lassen. »Wenn Du es in Erwägung zögest – wenn man mir eine Krone böte – wenn ich dies je erführe – daß doch der Bäcker bald besseres Brot büke – wenn Du mir eine Wurst brätest« – in solchen und ähnlichen Sätzen feierte Herr Hessenteufel wahre Triumphe ...

Eine eigentümliche Institution dieses Gymnasiums, die schon in der zweiten Klasse ins Leben trat, war das sogenannte Signum. Die erlangte Kenntnis des Lateinischen sollte nämlich dazu verwendet werden, daß wir Schüler auch untereinander und außer der Klasse lateinisch sprächen und dasselbe so zur Geläufigkeit ausbildeten. Um diese Monstruosität lateinischer Unterhaltung aufrechtzuerhalten, dazu war das Signum da.

Das Signum war ein winziges Büchlein, eben groß genug, um in der Hosentasche eines Knaben Platz zu finden. Es wurde vom Professor zuvörderst einem Knaben übergeben, der sich seines besonderen Vertrauens erfreute, und dieser mußte nun wandern und mit dem Büchlein ausziehen, bis er einen das Sprachverbot Übertretenden fand. Beim ersten deutschen Wort, das in der Rede vorkam, wurde dem Übertreter das Signum zugeworfen. Dieser mußte es bei schwerer Strafe annehmen, Namen und Tag des Empfanges darin notieren und zusehen, wie er es wieder loswurde. Für jeden Tag, an dem man das Signum behielt, wurde man mit einer schriftlichen Ausarbeitung gestraft, die jeder öftere Empfang des gefährlichen Büchleins empfindlich steigerte. Es gab Jungen, die sich des Signums bald wieder zu entledigen wußten, und gab andere, die es wochenlang bei sich trugen. Daß die wohlgemeinte Einrichtung demoralisierend wirkte, liegt auf der Hand. Der mit dem Signum Behaftete mußte auf die Lauer gehen, hinter Hecken lauschen, an Fenstern und Türen horchen. Mancher falsche Eid, daß man das Signum nicht bei sich trage, wurde geschworen: im Moment darauf flog das schnöde Buch aus der Tasche. Es wurde kein Mittel gescheut, es an den Mann zu bringen.

Das Signum hatte übrigens den Nutzen, daß wir Knaben geläufig, wenn auch schlecht genug, Latein reden lernten, und dies Latein war fast der einzige Gewinn dieser drei Jahre. Dem Griechischen wurden wöchentlich nur ein paar Stunden gewidmet, und keiner kam über die erste Konjugation hinaus. Auch der Unterricht in Mathematik, Geographie, Geschichte war äußerst dürftig. Das Griechische habe ich später unter der Anleitung meines Vaters nachgeholt, der ein perfekter Grieche war; in der Mathematik aber bin ich zeitlebens nicht vorwärts gekommen, ja ein Ignorant geblieben.

 

Der Sommer kam, und eine abermalige Rückkehr Frau Hessenteufels zu interessanten Umständen hatte die Aufnahme einer Magd nötig gemacht. Diese war ein ungemein schönes Mädchen von höchstens neunzehn Jahren mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, gewachsen wie eine Königin. Sie war eine Waise, hieß Viktoria und hatte ein sehr gutes Herz. Einmal, als ich mit ihr nach Joachimsthal wanderte, wo wir eine befreundete Müllerin heimsuchen wollten, und die Stiefel mich drückten, zog die schöne Viktoria ihre Schuhe aus, lieh sie mir und ging barfuß nebenher. Jeden Nachmittag pflegte sie mit den kleinen Schullehrerkindern in den Schloßgarten zu gehen, wo es etwas zu sehen gab, wenn Kurgäste aus Karlsbad angefahren kamen.

