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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 18
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authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
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Theaterleben

Zur winzig kleinen Anzahl derer, denen der Aufenthalt in der Paulskirche Glück gebracht, gehörte vor allem Heinrich Laube. Er hatte sich, der Preuße, der zum Kurgebrauch nach Karlsbad gekommen war, als die Wahlen fürs Frankfurter Parlament ausgeschrieben wurden, rasch entschlossen im benachbarten Elbogen als Kandidat gemeldet und einen leichten Sieg davongetragen. In Frankfurt hatte er sich, was bei seinen jungdeutschen Antezedentien überraschend war, auf die rechte Seite des Hauses begeben und mit Vorliebe den Österreichern vom rechten Zentrum, den Herren von Schmerling, Andrian, von Somaruga angeschlossen. Nachdem er im März 1849 aus dem Parlamente ausgetreten war, fand sich leicht eine Veranlassung, nach Wien zu gehen, und seit Ende 1849 war Heinrich Laube artistischer Direktor des k.k. Hofburgtheaters.

Hätte ich damals auch nur einen Gran reifer Menschenkenntnis besessen, so hätte ich dafür Sorge tragen müssen, daß mein nunmehr gedrucktes Stück, als es zur Versendung an die Direktionen kam, unter keiner Bedingung nach Wien oder Berlin gelange, denn an beiden Orten war mein Name verpönt. Aber ich besaß diesen Gran Menschenkenntnis nicht. Ich ließ mein Stück wahllos an alle Bühnen abgehen, und nachdem dasselbe auch in Hannover und Oldenburg mit günstigem Erfolge gegeben worden war, meldete mir Laube, daß auch er es aufzuführen gedenke. Am 15. Mai sollte die erste Aufführung stattfinden.

Das war eine seltsame Zeit, das Stück eines jungen Autors zu bringen, vollends in einer Stadt wie Wien, die keinen Fremdendurchzug hat. Abgesehen davon, daß zur Zeit des erwachenden Frühjahrs das Publikum des Theaters überdrüssig wird, selbst im Falle des größten Erfolges würde dieser durch die sofort eintretenden Theaterferien entzweigeschnitten werden.

Nur ein »reiner Tor« konnte auf diese Bedingungen eingehen.

Leider war ich dieser reine Tor.

Was ich wohl heute einem Direktor schreiben würde, der mir einen solchen Antrag stellen würde? Doch es würde sich keiner getrauen, einem Manne, der das Schwabenalter überschritten, den Antrag zu machen! Aber die Jugend ist blind. Ich werde wohl dankbar gerührt geantwortet haben. Ich machte mich sogar reisefertig nach Wien.

Und doch war mir der Boden höchst unheimlich. Aus Wien war mir noch nie im Leben etwas Gutes zugekommen. In der dortigen Presse war ich von jeher totgeschwiegen worden. Dort war der Zentralpunkt des Systems, das alle meine Illusionen in Grund geschossen. Schon im Vormärz hatte es mir dort nicht gefallen, nun aber hatte sich der gutmütige, nur einfach bornierte Absolutismus von ehedem in einen gemütlos drauflos kanonierenden Militarismus verwandelt. Man hatte hier die arbiträre Gewalt, die wie ein Schwert über dem Kopfe aller Freidenkenden hing, doppelt und dreifach zu fürchten. Briefunterschlagungen, Hausdurchsuchungen, Einkerkerungen und Internierungen waren an der Tagesordnung. In welche Fatalitäten konnte eine Denunziation auch den Harmlosesten verwickeln! Um wieviel mehr einen, der als Freund so manches justifizierten Hochverräters bekannt war!

Ich fühlte zudem, daß ich mich in geistigem Widerspruch zu allen dort das Wort führenden Literaten befände. Die meisten meiner alten Freunde und Gesinnungsgenossen lebten in der Verbannung, andere waren in das Lager der Macht gelaufen und bedacht, durch loyalen Eifer Verzeihung zu erkaufen; ein winziger Rest Gleichgesinnter, der noch dort aushielt, sah sich zu völliger Unbedeutsamkeit reduziert und war sehr kleinlaut geworden. In den größeren Zeitungen herrschten entschlossene Condottieri, Männer, die durch Granier de Cassagnacs Exempel begeistert, den Kultus der Gewalt in logische Formeln zu bringen suchten, die Allüren der regierenden Militärmachthaber kopierten und deren Parolen wie aufgegebene Themata ausspannten und variierten.

Es war eben die Zeit der engsten Allianz mit Rußland; Kaiser Nikolaus befand sich seit den ersten Tagen des Mai in Wien. Da gab es fortwährend Revuen; auf jenen weiten öden Plätzen, die sich zwischen der innern Stadt und den Vorstädten hinzogen, sah ich durch Staubwolken Regimenter auf Regimenter hineilen wie bewegliche Mauern und in offener Kalesche die riesige Gestalt des Zaren aller Reußen an der Seite des jugendlichen schlanken Franz Josef vorüberjagen. In dieser Allianz Rußlands und Neu-Österreichs schien alles erdrückt, was das Jahr Achtundvierzig als Forderung oder als Ziel geahnt.

