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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 2
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authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
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Kindheit in Nordböhmen

Teplitz, das jetzt zu einer ganz bedeutenden Bade- und Fabrikstadt herangeblüht ist, war vor einem halben Jahrhundert nur ein mäßig besuchter Kurort, dessen jährliches Fremdenkontingent wenig über tausend Personen betrug. Das heute mit Teplitz zusammengewachsene Schönau stand damals noch ziemlich weit abseits und hatte, die Badeanstalten abgerechnet, noch einen rein dörflichen Charakter. Die Stadt und Dorf verbindende Mühlstraße bestand aus einer ganz lückenhaften Reihe einzelner zerstreuter Wohnungen, die sich an eine kahle, steinige Bergwand lehnten und den Ausblick auf Felder und einen weiten Wiesengrund hatten. Dort lief ein Bach zwischen uralten Weiden hin, dort weideten Kühe, und eine primitive Mühle, die sogenannte Pulvermühle, tummelte dort ihre Räder. Dieser einsamen Mühle gegenüber hatte sich mein Vater nach bewegten Wanderjahren als Badearzt niedergelassen und sich ein nur einstöckiges, aber nettes und wohnliches Haus gebaut. Von den beiden hüttenähnlichen Wohnungen in unserer Nachbarschaft gehörte die eine einem Vogelhändler, die andere dem »Dresdener Boten«, Kuhmann. Dies Haus, das wir allein bewohnten – es war geschlossen, und wer bei uns erscheinen wollte, mußte den stets blanken messingenen Glockenzug benutzen, was für Teplitzer Gewohnheiten neu war –, bildet mit seinem Garten den bescheidenen Hintergrund meiner Erinnerungen aus der Knabenzeit. Der Vater hatte denselben dem Geröll der nackten Klingsteinwand abgewonnen, indem er Terrassen aufführen und fruchtbare Gartenerde hinaufschaffen ließ, was den Kostenvoranschlag seines Baues sehr stark modifizierte. In der Zeit, da ich ihn in meiner Erinnerung vorfinde, ist »der Berg« schon mit schattenden Bäumen bewachsen. Die Hecken sind dicht, die Gebüsche hoch, Singvögel sind in sie eingezogen. Man kann von Absatz zu Absatz teils auf Treppen, teils auf bequem gewundenen Wegen bis zur Höhe des »Judenbergs« – jetzt Königshöhe genannt – heransteigen, wo mitten auf dem kahlen Plateau ein barocker Bau, eine Restauration stand, die wegen der an ihr angebrachten Zieraten, aus Schlacken geformt, die »Schlackenburg« hieß. Auf jeder Terrasse ist eine Laube oder ein Sommerhäuschen, mit Kletterrosen, Efeu und Nachtschatten umrankt, angebracht, die Birken aber mit der silberweißen Rinde, die auf einem sanfteren Abhang stehen, bilden bereits ein Wäldchen. Da steht ein grünangestrichener Tisch, welcher an schönen warmen Abenden zum Nachtmahl gedeckt wird; man hat von der Bank aus eine prachtvolle Aussicht einerseits auf die Stadt in der Ferne mit dem von Gärten umgebenen Claryschen Schlosse, vor dem der Turm der Dechantkirche zierlich emporragt, anderseits auf Dorf Schönau mit dem daran grenzenden Turner-Park. Die lachende, fruchtbare Ebene zwischen dem Erzgebirge und dem böhmischen Mittelgebirge ist von unaussprechlichem Reize.

Die erste Sprache, die ich erlernte, war die englische. Meine Mutter, eine Schottin von der Insel Bute, war damals des Deutschen noch gar wenig mächtig, und alles Gespräch im elterlichen Hause wurde englisch geführt. Schottische Lieder sind die ersten Dichtungen gewesen, die ich vernahm, noch in späten Jahren sind mir viele Fragmente davon im Gedächtnisse geblieben und üben einen eigentümlichen Reiz auf mich aus. Ebenso war Percys Sammlung altenglischer und schottischer Balladen eines der ersten Bücher, das ich in die Hand bekam.

Meine Kindheit hatte wenig Gespielen. Ich war das einzige, das zuletzt übriggebliebene Kind, nachdem zwei Schwesterchen vor mir gestorben, und hatte, da ich den Unterricht im Hause genoß, nicht einmal Schulkameraden.

Im Sommer sahen die Eltern viel Besuch bei sich, zwei Figuren blieben besonders im Gedächtnis des Knaben haften, weil sie auf die Fantasie wirkten. Es war dies eine alte Gräfin Stollberg, die mit ihrem Krückenstock mir noch heute wie eine Figur aus Theodor Amadeus Hoffmann erscheint, und der Freund meiner Eltern, ein uralter polnischer General Klicki, der aus der Geschichte der napoleonischen Kriege her einen Namen hatte. Alljährlich kam er mit seinem Reitpferd und seinem Hund Fido nach Teplitz. Wenn er seinen Morgenritt machte, pflegte er den Knaben abzuholen, setzte ihn vor sich aufs Pferd und nahm ihn im Trab durch die nahen Wiesen, Dörfer und Felder mit sich. Kein Wunder, daß ich mit zärtlicher Liebe an dem alten Herrn hing.

