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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 12
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authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
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Journalist in der Stadt der Paulskirche

Meine Reise führte mich zuvörderst in das romantische Waldgebirge des nordöstlichen Deutsch-Böhmens, nach Niedergrund und Schönlinde, wo ich eine Zeitlang bei Freunden verweilte. Ein leichtes Wägelchen brachte mich nach Löbau, von da ging es auf der Eisenbahn weiter.

In Leipzig besuchte ich Arnold Ruge. Der blonde Sohn der Insel Rügen, gleich energisch im Denken wie im Wollen, hatte kürzlich eine täglich erscheinende Zeitung, die »Reform«, gegründet, ich gehörte zu deren Mitarbeitern, das brachte uns rasch zusammen. Ruge stand eben auf dem Punkte, nach Frankfurt abzugehen; Frankfurt war auch mein Ziel, so wurde denn für den anderen Tag gemeinsame Fahrt verabredet.

Ich war glücklich, die Reise in solcher Gesellschaft machen zu dürfen.

Eben schritten wir miteinander durch das Gewühl von Menschen, das ein schöner Pfingstmontagsmorgen den Bahnhöfen zuführt, auch Jakob Kaufmann, den ich zuletzt in Brüssel gesehen, hatte sich uns angeschlossen, als ein alter Bekannter auf mich zutrat. Es war Dr. Schütte, der Wiener Sturmvogel, den ich seit Dezember vorigen Jahres nicht mehr gesehen hatte. Er hatte eben sein Billet an der Kasse gelöst und stand wieder vor mir, elegant gekleidet, mit dem buschigen Haar, dem wohlgepflegten Schnurrbärtchen, auf dem schwarzen zottigen Filzhut ein rotes Bändchen. »Wohin des Wegs?« – »Nach Frankfurt.« – »Schön; das ist auch mein Ziel. Doch machen wir, meine ich, in Eisenach Halt. Die Studenten wollen ein großartiges Pfingstfest auf der Wartburg feiern.« – »Ich bin gern dabei.« Und da sitzen wir nun im Coupé, Schütte erzählt seine Wiener Erlebnisse, während Stadt um Stadt an uns vorüberfliegt; Ruge horcht zu mit nachdenklicher Miene.

Ich wußte wohl, daß der Sturmvogel, seit er Prag verlassen, ein gar bewegtes Leben geführt habe. Jede Woche beinahe brachte uns von ihm weitere Kunde. Er war in Wien Volksredner und Agitator geworden; wozu er wahrlich trefflich befähigt. Seine öffentlichen Reden im Odeon, im Universitätsgebäude, im Klub der »Volksfreunde« übten den merkwürdigsten Zauber auf die Menge. Keiner der Wiener Literaten, Professoren, keiner der Wortführer im literar-politischen Leseverein vermochte es ihm in oratorischer Kunst gleichzutun. Ein herrliches Organ, schöne Gestalt, imponierende Ruhe begünstigten ihn wie kaum einen. Er konnte donnern wie der olympische Jupiter und das alles so glatt in wohlstilisierten Sätzen, wenngleich in einem für österreichische Ohren sehr fremdartig klingenden Dialekte, der kein Sch kannte, nur ein säuselndes Sk.

Doch das dauerte nicht lange. Es mochte um den 20. April herum sein, als durch Prag die Kunde lief, Schütte sei, von Polizeikommissären eskortiert, durchgekommen, ohne daß es ihm gestattet worden sei, sich aufzuhalten oder nur mit einem seiner Freunde zu sprechen. Und so war's auch. Er war tags zuvor in seinem Gasthof überfallen, nach dem Kriminalhof geführt und in einen Wagen gesetzt worden, um sodann eiligst über die Grenze geschafft zu werden.

Darüber entstand große Aufregung, besonders in Studentenkreisen. Zeitungen mit schwarzen Rändern brachten vorn an der Spitze: »Dr. Schütte gewaltsam aus Wien geschafft.« Es war in der Tat ein Stückchen, das an Sedlnitzkys Zeiten erinnerte. Man schickte eine Deputation zum volkstümlichen Minister Pillersdorf. Die Antwort, die dieser ihr erteilte, war des ältesten Staatsmannes würdig. »Niemand«, sagte er, »beklagt aufrichtiger als ich den Abgang dieses talentvollen jungen Gelehrten. Wir handelten nur in seinem Interesse. Er war nur durch die schleunigste Entfernung vor gewaltsamen Angriffen der entrüsteten Bürger zu schützen.«

Von allen diesen kleinen Ereignissen wurde im Coupé geplaudert; indessen legten wir rasch den Weg zurück. Endlich kommen wir ins Thüringer Waldgebiet, nähern uns dem speziell deutschen Zauberkreise.

Die Sonne war im Sinken, als wir in Eisenach ankamen. Hier das bunteste Gewühl auf dem Platze, denn an zwölfhundert Studenten sind in das kleine Städtchen eingezogen. Die Mützen und Bänder der Landsmannschaften, die Kittel der Turner geben ein buntes Bild. Hier sind Jenenser in Hemdärmeln mit roten Mützen, dort Freischärler, aus Schleswig-Holstein heimgekehrt; Ruge verteilt unter sie Probeblätter seiner »Reform«. Wiener Studenten – im ganzen sechsundzwanzig – sind in Wallensteinhüten und mit Schleppsäbeln zu sehen. Welche romantischen Burschen! Sie haben ohne kleinliche Frachtgeldbedenken ihre Fahne mitgebracht und werden überall mit Hurra empfangen. Denn sie sind ja schon im Feuer gestanden, was allen übrigen, die Schleswig-Holsteiner ausgenommen, noch nicht zuteil geworden ist. Auch altes Burschenkostüm ist zu sehen. Schöne Gestalten, junge Gesichter: alles steht in Gruppen zusammen.

Lieder erklingen, vor allem das Gaudeamus. Der Vers: ubi sunt, qui ante nos? hat eine eigene Wirkung aufs Gemüt am Fuße der Wartburg, aus deren Fenstern verschollene Generationen herabsehen.

An dem Fenster eines Hauses zunächst dem »Rautenkranze« erscheint oft eine blasse Frau mit zwei Knaben und blickt ernst hinab auf die Gruppen, die sich auf dem Markt bilden. Es ist – die durch die Februarrevolution vertriebene Schwiegertochter Louis Philippes, die Herzogin von Orleans mit ihren beiden Söhnen, dem Grafen von Paris und dem Herzog von Chartres.

Schlecht beraten, unangemeldet irren Schütte und ich lange in der überfüllten Stadt von Haus zu Haus und suchen vergeblich Unterkunft. Es ist spät, wir sind müde. Endlich kommen wir in einer ebenerdigen Stube der Schneiderherberge unter.

Noch sehe ich das niedrige Zimmer mit dem roten Ziegelboden vor mir, in welchem ein grün angestrichenes Tischlein, zwei Stühle und zwei Betten mit bunten Überzügen das einzige Mobiliar sind. Wir legen uns nieder, ach, wie hart ist der Strohsack, wie kurz sind die Betten! Einmal ums andere stoßen wir den Kopf gegen die Bettpfosten, sooft wir auch versuchen, das dünne Kissen, so gut es geht, unterzuschieben. Da liegen wir nun und schwatzen, da es noch dazu eine ungewöhnlich helle Mondnacht war, Stunde um Stunde.

»Ich muß leider gestehen, daß ich unsere Sache schon für so gut wie verloren halte«, sagte Schütte. »Wenn die Kleinstaaterei, die uns zum Spotte der Welt macht, ausgetilgt, wenn aus Deutschland ein Reich werden sollte, wenn, was deutsch ist an österreichischen Besitzungen, dem übrigen Deutschland zugeführt werden sollte, hätte es im März geschehen müssen. Ja, im März! Da war alles begeistert, man kannte nur ein Ziel, hatte nur einen Wunsch, einen Glauben: das ganze Deutschland soll es sein! Es bedurfte nur einiger Männer von gehöriger Energie, und alle Fürsten wären auf der Flucht gewesen. Die Flamme hätte sich nach allen Seiten verbreitet. Unsere Vorbereitungen waren mangelhaft, unsere Leute unter ihrer Aufgabe. Die Überrumpelung der Gewalthaber war keine genugsam plötzliche, und nun sammeln sie bereits wieder ihre Kräfte. Die Begeisterung ist ein vergängliches Moment: es ist denkbar, daß sie wieder aufflammt, doch – ich weiß es nicht. Ich meinesteils rede noch wie sonst, agitiere, schüre das Feuer nach Kräften, habe die Hand Tag und Nacht am Blasebalg – aber – die Massen sind schon nicht mehr recht im Fluß – wie soll der Guß aus der Form gehen?«

»Und Sie erwarten nichts von Frankfurt?«

»Gar nichts. Schon vorüber. Das Parlament verzettelt die Zeit. Hält Pfingstferien, du lieber Gott! während jeder Tag zu nutzen wäre. Es sollte eine starke revolutionäre Zentralmacht schaffen, ein Parlamentsheer aufstellen, für tüchtige Geldmittel sorgen – und es debattiert über Grundrechte, während es vielleicht nicht tausend Gulden im Säckel hat. Es ist eigentlich eine Akademie der staatsrechtlichen und politischen Wissenschaften – aber eine höchst verderbliche, da sie die Hoffnungen eines großen Teils der Nation absorbiert und auf eine falsche Fährte führt.

