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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 14
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authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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Wieder in Paris

Es war kaum sechs morgens, als wir im Bahnhofe abgesetzt wurden. Der Morgen dämmerte kaum, und ein feuchter, stickender, übelriechender Nebel hüllte die Stadt in undurchdringliche Schleier. Einzelne Piketts Soldaten lagen im Bahnhof, die Wachtfeuer qualmten und beleuchteten bärtige Gesichter unter grauen wollenen Kapuzen. Kein Laut nah oder fern, kein Ton, kein Licht kam aus dem Häusermeer herauf, das in der Tiefe unabsehbar ausgebreitet lag.

Eine abscheuliche Nacht lag hinter mir. Wir waren langsam in die weiten Schneefelder hineingefahren, von Zeit zu Zeit aufgeschreckt durch das Festsitzen der Lokomotive im Schnee oder das Versagen der Räder auf dem Glatteis. Die Zahl der Reisenden, die schläfrig und verdrießlich aus den Coupés hervorkrochen, war ungewöhnlich klein und bestand meist aus belgischen Kaufleuten. Sie stiegen in die erwartenden Omnibusse, ich nahm mein Gepäck in die Hand, trug es in ein Cabriolet und befahl dem Kutscher, ins Quartier Latin zu fahren. Ich hatte in der mehr als bescheidenen Wohnung, die ich zuletzt vor zwei Jahren innegehabt, meine Ankunft bereits angekündigt.

Nun war ich wieder in Paris. Wie würde ich es bei Tage wiederfinden, dies Paris, das ich als schöne und heitere Stadt verlassen hatte? Die Februarrevolution, die fast ohne Kampf und Blutvergießen in die Welt getreten, war ja bald verwildert und hatte zu den furchtbaren Proletariatskämpfen des Juni 1848 geführt.

Das Terrain, auf dem ich mich befand, mußte mich daran erinnern. Dort, die Anhöhe zwischen der Barrière Poissonière und der Barrière Rochechouart war eines der blutigsten Schlachtfelder des Juni gewesen. Wer hatte nicht vom Kampf im Clos St. Lazare gelesen! Es liegt in der Nähe. Auf der runden Place Lafayette, zu der wir jetzt kamen, erhebt sich malerisch die Kirche Vincent de Paul, ich sah sie in unbestimmten Umrissen durch den Frühnebel schimmern. Abermals ein Schlachtfeld: die Kirche war am 23. Juni des vorigen Jahres eine Zitadelle der Insurrektion geworden. Stundenlang arbeiteten die Kanonen gegen die haushohen Barrikaden, die sie von allen Seiten umschlossen, ein Teil der Bürgergarde dieses Stadtteils war zum Proletariat übergegangen und focht mit erbitterter Wut. General Lefèvre war in dieser Gegend gefallen.

Nun begann die Straße jäh hinabzugehen, der Kutscher stieg ab, das Pferd zu führen, das bei jedem Schritte ausglitt.

Noch immer kein Mensch, kein Ton, kein Licht. Nichts, was sich rührte oder bewegte, alles ausgestorben, öde, wie in einer fabelhaften Totenstadt.

Endlich waren wir in besser aussehende Gassen gelangt, kreuzten den Boulevard und fuhren durch das schwarze Labyrinth, das mit der Rue Montorgeuil anfängt und mit der Kirche St. Eustache endet, dem Innern der Stadt zu. Wir kamen auf die Place des Innocents. Hier ward es noch häßlicher. Die Regierung, die bereits dem später von Louis Napoleon weiter verfolgten Prinzip huldigte, daß die alten, gefährlichen Festungen der Insurrektion geschleift und an ihrer Stelle breite Straßen geschaffen werden sollten, hatte hier bereits großartige Demolierungen vornehmen lassen. Dadurch hatte dieser Stadtteil ein wahrhaft grauenhaftes Aussehen bekommen. Von dem Knäuel alter, baufälliger Häuser, die seltsam zusammengedrängt eine scharfe Ecke in den Markt hinein bilden, war schon die Hälfte abgetragen. Zackig starrten die Ruinen in den Himmel hinein. Wie aufgerissene Leichen standen die Häusertrümmer da, ein Chaos von Schutt und Baugerüst. Die schwarzen Rußstreifen der einstigen Schlote glichen, wie sie Zickzack durch alle Stockwerke liefen, schwarzen, schlaff herabhängenden Fahnen. Nicht häßlicher kann Feuer und Krieg entstellen als hier die Haue und das Brecheisen des Arbeiters. Dieser Häuserklumpen erschien mir als das Bild von Paris nach der Junischlacht. Wir kamen zur Seine. Ruhig, den Widerschein der Gaslaternen von Brücken und Quais spiegelnd, floß die Seine dahin und umschloß mit ihren Armen die alte Cité, über deren graue gieblige Häuser die Turmstumpfe der Notre-Dame aufragen. Es war, als läge ein phantastisches Felseneiland oder ein ungeheures Geisterschiff da.

Im Quartier St. Germain, das wir jetzt nach langer Fahrt erreicht hatten, regten sich schon die ersten Lebenszeichen der erwachenden Stadt. Eine ganze Armee trauriger Gestalten war auf den Beinen. Die Gassenkehrer, die zuerst erwachenden Kinder der großen Städte, standen dort in Reih und Glied, den Besen auf der Schulter, um an ihre Arbeit zu gehen. Lumpensammler und deren Weiber, den Korb auf dem Rücken, die Harke in der einen, die Laterne in der anderen Hand, irrten von Winkel zu Winkel und suchten schweigend und tiefsinnig nach Schätzen von dem Wert eines Glasscherbens oder eines Stückes Papier. Einzelne Schnapsbuden hatten sich aufgetan; bei dem Stümpfchen Licht, das die Spelunken erleuchtete, tat das frühwache Volk seinen Morgentrunk. Es war ein unheimliches Bild; wer Paris zu solcher Stunde und mit solcher Staffage nach längerer Abwesenheit wiedersah, mußte meinen, es sei mit Glanz und Schönheit vorbei. Es war, als sei sie zur Metropole des Elends herabgesunken, die Stadt, die noch unlängst der Ballsaal, das große Freudenhaus Europas gewesen.

Und doch fand ich Paris, als ich einige Stunden später auf die Straße hinauskam, so gut wie gar nicht verändert. Äußerlich war alles beim alten geblieben. Dasselbe Gedränge auf den Trottoirs, dasselbe Durcheinander von Röcken und Blusen, dasselbe Gerassel von Karren und Wagen. Omnibusse von allen Farben rollten dahin, um so neuer, weil von den alten so viele bei Barrikaden Verwendung gefunden, hoch auf ihnen thronend die Kutscher mit den farbig gefirnißten Hüten. Dieselben Verkäufer, jeder an den hundert Orten mit seinem eigenen Rufe und dadurch kenntlich wie die Vögel im Walde. Dieselben Modeladen mit neuem Flitter und in ihnen dieselben Comptoirdamen mit demselben Lächeln für den eintretenden Käufer: das gesellige Winterleben hatte bereits begonnen. Dieselben Zettel mit wunderbar großen Lettern an den Ecken – nicht etwa wie im Vorjahr Manifeste und Aufrufe zum Schreck aller Wohlgesinnten, sondern, ganz wie in alter Louis-Philippistischer Zeit, die Zettel der vierunddreißig Pariser Theater und nebenbei die Verkünder musikalischer und choreographischer Puffs: Jardin d'hiver, fête venetienne, fête romaine. »Zehntausend Gasflammen!« Dieselben Herren in feiner Toilette, das Bändchen der Ehrenlegion doppelt in Rock und Überzieher, dieselben Grisetten im schwarzen Kleid, in der einfachen Haube, die große Putzwarenschachtel in der Hand.

Das Wetter war sonnig und mild. Ich schritt durch das Palais Royal, es war der glänzende Basar von ehedem. Die Laden nicht geschlossen, wie noch unlängst in den Zeitungen zu lesen war, sie funkelten von Schmuck und Juwelen und buntem Trödel aller Art wie ehemals. Ein Flügel des Palais war Kaserne geworden. Ein Regiment Elsässer war dort einquartiert, Trommeln wirbelten unter den Arkaden, aus den Fenstern, in denen die Soldaten plaudernd lagen, klang ein deutsches Volkslied heraus.

Ein unermüdlicher Begleiter auf Schritt und Tritt war mir Herr Louis Napoleon. Von allen Schaufenstern der Buch- und Bilderhandlungen sah die schon verwetterte Maske des Weltmannes mit den stark gesteiften Schnurrbartspitzen heraus; ein Gesicht, an welchem alle Schmeichelei der Retouche scheiterte. Daneben der Totenkopf Cavaignacs und – welche Überraschung – die große österreichische Trias: Jellaèiæ, Radetzky, Windischgrätz. Aber ich war ja im aristokratischen Viertel, im Quartier der Börse.

Das Gewühl auf den Boulevards war nicht gelichtet. Dort wogten wie sonst die Menschenströme, wogten von morgens bis abends und versiegten nicht. Neue Passagen hatten sich geöffnet und prunkten mit großartigen Warenlagern. Auch die kleinen Blumenmärkte an den Straßenecken waren noch da, schmucke Verkäuferinnen banden schon Veilchensträuße. Unter Louis Philippe hieß es, daß Paris täglich für dreitausend Franken kleine Veilchen- und Rosensträuße verbrauche, auch diese Passion hatte sich noch erhalten.

Endlich doch etwas, was wie eine Mahnung an die veränderte Staatsform aussieht. Dort steht ein »Freiheitsbaum«. Freilich sind die Tage ferne, da er grünte und in seinem Wipfel die Freiheitsmütze und die tricolore Fahne trug. Der Baum, eine italienische Pappel, ist schlecht fortgekommen. Er kränkelt wie die Republik selbst, seine Fahnen sind mißfarbene Fetzen, kahl und laublos streckt er die Äste in den winterbleichen Himmel ...

