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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 19
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typeessay
authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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Letzte Besuche bei Heine

Auf einen Brief Heines hin, der den Wunsch aussprach, mich wiederzusehen, war ich abermals nach Paris gereist.

Die Metropole des neuen Kaiserreiches sah damals sehr düster aus. Wer fortkonnte, war fortgezogen. Die Cholera zog wie eine Miasmawolke vom heißen Strande von Marseille daher und hatte in Arles furchtbar gewütet. Und schon zeigten sich Erkrankungen an den lachenden Ufern der Seine.

Mein erster Gang galt dem Hotel der britischen Gesandtschaft, wo Odo Russell wohnte. Dieser war durch seine Stellung den neuen Gottheiten der Tuilerien ganz nahe gerückt und wußte mit unerschöpflichem Humor hundert Anekdoten von ihnen zu erzählen – sie haben seit dem Sturze des napoleonischen Olymps alle Bedeutung verloren. Mein zweiter Gang war zu Heine. Er wohnte noch immer Nr. 50, Rue d'Amsterdam, in jenem fatalen Zimmer mit der Aussicht auf einen engen Hof, wo kaum jemals frische Luft an ihn herankam. Sein Zustand war ein entsetzlicher. Sein noch ungelichtetes Haar war grau geworden, sein edles Duldergesicht hatte die Blässe des Wachses angenommen.

Heine pflegte zu sagen, er halte sich für ein Versuchstier, an welchem Gott physiologische Experimente vornehme. Weit eher läßt sich sagen, daß er das Versuchstier seiner verschiedenen Ärzte war. Diese, wiewohl deutschen Ursprungs, hatten sich der französischen medizinischen Schule anbequemt. Sie erprobten an ihm die Wirkung des Strychnins als Mittel gegen Lähmungen, bohrten Fontanelle in seinen Nacken, zündeten Moxen auf ihm an und bearbeiteten seinen Rücken in der Lendenwirbelgegend mit dem Glüheisen. Dergleichen hatte ich meiner Lebtage nicht gesehen! Es waren dies Kurmethoden, von denen Oppolzer sagte, daß man sie Schinderknechten überlassen solle und daß sie in die Folterkammer des Mittelalters gehören. Sie waren samt und sonders an ihm versucht worden; er hatte sie mit blindem Zutrauen über sich ergehen lassen.

Eine ganz besondere Folter seiner überfeinen und bis zum Zerreißen gespannten Nerven war die schreckliche Modemusik, die zu allen Stunden des Tages von früh bis spät in seine Matratzengruft herübertönte. Das Haus war von mehreren jungen Pianistinnen bewohnt; Heine hatte die Entwicklung ihrer Fertigkeit von Tag zu Tag verfolgen müssen. Noch lieber waren ihm dereinst die einfachen Fingerübungen und Skalen gewesen als jetzt die großen Stücke, die er anzuhören hatte.

Ich dachte bei mir: Franz Schubert, Mendelssohn, Robert Schumann, die größten musikalischen Genien der letzten Zeit haben Lieder von ihm komponiert; er hat kein einziges derselben je singen hören! Er, der Dichter, ist fast der einzige Mensch, der die »Blumen des Ganges«, den »Zweig von Zypressen«, die »zwei Grenadiere« – »Das Meer erglänzte weit hinaus«, – das grandiose »Ich grolle nicht« nicht kennt, all' die Lieder, die jetzt in jedem deutschen Hause, in jedem deutschen Konzertsaal erklingen. Was hat er alles der Musik gegeben und was gibt sie ihm zurück?

Er muß Tag für Tag die Kompositionen von Goria anhören!

Es war um ihn einsamer geworden, der kleine Kreis von Freunden, der ihn früher umgab, hatte sich stark gelichtet. Der »Mann mit dem Bändchen«, Heinrich Seuffert, hatte geheiratet und lebte mit seiner jungen Frau in Venedig; die Ehe war; wie man vernahm, keine glückliche. Den deutsch-pariser Journalisten, den sogenannten »westöstlichen Männern«, hatte Heine seine Tür ganz verschlossen, und er dehnte den Widerwillen, den er gegen sie empfand, auf den ganzen Volksstamm aus, dem sie angehörten. Der Führer derselben, Alexander (Abraham) Weill hat später für diesen Abbruch aller Beziehungen schnöde Rache genommen. Auch der Verkehr mit Frau Arnault bestand nicht mehr; Frau Mathilde hatte ihn fallenlassen müssen, weil im Salon des Zirkusunternehmers ganz unmögliche Persönlichkeiten erschienen.