Alljährlich besuchten uns zwei Persönlichkeiten, die ihre warme Freundschaft für meinen 1807 verstorbenen Großvater auf meinen Vater übertragen hatten: Frau Elise von der Recke und deren Freund Tiedge. Es waren zwei Liebesleute, von denen eines in den siebziger Jahren, das andere am Rand der Sechzig stand. Sie blickten auf eine Bekanntschaft von einigen vierzig Jahren zurück, hatten mehrjährige Reisen miteinander gemacht, verharrten aber einander gegenüber in einem sonderbaren Ton, der aus Überspannung und Reserve gemischt war. Tiedge hatte die Haltung eines ritterlichen Toggenburg, Elise die einer edlen Burgfrau einem Troubadour gegenüber beibehalten. Beide waren im Besitze bedeutender Mittel, reisten mit Kammerdiener und Kammerjungfer, nahmen jedoch ihr Absteigequartier regelmäßig bei uns, wo dann streng darauf gesehen werden mußte, daß alles nach ihren Gewohnheiten hergerichtet werde, was ohne Umständlichkeiten nicht möglich war. Vor allem anderen durfte keine allzugroße Nachbarschaft der Schlafzimmer Raum zu Mißdeutungen geben. Es waren zwei herzensgute, vortreffliche Menschen absonderlicher Art, die den Verkehr mit abgeschiedenen Geistern für möglich hielten und herzlich ersehnten und in einer Gedankenwelt lebten, die sie selber erbaut.

Wenn ich von Teplitz nach Schönau ging, mußte ich an dem – nunmehr verschwundenen – Kirchhof vorüber, wo das Grabmal des russischen Generals Millesimo, das des Fürsten Anhalt-Pleß und mehrere Kreuze bei Kulm gefallener Krieger zu sehen waren. Am öftesten hielt ich da vor einem liegenden Grabstein betrachtend still. War's, daß ich damals meinte, auf jedem Grabe müsse ein Kreuz stehen, und ich hier nur einen breiten, flachen Stein sah, den junge Eichen beschatteten, war's, daß ich zu Hause öfter von dem Grabstein sprechen hörte – ich betrachtete denselben immer mit einer gewissen scheuen Ehrfurcht. Kamen nun Elise von der Recke und ihr alter Gesellschafter zu uns, so wurde ein gemeinsamer Gang zum Grabstein gemacht, denn diese zwei hatten ihn legen lassen und die Eichen davor gepflanzt, weil der, der darunter lag, sich im Leben als treuer und charaktervoller Deutscher bewährt habe. Nun erfuhr ich erst, daß das Grab einen Dichter, Gottfried Seume, berge, der die allergrößte Unbill des Schicksals erfahren, indem er von seinem Landesvater an die Engländer verkauft worden sei, damit er in Kanada gegen die Verteidiger der Freiheit kämpfe. Seumes Gedichte standen im Schranke meines Vaters, ich las sie, suchte das Weitere über den Soldatenhandel deutscher Fürsten im vorigen Jahrhunderte und Seumes Schicksal insbesondere zu erfahren und kann wohl sagen, daß dadurch ganz absonderliche Gedankenkeime in meine Seele kamen.

Das Ende des Jahres 1830 hatte die mächtigen Kämpfe in Polen gebracht. Die Teilnahme aller freisinnigen Zeitgenossen begleitete die Ereignisse, und auch bei uns im Hause wurden die Kämpfe um Warschau mit atemloser Spannung verfolgt.

Eine Wiederherstellung Polens auf Kosten Rußlands erschien nicht nur als Akt der Gerechtigkeit, sondern als Akt politischer Klugheit, insofern damit ein Sturmbock gegen asiatische Barbarei geschaffen werden sollte. Polen hatte ja jahrhundertelang als selbständiges Reich bestanden, hatte seine Waffen nie zur Eroberung außerhalb seiner Landesgrenzen getragen, sondern sein Schwert zur Verteidigung der Christenheit gegen den Islam gezogen. Man vergaß, wie die selbstsüchtige Willkür des polnischen Adels den Bauer durch unmenschliche Leibeigenschaft gedrückt. Die enthusiastische Sympathie aller Liberalen begleitete die polnische Sache. Wilhelm Müller, Mosen, Graf Platen schrieben Polenlieder. Aber Polens Untergang war nicht aufzuhalten, Warschau fiel, und es ward stille an den Ufern der Weichsel.

Tausende von Polen wanderten nun aus und zogen nach Frankreich. Teplitz lag auf einem Übergangspaß nach Deutschland. Flüchtlinge trafen mit Empfehlungen Bekannter bei uns ein, nächtigten bei uns, wurden mit Geldmitteln versehen und weitergeschafft. Besonders unser alter Freund, General Klicki, war unermüdlich, uns zerzauste Männer in verschnürten Röcken und mit viereckigen Mützen zuzusenden, denen dann der Dresdener Bote Kuhmann, unser Nachbar, den Weg über die Grenze wies. Die Behörden drückten, wenn die Persönlichkeiten nicht Rußland gegenüber besonders graviert waren, ein Auge zu. Ich gewöhnte mich daran, in diesen Männern, die für die Unabhängigkeit ihres Vaterlandes mit dem Säbel in der Faust eingestanden und nun arm und entblößt ins Exil hinauszogen, romantische Gestalten, die eigentlichen Helden der Zeit zu sehen.

