Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alfred Meißner >

Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 16
Quellenangabe
pfad/meissner/heinepar/heinepar.xml
typeessay
authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
senderwww.gaga.net
created20120521
projectid6c81b314
Schließen

Navigation:

1850 – London und Paris

Zögernd war ich nach Prag zurückgekehrt und verhielt mich dort ganz still. Aber so still man sich auch verhielt, man konnte den fortwährenden Provokationen doch nicht entgehen. Eines Tages, es war im Mai, als ich über den Graben ging, erblickte ich die Don-Quichote-Figur des Kreuzerzigarrengrafen. Er »stellte mich«, indem er, seinen Stock in die Erde bohrend, vor mir stehenblieb.

»Nun, mein Lieber«, sagte er, »jetzt müssen's ja ganz zufrieden sein?«

»Warum?«

»Warum? Sie haben ja immer gesagt, der Volkswille soll regieren. Jetzt regiert ja der Volkswille!«

»Daß ich nicht wüßte!«

»So? Sehen's das noch immer nicht ein: jetzt regiert der Volkswille. D' Völker wollen nicht frei sein. Sie und der Hartmann wollen frei sein. Aber wegen Ihnen zwei kann man die Weltgeschichte nicht anders machen. Guten Morgen!« – Damit zog er weiter.

Mir war die Luft zum Ersticken. Ich sehnte mich fort, und meine Eltern waren damit einverstanden, daß ich reiste. Lange schon hatte ich mich erfolglos um einen Paß beworben, jetzt war ich entschlossen, mich auch ohne Paß aufzumachen. Mein Ziel war England, das ich durchaus kennenlernen wollte.

 

In London in den ersten Tagen des Juni angekommen, folgte ich einer Einladung der Lady William Russell, die während mehrerer Winteraufenthalte in Karlsbad meinen Eltern befreundet worden und uns allen sehr zugetan war, und zog in ihr Haus: Parklane, Audley Square.

Lady William Russell war eine geniale Frau von imponierender Erscheinung und fast männlichem Geiste. Sie war eine vollständige Gelehrte, las lateinische und griechische Autoren im Original und hatte die Erziehung ihrer beiden jüngeren Söhne, Arthur und Odo, selbst geleitet. Voll Dranges, alles zu kennen, hatte sie sich in der Einsamkeit des Karlsbader Winters sogar aufs Hebräische geworfen und bei einem kleinen jüdischen Graveur Unterricht genommen, um den Pentateuch und den Kohelet im Original lesen zu können. Ein langer Aufenthalt auf dem Kontinent hatte sie stark entengländert und von vielen Vorurteilen befreit. Mir hatte sie seit Jahren eine große Teilnahme bewiesen, hatte mich, meinem Vater entgegen, in meinen schriftstellerischen Plänen unterstützt und vermutlich auch vor polizeilicher Verfolgung geschützt. Ich weihte ihr dafür eine unbedingte Verehrung.

Es war die Zeit der vornehmen Londoner »Season«. Alltäglich gegen zwei stieg Lady Russell in den herrlichen Galawagen, um durch die Straßen des vornehmen Viertels zu rollen, von fünf zu fünf Minuten anzuhalten und Karten auszuwerfen, während wieder vor ihrer Türe endlos Galawagen vorfuhren und Karten abgegeben wurden, die, auf silbernen Platten gesammelt, einen Berg bildeten. Ebenso hatten meine jungen Freunde jede Nacht ein Ballfest in der Aristokratie mitzumachen. Die Sitte des High life verlangte, daß sie jede Nacht zur Zeit, da andere Leute schlafen, sich in hellbeleuchteten Sälen herumtreiben, bei sommerlicher Hitze tanzen, den Magen mit warmem Teewasser und Gebäck überladen und musikalischen Genüssen frönen mußten. Zur Zeit, als ich aus dem Theater kam, also kurz vor Mitternacht, hatten sie sich in die allerengsten Stiefeln gezwängt und waren mit ihrer Toilette fertig geworden; bald darauf hörte ich sie im Wagen davonfahren, der sie in der Morgenstunde zwischen drei und vier wieder abholen sollte.

Solche Lebensführung auf der höchsten Höhe gesellschaftlicher Existenz ist wohl bedauernswürdig und der Gipfelpunkt des Unsinns. Man muß das Leben der englischen Aristokratie aus einiger Nähe angesehen haben, um recht zu begreifen, wie es, von allen andern nicht zu reden, einen Byron aus einer so ungesunden Atmosphäre hinaustrieb, in sonnigeren Klimaten ein natürlicheres Leben aufzusuchen und in seinem »Don Juan« die bittersten Satiren auf dies High life zu schreiben. Meine beiden jungen Freunde schützte nur ihre in der Fremde genossene Erziehung und ihr gesundes Naturell. Sie machten alles wie ein in London nun einmal nicht zu umgehendes Zeremoniell mit, ohne sich über den Wert oder Unwert dieses Treibens einer Täuschung hinzugeben.

Ich blieb den ganzen Vormittag allein: alles schlief im Hause. Ich konnte meine Kaffeemaschine anzünden und frühstücken, konnte im benachbarten Park Spazierengehen oder zu Hause in einem großen Bücherzimmer die ungeheuren Bücherschätze der Familie benutzen. Ich machte vom letzteren nach Kräften Gebrauch.

Nach ein Uhr fand ich mich wieder im Dining-room ein, wo ein großer Tisch mit allerlei kalten Platten besetzt war. Noch immer waren meine jungen Freunde nicht erschienen. Aber die Zeitungen waren eingelaufen, und ich konnte, wenn ich danach Verlangen trug, schon die ausführliche Beschreibung der fashionable assembly lesen, der sie beigewohnt. Der abgeschmackte Kultus, der sich in der detaillierten Beschreibung aristokratischer Bälle und routs, in der Hereinziehung von Familienangelegenheiten in die Öffentlichkeit, in der begeisterten Schilderung von Damentoiletten äußert, war damals noch auf England beschränkt. Erst mit der Kräftigung der guten Gesinnung und ihrer Zurschautragung ist dieser Ton auch auf den Kontinent gelangt.

Nach zwei erschienen meine Freunde, ich setzte mich mit ihnen an den Frühstückstisch, der mir ein Mittagstisch war, und es wurde aufs heiterste geplaudert, bis für sie die Stunde schlug, ins Amt zu gehen. Jeder arbeitete im Ministerbüro, Odo in Downingstreet bei Lord Palmerston, Arthur bei seinem Onkel, Lord John Russell.

Längst war mir ganz in der Nähe von Audley Square, in der St. Jamesstraße, ein kleines Haus mit freier Aussicht auf den Park gleichen Namens aufgefallen; es war so sonderbar rot und gelb übertüncht. Es wurde mir noch weit merkwürdiger, seitdem ich erfahren, wem es gehöre. Dort wohnte Edward George Lytton Bulwer, von seiner Gattin getrennt, mit einer etwa zwanzigjährigen, sehr schönen Tochter, die er unlängst aus einem deutschen Pensionate zurückberufen hatte. Mehrmals sah ich Vater und Tochter auf kleinen schwarzen Ponys vorüberreiten. Bulwer stand erst am Rande der vierziger Jahre, war aber schon, wie ich hörte, von Gebrechen des Alters, Schwerhörigkeit und anderem geplagt. Ich sah und verehrte in ihm den größten lebenden Meister im Romanfach, einen Dichter von umfassendster Menschenkenntnis, feinster Psychologie, größter Kunst der Gruppierung; ich machte aber wiederholt die Bemerkung, daß er in England nicht in dem Ansehen stehe, das seinem europäischen Rufe entsprach. Man nergelte an seinem Charakter, nannte ihn eitel und selbstgefällig; seinen Büchern wurde vorgeworfen, daß sie Immoralität beschönigten und vergoldeten. Man hatte bereits angefangen, ihm den allerdings weit volkstümlicheren Dickens gegenüberzustellen. Meine Bewunderung seines Genies war grenzenlos, ich wurde immer ganz ingrimmig, wenn ich erklären hörte: Bulwer ist aus der Mode! Ums Leben gern hätte ich einmal an die Türe des grell rot und gelben Hauses gepocht und dort Zutritt gesucht. In jedem anderen Lande hätte ich es getan, hier hatte ich nicht den Mut dazu. Die Furcht vor dem starken englischen Konventionalismus und Formalismus hielt mich zurück. Habe ich darum vom Dichter des Ernest Maltravers als Menschen eine zu geringe Meinung gehabt? Ich habe mir darüber heute noch keine feste Ansicht gebildet.