Nun beabsichtigt es die Wahl eines Oberhauptes. Wen aber wird es wählen? Einen Fürsten. Der wird aber doch nur die Interessen seiner Standesgenossen vertreten und dafür sorgen, daß alles beim alten bleibe. Deutschland aber bedarf eines bewaffneten Reformators, der kein Bedenken und keine Rücksicht kennt, wo es die Wiederaufrichtung des Vaterlandes gilt. Wo ist er? Aller Herzen rufen nach ihm, wir bereiten ihm die Wege. Aber wo ist er?«

Am Morgen des nächsten Tages begaben wir uns in den mit Fahnen, Schlägern und studentischen Abzeichen reich dekorierten Saal der »Erholung«. Phrasenhafte und unfruchtbare Adressen wurden verlesen, nun kamen Debatten über Korpsfragen und den Begriff der akademischen Freiheit.

Ach, welche Verwirrung reißt jedesmal ein, wo das Wort Freiheit genannt wird! Ein Moment – und die beiden großen Parteien der damaligen Studentenwelt platzten gegeneinander los. Die »Reformisten« wollten den Unterschied zwischen Studenten und den übrigen Staatsbürgern ausgeglichen wissen, die Landsmannschaften wollten ihn verstärken. Hier Abschaffung der Studentenprivilegien, dort Erneuerung und Verstärkung derselben. Die Delegierten der Reformpartei wollten die akademische Gerichtsbarkeit abgeschafft haben und verlangten absolute Lehr- und Lernfreiheit, die Delegierten der Korps dagegen verlangten die Rückkehr zur alten Zeit, da ein Seniorenkonvent höchste Instanz war und den »Verruf« gegen Philister und gegen Studenten zu schleudern Macht hatte. Es gab ein Chaos von Meinungen, und diesem zu entfliehen, zumal der Tag wunderschön war und grüner Wald durch die Fenster hereinblickte, war es für Nichtstudenten das beste, sich still davonzumachen. Schütte und ich stehlen uns fort und wandern zuerst auf die Wartburg, uns die Lutherstube anzusehen, die dem Reformator während seiner freiwilligen Gefangenschaft angehört, sodann auf den Wate-, eigentlich Wuotansberg, um die Stelle zu grüßen, wo das Wartburgfest von 1817 stattgefunden.

Ich weiß noch, wie auf dem Wege dahin mich der Anblick eines Ackermannes am Pfluge sonderbar berührte. Ein Mensch, der, völlig unbekümmert um das Treiben der Zeit, ruhig seine Feldarbeit bestellte, ohne auch nur den Kopf nach uns zu wenden, war mir eine merkwürdige Erscheinung. Es war mir nämlich damals, als ob alle und jede Arbeit liegenbleiben müsse, bis die große politische Arbeit verrichtet sei.

Als wir heimkehrten, vernahmen wir, daß die Verhandlungen im Saale der Erholung völlig ohne Resultat geblieben seien. Man hatte Resolutionen fassen und diese der Frankfurter Versammlung vorlegen wollen. Nichts dergleichen war zustande gekommen.

Das war demütigend, indes ging nachmittags ein Zug von mindestens tausend Studenten lustig zur Wartburg hinauf, wo ein großer Kommers abgehalten werden sollte. Bunte Trachten, zahlreiche Fahnen; die ganze Prozession zum mons sacer deutscher Nation hatte etwas unendlich Ergreifendes. Verschiedene Musikchöre spielten. Wenn sie schwiegen, ertönten Lieder: eine feste Burg, das Gaudeamus. Im Schloßhof angekommen, lagerte sich alles auf der niedrigen Mauerumfriedung. Andere hatten die Bänke des für nicht allzu viele reichenden Wirtschaftsraums erobert. Fässer kühlen Biers wurden entspundet, es wurde mit vollen Gläsern angeklungen. Dabei sprachen Arnold Ruge und Julius Fröbel. Auch Schütte trat auf und sprach fließend, vortrefflich, wiewohl nicht zu seinem eigentlichen Publikum. Er hatte, der Besitzer des wunderbarsten Gedächtnisses, mein in Prag geschriebenes »Märzlied«, Gott weiß durch welchen mnemotechnischen Prozeß, behalten. Kaum sah er mit seinen Falkenauge, daß ich mich seiner improvisierten Rednerbühne näherte, als er, mich seltsam anlächelnd, seine oratorischen Brücken schlug, um seine Rede mit meinen Strophen zu beschließen. Nie habe ich Verse von mir besser vortragen hören.

Tolle Possen hatten den Abend beschlossen. In einer Rüstung von Pappendeckel und Goldpapier, eine groteske Krone auf dem Kopfe war der »deutsche Kaiser« aufgetreten inmitten seiner wunderlich ausstaffierten sieben Kurfürsten und hatte eine Ansprache an den deutschen Reichstag in Knüttelversen gehalten. Da aber brachen Republikaner ein und verjagten Kaiser und Fürsten. Ein wirres Durcheinander folgte. Als die Sterne am sommerlichen Himmel hervortraten, ging der Zug in die Stadt zurück. Nun wurde an fünfzig Orten flott getafelt. Aus den Fenstern des Hauses, das die Herzogin von Orleans bewohnte, glänzte das Licht angezündeter Kronleuchter. Man meinte, daß die da oben noch zu übermütig seien und ließ unter den hellen Fenstern die Republik leben.

Spät kam ich in meine Herberge zurück.

Am 16. Juni traf ich in Frankfurt ein.

Das schönste Sommerwetter stand über der Ebene zwischen Taunus und Rhein; die sonst nichts weniger als geräuschvolle Mainstadt hatte ein lebendiges Aussehen gewonnen, das ihre, wenigstens damals, vorstechend orientalische Physiognomie weniger stark als sonst hervortreten ließ.

Eine städtische Feierlichkeit hatte die Bürgergarde zusammenberufen, sie stellte sich in langen Kolonnen auf dem Roßmarkt auf und wurde von den regierenden Bürgermeistern und dem Generalstabe inspiziert. Nun defilierte sie an ihnen in langsamem Paradeschritt vorüber. Peinliche Pflichterfüllung lag auf den Gesichtern der grotesk uniformierten Mannschaft ausgedrückt, und in den Scharen der versammelten Zuschauer fehlte es nicht an Witzen und Spöttereien.

Ich kam am Alleeplatz vorbei. Dort hatte vor zwei Jahren Goethe sein Standbild erhalten. Man behauptete, Frankfurts großer Sohn habe früher dem Schauspielhause zugewendet gestanden; aus Abscheu vor der Komödie, die sie dort spielten, habe er sich umgewendet. In der Tat zeigt das Standbild dem nahen (alten) Theater den Rücken.

In dieser »freien Stadt« waren jedenfalls die beim Bundestage akkreditierten Gesandten, Attachés und Sekretäre die freiesten Leute gewesen und hatten mehr Rechte genossen als die Bürger selbst. Rasch war alles zur Seite gesprungen, wenn der Wagen einer dieser Herren über das Pflaster rasselte. Nun war der Bundestag schwer bedroht, die Gesandtenequipagen rollten nicht mehr zum Thurn und Taxisschen Palais in der Eschenheimer Straße. Dafür war die Stadt weit lebendiger geworden.

Auf den Trottoirs drängten sich Spaziergänger und blieben mit Vorliebe vor den Schaufenstern der Buchhandlungen stehen. Alle Schaufenster derselben waren voll politischer Broschüren, Pamphlete, poetischer Ergüsse, Porträts von Abgeordneten. Da standen denn die Gruppen, studierten die verschiedenen Gesichter und machten ihre Kommentare zu den Persönlichkeiten. Zahllose Karikaturbilder, hier von konservativem, dort von radikalem Gesichtspunkte gezeichnet, gaben Anlaß zur Erheiterung oder Ärger.

Der Demokratenkongreß, der eben in Frankfurt tagte, hatte mehrere Tausend neuer Gäste von nah und fern herbeigeführt, die ihre Parteigesinnung schon von weitem sichtbar durch Tracht und Abzeichen kundgaben. Der Vollbart, der schattende Schlapphut, das rote Bändchen im Knopfloch kennzeichneten die Delegierten der Arbeiter- und Turnvereine. Alles strömte dem »Deutschen Hause« zu, in dessen ebenerdigem Saale die Verhandlungen stattfanden. Julius Fröbel und Bayrhofer, Friedrich Kapp und Ludwig Bamberger bildeten das Bureau. Ich ließ die Blicke über die Versammlung schweifen, während mir ein Freund die berühmten Persönlichkeiten nannte. Da saß Ferdinand Freiligrath als Abgeordneter des Düsseldorfer Volksklubs, Otto Lüning als Delegierter des Volksvereins aus Bielefeld, dort Gottfried Kinkel, Zitz aus Mainz, Ludwig Feuerbach aus Bruckberg. Nach einer brillanten Rede Hermann Krieges aus Newyork hatte man eine Pause eintreten lassen. Ich saß im Hofe unter Hunderten bei einem Glase Bier, als plötzlich von vielen Seiten zugleich ein lautes Hallo erscholl. Ein Zufall hatte – ich begreife heute noch nicht wie – eine Persönlichkeit herbeigeführt, die in direktem Gegensatze zu den Anwesenden stand. »Vivat der Erfinder des deutschen Kaisers!« rief eine dröhnende Stimme und hundert Stimmen fielen höhnend ein.