Merkwürdig war mir auf dem Boulevard des Capucines ein altes Haus mit hohen Schornsteinen, von alten ästigen Lindenbäumen beschattet, das hinter einer Vorhofmauer mit großem Portal gleichsam verschanzt lag; das Ministerium des Äußern, ehedem die Wohnung Guizots. Von da hatte die Februarrevolution ihren Ausgang genommen. Hier war die erste mörderische Salve aufs Volk gefallen, bald darauf waren die Leichen auf Karren geschichtet, die Fackeln angesteckt und »Rache!« »Rache!« wurde gerufen, bis die Glocken zu stürmen anfingen ... Am Morgen des anderen Tages war Paris eine Festung. 1512 Barrikaden standen errichtet, zu denen allein, wie genau berechnet worden, 4013 Baumstämme und 1 277 000 Pflasterwürfel in Verwendung gekommen, ungerechnet des übrigen Materials an Wagen, Balken, Möbeln, das aus jedem Hause herbeigeschafft worden war. Jetzt lag ein mehr als klösterlicher Ernst auf dem Hofraum und dem dahinterstehenden schwarzen Hause Guizots. Zwei Wachen, die vor dem Tore auf- und abgingen, schienen hier das einzige Lebende zu sein; auf der Mauer war: Liberté, Fraternité, Egalité zu lesen.

Nachdem ich zu Mittag gegessen, setzte ich meinen Spaziergang durch Paris fort. Ich fand den Eintrachtsplatz wie ehedem mit Spaziergängern, Equipagen, Reitern belebt. Wie groß und prächtig war alles! Von der andern Seite der Seine blickt das Haus der Deputiertenkammer wie ein griechischer Tempel herüber, dort, wo sich die »Rue nationale« weit öffnet, schaut die Madeleinekirche, auf der ruhigen Pracht ihrer Säulen ruhend, wie ein zweites griechisches Götterhaus herüber. Paläste von allen Seiten; von fern herblickend die Tuilerien, davor der herrliche Park mit weißen Marmorstatuen bevölkert, auf der anderen Seite der menschenbelebte Wald der elyséeischen Felder, von der Avenue de Neuilly durchschnitten, über die sich der Arc de l'Étoile groß und mächtig erhebt. Und auf dem Platze Fontänen, wo sich steinerne Flußgötter das Wasser ins Gesicht speien, vergoldete Kandelaber, der Obelisk des Ägypterkönigs Osimandias, der Moses und Pharao, Cäsar und Pompejus, Herodot und Napoleon gesehen hat.

Die Sonne schien so warm, als wolle sie der Welt im tiefsten Winter einen Maitag schenken. Immer reicher und üppiger wird das Menschengewühl. Stattliche Wagen kommen herangefahren und rollen den elyséeischen Feldern zu, es ist die Stunde, um welche Louis Napoleon die gewohnte Ausfahrt zum Arc de l'Étoile macht. Da kommt er, er sitzt in einem offenen zweispännigen Kutschierwagen, Americaine genannt, der russische Gesandte Graf Orloff sitzt zu seiner Linken. Er sieht leichenblaß und kränklich aus, kein Zug seines Gesichtes bewegt sich, indes die Hand, mechanisch grüßend, den Hut lüftet.

Wie sich alles herandrängt, ihn zu sehen, wie sie ihm den Hof machen, die noch vor einem Monat über den Attentäter von Straßburg und Boulogne spotteten! Es war, als habe Paris nur den Herrn gewechselt, sei aber im übrigen das alte geblieben ...

So war ich in die Nähe der Rue d'Amsterdam gekommen. Dort hatte Heinrich Heine, wie ich aus mittlerweile erhaltenen Briefen erfahren, eine neue Wohnung, Nr.50, bezogen. Ich machte mich dahin auf den Weg.

Es dämmerte bereits – die Sonne geht im Januar bald nach vier unter – nur mit Mühe fand ich in der schlechtbeleuchteten Straße die Nummer. »Monsieur Einé, au second, au fond!« sagte die Hausbesorgerin. Ich stieg hinan, klingelte an der mir bezeichneten Türe, ein schwarzbraunes Mulattengesicht grinste mir freundlich entgegen: Treten Sie ein! Ich schritt auf den Zehen vorwärts. Auf dem Simse eines kleinen Kamins brannte eine beschattete Lampe, eine spanische Wand schied das ohnehin kleine Zimmer in zwei Abteilungen. In der dunklen Abteilung stand das Bett. Qui est là? hatte es gefragt – ich nannte meinen Namen. Ich hörte ein Ah! der Überraschung, und als ich näher trat, streckte sich mir eine feine Hand entgegen, die ich heute noch vor mir sehe ... Sie war so zart und weich, man fühlte alle Knöchelchen durch, und diese schienen in einer gallertartigen Masse zu schwimmen.

Vor zwei Wochen hätte ich den Tod für wahrscheinlicher gehalten, als daß ich abermals nach Paris kommen und Heine wiedersehen sollte. Auch ihm kam mein unangekündigtes Erscheinen sehr überraschend. Ich hielt die wunderzarte Hand noch immer fest. Im tiefsten Gemüt ergriffen, suchte ich vergebens nach Worten. Wie verändert fand ich ihn wieder! In Montmorency war er noch aufrecht, seiner Glieder mächtig gewesen, jetzt, in der weit kleineren, geradezu ärmlichen Wohnung in der Rue d'Amsterdam traf ich ihn ganz abgezehrt, beinahe blind, als einen, der das Schmerzensbett seit Jahr und Tag nicht verlassen.

Er erzählte von den schrecklichen Fortschritten, die seine Krankheit gemacht.

»Sehen Sie, lieber Freund«, sagte er schmerzlich, aber mit dem alten ironischen Lächeln, das ihm auch später noch blieb, »da haben Sie in Ihrem ›Ziska‹ von den alten böhmischen Sansculotten, den Adamiten, erzählt. Sie haben wohl nicht geahnt, daß einmal auch Ihr Freund sich zu dieser Sorte bekennen werde. Und doch ist es so, es ist so. Nun ist es schon mehr als ein Jahr, daß ich ein Adamit bin und die Blöße meiner Beine nicht mehr bekleide.«

Er richtete sich auf seinen Kissen empor und sprach davon, wie er die Zeit verlebt, in der wir uns nicht gesehen. Er erzählte von seinen fast ohne Unterbrechung wütenden Schmerzen, von der schrecklichen Hiobspein, welche nun schon so lange dauerte. Er schilderte, wie er sich selbst gleichsam ein Gespenst geworden, wie er als ein abgeschiedener und in einem Zwischenreiche lebender Geist herabsehe auf seinen armen, gebrochenen, gefolterten Leib. Er schilderte, wie er in Bildern und Intuitionen in der Vergangenheit lebe, wie er zwar noch schreiben, dichten, schaffen möchte, und wie dann das blinde Auge, die unsichere Hand, der immer wiederkehrende Schmerz wieder alles vernichte. Er schilderte seine Nächte mit ihren Qualen, in denen der Gedanke des Selbstmordes immer wieder an ihn herankrieche, bis er Kraft genug gefunden, ihn wegzuschleudern in Erinnerung an seine Frau und manche Arbeit, die er noch vollenden wolle – und wahrhaft entsetzlich war es, als er zuletzt mit furchtbarem Ernste und mit gedämpfter Stimme ausrief: »Denken Sie doch an Günther – Bürger – Lenz – Heinrich von Kleist – Hölderlin – den unglücklichen Lenau – es liegt doch ein eigener Fluch auf den deutschen Dichtern ...«

So klagte er, und wahrlich, er durfte klagen! Er war schrecklich weit im Niedergange angelangt, seitdem ich ihn zuletzt gesehen. Sein körperliches Leiden hatte ihn hilflos wie ein Kind gemacht, es gab fortan für ihn keinen Tag ohne furchtbare körperliche Schmerzen. Aber auch seine materielle Lage hatte sich sehr verschlimmert und war, da vorderhand an literarischen Erwerb nicht gedacht werden konnte, kläglich. Diese veränderte Lage sprach sich in allem aus, in seiner Wohnung, die nur zwei Fenster auf die Gasse hatte, in seiner Bedienung, die von einer alten Person, einer Mulattin oder Kreolin, die zugleich als Wärterin und Köchin fungierte, versehen wurde; in der ganzen Reduktion seines Haushaltes, der weniger als bescheiden war. Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Vom Jahr 1837 an hatte Heine aus der Kasse des Ministeriums des Äußern ein Jahrgeld von eintausendfünfhundert Franken bezogen, diese Hilfsquelle, die ihm zehn Jahre hindurch einen bescheidenen Komfort ermöglicht, hatte mit dem Sturze des Ministeriums Guizot aufgehört.

Die Annahme dieses Jahrgeldes ist Heine sehr verübelt und zu einem Akte halben Vaterlandsverrats gestempelt worden; ich glaube aber nicht, daß sie die schlimme Auslegung verdient, die sie damals, unmittelbar nach ihrem Bekanntwerden durch eine Publikation der »Revue Retrospective« – gefunden und größtenteils noch jetzt findet. Man muß die Dinge aus ihrer Zeit heraus betrachten. Heutzutage käme die Annahme französischen Geldes von Seiten eines deutschen Schriftstellers einer Infamie gleich, damals aber hatte der exklusiv nationale Standpunkt seine Geltung verloren. Das Frankreich der Julirevolution regierte sich als der Ausdruck der liberalen Ideen in Europa. Es war aber auch eine friedfertige Epoche herangekommen, und niemand glaubte mehr an die Wiederaufnahme alter nationaler Zwiste. Diese Gelder waren, wie Heine sich ausdrückte, »das große Almosen, welches das französische Volk vielen Tausenden von Fremden spendete, die sich durch ihren Eifer für die Sache der Revolution in der Heimat kompromittiert hatten.« Nicht Louis Philippe, das Frankreich der Juli-Revolution zahlte diese Summe aus. Auf der Pensionsliste standen Exulanten aus allen Ländern, Schriftsteller wie Mickiewicz, Staatsmänner wie Godoy, Generale, Gelehrte, Notabilitäten aller Art. Mit dieser Pension hatte Heine keine Verpflichtung irgendwelcher Art übernommen, wie denn auch nicht der geringste Dienst von ihm begehrt worden ist. Und anstatt daß er ein Schmeichler geworden wäre, machte er in seinen Korrespondenzen für die »Allgemeine Zeitung« kein Hehl daraus, daß die Juli-Monarchie nur das wenigste von dem gehalten habe, was sie versprochen.