Aber auch Frau Mathilde war selten im Hause zu sehen, sie glich der Frau Benoiton im Stücke Sardous, die immer ausgegangen ist, wenn man sie nötig hätte. Sie brauchte bei ihrer Korpulenz Bewegung und konnte die gesperrte Luft des Krankenzimmers nicht vertragen. Unmittelbar nach dem zweiten Frühstück pflegte sie mit Fräulein Pauline, der jungen Anverwandten, die sie zu sich genommen, auszugehen, besuchte Kaufläden, unternahm eine Droschkenfahrt ins Bois de Boulogne und was dergleichen harmlose Zerstreuungen mehr sind. Von diesen Ausflügen brachte sie meist Spitzen mit, die mitunter sehr teuer waren, denn Spitzen waren ihre Hauptpassion. Heine sollte sich dann mit ihr über diese höchst vorteilhaften »Gelegenheitskäufe« freuen.

Eben war Heine von grimmigem Ärger gegen Meyerbeer erfüllt. Er hatte diesem sein Tanzpoem: »Faust« zugesandt, in der Hoffnung, daß der Generaldirektor der Berliner Oper dasselbe zur Aufführung bringe. Heines »Tanzpoem« war nicht angenommen worden, dagegen wurde ein Ballett »Satanella«, durchwegs auf Heines Zurechtlegung des Stoffes fußend, in Szene gesetzt. Der Dichter sah sich um alle schönen Tantiemehoffnungen gebracht, seine Ideen gestohlen und entstellt, sein Vertrauen zu dem ehemaligen Freunde getäuscht.

Da hatte er seinem Zorn in wilden und unmäßigen Satiren Luft gemacht.

Ach, die Theater und die Theater-Intendanten! Heine hatte doch auch zwei Trauerspiele, den »Almansor« und den »Ratcliffe« unter seinen Werken. Laube war jetzt in der Lage, mit Leichtigkeit eines derselben vorführen zu können. Er dachte nicht daran! Waren vielleicht die Novitäten Wiener Dramatiker, die er spielen ließ, besser?

Der »Ratcliffe« ist erst mehrere Jahre nach Heines Tode in – einer italienischen Übersetzung auf italienischen Bühnen gespielt worden! Schicksal deutscher Dichter!

Heine langte nach Papieren, die auf seinem Nachttischchen lagen und gab mir Gedichte, die er eben geschrieben, zu lesen. Ich las:

Die Freunde, die ich geküßt und geliebt,
Sie haben an mir das Schlimmste verübt,
Mein Herze bricht, doch droben die Sonne,
Lachend begrüßt sie den Monat der Wonne.

Es blüht der Lenz. Im grünen Wald
Der lustige Vogelgesang erschallt,
Und Blumen und Mädchen, sie lächeln jungfräulich –
O schöne Welt, du bist abscheulich!

Da lob' ich mir den Orkus fast;
Dort kränkt uns nirgends ein schnöder Kontrast,
Für leidende Herzen ist es viel besser
Dort unten am stygischen Nachtgewässer.

Sein melancholisches Geräusch,
Der Stymphaliden ödes Gekreisch,
Der Furien Singsang, so schrill und grell,
Dazwischen des Zerberus Gebell,

Das paßt verdrießlich zu Unglück und Qual –
Im Schattenreich, im traurigen Tal,
In Proserpinens verdammten Domänen
Ist alles im Einklang mit unsern Tränen.

Hier oben aber – wie grausamlich –
Sonne und Rosen stechen mich!
Mich höhnt der Himmel, der bläulich und mailich –
O schöne Welt, du bist abscheulich!

Von Strophe zu Strophe hatte sich meine Bewegung gesteigert. Hier gelangte die Stimmung des Kranken zum entsetzlichsten Ausdruck. Ja, so war's. Draußen lag der Sonnenschein auf den Straßen, die Karossen fuhren nach dem Bois de Boulogne, die guten Freunde flanierten, und hier lag einsam der Unselige auf seinem Lager.

»Lesen Sie weiter«, sprach Heine. »Hier finden Sie auch religiöse Gedichte.« Ich las:

Laß die heil'gen Parabolen,
Laß die frommen Hypothesen,
Suche die verdammten Fragen
Ohne Umschweif uns zu lösen!

Warum schleppt sich blutend, elend,
Unter Kreuzlast der Gerechte,
Während glücklich und als Sieger
Trabt auf hohem Roß der Schlechte?