Eine hochgewachsene, aber vorwärts geneigte Gestalt mit einem echten Professorenkopf, auf dem ein herber Ernst ausgeprägt war, schritt, durch diese Rufe aufgescheucht und geängstigt, rasch quer über den Hof dem Torweg zu.

Es war Dahlmann. Einen Kaiser wünschten sich damals nur Gelehrte und solche, die auf dynastische Zwecke lossteuerten. Der Romantiker auf dem Thron der Hohenzollern hatte die monarchische Idee nicht populär gemacht, allerdings dies auch nicht beabsichtigt.

Die Paulskirche hatte einige Tage hindurch Ferien gehalten, nun begann sie wieder ihre Tätigkeit. Ach, die Paulskirche! Mit welcher Verehrung hatten wir in der ersten Zeit aus der Ferne nach ihr ausgeblickt. Unser ganzes Herz war an sie verpfändet. Sie war das Haus des deutschen Volkes, das Haus, aus dessen Schoß die deutsche Einheit hervorgehen sollte. Es schien großartig, den lieben Gott auf eine Zeitlang zu delogieren und an die Stelle des Predigtstuhls die Rednerbühne zu stellen. Es würde, meinten wir, in diesem Hause zum Bruche mit einer schnöden Vergangenheit kommen, eine neue Ära darin proklamiert werden, eine neue Gestaltung Europas daraus hervorgehen. Nun, dieser Glaube war dahin. Es zeigte sich bereits, daß die Versammlung nicht gesonnen sei, der theoretisch proklamierten Souveränität eine reale Unterlage zu geben.

Es handelte sich nun, spät genug, um die Schaffung einer Exekutivgewalt, denn ohne Arm und Hand, das sah sie ein, war die Versammlung nichts.

Die Linke verlangte einen aus dem Parlamente gewählten, ihr verantwortlichen Vollziehungsausschuß, sie erklärte die Nationalversammlung für souverän. Dies leugnete die Rechte. Ihr war das Parlament nur ein debattierender Körper, der Vorlagen für die Regierungen auszuarbeiten habe, die diese dann nach Belieben annehmen oder ablehnen könnten. Das hieß: die Regierungen sind souverän – und es war auf diesem Standpunkt eigentlich nicht einzusehen, warum der alte Bundestag nicht weiter wirtschaften sollte?

Seltsam unklarer Ansicht waren die Zentren. Das rechte Zentrum war vorläufig von der Kaiserfrage abgegangen. Als am 18. Juni ein Herr Braun aus Köslin die Übertragung der provisorischen Zentralgewalt an Preußen beantragte, erscholl von allen Seiten ein so mächtiges Gelächter, daß schließlich der Antragsteller selbst mitlachen mußte. Das rechte Zentrum schlug jetzt ein Provisorium von dreien vor. Die Regierungen sollten diese drei vorschlagen, die Nationalversammlung sie annehmen, das nannte das rechte Zentrum: gemeinschaftlich schaffen. Das linke Zentrum dagegen stellte die beinahe mystisch zu nennende These auf: in der Versammlung seien Nationen und Regierungen zugleich gegenwärtig. Die Versammlung sei souverän, sie dürfe die Zentralgewalt aus ihrer eigenen Machtfülle schaffen, die Regierungen würden sie annehmen.

Aus dieser Ansicht ist Heinrich v. Gagerns »kühner Griff« hervorgegangen.

Eine Zeit, die wie die unsrige gewohnt ist, alles nach dem Erfolg zu messen, ist geneigt, das Parlament von 1848 geringschätzig abzufertigen, weil es absolut nichts geschaffen, höchstens einen Samen ausgestreut hat, der lange genug vergraben ruhen mußte, um dann wenigstens teilweise wieder aufzugehen. Dennoch ist die Frankfurter Versammlung eine in ihrer Art einzige Erscheinung gewesen. So stürmisch auch seitdem unsere Geschichte war, so wundersame Erscheinungen auftauchten und die Aufmerksamkeit herausgefordert haben – die Frankfurter Versammlung ist denkwürdig geblieben und wird ihren Platz in der Geschichte behalten. Zum ersten Mal, seitdem überhaupt ein Deutschland existiert, saßen hier Vertreter aller Stämme beisammen und hatten die Mission übernommen, aus denselben ein Ganzes zu machen, ein Deutschland zu schaffen. Alle Stände waren in dieser Versammlung vertreten, der Adlige saß neben dem Bürgerlichen, der arme Schlucker neben dem Millionär; Junker, Soldaten, Diplomaten, Literaten und Advokaten bunt durcheinandergewürfelt. Alles, was Deutschland an populären Namen hatte, war da. Die Literatur – das Wort im weitesten Sinne genommen – war die Trägerin der Einheitsidee gewesen, sie hatte das Vielgestaltige als Eines, als eine Nation gefaßt, die Literatur und Wissenschaft hatten die zahlreichsten Vertreter in die Versammlung geschickt, und diese sollten nun für die ideelle Einheit die staatliche Form finden. Sie wählten die unrechten Mittel, sie arbeiteten mit einer unsicheren und ungeschickten Hand, sie täuschten sich über die Reife, die Hingebung und Energie der Massen und sahen zu spät, daß sie es mit einem in sich unklaren, nicht gehörig vorbereiteten, an einer verrotteten Vergangenheit klebenden Volke zu tun hatten, das erst langsam seine Schule durchzumachen hatte.

Übrigens läßt sich nur von der kleineren Hälfte der Versammlung Gutes sagen. Wohl umschloß die Paulskirche ausgezeichnete und charaktervolle Persönlichkeiten, das Beste, was das damalige Deutschland an Männern besaß, aber es waren auch genug Leute da, das Werk der Guten zu hindern und alle auf dessen Durchführung zielenden Anstrengungen zu vereiteln. Wollte die Linke das Parlament zu einer wirklichen Macht gestalten, so fanden sich wieder Stimmen genug, um alle auf diesen Zweck hinauslaufenden Anträge zu beseitigen. War somit die Paulskirche einerseits wirklich ein Parlament, so war sie andererseits eine Akademie, in welcher mehr als vierzig vermeintlich Unsterbliche sich wollten reden hören, und auch ein Museum, in dem an greulichen Karikaturen und vertrockneten Mumien kein Mangel war.

Aber auch die Linke hatte sich eines allzu großen Werkes, eigentlich eines undurchführbaren unterfangen. Preußen und Österreich waren der Neugestaltung prinzipiell zuwider, die Linke vermaß sich des Gedankens, die Großstaaten zu zerschlagen, in kleinere aufzulösen und das Ganze durch eine Föderation zu verbinden. Sie kam dadurch mit den Staatsangehörigen selbst, welche Großstaat bleiben wollten, in Widerspruch. Vieles, was die Linke in betreff der großen politischen Gestaltung wollte, hat die Zeit realisiert. Es hat sich ein deutscher Nationalstaat gebildet, der auch Schleswig-Holstein umfaßt, Italien ist von der Fremdherrschaft frei. Anderes ist zur Hälfte durchgeführt. Dahin gehört der Dualismus in Österreich, die Personalunion mit Ungarn; jene feste und unmittelbare Hereinziehung Deutsch-Österreichs steht aus oder ist auch für die Folgezeit in Frage. Noch andere Gedanken der Linken, z.B. die Errichtung eines Polenreiches, um Rußland nicht unmittelbar auf dem Leib zu haben, ist von den Staatsmännern völlig aufgegeben worden – ob mit Recht, steht dahin. Im großen und ganzen, kann man sagen, bestand das Parlament aus zwei großen Fraktionen: aus der der Männer, welche ganz und wirklich in der Paulskirche waren, d.h. in ihr, innerhalb der Paulskirche, den Schwerpunkt politischer Tätigkeit sahen und fanden, und aus der Fraktion der Männer, die nur zum Schein darin waren, d.h. den Schwerpunkt der Tätigkeit draußen, in den Hofburgen und Kabinetten sahen und demgemäß den Plan verfolgten, bis diese Kabinette wieder zu Kräften gekommen, durch Verschleppung der Geschäfte und durch Niederschlagen aller vitalen Anträge die Hoffnungen, die das deutsche Volk auf das Parlament gesetzt, allmählich zu reduzieren und schließlich zu vereiteln. Die Politik dieser letzteren war die siegreiche.

Wenn es nun gestattet ist, von der Versammlung selbst ein Bild zu geben, wie es sich dem in dem unteren Zuhörerraum Eintretenden darbot, so will ich mich auf die äußersten Umrisse beschränken. Man konnte die mit einer Kuppel überwölbte von etwa zwanzig Säulen getragene Rotunde mit einem Blicke überschauen. Alle Gegenstände, die an die frühere Bestimmung der Kirche erinnern konnten, Kanzel, Altar, Bilder, waren verschwunden und durch Rednerbühne, Präsidentenstuhl und Drapierungen ersetzt. Der einzige bildliche Schmuck des Raumes war ein riesiges Freskobild der Germania mit der Aufschrift, die sich tief ins Gedächtnis jedes Beschauers grub:

»Des Vaterlandes Größe, des Vaterlandes Glück,
O schafft sie, o bringt sie dem Volke zurück!«

Oben lief eine Galerie, der nicht selten unter der Last fremder und einheimischer Gäste der Einsturz zu drohen schien.