Wir dürfen es bedauern, daß ein in den wichtigsten Menschheitsfragen so unabhängig denkender Mensch den Stolz, den er den deutschen Regierungen gegenüber bewahrt hatte, nicht auch gegen die französische Regierung kehrte. Aber die ihn wegen der Annahme dieser Unterstützung tadeln, sollten zuvor nachweisen, wie er ohne diese bei seiner Art zu produzieren und bei deutschen, damals üblichen Honoraren überhaupt in Paris hätte existieren sollen? Die Stoiker haben leicht reden; allerdings muß man eingestehen, daß Heine zum sich selbst aufopfernden Märtyrer gar keine Anlage hatte.

Der Hilfe verlustig, die bisher seinem Leben etwas Behagen geliehen, durch seine Krankheit und den Sturm der Zeit um die Aussichten auf literarischen Erwerb gebracht, dabei von allen Seiten angegriffen und in den Augen vieler an seiner Ehre geschädigt, hatte für ihn eine schreckliche Zeit begonnen, die mit seiner heiteren, sonnenhellen Vergangenheit entsetzlich kontrastierte. Anfeindungen, Widerwärtigkeiten, Nahrungssorgen, moralische Qualen aller Art traten heran, den schon durch seine Krankheit Gefolterten auch geistig hundertfach zu peinigen.

Dabei ist zu bedenken, daß eine Zeit herangebrochen war, die alle seine Hoffnungen und Überzeugungen negierte und die bisherige Arbeit seines Lebens für Irrtum oder Wahnsinn zu erklären schien. Es war, als sollte die Zeit zurückgeschraubt werden bis zur Nacht des tiefsten Mittelalters.

Alle seine alten Feinde waren rege geworden. Man schilderte ihn als einen Harlekin, der aufs Siechbett gekommen und bald statt der Pritsche, die er einst geführt, zum Rosenkranz greifen werde. Er wurde als ein Wüstling hingestellt, der allmählich bis zur Entnervung herabgesunken.

Die Krankheit, der er erlegen, wurde von moralisierenden Federn als die gerechte, selbst heraufbeschworene Nemesis eines verworfenen Lebens bezeichnet. Ein Leiden, das ihn ebensogut hätte treffen können, wenn er als der ehrsamste Kleinbürger in der ehrsamsten deutschen Stadt gelebt hätte, mußte kommen, um seinen Renommagen von tollem Liebesglück, den Fanfaronaden der Laune den Anschein der Wahrheit zu geben! Wir sprachen lange darüber, und er schloß ein großenteils medizinisches Gespräch mit den Worten: »Glauben Sie mir, ich habe moralischer gelebt als die meisten der Menschen, die mich der Unmoralität zeihen. Nie, im ganzen Leben, nie, habe ich eine Unschuld verführt oder eine Ehefrau zur Untreue verleitet.

Ist das nicht sehr merkwürdig?

Können viele Menschen dasselbe auch von sich behaupten?

Wird es mir jemand glauben? Es ist doch so.«

Und nach seiner Art, den ernstesten Ton in den spöttischsten umschlagen zu lassen, fügte er hinzu: »Ich habe mir am Abende meines Lebens keine Vorwürfe zu machen. Ich habe nie ein Mädchen verführt und nie eines verlassen. Ich bin nie der erste Liebhaber und nie der letzte gewesen!«

So hatte ich Heine bei unserem Wiedersehen am 2. Januar 1849 gefunden.

 

Am Morgen meiner Abfahrt von Köln war in aller Frühe Karl Marx zu mir gekommen und hatte ein ziemlich großes Paket, in ein unscheinbares graues Papier gewickelt und mit Oblaten zugeklebt, unter seinem Mantel hervorgezogen.

»Daß Sie eben heute nach Paris abgehen«, sagte er, »kommt mir sehr gelegen. Ich möchte Sie bitten, dies Paket in Ihren Koffer zu legen. Sie erweisen uns und unserer Sache einen Dienst. So kurz auch unsere Bekanntschaft ist, ich vertraue unbedingt Ihrer Diskretion und Umsicht.«

Ich erklärte meine Bereitwilligkeit, Marx zu dienen, und er fuhr fort:

»Sorgen Sie nur, daß es nicht in unrechte Hände fällt. Sie wissen, in Frankreich herrscht jetzt das Kriegsgesetz. Am besten, Sie verbergen es in Ihrer Wäsche. Die Polizei des Herrn Louis Napoleon ist dieselbe wie aller Monarchien; darum Vorsicht! Ein Reisender, der vor vier Tagen Livorno verlassen hat, hat uns das Ding zur Weiterbesorgung übergeben. Es geht an einen Herrn Sarpi, einen Italiener – auf diesem Zettel, den Sie bewahren wollen, ist seine Adresse. In Paris bewahren Sie das Paket nicht lange. Zur Abgabe wählen Sie die Abendstunde, da wird man weniger beobachtet. Sollte man im Hause die Anwesenheit des Adressaten verleugnen, so sagen Sie folgendes: La verrue de Tom disparaîtra au bout d'une quinzaine. (Im Laufe von zwei Wochen wird Toms Warze verschwunden sein.) Mit diesem ›Sesam‹ wird sich Ihnen die Türe sofort öffnen.«

Ich hatte das Paket heil und unbeanstandet nach Paris gebracht und es den ganzen Tag mit mir herumgetragen. Aber es brannte mich in der Tasche. Nun war die rechte Zeit gekommen, es abzugeben. Kaum hatte ich Heine verlassen, als ich schon Anstalten traf, mich meines Auftrages zu entledigen.

Es war zwischen acht und neun, die Boulevards hinauf und hinab, von der Madelaine bis zur Pforte St. Martin wogte der große lärmende Jahrmarkt, die ewig lustige Kirmes. Wie offene gelbrote Tulpen in unabsehbar langen Zeilen flackerten die Gasflammen auf ihren Kandelabern, wie Leuchtkäferscharen flogen die tausend Wagenlaternen dahin. Kaufläden prangten bis in den Mezzanin hinauf wie phantastische Schlösser, in denen Teppiche, Tücher, Bronzen, Vasen und funkelnde Juwelen ausgelegt sind. Auf dem Trottoir vor den Theatern und den Cafés drängte sich die Menge in der lauen Winternacht.

Ich verließ das alles und ging, meinen Auftrag auszuführen, mitten durch das Labyrinth der inneren Stadt über die Seinebrücke. Die mir von Marx gegebene Adresse wies mich ans äußerste Ende des Faubourg Monceaux. Die Rue St. Jacques hinansteigend, kam ich am Pantheon vorbei, dessen säulenunterstützte Kuppel mit ungewissen Konturen durch den Winternebel blickte, und befand mich bald in einem der traurigsten Viertel von Paris. Immer enger wurden hier die Gassen, schwarz und drohend wie Felswände; sie ließen nur einen schmalen, dunkelgrauen Streifen Himmel sehen. Ich geriet in die Rue Mouffetard, ins Quartier der Brotlosen. Eine seltsame Welt! Alles wimmelt von Menschen, und sie scheinen eine andere Sprache zu sprechen, jedes Haus gleicht einem durcheinandergewühlten Ameisenhaufen. Hier ist kein Rock zu sehen, die Bluse herrscht unbeschränkt, und die Kappe sitzt schief auf den schwarzen struppichten Köpfen der Männer. Weiber mit undenklichen Hauben keifen und schreien, elendgekleidete Kinder lärmen vor den Rinnsteinen. Ebenerdige Kneipen lassen durch die Vorhänge ein zweifelhaftes Licht aufs feuchte Pflaster fallen, sie widerhallen von Lärm und Gesang und erfüllen die Atmosphäre mit alkoholischen und brenzligen Gerüchen. Laternen hängen über den Türen, Zettel mit Ziffern schwanken darunter, hier wird blauer Kunstwein der Liter zu zwei und vier Sous geschänkt. Warenlager seltsamer Gattung gibt es von Haus zu Haus; altes Eisengerät, altes Kleiderzeug, undenkliches Gerät aller Art ist in diesen Spelunken aufgespeichert. Zerrissene Hemden und geflickte Kleider hängen bei den Fenstern heraus. Da und dort liegt Obst und Fleisch von erbärmlichsten Aussehen zum Verkauf. Viele Leute stehen mitten auf der Straße, meist Männer, alle von wildem Aussehen, mit schwarzen Augen, schwarzem Bart. Hinter den beleuchteten Fenstern arbeiten Frauen und Mädchen bis tief in die Nacht hinein. Alles ist arm hier, doch niemand streckt die Hand nach einem Almosen aus. Es ist ein gar berüchtigtes Viertel, das bei jedem Aufstand seine Leute hinausgeschickt; auf der Schulter eine alte Flinte, mit Fensterblei und Nägeln geladen, zieht der Arbeiter aus, wenn es »losgeht«.

Wann wird die Trommel hier wieder wirbeln? dachte ich und war bis an das Eckhaus der Rue Copeau gekommen. Endlich hatte ich das Haus gefunden, in dessen drittem Stockwerk mein Italiener wohnen sollte. Die Haustüre war unverschlossen, aber der Flur stockdunkel. Ich zündete mein Feuerzeug an und stieg auf einer steilen, schmalen Treppe mit stark ausgetretenen Stufen in die Höhe. Es war wie im Schacht eines Bergwerks.