Wenn mich diese politische Konstellation ängstigte und bedrückte, suchte mein Zimmernachbar im Gasthof zum »Erzherzog Karl« mich durch gute Laune und kleine Scherze zu zerstreuen und aufzuhellen. Dieser Zimmernachbar war kein anderer als Odo Russell, den ich als Attaché der englischen Gesandtschaft in Wien wiederfand. Odo Russell war einer der liebenswürdigsten Geister, früh weltklug geworden, aber voll Herzensgüte, offen, heiter, witzig. Geistig ein Engländer, in den liberalen Traditionen seines Hauses aufgewachsen, vorurteilsfrei und mit den politischen Verhältnissen der alten und neuen Welt vertraut, hatte er sich in Wien, wo seine geselligen Gaben ihn zu einem Liebling der Gesellschaft machten, ganz eingelebt und schien fast ein Wiener geworden zu sein. Er war der Ansicht gewesen, daß es nicht an der Zeit sei, mein Stück hier spielen zu lassen, da es aber einmal beschlossene Sache war, riet er, den Kopf oben zu behalten, und sprach mir fröhlichen Mut zu.

Eine der ersten Personen, der ich meinen Besuch gemacht, war Friedrich Hebbel gewesen. Er wohnte in der Bräunerstraße. Ich hatte mir ihn nach seinen Dichtungen als eine Art Polyphem vorgestellt, als einen einsam hausenden, ungebärdigen, steineschleudernden Riesen, er war es, geistig genommen, in der Tat, wenigstens teilweise. Er empfing mich sehr freundlich, doch so, daß das angewöhnte hoheitsvolle Etwas immer durchschlug. Ich begriff ihn bald. Hebbel interessierte in der Welt nur ein Wesen und eine Sache, Hebbel und die Sache Hebbels. Um diese Achse drehte sich bei ihm alles. Er sprach immerfort nur von sich selbst, von seinem großen, von ihm hochverehrten Ich; aber er besaß das Geheimnis, dies tun zu können, ohne zu langweilen, denn er sprach ausgezeichnet und war wirklich ein interessanter Gegenstand. Er befand sich zur Zeit eben im heftigsten Kriegszustand zu Laube, von dem er annahm, daß er aus konsequent feindseliger Absicht seine Stücke nicht aufs Theater bringe, wodurch ihm, Hebbel, einerseits an die Subsistenz gegriffen, anderseits der Weg zu immer größerem Ruhm und zur Beherrschung der deutschen Bühne verlegt sei.

Sonach betrachtete er Laube als einen, der ihm geistig nach dem Leben trachte, oder eigentlich, da er sich doch für den Messias der Poesie hielt, als den leibhaften Antichrist.

Ähnlich wie Kirchenväter und fromme Schriftsteller älterer Zeit den Teufel nicht gern beim Namen nennen, ihn lieber als den »Bösen«, den bösen Feind, am liebsten aber mit +++ bezeichnen, so vermied auch Hebbel konsequent, Laubes Namen auszusprechen, und bediente sich zur Bezeichnung desselben stets einet Umschreibung, der unabänderlich ein arges Beiwort beigegeben war. Wenn ich kurz zusammenfasse, was er mir bei meinem ersten Besuch sagte, so war es etwa folgendes: »Ihr ›Weib des Urias‹, aus welchem ich Sie zuerst kennengelernt habe, ist ein bedeutendes Stück, das ich mit Interesse gelesen und sogar meiner Büchersammlung einverleibt habe. Die ersten drei Akte sind Ihnen so vortrefflich gelungen, daß ich sie selbst nicht besser hätte machen können. Was den Wert Ihres jetzigen Stückes betrifft, so muß ich darüber in Zweifel geraten, da es jener – Leipziger Literat, der jetzt unserer Bühne vorsteht, zur Aufführung angenommen hat. Dieser bringt nur Triviales, und am meisten sagen ihm die Stücke jenes dicken Weibes in Berlin zu, welches seit zwanzig Jahren so viel zum Verderb des deutschen Geschmacks beigetragen (er meinte die Birch-Pfeiffer).

Allerdings bringt er dann und wann das Werk eines talentvollen Autors, wie z.B. neulich den Erbförster, doch dann wird dafür gesorgt, daß dem Stücke der Hals gebrochen werde. Ich bedaure, daß ich Ihr Trauerspiel, das, wie ich höre, der bürgerlichen Welt unserer Tage entnommen ist, nicht kennenlernen werde, denn ich besuche das Hofburgtheater, seitdem die Leitung den Händen jenes bewußten Leipzigers anvertraut ist, aus Prinzip nicht mehr.

Ich verliere dadurch ungemein viel, es entgeht mir das Glück, die größte deutsche Schauspielerin in ihren Rollen zu sehen. Das ist meine Frau. Wäre Frankreich Deutschland, so würde sie wie die Rachel gefeiert dastehen. Jede ihrer Rollen ist eine Schöpfung. Sobald sie die Bühne betritt, befindet man sich auf klassischem Boden!«

Von da ab sah ich Hebbel sehr oft, er nahm mich fast täglich auf die weiten Spaziergänge mit, die er nachmittags zu unternehmen pflegte. Er hatte eben seine »Agnes Bernauer« beendet und sprach ganze Abhandlungen über dieses Werk; er äußerte auch allerlei über ein Drama »Die Schauspielerin«, an das er demnächst zu gehen beabsichtigte. Ruhig und in seiner eigentümlichen, feierlich umständlichen Weise erzählte er ferner über das entsetzliche Schicksal, das »Herodes und Mariamne« und der »Rubin« in Wien gehabt. Das erste hatte ein selten dagewesenes Fiasko erlebt, das Publikum hatte die Träger der Hauptrollen laut verhöhnt, und diese hatten sich allmählich genötigt gesehen, ganze Reihen von Versen, lange Tiraden, wegzulassen, um nur das Stück zu Ende zu bringen.