Blickte man über den Saal, dessen Sitzraum nicht amphitheatralisch war, so hatte man alle Schattierungen der öffentlichen Meinungen verkörpert vor sich. Rechts hatten sich alle schwarzweißen und schwarzgelben Freunde des absoluten Systems, alle Partikularisten zusammengefunden, welche eine unvorbereitete, überrumpelte, mißleitete Wählerschaft ins Parlament geschickt. Treue Anhänger des Bestehenden oder vielmehr Bestandenen, Schranzen, die darum keine anderen geworden, weil sie ihre Uniformen zu Hause gelassen, Repräsentanten des Junkertums à la Lichnowsky, Diplomaten, Kirchenfürsten, ehemalige Liberale, die jetzt nach den Plätzen derer verlangten, die sie einst bekämpft, saßen hier kompakt beieinander. Jesuiten von der langen und kurzen Robe: von Ketteler, Philipps, Lassaulx mit dem bieraufgedunsenen, finnenbesetzten Gesicht, Reichensperger, von Diepenbrock, Buß richteten sich häuslich neben den protestantischen Jesuiten ein. Die imponierendste Erscheinung auf dieser Seite und eigentlich der General dieses aus den verschiedensten Elementen bestehenden Haufens war Herr von Radowitz; ein Gesicht von gelblicher, fast spanischer Färbung mit einer feinen, oft verächtlich gerümpften Nase, die meist zusammengekniffenen Lippen von einem kurzen Schnurrbart leicht beschattet, mit fremdartigen Augen, die den Beschauer zu verwirren verstanden, in Haltung und Erscheinung wie ein italienischer oder spanischer Kardinal. Bei ihm dominierte der Kopf – auch physisch. Niemand hat ihn je lachen gesehen; auch der Schalk und Hofnarr der Partei, der Thersites Detmold, hat ihm nie ein Lächeln entlocken können.

Und Detmold konnte doch so gute Witze machen! Wer hätte nicht über seine natürlich satirisch gemeinte, aber in sehr ernstem Tone vorgetragene Interpellation an das Reichsministerium von der leeren Tasche gelacht: »Angesichts des täglich steigenden Goldgewinnes in Kalifornien frage ich: welche Vorkehrungen das Reichsministerium getroffen hat, um der zu befürchtenden Entwertung des Goldes in der Reichskasse vorzubeugen?«

Zu den ehrwürdigen Trümmern ihrer selbst, die auch nicht im Saale fehlten, gehörte eine urgroteske Gestalt in altdeutschem Rock, über den ein großer Hemdekragen, wie ihn damals nur kleine Jungen zu tragen pflegten, schmutzig herabhing. Eine Turnerweste von grauem Zwillich hinter einem Barte von fabelhafter Länge, ein schwarzes Mützchen auf der zurückweichenden Stirne vervollständigte den Anzug. Das war der Vater Jahn, der besser getan hätte, zu Freiburg an der Unstrut zu verbleiben.

Über die Männer des rechten Zentrums (Kasinopartei), vorwiegend Professoren, die sich um Dahlmann scharten, lauter Männer, die in der Überzeugung lebten, eine »tiefere Einsicht in das Wesen des Staates« gepachtet zu haben, und mit dieser Einsicht so schöne Erfolge erzielen sollten – können wir rasch hinweggehen, wiewohl sich auch hier Männer von größerer wissenschaftlicher Bedeutung fanden: ein Droysen, ein Waitz, ein Mittermaier, ein Gervinus, ein Friedrich von Raumer, endlich auch Bassermann und der ehemalige Demokratenverfolger Mathy, von dem wir erst durch G. Freytags Buch erfahren sollten, daß er ein großer Charakter gewesen.

Hier saß auch Jakob Grimm, wiewohl seine Gesinnungen weiter links gingen.

Im linken Zentrum (Württemberger Hof) wurden dem Ankömmling vornehmlich zwei Männer, zwei hinreißende Redner gezeigt, der ehrliche, enthusiastische Raveaux aus Köln und der – gewandte Giskra. Auch Vater Arndt, ein Greis von quecksilberner Lebendigkeit, war hier zu sehen.

Die eigentliche Linke, stark aus Rheinpreußen, Sachsen, Schwaben, Thüringen, Deutsch-Österreich, sehr schwach aus dem deutschen Osten und Norden beschickt, zählte etwa hundertunddreißig Mitglieder. Hier saßen zwei edle, herrliche Dichter, dem Vaterlande teuer, die zu sehen jeder junge Mensch gerne meilenweit gegangen wäre: Ludwig Uhland und Anastasius Grün. Hier saß ein unvergleichlicher Meister deutschen Stils und feinster Satire, J. Ph. Fallmerayer. Hier der blondlockige Venedey, der zur Verzweiflung seiner Freunde in jeder Frage reden mußte. Hier saß als Führer seiner Partei ein Mann von unvergeßlichem Namen, breit, fest, wohlgenährt, in den Dreißigern, ein Kopf mit mächtigem Bart, leichthin an den des Sokrates erinnernd: Robert Blum. Seine Bedeutung wird keiner unterschätzen, der ihn gehört. Ein mächtiges Organ, das alle Affekte des Mannes auszudrücken wußte, und eine Organisation von unerschütterlicher Ruhe traten in ihm bei einem wunderbar klaren Verstande von fast intuitiver Schärfe in Dienst, um das Muster eines Volksredners zu bilden. Klar, allgemein verständlich, im besten Sinne populär, die Rede mit den einfachsten, aber anschaulichsten Bildern schmückend, wußte er so recht eigentlich zum Herzen zu sprechen, konnte niederdonnernd fortreißen; alles gruppierte sich ihm einfach und wie von selbst, und man sah es heraufziehen wie ein großes Gewitter mit unwiderstehlicher, elementarer Gewalt. Nie soll es seinen Feinden gelingen, bei uns, die ihn gehört und gekannt haben, sein Bild zu verkleinern. Von ihm gilt das Wort:

»Es war ein Mann, nehmt alles nur in allem:
Wir werden nimmer seinesgleichen sehn.«

Die äußersten Plätze der Linken nahm die Partei des Donnerbergs ein: Arnold Ruge, Karl Vogt, Zitz, Wesendonck, Heubner, Temme, Schlöffel, Friedrich Kapp, Schaffrath, Ludwig Simon, Titus von Bamberg, Adolf von Trützschler, J. N. Berger. Es waren Feuerköpfe und Männer des Prinzips; die Reinheit der Gesinnung, die Treue der Überzeugung hat später fast jeder von ihnen schmerzlich erprobt. Eigentlich eine tragische Schar: verfolgt, ihrer Ämter verlustig, abgeurteilt, in Festungen gesteckt, standrechtlich erschossen, dem Mangel preisgegeben, über Meer gezogen – so stuft sich das Schicksal jedes einzelnen ab. Das deutsche Volk wird ihre Namen nicht vergessen.

 

Ich hatte es für meine bescheidenen Bedürfnisse bald wohnlich genug eingerichtet. Der Besitzer eines größeren Quartiers in der Schützenstraße hatte sich auf die Parlamentszeit hin auf den Gebrauch weniger Zimmer beschränkt und die übrigen an Fremde abgegeben. So wohnte ich denn unter einem Dache mit J. Venedey, Moritz Hartmann, Joseph Rank, von Rochau; doch wie es dem bescheidenen Journalisten zieme, nicht auf demselben Flur, sondern in der Mansarde.

Das Parlament debattierte die Grundrechte. Es war ein Unglück, daß es sich so sehr in diese Debatte vertiefte, ein rascher Aufbau ließ sich nun gar nicht mehr erwarten. Selbst den Besten lag – leider – daran, sich sprechen zu hören.

Die Linke wollte dem Bassermann eins versetzen, der von der Rechten wollte eine Rede halten, daß selbst die auf den Bänken der Opposition sagen sollten: Ja, der kann sprechen! Und wie der gebildete Mensch gern die Katastrophe verschiebt, so verschob man das Handeln und lieferte einander Wortschlachten. Hamlet, der das Schwert hätte ziehen sollen, verlor sich in tiefsinnigen und geistreichen Erörterungen.

Wie verderblich war dieser Geist und doch – wie schwer für den Draußenstehenden, sich seinem Zauber zu entziehen! Wie interessant, über so viele Fragen die Gedanken der ausgezeichnetsten Männer, der größten Autoritäten im Für und Wider zu vernehmen! Es schien Erziehung im höchsten Sinne des Wortes. Kostbare, zum Schaffen nötige Zeit ging verloren, aber die Grundsätze neuer Staatsfassung prägten sich Tausenden von Köpfen ein. Man war, wenn man die Debatten des Parlaments gelesen hatte, in die politische Schule gegangen.