Um diese Zeit, da die Politik alle Gemüter in Anspruch nahm, wurde ich Augenzeuge eines kleinen Ereignisses, das meinem Gedächtnisse für immer eingeprägt bleiben sollte. Es war im ersten Frühjahr, um die Mittagszeit, die Mutter stand in der Küche, ich neben ihr. In der Bratröhre schmorte ein mächtiger Kalbsbraten und wurde unter der Mutter Anleitung von der Köchin fleißig mit Fleischbrühe begossen. Da stürmt jemand die Treppen hinauf; es ist der Vater, der kurz zuvor ausgegangen war. Einige Minuten darauf schießt er, sehr aufgeregt, den Arm mit Makulatur beladen, in die Küche und stößt in größter Hast das bedruckte Papier in den Küchenherd, daß die Flammen hoch auflodern. Gleichzeitig erscheint von der Hofseite her ein sogenannter »Grenzjäger« mit Militärkappe und Gewehr und springt auf den Ofen los, um die hineingeworfenen Papierstöße hervorzuziehen.

Das will ihm der Vater wehren, und es gibt einen wilden Auftritt. Den Grenzjäger verleitet seine Aufregung zur größten Unvorsichtigkeit, er greift mitten hinein in die Flammen, zieht aber beide Hände schrecklich verbrannt zurück. Der wilde Angreifer windet sich jetzt vor Schmerz und jammert ganz erbärmlich. Den Vater hat auch der Zorn verlassen, er leert eine Flasche Olivenöl auf einen Teller und beginnt dem Manne die verbrannten Hände zu salben, die Mutter ist hinausgelaufen und bringt aus dem Nähzimmer Watte herbei. Das alles sieht der erschrockene Knabe durch den Qualm, den die brennenden, auf den Steinfliesen rauchenden Papierstöße erzeugen. Endlich läuft der Grenzjäger mit den verbrannten, eingewickelten Händen jammernd davon.

Was bedeutet das alles? Mein Vater war ein Abonnent des – natürlich verbotenen – »Nürnberger Correspondenten«. Allwöchentlich brachte Kuhmann die Nummern; von diesem holte sie mein Vater, um sie auf einsamem Spazierwege zu lesen. Aber längst war er schon dieser Gesetzesübertretung verdächtig.

Der Grenzjäger lauerte ihm auf, war ihm nachgelaufen, um das corpus delicti und wohl auch die daheim aufgehäuften Beweise längeren verbotenen Zeitungsbezuges zu fassen. Der Vater hatte noch eben das Haus erreicht und die äußere Tür verriegelt, da war der Grenzjäger durch den Garten und die Hintertüre eingedrungen.

Es folgten Haussuchungen, Vorladungen, Verhöre. Schließlich wurde mein Vater wegen »heimlichen Bezugs ausländischer mit dem non admittitur bezeichneter Zeitungen« in eine namhafte Strafsumme verurteilt. Ein ganzer Aktenstoß über diese Angelegenheit war nach Prag ans »Gubernium« gegangen und zog meinem Vater dort namentlich beim Landeschef, Grafen Chotek, eine böse Note zu. Das alles hatte der arge »Nürnberger Correspondent« verschuldet.

 

Von der Höhe des Schloßbergs hatte einst im August 1813 die ganze Bevölkerung von Teplitz dem Donner des groben Geschützes gelauscht und der ewig denkwürdigen Schlacht zwischen Kulm und Nollendorf zugesehen, in welcher Ostermann das Corps Vandammes gefangennahm. Es gab noch Leute, die jede Position, jedes Manöver der alliierten Armeen und der Napoleons beschreiben und erklären konnten.

Bald darauf hatte der Teplitzer Kongreß stattgefunden, wo zwei Kaiser und ein König sich in der ihnen neuen Rolle des Siegers befanden; gekrönte Häupter von allen Rangstufen, zwanzig Generäle, den Fängen des napoleonischen Adlers entgangen, hatten demselben beigewohnt. Da hatten die tapferen und treuen deutschen Fürsten mit ihren frommen Ministern das neue deutsche Reich aufzurichten beschlossen. Und Losung ward, das wieder zu erlangen, was für die Machthaber, für die Throne und ihre Stützen, die bevorrechtigten Stände, an Berechtigungen verlorengegangen war. Es kam das Deutschland der Karlsbader Beschlüsse und der Mainzer Zentral-Untersuchungskommission. Die Patriotenpartei wurde vernichtet und wanderte ins Gefängnis, der schauderhafteste Byzantinismus kam an die Tagesordnung. Abspannung und Ermüdung hatten die Welt überkommen und schienen der Charakter der Zeit bleiben zu wollen.

Infolge der noch frischen Waffenbrüderschaft waren die Beziehungen Preußens und Österreichs sehr intim. Viele Jahre nacheinander kam Friedrich Wilhelm III. nach Teplitz, wo er auch ein Militärbadehaus für preußische, der dortigen Bäder bedürftige Krieger gegründet hatte. Da gab es denn Ausfahrten in sechsspänniger Karosse, Konzerte im fürstlich Claryschen Schloßgarten, bei anbrechender Nacht Feuerwerk. Ein paarmal im Sommer wimmelte es von den buntesten Uniformen: Die Gedenktage von Kulm und Arbesau wurden von österreichischer wie von preußischer Seite gemeinsam mit feierlichem Glockengeläut und unter dem Donner von Kanonen begangen. Auch die Friedrich Wilhelm III. in morganatischer Ehe angetraute Gräfin Harrach, jetzt Fürstin von Liegnitz, traf jeden Sommer in Teplitz zur Badekur ein.