Woran liegt die Schuld? Ist etwa
Unser Herr nicht ganz allmächtig?
Oder treibt er selbst den Unfug?
Ach, das wäre niederträchtig!

Also fragen wir beständig,
Bis man uns mit einer Handvoll
Erde endlich stopft die Mäuler –
Aber ist das eine Antwort?

»Das nennen Sie religiös?« fragte ich. »Ich nenne es atheistisch.«

»Nein, nein, religiös, blasphemisch-religiös«, erwiderte er lächelnd. »Da ist aber eins, das ich besonders liebhabe; lesen Sie es laut, daß ich es noch einmal höre.« Ich las:

Ein Wetterstrahl, beleuchtend plötzlich
Des Abgrunds Nacht, war mir Dein Brief,
Er zeigte blendend hell, wie tief
Mein Unglück ist, wie tief entsetzlich!

Selbst Dich ergreift ein Mitgefühl,
Dich, die in meines Lebens Wildnis,
So schweigsam standest, wie ein Bildnis,
So marmorschön und marmorkühl.

O Gott! wie muß ich elend sein!
Denn sie sogar beginnt zu sprechen,
Aus ihrem Auge Tränen brechen,
Der Stein sogar erbarmt sich mein!

Erschüttert hat mich, was ich sah!
Auch Du erbarm Dich mein und spende
Die Ruhe mir, o Gott und ende
Die schreckliche Tragödia!

Ich mußte innehalten. »Welche Gedichte sind das«, rief ich, »welche Klänge! Nie noch haben Sie dergleichen geschrieben, und ich habe nie dergleichen Töne gehört.«

»Nicht wahr?« fragte Heine und richtete sich mit aller Mühe ein wenig auf seinem Kissen auf, indem er mit dem Zeigefinger seiner blassen, blutlosen Hand das geschlossene Auge ein wenig öffnete – »nicht wahr? Ja, ich weiß es wohl, das ist schön, entsetzlich schön, entsetzlich schön! Es ist eine Klage wie aus einem Grabe, da schreit ein Lebendigbegrabener durch die Nacht oder gar eine Leiche oder gar das Grab selbst. Ja, ja, solche Töne hat die deutsche Lyrik noch nie vernommen und hat sie auch nicht vernehmen können, weil noch kein Dichter in solch einer Lage war.«

»Ein Ruf von Jenseits liegt darin«, antwortete ich, »ein Wehruf wie von den acherontischen Ufern, es ist der Sehnsuchtsschrei eines Schattens nach dem sonnigen Leben. Und es ist kein gewöhnlicher Toter, der heraufschreit, es klagt und jammert ein Lear! Die tiefste Schwermut Ihrer gesunden Tage, ach, sie ist eine helle prachtvolle Mondnacht gegen diese sternenlose, noch nie von Licht durchschnittene Finsternis!«

Ich fühlte es tief: das schreckliche Krankenlager hatte seine Natur auf eine tragische Höhe gehoben, die ihm eigentlich gar nicht eigen war. Die Tortur der schweren physischen Leiden hatte seine Seele gewaltsam ausgedehnt und bis zu einer unheimlichen Tiefe durchbohrt. Heine bemerkte die Gefühle, die er in mir erweckt, und wollte mich durch kleine Erzählungen und Erinnerungen aus alter Zeit erheitern. Aber jede größere Aufregung, jedes längere Gespräch rächte sich an ihm. Seine täglich wiederkehrenden Schmerzen ergriffen ihn plötzlich und streckten ihn regungslos hin. Leichenblaß und unbeweglich lag er da, als wäre sein Geist schon entflohen. Nur das über sein Gesicht oft blitzartig fahrende Zucken verriet noch, daß er lebe – aber ein unsäglich gequältes Leben.

Von dem tiefsten Mitleid erfaßt, ich kann wohl sagen, zerrissen, sah ich eine Zeitlang stumm auf ihn, da aber sein Zustand sich nicht änderte, richtete ich ein paar Fragen an ihn, die er nicht beantwortete, nicht einmal zu hören schien.

Da wollte ich mich aber zur Tür hinausbegeben, um die Magd herbeizurufen, aber Heine machte eine Bewegung mit dem Arm, und ich blieb stehen, um zu erfahren, was er wolle. Er wiederholte die Bewegung, die mir jedenfalls einen Wink geben sollte, ohne daß ich sie verstand. Da machte Heine meinem Zweifel ein Ende, indem er auf das mühseligste ein »Bleiben Sie« flüsterte. Sein Wille erzwang eher den Gehorsam von seiner Sprache als von seinem Arm.