Wie unerschüttert war dies England, während die übrige Welt in Krämpfen lag und die Grundlagen einer neuen gesellschaftlichen Ordnung suchte, in seinen royalistischen und feudalen Überzeugungen geblieben! Noch ganz unlängst hatte man dies an einem schlagenden Exempel studieren können. Die Witwe des letzten Königs, Königin Adelaide, war gestorben. Es war über ihren persönlichen Charakter so gut wie nichts zu sagen, dessen ungeachtet hüllte sich Groß und Klein, Arm und Reich auf Monate in tiefe Trauer. Es war nun einmal so Stil. Man sah keinen »anständigen« Menschen ohne seinen Flor am Hute. Die Frauen gingen ganz in Schwarz. Selbst die in London so furchtbar zahlreichen Antivestalinnen stationierten jetzt in Trauer auf dem Trottoir. Niemandem erschien das komisch. Um diese Zeit hatte Reinhold Solger, einer der besten deutschen Publizisten in der damaligen Presse, etwas bei Herrn Tussaud, dem Eigentümer eines großartigen, ein ganzes Haus okkupierenden Wachsfigurenkabinetts, zu tun. Auf seine Anfrage bemerkte ihm die Dame an der Kasse, Herr Tussaud werde heute kaum zu sprechen sein, da er sämtlichen Wachsfiguren Trauer für die Königin-Witwe anzulegen habe. Und so war es in der Tat. Selbst die Puppen aller berüchtigten Mörder in den sogenannten cabins of Horror erhielten ihren schwarzen Flor und trauerten sechs Wochen lang nach Vorschrift des Hofmarschallamts. Ganz London fand dies sehr sinnig und anstandvoll, und der Franzose Tussaud, der so vollständig auf die »englischen Gefühle« eingegangen, wurde eine allbeliebte Persönlichkeit.

Eines Nachmittags nahmen mich meine jungen Freunde nach Pembroke-Lodge mit, wo ihr berühmter Oheim mit seiner Familie in einer parkartigen Anlage wohnte. Er empfing uns freundlich. Lord John Russell war gleichsam das Duodezmodell eines Mannes, klein und auf den ersten Blick unscheinbar. Sein Köpfchen, das er in einen großen Zylinderhut zu vergraben pflegte, war winzig, das Haar dürftig. Sein Gesicht von sphinxartigem Schnitte hatte den Ausdruck gedankenvollen Ernstes und tiefer Ruhe mit einem Beisatz von Schwermut. Der Mund war breit, von zwei tiefeingegrabenen Linien eingefaßt, aber schön geformt, die Lippen meist wie in tiefer Meditation fest aneinandergepreßt ... So erschien Lord John als ein gar stiller Mann, und es war schier unbegreiflich, wie diese winzige Figur der Träger der Politik einer Weltmacht und der Führer einer großen Partei sein sollte.

Dennoch ist er dies unleugbar gewesen.

Ich sah das Parlamentshaus und wohnte einer Sitzung des Unterhauses bei. Ein ungeheures Gebäude gotischen Stils hat das 1834 durch Feuersbrunst größtenteils zerstörte Haus ersetzt. Die Fronte mit den zahllosen Fenstern will gar nicht enden, die Türme und Türmchen geben dem Palast der gesetzgebenden Körper Ähnlichkeit mit einer Kathedrale, das Streben nach malerischer Wirkung hat dem Charakter des Neubaues geschadet, dem mehr Würde und Einfachheit zu wünschen wäre. Zutritt zu erhalten ist sehr schwer, es bedarf der Intervention eines Mitgliedes des Hauses. Man durchwandert anfangs den alten Teil des Gebäudes, und in den Hallen und Gängen stehen alle Gestalten des alten Englands auf. Hier wurde Cromwell zum Lord-Protektor ernannt, hier wurde Gericht gehalten über Thomas Morus, Jane Gray, Essex, Carl I. In den Korridoren hängen Bilder, stehen Bildsäulen: John Hampden, Falkland, Walpole, Burke, Pitt, Fox.

Im Prinzip sind die Sitzungen geheim. Es wird angenommen, daß die Abgeordneten von der Anwesenheit der Personen, denen sie Eintrittskarten verschafft haben, gar nichts wissen. Es würde genügen, daß ein Mitglied des Hauses sagte: Herr Speaker, ich bemerke dort auf der Galerie Personen, die mir nicht zum Hause zu gehören scheinen – der Speaker müßte die Tribüne sofort räumen lassen. Dessenungeachtet gibt es eine reporters gallery und dahinter eine lady's gallery. Man nimmt an, daß sie nicht existieren.

Die gentlemen of the house of commons sitzen meist von ein Uhr nachmittags bis zwei oder drei Uhr morgens. Merkwürdige Wahl der Zeit, wird man sagen, aber hier ist ja alles anders als sonstwo. Der »Speaker«, eine ungeheure weißgepuderte Perücke auf dem Kopfe, sitzt in einer Art von hölzerner Nische, die durch grüne Vorhänge und Schirme vor dem Licht geschützt ist – er wohnt mehr der Versammlung bei, als daß er ihr präsidiert. Er ist so unbeweglich, daß man meint, er schlafe. Er hat das Haupt unbedeckt, während alle übrigen, Minister und Abgeordnete, den Hut auf dem Kopf haben wie die Juden in der Synagoge.

Dem Tische der Sekretäre gegenüber sitzen die Minister auf einer Bank: hier saß Lord John, hier Lord Palmerston, den ich nach den Bildern im »Punsch« sofort erkannte.

Die Versammlung bestand aus wenig mehr als fünfzig oder sechzig Mitgliedern. Die Debatte hatte ganz den Charakter einer Privatunterhaltung. Gegen sieben lichteten sich die Bänke, es war die Essensstunde herangekommen. Gegen neun füllten sie sich wieder. Die Reden wurden etwas lebhafter, behielten aber ihren ruhigen Charakter. Nur mein eiserner Vorsatz, bis gegen Ende auszuharren, hielt mich fest. Es mochte um Mitternacht sein, als man zur Abstimmung schritt. Der »Sprecher«, der die ganze Zeit keinen Laut von sich gegeben, erhob sich und sprach die drei Worte: strangers must withdraw! (Wer hier fremd ist, muß sich zurückziehen.)

Ich meinte gehen zu müssen, aber die Zuhörer auf den Galerien regten sich nicht. Es war nicht von ihnen die Rede. Von ihnen wird ja angenommen, daß sie nicht da sind.

Nun verliest der »Sprecher« die Frage, die zur Abstimmung gelangt, und fordert die, welche mit ay (ja) stimmen, rechts, die mit no (nein) stimmen, links abzugehen auf.

Die tellers (Zähler) stellen sich auf, die Parlamentsmitglieder defilieren in zwei Reihen. Die Zähler verkünden die Ziffern, der Sprecher verkündet die Majorität, und die Sitzung ist zu Ende.

Marietta Alboni war in London, ihr Name war an allen Ecken zu lesen. Es wurde Meyerbeers »Prophet« gegeben, sie sang die Fides. Begreiflicherweise zog es mich hin, aber ich erfuhr eine schwere Enttäuschung. Ich wurde von den Zensoren, den Hütern guter Sitte, die rechts und links von der Kasse sitzen, zurückgewiesen. Mit einem verächtlichen Blick auf meinen Rock und einem Schütteln des erhobenen Zeigefingers ertönte mir gleichzeitig von beiden Seiten der Ruf: French cut, sir! No admittance, sir! (Französischer Schnitt, mein Herr! Kein Zutritt, mein Herr!) und mir blieb nichts übrig, als kehrtzumachen.

Ich hatte nicht gewußt, daß in Coventgarden auch für den Besuch der Galerien ein schwarzer Frack und weiße Halsbinde unerläßliche Bedingung seien.

Im Fortgehen dachte ich: es ist auch so gut. In der Rolle einer alten Frau will ich Dich nicht zuerst wiedersehen, schöne Marietta! Du sollst fortleben in meiner Erinnerung wie bisher, schön, blühend und ewig jung!