In der dritten Etage angelangt, fand die herumtastende Hand endlich den Drücker einer Tür. Ich klopfte und stand vor einer Küche, eine alte Magd in einer weißen Haube trat mir entgegen.

»Signor Sarpi?« fragte ich.

»Mir unbekannt«, war die Antwort.

»Das tut mir leid. Übrigens wird Toms Warze in zwei Wochen verschwunden sein.«

»Ah so, dann treten Sie ein.«

Die Magd klopfte an einer Türe nebenan.

Ich hatte nach dem Aussehen des Hauses erwartet, in die armseligste aller Wohnungen zu treten, aber dem war nicht so. Ich stand in einem netten, reinlichen Zimmer. Ein schwarzer Lehnstuhl war da, ein Sofa, über dem ein schottischer Plaid ausgebreitet war, an der Wand hing ein Spiegel. Vor einem mit Büchern, Zeitungen und verschiedenen Schriften bedeckten Tische, auf dem eine Lampe brannte, saß mein Italiener und schrieb.

Er erhob sich, ein schlanker Mann in den vierziger Jahren, das Gesicht von einem schwarzen Vollbart umschattet. Dies Gesicht, wenn auch auf den ersten Blick nichts weniger als einnehmend, hatte den Ausdruck tiefen Ernstes und eines grübelnden Geistes. Ich überreichte das Paket. Signor Sarpi wog es eine Weile in der Hand, während seine Augen scharf prüften, ob alles darin in Ordnung ... »Sie kommen direkt von Köln?« fragte er, indem er mich mit einer Handbewegung einlud, auf dem Sofa Platz zu nehmen.

»Direkt.«

»Und das Paket war unlängst dort angekommen?«

»Soviel man mir gesagt hat, hatte es ein Reisender aus Livorno soeben gebracht.«

Signor Sarpi schien sehr befriedigt und wiederholte mehrmals: »ich danke, ich danke!« Dabei spielte ein Lächeln um seine Lippen, als ob er dächte: damit, junger Mensch, hättest Du Dir die Finger verbrennen können!

In seinem weißen Hemde blitzte eine kleine Demantnadel.

Nun erkundigte er sich mit guten Manieren, doch nur wie abwesenden Geistes nach Mr. Keenes und Karl Marx' Befinden. Kaum hörte er, was ich antwortete. Ich sah, daß er von Verlangen brenne, den Inhalt des Pakets, das er mittlerweile auf den Schreibtisch gelegt hatte, kennenzulernen, es aber nicht in meiner Gegenwart öffnen wollte.

Dieser Situation ein Ende zu machen, entfernte ich mich. Ich war froh, als ich aus dem unheimlichen Viertel heraus war.

Ich hatte das Paket mit seinem problematischen Inhalte fast vergessen, als ich plötzlich wieder an jenen Abend gemahnt wurde.

In Rom gingen die Wahlen für das römische Parlament vor sich. Am vorletzten Dezember 1848 hatte die Deputiertenkammer des Kirchenstaates allen Protesten Pio Nonos, der in Gaeta saß, zu Trotz die Zusammenberufung einer konstituierenden Nationalversammlung beschlossen. Das radikale Livorno wählte Joseph Mazzini. Dieser erschien in Rom, und bald darauf vernahm man, daß er neben Saffi und Armellini die Regierung Roms mit diktatorischer Gewalt übernommen habe.

Als nun die illustrierten Zeitungen das erste Bild der römischen »Triumvirn« brachten, erlebte ich eine Überraschung. Ich hatte in dem Bilde Mazzinis unverkennbar die Züge meines Italieners vor mir. Hatte sich Mazzini, während man ihn im Kanton Tessin verborgen wähnte, unter dem Namen eines Signor Sarpi in Paris aufgehalten? Ich kann mich irren, muß es aber beinahe glauben, daß ich an jenem Abend den großen Wühler gesprochen, der bei seiner geheimen Arbeit zugleich den Grund des neuen Italiens gelegt hat.

 

Es ist wohl niemandem, der sich um Literatur bekümmert, unbekannt, welche mannigfachen Unannehmlichkeiten über Heine hereinbrachen, nachdem dieser sein Buch über Börne herausgegeben hatte. Ein Duell mit dem beleidigten Gemahl einer in diesem Werk oft erwähnten Frau war die erste Folge davon. Es fand, wenn ich nicht irre, im Jahre 1844 im Bois de Vincennes statt. Ein Herr Tessier de Malo und Seuffert waren Heines Zeugen. Strauß hatte als der Geforderte den ersten Schuß. Heine hatte, als er seinen Platz nahm, einen Zweig von dem Baume, unter dem er stand, gebrochen. »Ich stellte mich damit«, sagte er mir, »gleichsam unter den Schutz der Oreade. Wir Poeten sind ein abergläubisches Volk.« Die Kugel zischte hart an seinem Ohre vorüber, traf ihn aber nicht. Da kam die Reihe an Heine, er schoß in die Luft. Es lag ihm nur daran, daß das Duell vor sich gehe. Damit war der Ehre genug getan, die Gegner versöhnten sich, aber von seiten der beleidigten Frau war der Krieg noch nicht eingestellt, er brach vielmehr bald mit all seinen Furien hervor. Die Briefe des toten Börne erhielten nun allerlei Supplemente, in denen Heines auf die unangenehmste Art Erwähnung geschah. Diese Supplemente kamen nicht alle auf einmal, sie kamen in Zwischenräumen und immer wieder, da man sie nun bereits erschöpft glaubte; die beleidigte Dame langte immer wieder in ihre Kassette und brachte immer wieder ein gehässiges Blatt hervor, das wie ein letztes aussah und doch nicht das letzte sein sollte; kurz, alle Blätter, die Börnes Haß gegen Heine in unermüdlichem Eifer viele Jahre hindurch beschrieben und bei Lebzeiten entweder im Pult begraben wollte oder nur an vertraute Personen gesendet hatte, kamen allmählich zum Vorschein. Bedenkt man die Anzahl derselben, so muß man darüber erstaunen, wie ein im Grunde großmütiges Herz, wie das Börnes jedenfalls war, für einen ganzen Köcher voll kleinlicher Waffen Raum genug hatte, und wie im Busen einer von Menschenliebe emporlodernden Seele eine so lange währende und so tief gehende Verfolgungslust mitbrennen konnte, zumal der gehaßte und verfolgte Mann einer war, dessen Streben im Grunde mit dem seinigen eins und dasselbe, ebenso frei und so groß war und an den er durch mannigfache Jugenderinnerungen sich gebunden fühlen mußte. – Aber es zeigte sich oft und zeigt sich auch hier wieder, daß aufgelöste Freundschaft grimmigste Feindschaft gibt.

Gleichzeitig hatte ein heftiger journalistischer Kampf gegen Heine begonnen. Ich weiß nicht, ob es eine Halluzination seiner Sinne war, wenn Heine abermals auch in der Mitte dieser, ihn mit allen Waffen angreifenden Phalanx die Gestalt des beleidigten Weibes zu erkennen glaubte, aber er ist fest überzeugt geblieben und glaubte Beweise zu haben, daß auch diesmal die Kassette der Madame Strauß sich auftat, diesmal, um den Kämpfern einen pekuniären Succurs zukommen zu lassen. Lachend pflegte er zu sagen, dies sei das einzige Mal gewesen, daß andere etwas an ihn gewandt hätten, aber sein Lächeln war bitter, und er schien im Glauben befangen, daß die erbitterte Feindin in der Tat seinem Lorbeer zu schaden vermocht hätte.

»Mein Leben war schön«, sagte er einmal, »ich war der Lieblingspoet der Deutschen geworden und wurde sogar gekrönt wie ein deutscher Kaiser zu Frankfurt. Mädchen in weißen Kleidern streuten mir Blumen, o es war schön! Warum mußte ich doch meinen Heimweg durch die Judengasse nehmen, die, wie Sie vielleicht wissen, vom Römer nicht gar weit entfernt ist! Als ich sie auf meinem Triumphzuge durchschreite, geht ein häßliches Weib mir quer über den Weg und droht mir, als wolle es mir Unglück weissagen. – Ich stutze vor der Gestalt, fahre einen Schritt zurück, und mein Kranz – mein prächtiger Kranz fällt in den Staub dieser unreinen Gasse. Seitdem klebt ein fataler Geruch an meinem Lorbeer, ein Geruch, den ich nicht wegbringen kann! Schade um den schönen, schönen Kranz!«

– – So seufzte Heine; ich aber, in befreundeter Stellung zu ihm und ein entschiedener Feind der Art, wie Madame Strauß, die Freundin Börnes, den Krieg gegen Heine geführt, fühlte das Leid und die Verunglimpfung, die ihm angetan worden, mit. Um so voller war mein Anteil und um so vollständiger meine Erbitterung, als ich von dieser Gegnerin Heines bis dahin gar nichts gehört und sonach keine Gegenvorstellung meine Gefühle mindern konnte. Die Gestalt, die Heinen, quer über den Weg gehend, Unglück weissagte, schwebte mir daher immer mit allen Attributen der Wesen vor, die der abergläubischen Phantasie des Mittelalters als schlimme Vorbedeutung erschienen.

Ich fürchtete mich vor Madame Strauß und ihrem bösen Auge ...

Doch schien es mir beschieden, ihrer Bekanntschaft teilhaftig zu werden. Der Frankfurter Buchhändler, der mir zu dem Buche über Paris den Auftrag erteilt, ein Neffe der Dame, hatte mir ein Paket und einen Brief an sie mitgegeben und mir aufgetragen, sie ja gleich in den ersten Tagen meines Pariser Aufenthalts in ihrem Landhaus in Auteuil aufzusuchen. Ich sandte Brief und Paket hin und verschob die Fahrt. Erst als der Gemahl, Herr Strauß, mich auf meinem Zimmer in der Cour de Commerce besucht hatte, konnte ich die Fahrt nicht länger verschieben und machte mich nach Auteuil auf.