Fast eine halbe Stunde lag er in diesem Schmerzensanfall reglos da.

Ich erwähne diese Szene, um ein Bild von einem Krankenlager zu geben, welches Tag für Tag solche Vorspiele des Todeskampfes darbot, um die Macht und Elastizität eines Geistes zu zeigen, der beinahe noch in den Trümmern eines Leibes wohnte. Bei ähnlichen Auftritten verweilen und sie in ihrer Gräßlichkeit ausmalen will ich nicht. Draußen war der hellste Tag, der blaueste Himmel; die lachende Sonne blickte durchs Fenster, das rege freudige Leben der andern rauschte geräuschvoll vorüber. In meiner Seele klangen die Verse:

O schöne Welt, Du bist abscheulich!

seltsam kontrastierend nach.

So hatte ich Heine bei meinem letzten Besuche gefunden. Sein Wesen stand in der letzten Phase seiner Entwickelung und war keiner Metamorphose und keiner Steigerung mehr fähig. Diejenigen, die ihn später gesehen, werden nichts Neues oder anderes zu berichten haben.

Am 20.Februar 1856 kam mir die Kunde zu, daß Heinrich Heine am 17.Februar die Augen zum ewigen Schlummer geschlossen.

Wiewohl mit anderen Plänen beschäftigt, war ich rasch entschlossen, noch eine Pflicht der Pietät zu üben und den Teil von Heines Leben, den ich genau kannte, in einem kleinen Büchlein zu beleuchten. Ich schrieb es rasch, in einem Zuge, ohne viel an Stil und Form zu denken.

Am vorletzten Tage des März war ich damit fertig.

Inzwischen war ein Brief von Margot eingetroffen. Sie schrieb unter anderem:

»Vorgestern haben sie Heine begraben. Wir beide haben durch diesen Tod einen entsetzlichen Verlust erlitten. Ich lernte Heine vor etwa acht Monaten in den ersten Tagen meiner Rückkehr von England kennen und saß seitdem sehr viel an seinem Krankenlager. Nicht drei Wochen sind es, daß wir zusammen von Dir sprachen. Immer dachte ich, das Schicksal würde uns noch einmal an seinem Krankenbette zusammenführen – das ist nun vorbei. Ich fühle das innigste Bedürfnis, mit Dir, der ihn auch geliebt, mit Dir, einem der wenigen Menschen, die ihn wahrhaftig gekannt und gewußt, was er war, zu sprechen ... usw.«

Auf diesen Brief hin war ich rasch entschlossen, nach Paris zu reisen. Campe, der Verleger meines Büchleins, hatte mich längst schon dazu gedrängt, damit ich ihm melden könne, wie es sich mit Heines Nachlaß verhalte. Ich schrieb an Margot zurück, daß ich am 13. April morgens in Paris ankommen werde und sie mittags zwölf im Tuileriengarten vor der Bildsäule des Spartakus erwarte. Ich führte meine Absichten vollständig und unbehindert aus. Am Morgen des 13. war ich in Paris, kurz vor der anberaumten Zeit begab ich mich auf den Ort des Rendezvous.

Margot saß schon dort, auf der Bank unter den Kastanienbäumen, um manches Jahr älter, aber noch immer recht hübsch, sehr einfach gekleidet. Gleich nach der ersten Begrüßung fragte ich, wie sie denn mit Heine zusammengetroffen?

»Ich war«, antwortete sie, »seit früher Jugend für ihn begeistert. Du wirst Dich erinnern, wie oft ich mich bei Dir nach ihm erkundigt und Dich über alles, was ihn betraf, befragt habe. Nun führte mich ein Ungefähr zu ihm. Er muß Gefallen an meinem bißchen Geplauder gefunden haben, denn er lud mich sofort ein, meinen Besuch zu wiederholen. Ich kam wieder, und endlich meinte er, nicht ohne mich bestehen zu können. Ich las ihm vor, revidierte ihm die Druckbogen, wurde sein Sekretär. Wohl an hundert Blätter von seiner Hand liegen bei mir, die er aus der Einsamkeit seines Krankenzimmers an mich gerichtet. Wenn Du mich besuchst, sollst Du sie sehen.«

Indes waren wir in einen Mietwagen gestiegen, und eine Viertelstunde später war ich in Margots Wohnung, Rue Navarin. Ich sah nette Räume, wechselte ein paar Worte mit einer alten Dame von würdigem Aussehen, die mit einer Handarbeit beschäftigt am Fenster saß. Nun wurde ich in ein Boudoir geführt, das sogar elegant war.

