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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 17
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authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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Unterm Joch der habsburgischen Reaktion

Kaum hatte ich auf der Grenzstation meinen Fuß auf den Boden des Vaterlandes gesetzt, als mir schon meine Papiere aus dem Koffer genommen wurden. Darauf war ich vorbereitet gewesen und hatte vor meinem Eintritt in die Heimat jedes mißliebige Zeitungsblatt beseitigt. Der Entwurf eines Trauerspiels und eine angefangene Erzählung »Der Müller vom Höft« waren das einzige Konfiszierbare. Ich konnte ruhig sein. In der Tat erhielt ich die Papiere, die auf die Prager Stadthauptmannschaft gewandert waren, zwei Wochen später nach gehöriger Durchprüfung durch den Polizeidirektor Herrn Sacher-Masoch unbeanstandet zurück.

Es war für Österreich eine Zeit gekommen, mit der verglichen der Zustand vor 1848 ein beneidenswert glücklicher, ein wahrhaft arkadischer genannt zu werden verdiente.

Die Spuren der Zerstörung waren an Häusern und Straßen beseitigt, aber wie sah es in der bürgerlichen Gesellschaft aus! Der Staat hatte neue politische Einrichtungen erhalten, aber alle waren darauf berechnet, jede Verfassungsidee, jede nationale Regung in der Idee eines rein absolutistischen, abstrakt einheitlichen Österreichs zu begraben.

Das Bild der Reaktion war scheußlich und widerwärtig. Vereins- und Versammlungsrecht waren mit der Einführung des Belagerungszustandes in den Hauptstädten verschwunden, die Presse war unter die allerschärfste Polizeiaufsicht gestellt worden. Von den Rechten einer Volksvertretung war nichts mehr zu hören.

Noch immer saßen Kriegsgerichte und Untersuchungskommissionen beisammen, fast jeder Tag brachte Nachrichten von ihrer Tätigkeit. Die »Intelligenzblätter« der Regierungszeitungen waren noch immer mit Steckbriefen und Fahndungen angefüllt, das Hauptblatt publizierte Strafurteile. Ein System war aufgestellt und im Gange, das heute, noch so ruhig angesehen, als ein unmenschliches und mehr als barbarisches bezeichnet werden muß.

Allerdings muß der, der sich in den Kampf begibt, die Selbstverteidigung des angegriffenen Teils in der Ordnung finden und den üblen Ausgang zu tragen wissen. Andernteils aber sollte die siegreiche Macht nicht durch Umfang und Härte ihrer Strafurteile über das durch Notwendigkeit Gebotene und das in der Zeit Zulässige hinausgehen.

Ob diese Linie des Notwendigen und Zulässigen in der Periode der großen Reaktion eingehalten worden sei, möchte ich sehr bezweifeln. Von 1848 bis 1852 waren im Bereich des Kaiserstaates bereits zweitausendeinhundertundsiebenundzwanzig Todesurteile über politische Verbrecher erfolgt und vollzogen worden.

Diese Ziffer erscheint heute phantastisch und unmöglich. Aber sie ist authentisch. Sie stammt aus den Aufzeichnungen eines Mannes, der über diese Dinge Buch führte und Namen und Tag der Hinrichtungen genau notiert hat.

Alle Gefängnisse, alle Festungen waren mit Personen angefüllt, welche sogenannte politische Vergehen verbüßten. Der zufällige Besitz einer verbotenen Druckschrift, ja eines wertlosen Geldzeichens, der sogenannten Kossuthnote, konnte zu jahrelanger Haft und Untersuchung führen.

Der harmloseste Mensch konnte ins Unglück kommen. Ein Exempel unter vielen ist der Fall des Bauers Konrad Deubler, Wirt in der protestantischen Gemeinde Goisern. Dieser war ein Freund philosophischer Lektüre; eine Linzer Buchhandlung schickte ihm Bücher zu. Eines Tages kommt ein Reisender zu ihm, bleibt eine Weile in seiner Herberge und durchstöbert seinen Bücherschatz. Es ist M. G. Saphir. Nach seiner Rückkehr schreibt er einen Aufsatz über den sonderbaren Bauern Deubler. Er wußte wohl, was er tat.