Auf die Tagesordnung kam der Paragraph der deutschen Grundrechte: »Alle Deutschen sind gleich vor dem Gesetze, Standesprivilegien finden nicht statt.« In dieser abstrakten Form hatte der Satz alle Aussicht auf Annahme, aber die Minoritätsanträge gingen weiter: die einen auf förmliche Abschaffung aller Adelsvorrechte, die anderen auf Abschaffung des Adels und der Ordenstitel. Abschaffung des Adels – welche gewaltige, der Zeit vorgreifende Frage! Der Adel ist ein Stand, dessen Mitglied man durch die Geburt geworden und dessen unleugbare Vorrechte, ganz abgesehen vom eigenen Verdienste, auf Kinder und Kindeskinder übergehen. Er soll eine edlere Menschenklasse vorstellen, die im berechtigten Besitze größeren Ansehens, größeren Besitzes, größerer Macht ist, und dem gegenüber steht die moderne Forderung, daß Talent und Verdienst vor dem Stande zur Geltung gelangen, daß der Staat seine Wohltaten allen Bürgern ohne Unterschied zukommen lasse und keinem Teile gestattet sei, sich die übrigen dienstbar zu machen. Was dem einen kleinen Teile als natürliche Grundlage der Gesellschaft erscheint, ist dem anderen ein Trümmerwerk der Vergangenheit, das wegzuräumen ist. In den Augen des einen kleineren Teiles begeht der Staat, der den Adel aufhebt, einen unverzeihlichen Eingriff in erworbene Rechte; in den Augen der anderen gibt er nur allen das, was bisher wenige hatten. Aber den Einfluß mächtiger Familienverbindungen brechen nur Katastrophen, nicht Aussprüche friedlich waltender Versammlungen. Was konnte man sich da für Erfolg versprechen?

Den Antrag auf Abschaffung der Orden und Titel hatte Jakob Grimm gestellt, er wird ihn vertreten. Wen hätte es da nicht in die Sitzung gedrängt? Aus dem Mittelpunkte seines speziellen, ihm eigentümlichen Gedankenkreises entwickelte der große Germanist seinen Standpunkt. Er sei der Überzeugung, daß der Adel als bevorrechteter Stand aufhören müsse. Man könne nicht verkennen, daß er in Deutschland seine historischen Verdienste gehabt. Er sei von den Minnesängern an, die zur Mehrzahl adeligem Stamme angehört, auch auf dem Felde der Literatur tätig gewesen, in den letzten Jahrhunderten aber habe sich das Verhältnis geändert. Fast alle großen Geister unserer Nation seien bürgerlichen Familien entsprossen. Nun entwickelte Grimm die grammatikalische Bedeutung des Wörtchens »von«. Es sei ganz widersinnig vor Namen, die keine Ortsnamen seien. Grafen und Barone seien eben Herren einer Landschaft, eines Ortes, einer Burg, aber einen Herrn von Goethe, einen Herrn von Schiller zu konstruieren sei Unsinn, weil es nie einen Ort Goethe oder Schiller gegeben habe. Was vor der Grammatik nicht bestehen könne, sei auch im Leben nicht haltbar. Orden und Ordenszeichen, fuhr er fort, seien keine eines wahren Verdienstes würdige Auszeichnungen, übrigens hätten sie durch Mißbrauch allen und jeden Wert verloren. Deutschland habe mehr Orden hervorgebracht als das ganze übrige Europa, und zwar zu einer Zeit, wo es weniger Verdienste gegeben als irgendwann und irgendwo. Er hoffe, die Fürsten würden die Selbstverleugnung haben, diese byzantinischen und chinesischen Zieraten nicht mehr an Zivilisten zu verteilen, für das Heer mögen sie bleiben, da sie in den Augen des Soldaten etwas seien. Orden seien die Livreezeichen der Fürsten, Zeichen ihrer Huld, Belohnungen für einem vergänglichen System erwiesene Dienste.

So Jakob Grimm. Natürlich hat sein Antrag ebensowenig Aussicht auf Annahme wie die Anträge der Minorität, die auf förmliche Abschaffung des Adels gehen. Man erhitzt sich, es überstürzen sich die Gegner. Fürst Lichnowsky, die Hände nicht mehr in den Hosentaschen, erinnert, daß die französische Revolution den Adel abzuschaffen gedachte, später habe man die kostbaren Überbleibsel desselben mit der Laterne zusammengesucht, um ihn mit neuen Ehren zu schmücken. In die Bank zurückkehrend, sagte er, vielen Umstehenden vernehmlich, zu seinem Freunde General von Auerswald, den er ein paar Monate später in ein so tragisches Schicksal hinabziehen sollte: »Da hab' ich dem Gesindel meine Meinung gesagt.« Das Wort wird verbreitet, die Aufregung wächst maßlos. Rösler von Oels verlangt die Abschaffung des Adels aus Gründen der Gerechtigkeit. Er sagt:

Es werde dem Volke die Schmach angetan, daß der zum Zuchthaus verurteilte Adelige zum Bürger degradiert werde; er verlange, falls dieses Gesetz beibehalten werde, im Namen der Gerechtigkeit, daß man den Bürgerlichen, der im Zuchthaus war, zum Adeligen mache. Nun fallen alle Minoritätsanträge, auch der Jakob Grimms, daß künftighin keine Adelsverleihungen mehr stattfinden sollen. Karl Vogt bringt den persiflierenden Antrag ein: es solle künftighin jedem Deutschen freistehen, seinem Namen beliebige Adelsbezeichnungen als Baron, Graf vorzusetzen. Schallendes Gelächter auf der Linken, der Antrag selbst sinkt in den Orkus.

So ungefähr die Debatte über den Adel. Wer mir sagen könnte, wie viele Jahre, vielleicht Jahrhunderte, die Linke hier der Zeit voraus war? Wachsender Reichtum und wachsende Bildung der anderen Klassen, Änderungen des Staatswesens und der Heeresverfassung haben seitdem wenig oder nichts verändert. Das Adelsinstitut ist unerschüttert das geblieben, was es früher war: die mächtigste Assekuranzgesellschaft aller in ihr Hereingeborenen.

Diese Assekuranz sorgt nach wie vor für das Gelangen zu den besten Militär- und Hofstellen, sorgt für unentgeltliche Erziehung in unzähligen Instituten und sogar für passende Heiraten. Es wird noch lange so fortgehen. Damals, 1848, galt der Adel als ein Trümmerwerk der Vergangenheit, heute hat der »Erzeugungstrieb« der Gesellschaft ihn sogar wieder gekräftigt, allerdings mit sonderbaren Elementen. Was geschah? Ein neuer Lebensdrang durchzog zwanzig Jahre später die alternde Welt, und aus dem durch die Sonne der Gnade befruchteten Schlamme – stieg, gleichsam als Karikatur der alten Ritterschaft – eine ganze Schar geharnischter Geldbarone und jüdischer Ritter empor. Die Natur gefällt sich in seltsamen Schöpfungen. Welche Toren saßen doch damals auf den Bänken der Linken! ...

Endlich war die provisorische Zentralgewalt geschaffen worden. Gagern hatte seinen »kühnen Griff« getan, Erzherzog Johann von Österreich war zum Reichsverweser gewählt worden, und zwar zum unverantwortlichen; der Zusatzparagraph: die provisorische Zentralgewalt hat die Beschlüsse der Nationalversammlung zu verkünden und zu vollziehen, war gefallen. Übrigens besagte die Wahl, wie sympathisch das neue Deutschland dem vermeintlich neuen Österreich entgegenkommen wollte. Ja, Deutschland warf die Seilenden hinüber, eine fliegende Brücke zu errichten. Wir Österreicher faßten das Seil mit vor Freude zitternder Hand und suchten es festzubinden. Daß es gelinge, war uns eine höchste Lebensfrage, denn alles österreichische Slawentum loderte bereits auf und drohte mit Krieg. Verschlossen stand die Regierung beiseite, scheinbar jeden Augenblick bereit, das Seil zu zerschneiden, wofern es nicht ihren speziellen Zwecken zustatten komme. Es waren aufgeregte Tage bis zu jenem 11.Juli, da der Reichsverweser in Frankfurt einzog.

Während dieses ersten Monats meines Frankfurter Aufenthaltes pflegte ich allabendlich in ein kleines Bierhaus unweit von der Ecke der Allerheiligengasse meine Schritte zu lenken. Es hieß »Zum Pfau«. Hier, zu bestimmter Stunde der sinkenden Dämmerung, immer in gleicher Ecke wußte ich einen Mann zu finden, für den ich seit Jahren die tiefste Verehrung im Herzen trug: Ludwig Feuerbach.

Der große deutsche Philosoph wußte wie jeder brave deutsche Mann das germanische Getränk zu schätzen, das die Geister mäßig, aber nicht stürmisch aufregt und sie zur Beschaulichkeit stimmt. Er saß gern in der Wirtsstube, aber sie mußte von rechtschaffen deutschem und demokratischem Charakter sein, einfach, mit niederer Balkendecke und gedämpftem Licht. Das Bier mußte bayrisch sein und frisch vom Faß im Steinkrügel daherkommen. Er liebte dabei keine große Gesellschaft, aber ebensowenig völlige Einsamkeit. Ein Feind alles Lärms, hatte er es doch gern, wenn aus dem Nebenzimmer ein Lied erklang. Von der Zeit an, da er für mich eine Sympathie gefaßt hatte, die ich heute noch als die größte Ehre empfinde, die mir im Leben zuteil geworden, drang er darauf, daß ich täglich im »Pfau« erscheine. Strengen Gesichts, das Kinn mit dem langen blonden Barte über das Krügel geneigt, pflegte er mir dann zuzunicken und lächelnd zu fragen: »Was macht Absalon?« Worauf ich dann regelmäßig antwortete: »Ei, der hänget schon!« und mich an seiner Seite am eichenen Tische niederließ.