Hebbel aber hatte ruhig von der Loge aus, aller Blicken ausgesetzt, dem Treiben zugesehen und war nicht gewichen, denn es habe, sagte er, für ihn nur die Bedeutung gehabt, daß das Wiener Publikum, nicht aber das Stück durchgefallen sei. Nur allmählich, ließe sich erwarten, könne dies Volk zu größerer Reife und besserem Verständnis gelangen; auch sei alles Große, was auf Erden erschienen, anfangs heftigem Widerstand begegnet. Er selbst schaffe weniger, als er schaffen könne, um der Welt Zeit zu lassen, sich von einem seiner Werke zum andern im Verständnis weiterzuarbeiten. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß alles dies bizarr Persönliche von großartigen und treffend richtigen Blicken und geistreichen Bemerkungen über Allgemeines durchzogen war, so daß ich von diesen Spaziergängen einen eigentümlichen Genuß entgegennahm. Ich weiß auch noch, wie mich Hebbel auf die Höhe des Schwarzenberg-Parkes führte und mir von weitem das in Bau begriffene Arsenal zeigte. Das Gefühl, mit welchem mich dies Ungeheuer militärischer Architektur, diese monströse Steinmasse erfüllte, die ein ungeheures Areal bedeckt, vergesse ich nie im Leben, und ich weiß, daß ich sie minutenlang wie ein Betäubter anstarrte. Sie erschien mir als der steingewordene Ausdruck des damaligen Systems, und ich war von der Kolossalität der Dimensionen wie zermalmt. Es war eine Zeit, in welcher die Kriege zwischen Staaten und Staaten aufgehört und die Regierungen sich das Wort gegeben zu haben schienen, ihre militärischen Hilfsmittel nur nach innen zu entfalten. So hatte der Bau für mich die Bedeutung einer Zwingburg in den unermeßlichen Formen. Die Phantasie suchte sich die Zahl der Bomben, Kanonen, Mörser, Wurfgeschosse aller Art, die solch ein Arsenal beherbergen könne, zu berechnen und faßte das alles als einen Hausbedarf nach innen, sozusagen zu Familienzwecken auf. Hebbel äußerte nichts. Welcher politischen Meinung er huldigte, habe ich nie erfahren, doch möchte ich meinen, daß ihn selbst ein alt-assyrischer Absolutismus nicht gestört hätte, wofern dieser die Theaterinteressen fest im Auge behalten. Wenigstens erzählte er davon, wie er, »ein anderer Archimedes«, am Tage der Einnahme Wiens im Oktober 1848 eifrig an der Schlußszene des »Herodes« gearbeitet habe, ohne sich durch die Kanonade und das Pelotonfeuer in den Gassen stören zu lassen.

Wenn eine gewisse Feierlichkeit Hebbel immer kennzeichnete, so steigerte sich diese noch bedeutend, wenn er »empfing«, d.h. wenn man nicht bloß als Besucher, sondern als Gast bei ihm war. Er hatte mich kurz nach meiner Ankunft zu Tee geladen; der Kreis, den ich traf, bestand ausschließlich aus jungen Literaten, seinen Jüngern und Verehrern. Schon sein »Nehmen Sie Platz«, stereotyp von einer rollenden Armbewegung begleitet, hatte etwas Feierliches, als wollte er sagen: Es ist Ihnen wirklich erlaubt, sich zu setzen! Nun schloß sich der Kreis, auf den Gesichtern der Jünger malte sich das Gefühl ihrer Nichtigkeit dem Meister gegenüber, alles lauschte, bis Hebbel das Wort ergreife. Bald war man bei Hegel angelangt, die Vorzüge und die Mängel seiner Ästhetik wurden erörtert, dann kam Hebbel auf seine »Judith« zu sprechen. Seine Feierlichkeit wuchs. Mit der Weihe eines Priesters, der da Auserlesenen verkündet, wie ihm sein Gott erschienen, erzählte er uns, wie Judith und Holofernes zuerst vor seine Phantasie getreten. Der oberste der anwesenden Leviten – Emil Kuh – lauschte mit dem bewegten Mienenspiele eines Jüngers, dem sich Mysterien enthüllen. Der und jener Levit, der bisher in kurzen Absätzen das Weihrauchfaß geschwenkt, wagte nun eine Entscheidung über allgemeine Fragen zu erbitten. Hebbel antwortete in schweren, feierlichen dogmatischen Formen. Ich bemerkte dabei, daß er sich nie zur Affirmation des einfachen »Ja«, zur Verneinung nie des banalen »Nein« bediene, sondern ein feierliches »Allerdings«, ein tremolierendes »Nie und nimmermehr« anwendete, das in seinem Munde wie ein gedämpfter Donner klang.

Ich habe das Gefühl, diesen Abend durch manche zwanglose Bemerkung gestört und wiederholt Mißbilligung auf den Gesichtern der Leviten gelesen zu haben.