Sie öffnete einen Schrank, holte eine Kassette daraus und sperrte diese mit einem Schlüsselchen auf, das sie bei sich trug. Zu meiner größten Verwunderung sah ich, daß sie ausschließlich mit Briefen und Zetteln von Heines Hand gefüllt war, die aus der letzten Zeit stammten. Das waren die großen Schriftzüge, die noch, da er als halb Blinder schrieb, einen edlen schwunghaften Charakter bewahrten.

Ich las und las und wurde von einer seltsamen Rührung ergriffen. Die vielen, vielen kleinen Zettel waren meist nur an die Geliebte gerichtete Bitten, ihn zu besuchen, oder Entschuldigungen, ihren Besuch nicht haben annehmen zu können, weil er zu krank gewesen, mit der Bitte vereint, ihm deshalb nicht zu grollen und seiner bald wieder zu gedenken! Doch wie innig, wie rührend war das alles gesagt! So wie der Gefangene dem Vögelchen schmeichelt, das auf dem Sims seines Fensters erscheint, und es zärtlich füttert, um es bald wieder herbeizulocken und ihm die Stätte angenehm zu machen, damit es den grünen luftigen Baumwipfel vergesse, so hatte auch Heine seine Freundin mit kleinen Geschenken überhäuft, welche sein Wohlwollen ausdrücken sollten, und hatte die des Schreibens kaum noch fähige Hand angestrengt, die süßesten Schmeichelworte zu Papier zu bringen.

Ich sah die Blätter an, dann wieder die vor mir Sitzende, mir ward eigen zumute.

Wir mußten beide mitten in unserm Leide lächeln. Und wieder sah ich mir Margot an, die gealterte Margot. Wir haben sie beide geliebt, sagte ich zu mir. Ich in sonnigen Tagen mit Gelächter und Leichtsinn, er in Leid, Gram und Verzweiflung. Welche Wandlungen, welche Metabolen hat das Leben!

 

Nachdem ich auf diese Weise die ersten Tage meines Pariser Aufenthalts meiner Freundin von ehedem gewidmet, die ich als Freundin des Dahingegangenen wiedergefunden – jeder irgendwie orientierte Leser wird sofort begriffen haben, daß Margot identisch mit der der Welt als »Mouche« bekannt Gewordenen, die wir uns nun sogar unter einem dritten Namen als Camilla Selden zu denken haben –, hatte ich wie selbstverständlich auch Frau Mathilde zu besuchen.

Ich traf diese in Asnières, wo sie ein Häuschen mit Garten, Rue Traversière 7, gemietet hatte, das sie mit ihrer treuen Anverwandten, Mademoiselle Pauline, und einer Dienstmagd bewohnte. Sie war in Trauer gekleidet, doch sonst in jeder Beziehung die alte. Ja, Henri war tot – aber hatte man denn seinen Tod nicht seit Jahren voraussehen müssen? Tränen habe sie keine mehr – sie hatte deren schon im voraus genug geweint. O la-la!

Nun war sie ganz glücklich über ihren Garten, der etwa zehn Quadratmeter groß und mit ein paar Obstbäumen bepflanzt war. Das werde vortreffliche Pflaumen geben. Und nun der Salat, der prächtige Salat! Den hatte sie selbst gepflanzt, und er gedeihe vorzüglich. Wenn nur nicht die verdammten Schnecken wären! Die fressen gerade die schönsten Salatköpfe. Ah les vilaines bêtes!

Ja, Henri war nicht mehr. Aber habe man ihm ein längeres Leben wünschen können? Er hatte gar so viel gelitten. Sein Tod war eine Erlösung. Der liebe Gott wußte wohl, was er tat, als er ihn zu sich nahm. O la-la!