Unmittelbar darauf erscheinen höchste Herrschaften in Deublers Wirtschaft. Sie durchsuchen in seiner Abwesenheit seinen Bücherschatz und tragen mehrere Bände daraus fort. Tags darauf kommen Gendarmen, und Deubler wird mit elf anderen politischen Verbrechern nach Graz geführt. Das Grazer Gericht findet keine Schuld an ihm, es sind keine zweckmäßigen, aber auch keine verbotenen Bücher. Deubler kann wieder heimgehen. Aber höheren Orts ist man gegen seine Freilassung. Die Gendarmen erscheinen ein zweitesmal. Deubler wird gefesselt wie ein Räuber und Mordbrenner von Gefängnis zu Gefängnis geführt und endlich auf eine mährische Festung gebracht. Er ist mit Einbrechern und Mördern eingekerkert. Erst nach vier Jahren öffnet sich ihm das Gefängnis, und er darf als »freigelassener Sträfling« wieder zu Haus und Familie heimkehren.

Eine schöne Erfindung waren auch die »Internierungen«. Man setzte den Mann, der mißfällig geworden war, mit einem Polizeikommissär in einen Wagen und führte ihn von seiner Familie fort, oft hundert Meilen weit in einen kleinen Ort, wo er unter Polizeiaufsicht zu leben hatte. Ein Exempel dieser Kategorie ist Hawlitschek, der im Jahre 1851 von Prag nach Brixen gebracht wurde. Er erkrankte dort an Heimweh. Endlich freigelassen, starb er an der Lungensucht, zu der er wahrlich zuvor keine Anlage gezeigt hatte.

Alles das verbreitete über das Leben ein schauderhaftes Gefühl der Unsicherheit. Man stand in einem rechtlosen Staate. Briefe wurden geöffnet. Ein Passus darin, der übler Deutung fähig, konnte die schlimmsten Folgen haben. Die Angeberei und der Spähdienst der Polizei standen in Blüte. Die Verdrehung eines am Wirtshaustisch geführten Gesprächs durch ein urteilsloses Polizeiorgan konnte das Unglück eines ganzen Lebens herbeiführen.

Wenn dieser Zustand jeden, auch den Harmlosesten drückte, um wieviel mehr den bereits malâ notâ Bezeichneten! Wie aber den, der, mit Heine zu reden, »mancherlei Erschießliches« geschrieben! Dem hing ein Damoklesschwert an einem Haare über dem Haupte, das jeden Moment herabfallen konnte.

Man kannte viele unter den Spionen und Denunzianten und durfte ihnen die Verachtung, die sie einflößten, nicht zeigen, denn was konnten diese Leute, wenn sie sich beleidigt glaubten, alles ersinnen! Man mußte zu ihren Provokationen schweigen, mußte sie reden lassen und durfte nichts entgegnen. Zehnmal des Tages ballte sich die Faust in der Tasche, und man gedachte der Goetheschen Verse:

Über's Niederträchtige
Niemand sich beklage,
Denn es ist das Mächtige,
Was man Dir auch sage.

Der Blick in die Zukunft war desolat. Von einer Änderung der Weltverhältnisse war voraussichtlich auf Jahre hinaus keine Rede. Die Jünglinge neuen Schlages, die in der Wiener Aula und anderswo aufgelodert, saßen gefangen und durften über ihre Illusionen nachdenken. Das kurierte alle anderen von ihren Ideen. Den Universitäten sollte nun ein ganz anderer Geist eingeblasen werden. Vom Rhein und von Bayern wurde eine ganze Schar von Gelehrten bezogen, um da, wo die gute Gesinnung ausgegangen schien, einen besseren Geist einzuführen. In diesem Sinne wurden alle Schulen und Bildungsanstalten reformiert.

Die religiöse Heuchelei kam an die Tagesordnung. Der Hochadel ging mit dem Beispiele voran und fand vielfach Nachahmung. Vom Minister Bach, der vor kurzem noch ein arger Freigeist gewesen, ist bekannt, daß er das schier Unglaubliche auf dem Gebiete frömmelnder Schauspielerei leistete. Alles, was vorwärtskommen wollte, besuchte kopfhängerisch die Kirche, zumal in den Stunden, wo man sicher war, ein großes Publikum dort anzutreffen und recht bemerkt zu werden. Unser Staatsanwalt W. Ambros erregte Aufsehen, indem er jeden Sonntag, ein Gebetbuch in der Hand, durch die belebtesten Gassen den Weg zum Hochamte in die Domkirche auf dem Hradschin antrat.