 

Ein so herrlicher Maihimmel hatte viele Jahre nicht auf die alte Kaiserstadt herabgeschaut, so beständig war das Wetter schon lange nicht gewesen, die Vegetation selten noch um diese Zeit so entwickelt. Der sonntägliche Anblick der Praterstraße mit ihren Tausenden und Tausenden von Spaziergängern, das Gefährt aller Art, vom stolzen, prächtigen Viergespann bis zur bescheidensten der Kutschen, der Prater selbst mit seinem mailichen Grün, seinen Reitern, seinen schönen Frauen, kurz mit seinem ganzen, großartigen Leben machte auch auf mich den mächtigen Eindruck, den er bei keinem verfehlt, dem Wien bisher fremd war. Doch wie wuchsen die Hunderttausend zu Hunderttausenden heran, als an solch' ähnlich schönem Maitage sich der Zar aller Reußen öffentlich im Wagen mit dem Kaiser zeigen sollte! An diesem Tage war auch ich mit Hebbel, seiner Frau und seinem Töchterlein in den Prater gegangen. Frau Hebbel nannte mir alle Persönlichkeiten, die einen Fremden interessieren konnten; Hebbel war sehr schweigsam geworden im Gedränge. Und als das glänzende Bild der Praterfahrt erlosch, die Wagenreihen sich lichteten, die Dämmerung kam und der kühle Abendwind zu wehen begann, da gingen wir stadtwärts, und ich half dem Dichter sein Töchterlein heimtragen; es war sehr ermüdet und schlief von der Ferdinandsbrücke ab ruhig auf meinem Arme, das blonde Köpfchen auf meiner Schulter.

Ganz Wien war auf den Füßen gewesen, um den Zaren zu sehen; der Empfang war gleichsam eine Gutheißung dessen, was geschehen, der Niederwerfung Ungarns, der Befestigung der absoluten Gewalt und aller ihrer terroristischen Maßnahmen. Ich konnte diesem Plebiszit nicht beiwohnen, ohne darüber im stillen zu reflektieren. Wenn du dir den Weltlauf ansiehst, sagte ich mir, so wirst du stets erkennen, daß das Stärkere herrscht. Und zwar mit Recht; denn die Gesellschaft kann zu keiner Stunde einer festen Ordnung entbehren. Eine Gewalt, welche auch immer, ist schlecht, die das Alte und Überlebte aufdringen will, aber auch die, welche das noch Unfertige ins Leben rufen möchte, ist unberechtigt und geht zugrunde. Unser Werk mißlang, also muß es nichts getaugt haben; unsere Ideen scheiterten, also müssen sie zu den vorhandenen Bildungselementen nicht gepaßt haben, und das ist hier ebensoviel, wie wenn sie falsch wären.

Von solchen und ähnlichen Gedanken war ich damals heimgesucht, und sie verdüsterten mich jedesmal gründlich. Während ich so, durch alles, was mich umgab, tief herabgedrückt, gewissermaßen ein Verdammungsurteil gegen mich selbst erließ, sollte ich auf Schritt und Tritt erfahren, wie ein ähnliches Verdammungsurteil tatsächlich auf mir lastete. Nebstdem, daß speziell offiziöse Organe den Wert des in Vorbereitung stehenden Stückes bereits herabzusetzen anfingen, wiewohl sie dasselbe noch nicht kennen konnten, bloß weil der Name des Verfassers ein ihnen mißliebiger war, wurde mir auch sonst noch in jedem der wenigen Zirkel, die ich damals in Wien betrat, fühlbar klar, wie es mit mir stehe.

Irre ich nicht, so war es am nämlichen Abend, wo ich mitten im heitern Geplauder mit ein paar derben Worten an meine politische Mißliebigkeit erinnert wurde.

Ich war mehrmals längere Zeit zwischen zwei Damen gesessen und, ohne es zu ahnen, einem General im Wege gewesen, der einer derselben den Hof gemacht und durch mich an dem Fortgang seiner Operationen gestört worden war.

»Wer ist denn dieser junge Mensch?« fragte er zufälligerweise einen meiner Bekannten. – Es ist Alfred Meißner. – »Was Sie sagen! Das ist er?« erwiderte der Kriegsmann. »Der sollte auch anderswo sitzen als zwischen zwei schönen Frauen!«

Vornehmlich aber war es der, mit dem ich zunächst zu tun hatte, Heinrich Laube, der es mir mit einer – frappanten – Deutlichkeit heraussagte, wie ominös mein Name sei.

Als ich in der Sache eines Freundes, der aus den allergeringfügigsten Gründen interniert, d. h. aus seiner Vaterstadt, dem Orte seines Berufes gerissen und in einen andern Ort gewiesen worden war, wo er bequemer polizeilich überwacht werden konnte – ein paar Schritte bei einer einflußreichen Persönlichkeit tat, um eine Revision seiner Sache zu veranlassen, und dies Laube zu Ohren kam, fuhr er mich an: »Was fällt Ihnen ein, sich für andere zu verwenden? Bleiben Sie ruhig, machen Sie kein Aufsehen, seien Sie froh, daß Sie selbst das Leben haben!«

Das hieß: seien Sie froh, daß Sie nicht in den Kasematten von Josefstadt oder Olmütz oder auf dem Spielberg sitzen! Seien Sie froh, daß kein hochnotpeinliches Gericht irgendwelcher Art an Ihnen vollzogen ist! Und ein andermal, da in Gesellschaft jemand äußerte, daß es doch schön sei, bei der Wahl eines Stückes über die mißliebigen Antezedentien des Autors hinwegzusehen, sagte Laube: »Ei was, ich nehme ein Stück, das ich für wirksam halte, und sollte ich es vom Galgen schneiden.« Mutige und offene Worte, die mir zwar meine Situation klar machten, mir aber kaum ein größeres Wohlbehagen schaffen oder mich sehr à mon aise setzen konnten!

Es ist natürlich, daß ich von da ab mehr als die gewöhnliche Unruhe empfand, die den Menschen vor einer großen Entscheidung erfüllt.