Um so sorgfältiger in meiner Toilette war ich tags darauf, wo Lady Russell ihre Loge hatte und mich in dieselbe einlud. Sie war im ersten Range. Ringsum saß lauter patrizisch´ Blut, edle Abkunft von höchster Reinheit. Jeder im weiten Halbkreise konnte seinen Stammbaum gleich arabischen Vollblutpferden auf eine unabsehbare Reihe von Ahnen zurückführen. Und sollte doch ein Geringerer da sein, so hatte er mindestens eine halbe und ganze Million jährlicher Rente zu verzehren.

Man gab »Die Hugenotten«. Mario und Julia Grisi, beide jung, beide schön, eins in das andere verliebt, sangen den Raoul und die Valentine mit Stimmen, wie ich ähnliche noch nie gehört, mit einem leidenschaftlichen Spiel, wie ich es noch nicht gesehen. Aber das war auch alles. Die Ausstattung war weniger als mäßig, das Ensemble schlecht, die Zwischenpausen von willkürlicher Länge.

Das Publikum des ersten Ranges machte einander von Loge zu Loge Besuch. Die Damen musterten mit dem Operngucker die Diamanten ihrer Gegenüber; die Aufmerksamkeit wendete sich nur in den Hauptmomenten der Szene zu.

Unvergeßlich sind mir die Bilder vor dem Opernhause, wenn das vornehme Publikum den hellen Räumen entströmte.

Diese Grandezza der harrenden Lakaien, der Ernst und die beinahe priesterliche Hoheit des heranfahrenden Kutschers, das Sichbäumen der edlen Pferde unter dem Wink der Peitsche, das Aufschreien der Fußgänger, die überfahren zu werden fürchteten, das plötzliche gemeine Fluchen des Oberpriesters mit der Peitsche, wenn solch ein Elender sich in Gefahr gebracht, der Lärm der davonfahrenden Karossen, dem Tosen einer Meeresbrandung vergleichbar – das war alles sehr merk- und denkwürdig. Ein paar hundert Schritte weiter konnte man dann sicher sein, einem weiteren Bilde des Londoner Nachtlebens zu begegnen: einem halbverhungerten Weibe mit einem Kinde an der Brust, ein Bild des Jammers, doch zu gewöhnlich, um von jemandem beachtet zu werden, einer obdachlosen Familie, die auf der Gasse übernachten zu wollen schien. Schnapsbuden wie Paläste waren aufgetan mit großen Spiegelfenstern, auf denen in Goldbuchstaben: Talmilch, Bergestau geschrieben stand, mit buntbemalten Fässern und marmornen Büffets, die im Schein des Gaslichtes funkelten: in ihrer Umgebung Gruppen von Weibern mit bleichen eingefallenen Gesichtern, trockenem Husten, ekelhaften Lumpen. Ich suchte rasch die nächste Kutsche, um in mein stilles Quartier von Audley Square zurückzukehren ...

Unter den Schätzen, welche das britische Museum besitzt – Spolien einer Welt, durch eine weltbeherrschende Nation in einem riesigen Palaste aufgespeichert – waren die neulich herübergebrachten Überreste aus Ninive nicht die am wenigsten sehenswerten. Sie erregten eben ungeheures Aufsehen.

Schön genug, daß man sie ohne ästhetisches Mißbehagen beschauen kann, nachdem man die Friese des Parthenon, die Überreste des Tempels von Aegina und die Bildwerke des athenischen Bacchustempels gesehen hat, sind sie durch ihr kulturhistorisches Interesse überaus anziehend, indem sie den Beschauer mit packender Gewalt in die Zeit jener babylonischen Weltmonarchie hinüberversetzen, welche ungefähr ein Menschenalter vor Beginn des trojanischen Kriegs durch Ninus und seinen Sohn Ninyas gegründet wurde, von Ninive und Babylon aus Phönizien und Palästina eroberte, ganz Westasien beherrschte und erst 550 vor Christi Geburt durch die Perser zertrümmert wurde. Mehrere hundert Tafeln, mit flach erhabenen Basreliefs bedeckt, erschließen uns eine ganz eigentümliche Welt, fremder und seltsamer als alles, was sogar die ägyptische Vorwelt uns geboren, indes die langen Inschriften in Keilschrift, welche allen Raum bedecken, der nicht mit bildlicher Darstellung erfüllt ist, uns wie seltsame Rätsel erscheinen, die uns ein Letztes und Verschlossenes noch zu entfalten scheinen. Zu ganzen Stunden konnt' ich trotz aller Ungunst der Räumlichkeit vor diesen wunderbaren Überresten stehen, die einer besseren Aufstellung in neuerrichteten Sälen entgegensahen, und mich in ihnen vertiefen.

Ich sah die Monarchie vor mir in ihrer vollen naiven Urform. Um die Person des gottähnlichen und gottbeschützten Kaisers gruppiert sich ein ganzes Leben von Feldzügen und Triumphen, von Opferungen und religiösen Zeremonien. Vor seinen Pfeilen erliegt die Revolution, welche in der Gestalt des Greifen, des unreinen Tieres, dargestellt wird. Unter seinen Händen entzündet sich auf dem Altare das heilige Feuer, denn der Monarch ist nicht nur unbeschränkter Herr der Leiber, sondern auch als erster Priester Herr der Seelen. Um seinetwillen fallen hier unter den Geschossen der Feinde die Krieger von den Sturmleitern hinab in die Gräber und Ströme, welche die Festungen schützen, ihm gehört alle Beute des Sieges, mag sie nun in den goldenen Gefäßen ausgeraubter Tempel oder in den Frauen der bezwungenen Stämme bestehen. Und seltsam! nicht der oder jener Herrscher ist es, den diese Tafeln verherrlichen, es ist die Monarchie an und für sich, abstrahiert von ihren jedesmaligen Trägern und nur ganz zufällig in dem oder jenem Herrscher vergegenwärtigt.

Aus wieviel verschiedenen Jahrhunderten daher auch diese Tafeln stammen, sie zeigen uns immer denselben oder doch einen allen früheren ganz ähnlichen König, der den Kampf gegen Aufrührer oder Feinde besteht. Im langen engen Gewande steht er größer als die übrigen in der Mitte seiner Leibwache da und führt den Kampf an. Selten ist er zu Wagen, meistens zu Fuß, zunächst von zwei Personen begleitet, von denen die eine seinen Köcher trägt, die andere ihm den Sonnenschirm über den Kopf hält. Er, in gemessener Ruhe und Würde, schießt den Pfeil ab. Sein Schutzgott, ein phantastisches Idol, das in Wolken über seinem Haupte schwebt, schießt zu gleicher Zeit, und so ist es natürlich, daß der König nie sein Ziel verfehlt. Auf anderen Basreliefs sitzt er wieder zu Thron und empfängt Gesandte, welche an ihrer Tracht als Bewohner fremder Gegenden zu erkennen sind. Lange Züge von Frauen werden mit gebundenen Händen und schmerzvoll gesenkten Gesichtern entgegengeführt: er wird mit den Schönsten unter ihnen gar bald seinen Harem füllen. Wir finden ihn zuletzt vor dem Altare, den Göttern das heilige Feuer anzündend. Priester, welche Geierköpfe haben und Schlachtmesser in den Händen halten, bringen ihm das Opfertier.

Alle diese Figuren sind großartig, würdevoll, und doch leben sie nicht, es sind keine Menschen. Sie wollen schreiten und haften mit beiden Fußsohlen an dem Boden; sie handeln scheinbar, und doch kann sich niemand darüber täuschen, daß ihnen die lebendige Wärme fehlt. Man denkt an die Menschen der griechischen Mythe, an ihr Tun und Wesen, ehe ihnen Prometheus das belebende Feuer herabgebracht.

Lange Inschriften erläutern diese bildlichen Darstellungen; sie erschienen mir stets wie höchst anlockende Rätsel. – Ich schäme mich nicht zu gestehen, daß ich noch vor wenig Monaten geglaubt hatte, die Keilschrift sei unentziffert geblieben. Sah ich diese seltsamste aller Schriftarten, in welcher sich stets dasselbe Zeichen, der Keil, in verschiedenen Stellungen und immer wechselnder Verbindung wiederholt, da schien es mir, diese Schrift, welche sich bei keinem lebenden Volke mehr erhalten hat, müsse ebenso unlesbar bleiben als die, welche die Natur auf dem Rücken einer Eidechse oder einer Schlange eingeschrieben. Dem ist aber nicht so. Der Menschengeist, der der Hieroglyphenschrift Ägyptens Herr geworden ist, ist auch mit der Keilschrift fertig geworden. Wie? Das sollte ich bald erfahren.