Diese stereotyp gewordene Begrüßungsformel bedarf einer Erklärung, ich muß aber dazu etwas ausholen. Die Sache verhielt sich folgendermaßen:

Das deutsche Bewegungsjahr hatte, so viele Dichter es auch angeregt, kein eigentlich volkstümliches Lied geboren. Die alten Lieder aus der Burschenschaftsperiode paßten nicht mehr auf die neuen Verhältnisse; von Freiligraths und Herweghs Gedichten hatte keines größere Popularität erlangt. Um so verbreiteter waren ein paar Strophen, die ein völlig unberühmter Mann, er hieß Wilhelm Sauerwein, einem deutschen Flüchtling in den Mund gelegt hatte; man hörte sie in Süddeutschland allenthalben, wo radikal gesinnte Leute beisammen saßen; die Melodie war ein Gassenhauer, aber gut sangbar. Das »Lied vom deutschen Flüchtling« – es sei hiermit der Vergangenheit entrissen – lautete:

Wenn die Fürsten fragen,
Was macht Absalon?
Soll man ihnen sagen:
Ei, der hänget schon!
Aber nicht am Baume,
Aber nicht am Strick,
Sondern an dem Traume
Deutscher Republik.

Wollen sie gar wissen,
Wie's dem Flüchtling geht,
Sprecht, der ist zerrissen,
Wo Ihr ihn beseht!
Nichts blieb ihm auf Erden
Als Verzweiflungsstreich,
Und Soldat zu werden
Für ein freies Reich!

Fragen sie gerühret:
Will er Amnestie?
Sprecht, wie sich's gebühret:
Er hat steife Knie!
Gebt nur Eure großen
Purpurmäntel her,
Das gibt rote Hosen
Für das Freiheitsheer.

Die zweite Zeile dieses Liedes war es, die Feuerbach, vielleicht mit Bezug auf meinen damaligen Haarwuchs, vielleicht mit Bezug auf meine persönliche Lage auf mich anwendete; worauf ich ihm ebenso regelmäßig die vierte Zeile entgegenbrachte. Und unmittelbar nach dem Wechsel dieser Begrüßungsformel waren wir im eifrigen Gespräche. Oh, hätte ich mir doch über diese Gespräche Aufzeichnungen gemacht! Sonst war ich gewohnt, es zu tun; jetzt, in gar aufgeregter Zeit, versäumte ich es. Ich weiß nur noch, daß er gern von Daumer erzählte und dessen Übersetzungen des Hafis pries, daß die Erwähnung Nürnbergs ihn zu Exkursen über altdeutsche Kunst und die Nennung der Universitätsstadt Erlangen zu Exkursen über den Pietismus führte. Auf allen möglichen Gebieten sprach er lichtbringende, wahrhaft befreiende Worte. Mein Gott, dachte ich bei mir, warum steift sich dieser Mann, dessen Geist alles umfaßt, darauf, immer Kritik der Religionen zu schreiben!

An Abenden, die nicht durch Klubsitzungen in Beschlag genommen waren, kamen Professor Kapp (aus Heidelberg), Arnold Ruge, Karl Nauwerk. Ruge besonders war von sprudelnder Verve, die Fragen, die eben im Parlamente debattiert wurden, und die übrigen politischen Vorgänge regten ihn heftig auf. Dann ward Feuerbach stiller und stiller und verstummte endlich ganz. Wenn dann Rugen, wie dies öfter geschah, Ausdrücke wie »Idee und Substanz«, »An sich und für sich« entschlüpften, schüttelte sich Feuerbach vor Lachen und sagte: »Mensch, Du steckst trotz alledem noch stark im Scholastizismus! Diese Phraseologie sollte schon abgetan sein! Laß ruh'n den Hegel!«

Es war mir äußerst interessant, aus Feuerbachs gelegentlichen Äußerungen einen Schluß zu ziehen auf seine Lebensphilosophie, die in seinen Büchern vor lauter Theogenie und Unsterblichkeitsuntersuchungen so gut wie nicht zur Sprache kommt. Er war vom Pessimismus wie vom Optimismus gleich weit entfernt, Voraussetzung alles Lebens war ihm eine Mischung von Einstimmung und Widerstreit. Die Zeit nahm er hin mit ihren Ausschreitungen und Unannehmlichkeiten; »wenn man daran ist, den Stall des Augias auszumisten«, sagte er, »kann es nicht nach Veilchen duften«. Affekte und Leidenschaften nahm er in Schutz, da sie ebenso die Beglücker wie die Störer des Lebens seien. Liebe und Ehre, ihm keine Illusionen wie bei Schopenhauer, machten bei ihm das Glück des Lebens aus und gaben demselben festen Wert.

Feuerbach war ein Republikaner und keiner von den gelinden. Vor dem »roten Gespenst« hatte er keine Furcht. Wäre die Revolution eine wirklich starke gewesen, er wäre mitgegangen und hätte, wie ich glaube, auch vor terroristischen Maßnahmen nicht zurückgeschreckt. Er war einer »vom Berge«. Wie es nun einmal stand, wußte er, daß diese Bewegung seine Ideale nicht realisieren werde, und verhielt sich rein als Zuhörer und Beobachter. Er sagte damals schon den traurigsten Ausgang voraus. »Die Märzrevolution«, hat er später einmal geschrieben und damit die Summe seiner Frankfurter Erfahrungen gezogen, »die Märzrevolution war noch ein, wenn auch illegitimes Kind des christlichen Glaubens. Die Konstitutionellen glaubten, daß der Herr nur zu sprechen brauchte: es sei Freiheit, es sei Recht! so ist auch schon Recht und Freiheit, und die Republikaner glaubten, daß man eine Republik nur zu wollen brauche, um sie auch schon ins Leben zu rufen, glaubten also an die Schöpfung, scilicet einer Republik aus nichts. Jene versetzten die christlichen Wortwunder, diese die christlichen Tatwunder auf das Gebiet der Politik ...«

Feuerbach blieb in Frankfurt bis Mitte August. Während wir im »Pfau« saßen, saß Arthur Schopenhauer nach eingenommenem feinem Diner im englischen Hofe, ein alter Mann, glatt rasiert, unter jungen Offizieren und Aristokraten, die er wegen ihrer reaktionären Gesinnung hochverehrte, und die schlechte Witze über ihn machten. Merkwürdig ist es mir heute, daß ich damals, während so vieler Abende, Feuerbach nie Schoperhauers erwähnen gehört habe, der doch bereits seine Lehre mit allen Konsequenzen in seinen Büchern niedergelegt hatte und nur einige Häuser fern saß. Ich glaube, Feuerbach hat ihn nie gesehen und sich, wenigstens damals, um dessen Philosophie nicht gekümmert. Feuerbach lehrte eine Philosophie, die einen ganz konkreten unmittelbaren Anteil am Leben, dessen Wünschen und Bedürfnissen hatte; was konnte ihm der aus Indien nach Deutschland importierte, der erneuerte Buddhismus sein?

Ich habe den außerordentlichen Mann seitdem nur zweimal wiedergesehen, im Sommer 1867, wo ich ihn auf dem Rechenberge bei Nürnberg besuchte, und zu München im September 1869, wo wir das Bild seines Neffen, das »Gastmahl des Plato«, betrachten gingen, als schon der tiefe Schatten der Krankheit auf ihm lastete. An der Ecke der Allerheiligengasse in Frankfurt, wo ehedem der »Pfau« gestanden, bin ich jedoch seitdem nie vorübergegangen, ohne jener tiefaufregenden Abende vom Juni, Juli und August 1848 zu gedenken.

 

Indessen fuhr das Parlament fort, sein eigenes Werk zu untergraben. Die italienische Frage trat heran, es kam zur Debatte über die Radetzkyschen Siege. Alles, was liberal war, empfand, daß die Italiener um ein Gleiches wie die Deutschen kämpften, jene noch auf dem Schlachtfelde, diese bereits in einer konstituierenden Versammlung. Die Rechte dagegen freute sich der österreichischen Waffentaten, die gleichzeitig von Lyrikern wie Herrn von Dingelstedt dithyrambisch gefeiert wurden. Es wurde eindringlich betont, die Freiheit könne keinem Volke geschenkt werden, die müsse es sich immer selbst erringen, so auch hier das kleine Piemont die Freiheit gegen den großen Feind, der ihm im Nacken saß! Herr von Radowitz bestieg mit hohepriesterlicher Feierlichkeit den Katheder und vindizierte dem deutschen Reiche den Mincio als militärisch-unentbehrliche Grenze. Das deutsche Reich, belehrte er uns, könne auch auf Venetien nie verzichten, denn ohne Venedig sei Triest unhaltbar. Peschiera und Mantua waren auch unumgänglich nötig, denn lasse man diese Posten frei, so werde Oberitalien dem Einflusse Frankreichs, Unteritalien dem Englands anheimfallen. Daß Italien, eigentlich das Königreich Sardinien, sich bis zur Selbständigkeit kräftigen könne, wurde nicht angenommen.

Herr von Radowitz sparte seine Beredsamkeit immer nur für die wichtigsten Fragen auf. Seine Taktik bestand darin, zu Zivilisten als Militär zu sprechen und sie mit kriegerischen Fremdwörtern zu verblüffen. Er war in jedem Satze General. Enceinte, Débouchés, staffelförmige Aufstellung usw., rhetorisch aneinandergereiht; er wußte, wie das imponierte!