Ja, einer großen Entscheidung; man versetze sich nur in die Lage eines jungen Schriftstellers, der sein ganzes Wesen daran gesetzt, etwas auf dem Gebiete des Dramas zu leisten. Wenn ein Erfolg auf einer Bühne wie das Burgtheater ihn mit einmal bekannt macht, so ist ein Mißerfolg ein Schlag, von dem sein Name sich nicht in Jahren erholen wird. Sei der Erfolg gut oder zweifelhaft, er wird den Erfolg auf allen Bühnen, die nachfolgen, beeinflussen und mitbestimmen. Es ist eine Schlacht. Geht sie verloren, so hilft es nichts zu klagen, daß vielleicht das Terrain ungünstig gewählt war. Der Schaden ist unwiderruflich. Nur noch einmal, höchstens noch zweimal, und das erst nach Jahren, wird der Autor, der Unglück gehabt, wiederkommen dürfen! Drei Chancen sind das allerhöchste, was ihm gestattet ist; wer dürfte noch weiter schaffen, wenn sie fehlgeschlagen?

So kam der Tag der Aufführung. Machte ich mir einerseits meine Mißliebigkeit klar, erwog ich andrerseits, welches Publikum einer ersten Vorstellung im Hofburgtheater beiwohnt: Hofchargen, Militärs, eine Geldaristokratie, welche die oben herrschenden Anschauungen noch potenziert vertritt – denn das Theater ist nicht geräumig genug, daß die mittleren Klassen gleich anfangs darin vertreten sein könnten – betrachtete und erwog ich dies alles, so mußte ich mir sagen, daß mein Stück heute von einer entschieden parteiischen und mir ungünstigen Jury gerichtet werde. Doch dem konnte nicht mehr gesteuert werden, die Sache mußte ihren Fortgang haben.

Und – das Unerwartete geschah. Schon der erste Akt hatte die günstigste Wirkung. Die Charaktere interessierten, der Dialog fand ein aufmerksam auf jedes Wort lauschendes Publikum. Noch tiefer griff der zweite Akt ein, das Interesse wuchs immerfort, schon hatte ich ein paarmal, vom einstimmigen Wohlwollen des Publikums herausgerufen, vor die Lampen treten müssen. »Alle Wetter, Sie haben viel Freunde im Hause!« wandte sich Laube barsch an mich. – »Freunde? Ich kenne in ganz Wien kaum ein Dutzend Personen.« – »Ich meine Leute, die sich für Sie interessieren«, erläuterte der Direktor.

Nach dem Schlusse des dritten Aktes war ein Sturm des Beifalls durch das ganze Haus gegangen, der am Erfolg des Abends keinen Zweifel übrigzulassen schien.

O kurzsichtiger Menschenwitz!

Es kam zu Ende des vierten Aktes eine Szene, in welcher die Frau, von der Untreue ihres Gatten unterrichtet, als sie den letzten, entscheidenden Blick in seine Seele getan, von einem Herzschlag getroffen zusammensinkt. Diese allzu herbe Szene – allzu herb für Wien – in Prag, Braunschweig und Hannover war sie es ja nicht gewesen – wendete mit einem Male die Sympathie, die sich der Autor gegen die dagewesene Voreingenommenheit Schritt für Schritt und in immer steigendem Maße erkämpft hatte. Ohne jene Beifallszeichen, die vorhin noch so stürmisch gewesen waren, fiel der Vorhang. Ich ahnte nicht, was das zu bedeuten habe. Ich befand mich noch auf der Bühne. Da kam Laube die kleine Stiege, die auf diese herabführt, herunter; sein Gesicht hatte einen fatalen Zug; er sah mich ein paar Sekunden lang an, ohne ein Wort zu sprechen, und zugleich war's, als ob alle die glänzenden goldenen Knöpfe seines dunkelblauen Fracks Augen würden und mich gleichfalls ansähen; dann sich aufrichtend, sagte er kurz, scharf und kalt: »'s Stück ist tot!«

Zuerst verstand ich ihn nicht oder wollte ihn nicht verstehen, oder es sträubte sich mein Gefühl, das Gehörte aufzunehmen. Und so mag es auch der Passagier, der zum ersten Male zur See gegangen und keine Sturmwolke zu Gesicht bekommen hat, nicht gleich fassen, wenn plötzlich der seekundige Kapitän vor ihn hintritt und meldet, daß das Schiff ein Leck bekommen habe und sinken werde.

Endlich waren mir die Schuppen von den Augen gefallen. Nun begriff ich die Tragweite der drohenden Vorzeichen, nun begriff ich das Wort eines Bekannten, der mir auf dem Bahnhofe in Prag gesagt: »Was? Sie eilen zur Aufführung nach Wien? Weit eher sollten Sie Ihr Stück zurückziehen.« In dieser Stimmung, welche sich von Stunde zu Stunde verstärkte, reagierte es in mir gegen die Mächte des Tages; auf meinem Zimmer angelangt, ergriff mich ein finsterer Trotz. Nein, sagte ich, mein Stück ist darum nicht schlechter, weil es Euch nicht gefallen hat. Ich kann vom heutigen Abend nichts entnehmen, als daß Ihr alles in der Art jener sanften Tragik haben wollt, an die Euch Eure literarischen Koryphäen gewöhnt haben. Es wird eine Zeit kommen ... doch ich breche ab; man glaubt gar nicht, wie vornehm und übermütig ein Autor zuweilen nach einem Mißerfolge sein kann!