Durch einen Freund unseres Hauses, Major Forbes, der alljährlich nach Karlsbad zu kommen pflegte, lernte ich einen jungen Gelehrten kennen, der täglich im British-Museum beschäftigt war. Mister Makay, so hieß er, hatte dem Obristen Rawlinson jahrelang in Persien zur Seite gestanden und sich mit diesem an den Ausgrabungen beteiligt.

»Und Sie können wirklich diese Inschriften lesen?« fragte ich den jungen Mann. »Sie machen mir nicht mehr Schwierigkeiten«, erwiderte dieser mit schlichter Bescheidenheit, »als dem Studenten die Übersetzung einer Stelle aus dem Xenophon oder Thukydides.«

Ich war außer mir vor Erstaunen.

»Die Sache begreift sich sehr leicht«, sagte Makay. »Wir haben, teils in Felsen eingegraben wie in Hamadan und in Besistum, teils auf wohlerhaltenen Mauern wie in Persepolis, Inschriften gefunden, welche dreispaltig geschrieben und in drei Sprachen abgefaßt waren. Drei Völkerfamilien wohnten dort auf demselben Sprachgebiete, und zwischen ihnen herrschte Gleichberechtigung der Idiome. Jedes Feld zeigte ein eigenes Alphabet. Eins war in Keilschrift, eines der beiden anderen persisch, das gab den Schlüssel. Es war nicht mehr schwer, die Eigennamen herauszufinden. Diese mußten allenthalben gleich sein, das gab das Alphabet der Keilschrift. Auf ähnliche Weise hat vor ungefähr fünfzig Jahren die griechische Schrift auf dem Stein von Rosette zur Entzifferung hieroglyphischer Inschriften geführt.«

»Als dieser Schlüssel einmal gefunden war«, fuhr der junge Gelehrte in seiner Darlegung fort, »sprangen alle Türen auf. Die Tafeln zu Besistum, Persepolis und Naksch lieferten mehr als achtzig Einzelnamen, deren Aussprache durch die persische Orthographie festgestellt wurde und für die man auch babylonische Äquivalente erhielt. Mit Hilfe der bekannten Worte galt es die unbekannten zu entziffern. Es mußten alle semitischen Analogien herhalten, damit man, die persische Übersetzung zur Seite, den Sinn der Sätze verstehen lerne, die man nun bereits lesen gelernt hatte. Die Sprache, in welcher die Inschriften verfaßt waren, war weder hebräisch, chaldäisch noch syrisch, aber die elementaren Worte und die grammatikalische Konstruktion zeigten bald, daß man es mit einer verlorengegangenen semitischen Sprache zu tun habe. Manche Worte waren mit solchen derselben Bedeutung in syrischer, hebräischer oder arabischer Sprache identisch.«

Wir standen während dieses Gespräches vor einer Tafel von besonders schöner Arbeit, die soeben ausgepackt worden war.

»Könnten Sie mir sagen, was auf dieser Tafel steht?« fragte ich Mister Makay.

»Wenn Sie in einer Stunde wiederkommen, will ich Ihnen die Übersetzung vorlegen«, war die Antwort.

Ich kam wieder. Herr Makay hatte bereits die Inschrift entziffert. Sie lautete:

»Dies sind die Taten Temenbar des Zweiten, des Sohnes Sardanapals, im zehnten Jahre seiner Herrschaft!«

»Ich kreuzte zum achten Male den Euphrat. Ich nahm die Städte ein, welche zu Aralura gehören, und gab sie meinen Kriegern zur Plünderung.«

»Herausgehend aus dem Lande Shaluma ging ich weiter in die Länder, welche dem Arama untertan sind.«

»Ich nahm die Hauptstadt Arnia und gab sie und hundert Städte der Nachbarschaft der Plünderung anheim. Viel gab es der Böswilligen; ich schlug sie und nahm ihre Schätze mit mir.«

»Sodann stieg ich hinab in die Ebenen von Sambura, verheerte die Städte Aramas, Königs des Ararat, verheerte auch alles Land und die Quellen des Euphrat.«

»Ich wohnte dort bei den Quellen, die den Euphrat bilden, baute Altäre dem großen Gotte Rimon und setzte Priester ein, den Gottesdienst zu leiten.«

»Dann zog ich in das Land der Arianen und nahm die Huldigung von siebenundzwanzig persischen Königen entgegen.«

»Ich besetzte darauf die Städte Kathidra, Tarzane und Kharkhar sowie alle Städte, die von diesen abhängen. Viel waren dort der Übelgesinnten. Ich konfiszierte ihre Güter, gab ihr Land der Plünderung und sah bald das Reich zu meinen Füßen.«

»Aber in den Stämmen Shetina war eine Empörung ausgebrochen. Ich überwand sie mit Hilfe des mächtigen Gottes Assarac. Ich nahm den Shetina gefangen samt seinen Söhnen und Ministern und hing sie auf an den Bäumen. Die Verführten begnadigte ich, nachdem ich ihnen ihr Gut weggenommen. Ich setzte Arhafit und Sirzakisba zu Statthaltern ein. Dann forderte ich einen großen Tribut, bestehend aus Gold, Silber, Ebenholz und edlen Steinen, führte unsre Sprache ein und ließ ein großes Dankopfer feiern in der Stadt Kamala.«

»Dies waren die Taten Temenbars im zehnten Jahre seiner Herrschaft.«

Selten noch hat mir ein Blatt so viel zu denken gegeben wie das, welches ich soeben in den Händen hielt.

Die Inschrift war aber auch angesichts der eben erlebten Feldzüge und Niederwerfungen von einer entsetzlichen Aktualität.

Ich mußte mich fragen: Hat sich die Welt und ihre Geschichte seit dreitausend Jahren in ihrem Wesen eigentlich verändert? Haben alle Versuche der Menschheit, eine Ordnung zu schaffen, in der jeder einzelne seiner Würde als Mensch und als integrierendes Glied des Ganzen sich bewußt wird, irgendwelchen Erfolg gehabt? Alles ist auf die Gewalt gebaut, und das Gesetz der Erbfolge gibt Leben und Glück von Millionen dem Zufall und der Willkür anheim. Auf einen schwachen und schlaffen Sardanapal folgt ein gewaltsamer Temenbar. Mit den siegreichen Despoten sind die Götter und das Priestertum. Was ist der Unterschied von damals und heute? Hier ist alles schroff, nackt und kalt gesagt, was unsere Zeit mit einem Wust von Beschönigungsphrasen umhüllen würde. Ist es aber wesentlich ein anderes als das, was sich heute vor unseren Augen begibt? Es sind eiserne Furchen gezogen, in denen sich die Geschichte bewegt. Ein Tor derjenige, der sie nicht begreift!

 

Ich hatte in London viele Bekannte gefunden, darunter versprengte Reste der Revolution, wie Moritz Hartmann, Reinhold Solger, Ludwig Bamberger, Arnold Ruge. Auch Adolf Stahr, den ich zuletzt in Heidelberg gesehen, und Fanny Lewald tauchten flüchtig auf. Ich lernte Franz Pulsky kennen, einen geistvollen und liebenswürdigen Mann, der an Kossuths Seite eine bedeutende Rolle gespielt hatte. Und damit zu den Revolutionären der Gegensatz nicht fehle, war auch Ladislaus Rieger da. Dieser, damals noch ein junger Mann, unverheiratet, hatte in Wien auf Seite der Regierung gegen die Revolution gestanden und nur allzuoft auf die Häupter der Deutschen und der Liberalen ein Strafgericht durch orthodoxe Slawen herbeigerufen. Nun hatte aber gar bald die Auflösung des Reichstages zu Kremsier den slawischen Hoffnungen ein Ende gemacht, die Slawen hatten einsehen gelernt, daß das österreichische Kabinett sich nur ihrer bedient habe, um dem deutschen Liberalismus entgegenzutreten und die Bundesgenossen nicht besser als die Besiegten zu behandeln gedenke. Vorläufig waren Rieger und seine Freunde ebenso bankerott mit ihren Theorien wie wir mit den unsrigen. Wir trafen uns als Landsleute und schlossen Frieden. Seine Laufbahn schien beendigt, wie die unsrige beendigt war.