Zur politischen und religiösen Reaktion trat auch die literarische: sie war ebenso durchgreifend wie die auf den beiden anderen Gebieten. Die Presse schlug fast ohne Ausnahme den servilsten Ton tiefster Unterwürfigkeit an. Die offizielle und offiziöse Presse herrschten unumschränkt. Der Demokratie wurde alles Böse aufgeladen, sie hatte den Frieden der Welt gestört. Ihre Exilierten wurden beschimpft und verhöhnt, ihre Toten im Grabe verunehrt; und sie hatte kein Organ mehr zu ihrer Rechtfertigung. Wer mit der Bewegung sympathisiert hatte, wurde über Bord geworfen, war ein abgetaner Mann; nur wer sich korrekt gehalten, der besaß Talent. Vor allem waren die »politischen Poeten«, die »Leute vom Vormärz« in den Bann getan: es war nur eine Schar »wüster Schreier« gewesen. Aber die Zeit mußte doch Dichter haben, man nahm sie, wo man sie eben fand: es kam die Zeit der loyalen Dichter. Freiherr von Zedlitz und ein jetzt ganz verschollener Wiener, Rudolf Hirsch, das waren die neuen Geister. Von Oskar von Redwitz' »Amaranth« sollte eine neue Aera der Poesie datieren.

Die großen Journale hatten die Losung erhalten, nur das anzuerkennen, was mit den Prinzipien von Thron und Altar zusammenhing. Eine erlogene heuchlerische Schönfärberei aller Gefühle, eine pietistisch angestrichene Sentimentalität waren an der Tagesordnung.

Ich war zu tief mit allen meinen Gefühlen an der Bewegung von 1848 beteiligt gewesen, als daß nicht diese Zustände die nachhaltigste Einwirkung auf mein Gemüt gehabt hätten. Ja, 1849 hatte alle Träume und Ideen der Humanisten ad absurdum geführt! Es war uns, die eine andere Zeit für die Völker so nahe gewähnt, ungefähr so zumute, als hätten wir etwas unendlich geliebt, was sich zuletzt als ein Phantom zu erkennen gegeben. Gewiß, die Völker hatten eine schreckliche Unreife bekundet, die Fürsten und ihre Ratgeber eine schreckliche Überlegenheit. Man hatte sich über die Bildung des Volkes, über dessen Mut und Ausdauer einer furchtbaren Selbsttäuschung hingegeben; kein Wunder, daß ein Zug kalter Enttäuschung alle Spitzen der Partei erfaßte. Im allgemeinen aber ging aus den Ereignissen für uns alle die Aufforderung hervor, alle unsere Überzeugungen einer Revision, einer durchgängigen kritischen Prüfung zu unterziehen. War unser Programm darum gescheitert, weil wir uns in den Mitteln zum Zwecke verrechnet, wie auch das alltägliche Werk einer Hand mißrät, der die praktische Geschicklichkeit der Ausführung abgeht, oder litt es an innerer Unausführbarkeit? Das war die große Frage.

Der römische Dichter ist mit seinem Urteil rasch fertig. Für ihn steht fest, daß der Erfolg über den Wert der Dinge entscheide. Die richtigen Prinzipien sind ihm die, bei denen man sich wohl befindet. Stultorum magister eventus est, Toren kann nur der Ausgang belehren. Wir Modernen dagegen wissen, daß es viel Vortreffliches gibt, das vom Erfolge nicht gekrönt wird. Und doch haben wir alle einen großen Respekt vor dem Erfolge. Was dagegen Mißerfolg hat, sagen wir uns, muß entweder schlecht angefangen worden sein oder an und für sich nichts taugen. Was Mißerfolg hat, stellt sich eben dadurch als »ein Unrechtes oder wenigstens als ein zur Zeit noch nicht Zulässiges« hin.

So kam es, daß man sich sagte: Du hast alles, was Du bisher gedacht hast, auf seinen Gehalt hin von neuem zu prüfen. Vielleicht gedeiht die Menschheit wirklich nur in jenen alten, konstanten Formen, die Dir so sehr mißfielen! Wenn Du nicht umsonst gelebt haben willst, mußt Du neu zu denken anfangen!