Das im Alleinbesitze tieferer Einsicht stehende rechte Zentrum war mitfortgerissen und bekehrt. Ernst stieg dann Herr von Radowitz von der Tribüne, die leicht zum Himmel gekehrten Augen schienen zu sagen: »Ich danke Dir, Herr, daß Du sie töricht geschaffen, auf daß sie ein Werkzeug in meiner Hand seien!«

Die Gutheißung des berüchtigten Waffenstillstandes von Malmö, in welchem die mäßigsten Ansprüche der deutschen Nation schnöde geopfert wurden, war ein weiterer Schritt des Parlaments nach abwärts. Jetzt war es genug, jetzt hätte die Linke in corpore austreten sollen. Aber wer unternimmt es, ein so gewaltig gewordenes Werk als undurchführbar aufzugeben?

Das Jahr neigte sich seinem Ende zu. Der Herbstwind entführte das vergilbende Laub und lichtete die Baumkronen in den Alleen; auch unsere Hoffnungen waren gelichtet, es war kaum noch etwas davon übrig. Ferne wie ein Traum lag die Zeit der Zuversicht hinter uns. Es waren Tage ohne Sonnenschein, höchstens dann und wann von einem unheimlichen Rot erhellt.

Es ging alles nur so fort, weil es eben im Gange war, doch ohne Freude und Mut.

Das Parlament fühlte sich immer mehr gedrängt, bezüglich Österreichs ins klare zu kommen. Es aufgeben, hieß, wie damals die Sachen standen, die Deutschen Österreichs den Slawen anheimgeben. Aber wie sollte sich Österreich an Deutschland anschließen?

Mit seinem ganzen Länderkomplex? Das war undenkbar. Mit seinen deutschen und halbdeutschen Provinzen? Das hieß einen Großstaat spalten wollen, der durchaus nicht gesonnen war, sich spalten zu lassen.

In Österreich reiften indessen die militärischen Maßnahmen heran, mit welchen die Hofpartei die ihrer Ansicht nach gefährdete Staatseinheit zu retten unternommen hatte. Die Hauptschwierigkeit für sie lag in Ungarn. Ungarn sollte gebändigt werden: man benutzte hierzu die ungarisch-kroatische Verwicklung.

Man hatte beschlossen, die militärischen Kräfte außerhalb Wiens zu konzentrieren; so entzog man sie dem demoralisierenden Einfluß der Volksmassen und konnte sie schließlich mit dem als Retter ausersehenen Banus Jellaèiæ verwenden. Alle Welt weiß, wie die Wiener Demokratie sich diesem Ausmarsch widersetzen wollte und was die Folge war: der allerdings mit Blut befleckte 6.Oktober.

Wir erhielten in Frankfurt die Nachricht dieser Vorgänge am 10. Verworrene Gerüchte kreuzten sich und erzeugten eine ungeheure Unruhe. Wir wußten, daß gewaltige Armeekorps an Wien heranzögen und daß sich die Stadt in Verteidigungszustand setze.

Der Antrag J. N. Bergers (desselben J. N. Berger, der – o Wechsel der Dinge! – im Herbst 1867 einen österreichischen Ministerposten erhalten sollte): die Nationalversammlung möge aussprechen, die Stadt Wien habe sich um das deutsche Vaterland verdient gemacht, war gefallen.

Da beschlossen denn die beiden Fraktionen der Linken, der deutsche Hof und der Donnersberg, vereinigt eine Adresse; eine Deputation sollte sie überbringen. Der deutsche Hof hatte Robert Blum, der Donnersberg J. Fröbel abgeordnet, Moritz Hartmann und ein vierter, Trampusch, schlossen sich den beiden an.

Es war am dreizehnten um zwei Uhr, als wir, eine ganz kleine Schar engerer Freunde, die vier Abreisenden in den Hof des Thurn und Taxisschen Postgebäudes begleiteten, wo der bekannte rote Postwagen stand. Man hatte über den Stand der Dinge in Wien noch die unklarsten Begriffe. Noch saß der Reichstag dort beisammen und bot »mit Hilfe der Minister« alles auf, den Rückzug des kroatischen Heeres durchzusetzen, vielleicht war noch eine friedliche Lösung der Wirren zu erwarten, vielleicht, so dachten wir, könne Wien ohne blutigen Zusammenstoß aus der Krise hervorgehen ... Und so stieg der eine nach dem andern in den unwirtlichen Kasten. Noch wurde gefragt, ob jeder für die Nacht warme Sachen habe, und es hieß, man sei wohlversorgt, darauf wünschte alles glückliche Reise, und der Postillon schnalzte und setzte die Gäule in Trab. Und man sah dem roten Kasten nach, bis er um die Ecke war. Es war ein ernster Abschied gewesen, dennoch sagte uns keine innere Stimme, daß wir den verehrten Mann, der uns Zurückbleibenden der Reihe nach die Hand geschüttelt, nie wiedersehen sollten. Er hatte einmal, als auf seinen Wuchs, den kurzen, dicken Hals und die breite, gewölbte Brust, die Sprache kam, scherzhaft geäußert: »ja, schlecht zu köpfen, gut zu erschießen!« An dieses Wort haben wir oft zurückdenken müssen. Blums Grundsatz: »Reden und Handeln in Einklang bringen«, der Sturmatem jener Tage, die Umgebung mit ihren aufgewühlten Leidenschaften sollten ihn in Wien von Tag zu Tag aufhalten und – ihn schließlich als Opfer fordern.

Wien war zerniert worden, es erhielt die Aufforderung, sich auf Gnade und Ungnade zu unterwerfen. Windischgrätz verlangte die Auslieferung Bems, Pulzkys, Schüttes und noch einiger »Individuen, die er später bezeichnen würde«, – forderte Geiseln, es war, als höre man einen Tilly vor Magdeburg. Die Stadt, die sich dieser Bedingungen weigerte, wurde bombardiert, mit Brandraketen überschüttet und schließlich mit Sturm genommen.

Wien hatte der Aufforderung gegenüber, sich Windischgrätz und Jellaèiæ zu unterwerfen, den Kampf gewagt und war gefallen, die fieberhafte Spannung, in der die Welt lebte, war gebrochen, aber die Art, wie die gesetzliche Ordnung wieder eingeführt worden, war eine solche, daß sich die schlimmsten Konservativen ihres Sieges nicht freuten. Wenn man es noch nicht gewußt, so wußte man es jetzt, was es heißt, die halbbarbarischen südslawischen Stämme aufrufen. Schaudernd sah man in einen Abgrund. Von diesen Tagen an war über Deutschland ein Grauen gekommen, das, so kurzen Gedächtnisses die Menschen auch sonst sind, nicht entschwand. Und eines war ganz tot seit diesem Tage: die österreichische Kaiseridee, die Idee der Hegemonie Österreichs in Deutschland und was damit zusammenhing. Das war gründlich, für immer, bis ans Ende der Zeiten abgetan.

Nun kam noch die Nachricht von Robert Blums Erschießung. Ein General Österreichs, jenes Österreichs, das über hundert Abgeordnete im Parlamente zählte, hatte, ehe er einen seiner populärsten Führer erschießen ließ, nicht daran gedacht, mit dem Parlamente zu verhandeln. Der Versammlung war durch diese Tötung eines ihrer Mitglieder die schwerste Verletzung widerfahren.

Man drängte, mit Bezug darauf einen Beschluß zu fassen. Allen erschien es dringlich, allen, außer der Partei Vincke-Radowitz.

Ein furchtbares Ferment – so groß war die Popularität des Mannes – war in die Bewegung hineingeworfen worden.

Schließlich wurde doch das Reichsministerium aufgefordert, die an der Verhaftung und Tötung Robert Blums mittelbar oder unmittelbar Schuldigen zur Verantwortung und Strafe zu ziehen. Allerdings, wie es stand, eine groteske Idee, daß Herr von Schmerling den Fürsten Windischgrätz zur Verantwortung ziehen solle!

Um fünf Uhr an Parlamentstagen, um ein Uhr an Sonntagen pflegten sich die Abgeordneten des Donnersberges zum Mittagstisch im »Grünen Baum«, einem Wirtshaus in einem Gäßchen unfern des Mains, zu versammeln. Ich war der tägliche Genosse dieses geselligen Kreises geworden, zu dessen bemerkenswertesten Mitgliedern Franz Raveaux aus Köln, Karl Vogt, Lud. Simon von Trier, der Geschichtsschreiber Zimmermann aus Stuttgart, Vater Schlöffel, J. N. Berger, Hugo Wesendonk, Rösler von Oels und Adolf v. Trützschler zählten. Hatte, wie dies in früherer Zeit öfter der Fall gewesen, die Linke einen guten Tag gehabt, so war dies gesellige Mahl, bei dem man von Arbeit und bösem Wortkampf ausruhte, ein Fest. Da wurde auch das »Parlamentslied« gedichtet, zu welchem jeder eine Strophe oder mindestens einen Vers beitrug. Es wurde bald nachher auf den Straßen nach der Melodie des Liedes vom »deutschen Flüchtling« gesungen.