An diesem Abend wollte ich vor allem andern kein Menschengesicht mehr sehen, denn mir graute vor allen Trostworten. Ich hatte mich auf meinem Zimmer verschlossen. Da kam Odo Russell mit einigen Freunden heran und pochte. Er war der Ansicht, daß der Champagner, der den Erfolg hätte feiern sollen, sich auch als Lethetrunk eignen würde. Umsonst pochte er und rief meinen Namen; ich meldete mich nicht und öffnete nicht. Das Stubenmädchen und der Kellner wurden gerufen, das Zimmer mit dem Passepartout aufzusperren, aber ich hatte verriegelt. Immer lauter wurde der Lärm der Einlaß fordernden Freunde, da mußte ich endlich meine Anwesenheit im Zimmer zugeben. Ich rief hinaus, daß ich mich schlafen gelegt und um Ruhe bitte.

In Wahrheit saß ich noch auf dem Stuhl am Fenster, als der Morgen herankam.

Zwanzig Jahre später hat mir Odo Russell gestanden, daß, als er so vergeblich klopfte, er nahe daran gewesen, die Türe sprengen zu lassen, weil ihn plötzlich Furcht erfaßt habe, ob ich mir nicht ein Leid angetan. Er kannte mich doch nicht. Von einem Gallenfieber war ich bedroht, doch nicht von Selbstmordgedanken.

Was half es nun, daß sich die Aufführung an den nächsten Abenden ganz anders gestaltete und die letzten beiden Akte ebenso applaudiert wurden wie die ersten? Das Verdikt war gesprochen, die Blätter sprachen es nach. Saphir überbot alles, was ich bei ihm für möglich gehalten – und das war nicht wenig.

Und die Ferien waren vor der Türe.

Es war ein großer Schlag und der Eindruck mächtiger, als ich mir ihn lange gestehen wollte. Was ich damals, unmittelbar darnach, gedacht und zu mir gesprochen, war eitel leeres Zeug. Ich hatte die Schlacht verloren; gleichviel warum, sie war verloren.

Ich sah, daß ich eine andere Form wählen müsse, um meine Gedankenwelt zum Ausdruck zu bringen.

 

Vom Sturmvogel, der mir zuletzt auf dem Bahnhofe in Hannover aus den Augen gekommen war, hatte ich seit zwei Jahren nichts gehört; ich wußte nur, daß er unangefochten in Berlin lebte. Ich war aus dem politischen Gedankenkreise ganz herausgekommen und dachte an die alte Zeit und ihre Leute nur wie an ein halbes Märchen zurück. Was Schütte betraf, so war er den österreichischen Kriegsgerichten mit wunderbarem Glücke entgangen; es hätte angenommen werden sollen, daß er sich nie mehr innerhalb der schwarzgelben Schranken würde sehen lassen. Um so fabelhafter klang es, als sich im Frühjahr 1853 in Karlsbad die Nachricht verbreitet, Dr. Schütte sei in einem Gebirgsstädtchen Nordböhmens verhaftet worden.

Die Sache verhielt sich folgendermaßen:

Ein Bergwerksunternehmen in Nordböhmen, das Aktionäre außerhalb Österreichs hatte, war auf finanzielle Schwierigkeiten gestoßen. Infolgedessen war im Auftrag der Teilhaber ein Sachverständiger zur Prüfung der Lage im Orte erschienen. In diesem jungen Manne, von dem ein ordnungsmäßiger Paß, auf den Namen Schulze lautend, vorgelegt worden war, hatte irgend jemand den Doktor Schütte erkennen wollen.

Es ging nicht an, einen Ausländer, dessen Papiere in Ordnung waren, auf Grund einer, vielleicht nur täuschenden Ähnlichkeit ohne weiteres zu verhaften, und die Sache wurde dem damaligen Karlsbader Polizeikommissär Dederra anvertraut. Das war ein geriebener Mann, der seine Schule auf allerlei bösen Punkten in Brescia, in Lemberg, in Krakau durchgemacht hatte, ein Mann, wie ihn die Regierung in jener Zeit brauchte.

Er begab sich in das Gebirgsstädtchen, beobachtete den Fremden und ließ, nachdem sein Verdacht dringend geworden war, durch einen Boten von unverfänglichem Aussehen einen Brief mit der Adresse Dr. Schütte bei dem Reisenden abgeben. Der schlaueste der Vögel ging auf den Leim, der Reisende nahm den Brief mit den Worten, er werde ihn dem Adressaten zukommen lassen, in Empfang. Unmittelbar darauf war der Polizeikommissär mit Assistenz im Zimmer.

Der Gefangene wurde an das Militärgericht in Prag abgeliefert, welches den Prozeß über die Schuld vom März 1848 wieder aufnahm. Schütte wurde zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt und auf die Festung Josefstadt gebracht.

Jahre vergingen. Ein Mann seines Charakters war natürlich gleich darauf bedacht gewesen, Mittel zur Flucht zu ersinnen, dieser aber stellten sich die größten Hindernisse entgegen. Die preußische Grenze war allerdings nicht ferne, das war aber auch der einzige günstige Umstand in der Sachlage. Saßen die Gefangenen nicht hinter dreifachen Türen und vergitterten Fenstern, so bewachten sie wildfremde, einer feindlichen Nationalität angehörige, jeder Verführung unzugängliche Soldaten mit geladenem Gewehr, immer bereit, den niederzuschießen, der Miene machte, einer Anordnung Widerstand zu leisten oder zu entfliehen. Mauern und tiefe Ravelins schlössen die Gefangenen von allen Seiten ein, alle Tore hatten ihre Wachen. An die Schlüssel zu gelangen, war undenkbar, diese wurden mit größter Pünktlichkeit jeden Abend in die Wohnung des Platzkommandanten abgeliefert, der das verkörperte Militärreglement war.