Mit Moritz Hartmann konnte ich mich leider, zumal in politischen Fragen, nicht mehr so verständigen wie ehedem. Wir waren zu lange getrennt gewesen. Mich hatte der Ausgang der Dinge von Achtundvierzig belehrt, daß man mit gegebenen Kräften rechnen müsse. Ich wünschte unter den gegebenen Verhältnissen eine völlige Sonderstellung Österreichs und Deutschlands. Daraus, meinte ich, könne Deutschland keinen Vorteil ziehen, daß es zu seinem eigenen einheimischen Knechtungsapparat noch den mit fremden Elementen über und über gesegneten Knechtungsapparat des österreichischen Gesamtstaates erhalte. Man müsse vorerst die Trennung der unglücklichen Ehe Deutschland mit Österreich wünschen. Was später zu wünschen, sei Sache zukünftiger Erwägung. Das nannte nun Hartmann einen Abfall von der deutschen Demokratie, die unter keinerlei gegebenen Verhältnissen eine Sonderstellung Österreichs und Deutschlands adoptiere, vielmehr überall theoretisch die Einheit beider Länder aufrechterhalte. So war er ein »Großdeutscher«, ich aber sollte, was beleidigend klang, ein »Kleindeutscher« geworden sein. Das war ich allerdings geworden und bin es geblieben. Es gab allerlei Debatten, und Hartmann, mit großem Selbstgefühl ausgestattet, führte sie in einer Weise, daß ich an ihnen keinen Gefallen fand. Wir fingen schon an, verschiedene Wege zu gehen.

Von meinem alten Mentor Major Forbes war ich im Carlton-Club in Pall-Mall eingeführt worden. Die vornehmen Klubhäuser wie Carlton, Travellers usw. sind der Stolz des Engländers. Eine Front von edlen Quadern, Gesimse, mit Marmor und Granit verbrämt, ungeheure Spiegelfenster, dunkle Marmorsäulen zwischen den Fenstern kündigen schon von draußen einen Tempel der guten Welt an. Wir betreten ein prachtvolles Treppenhaus, es empfängt uns die Pracht säulengetragener, mit Fresken, Medaillons, Arabesken, Zieraten aller Art dekorierten Hallen, es öffnen sich Lese-, Spiel- und Gesellschaftszimmer, mit allem modernen Komfort ausgestattet. Das Ganze ist so exklusiv, der Zugang so schwer möglich wie die Passage des Kamels durch das bekannte Nadelöhr. »Hier kommen wenige herein!« sagte Freund Forbes mit erhobenem Finger. »Sie müssen wissen, daß selbst hohe Familien ihre Söhne gleich nach der Geburt als Kandidaten zur Aufnahme vormerken lassen ...« Und dabei sah er mich mit einem Blicke an, als wolle er sagen: »Fühlst Du nun auch, mein Junge, was ich für Dich getan habe? Weißt Du jetzt, wer ich eigentlich bin, ich, der humane, schlichte Mann und doch einer, der hier zu Hause ist, ja einer, der auch Dir den Eintritt in dies Heiligtum öffnen konnte?«

Indes wandelten wir über weiche Teppiche und Läufer durch eine Reihe von Lesezimmern. Schwere Tische von Mahagoniholz, mit grünem Tuch bekleidet, waren mit Zeitungen und Monatsschriften bedeckt, niedere Divans und behagliche Lehnstühle, mit dunkelgrünem Leder tapeziert, luden zum Sitzen ein. Der Besuch war sehr spärlich – allerdings war es noch um die Nachmittagsstunde, und diese Räume mögen sich erst in später Nacht beleben – da und dort saß eine feierliche unnahbare Persönlichkeit, den Hut auf dem Kopfe in eine Zeitung versunken, kaum daß irgendwo zwei Personen im Gespräch miteinander in der Fensternische standen.

Forbes ging an eine Türe – ein ungeheuerer Büchersaal tat sich dem Blicke auf. »Hier stehen vierzigtausend Bände zu Ihrer Verfügung!« sagte er. Wir wanderten wieder eine Strecke und blickten in ein Restaurationslokal mit prachtvollem Buffet. »Hier werden Sie es gut, aber nicht wohlfeil finden«, sagte er. »Hier ist für alle Bedürfnisse gesorgt. Es gibt sogar ein Rauchzimmer, allerdings im dritten Stock unter dem Dache für die, welche der häßlichen Gewohnheit des Rauchens frönen ... Und nun lasse ich Sie allein. Sie sind hier eingeführt. Ihr Name steht im Buche, die Dienerschaft kennt Sie, Sie können so oft kommen, wie Sie wollen, und so lange bleiben, als Sie mögen. Sie dürfen sich wie zu Hause fühlen, jeder Engländer fühlt sich zu Hause in seinem Klub. Sehen Sie, da sind kleine Tische mit allem, was man zum Schreiben braucht. Papier und Couverts tragen den Stempel des Hauses: Carlton-Club. Schreiben Sie jetzt gleich ein paar Briefe, vor allem einen an Ihre Eltern. Wie werden die staunen, wenn sie »Carlton-Club« auf dem Blatte lesen! Und nun noch eines: ich habe eine dringende Bitte an Sie zu stellen! Sie haben eine verzweifelte Neigung, im Zimmer Ihren Hut ablegen zu wollen. Es ist allerdings sehr heiß, aber das darf nicht sein, der Hut muß auf dem Kopfe bleiben. Ihn abzunehmen, ist so schrecklich vulgär. Das gibt es nur auf dem Kontinente.«

Darauf entfernte sich mein Freund, nachdem wir ein kräftiges shake-hands gewechselt, aber unsere Hüte nicht gerückt hatten, und ließ mich als Leser in den prachtvollen Räumen zurück. Die Novitäten der Presse, die eben Sensation erregten, lagen auf dem Tische. Ich hatte die Wahl zwischen Ledru Rollins »Verfall Englands«, Carlyles »Later days pamplets« und den berühmten Artikeln des »Morning Chronicle«, »The Labour and the Poor«.

Es ist selbstverständlich, daß ich meinen Aufenthalt in London nach besten Kräften zu nutzen bestrebt war. Ich besuchte Sanct Paul, die Westminster-Abtei mit ihren historischen Grabsteinen – Byron ist nicht da, wohl aber der Schmierer Southey – durchwanderte zu wiederholten Malen das gigantische Museum, das mit seinen aufgestapelten Schätzen geradezu verblüffend wirkt, besah den Tower, Buckinghampalast, die National-Galerie und Hampdencourt mit seinen Raphaels und Mantegnas. Ich besah auch den Themsetunnel und durchwanderte die unermeßlichen Räume der Docks.

Nachdem ich auf solche Weise die Stadt kennengelernt, sollte ich wenigstens einen oberflächlichen Begriff von den berühmten englischen Landsitzen erhalten. Meine beiden jungen Freunde geleiteten mich nach Woburn, wo der Senior ihrer Familie einen Teil des Jahres residierte. Wir durchwanderten herrliche, aber unbewohnte Räume, Wohnzimmer, in denen, von keinem profanen Auge gesehen, alte Van Dycks und Holbeins an den Wänden hängen, Kabinette, in denen mehr als die Waffen mich die Jagdstücke von Snyders interessierten. Wir sahen die Gärten mit ihren Gewächshäusern, Treibkasten, Pfirsichspalieren, Trüffel- und Spargelbeeten, kurz, allem, was ein englischer Großer zum Leben unentbehrlich braucht. Wir kosteten schon im August süße, riesengroße Trauben. Nun wandelten wir durch die Anpflanzungen, wo bald hier, bald dort ein Fasan mit trägem Flügelschlage aufflatterte.

Nun folgten weitere Ausflüge aufs Land. Wir besuchten Salisbury, die merkwürdige Stonehendge, Old Sarum, Ashby de la Zouch, mit den Ruinen der Burg, die aus Walter Scotts »Ivanhoe« bekannt ist, endlich Plymouth. Beim herrlichsten Wetter wurde eine Dampfbootfahrt durch den Kanal unternommen, bei der wir auf der Insel Wight, in Ryde und Cowes Halt machten. Es waren schöne, sonnige Tage, an denen ich des Interessanten überviel sah.

Ende Juli trat ich eine Reise nach Schottland an, das mich als das Heimatland meiner Mutter unwiderstehlich anzog.