Auteuil ist ein Dorf wie fast alle Dörfer in der Nähe der großen Metropole, ein kleiner Flecken voll eleganter Sommerwohnungen, teuer und fashionable, wo man vergeblich ländliche Sitten und ländliche Einfalt suchen würde. Es liegt am Ende des berühmten Boulogner Hölzchens, auf dessen Rasenplätzen die beleidigten Dandys von Paris sich Genugtuung zu geben pflegen. Die Allee des Holzes verlängert sich bis dahin, und so wird Auteuil der Zielpunkt jener täglichen Morgenpromenaden, die der Pariser Lebemann auf dem Vollblutpferd, die Pariserin nonchalant im Wagen hingestreckt unternehmen. Die grünen Jalousien der Häuser sind meist von breiten Lindenwipfeln beschattet, und in der Ferne erblickt das Auge erfreut grüne, weithingedehnte Saatfelder und das blitzende, vielgewundene Band der Seine.

Ich hatte leider, um nach Auteuil zu fahren, das ökonomische, aber geduldprüfende Beförderungsmittel des Omnibus gewählt, diesmal noch zu besonderem Unglück, denn die Pferde waren todmüde und schienen auf dem kotigen Pflaster gar nicht fortkommen zu wollen. Alle Augenblicke zog der Kondukteur die Klingel, der Kutscher hielt an, bald stieg einer mißvergnügt aus, entschlossen, den weiteren Weg zu Fuß zu machen, bald galt es, eine dicke Bäuerin, die ihre Einkäufe in Paris gemacht hatte, mit ihren Körben und Schachteln aufzunehmen. Überdies war ich zu spät ausgefahren. Es mochte vier Uhr sein, da ich aufsaß, der Februar hat so kurze Tage, und nun dunkelte es bereits, das unübersehbare Häusermeer von Paris hüllte sich in einen grauen, unheimlichen Schleier; nur die Kuppel des Pantheon glühte in rötlichem Feuer. Wir kamen an Passy vorüber, wo Franklin einst wohnte und ich vor bald zwei Jahren Beranger besucht hatte. Ich sah bereits Licht in dem kleinen rebenumpflanzten Hause des greisen Dichters. Allmählich zog sich der Nebel immer dichter zusammen, und ein stiller, aber eindringlicher Regen fiel. »Ei!« dachte ich, »das hast du schlecht gemacht! Kurz vor der Essensstunde willst du bei den Leuten erscheinen! Wer aber hätte auch geglaubt, daß Auteuil so weit ist, die Pferde so müde sind und der Omnibus so oft anhalten würde! Ich komme der Freundin Börnes vielleicht recht ungelegen über den Hals!«

Trotz oder vielleicht gerade wegen des düstern Bildes, das ich mir von dieser Frau machte, war ich neugierig, sie zu sehen. Börnes Freundin konnte kein gewöhnliches Wesen sein. An sie, die damals noch in Deutschland lebte, waren die »Pariser Briefe« gerichtet, diese wilden Dithyramben des Zornes, diese Bündel von Schwertern, diese Feuerregengüsse von Witz, Erbitterung, Schmerz. Börne, ein Prophet, zum Haß getrieben aus Übermaß der Liebe, ein Apostel, nicht mit einem Palmzweig, mit der Brandfackel in der Hand, konnte nur ein Weib lieben, ihm ähnlich, ihm verwandt.

So dachte ich, und langsam trabten die Pferde; es ward immer dunkler, immer heftiger schlug der Regen an die Fenster, die klappernd in ihrem schlecht gefügten Rahmen auf und ab gingen. Der dicke Nachbar mir gegenüber schlief regelmäßig ein, bis ihn ein stärkeres Poltern auf dem Pflaster weckte, und ebenso regelmäßig fiel mir sein nasser Regenschirm zwischen die Beine. Verdammter Einfall, so spät auszufahren oder vielmehr welch' kläglicher Mangel an Berechnung!

Der Kondukteur hatte sich endlich auch in den Wagen hineingesetzt, ich fragte ihn, ob heute noch ein Omnibus nach Paris zurückfahre.

»Unmittelbar nach Ankunft dieses fährt einer«, ist die Antwort.

»In einer halben Stunde, eine Stunde später?«

»Geht keiner mehr«, ist die Antwort. »Die Abfahrt, die sich anschließt, ist die letzte.«

Erfreulicher Gedanke, einer Visite wegen in Auteuil übernachten oder einen Wagen nehmen zu müssen! Doch da ist nicht zu helfen. Wenn sich der Besuch nur lohnt! Indes hält der Wagen, wir sind in Auteuil.

Bei Dunkelheit und Regenwetter ist es nicht eben angenehm, an einem fremden Ort nach einer Wohnung zu fragen. Mit immer wachsendem Mißmut gehe ich von Haus zu Haus. Endlich ist die Wohnung gefunden, ich klopfe an, das Tor geht auf, eine alte Portiersfrau entsteigt ihrer Spelunke, bestätigt, daß Herr und Madame Strauß zu Hause seien, meint aber, sie müsse sich erst näher erkundigen, ob sie heute jemanden vorlassen könne. Sie geht hinauf, sich zu erkundigen. Ich stehe fröstelnd im Torwege. Lange stand ich da und hörte den Omnibus seine Rückfahrt antreten. Die Alte kam nicht wieder. Was ich übersah, war der Hofraum eines alten, vierstöckigen, schweigsamen Hauses. Alle Fenster waren dunkel, nur eines war matt erleuchtet, hinter niedergelassenen Vorhängen mußte dort eine Lampe brennen. Der Regen gießt immer stärker herab, er klatscht auf die Pflastersteine vor meinen Füßen, ich verschlucke manchen Fluch. Endlich höre ich Schritte. Die Portiersfrau, ein Licht in der Hand, kommt die Treppe herab, ein Mann in schwarzem Frack folgt ihr. Es ist Herr Strauß.

»Ach mein Gott!« sagte er, als er mir näher tritt und mich erkennt, mit verlegener Miene. »Es tut mir leid, aber Sie haben einen schlechten Tag getroffen. Meine Frau ist eingesperrt und läßt niemand vor. Sehen Sie, ich selbst darf nicht zu ihr. Sie sitzt auf der Erde in ihrem Zimmer, sie hält ›Jahrzeit‹. Wirklich, es tut mir leid, aber es ist heute der Sterbetag des Börne.«

Er verbeugte sich, ich verbeugte mich, mein Besuch war gemacht. In der Tat, heute war der 13. Februar, Ludwig Börnes Todestag. Ich tappte hinaus und ging, aber nicht weit. Von der Straße abbiegend, blieb ich mitten im Regen stehen und blickte, ich weiß nicht wie lange, auf das eine beleuchtete Fenster im Hinterhause, wo durch eine Gardine das Neschamahlicht hervordämmerte, wie festgebannt.

Meiner Seele hatte sich nach den Worten, die der bescheidene Gemahl zu mir gesprochen, ein Sturm bemächtigt, welcher mich nicht allein erschütterte, sondern auch machtvoll belebte. Nie wieder werden wohl so anspruchslose Worte einen solchen Schlag auf mein Herz führen.

Meine Vorstellungen über Heines Todfeindin, die ich nach Auteuil mitgebracht, kämpften gegen ein neugewonnenes Bild einen heißen Kampf. Nach langer Gegenwehr zog sich mein Haß, soweit er Parteisache war, ehrfurchtsvoll zurück. Die leidenschaftliche Trauer dieses Weibes, das Jahre nach dem Tode des Geliebten noch keinen Trost gefunden, flößte mir Hochachtung ein. Ich erkannte und bewunderte zugleich die energische Seele der Börne-Freundin, die sogar den Gatten von sich weist, wenn sie das Totenamt nach jüdischem Brauche hält.

Ich habe auch seitdem diese merkwürdige Frau nicht kennengelernt, die Anschauung aber, die sich auf dem Feldwege von Auteuil mit vulkanischer Macht in mir emporbildete, herrscht noch heute in meinem Innern vor.

Wie eine überlebensgroße Statue des Schmerzens, die mit der Linken einen Aschenkrug an das Herz preßt, in der rechten Hand aber ein Schwert schwingt, mit welchem sie den Toten an seinem Feinde rächt – so schwebt mir diese Frau vor den Augen.

 

Als eines der Häupter der zentraleuropäischen Demokratie galt damals Georg Herwegh. Er stand in seinem zweiunddreißigsten Jahre, ein schöner, schlanker Mann, mit einem Kopfe wie ein Armenier. Das regelmäßige Profil mit der stark hervortretenden Nase und den schönen braunen Augen, in denen ein unheimliches Feuer aufflammte, der gelbliche Teint, der kurzgehaltene, rabenschwarze Bart, das tiefdunkle, wenngleich bereits spärliche Haar gaben ihm, dem Württemberger, dem Sohne eines Stuttgarter Speisewirts, das Aussehen eines Prinzen von den Ufern des Oxus. Er hatte schon 1841, in einer Zeit allgemeiner Gedrücktheit, seine »Lieder eines Lebendigen« hinausgesandt, die mit unwiderstehlicher Gewalt, dabei in den vollendeten Rhythmen den kühnsten Hoffnungen und Wünschen Ausdruck gaben, und hatte damit das deutsche Bewußtsein, wenn nicht aus den Angeln gehoben, doch in seinen Angeln erschüttert. Seitdem war ihm bei jungen Jahren eine überspannte Aufmerksamkeit auf seine Person zuteil geworden. Alles schaute auf ihn. Er aber hatte seitdem fast vollständig geschwiegen. Er wollte nichts bringen, was hinter dem zurückblieb, was er früher geleistet, und tat darum gar nichts mehr. Während er auf neue Eingebungen harrte, verging die Zeit. Zuerst war er wie eine Rakete emporgestiegen, jetzt glich er dem Stab derselben, der langsam verkohlt.