Seit Wochen und Wochen war alles ernst und schweigsam, unser Mahl kurz, wir waren in schwerer, tiefer Trauer. Und nun – wer malt die Empfindungen der Anwesenden, als am 17.November zur gewohnten Stunde Julius Fröbel, der Totgeglaubte, in unsere Mitte trat! Er kam direkt vom Postwagen, der ihn nach Frankfurt gebracht, in den Grünen Baum, wo er um diese Zeit seine Freunde versammelt wußte. Oh, daß dieser Mann später ein Schmerlingscher Journalist werden sollte! Damals stand er vor uns wie Schillers Roller, der recta via vom Galgen kam, die dunklen Augen seines schönen, von einem schwarzen Barte tiefbeschatteten Römerkopfes funkelten seltsam ... Diese Augen hatten den Tod schon nahe gesehen. Sie hatten das Todesurteil gelesen, die Verurteilung zum Galgen, die »Begnadigung« zu Pulver und Blei ... sie hatten Opfer um Opfer zum Tode führen sehen. Er brachte Robert Blums letzte Grüße. Ruhig, beinahe kalt – nur die Augen leuchteten – erzählte er die Geschichte seiner schließlichen »Pardonierung«. Ebenso ruhig, ernst, schmucklos, fast wie eine fremde Begebenheit sollte er sie am anderen Tage im Parlamente vortragen.

Und jetzt – wunderbar – nach dem Falle Wiens schier unglaublich, machte die österreichische Regierung wieder Anstalten, die Wahlen für Frankfurt zu vervollständigen! Sie wollte Leute – ihre Leute im Parlamente haben. Nichtvollzogene Wahlen wurden neu ausgeschrieben. Welche Persönlichkeiten gedachte die Wiener Regierung in das hohe Haus des deutschen Volkes zu schicken! Mitte November war gar ein untergeordneter Detektiv der Prager Polizei als Kandidat für einen Wahlbezirk Böhmens aufgetreten, glücklicherweise kam die Wahl dieses »Stadthauptmannschaftsbeamten«, wie er sich nannte, nicht zustande! Aber wer stand vor mir, eines Morgens plötzlich, als ich im Begriffe war, in die reformierte Kirche – denn dahin war die Nationalversammlung jetzt übersiedelt – zu treten? Lang, hager, barock wie der Ritter von la Mancha, mit Augenbrauen, so buschig, wie ich deren noch bei keinem anderen Sterblichen gesehen, pflanzte sich der Kreuzerzigarrengraf, dessen ich zu Anfang dieser Skizzen ausführlich gedacht, leibhaftig vor mir auf. Weiß Gott, welcher Wahlbezirk ihn hergesandt!

Provokatorisch, wie es in seiner Art lag, war er mit einem Sprunge in der Politik. Seinen Stock mit leidenschaftlicher Heftigkeit in die Erde bohrend, rief er: »Gewiß schwärmen Sie für die Ungarn! I sag: die Ungarn müssen zertretten werden, zertretten, zertretten, und wenn es unseren letzten Kreitzer und unseren letzten Soldatten kosten sollt!«

Die Zeit war schon da, wo solche Gestalten den Ton angaben, und das sollte von da ab Jahre und Jahre dauern. Die sogenannten »Gemäßigten« begannen zu wüten in Worten und Taten.

Wenn man im Herbst nach einem Regenfalle um die Stunde, wann es zu dunkeln beginnt, die Wege eines Parks hinwandelt, sieht man erstaunt ein Heer von großen und kleinen Kröten und fragt sich: woher so plötzlich die unheimliche Brut?

Auch persönlich Bedrohendes trat nun an mich heran. Ein Brief aus der Heimat brachte mir eine böse Kunde. »Du hast«, schrieb mir mein alter treuer Schulfreund, Johannes Spielmann, »in den Oktobertagen ein Gedicht drucken lassen, dessen Tragweite Du wohl kaum recht bedacht hast. Doch deshalb von mir keine Vorwürfe! ... Es lag von seiten der hiesigen Behörden sicherlich keine Veranlassung vor, eines Gedichtes wegen, das bei uns gar nicht bekannt geworden ist und gewiß keinen nachweisbaren Schaden angerichtet hat, gegen Dich vorzugehen, zumal als es, da in Wien erschienen, in die Amtswirksamkeit des Staatsanwaltes in Wien fällt. Dennoch hat ein edler Streber, unser neuer Staatsanwalt, sich dieser Improvisation bemächtigt und, wie ich aus sicherer Quelle erfahren, am 29.Oktober eine Klage gegen Dich beim hohen Preßgericht (d.h. dem Kriegsgericht auf dem Hradschin) eingereicht. Wenn man die von ihm gestellte Motivierung akzeptiert, wird gegen Dich vorgegangen: 1. wegen Schmähung des Landesfürsten mit der Absicht, gegen ihn Abneigung zu erwecken, 2. wegen Aufforderung zum Aufruhr, 3. wegen Aufforderung zur Unterjochung des Vaterlandes durch einen äußeren Feind (hier deutsche Reichsarmee), 4. wegen Aufforderung zu gewaltsamer Veränderung des österreichischen Kaiserstaates – denn alles dies hat der Mann aus Deinen Versen herausgelesen – Du kannst zwanzig Jahre schweren Kerkers davontragen! ... Ich würde Dir anraten, einen Boden zu verlassen, wo usw.«

Ich war über diese Mitteilung tief bestürzt. Freund Spielmann war kein Mann der blassen Furcht, im Gegenteil. Er war, wie sein Brief zeigte, über die Einzelheiten der Anklage genau unterrichtet und sein Rat nicht ohne Grund. War ich noch sicher in Frankfurt? Würde die dortige Polizei mich schützen? Wer damals ausgeliefert wurde, der war gut aufgehoben, und wer einmal auf dem Hradschin oder in den Kasematten von Königsgrätz saß, der saß auf lange Zeit ...

Ja, ich hatte ein Gedicht an die Oktoberkämpfer in Wien gerichtet, es war in einem halb belletristischen, halb politischen Blatte ohne besondern Einfluß erschienen, was war da mehr? In dieser Zeit dichtete alles. Die Poeten der Rechten hatten fort und fort die Militärmacht aufgefordert, aus eigener Machtvollkommenheit »Ordnung« zu schaffen, mit Kartätschen gegen Parlament und Volk vorzugehen. Grillparzer hatte sein berühmtes Gedicht: »In Deinem (Radetzkys) Lager ist Österreich« geschrieben, Herr von Dingelstedt in Stuttgart war noch viel weiter gegangen; die »echt konstitutionellen« Regierungen hatten keinem von beiden ein Haar gekrümmt. Sollte nicht auch ein Poet der Linken seine Gesinnungen lyrisch äußern dürfen? Doch – jetzt waren andere Zeiten gekommen.

Und noch eines trat hinzu, den Stachel zu schürfen: der Staatsanwalt, der so gegen mich vorging, nicht etwa in einem Konflikt der Pflichten, nein, ohne Drang und Nötigung, dieser Mann, der über die Sphäre seiner eigentlichen Amtswirkung hinausging, um mich zu verderben, war mein Freund, wir duzten uns, kein Zerwürfnis hatte zwischen uns stattgefunden, wir waren in bester Freundschaft geschieden.

Eine tiefe Trauer ergriff mich über das Erbärmliche und Niederträchtige in der Menschennatur und drückte mich zu Boden.

Ängstliche und trauervolle Briefe meiner Mutter, die durch Spielmann von der Gefährlichkeit der Sache unterrichtet worden war, mehrten meine innere Zerrissenheit und hielten mich in der tiefsten Verstimmung fest.

Um diese Zeit machte mir ein Frankfurter Verleger den Vorschlag, nach Paris zu reisen und ein Buch über die soziale Bewegung im republikanischen Frankreich zu schreiben. Ich nahm das Anerbieten an. Es war jetzt auch für den Kurzsichtigen klar geworden, daß Frankfurt nicht der Ort sei, wo etwas geschaffen werden würde. Die »Grundrechte« waren fertig ausgearbeitet, hatten aber keine Existenz. Alles war da – aber nur auf dem Papiere. Es waren Leute gekommen, die einen Turm hatten bauen wollen, eine Burg mit festen Wällen, wie solche einem großen Volke geziemt. Ein Teil der Meister hatte gemeint, es sei vor allem nötig, ein Heer von Arbeitern in Dienst zu nehmen und einen gewaltigen Schatz zu schaffen, dies Arbeiterheer zu besolden. Man müsse altes, unnützes Gemäuer abreißen und Felsen sprengen, um feste Fundamente und gute Keller zu gewinnen. Der andere Teil hatte gegen alles dies Einsprache erhoben und sah die Rechte der alten Besitzer überall gefährdet. Darüber waren sie in Streit und Fehde geraten, und alles war in unnützen Reden verlaufen, und der Ort, wo dies geschehen, hieß jetzt Babel. Nun war die Arbeitszeit versäumt, eine Schneedecke war über alles Land gebreitet, Weihnachten kam heran. Drüben in der Ferne ruhten die Schlachten, nur da und dort knallte es, wenn sie einen standrechtlich erschossen. Die Aufstände in Böhmen, Krakau, der Lombardei, in Ungarn, in Wien, in Mailand waren niedergeschlagen. Welche Stille jetzt, Weihnachten, das Christfest naht! Predigt den, der als Christ erstanden ist und die Welt erlöset hat!

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