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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 13
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typeessay
authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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Bilanz des Jahres 48

In der Nacht, die das erste Jahr der Revolution zu Grabe trug und das zweite hervorrief aus dem Schoße der Zeiten, in der Neujahrsnacht auf 1849 saß ich abermals in Köln, auf dem Wege nach Frankreich. Von nah und fern, von den vielen Kirchen und Türmen tönten die Glocken durch die Nacht, erschollen die Lieder verspäteter Zecher, von Freudenschüssen und Jauchzen unterbrochen, ich saß allein auf meinem Zimmer, warf Holz in den Ofen und bereitete mich vor, den Rest der Nacht zu durchwachen, bis zur Stunde, da mich der erste Frühtrain nach Brüssel führen sollte.

Es tut wohl, einen Ort zu verlassen, wo man mit einer Periode seines Lebens zum Abschluß gekommen. Hat man irgendwo einen Lebensabschnitt durchgemacht mit Hoffnungen, Plänen und Gedanken, und sind die Gedankenreihen abgespielt, die Pläne abgebrochen, die Hoffnungen vertagt oder gescheitert, da tut man auch wohl daran, sein Zelt abzubrechen von der Stelle, wo dies alles geschehen, und wie der Nomade des Orients die neue Weide aufzusuchen. Nur ein Schwacher gefällt sich darin, auf dem Kirchhofe seiner Täuschungen zu wohnen und melancholisch herumzugehen im Herbstlaub, das er einst grün gesehen.

Kaum zwei Tage war ich auf der Reise, und schon lag Frankfurt, wo ich acht Monate lang gelebt, hinter mir wie ein unkenntlicher Traum. Fern und fremd wie die Herrlichkeit Karls des Großen oder die Tafelrunde des Königs Artus. Die schönen Attitüden des Herrn von Gagern, die Glocke Gabriel Riessers, der Rechtsboden des Herrn von Vincke, die »historische« Physiognomie des Ritters Anton von Schmerling, die Wunder der Geschäftsordnung, das Einbringen und Zurückziehen der Anträge, all das Abstimmen mit weißen Zetteln und blauen Zetteln, das ganze Tun und Lassen jener großen Knaben lag hinter mir, fremd, sinnlos und gleichgültig. Dem furchtbaren Ernste der Zeit gegenüber die Bemühung der Professoren, uns ein deutsches Kaisertum auf theoretischem Wege zu schaffen! Ein Kyffhäuserkaisertum mit neuer Zivilliste als Erledigung auf die große Frage der Zeit, die schließlich keine andere ist als die Frage nach dem irdischen Glück! Nein, es tat wohl, aus den sinnbetörenden Kreisen herauszukommen, wo man sich in solchem Spuk gefiel.

Mögen sie weiter wirtschaften, dachte ich, diese Doktoren und Professoren, bis die Fürsten oder das Volk sie mit einem Fußtritt verabschieden von der Tribüne, die sie zu einem langweiligen Katheder gemacht. Was sie auch tun, es kommt doch dabei nichts heraus; laßt sie schwatzen wie jene griechischen Sophisten, die nicht von ihren Bänken weichen wollten, als die neuen Völker, die Barbaren schon draußen standen, ganz nahe vor den Mauern und Toren. Laßt sie weiterschwatzen, die sich feig nach oben, feig nach unten erwiesen und nun zwischen der Bekämpfung der »Anarchie von oben« und der »Anarchie von unten« sitzenbleiben, von den Fürsten verhöhnt, von den Völkern mißachtet. Laßt sie weiterschwatzen, sie sind der Ausdruck der alten, tatlosen vormärzlichen Zeit in der ganzen Ohnmacht ihres Wesens, sie sind der Ausdruck der alten Welt in ihrer letzten Abnutzung. Das neue Jahr wird uns bringen, was das alte uns versagt hat, ich höre sein wildes Atmen schon im Schnauben des Windes, das über den Rhein daherkommt, ich sehe den weißen Schimmer seines Gewandes schon in jenem seltsamen Schimmer, der sich ausdehnt über die ruhende Stadt und die unermeßliche Gegend. Sei gegrüßt, neues Jahr.