Aber die verdammten Schnecken! Es gibt deren, scheint es, drei Arten. Große graue, ganz kleine gescheckte und endlich sogar nackte; abscheuliche Tiere, die sich nicht schämen, nackt herumzugehen. Die sind die scheußlichsten, denn man bringt es nicht über sich, sie zu zertreten. Comment, Monsieur Mesnère, vous ne detestez pas les colimaçons? II paraît, Monsieur, que vous n'aimez pas la salade, la bonne salade? Quant à moi, je les ai en horreur, les colimaçons! C'est parceque j'aime la salade, la bonne salade! Tiens, en voilà un! Attention, Monsieur Mesnère! Sie hob das schwarze nachschleppende Kleid auf und setzte das Füßchen in Positur! »Crac!«

An Frau Mathildes Seite stand jetzt Herr Henri Julia, ein hübscher, eleganter Südfranzose, etwa achtundzwanzig Jahre alt, von scharfem, nüchtern praktischem Verstande. Er war für den finanziellen Teil einer Zeitung, ich weiß nicht mehr welche, tätig und hatte sich nebenhin als literarischer Dilettant mit einer Geschichte seiner Vaterstadt Beziers und einer Reihe von Skizzen »Les amis de Voltaire« hervorgetan. Mit Heine mochte er nur ganz flüchtig in Berührung gekommen sein. Dagegen hatte er es übernommen, das »dicke Kind« in allen geschäftlichen Dingen zu führen – Mathilde, ihrer Unkunde bewußt, fügte sich gern darein.

Ich kam beiden, der Witwe und ihrem Anwalte, sehr gelegen. Henri hatte seine Papiere und Manuskripte in großer Unordnung zurückgelassen. Nun war es beiden darum zu tun, den Nachlaß passend zu verwerten, und keines wußte, was mit den zurückgebliebenen Papierstößen anzufangen sei. Weder Frau Mathilde noch Herr Julia verstanden auch nur ein Wort deutsch und konnten noch viel weniger ein Wort deutscher Schrift entziffern.

Vor allem hätte man gewünscht, auch unveröffentlichte Gedichte zu finden, um sie Campe anzubieten. Nach dieser Richtung hin hatte Herr Julia doch einen ersten Schritt getan. Er hatte alle Blätter gesondert, welche sich durch Absätze und große Anfangsbuchstaben der Zeilen als Gedichte charakterisierten. Er hatte dabei den Rat eines älteren Freundes Heines namens Gathy gesucht. Dieser aber wußte nicht, was neu und unveröffentlicht und was alt und bereits gedruckt sei.

Unter diesen Umständen war mein Erscheinen ein erwünschtes. Ich sollte den Nachlaß sichten und alles, was irgend druckbar, sondern und zusammenstellen.

Ich nahm den Antrag sofort an.

Heines ganzes Denken und Trachten hatte in den letzten Jahren dahin gezielt, seiner so unpraktischen und hilflosen Frau nach seinem Tode ein behäbiges und sorgenfreies Leben zu sichern. Daraufhin war alles geordnet worden. Mit den deutschen und den französischen Verlegern hatte er sonach auf Grund der Zahlung einer Jahresrente abgeschlossen. Der alte Testamentstreit mit Carl Heine war dahin geschlichtet worden, daß er eine Pension von 2000 Franken bezog. Diese Pension sollte nach Heines Tode auf seine Frau übergehen und sogar auf 5000 Franken erhöht werden. Die Unterhandlungen darüber waren eben im Gange. Frau Mathilde bezog ihre Rente quartalweise im Bankhause Fould, auch Campe und Michel Levy lieferten pünktlich ihren Tribut, aber Mathilde kam dabei nicht aus. Bei Heines Tod hatte es gänzlich an Geld gefehlt, Michel Levy hatte Geld vorstrecken müssen. Nun hatte sie die Sommerwohnung in Asnières zum Preise von 3000 Francs gemietet, was vorerst die Hälfte ihrer Jahreseinnahme repräsentierte. Es war ein leichtsinniges Wirtschaften, und es schien wünschenswert, daß sich aus dem Nachlaß Geld münzen lasse ...

Indessen waren die Maurer auf der Höhe des Friedhofes Montmartre mit der Aufstellung des kleinen Monuments eben fertig geworden.