Schon im April 1848 war Herwegh mit seiner »französisch-deutschen Legion« von Straßburg über den Rhein gegangen und hatte in einem Aufruf dem deutschen Volke die Republik angekündigt. Natürlich hatte er mit seinem Freischarenzuge nichts ausgerichtet, das Fiasko war grenzenlos. Seine Schar war auf eine württembergische Kompanie gestoßen und hatte sich nach einem unbedeutenden Gefechte, in welchem der republikanische Hauptmann von Schimmelpfennig gefallen war, aufgelöst. Herwegh entkam über den Rhein; ganz selbstverständlich war ihm nicht gelungen, was nicht geleistet werden konnte.

Nun war er von getäuschten Hoffnungen innerlich verzehrt. Von allen deutschen reformatorischen und revolutionären Bestrebungen sprach er mit der größten Verachtung. Er wollte sich fortan nur mit naturwissenschaftlichen Aufgaben beschäftigen. So grübelte er fortwährend über Dinge, die nie fertig wurden, und verharrte, während alles um ihn her lebendig war, in einem Schweigen, das wie Verachtung aussah und schließlich in kurzen, schroffen, hochmütig hingeworfenen Urteilen auslief.

Diese ihm gewöhnliche Haltung verschwand aber sofort, wenn er einer einzelnen Persönlichkeit, der er ganz trauen konnte, gegenübersaß. Dann gab es keinen eifrigeren Debatter. Nur hatte er die Eigenheit, über jede Opposition, die man ihm machte, in eine wahre Berserkerwut zu geraten.

Herwegh war durch seine Verheiratung mit Emma Siegmund, der Tochter eines Berliner Bankiers, einer vortrefflichen, mutigen Frau, reich geworden und wohnte höchst luxuriös in einer Avenue der elysäischen Felder, der Rue du Cirque. Er hatte nicht nur das Aussehen, sondern auch die Schwermut eines Orientalen und ruhte nun auf opulenten Sofas von grünem Samt aus von den Strapazen des badischen Feldzuges. Man wurde durch einen feingekleideten Diener angemeldet und traf den Dichter noch um die Mittagsstunde im seidenen Schlafrock.

Herwegh war ein weiches, vertrauensvolles Poetengemüt und ging mit seiner mangelhaften Menschenkenntnis immer wieder schlauen Gesellen in die Falle, wenn sie die bei ihm wirkenden Schlagworte anbrachten. So war er der wirkliche Simplizissimus I., wie ihn Heine mit bitterm Hohne zu nennen pflegte. Auf seinem »Feldzuge« hatte er die Kriegskasse einem Polen anvertraut. Natürlich war dieser beim Zusammenbruch des Putsches mit dem Gelde verschwunden. Man machte ihn ausfindig, er lebte unangefochten an der badischen Grenze. Herwegh verlangte die Kriegskasse. Der Pole meldete zurück, er habe die eiserne Kiste regelrecht in einem Walde nächst Dossenbach vergraben, habe auch eine Aufnahme des Ortes zu Papier gebracht, sei aber jetzt halb erblindet und könne den Kriegsschatz nicht wieder auffinden. Er wußte recht gut, daß die Sache nicht bei Gericht anhängig gemacht werden könne. Bald stellte sich heraus, das Augenleiden des Polen sei heilloser Schwindel. Herwegh tobte, wetterte, verzichtete aber schließlich auf jede Verfolgung oder Bloßstellung des Mannes.

Die Welt behauptete, Herwegh sei unter dem Spritzleder eines Wägelchens, das seine Gattin gelenkt habe, den Verfolgern entgangen. Auch wenn die Geschichte wahr wäre, sähe ich nichts für die Ehre des Dichters Nachteiliges darin. Nur derjenige, der sich nach der Glorie des Märtyrertums sehnt, stellt sich einem übermächtigen Feinde; ist man einmal geschlagen, flüchtet man, wie man eben kann. König Enzio entflieht in einer leeren Tonne, Louis Napoleon in Ham zieht Maurerkleidung an und geht mit einem Mörteltrog davon. Guizot soll in Weiberkleidern entflohen sein, Pio Nono verließ die heilige Stadt als Kammerdiener der Gräfin Spaur verkleidet auf dem Kutschbock. Ich sehe nicht ein, warum der vom Erschossenwerden bedrohte Herwegh nicht unter ein Spritzleder hätte kriechen sollen? Doch ist die ganze Geschichte nicht wahr, die Fabel erhielt sich nur, weil Herwegh zu stolz war, in der Sache eine Erklärung von sich zu geben. Ein Turnlehrer namens Spieß, Vorstand hessischer Turner, erzählte viele Jahre später, wenn sich Gelegenheit dazu ergab, wie die ganze Spritzledergeschichte eine Erfindung von ihm sei. Er führte sie als ein schlagendes Beispiel dafür an, wie eine beim Glase Wein zum besten gegebene Fabel, wenn sie sich an einen berühmten Namen knüpfe, lustig weiter kursiere, in die Zeitungen gelange und schließlich als »Tatsache« figuriere, wo sie alsdann im Partei-Interesse ausgebeutet werde. In der Tat hat die Lüge, wenn sie nur auf den richtigen Boden fällt, ein Wachstum wie die Wasserpest.

Durch Herwegh wurde ich mit Alexander Herzen bekannt. Dieser, jetzt am Rande der Dreißig stehend, eine imposante, männlich schöne Gestalt, feurig im Auftreten, liebenswürdig im Verkehre, war ein Sohn des russischen Fürsten Jakowleff und einer deutschen Mutter. Er war wiederholt im Ural interniert gewesen, hatte Novellen geschrieben und schrieb jetzt nur Sozialpolitisches, Dialoge, Unterredungen über Philosophie der Geschichte. Er war einer jener Russen, die im westlichen Europa nur »Untergangstum« sehen. Es wird die Möglichkeit, die Massen freizumachen, geleugnet, die schöpferischen Gedanken großer Geister, Aristoteles, Sokrates, Bacon, Spinoza erklingen so nutzlos wie die Lehren des Evangeliums oder der französischen Revolution. Indessen birgt Rußland die Anfänge neuer Lebensformen: Herr von Haxthausen hatte nämlich vor kurzem den russischen Gemeinbesitz an Land und Äckern entdeckt und als Zukunftsform sozialistischer Wirtschaft bezeichnet! Abgesehen von diesem bodenlosen Pessimismus von speziell moskowitischer Färbung, der ihn zum Vater des modernen Nihilismus macht, war Alexander Herzen vorerst noch ein Anhänger Proudhons, wie er denn auch, als der »Peuple« einging, Proudhon die »Voix du peuple« mit großen Geldopfern begründen half. Vom Glück mit großartigen Mitteln ausgestattet, war Alexander Herzen grenzenlos freigebig, wo irgend sein Mitgefühl geweckt wurde oder seine Prinzipien ins Spiel kamen. Er ist bald darauf nach England gegangen, eine Druckerei für den »Kolokol« zu gründen, der für Rußlands politische Entwicklung so bedeutungsvoll wurde.

Herzen war eine großartige Natur, in der sich Energie und Verstand die Waage hielten. Ihm zur Seite stand ein wahres Engelsgebilde – ebenso schön als sanft und klug – seine Gattin. Ein etwa achtjähriger Knabe, der kleine Alexander, war ihr Abbild. Als Erzieher desselben war der junge Friedrich Kapp eingetreten.

Von diesen philosophischen und abstrakten Revolutionären, die sich eine neue soziale Welt konstruierten, durch die ganze Breite einer anderen Weltanschauung getrennt, waren die praktischen Revolutionsmänner, die der Sturm der Zeit nach Paris verschlagen hatte, nämlich die polnischen und ungarischen Flüchtlinge, die in den eben beendigten Kämpfen eine Rolle gespielt hatten. Es waren dies ganz praktische Naturen, Monarchisten, die für eine ganz konkrete Sache, die alte ungarische Verfassung, gekämpft hatten. Zu diesen zählte Graf Ladislaus Teleky, vom ungarischen Ministerium als Vertreter Ungarns nach Paris entsandt. Er war bereits wegen seines Protestes gegen die Niederwerfungsmaßregeln in contumaciam verurteilt und in effigie gehenkt – ein feiner, liebenswürdiger Weltmann, von weichem Gemüt und den humansten Formen. Ich kam öfter in sein Haus, wo sich an gewissen Abenden eine Zahl seiner Landsleute einfand. Da wurden keine theoretischen Fragen besprochen, es wurden hiefür die Fragen der gegenwärtigen Politik behandelt und Erlebnisse erzählt. Fast jeder der Anwesenden hatte merkwürdige Schicksale hinter sich, die oft völligen Romanen glichen.

Die Kriegsereignisse standen damals für die Ungarn geradezu verzweifelt. Sie hatten sich überzeugen können, daß mit ihrem zusammengelesenen Landsturm keine Schlachten gegen reguläres Militär zu liefern seien. Goergey hatte im Herbst das Oberkommando der Honvedtruppen übernommen, jedoch schon in den ersten Tagen des Januar Pest-Ofen geräumt und sich nach den Bergstädten des nördlichen Ungarns gewendet. Nur die Unfähigkeit des Fürsten Windischgrätz, der in dem ihm unverständlichen Rückzug der Ungarn einen tiefangelegten Plan argwöhnte, gab Kossuth und Klapka Zeit, in neuen Rüstungen eine bewundernswerte Energie zu entfalten.

Die ungarischen Revolutionäre waren durchgängig Männer mit ganz bestimmten praktischen Zwecken, von monarchistischer Gesinnung, meist Militärs. Von Frankreich begaben sich die meisten nach Italien und traten in sardinische Kriegsdienste. Mehrere derselben haben später Garibaldi nach Sizilien begleitet und sind, wofern sie noch leben, in hohen Stellungen tätig. Sie wollten damals nichts weiter als die volle staatliche Unabhängigkeit Ungarns. Diese ist auch, wenngleich lange nachher, in die Welt getreten als eine Notwendigkeit, durch nicht vorauszusehende Ereignisse herbeigeführt. Die mit Händen greifbare Unmöglichkeit, mit dem Zentralismus weiter zu regieren, und die Notlage nach dem Kriege von 1866 zwangen die Wiener Regierung zur Nachgiebigkeit, und die Verfassung von 1848, für die jene Flüchtlinge eingestanden, wurde wiederhergestellt, allerdings sehr überstürzt, zum finanziellen Nachteil der übrigen Provinzen und ohne Erwirkung von Garantien zugunsten der innerhalb Ungarns sitzenden deutschen Elemente.