Einmal hatte Schütte eine Zeitlang im Vorzimmer des Platzkommandanten antichambrieren müssen. Dort hing eine Spezialkarte von Böhmen. Schütte benutzte dies, um sich genau alle Wege und Stege bis zur preußischen Grenze einzuprägen, worauf er dann aus der Erinnerung eine Karte des einzuschlagenden zweckmäßigsten Weges entwarf. Diese Karte sollte ihm später trefflich zustatten kommen.

Allmählich stellte sich heraus, daß, wenn die Flucht überhaupt möglich, diese nur dadurch zu bewerkstelligen sei, daß man durch den Schornstein den Dachboden erreiche. Dieser verbreitete sich weithin bis in einen entlegenen Trakt, von dessen Dachluken aus man sich ungesehen von den Wachen möglicherweise in einen öden Hof mit niedrigen Mauern herablassen könnte. Aber zu solchem halsbrecherischem Werke bedurfte es Seile von ungewöhnlicher Länge und Festigkeit.

Die Gefangenen waren je nach ihren Fähigkeiten zu beschäftigen, und Schütte hatte mit Rücksicht auf einen Fluchtversuch das Tapeziererhandwerk gewählt. Er brachte es darin sehr weit und hatte im Laufe der Jahre mehrere vollständige Möbelgarnituren, Kanapees und zahlreiche Stühle verfertigt. Der Oberst, für dessen Salon er besonders tüchtige Arbeit geliefert, bewunderte seinen Fleiß und seinen guten Willen und ahnte nicht im mindesten, daß der Gefangene für sich selbst arbeite. Er hatte allmählich eine Quantität jener starken Hanfbänder beiseite gebracht, auf denen die Drahtspiralen unserer Sitze ruhen. Sie waren sämtlich im Strohsack, dem gewöhnlichen, aber nicht immer mit gebührender Aufmerksamkeit visitierten Versteckplatz der Gefangenen untergebracht.

Als die Bänder in gehöriger Länge vorhanden waren, stand nichts mehr im Wege, die Flucht zu wagen; aber es waren dazu noch die mannigfachsten Vorbereitungen zu treffen. Es lag Schütte daran, seine Flucht so auszuführen, daß das Aufsichtspersonal gegen jede Beschuldigung der Teilnahme oder Nachlässigkeit sichergestellt sei.

Die Gefängnisse wurden um vier Uhr nachmittags geschlossen, erst um sechs am anderen Morgen erschien der wachthabende Korporal. Somit blieben also täglich vierzehn Stunden ungestörter Zeit.

Vor allem andern wurde in den Teil der Wand, hinter welchem der Kamin in die Höhe stieg, ein Loch gegraben, eben groß genug, daß ein Mensch da durchschlüpfen konnte. Der Mörtel wurde sorgfältig beseitigt und das Loch durch ein Plakat verdeckt, dem schon lange zuvor mit gutem Vorbedacht diese Stelle angewiesen worden war. Nun wurde der Aufstieg durch den Schornstein auf den Dachboden eingeübt.

Aber in den finstern Räumen des Dachbodens war eine Leuchte vonnöten. Ein gewöhnliches Trinkglas wurde als Blendlaterne hergerichtet und mit allem Nötigen versehen.

Ferner war es unumgänglich nötig, daß die Flüchtlinge, wenn sie durch den Schornstein auf den Dachboden gestiegen waren, sich dort waschen könnten, damit sie nicht auf der Flucht durch schwarze Färbung auffielen.

Es wurde unter dem oben verwahrten Rumpelzeug ein Holzgefäß hervorgeholt und an passender Stelle aufgestellt. Am letzten Tage sollte Wasser in Flaschen zu dem Gefäß hinaufgetragen und darin ausgeleert werden.

Damit ferner kein unvermutetes Hindernis die Flucht gefährde, erkletterte Schütte, zumal in mondhellen Nächten, wiederholt den Dachboden, befestigte seine Seile und ließ sich an ihnen herab. So rekognoszierte er die ganze Umgebung seines Kerkers.

Sein Streifzug ging bis an ein äußeres Ausfallstor. Dort war eine Türe mit einem schweren Vorlegeschloß gesperrt. Dieses Schloß wurde mittelst eines Sperrhakens geöffnet und wieder geschlossen an seinen frühern Platz gehängt.

Nachdem das alles geschehen, kehrte der Gefangene wieder in seine Gefängnisstube zurück.

Endlich war alles vorbereitet. Zwei Mitsträflinge schlossen sich Schütte an.

Es war in einer Nacht des Juni 1857, als Schütte gleichzeitig mit zwei Leidensgefährten an das Unternehmen ging. Man stieg durch die Schornsteine auf den Dachboden, öffnete die verschiedenen Lattentüren, welche ihn in Zwischenräume teilten, und gelangte auf den zum Niedersteigen geeigneten Fleck. Es war eine schwindelnde Tiefe, in die man von der Luke hinabsah. Die Sträflingskleider wurden mit unauffälligen vertauscht, die man mit hinaufgenommen hatte, die Hanfbänder an den Dachsparren festgebunden, Dachziegel herausgehoben, den Durchgang auf dem niedrigsten Punkte zu gestatten, und ungesehen ließen sich alle drei hinab. Sie befanden sich unmittelbar auf dem Festungswalle. Von diesem stiegen sie auf einer hinabführenden Treppe in den Gang eines Ausfalltores. Das schwere Vorlegeschloß desselben hing offen an der Kette. So wurde endlich der Hauptfestungsgraben erreicht.