Es war am letzten Mai 1856, zwölf Wochen nach dem Tode des Dichters, als ich auf der Bahnstation Frau Heine erwartete, um mit ihr das Grab ihres Gemahls zu besuchen. Es war – ich erinnere mich des Tages, wie wenn es gestern gewesen wäre – ein schöner, sonniggoldener, lachender Morgen. Der Zudrang derer, die aus der Stadt heraus wollten, wie derer, die vom Lande nach Paris kamen, war ungeheuer. Endlich erschien Frau Mathilde mit Mademoiselle Pauline an ihrer Seite. Sie hielt ein großes Bouquet jener großen samtartigen, dunkelvioletten Stiefmütterchen in der Hand, die eine Lieblingsblume des Verstorbenen gewesen waren und die sie in ihrem Gärtchen zu Asnières zu ziehen fortfuhr. Wir gingen zu Fuß die lange Rue d'Amsterdam hinauf und kamen endlich an dem schönen und malerisch gelegenen Friedhof von Montmartre an. Auf der Höhe im elegantesten Gräberquartiere, gerade am Abhang, mit der Aussicht auf die große, zypressendurchwachsene Nekropole, nicht allzuweit von den Gräbern der Republikaner Armand Marrast und Godefroy Cavaignac stand ein einfacher Stein mit der vergoldeten Inschrift: Henri Heine. Ein Immortellenstrauß lag noch dort vom Begräbnistage her. Die Unmittelbarkeit des Grabes wirkte auf die Nerven der Frau, die bis dahin ganz heiter gewesen war und den Gang zum Grabe wie einen Spaziergang an einem schönen Morgen aufgefaßt hatte. War es Gefühl des Verlustes, war auch ein Stachel des Vorwurfs dabei? – Bitterlich weinend legte sie ihren Stiefmütterchenstrauß zu dem schon verbleichenden Immortellenkranze.

Pauvre Henri, il etait si bon! wiederholte sie immer. Sein Geist hatte sie nur erheitert und ergötzt, nie gehoben, nie gebildet, aber sein Herz lag klar vor ihr, und um dies verlorene, in Jammer gebrochene, kalt gewordene Herz weinte sie heiße, bittere, rasch fließende Tränen.

Als wir uns wieder vom Grab entfernten, mußte ich daran denken, wie Heine selbst einen ähnlichen Grabesbesuch beschrieben:

Keine Messe wird man singen
Keinen Kadosch wird man sagen,
Nichts gesagt und nichts gesungen
Wird an meinen Sterbetagen.

Doch vielleicht an solchem Tage
Wenn das Wetter schön und milde
Geht spazieren auf Montmartre,
Mit Paulinen Frau Mathilde ...

Ich murmelte das Gedicht aus dem »Romanzero« vor mich hin. Es wäre unnütz gewesen, Frau Mathilde an das merkwürdige Inerfüllunggehen desselben zu erinnern, sie hatte ja nie eine Zeile ihres Henri gelesen. Aber seiner Mahnung eingedenk

Süßes dickes Kind, du darfst
Nicht zu Fuß nach Hause gehen –

rief ich einen Fiaker am Barrieregitter, und wir fuhren die Rue d'Amsterdam herab, zurück zum Bahnhof.

 

Die Sichtung des Heineschen Nachlasses hatte mir inzwischen viel zu tun gegeben. Sechs Vormittage hatte ich in Herrn Julias Wohnung, Rue Fontaine St. Georges, wohin die Papiere geschafft worden waren, mit deren Revision verbracht.

Nach Heines Tod war alles durcheinandergeworfen worden. Zahllose Zettel mit hingeworfenen Gedanken, Briefkonzepte, Gedichte älteren und neueren Datums lagen durcheinander. Das Ergebnis einer Prüfung war ein sehr ungleiches. Da waren ergreifende Lazaruslieder, Fabeln, Satiren, Balladen, an seine schönsten Sachen heranreichend; anderes erschien mir als Spreu; ich war keineswegs der Ansicht, daß alles gedruckt werden solle. Ich ordnete die Gedichte nach ihren Gattungen: sie sind teils im letzten Bande seiner »Gedichte«, teils im Nachlaßbande erschienen.

Vergeblich fragte ich zu wiederholten Malen an, was denn aus den großen Foliobogen geworden, an denen ich Heine öfter hatte schreiben sehen, seinen Memoiren? Mir wurden immer ausweichende Antworten zuteil. Ich sollte mich nur mit den Gedichten und den diversen Papierschnitzeln beschäftigen.

Ich begriff sofort, daß man die »Memoiren« vor mir geheimhalte.

Endlich war ich mit meiner Arbeit fertig geworden, abends sollte ich abreisen.

Da hörte ich, daß mich Frau Mathilde mit Herrn Julia zu Tisch erwarte, wie dies bereits öfter der Fall gewesen war.

So fuhren wir denn nach Asnières und trafen Frau Mathilde wie gewöhnlich im Garten, in einem fliegenden Negligégewande auf und ab promenierend, ihre Bäume, ihr Beet mit Stiefmütterchen und vor allem ihre Salatköpfe bewundernd. Ich war sehr zerstreut, sehr unruhig und sah fortwährend nach der Uhr, denn der Abend rückte vor, ich hatte ein gutes Stück Weg bis Paris, hatte dort noch meinen Koffer zu packen und sollte doch um halb zehn auf der Bahn sein.