Ich war in Glasgow wieder mit dem »Pfaffen Mauritius« zusammengetroffen; auch Ladislaus Rieger, der dieselbe Tour in Absicht hatte, stellte sich ein, wir beschlossen gemeinsame Fahrt. Zuerst sahen wir Edinburgh, die Stadt, der an malerischer Wirkung keine Europas, selbst Neapel nicht, gleichkommt. Wir hatten uns in einem Hotel der Highstreet einquartiert und befanden uns dort sehr wohl. Zu wiederholten Malen wanderten wir nach Calton-Hill, besichtigten die verblichene Pracht von Holyrood und genossen von der Höhe des Kastells die Aussicht auf die labyrinthischen Gassen der Stadt, die blauen Gebirgsketten des Hochlands und das weithingebreitete Meer.

Nun wurde das Hochland durchwandert. Die romantischen Seen Loch Long und Loch fine, das reizende Inverary hielten uns mehrere Tage fest. Eine projektierte Fahrt nach der Insel Staffa, der Fingalshöhle und dem Riesendamm (giants causeway) wurde leider durch den Eintritt schlechten Wetters vereitelt.

Meine schottische Reise ging unter seltsamen psychologischen Prozessen vor sich. Hundert Bände von Walter Scott hatten mich, da ich noch ein Knabe war, mit Edinburgh, Holyrood, dem schottischen Hochland, seinen Seen, Höhlen und Heiden bekannt gemacht. Nun sah ich mit Augen die Orte wieder, die ich zuvor, von den Gebilden der Dichter belebt, im Geiste geschaut. Hier fand ich mich zurecht, dort fühlte ich mich verwirrt. Die Wahrheit blieb in den meisten Fällen hinter dem Phantasiegebilde zurück.

Wieder in Edinburgh eingetroffen, nahm ich Abschied von Moritz Hartmann, der nach Rotterdam abging. Ich habe ihn, merkwürdig genug, seitdem er, in einen schottischen Plaid gehüllt, eine Hochlandsmütze auf dem Kopfe, zu Schiffe stieg, nicht wiedergesehen. Unsere Korrespondenz geriet ins Stocken, und nach und nach hatte keiner mehr das Bedürfnis, den andern aufzusuchen. Der »schönste Mann des deutschen Parlamentes« hatte sich allmählich, verwöhnt durch Frauengunst und gesellschaftliche Erfolge, sehr verändert, er hatte ein Wesen angenommen, das mir theatralisch erschien. Das Leben hatte uns, seitdem wir auf derselben Schulbank gesessen, in gar verschiedene Formen gegossen; wir verstanden uns nicht mehr. Jugendfreundschaft ist ein Kristall, der zuweilen aus kaum nachweisbaren Ursachen verwittert und den keine Kunst mehr erhalten und zusammenfügen kann.

Mitte August war ich wieder in London, nahm aber den Rückweg über Paris, um Heine wiederzusehen, dessen Tage gezählt schienen.

 

Ich traf Heine diesmal in einem besseren Gesundheitszustande, als ich erwartet hatte. Im Vergleich zum vorigen Jahre hatten sich seine Schmerzen gemäßigt und seine Stimmung gehoben. Ich konnte mich ihm täglich nähern.

Trotzdem in den damals tonangebenden deutschen Kreisen kein Schriftstellername schlimmer angeschrieben stand als der seinige, war doch im allgemeinen und besonders bei der in Trümmern noch vorhandenen liberalen Partei das Interesse für den kranken Dichter ein lebhaftes geblieben, und ein Deutscher, der in Paris gewesen war und Heine besucht hatte, konnte ganz gewiß sein, von Fragen bestürmt zu werden: ob er vielleicht wieder aufkommen könne? Ob er denn wirklich fromm geworden? Ob er noch schreibe und ob die Welt von ihm noch Bedeutendes zu erwarten habe?

Ich zog in der Voraussicht solcher Fragen eine schriftliche Beantwortung derselben vor und teilte Heine eines Tages mit, daß ich den Vormittag damit zugebracht, einen Artikel über ihn zu schreiben, den ich der in Prag erscheinenden »Deutschen Zeitung« zugedacht habe; ich wolle denselben morgen abschicken.

»Zeigen Sie mir ihn zuvor«, rief er, »zeigen Sie mir ihn zuvor. Ich will ihn lesen! Bringen Sie mir ihn morgen mit. Ohnehin sind Sie auf morgen abend sechs zu mir zu Tische geladen, Sie werden die schriftliche Einladung bei Ihrer Rückkehr schon zu Hause finden!«

»Sie geben ein Diner, dem Sie nicht beiwohnen können?«

»Ich werde vom Krankenzimmer aus assistieren.«

Als ich am andern Tage eine Weile vor der anberaumten Stunde zu Heine kam, zog ich sofort mein Feuilleton aus der Tasche. Als ich an die Stelle gekommen war: »Heine ist mit der Komposition von Gedichten beschäftigt, wenngleich seine gelähmte Hand die Feder kaum zu halten vermag, wir haben sogar von ihm eine neue größere Dichtung ›Die Insel Bimini‹ zu erwarten«, rief er lebhaft: »Nichts von Gedichten! Das ist jetzt Nebensache. Mit der Komposition seiner Memoiren.«

Ich äußerte meine Freude darüber, daß er die Arbeit fortführe, mit der ich ihn bereits in Montmorency beschäftigt gesehen, er fuhr fort:

»Ich arbeite seit Jahren daran. Das Buch wird drei Bände haben, mindestens drei Bände. Einzelne Partien sind ganz fertig, aufs sorgsamste ausgearbeitet. Eine solche Partie will ich demnächst veröffentlichen, vermutlich unter dem Titel ›Bekenntnisse‹. Doch zuerst in französischer Übersetzung. Gerard de Nerval hilft dabei mit. Eben bin ich wieder mit der Ausfüllung von Lücken beschäftigt. Es verschwindet eine nach der anderen. Oh, ich bin fleißiger, als Sie denken ...« Dabei hatte er einen Bleistift ergriffen, zog auf meinem Blatte einen Strich durch das Wort »Gedichte« und die »Insel Bimini« und korrigierte »mit der Komposition des stattlich heranwachsenden Buches seiner Memoiren« herein.

Indes wurde das nebenstehende Zimmer, das den stolzen Namen Salon führte, aufgetan. Mathilde erschien, festlich gewandet. Der runde Speisetisch war feierlich gedeckt, auf dem Büffet erblickte das verwunderte Auge einen ungeahnten Luxus von Tellern, Gläsern und Flaschen.

Die Gäste, die Madame Heine erwartete, waren mir seit Jahren bekannt, hatten sich aber im Laufe der Zeiten verändert. Madame Arnault war aus einer Pariser Bürgersfrau eine Weltdame geworden. Ihr Gatte, vor zwei Jahren noch Schnittwarenhändler, war durch glückliche Börsenoperationen in den Stand gesetzt worden, das Hippodrom, den großen Zirkus am Eingange des Boulogner Wäldchens, zu kaufen, und machte damit die glänzendsten Geschäfte. Er hat den unleugbaren Instinkt, wie man es anfangen muß, das Publikum zu beschäftigen, und es steht ihm aller Wahrscheinlichkeit noch bevor, Millionär zu werden.

»Sie kommen spät, sieben Uhr ist vorüber, das Essen droht zu verderben«, sagte Heine zu der eintretenden Freundin seiner Frau, die ihr Töchterchen, ein fünfjähriges, schwarzlockiges Kind mitgebracht hat. »Wo bleibt Ihr Mann, warum ist er nicht mitgekommen?«

»Er hatte noch Geschäfte, muß aber gleich erscheinen.«

»Gleich! Er läßt immer warten, wenn man ihn einladet; das ist unerträglich.«

»Que voulez vous!« seufzt Elise, »ich kann ihn nicht ändern.« Schon fängt Heine an, ernstlich unwillig zu werden. Da rollt ein Cabriolet in den Hausflur. »Er ist's«, sagt die junge Frau, und der Barnum des Hippodroms, den langhaarigen Filzhut auf dem Kopf behaltend, tritt ins Zimmer.