Oder: Du hast Dich mit Deinen Freunden nur in der Zeit geirrt. Der Zeiger der menschheitlichen Entwicklung rückt auf seinem Zifferblatte nur unendlich langsam vor. Vielleicht hast Du mit den andern das gewollt, wofür die Stunde noch lange nicht geschlagen hat. Wirst Du's erleben, daß sie schlägt?

Große, herzbeängstigende Fragen!

Und inzwischen war abzuwarten, ob ihrerseits die neuen Institutionen, die uns gegeben worden waren, sich durch Erfolg und Dauer als die richtigen und berechtigten bewähren würden.

 

Am 1.Februar 1851 sah halb Prag einem Begräbnisse zu, das unter Umständen vor sich ging, die ein beredtes Zeugnis vom Geiste jener traurigen Epoche ablegten.

Angesichts einer großen, schweigenden Volksmenge wurde ein verspätetes Opfer der vorhergegangenen Bewegungsjahre, Augustin Smetana, zu seiner letzten Ruhestätte geführt, ohne Kreuz und geistliches Geleite, aber auch ohne Sang und Klang und ohne Kränze.

Ich war diesem Manne schon seit vielen Jahren befreundet.

Schon in den ersten Märztagen 1848 war es gewesen, daß mehrere befreundete Gesinnungsgenossen die Gründung eines liberalen Blattes anstrebten und mich zu einer Unterredung darüber ins Kloster der Kreuzherren beschieden. Dr. Smetana, der seit Exners Abgang nach Wien dessen Lehrkanzel supplierte, sollte an die Spitze der Zeitung treten. »Ein Klosterinsasse Hauptredakteur!« dachte ich. »Was kann da zustande kommen!« Und ich ging lediglich aus Neugier hin ... Ich war zu früh gekommen, der Doktor war noch abwesend, man wies mich in sein Zimmer, und erst nachdem ich eine ganze Weile mich an der Aussicht aus den Fenstern dieses herrlich gelegenen Hauses geweidet, trat ich an die Bücherschränke heran, die eine breite Wand entlang standen. Mein Erstaunen war groß: ich sah die ganze radikale Denkerwelt damaliger Zeit beieinander versammelt. Strauß' »Leben Jesu« stand neben Bruno Bauers Synoptikern, Ruge und Echtermayers »Jahrbücher« waren da neben L. Feuerbachs Werken.

Indes war Smetana mit den übrigen eingetreten, ein blaßgelber hagerer Mann in den Dreißigern mit milde sinnenden Zügen. Man setzte sich. Er entwickelte in den Grundlinien, wie er sich ein Blatt denke, das für liberale politische Institutionen wirken, namentlich aber für die Befreiung der Geister auf religiösem Gebiete mit Nachdruck eintreten sollte.

Wir hatten nur politische Veränderungen im Auge. Das Hereinziehen des religiösen Moments schien uns störend und konfliktdrohend. Auch über die Art, wie Smetana auf föderalistischer Basis tschechisches und deutsches Element zu versöhnen gedachte, konnten wir uns nicht vereinigen. Die Debatte verlief resultatlos – aber ich hatte eine interessante Persönlichkeit kennengelernt.

Ich kam von da ab öfter mit dem supplierenden Professor zusammen, den ich inzwischen aus seiner Schrift »Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters« näher kennengelernt hatte.

Smetana war, nur durch die äußerlichsten Umstände veranlaßt, Theologe und Geistlicher geworden. Er war der älteste Sohn einer zahlreichen Familie; sein Vater fungierte als Kirchendiener bei St. Heinrich. Natürlich war die Familie dürftig; es galt, die Söhne rasch zu versorgen. Und was sollte der Knabe werden, der immer schwächlich und kränklich gewesen und Tag und Nacht über seinen Büchern saß? Die Wünsche der alten Frau, die in der Kirche Wachslichtlein verkaufte, mochten alle erfüllt scheinen, als ihr Sohn zum Priester geweiht und Kaplan zuerst in einem Dorfe bei Karlstein, später in Eger wurde.

Aber fortwährende Beschäftigung mit der deutschen Philosophie führte allmählich in den Ansichten des jungen Mannes und Gelehrten eine völlige Zersetzung und Umbildung herbei. Nach Prag zurückgekehrt, wo er supplierender Professor der Philosophie wurde, vermied er aufs ängstlichste das dogmatische Gebiet, wollte die Kanzel verlassen und sich auf den Katheder beschränken. Wofern ihm dies nicht möglich, war es seine Absicht, Österreich zu verlassen.