So dachte ich, so sprach ich zu mir selbst in Köln, am Fenster in der einsamen Stube. Ich hatte den Sylvesterabend mit Karl Marx und Freiligrath bei einem gastlichen Engländer, Mister Keene von der »Daily News«, zugebracht, und die Aufregung der Gespräche zitterte noch in mir nach. Wir hatten mit dem Glase in der Hand der Wiener gedacht und der Ungarn.

Freiligrath war, als ich ihn besuchte, eben vom Schreibtisch aufgestanden, an dem er sein »Sylvesterlied an Ungarn« gedichtet. Auch auf manche kühne Zukunftslosung hatten wir angeklungen, und so war ich unentmutigt darüber, daß das Jahr 1848 mit der Unterdrückung der Revolution ringsum und an allen Orten schloß. Wir hielten diese Unterdrückung vorerst noch für eine scheinbare. Und doch, die Macht der Tatsachen ist groß, man lehnt sich vergeblich gegen dieselben auf. Mir war, als erscheine die Wahrheit nur auf der Erde, um nicht durchzudringen, das Recht nur, um zu unterliegen. Es war mir, als erschiene das Feuer der Leidenschaft und der Begeisterung nur darum, um zu beleuchten, wie starr und unbeweglich die Massen sind, es war mir, als würden die Revolutionen nur gemacht, um die ans Ruder zu bringen, die sich verkrochen hatten, indes die andern ihr Leben wagten.

Ein drittes Mal war Deutschland mit seinen Fürsten in Verhandlung getreten, ein drittel Mal war es getäuscht worden. Im Jahre dreizehn hatten die Fürsten für die Befreiung vom Drucke Napoleons freie Verfassungen versprochen. Das Volk traute den Zusagen, erhob sich und machte der Fremdherrschaft ein Ende. Aber kaum war der Sieg errungen, da waren die Versprechungen vergessen, und die Männer, die am lautesten und besten gesprochen, wanderten in den Kerker.

1830 war es nicht anders gewesen. Noch einmal erschraken die Fürsten, und einige wurden gezwungen; ihren Völkern Verfassungen zu geben: es waren Scheinverfassungen. Zur Gründung einer kräftigen und fortschrittlichen Zentralgewalt kam es nicht. Es war ein Schritt vorwärts geschehen, aber stand er im Verhältnis zu den berechtigten Forderungen einer so großen Nation?

Nun knüpfte sich 1848 daran. Was war es gewesen, dieses Jahr? Ein ungeheures Ringen, mit Blut, Aschenhaufen, Verarmung, drei Schritte vorwärts getan, um zwei zurück zu tun, nur damit die schönrednerische Opposition der alten Ständekammern ans Ruder käme. Die staatliche Einigung Deutschlands war nicht gelungen, Deutschösterreich von Slawen bedroht und in Gefahr, für Deutschland ganz verlorenzugehen. Vom Parlamente in Frankfurt, das eine rein deklamatorische Anstalt geworden, war nichts mehr zu erwarten. Der Septemberaufstand hatte ihm den letzten Atem ausgeblasen. Zwei »Errungenschaften«, wie man damals sagte, hielten sich noch: die Freiheit der Presse und das Versammlungsrecht. Aber wie lange würden sie noch bestehen? Offenbar nur so lange, als das Volk den Thronen gegenüber eine drohende Haltung einnahm.

Was also sollte, konnte noch werden? Noch war Ungarn nicht völlig besiegt, in Italien bereiteten sich, unsern Nachrichten zufolge, große Veränderungen vor. Vielleicht war das Einschlummern der Welt doch nicht zu erwarten, vielleicht das Gegenteil! Aber der Begriff der Revolution mußte tiefer gefaßt werden, es mußten neue und gewaltigere Kräfte herangezogen werden. »Vorwärts« und »durch!« mußte Losung sein. Kam noch einmal die Welt ins Glühen, so konnte vielleicht Deutschland aus der zerbrochenen Form hervorgehen, ein Ganzes an Macht und Größe.

1848 hatte keinem der Sechsunddreißig die Souveränität genommen. Nun war 1849 da. Vielleicht würde nach dem Jahre der Putsche das Jahr der deutschen Revolution kommen.

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