So konnten die damals Verfemten noch zu Ehren und Wirksamkeit gelangen, während alles Denken und Arbeiten der deutschen Ideologen so gut wie unfruchtbar geblieben ist.

Inzwischen war mir aus der Heimat die Nachricht zugekommen, daß die im Oktober vorigen Jahres vom Prager Staatsanwalt gegen mich eingereichte Klage zurückgewiesen worden sei. Zuerst glaubte ich kaum, der Kunde trauen zu dürfen; aber nachkommende Nachrichten bestätigten sie. Dieser Ehrenmann war mit seinem Versuch, einem Jugendfreunde freies Quartier in einer österreichischen Kasematte zu verschaffen, schmählich durchgefallen! Das Kriegsgericht auf dem Prager Hradschin, doch aus besseren Elementen zusammengesetzt, war der Ansicht gewesen, daß ein lyrisches Gedicht, während eines heftigen politischen Sturmes entstanden, doch kein so drastisch zu strafendes Reat bilden könne. Man hatte den Streber abfahren lassen. Wenige Tage, nachdem mir die freudige Kunde zugekommen, erhielt ich eine Postsendung größeren Formats. Ich öffnete das Couvert: ein Aktenstück lag darin von mir wohlbekannter Schrift: ein unbekannt bleiben wollender Freund schickte mir die vom Staatsanwalte eigenhändig geschriebene Klage zu!

Ich war ordentlich neugierig zu erfahren, was ich denn alles in meinem Gedichte »An Wien im Oktober 1848« verbrochen, und las.

Die Klageschrift hob mit dem Bedauern an, daß kein Gesetz existiere, um das in meinem Poem vorkommende Wort: »verbündete Slawen und Sklaven« zu strafen. »Da unser Preßgesetz«, hieß es, »das Vergehen l'excitation des citoyens entr'eux, les uns contre les antres, wie solches im französischen Gesetze vorkömmt, nicht enthält, so mag der Vaterlandsfreund diese Verirrung wie tausend ähnliche, täglich vorkommende, beklagen, es ist aber weiter dagegen nichts zu tun. Nun sagt Meißner aber in der sechsten Strophe: Laß sie nicht wiederkehren!« und meint damit nicht bloß die sogenannte Kamarilla! Das zielt auf die Flucht des Kaisers und des Hofes nach Olmütz! »Laß sie nicht wiederkehren!« Das heißt, sage Dich von Deinem Kaiser los und verwehre ihm, wenn es not tut, den Eintritt mit Gewalt. Die Slawen aber, die ihren Kaiser mit Leib und Leben schützen, die Slawen, die zu einer Zeit, wo man neben jedem liberalen Gedanken das Bild des Spielbergs wie eine Fata morgana aufsteigen sah, man kann sagen, mit Heldenmut für die Freiheit vorarbeiteten, nennt Herr Meißner »königswütig«, weil sie demokratische Monarchie, die Wahrung des konstitutionellen Thrones wollen und für Anarchie und Republik keine Sympathien äußern. Nun fragt er weiter: »ist Deutschland ganz entwaffnet?« Das wäre wohl im besseren Falle Kriegserklärung und Einrücken deutscher Truppen, im schlimmeren Falle, was der Dichter übrigens offenbar vor Augen hat, Einbrechen von Freischaren. Der Kommentar zu diesem Gedicht ist leicht zu geben. Der Sinn desselben ist: Österreich, schließe Dich an Deutschland an und werde mit ihm Republik. Sonst wirst Du in den alten Absolutismus, ja in einen ärgeren (Knute!) zurückfallen.

»Und so«, fuhr der Staatsanwalt in seiner Klageschrift fort, »hat Alfred Meißner, der im Leben als edeldenkender, herzensguter, sanfter Mensch allbekannt ist, sich von blindem Parteiwahn und poetischer Hirnwut zu einer Reihe verbrecherischer Äußerungen hinreißen lassen, als da sind: 1. Aufforderung zum Angriff auf die Person des Landesfürsten und Schmähung desselben mit der Absicht, gegen ihn Abneigung und Verachtung zu erwecken (zuwider den §§ 10 und 11 des provisorischen Preßgesetzes). 2. Aufforderung zum Aufruhr (zuwider § 66). 3. Aufforderung zur Unterjochung des Vaterlandes durch einen äußeren Feind (zuwider § 10). Nicht unbemerkt möge bleiben«, schloß der Biedermann und setzte damit seinem Vorgehen die Krone auf, »daß das Gedicht ›An Wien‹ in Wien erschienen ist und also eigentlich der Amtswirksamkeit des Staatsanwalts in Wien anheimfiele. Da aber in Wien die Bande der Ordnung gelöst sind, sonach auch die Wirksamkeit des Staatsanwalts gehemmt ist, so hat der unterzeichnete Anwalt es für seine Pflicht gehalten, Anklage gegen den Verfasser zu erheben. Geruhe ein hohes k.k. Gericht, diese Klage zu Gerichtshänden anzunehmen und die Voruntersuchung anzuordnen.

Prag, am 29. Oktober 1848.
Dr. Ambros.«

 

Ich hätte, wenn das Gericht auf die Forderungen eingegangen wäre, zehn bis fünfzehn Jahre schweren Kerkers zugemessen erhalten können. Nun, diese Gefahr war vorübergegangen!

Die Zurückweisung der Klage und vollends die Einsendung der Schrift zeigte mir, daß ich daheim, wenn auch Feinde, auch tätige Freunde habe. Ich war nun in eine neue Lage versetzt. Ich hatte keine Verfolgung mehr zu fürchten. Ich konnte gehen oder bleiben, wie mir beliebte. Mein Lebensfrohsinn, der ganz verschwunden war, kehrte wieder. Das Aktenstück ist noch in meinen Händen und hat jetzt, da W. Ambros eine Autorität in der Musik geworden ist, einen Wert als Autogramm. Erst viele Jahre später in Prag erfuhr ich, wem ich die Zusendung zu danken hatte. Ein ehemaliges Mitglied des Kriegsgerichts, das jetzt bereits die goldene Borte eines höheren Stabsoffiziers trug, war der Zusender gewesen.

Von nun an fühlte ich mich nicht mehr als Flüchtling, sondern als einfacher Beobachter in Paris. Ich studierte fleißig und schrieb sehr viel. Dem Verlagsbuchhändler, der mich nach Paris entsandt, konnte ich ankündigen, daß mein Buch so gut wie fertig sei.

Heine hatte mich aufgefordert, ihn jetzt in seiner Einsamkeit recht oft zu besuchen. Ich machte von dieser seiner Erlaubnis im vollsten Maße Gebrauch.

In dieser Zeit seiner Krankheit, seiner Sorgen, seiner Verlassenheit rückte ich Heine näher; erst von da ab, kann ich sagen, begann unser Verkehr. Selten verging jetzt ein Tag, an welchem ich nicht ins Haus gekommen wäre. Ich sah, daß ihm ein Landsmann not tat und willkommen war. Er war noch so voll Anteil an der Welt, und dieser war ohne eine Mittelsperson nicht zu befriedigen. Fortan las ich Zeitungen und Zeitbroschüren immer mit der Absicht, ihm das Wichtigere von dem, was draußen vorging oder erörtert wurde, mitzuteilen und ihn so mit der Welt in Kontakt zu erhalten. Ich gewöhnte mich allmählich und schrittweise an seinen sich ununterbrochen verschlimmernden Krankheitszustand, dessen Anblick die Nerven der ihn Besuchenden meist auf das peinlichste erschütterte und so manche derselben von weiteren Besuchen abhielt. Der Platz an seinem Bette und die Unterhaltung mit ihm ward mir allmählich lieber als der Spaziergang über die Boulevards oder der Verkehr mit den meisten Gesunden. Im Gespräch vergaß ich die Krankenstube. Der Reiz, den seine Bücher auf mich geübt, setzte sich hier fort, und mir war, als lese ich manches Kapitel, von dem die übrige Welt nichts erführe. Aber auch den Menschen gewann ich lieb. Die Güte seines Herzens, von fast allen in Frage gestellt, stand für mich über jeden Zweifel erhaben.

Wie leicht hätte ich damals, wo er noch so diskursiv war und die Nennung eines Namens genügte, ihn zu den geistreichsten Auslassungen über Zeitfragen, Persönlichkeiten und Bücher zu bewegen, aus seinen Erzählungen und Urteilen ein Buch von der Gattung Eckermanns zusammenstellen können! Aber ich hatte eine Scheu davor; es hätte mir nicht korrekt geschienen, Dingen einen Leserkreis zu geben, die schließlich doch nur für Einen gesprochen waren. Dem gesprochenen Worte fehlt nur allzu oft das Maß und die richtige Abwägung. Auch bei Eckermann, nachdem er seine Notizen lange geführt hat, tritt ein Zeitpunkt ein, in welchem er sein Gebaren nicht als ganz loyal ansieht, und er macht Goethe das Geständnis, daß er über dessen Äußerungen Buch führe. Aber die kluge Exzellenz hat das längst schon ausgewittert und hat schon seit langer Zeit ihre Antworten auf Eckermanns Fragen so eingerichtet, daß ihr deren Fixierung ganz willkommen ist. Nun beschließen sogar beide, zusammen das Ganze zu revidieren. Heine war nicht also geartet; er ließ sich gehen und sprach nur, weil er wußte, daß er sich gehen lassen könne. Ich glaube, er hätte dem Manne, in welchem er einen Aufschreiber seiner Urteile und Einfälle zu vermuten Grund gehabt, einfach die Tür gewiesen. Was er vor das Publikum gebracht sehen wollte, wollte er auch selbst geschrieben haben.