Die Meinung, für die Wissenschaft lebende Männer fänden in der Stille der Zelle, geschieden von den Interessen und Reibungen der Welt die ungestörteste Muße, ist ziemlich verbreitet, aber nur eine ungenaue Kenntnis des Klosterlebens verleiht ihr den Schein der Wahrheit. Die geistige Einengung, der gemüttötende Formendienst, der eintönige, nur durch Feste und deren Feier unterbrochene Müßiggang, die gegenseitige, oft zur Denunziation sich steigernde Spionage sind dazu angetan, gewisse Gemüter zur Verzweiflung zu bringen. Ein solches Gemüt war das Smetanas. Der Aufenthalt im Ordenshause ward ihm allmählich unerträglich. Seine Ansichten standen mit dem Kleide, das er trug, im Widerspruch. Da war das Jahr Achtundvierzig gekommen. Obwohl kein Mann der Tat, schüchtern und vor der Berührung mit der Welt bangend, verhehlte er doch seine Sympathien und Überzeugungen nicht und gab ihnen sogar, als die Prager Studentenschaft eine Totenfeier für die in Wien im Märzaufstand Gefallenen hielt, von der Kanzel herab einen beredten Ausdruck. Bald darauf, wenige Tage nach unserer ersten Unterredung, war er aus dem Kloster geschieden und hatte eine Privatwohnung bezogen.

Er wollte aufhören, Geistlicher zu sein. Kein weltlicher Ehrgeiz, keine Leidenschaft des Herzens, nicht etwa der, freilich auch berechtigte Wunsch, ein weibliches Herz sein zu nennen, einzig nur der Drang des Forschers und Gelehrten, der unkontrolliert die Wahrheit nach seiner Weise suchen will, trieb ihn hinaus. Und nun begann eine Kette von Verfolgungen, die, immer anwachsend, sein Leben verbitterten und ihm jede Ruhe raubten. Er bestand auf nichts als auf dem Rechte, in seiner eigenen Studierstube leben zu können, und dies war nur um so natürlicher, da er, seitdem er den Katheder für sich verschlossen sah, die Redaktion der »Union« übernommen hatte. Zuerst ließ man es bei Ermahnungen und im Tone der Mäßigung gehaltenen Aufforderungen zur Rückkehr bewenden, als aber sich die Reaktion im ganzen Staatsleben immer kraftvoller geltend machte, wurden auch die Mahnbriefe der Oberen immer drängender und drohender. Da – eines Tages brachte ein Freund die verbürgte Nachricht, daß die Geistlichkeit das brachium sacculare aufbieten und den abtrünnigen Sohn mit Gewalt zur Rückkehr ins Kloster zwingen werde. Smetana mußte eine Versetzung in eine ferne Provinz, Internierung, vielleicht gar Haft im gefürchteten weißen Turme auf dem Hradschin, dem geistlichen Korrektionshause, erwarten. Diesen Schlag zu parieren, schien ihm nur auf eine Weise möglich: Er gab tags darauf in seinem Blatte die Erklärung ab, daß er »infolge seiner Überzeugung von der Unhaltbarkeit des katholischen Lehrbegriffes aufgehört habe, Priester und Mitglied des Kreuzherrn-Ordens zu sein«.

Das Aufsehen, das diese Erklärung machte, war sehr bedeutend. Jedermann wollte die Nummer, die das seltsame Aktenstück enthielt, besitzen. Das Redaktionskomitee entließ ihn, und bei der Furcht und der Engherzigkeit, die unter dem damaligen Drucke an der Tagesordnung waren, wendeten sich selbst Freunde und Bekannte, die Entrüsteten spielend, von ihm ab.

Aber auch die Exkommunikation ließ nicht lange auf sich warten. Sie kam freilich ohne den krassen Pomp und das phantastische Schrecknis, die sie im Mittelalter begleitete; dennoch aber traf sie Smetana in seiner eigentümlichen Lage bitter genug. Seine Eltern waren beide noch am Leben. Man denke sich einen alten, grauen Kirchendiener, der das Blatt, das die Exkommunikation seines Sohnes enthält, austeilen muß; man denke sich eine alte Frau, »ein Lichtelweib«, die hören muß, wie ihr Stolz, ihr Herzblatt, ihr lieber Sohn als Ketzer und Verlorener erklärt wird.