Vielen im Orte schien die Sonne der königlichen Gnade, aber niemand empfand die Gunst des preußischen Monarchen lebhafter als der Teplitzer Bürgermeister. Er hieß Josef Wolfram, war ein Deutschböhme und Opernkompositeur. Schon als kleiner Beamter, Magistratsrat in Graupen, hatte er eifrigst komponiert. Es gelang ihm endlich, eine Oper, »Die bezauberte Rose«, vom Dresdener Schriftsteller Eduard Gehe nach Schulzes Gedicht zugerichtet, in Dresden zur Aufführung zu bringen. Nun, von Graupen nach Teplitz versetzt, brachte ihn sein Amt in Berührung mit dem König. Er gewann dessen Wohlwollen durch Geschmeidigkeit und gute Manieren, und fortan ging jedes Jahr eine Oper von Wolfram auf der Berliner Hofbühne in Szene. Denn Wolfram war sehr produktiv. Es war für ihn das leichteste in der Welt, zwischen der Ausfertigung zweier magistratlicher Aktenstücke ein großes Duett oder Terzett zu Papier zu bringen. Der »bezauberten Rose« folgten »Die Normannen in Sizilien«, »Prinz Lieschen«, der »Bergmönch«, das »Schloß Candra«. Auf allerhöchsten Wink öffnete sich diesen Werken eine Bühne, die selbst einem Karl Maria von Weber so lange verschlossen und, während Spontini regierte, so unfreundlich gewesen war. Der »Bergmönch«, das »Schloß Candra« wurden glänzend ausgestattet und wiederholt gegeben, worauf dann dem Berliner Hoftheater manch andere Bühnen folgten. Erstaunt vernahmen wir, welches Genie unter uns wohne, und konnten diese Erfolge kaum begreifen. Endlos habe ich als Knabe vom »Schloß Candra« reden hören, bis es vor meiner Fantasie architektonisch zur höchsten Höhe emporwuchs, denn Bürgermeister Wolfram pflegte uns im Winter ganze Akte daraus am Klavier vorzutragen. Daß sich seine Werke über das Niveau der Mittelmäßigkeit erhoben, möchte ich sehr bezweifeln; der Mann aber ist ein denkwürdiges Exempel dafür, was, namentlich bei einem Opernkompositeur, die Gunst zufälliger Verhältnisse, zumal die Gunst eines Königs vermag. Auf dem Theater ist Schein und Blendwerk zu Hause. Als sein Gönner nicht mehr war, gab es auch keinen Wolfram mehr. Seine Partituren fielen ihrem Verhängnis anheim. Selbst aus den musikalischen Lexikons, in denen er seinerzeit einen breiten Raum eingenommen, ist sein Name verschwunden.

 

Ein großer Vorzug von Teplitz war in den Augen meines Vaters die Nähe seiner Vaterstadt Dresden. Dort lebte die einzige Schwester, die ihm erhalten geblieben war; jahrelange Abwesenheiten hatten an den herzlichen Beziehungen der beiden Geschwister nichts geändert. Alljährlich pflegte Tante Bianca uns mit ihrer Familie zu besuchen; es war für uns alle ein Fest.

So war denn auch die erste Fußreise, die ich mit meinem Vater unternahm, nach Dresden gerichtet. Wir wanderten über die Nollendorfer Höhe nach Tetschen, zogen durch das herrliche Elbtal und langten am dritten Tage durch den Odewalder Grund in Dittersbach an. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Fußgänger. Als junger Arzt war er in Nachahmung Seumes zu Fuß von Paris quer durch die Schweiz nach Mailand gegangen; er hatte dazu zweiunddreißig Tage gebraucht.

Dittersbach und Eschdorf waren zwei Güter meines Onkels, beide am Eingang der Sächsischen Schweiz gelegen. Sie hatten schon den romantischen Charakter derselben. Im Schlößchen war es schön und wohnlich. An meinen beiden Vettern Gustav und Erwin hatte ich liebe Kameraden. In nächster Nähe gab es herrlichen Wald und eine von wildem Wasser durchrauschte Schlucht; man konnte sich stundenlang, drin ergehen und die schönsten Räuberspiele aufführen. Ein reizender Weg, einerseits von Felsen und Tannen, andererseits vom wildrauschenden Bache begrenzt, lief zu einer kleinen auf dem Felsen stehenden Einsiedelei, eine Brücke über dem Wildwasser führte dahin. Weiterhin bot ein Schweizerhaus mit freiem Altane eine Aussicht auf Dresden und dessen Umgegend. So gelangte man zur Schönhöhe, dem eigentlichen Aussichtspunkt des Gutes. Von dort konnte man die schwarzen Basaltsäulen von Stolpe mit freiem Blick erkennen, von der anderen Seite boten sich die Sandsteinkegel der Sächsischen Schweiz dar, von der Elbe durchzogen, von Wäldern umgeben. Dort, auf der Schönhöhe, hatte mein Onkel ein Belvedere bauen lassen, das er mit Fresken schmücken ließ: die Darstellungen waren aus Goethes Balladenkreis gewählt.