Herr Arnault ist eine jener Gestalten, denen man vorzüglich in den Foyers der großen Oper und auf dem Turf der Wettrennplätze begegnet; ein schöner Mann von ungefähr fünfunddreißig Jahren mit bleichem, südlichem Gesichtsausdruck und pechschwarzem Haar und Barte. Seine Toilette ist überaus sorgfältig, seine Manieren sind brüsk, und wie wir sehen werden, von einer unangenehmen Familiarität. Er spielt mit einem kleinen Stöckchen, das einen schönen goldenen ziselierten Knopf hat, und ahnt eigentlich ebensowenig wie dieses Stöckchen, wer der Mensch ist, bei dem er zu Besuche ist.

»Wie geht's Ihnen, Heine?« fragte er, »wohl recht schlecht? Bei Gott, Sie sehen nicht viel besser aus als ein Toter. Mein Lebtag habe ich keinen Menschen gesehen, dem das Sterben so schwergefallen wäre wie Ihnen. Apropos: Das Hippodrom macht unglaubliche Geschäfte.«

Um Heines Mund spielt ein ingrimmiges Lächeln. Solch einen Menschen muß man ertragen, weil er der Mann seiner Frau ist. Doch noch eins! Der Mensch klopft fortwährend mit seinem Stöckchen auf der Bettdecke des Kranken herum. Was weiß auch so ein Gesunder davon, was Nerven sind!

Er bemerkt oder achtet den Eindruck nicht, welchen er erregt. »Ja, das Hippodrom«, fährt er fort, »macht unglaubliche Geschäfte! An jedem Tag, an dem schönes Wetter ist, streichen wir mindestens zehntausend Franken ein. Nicht wahr, das läßt sich hören, lieber Heine? Ich will es meinen! Aber mein Gehirn bringt auch die unglaublichsten Sachen zutage, je me fais poète, ich verwirkliche Tausend und eine Nacht, ich speise sozusagen die Pariser mit Wundern!«

»Sie haben doch gehört«, fährt er fort, und sein Teufelsstöckchen klopft immer beängstigender an der Bettdecke des Kranken herum – »daß Poitevin, dieser verwegenste, größte, außerordentlichste aller Aeronauten, der alle früheren Luftschiffer, alle Greens und Gales mit einbegriffen, aus dem Felde, ich will sagen aus der Luft geschlagen hat, zu Pferde mit seinem Luftballon in die Höhe steigt? Nun, nächste Woche soll er auf einem Esel sitzend in die Luft fahren! Ich nenne dies: Ascente à la Sancho Pansa! – Sancho Pansa ist eine Figur aus einem spanischen Roman. Eine köstliche Idee, nicht wahr? Und die Verfolgung der Kabylen durch französische Spahis? Auch diese Farce ist von meiner höchsteigenen Erfindung und ohne Renommage – ganz köstlich! Die Spahis sind Knaben, die auf kleinen Korsikanerpferden sitzen, die Kabylen auf ebensolchen Pferden sind Affen. Jeder Affe ist als Kabyle angezogen, hat einen weißen Burnus an und eine Flinte zur Seite. – Sie sollten sehen, lieber Heine, wie die weiße Kapuze zu den braunen Affengesichtern steht! Die Spahis verfolgen die Kabylen; sie erreichen sie und hauen mit ihren Säbeln ein, die Affen schreien, die kleinen Korsikanerpferde greifen aus – es ist die komischste Jagd, die Sie sehen können ... Nun, das ist etwas für die Kinder und Grisetten. Für die Männer gibt es andere Dinge! Da ist der Char du printemps – ein Wagen, von zwölf Schimmeln gezogen, darauf wohl an zwanzig Mädchen, alle schwebend in den verschiedensten und verwegensten Stellungen, in fleischfarbenen Trikots, nur auf das Oberflächlichste in Gaze drapiert – luftschwebende Bajaderen, die Beine nach oben gestreckt und nach allen Seiten hin! Wirklich Houris! Es ist kaum zu glauben! Houris nämlich, lieber Heine, nennt man bei den Mohamedanern die Mädchen des Paradieses! Ha, was für Nymphen habe ich fürs Hippodrom geworben! Die schönsten Mädchen, die in Paris und in ganz Europa zu finden sind! Wie schade, Heine, daß Sie krank sind! C'est là, mon vieux, que vous auriez fait vos farces!«

Der Hohlkopf glaubt durch diese Erzählungen Heine sehr gut zu unterhalten. Er ist kein Menschenkenner. Der Kranke hat sich während der langen Auseinandersetzung der Vergnügungen des Hippodroms unwillig auf seinem Bette herumgeworfen und Laute von sich gegeben, die Herr Arnault für Ausrufe der Anerkennung und Bewunderung hält, die jedoch nichts anderes sind als gute deutsche Kernflüche. Bei dem letzten Satze des Dandy, der mittlerweile sogar seinen Fuß auf den Rand des Bettes setzen wollte, richtet er sich auf, sieht mich an und sagt auf deutsch: »So ein durchwegs gesunder Mensch ist ein halbes Tier!«

Aber Herr Arnault ist noch nicht fertig. »All dies Zeug«, sagt er, »gibt viel zu tun, und ich werde mich mit der Sache nicht länger abgeben, als nötig ist. Jeden Tag fünftausend, vielleicht auch fünfzehntausend Franken einzunehmen, ist freilich eine schöne Sache, aber man muß nichts, auch das Beste nicht zu lange treiben. Sobald ich eine Million Franken am Hippodrom verdient haben werde, verkaufe ich ihn, verdiene noch fünfzigtausend beim Verkauf und ziehe mich dann ganz zurück, um auszuruhen. O glauben Sie mir, lieber Freund, man zerbricht sich den Kopf genug bei meinem Geschäfte, und man ist oft recht müde! Man muß die unglaublichsten, die pyramidalsten Sachen erfinden, und nur ein Mensch von Geschmack und Phantasie ist einer solchen Stellung gewachsen. Wäre ich nicht seit Jahren ein Kenner von Opern, vom Ballett und allem, was dazu gehört, gewesen, ich hätte all mein Vermögen beim Hippodrom einbüßen müssen. Ja man muß sich dabei den Kopf zerbrechen, mehr als ein Dichter. Und dabei die Gefahr, lieber Heine, die Gefahr! Wenn Sie etwas schreiben und es Ihnen nicht gefällt, so ist nur ein Stück Papier verdorben, und Sie können es wegwerfen. Das ist nicht so bei mir! Eine mißlungene Erfindung kann mich halb ruinieren!«

»Sehen Sie«, fährt er fort, indem er sich endlich niedersetzt, »eben jetzt trage ich in meinem Kopfe – hier –«, Herr Arnault zeigt mit dem Zeigefinger einer weißen eleganten Hand auf den »edlen Thron des Verstandes« – »eine Idee, bei der ich vierzigtausend Franken entweder verliere oder gewinne! Ich nenne das Zeug (er artikuliert sehr deutlich): Ein Fest in Peking! – Peking, müssen Sie wissen, ist die Hauptstadt des chinesischen Reiches. Auf einer prächtigen Estrade, im Vordergrund eines Tempels, der mit den Standbildern von Götzen geziert ist – die Chinesen, müssen Sie wissen, glauben noch an Götzen –, sitzen die Mandarine im Kreise herum. Die Mandarine sind sozusagen die Pairs, die Senatoren, die Aristokraten des Landes –.«

Der Direktor ist erst im Anfange seiner Erzählung begriffen, aber Heine, dessen Ungeduld sich bis zur Wut gesteigert hat, richtet sich ungewöhnlich rasch auf, blickt mich an und sagt auf deutsch mit einer Stimme, in welcher sich Wehmut und Ingrimm mischen: »Hören Sie dieses Tier, das mir erklärt, wo Peking liegt und was die Mandarinen sind – es verdient täglich zehntausend Franken! Fragen Sie doch einmal nach, was mir Julius Campe für eine Auflage meines Buches der Lieder zahlt?«

Und mit einem komischen »Du lieber Himmel!« sinkt er wieder aufs Kissen. »Das Weitere nach dem Essen, lieber Arnault«, sagt er mit verzweifelter Miene, »der Braten wird nicht eßbar sein, wenn Sie mir noch vor Tisch Ihr ganzes Fest von Peking genau erklären wollen ...«

Als ich drei Stunden später durch das Gewühl, das um diese Zeit den Boulevard bevölkert, meinen Rückweg ins Quartier St. Germain antrat, begegnete ich einem Zuge von Wagen, vor dem die Spaziergänger schweigend stehenblieben und der in seiner Begleitung von reitenden Gendarmen ein äußerst begräbnismäßiges Aussehen hatte. Es war mir im Laufe des Tages gesagt worden, daß man die Leiche Louis Philippes nach Paris zu bringen beabsichtige, und so dachte ich denn gleich daran, daß dies wohl der tote Exkönig, der seinen schweigsamen Einzug in seine ehemalige Residenz halte.