Und damit alles zusammenkomme, meldeten sich bei dem Hartbetroffenen nun auch die Anzeichen eines rasch fortschreitenden Brustleidens, das ein Leben der Entbehrung in früheren Jahren geweckt, Studium, Nachtwachen, Kummer über Verfolgung gezeitigt hatten. Bald hieß es, Smetana sei von den Ärzten aufgegeben, und nur eine Luftveränderung könne sein Leben noch eine Zeitlang hinhalten.

Smetana war dadurch, daß eine Krankheit, die bereits lange in ihm gelauert, nun zum Ausbruche kam, zu einem Objekt geworden, an welchem fanatische Klerikale beweisen konnten, wie dem Abfall von der Mutterkirche schon hier auf Erden die Strafe auf dem Fuße folge. Man konnte ihn auch erfolgreicher molestieren als z. B. einen Kollegen von ihm, der wie er im Jahre Achtundvierzig das Kloster verlassen hatte, aber trotz der über ihn verhängten Exkommunikation sich einer vortrefflichen Gesundheit und des heitersten Humors erfreute. Diesem, einem liebenswürdigen jovialen Weltmann und trefflichen Gesellschafter, war gar nichts anzuhaben; er wurde daher fortwährend ignoriert, während Smetana in den Vordergrund geschoben und zum Gegenstand des Angriffs in klerikalen Journalen gemacht wurde. Wohl ihm, daß sein Leben selbst, das Leben eines stillen bescheidenen Forschers, keinen Makel bot, an dem man ihn fassen konnte, und man sich einzig an seine Schriften und Artikel halten mußte!

Er hatte indessen Prag verlassen und eine Hofmeisterstelle in Altona angenommen; bei Campe in Hamburg war ein größeres Werk von ihm, »Die Katastrophe in der Philosophie« erschienen. Ich habe diese Schrift nicht gelesen, wohl aber ist mir von Männern, die auf diesem Felde kompetente Richter sind, gesagt worden, daß sie überaus wertvolle Gedanken, des originellsten Denkers würdig, enthält. Wenn auch Smetana nicht das glänzende Talent eines Lamennais verliehen war, die Wärme seines Gemüts, sein schwunghafter Idealismus, der eine bevorstehende Revolution des durch die Kultur der Naturwissenschaften befreiten Menschengeistes vorhersagte, sind eine über jeden Einspruch erhabene Tatsache.

Auch jetzt noch sollte kein Freudenstrahl über sein zertrümmertes Leben hereinbrechen. Das neue Werk, sein Hauptbuch, sein Vermächtnis an die Nachwelt, fand der teilweise obstrusen Sprache wegen nicht die Aufnahme, die der Verfasser gehofft hatte, Smetana blieb nach wie vor ein verborgener Denker. Not und Armut brachen über ihn herein. Es hatte ihn aus dem Kloster, wo er gemächlich hätte leben können, aus dem Hause mit der schönen Aussicht auf den Strom, wo der Humpen nie leer ward, hinausgetrieben, und nun sah er die hohlwangige Sorge Tag um Tag in seiner engen Studienkammer sitzen. Mußte er nicht oft die rotberockten Pfleglinge beneiden, die in den Mauern des alten Hospitaliterhauses behäbig umhergingen! Warum war er nicht bei bequemer Versorgung geblieben? Wie viele Glaubenslose tragen die Klerik und verkünden Wunder, an die sie nicht glauben; wie viele schlechte Gläubige der alten Monarchie, im Herzen Konstitutionelle oder gar Demokraten, dienen irgendeiner bestehenden Ordnung, bis die Stunde kommt, die diese zerstört. Nicht die Einheit des Glaubens und Wollens mehr, die ökonomische Notwendigkeit hält unsere zerfressene, in ihren Vesten erschütterte Welt von heute zusammen.

Es war in den letzten Tagen des Jahres 1850, als der Exkommunizierte wieder in seine Vaterstadt zurückkehrte, doch nur, um in ihr zu sterben. Er sah die Seinigen wieder, ein Schatten dessen, der ehemals war. Bald konnte er das Bett nicht mehr verlassen.