Kaum minder gut gefiel es mir in Dresden. Mein Onkel, J.G. von Quandt, als Kunstkenner und Kunstschriftsteller in großem Ansehen stehend, hatte sich sein Haus auf der Neustadt mit prachtvoller Aussicht auf die Elbufer nach Art eines italienischen Palazzo eingerichtet und eine Enfilade von neun Zimmern im ersten Stockwerk ganz mit Gemälden angefüllt. Es waren teils Werke alter Meister, die der erfahrene Bilderfreund in italienischen Klöstern und Villen aufgestöbert, teils moderne Bilder, die er bei noch lebenden Malern bestellt hatte. Neben seltenen Fiesoles, Filippo Lippis und Francesco Francias sah man prachtvolle historische Landschaften von den Deutsch-Römern Koch, Rohden, Schick, Bonaventura Genelli. Alle Zimmer der Bel-Etage waren mit grünem Damast tapeziert oder mit Stuck bekleidet, aber völlig unbewohnt. Nur die nach Dresden kommenden Fremden durchzogen sie mit der Lorgnette in der Hand. Hinten, in einem unermeßlichen Bibliothekzimmer, seinem Sanktuar, hauste mein Onkel unter Tausenden von Büchern. Man kam, wenn man zu ihm wollte, an einer auf hohem Postamente ragenden Büste Goethes vorüber, sie war von Christian Rauch, Original und aus karrarischem Marmor, ein Meisterwerk. Sie hatte hier eine symbolische Bedeutung. Mein Onkel war ein Goetheaner, wie es selten einen gab. Er besaß alle älteren Ausgaben Goethescher Schriften sowie alle Bücher über denselben. Goethe war ihm der Mittelpunkt einer Welt. Ein philosophischer Lebenskünstler und Epikuräer, im höchsten Grade gelehrt, geistreich, witzig, liebte er es auch wie Goethe, jeden unangenehmen Eindruck von sich fernzuhalten. Allerdings hatte er bereits mit dem Unglück Bekanntschaft gemacht – so hatte er, der leidenschaftliche Baumeister, bei einem Sturze von einem Gerüste beide Beine gebrochen und hinkte an einem Stocke –, das focht aber seinen philosophischen Optimismus nicht an. Allerdings half ihm der Besitz von Wagen und Pferden, seine Lahmheit leichter zu tragen als tausend andere. Er ahnte noch nicht, daß ihm die furchtbarsten Heimsuchungen des Schicksals für die letzten Lebensjahre aufgespart seien.

Bei diesem meinem ersten Aufenthalt in Dresden sollte ich auch einen der berühmten literarischen Abende bei Ludwig Tieck erleben. Tieck, der, wenn er nach Teplitz kam, meinen Vater zu konsultieren pflegte, war mir schon längst bekannt, ein kleiner, gedrungener Mann, dessen wunderbar tiefbraune, geradezu lichtsprühende Augen in meiner Erinnerung unvergänglich leben.

Er wohnte auf dem Altmarkt in einem schwarzen Hause, einem Kaufmann gehörig, eine Treppe hoch.

Wir betraten einen Salon, der gut beleuchtet und mit vielen Bildern geziert war. Längs der Wände standen Kanapees und Divans. Eine zahlreiche Gesellschaft, aus Herren und Damen bestehend, war anwesend. Am Teetische präsidierte eine alte Dame mit einem grünen Augenschirme, vornehm, in aristokratischer Gemessenheit: es war dies des Dichters Freundin, die Gräfin Finkenstein. Zwei ältere Fräuleins unterstützten sie in ihrer Tätigkeit: die eine derselben war Dorothea Tieck, die Tochter des Dichters. Nachdem uns eine Tasse Tee gereicht worden, setzte sich Tieck an ein Tischlein, auf dem ein niederer Armleuchter stand, ergriff ein dort liegendes Buch und begann mit einer wunderbar wohllautenden Stimme die Vorlesung eines Theaterstückes.

Vergeblich suchte ich mich in diesem zurechtzufinden, denn siehe da, schon das Personenverzeichnis war von einer verblüffenden Seltsamkeit. Da war ein Herr von Fuchs, der einen Hausfreund namens Fliege hatte, dann ein Herr Geier, ein Herr Rabe und ein Herr von Krähfeld; ich wurde nicht klug daraus, ob ich es mit einer menschlichen Gesellschaft oder mit redenden Tieren zu tun habe. Im Grübeln darüber schlummerte ich ein.

Viele Jahre später erfuhr ich, daß das Stück, welches Ludwig Tieck uns vorgetragen, Ben Jonsons »Volpone« gewesen sei.