Eines Nachmittags kam die schöne Viktoria aufgeregt mit hoch geröteten Wangen heim. Sie rief Herrn und Frau Hessenteufel herbei und begann in abgerissenen Sätzen zu erzählen. Ein prachtvoller Wagen, auf dessen Bock ein Jäger mit wallendem Federbusch neben dem Kutscher saß, war vorangefahren, eine Reihe von Equipagen hinterdrein. Ein hochgewachsener Herr, vor welchem die Diener mit abgezogenen Hüten stehen blieben, schien der Mittelpunkt der Gesellschaft zu sein. Beim mittleren Pavillon war eine Tafel prächtig zum Nachmittagkaffee gedeckt. Die Herrschaften waren auf und ab promeniert, da seien einige Herren an der Bank vorübergekommen, auf der sie, die Viktoria, mit den Kindern gesessen. Einer derselben, eben der hochgewachsene, vor dem alle sich verneigten, sei freundlich auf sie zugetreten und habe gar leutselig allerlei Fragen an sie gestellt: Bei wem sie im Dienst stehe? Ob ihre Eltern noch leben? Ob sie nicht ihr Los zu verbessern wünsche und derlei mehr. Bald nachdem sich der Herr entfernt, sei ein zweiter gekommen und habe ihr gesagt, sie möge ihren jetzigen Dienstherrn ersuchen, sie sofort zu entlassen, da der regierende Herzog von ..., von ihrem freundlichen Wesen eingenommen, willens sei, sie bei einer der Hofdamen unterzubringen.

Schon während der Erzählung des Mädchens war der gute Schullehrer mächtig aufgebraust. »Diese Sprache müßte man nicht kennen!« fuhr er auf. Der Versucher lasse sich sanft und süß an und verspreche schöne Dinge; in Wahrheit wolle er leibliches Verderben und den Tod der Seele. Der genannte Herr stehe im Rufe, allen Frauenzimmern nachzustellen, er werde wohl daheim ein Serail wie ein Türke haben. Möge doch die Törin, die das alles unbefangen erzähle, einsehen, daß es sich nicht um ihr Glück, sondern um ihr Verderben handle. Er entlasse sie nicht, eher rufe er die Polizei um Beistand an. Er fasse die Stellung eines Dienstherrn nicht bloß äußerlich, sondern auch im moralischen Sinne als die eines Vormundes an. Träte der gekrönte Mädchenräuber in diese Stube, er solle die ihm gebührende Strafpredigt hören ...

So wild gebärdete sich Herr Hessenteufel, so laut reporierte er, daß er das Klopfen an der Türe ganz überhörte. Da trat ein Kammerherr ein und begehrte höflich, mit dem Herrn Schullehrer unter vier Augen zu sprechen.

Die beiden Männer gingen in das Nebenzimmer.

Die Verhandlungen dauerten wohl eine Viertelstunde. Wir lauschten, vor Neugier und Unruhe verzehrt. Da entfernte sich der Kammerherr, und Herr Hessenteufel trat wieder in den Kreis der Seinigen.

»Es gibt Momente«, wendete er sich mit großer Feierlichkeit an uns alle, indem er sich den Schweiß von der dunkelroten Stirn trocknete, »es gibt Momente, die über ein ganzes Leben entscheiden! Ein solcher ist dagewesen. Viktoria verläßt uns. Die Weltgeschichte lehrt, daß junge Mädchen bisweilen ein großes Glück an Höfen gemacht haben. Ich will niemandes Glück im Wege stehen. Ziehe denn hin, Viktoria, da Du es wünschest, und vergiß nie, daß Du es bei uns gut gehabt hast.«

Am folgenden Tage hatte uns die schöne Viktoria unter Tränen verlassen, um sich in Karlsbad dem Gefolge Serenissimi anzuschließen und bald nachher abzureisen.

Am nächsten Sonntage hatten wir Schweinebraten. Das war ein gar ungewohntes Essen auf dem Tische der armen Schulmeisterfamilie, die nur von Kartoffeln, Nudeln und Klößen zu leben pflegte. Als der Braten aufgegessen war, wischte sich Herr Hessenteufel den fettglänzenden Mund und sagte:

»Einen so saftigen Braten habe ich lange nicht gegessen. Er hat mir geschmeckt – sehr geschmeckt, muß ich sagen – und doch –«, er hielt eine Weile still, indes er sich pathetisch erhob –, »träte der Versucher noch einmal über diese Schwelle –«, er spitzte die Lippen, wie wenn er dieselben an das unsichtbare Fagott setzte –, »böte er mir noch einmal von seinem Mammon, ich würde ihm sagen: Satanas! Hebe dich fort von mir. Es war doch ein Sündengeld, ja ein Sündengeld. Aber reden wir nicht mehr davon. Oh, daß es dem Menschen so selten vergönnt ist, in dieser Welt seine Pflicht zu tun und edel zu handeln, ohne dabei auf den Schweinebraten verzichten zu müssen!«

Nachdenklich saßen wir um den Tisch und weihten der Entlassenen eine stille Erinnerung.

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