Ich hatte mich geirrt. Es war nicht der tote König, sondern der lebendige Präsident und zukünftige Kaiser, der von einer Gastreise durch Nordfrankreich und von den Seemanövern in Cherbourg ins Elysée zurückkehrte. Ein paar Gruppen, die sich über das stille Fiasko des Einzuges freuten, belehrten mich darüber sofort.

Aber als ich weiterging, traf ich auf andere Gruppen, die heftig durcheinander sprachen und ihre Reden mit leidenschaftlicher Mimik begleiteten. »Wenn Paris auch schweigt«, sagte ein feingekleideter Herr, »so spricht dagegen die Provinz laut genug. In drei Wochen haben wir das Kaiserreich!« Weiterhin ließen es Arbeiter in reinlichen Blusen nicht an Schimpfworten auf den Polizeichef Carlier und sein »Lumpengesindel«, die sogenannte Dezembergesellschaft, fehlen. Ich fragte, was vorgefallen sei?

»Nichts eben Schreckliches oder Ungewöhnliches«, war die Antwort. »Jemand hat auf dem Wege des Präsidenten den Ruf: Vive la République hören lassen, da haben ihn die Polizisten verhaftet.«

»Es ist nicht ganz so«, warf ein anderer Blusenmann ein, »der, der gerufen hat, ist entwischt. Dafür haben sie einen Unrechten gefaßt.«

So standen damals die Dinge in Frankreich.

Auf dem Börsenplatze angekommen, warf ich meinen Artikel in den Schalter. Einige Tage darauf war er gedruckt und wurde von zahlreichen Blättern, unter anderen auch von der »Allgemeinen Zeitung«, nachgedruckt. Die Nachricht, daß die Welt Memoiren von Heine erhalten solle, erregte Aufsehen, sie war neu. Wie man sieht, war sie von Heine selbst ins Leben gerufen worden.

 

Die bescheidenen Mittel, die mir eine neue Auflage meiner Dichtungen verschafft, waren durch Reisen und den Aufenthalt in der Fremde aufgezehrt; es blieb nichts übrig, als den Rückweg in die Heimat anzutreten. Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo!

Aber mir graute vor der Rückkehr, wenn ich der in der Heimat herrschenden Zustände gedachte.

Auch meine Stellung zu meinem Vater war keine solche, daß es mich heimgezogen hätte. Er hatte abermals in Karlsbad eine bedeutende ärztliche Praxis erworben, hatte aber an derselben nie Geschmack finden können. Die vielen an diesem Kurorte unumgänglichen chemischen Untersuchungen – ich erinnere nur an jene bei Diabetikern – von häßlicheren Dingen gar nicht zu reden – widerte ihn, der voll künstlerischen Sinnes war, furchtbar an. Er hätte einst gar zu gern seinen Sohn in dieser Praxis an seine Stelle treten lassen, und dieser Sohn widerstrebte. Da hatte er die Praxis ganz aufgegeben und verbrachte den Sommer in Karlsbad nur noch aus stiller Anhänglichkeit an den Ort und seine Umgebung, teilweise auch als Brunnengast. Mich betrachtete er als einen Verblendeten, der konsequent darauf ausging, seine Lage unangenehm zu gestalten.

Es kam der Tag der Abreise, es kamen die letzten Abschiedsbesuche. Es war ein heller, sommergleicher Tag im Spätherbst, ein hellblauer wolkenloser Himmel stand über Paris und dem Gewühl seiner Gassen. Ich verließ mein Zimmer in der düstern Cour du commerce und schritt über den Pont neuf, von dessen Höhe sich die Cité mit ihren Türmen und Zinnen so phantastisch ausnimmt, schritt den Quai entlang, unter dem der Strom mit tausend Lichtern glitzerte, und befand mich wieder im Tuileriengarten, der mir mit seinen Blumenparterren und Bassins, seinen schattigen Kastanienalleen und seinen Statuen so lieb geworden. Da wogte ein Gewühl von Herren und Damen, kleine Mädchen schlugen Ball, Knaben ließen kleine Schiffchen auf der Wasserfläche der Bassins fahren. Es war das unendliche, stets erneuerte, nie versiegende Leben des Ortes. Und der starre Oppositionsmann, der Spartakus Foyatiers, stand noch immer da, das kurze Gladiatorenschwert in der Linken, die geballten Fäuste gegen das Königsschloß gekehrt.

Alles mahnte mich zur Eile. Ich erinnerte mich, daß ich in der Rue de Castiglione noch einen Landsmann zu besuchen habe, und schritt aus dem Garten hinaus.

Der Freund war nicht zu Hause. Ich wollte ein paar Zeilen für ihn zurücklassen und schrieb diese in der Loge des Portiers. Als ich sie überlas, mußte ich lächeln.

Ich hätte kaum anders schreiben können, wenn ich auf dem Punkte gestanden hätte, mir das Leben zu nehmen. »Es muß sein, ich scheide aus dieser herrlichen Welt«, so ungefähr war es mir in die Feder gekommen.

Mein letzter Gang war in die Rue d'Amsterdam. Ich traf Heine aufrecht im Bette sitzend, beschäftigt, die lyrischen Gedichte des »Romanzero« zu ordnen.

»Ich weiß, weshalb Sie kommen«, sagte er. »Sie kommen Abschied zu nehmen. Lassen Sie ihn kurz sein, jeder Abschied erschüttert jetzt meine Nerven. Ich werde recht allein sein, wenn Sie fort sind.«

»Wir werden uns wiedersehen«, sagte ich.

»Ich glaube es kaum«, erwiderte Heine. »Diese Vorrede des Todes hat nun schon zu lange gedauert. Sie kann nicht ewig währen und mehrere Bände stark werden. Plötzlich, mitten in einer spannenden Periode wird mein Leben abbrechen, wie manches schöne Kapitel in einem Buche ... Nun leben Sie wohl, ich könnte Ihnen beinahe zürnen, daß Sie mich aus der gespensterhaften Ruhe gestört haben, in der ich liege und in der ich meistens von der kommenden Stunde nur das weiß, daß ihrer vierundzwanzig einen Tag geben. Doch nein, seien Sie gedankt für die Stunden, die Sie an meinem Bette zugebracht haben, seien Sie innig gedankt. Ich werde nun wieder recht einsam sein ...«

Ich sah ihn an. Tränen standen in seinen Augen. Tränen in Heines Augen, in den Augen des Mannes, den die Welt so oft als herzlos gescholten! Ich konnte nicht widerstehen, unbezwingbare Rührung erfaßte mich ... Ewig unvergeßlich steht dieser Augenblick vor meiner Seele. Ich faßte die Hand und drückte sie.

»Möge das endlose Sterbelied des Schwanes der Rue d'Amsterdam Sie nicht zuletzt gelangweilt haben«, flüsterte der Kranke und wandte sich ab.

Ich ging, und wie die Bilder einer Phantasmagorie flohen die Menschen und Häuser an meinen aufgeregten Sinnen vorüber.

Eine Stunde später saß ich in der Ecke des Eisenbahnwagens und sah mich mit Dampfeseile fortgeführt. Der Tag war, meiner Stimmung gemäß, grau und trüb geworden; lagernde Wolken am Horizont schienen böses Wetter bringen zu wollen. Paris, ein Meer von Dächern und Turmspitzen, verlor sich allmählich, nur die Ausläufer der Vorstadt umgaben mich, auf der Höhe des Montmartre drehten sich fast beängstigend die Flügel der Windmühlen. Leb' wohl!

Ja, lebe wohl! Ein so kurzes Wort tut alles ab, alle peinlichen Zuckungen des Schmerzes, der Entsagung, der Mutlosigkeit. Wie viele Lebewohl waren in diesem einen enthalten! Auch ein schmerzliches Lebewohl der Jugendzeit war mit dabei. Diese lag schon hinter mir, es galt, mit ihr abzuschließen! – In den nächsten Tagen würde ich mein achtundzwanzigstes Jahr beendet haben.

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.