 

Durch die Kriegsereignisse von 1831 war die Cholera aus Asien nach Europa verschleppt worden und nahm von Polen aus den Gang nach Westen. Die schreckliche Seuche trat, ganze Strecken überspringend, auf den verschiedensten Punkten auf, von der sporadischen Form zur wirklich asiatischen sich steigernd. Die Welt wurde beim ersten Erscheinen der Epidemie von einem ungeheuren Entsetzen erfaßt. Man zog Militärkordons, man errichtete Quarantänen. Aber das Kontagium spottete aller Absperrungsmaßregeln. Es verbreitete sich immer weiter. Es folgten die großen Epidemien von Paris, Berlin, London, die Tausende und aber Tausende von Opfern forderten.

Noch gehörte das nördliche Böhmen zu den verschonten Strecken, als aber in Prag und in Brünn zahlreiche Fälle mit tödlichem Ausgang vorgekommen waren, wurde auch das Kurpublikum von Teplitz sehr beunruhigt. Man sprach von nichts anderem als von dem schrecklichen asiatischen Gaste. Jeder Brief, der, durchräuchert und von Nadeln durchstochen, die Zeichen der Quarantäne an sich trug, war ein Gegenstand des Grauens.

Noch nie war die Fremdenfrequenz eine so geringe gewesen, und doch stand die Saison auf ihrem Höhepunkte. Am zweiten Juni hatte in der Teplitzer Schloßkapelle die Trauung des Fürsten Wilhelm Radziwil mit der Gräfin Mathilde Clary stattgefunden, bei dieser Gelegenheit wurde ein Volksfest auf einer Wiese bei Teplitz abgehalten, bei welchem viel geschmaust und getrunken wurde. Dies Volksfest wirkte verderblich. Von den Landleuten, die den ganzen Tag getanzt hatten, erkrankten viele unter Symptomen der Cholera und starben plötzlich. Der fürstlichen Familie blieb dies nicht verhohlen, sie untersagte einen Bürgerball, der am nächsten Sonntag stattfinden sollte. Dennoch fuhr der Magistrat fort, das Dasein der Krankheit zu leugnen und ergriff keine Maßregeln gegen dieselbe. Fast täglich hörte man von neuen Todesfällen; man suchte sie zu vertuschen, die Toten wurden in der allerersten Morgenfrühe, fast noch in der Nacht, in aller Stille bestattet. Es war kein Zweifel mehr übrig, daß die Cholera im Orte immer mehr um sich griff. Diese Tatsache war auch jenseits der Grenze bekannt, und sicheren Nachrichten zufolge stand es in Aussicht, daß von sächsischer Seite demnächst ein Militärkordon aufgestellt werden sollte.

Nie vergesse ich den Nachmittag, an welchem mein Vater, der zu einem Kranken in der Judengasse abgerufen worden war, bei seiner Rückkehr schnurstraks auf sein Zimmer ging und dieses hinter sich abschloß. Es war geschehen, um die Kleider zu wechseln und die Hände mit Chlorwasser zu reinigen. Der Vater war nämlich bei einem Kranken gewesen, bei dem die Diagnose nicht schwerfiel: Das unstillbare Erbrechen, der Abgang reiswasserähnlicher Flüssigkeiten, die bläuliche Hautfarbe, die furchtbaren Krämpfe, durch welche die Gliedmaßen bald steif gestreckt, bald wild umhergeworfen wurden, sprachen deutlich genug. Mir fiel an diesem Tage der Ernst meiner Eltern bei ihrem gewohnten Abendspaziergang nach Turn auf. Ich horchte auf jedes Wort, das sie miteinander sprachen. Mein Vater erzählte, daß er zum Bürgermeister gegangen sei und die Anzeige des von ihm konstatierten Cholerafalles erstattet habe. Er habe darauf gedrungen, daß der Kranke gehörig isoliert werde und daß für Desinfizierung der ganzen äußerst schmutzigen und verwahrlosten Gasse, in der der Krankheitsfall vorgekommen, Anstalten getroffen würden. Zum mindesten müsse das Haus abgesperrt und der Zutritt in dasselbe – es war ein Kaufladen darin – verhindert werden. Wolfram hatte geantwortet: »Wo denken Sie hin. Das würde die Stadt, die ohnehin von Besorgnis erfüllt ist, ganz in Alarm bringen. Polizei vors Haus stellen, vielleicht gar eine schwarze Tafel aufhängen, das wäre was Schönes! Schon haben viele Fremde Teplitz verlassen, und Teplitz lebt von seinen Fremden. Schweigen Sie, es geschieht im Interesse des Kurortes. Wir wollen noch immer hoffen, daß bei uns nur sporadische Fälle der Cholera nostras vorgekommen. Die echte asiatische Cholera ist das noch lange nicht. Es wird bei vereinzelten Fällen bleiben.«

Mitten in seiner Erzählung wurde mein Vater von einer Frau, die ihm nachgeeilt war, eingeholt. Er mußte wieder zu seinem Kranken in der Judengasse, der nicht zu retten war und gegen Morgen in Gegenwart seines Arztes starb.