Einen seltsamen, und mich dünkt, herzzerreißenden Anblick mochte ihm jetzt seine alte Mutter gewähren. Mit dieser einfachen Frau, für die der Kampf in der Brust des Sohnes, der Widerspruch der freien Persönlichkeit mit der Macht der Überlieferung und Autorität ein ewiges Geheimnis geblieben war, deren mit der Muttermilch eingesogenen Glauben kein Bildungsferment zersetzt hatte und deren Leben in der Kirche zu Ende gelaufen war, wo sie unter Rosenkranz-Abbeten, von Betstuhl zu Betstuhl gehend, den Gläubigen die buntbemalten Wachslichtlein verkauft und diese zum Heil dahingeschiedener Seelen angezündet hatte, war inzwischen eine merkwürdige Verwandlung vorgegangen. Das Elend und die Verfolgungen, die ihren Sohn noch auf dem Sterbebette Schlag auf Schlag trafen, hatten sie an der Barmherzigkeit der irdischen Vertreter Christi ganz irre gemacht, so zwar, daß sich ihre Zweifel an die Religion selber hinanwagten. Nur ein oberflächliches Auge vermöchte da die Umbildung zu freierer Denkungsart erkennen; in Wahrheit mußte es als der Ausdruck eines an Ideenzersetzung grenzenden, wilden, unermeßlichen Mutterschmerzes gelten! Es mußte den Kranken auf eine fürchterliche Weise berühren, wenn er sah, wie diese Frau, die ihr Lebelang gewohnt gewesen, von ferne herbeizueilen, um einem Geistlichen die Hand zu küssen, jetzt mit Flüchen auf den Lippen vor den zeitweiligen Besuchern ihres Sohnes davonlief.

Und es kamen viel, viel Besuche! Hatte man ihn früher nicht ruhig leben lassen, so ließ man ihn jetzt nicht ruhig sterben und drängte ihn unablässig zum Widerruf.

Zuletzt kam noch der Kardinal-Erzbischof als oberster Seelenhirt zu ihm, um ihn zur Rückkehr in den Schoß der Kirche zu bewegen. »Wenn Sie sich bekehren«, sagte der Kirchenfürst, »so ist es gar wohl möglich, daß Ihnen Gott Ihre verlorene Gesundheit zurückerstattet!« Der Kranke lächelte schmerzhaft, er wußte wohl, daß eine zerstörte Lunge nicht wieder atmungsfähig werde. Mit gebrochener Stimme bat er, ihn ruhig zu lassen, und beharrte bei seiner Überzeugung. Er hätte sagen können: »Die Zeit der Wunder ist vorüber. Lassen Sie das Wunder geschehen, nachher will ich glauben; aber fordern Sie nicht vorher meinen Übertritt als Bedingung meiner Heilung!«

Als sich diese geistlichen Besuche vermehrten, wurde in dem Kranken das Mißtrauen rege, daß man nach seinem Tode, der alle Augenblicke eintreten konnte, das Gerücht von seiner Buße und seinem Widerruf in Umlauf setzen könne. Dem wollte er zuvorkommen. Er bat seine Freunde, abwechselnd bei Tag und Nacht sein Krankenbett zu umgeben. Dies geschah.

Am vorletzten Januar 1851 schlief er ein und erwachte nicht mehr.

Smetana war kaum verschieden, als sein Todesfall schon jedermann in der Stadt bekannt war und den Gegenstand des allgemeinen Gesprächs bildete. Die Oberin im ... Nonnenkloster, die eben beim Mittagstische saß, hielt plötzlich mit dem Zerlegen des Bratens inne, legte, wie von einem Gedanken erfaßt, die Hand an die Stirne und sagte dann nach längerem Nachdenken: »Um diese Zeit wird es dem armen Smetana wohl schon schlecht gehen!« Sie meinte nach ihren Begriffen von jenseitiger Topographie und der Schnelligkeit der Seelenbeförderung, daß der Exkommunizierte jetzt bereits in der Hölle angelangt und der Justiz höllischer Peiniger überliefert sein dürfte.