Es war mir wie eine Erlösung, als sich endlich aus einem Fenster des ersten Stockwerks die Stimme Fräulein Paulinens vernehmen ließ: es sei angerichtet.

Wir brachen sofort auf.

Eben gingen wir durch das kleine, niedere, beinahe unmöblierte Zimmer des Erdgeschosses, als sich Frau Mathilde rasch an mich wandte.

»Nun muß ich Ihnen doch noch zeigen«, sagte sie, »was wir noch von Henri haben.«

Dabei schloß sie einen Wandschrank auf.

Die unteren Fächer desselben waren leer, im obern Fache stand ein breiter, über eine große Manneshand hoher Stoß von Papieren. Es waren lauter ausgebreitete übereinandergelegte Foliobogen, wohl geordnet. Ich erkannte am Formate die mit Bleistift beschriebenen Bogen wieder, die ich vor Jahren öfter auf Heines Bett gesehen, die Bogen, nach denen ich jetzt vergeblich gespäht hatte. Aber konnten ihrer wirklich so viele sein? Ich mußte die Zahl derselben auf fünf- bis sechshundert schätzen.

»Sind das die Memoiren?« fragte ich in hoher Erregung.

»Es sind die Memoiren!«

»So viel davon ist da! Es ist kaum zu glauben. Doch – er arbeitete wohl seit sieben Jahren daran – und war so fleißig ... Gehören sie Campe?«

»Nein, nein, nein!«

Man überreichte mir ein paar Bogen von den oberstliegenden, ich betrachtete nachdenklich die charakteristischen Schriftzüge.

»Aber nun zum Essen, die Suppe wird kalt!« rief Frau Mathilde.

Und der Wandschrank flog zu.

Warum flog er so rasch zu? Und warum war mir dieser Stoß von Schriften nicht früher gezeigt worden? Warum sah ich ihn erst jetzt, am letzten Tage meines Pariser Aufenthaltes, ganz zufällig, nur im Fluge, während alle übrigen Papiere durch meine Hand gegangen waren? Warum war dies Manuskript von allen anderen separiert, im Zimmer ebener Erde, während alle anderen Schriften im ersten Stockwerk lagerten? Erst jetzt, nach achtundzwanzig Jahren, glaube ich den Grund aller dieser Umstände zu wissen, er wird mir immer klarer, je mehr ich über die Sache nachdenke. Frau Mathilde hatte mich, durch eine momentane Laune verleitet, unüberlegt, wie sie nun einmal war, etwas sehen lassen, das ich ursprünglich ebensowenig als alle anderen hatte sehen sollen! Dieser Manuskriptenstoß war bereit zur Ablieferung oder Absendung. Zur Absendung an wen? Jedenfalls an ein Glied der Geld-Dynastie Heine, das der Aufdeckung von Personalien durch diese Memoiren entgegenzutreten entschlossen war. Und in diese Ablieferung hatte der durch Krankheit und Gram gebrochene Heine jedenfalls selbst eingewilligt, sie vermutlich selbst angeraten. Nur unter dieser Annahme erklären sich die merkwürdigen Verse, die ich nicht verstand, als ich sie zuerst unter den Nachlaßgedichten las und die also lauten:

Wenn ich sterbe, wird die Zunge
Ausgeschnitten meiner Leiche,
Denn sie fürchten: redend käm' ich
Wieder aus dem Schattenreiche.

Stumm verfaulen wird der Tote
In der Gruft und nie verraten
Werd' ich die an mir verübten
Lächerlichen Freveltaten.

Ich halte dafür, daß der ganze Papierstoß kurze Zeit, nachdem ich ihn gesehen, durch Feuer vernichtet worden ist. Vernichtet bis auf einen kleinen Bruchteil: die durchwegs harmlose Jugendgeschichte, die wir in diesen Tagen gelesen haben.

Am Abende dieses Tages verließ ich Paris mit dem Bewußtsein, daß mich nichts so bald wieder dahin führen werde. Meine Lehr- und Wanderjahre waren zu Ende. Neue Pläne, größere Bilder des Lebens tauchten in immer bestimmteren Umrissen vor meiner Seele auf und heischten Ausführung. Ich sah ein Arbeitsfeld, weit ausgebreitet, sah den Bau, den ich zu vollenden hatte, vor mir und war entschlossen, dabei auszuharren.

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