Einige Stunden später besuchte mein Vater die fürstliche Familie Radziwil, deren Arzt er war. Die Rede kam sofort auf die schwebende Tagesfrage, und die Fürstin sagte: »Man spricht schon wieder von plötzlichen Todesfällen. Diesmal schreibt man sie einer Vergiftung durch schlecht verzinntes Kochgeschirr zu. Was sagen Sie? Es ist doch kein Anlaß zu ernstlichen Befürchtungen da? Geben Sie uns Ihr Wort, daß nichts zu besorgen ist!«

Mein Vater erwiderte:

»Dies Wort kann ich leider nicht geben. Ich bin nämlich selbst in die Lage gekommen, einen Cholerafall mit tödlichem Ausgang zu konstatieren ... Geraten Sie darum nicht in Unruhe. Der Mann lebte in einem kleinen feuchten Hause, in einer schmutzigen Gasse und unter den ungesundesten Verhältnissen. Noch immer kann man nur von einzelnen sporadischen Fällen sprechen. Von diesen zu einer Epidemie ist noch weit hin.«

An diesem Tage speiste mein Vater noch beim Fürsten in großer Gesellschaft. Man war beim Diner heiter und guter Dinge. Indes hatte das von ihm gesprochene Wort gewirkt. Die Familie faßte plötzlich den Entschluß, von Teplitz abzureisen.

Dies konnte bei einer Familie, die einen ganzen Hofstaat um sich hatte, nicht ohne Aufsehen geschehen. Das Publikum wurde alarmiert.

Der Entschluß, die Badekur abzubrechen, konnte nach der Meinung der Leute dem Fürsten nur durch seinen Arzt eingegeben worden sein – also war mein Vater der Veranlasser des Alarms. Alle Unzufriedenheit mit der Lage kehrte sich plötzlich gegen ihn. Er war, so schien es, besorgter um das Wohl seiner Patienten als um das der Stadt. Die Saison sei jetzt ruiniert. Eine wilde Gärung bemächtigte sich der ohnehin aufgeregten Gemüter und hielt, noch ohne sich zu äußern, mehrere Tage an. Wir hatten bei unserem geringen Verkehr mit den Bürgern keine Ahnung davon.

Am Abend des 5. Juli hatten wir mehrere Personen zum Tee bei uns gehabt und gingen erst spät in unserem großen Dachzimmer zu Bette. Da weckte uns plötzlich ein wildes Geschrei von der Straße her und das Zusammenklirren aller Fenster des ersten Stockwerks aus dem Schlafe. Wir hörten noch immer die Scheiben klirren und die Steine zu Boden fallen, erhoben uns mehr tot als lebendig und wußten nicht, wie wir uns den Angriff auf unser Haus erklären sollten? Nun stieg, da sich das Toben einigermaßen beruhigt hatte, der Vater die Treppe herab, um den Schaden zu besehen. Die Mutter folgte ihm, ich blieb allein, lauschte zitternd jedem Geräusche und vernahm, wie die Zimmertüre aufging und der Vater in das Mittelzimmer des ersten Stockwerks trat. Da durchschlug wieder ein Stein eine übriggebliebene Scheibe und kollerte zu Boden. Man hatte das Licht im Zimmer gesehen und meinen Vater darin vermutet; das mochte ein Steinwurf aus persönlicher Rache sein. Darauf ward alles still, wir brachten die Nacht sinnend und voll trüber Ahnungen zu.

Am nächsten Morgen standen wir früh auf, noch ganz betäubt vom gestrigen Schrecken, und traten in die bisher gemiedenen Räume. Ach, wie sah es da aus! Welche Zerstörung starrte mich da an! Der Fußboden, die Tische, das Klavier waren mit Steinen, Ziegelstücken, Glassplittern bedeckt. Ein hoher Trumeauspiegel war gerade in der Mitte von einem Steinwurf getroffen worden und in hundert Stücke zertrümmert. Alle Fenster waren eingeschlagen. Wir verloren uns in Mutmaßungen, den Grund des Geschehens zu erfahren und die ferneren Absichten der uns übelwollenden Menschen zu erforschen. Um neun ging der Vater aufs Rathaus, die Anzeige zu machen; Wolfram war sehr entrüstet und versprach, sofort eine Kommission zu senden, die den Schaden in Augenschein zu nehmen habe. Aber Stunde um Stunde verging, niemand erschien. Inzwischen erhielten wir Besuch von zahlreichen Fremden und vernahmen erst durch diese die richtige Deutung.

Aber noch immer wollte mein Vater nicht glauben, daß der Sache eine größere Bedeutung zuzumessen sei, oder gar, daß die Rotte von gestern in Sold und Auftrag eines größeren Teiles der Bevölkerung gehandelt habe. Der Kommandant des Militärbadehauses, Major von Schwaiger, kam zu uns und erbot sich, Wachen vor unser Haus zu stellen. Mein Vater dankte, er hielt die Sorge für unnütz, und Baron Schwaiger ging. Abends blieben ein Herr von Symanowski und Baron Korff bis gegen zehn bei uns, letzterer sagte, als er fortging, scherzend, er wolle bis Mitternacht vor unserem Hause patrouillieren und irgendwelche Halunken, die sich zeigen würden, mit seiner Krücke vertreiben. Gegen elf wollte sich mein Vater wie gewöhnlich in die Dachstube begeben, da ihn aber die Mutter bat, im ersten Stockwerk zu bleiben, wo die besonders festen Fensterladen besten Schutz gewährten, ließen wir Matratzen herunterbringen und legten uns in unsern Kleidern nieder. Wir schliefen ein. Da weckte uns abermals wilder Lärm, Schreien und Pochen an der Türe. Nach langem Fragen hatte die Magd geöffnet, der Bürgermeister Wolfram und Baron Schwaiger traten ein. Die Sache, sagten sie, habe größere, ungeahnte Dimensionen angenommen. Es sei eine große Zusammenrottung von Gesindel auf der Straße. Manche darunter seien mit Hacken, Mistgabeln, sogar mit alten Gewehren bewaffnet. Sie drohten Fenster und Türen einzubrechen und das Haus zu demolieren. Sie verlangten, daß mein Vater Teplitz verlasse. Die Schutzmannschaft sei unzureichend, den Pöbel auseinanderzujagen.