Eines in allem war bei dem Leichenbegängnisse, das für den folgenden Tag angesagt war, ein ungewöhnlicher Menschenzudrang zu erwarten; die Menge aber, die sich einfand, überstieg jede Voraussetzung. Auf dem oberen Teil des Roßmarktes, wo das Haus, in welchem Smetana verschieden war, lag, hatten sich mindestens zehntausend Menschen versammelt und standen dicht gedrängt wie Pflastersteine beieinander. Selbst Handwerker hatten ihre Werkstätten geschlossen und die Arbeit verlassen, um mit dabeizusein.

Während draußen die Polizei ihre liebe Angst vor revolutionären Demonstrationen hatte, waren im Zimmer, wo der Tote lag, die Anverwandten in nicht minderer Sorge. Wir hatten vollauf damit zu tun, ihnen zuzusprechen. Klerikale Persönlichkeiten hatten allenthalben verbreitet, das »Volk« würde aus Wut gegen den in Unglauben Geschiedenen seinen Sarg beschimpfen, vielleicht gar seine Leiche entehren. Es ist ein alter Kniff derer, die das Volk hetzen, zu behaupten, daß sie nur es sind, die seine gerechte Entrüstung zügeln. Als die Menschenmenge immer mehr anschwoll, blickten die Anverwandten ängstlich aus den Fenstern heraus, um die Physiognomie der Menge zu studieren und ihre Stimmung kennenzulernen. Sie war geheimnisvoll ernst. Als die Fackelträger ausblieben, die sonst gewöhnlich den Sarg hinabtragen, wuchs die Verlegenheit. »Rufen wir ein paar junge Leute herauf, daß sie uns helfen«, meinte einer. »Nein«, sagte Dr. Pinkas, »die Polizei würde sich die Namen der jungen Leute notieren und ihnen Unannehmlichkeiten bereiten; greifen wir selbst zu, an uns ist nichts zu verderben!« Er faßte den Sarg, wir folgten seinem Beispiele; es ging die Treppe hinab. »Nun kann's uns schlecht gehen!« flüsterte ein Furchtsamer, »weiß Gott, wie die Menge gesinnt ist.«

Da rief eine tiefe, ernste Stimme mitten in der allgemeinen Stille: »Hut ab!« und wie mit einer einzigen Handbewegung entblößten sich die Häupter von mindestens zehntausend Menschen.

»Im Namen Seiner Exzellenz des Statthalters! Ich befehle, daß der Leichenzug seinen Weg nicht durch die Marien- und Basteigasse, sondern direkt durch das Roß-Tor nehme«, ließ sich die scharfe, schneidige Stimme eines Polizeikommissärs vernehmen.

Kein Glockengeläute ließ sich hören, ohne Priester und Ministranten setzte sich der schwarze Wagen in Bewegung. Kein schwarzumflortes Kreuz war darauf.

»Schneller! Schneller!« rief der Kommissär noch einmal, und der Kutscher setzte die Pferde in so scharfen Trab, daß der alte Pedell der Universität in seinem langen roten Talar, das Pedum in der Hand, kaum nachkommen konnte.

Eine Minute später war der Wagen durch das Roß-Tor verschwunden.

Ich habe die von Augustin Smetana zurückgelassenen Denkwürdigkeiten, die Erzählung eines kampf- und leidvollen Lebens einige Zeit nach seinem Tode unter dem Titel: »Die Geschichte eines Exkommunizierten« herausgegeben. Ich erwähne das nur als historische Notiz, denn als Charakter ist Smetana gänzlich veraltet und dürfte unserer Epoche beinahe unverständlich erscheinen. Heute hat die Kirche keine Häretiker, keine Abtrünnigen mehr, nirgendwo vernimmt man von einem Austritt, einem Abfall. Neue und schwer begreifliche Dogmen wie das der unbefleckten Empfängnis und der päpstlichen Unfehlbarkeit sind inzwischen dekretiert worden; ein minimaler Teil der katholischen Priesterwelt hat sich eine Zeitlang gegen sie gesträubt, sie bald darauf aber freudig aufgenommen. Auch die altkatholische Bewegung ist kläglich im Sand verlaufen. Alle katholischen Priester haben sich imstande gefühlt, das von ihnen verlangte Opfer des Intellekts, den sacrifizio del intelletto zu bringen, keiner macht sich mehr Gewissensnöte, die demütige Unterwerfung, die opferfreudige Hingabe an die geoffenbarten Dogmen ist allgemein. Die alleinseligmachende Kirche triumphiert auf allen Punkten.

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