 

An einem Abend einige Wochen später kam ich mit Heine auf die Politik zu sprechen, was eben nicht oft geschah, Heine hatte die Politik aufgegeben. Seine literarischen Arbeiten standen ihm obenan, und die religiöse Frage schlich sich allmählich in sein Gemüt.

»Es wird nicht mehr lange so bleiben«, sagte er bitter lächelnd. »Ein Staatsstreich ist ein öffentliches Geheimnis. Man plaudert so viel von ihm, daß man gar nicht mehr daran glaubt, aber er bleibt nicht aus. Der Präsident arbeitet nach der Schablone seines Onkels und geht auf den 18. Brumaire los. Nur zu! nur zu!«

Er sagte dies alles ohne Zorn, und ich wunderte mich darüber. Was sollte, kann man fragen, der politische Sarkasmus, der den Priesterrock zerreißt und sich sogar an den Szepter der Könige wagt, wenn er dann später lächelnd dem Verrat zusieht? Warum die titanische Verachtung des Bestehenden, der luxuriöse Aufwand von politischem Haß, die blutige Satire, die guillotinierende Ironie? Was war denn Heine noch, wenn er kein Republikaner war?

Er war, das wußte ich, einst ein Anhänger der Julimonarchie gewesen, weil er, wie er sagte, sich keinen besseren Zustand in dem damaligen Frankreich denken konnte. Er hatte eine Unterstützung als Flüchtling bezogen, was ihn nicht hinderte, über die französische Politik zu schreiben, wie er dachte; wogegen die französische Politik wieder mit größter Bereitwilligkeit seinen Steckbrief mit den ehrenrührigsten Bezeichnungen an die deutschen Polizeiämter sandte. Er hatte den Prinzen Nemours gelobt, doch nur, weil er sich in Bagnères höflich und aufmerksam gegen ihn benommen. Dessenungeachtet schien mir Heine nie ein aufrichtiger Monarchist – was war er also?

Er merkte meine Verwunderung und ergriff meine Hand. »Verstehen Sie mich recht«, sagte er. »Als vor ungefähr einem Jahre die Republik proklamiert wurde, war der Welt zumute, als ob etwas, was nichts als ein Traum war und ein Traum sein sollte, Realität geworden wäre. Aber ich habe das Unglück, Frankreich durch langjährigen Aufenthalt nur zu genau zu kennen, und ich bin über das, was wir zu erwarten haben, gar nicht im unklaren.

Die Republik ist nichts weiter als ein Namenswechsel, ein revolutionärer Titel. Wie könnte sich diese korrupte weibische Gesellschaft so schnell verwandeln? Geld machen, Ämter erhaschen, vierspännig fahren, eine Theaterloge besitzen, aus einem Vergnügen ins andere jagen war bisher ihr Ideal. Wo hätten diese Menschen ihren Vorrat von bürgerlichen Tugenden bisher so sorgfältig versteckt? Paris, glauben Sie mir, ist gut napoleonistisch – ich meine, hier herrscht der Napoleond'or. Mögen es andere zu ihrer Parteisache machen, einen Namen aufrechtzuerhalten, mag selbst Proudhon die bestehende Staatsform in dieser ihrer kläglichsten Phase für gegeben, unantastbar und unveränderlich, sogar über den Ursprung aller Rechte und das allgemeine Wahlrecht erhaben erklären – eine solche Politik ist nicht die meine. Der Name ist mir nichts. Nur das Farbige kann mich entzücken, die abstrakte Idee ist ohne Reiz für mich. Was wäre die Liebe, wenn es keine Frauen, die Freundschaft, wenn es keine Freunde gäbe? Verzichten Sie auf die Republik, denn es gibt keine Republikaner!«

Später lächelte er herb und erbarmungslos bei der Agonie der Republik und erwartete ihr Ende mit einer gewissen Schadenfreude. Er lächelte, als wäre er der Gott des Zerfalls und der Zerstörung selber. Es war, als wünsche er, daß etwas zusammenfalle, was es auch sei, damit er nur das Geräusch eines großen Umsturzes vernehme und riesenhafte Trümmer erblicke. Die furchtbarste Krankheit selbst konnte ihn nicht konservativ und zum Freund der Ruhe machen. Der Kampf war seine Natur, das Mißvergnügen mit dem Status quo und die Negation sein Wesen. Diesem Zuge in ihm lag keine Wildheit, keine Barbarei, kein Vandalismus zugrunde, sondern er hatte mit dem künstlerischen Bedürfnis ein und dieselbe Wurzel, jeden Gegenstand immer von einer neuen Seite aus verändert, umgebaut, umgestaltet zu sehen. Es war der Drang einer nach mächtigen Aufregungen sich sehnenden Natur und zugleich ein charakteristischer Zug seiner Skepsis. Charakteristisch ist einer seiner Aussprüche, daß ihm an keiner Erscheinungsform menschlicher Gedanken etwas liege, weil er an der Quelle der Gedanken selbst stehe. Aus allem geht hervor, daß er an gar keine Staatsform glaubte.

 

Die Pariser Junischlacht hatte die soziale Frage in den Vordergrund gerückt: das Schreckbild des Kommunismus hatte dadurch bestimmtere Züge bekommen. Es war Pflicht für jeden Gebildeten geworden, sich über die einschlägigen Fragen näher zu unterrichten.

Ich hatte mich auf Proudhons Werke geworfen und las sie mit außerordentlichem Interesse. Proudhon verdankt Hegel seine dialektische Form, Feuerbach seine metaphysischen Ideen, nur in seiner Kritik des Eigentums ist er original. Aber ebenso original ist die Darstellung. Dem Reiz derselben entzieht sich kein Leser. Zum Geiste der Analyse tritt ein Selbstbewußtsein, ein Taumel des Hochmuts, ein Rausch, der die Resultate seines Denkens in der bilderreichsten Sprache verkündet.

Nun war Proudhon unlängst mit seinem Projekt der Volksbank aufgetreten. Eine ganz utopische Institution natürlich, aber wie wußte Proudhon sie anzukündigen! »Ich beginne«, schrieb er mit einem lyrischen Feuer ohnegleichen, »eine Unternehmung, die nie ihresgleichen hatte und der nie eine andere gleichkommen wird. Ich will die Grundlage der Gesellschaft verändern, die Achse der Zivilisation versetzen, will machen, daß die Welt, die bisher unter der Einwirkung des göttlichen Willens sich von Westen nach Osten bewegt hat, durch den Willen der Menschen bewegt, sich von nun an von Osten nach Westen drehe. Es handelt sich um nichts anderes, als die Beziehungen der Arbeit und des Kapitals umzustürzen, auf die Art, daß die erstere, welche stets gehorcht hat, befehle, und daß das letztere, das stets befohlen hat, gehorche ... Möge der Haß der Privilegierten gegen mich wüten, die Akademie mich beschimpfen, die Regierung mich strafen, der Priester verfluchen: ich bin gewiß, recht zu haben gegen alle; mein Keim, in das Volksbewußtsein gelegt, wird aufblühen! Ich habe als Bürgschaft dafür das Elend der Arbeiter und der Unternehmer, der Proletarier und der Eigentümer, das Elend der Bürger und des Staates, das Elend der Geister und der Herzen!«

Merkwürdige Worte. Der Mann verstand es wirklich, mit Flammen zu schreiben.

Nun hatte sich Proudhon der ihm drohenden Verfolgung durch Flucht entzogen, aber sein Blatt erschien noch unter Alexander Herzens Leitung als »Voix du Peuple«. Ich las es leidenschaftlich gerne.

Mein Leben hatte sich indes freundlicher gestaltet. Mein Naturell wies mich aus der Gesellschaft der Flüchtlinge fort und in andere Kreise. Ich war mit Emile Augier, dem französischen Dramatiker, bekannt geworden und verkehrte ziemlich viel mit ihm. Ich kam auch öfter zu Madame Kalergi, der wunderbaren Blondine, die Heine später in seinem Gedicht »der weiße Elefant« so seltsam gefeiert hat.

Die Welt war noch in großer Unruhe. Die Honveds standen wieder vor Pest und hatten die Lager bezogen, die vordem die österreichische Armee innegehabt. Das republikanische Venedig rüstete zum hartnäckigsten Widerstand. Die Franzosen waren in Civita-vecchia gelandet und rückten gegen Rom. Die heilige Stadt verschanzte sich unter Mazzinis Diktatur mit Barrikaden und erwartete Garibaldi als ihren Retter.

Unter solchen Umständen und Zeichen wurde der erste Jahrestag der Verkündung der Republik durch die Nationalversammlung gefeiert, und zwar mit dem größten Gepränge. Ein prachtvoller Morgen hatte am vierten Mai eine zahllose Menge auf den Eintrachtsplatz gelockt, wo die Bürgergarde und die reitende Artillerie der Nationalgarde ihre Aufstellung genommen hatten. Die Ausschmückung des Platzes mit den zahllosen dreifarbigen Wimpeln an hohen Masten war von überraschendster Großartigkeit. An den Obelisken war ein Altar gelehnt, an welchem eine kurze kirchliche Feier gehalten worden war. Das Pariser Volk strömte daran vorüber, den elyseeischen Feldern zu, harmlos und spektakelfroh wie zu Louis Philippes Zeit.

Abends stiegen mächtige beleuchtete Ballons in die Luft, und das schönste Feuerwerk, das ich je gesehen, beleuchtete den ungeheuren Raum taghell. Ganze Zauberpaläste, aus Flammen gebaut, erschienen und verschwanden, dabei wirbelten die Trommeln und erscholl die Marseillaise. Es war für mich ein Fest, dem ich keins vergleichen konnte.

Am anderen Morgen trat ich meine Reise in die Heimat an.

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