Bei diesen Worten Wolframs waren wir wie vom Schlage gerührt. Es war fast unverständlich, wie eine Bevölkerung, die sich uns gegenüber immer freundlich verhalten hatte, uns nun auf einmal mit feindseligen Absichten gegenüberstehe? Wir hatten niemand gekränkt, niemand geschädigt, wir hatten die, die für uns arbeiteten, immer gut bezahlt. Meine Eltern pflegten dem niedrigsten freundlich zu begegnen. Welcher Geist war plötzlich in diese Leute gefahren? Doch was half da Grübeln und Nachdenken? Das Lärmen, Toben, Pfeifen, ein Treiben wie von besoffenen Irokesen hörte nicht auf, dauerte ungemäßigt fort.

»Nun gut, so will ich von Teplitz fortgehen!« brach mein Vater sein langes Schweigen.

Wolfram und Baron Schwaiger entfernten sich. Der letztere kündigte nun dem Pöbel die Absicht meines Vaters an und ermahnte die Leute heimzugehen. Der Morgen begann schon zu grauen, die Haufen entfernten sich, und wir fingen sofort mit Einpacken an.

Der einzige Schutz, der uns wurde, war der, daß Baron Schwaiger unsere Koffer und Möbel durch Militär ins Badehaus schaffen ließ und uns dort eine Wohnung einräumte, in der wir, nach zwei schlaflos zugebrachten Nächten, doch in Sicherheit schlafen konnten.

Nun gab's zu packen, unausgesetzt zu packen. Wir brachten unsere ganze Habe in Kisten unter, auch die Bücher meines Vaters. Als der Abend herankam, waren wir so ziemlich mit allem fertig. Baron Schwaiger hatte indes eine halbe Schwadron Ulanen aus Theresienstadt kommen lassen, welche die Nacht hindurch vor unserem Hause Wache hielt. Eine noch größere Anzahl Jäger wurde teils im Hofe, teils auf dem Berge postiert.

Am 9. Juni blieben meine Eltern zwei Stunden auf dem Rathause, um ihre Aussagen zu Protokoll zu bringen; man versprach eine umfassende Untersuchung und strenge Bestrafung der Exzedenten. Sodann speisten wir bei Baron Schwaiger. Um fünf nahmen wir von unserem lieben Hause Abschied, nachtmahlten früh bei Schwaigers und gingen dann zu Bette, um mit dem Morgengrauen wieder auf zu sein.

Doch, wie hätten wir schlafen können nach solcher Katastrophe! Ein jähes Unwetter hatte unser Dach abgedeckt, unsere Mauern umgeworfen, unser Hab und Gut zerstreut und vernichtet. Und was war die Schuld meines Vaters, die wir nun so schwer zu büßen hatten? Daß er, um die Wahrheit gefragt, die Wahrheit gesprochen hatte.

Noch vor vier, bei kaum grauendem Morgen, stiegen wir in den Wagen; ein Rat Nechodom gab uns bis Brüx das Geleit, zwei Ulanen, die uns zur Bedeckung mitgegeben worden waren, folgten dem Wagen in einiger Entfernung. Lange blieben unsere Blicke unserem Hause, unserem Garten zugekehrt, bis alles in der dunstigen Ferne verschwand. Unweit Brüx verließen uns die beiden Ulanen, in Saaz wurden wir von mehreren Freunden begrüßt.

Am anderen Tag, Mittwoch, den elften, langten wir in Karlsbad an. Nach längerem Suchen fanden wir eine nette, passende Wohnung im »Englischen Hause«, welche nebst dem Vorzug einer geringen Entfernung von den Quellen auch den einer schönen freien Aussicht – etwas sehr Seltenes in Karlsbad – hatte. Sie war auf der Höhe des »Schloßbergs« gelegen.

Wir haben dieselbe alle Sommer bis zum Herbste 1861 innegehabt, wo wir Karlsbad für immer verließen.

Unmittelbar nach der Katastrophe, die uns betroffen, trat die Epidemie in Teplitz so stark hervor, daß ihr Vorhandensein nicht mehr geleugnet werden konnte. Ganz Böhmen wurde in diesem Jahre von der Cholera überzogen. Nach einer anfangs 1833 erschienenen amtlichen Publikation gestalteten sich die Verhältnisse folgendermaßen: Auf eine Bevölkerung von 3.875.657 Seelen erkrankten im ganzen 63.112 Individuen. 40.098 genasen, 23.014 starben, eine enorme Zahl!

Von allen sechzehn Kreisen Böhmens blieb nur der Elbogner mit Karlsbad völlig verschont. Karlsbad hat diese Immunität auch in allen späteren Choleraepidemien aufrechterhalten.

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