Nun ging es weiter im Zickzack mit Übersteigen einiger Mauern zum zweiten, dritten und vierten Graben, endlich direkt auf das Glacis. Nun waren sie geborgen!

Schon um zehn Uhr abends passierten die drei Gefährten das Dorf Alt-Pleß. Hier wurde ein Wirt aus dem Schlaf gepocht und ein Wägelchen gemietet, das die drei gegen die preußische Grenze führen sollte. Sie waren noch nicht weit gekommen, als zwei patrouillierende Gendarmen auf die Reisenden stießen und nach ihren Ausweispapieren fragten.

Heiter und sicher, die Zigarre im Munde, mit seinem gewinnendsten Lächeln sagte Schütte, sie seien Koloristen aus einer benachbarten Spinnerei und auf dem Wege nach dem ...berg, um dort als leidenschaftliche Naturfreunde den Sonnenaufgang zu genießen.

Der Gendarm sah sich die drei Herren eine Weile an, fand ihr Aussehen unverfänglich, wünschte einen guten Morgen und ließ sie ihres Weges ziehen.

Einige Stunden später hatten sie die preußische Grenze erreicht und waren in Sicherheit.

Indes konnte die Flucht nicht lange unentdeckt bleiben. Der wachthabende Korporal, der gegen sechs mit dem Frühstück zu erscheinen pflegte, war durch drei kostümierte Puppen getäuscht worden, welche die Stelle der Sträflinge in deren Betten vertraten; nun aber kam der diensthabende Offizier zur Visite. Er fand die Zelle leer und schlug Lärm.

Während Kanonenschüsse die Flucht der Sträflinge dem Lande verkündigten, sollte nun noch ein unheimliches Nachspiel stattfinden.

Der herbeigeeilte Oberst durchstürmte das Haus; alles wies ihn nach dem Dachboden, aus dessen Luke noch das verräterische Seil herabhing. Auf welchen Gegenstand fielen dort seine Augen? In einer Ecke des Dachbodens stand ein Kübel zur Hälfte mit schmutzigem Wasser angefüllt, ein Stück ordinärer Seife lag daneben.

Mit einem Male schien es ausgemacht, daß die Flucht der Gefangenen nicht ohne Beihilfe des Profossen oder der seines Weibes habe stattfinden können. Daß die Flüchtlinge, die durch den Kamin hinaufgestiegen, das Wasser nicht selber hatten hinaufschaffen können, schien offenbar. Es war allerdings ein Kübel, der nachweislich lange leer oben gelegen, und er war sogar neulich, als ein Unwetter Ziegel vom Dache gerissen hatte, von den Maurern benützt worden. Das Wasser konnte Regenwasser sein. Aber die Seife! Wie hätten die Flüchtlinge Seife mitgebracht, wenn sie nicht sicher gewesen wären, hier einen Kübel mit Wasser zu finden?

Der unglückliche Profoß sah sich in einem Gewirre von Inzichten verstrickt, denen er nicht zu entrinnen wußte.

Er brach plötzlich durch, eilte von Gelaß zu Gelaß, bis er in einem finsteren Raum verschwand. Als man ihn fand, war er bereits tot. Er hatte sich mittelst einer Waschleine an einem Dachbalken erhängt.

Während die Flüchtlinge in Sicherheit die Gläser freudig anklingen ließen, kostete ihre Flucht einem Unschuldigen das Leben. Schuttes Absicht, seine Flucht so einzurichten, daß das Aufsichtspersonal gegen jede Beschuldigung sichergestellt sein sollte, hatte fehlgeschlagen.

Bald darauf wanderte Schütte nach Amerika aus. Er ist dort anfangs der sechziger Jahre an der Lungensucht gestorben.

Ich kann nur sagen, daß er einer der talentvollsten und gescheitesten Männer war, denen ich je begegnet.

Ich gestehe schließlich, daß ich nicht recht begreife, wie selbst noch in unseren Tagen übrigens gerecht denkende, scharfsinnige und liberale Männer, durch Tatsachen unbelehrt, ein abfälliges oder gar wegwerfendes Urteil über die Agitatoren von 1848 fällen können, zu welchen, abgesehen von einzelnen zweideutigen Subjekten, wie sie sich in jede Aktion mischen, auch ganz merkwürdige Männer zählten, Männer, welche aufopferungsvoll ihre Kraft und ihr Leben daran setzten, die Zustände zu schaffen, die heute da sind. Es kommen mir diese Männer wie Verzweifelte vor, welche mit einem unsäglich schlechten Instrumente, einem Taschenmesser etwa, sich vermaßen, ein Schiff zu bauen, oder wie Künstler, die fast ohne Werkzeug einen riesigen Block in eine künstlerische Form umzugestalten suchten. Das schlechte Instrument, das sie handhabten, war die inkohärente, ungezügelte Masse, die immer wieder versagte. An unserem Staatsbau von heute haben Generäle einen großen Teil, die Ideen aber, welche sie verwirklicht, sind nicht aus ihren Köpfen hervorgegangen. Zum Teil aus den Köpfen jener vielgelästerten Männer. Diese waren auch Generäle, aber Generäle einer schlechtbewaffneten Armee, die nur zusammenlief, wenn es ihr beliebte, und auseinanderlief, wenn sie genug hatte. So mußte das Werk von Achtundvierzig mißlingen, weil es mit einem ganz falschen Instrumente angefaßt wurde. Aber die Ideen blieben, kämpften sich durch und wurden teilweise von jenen ins Leben geführt, die im feindlichen Lager gestanden.

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