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Ich traf auch Heine in Paris

Alfred Meißner: Ich traf auch Heine in Paris - Kapitel 10
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authorAlfred Meißner
titleIch traf auch Heine in Paris
publisherBuchverlag Der Morgen Berlin
editorRolf Weber
correctorJosef Mühlgassner
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Pariser Begegnungen

Henri Beyle (Stendhal), Prosper Merimée, Alfred de Musset waren damals die drei französischen Schriftsteller, die ich am höchsten stellte, ich kannte die Werke aller drei sehr genau. Besonders die große Anziehung, die Alfred de Musset auf junge Gemüter übt, hatte ich frühe erfahren gelernt. Schon 1839, also in meinem siebzehnten Jahre, brachte ich von einer Reise nach Leipzig einen Brüssler Nachdruck in Miniaturformat, »Poésies de Alfred de Musset«, mit heim. Ich hatte sie mit stürmischer Eile durchlesen, bevor ich noch in Prag eintraf, und teilte die für einen Primaner gefährliche Lektüre meinem Freunde Moritz Hartmann mit. Eine Zeitlang waren wir ganz in Musset aufgegangen. Uns gefiel vor allem andern die »Komödie« von den aus dem Feuer geholten Kastanien (les marrons du feu) und das merkwürdige Drama »Zwischen Kelch und Lippenrand«. Auch »Rolla« – ein Trunk aus schwerem Wein, der mit Bilsenkraut gewürzt ist – erhitzte uns die Köpfe gewaltig. Wir verschafften uns bald Mussets weitere Werke, die kleinen Dramen »Andrea del Sarto«, »Mariannens Launen«, den Roman die »Bekenntnisse eines Kindes des Jahrhunderts«, die erste Novellensammlung. Bald hatte ich eine Reihe Mussetscher Gedichte und ein paar seiner Novellen, darunter den »Tizianello«, übersetzt, sie erschienen in einem Prager Blatte. Nun wollte auch ich so eine »Geschichte aus Italien«, nach Mussetscher Art, gemischt aus Wollust und Grauen, geschrieben haben. Ich dichtete eine Erzählung in Alexandrinern: »Die Geheimnisse des Grabes«, sie war 1840 im Leipziger »Kometen« erschienen. Nun, diese maßlose Schwärmerei war verflogen, dennoch war meine Bewunderung Alfred de Mussets noch immer sehr groß. Es stieg der lebhafte Wunsch in mir auf, den Dichter kennenzulernen. Ich verschaffte mir seine Adresse, packte meine Übersetzungen zusammen und sandte sie dem Dichter mit einem Briefe ein, in welchem ich ihn bat, ihm auf seiner Bibliothek – er war ja Bibliothekar – meine Aufwartung machen zu dürfen.

»So so«, sagte Heine, dem ich davon erzählte, mit einem sonderbaren Gesichte. »Sie haben Musset Ihre Übersetzungen eingeschickt? Und wie denn, wenn er – er ist immer in Geldverlegenheit – die Hälfte des von Ihnen bezogenen Honorars beansprucht? Haben Sie das in Bereitschaft? Langt es zu einem Souper mit Damen bei den Frères Provenceaux?« – Das wurde bedenklich, das war mir nicht eingefallen. Ein Honorar hatte ich bei »Ost und West« nie zu sehen bekommen, und auch der gute Herloßsohn vom »Kometen« huldigte nicht dem Honorarbrauche ... Doch Heine fuhr fort: »Das war ein unüberlegter Schritt. Eine Beziehung zwischen Musset und Ihnen ist gar nicht denkbar. Er lebt das tolle und unnütze Leben vornehmer junger Gecken. Sie würden überdies nur eine Ruine sehen. Seine Produktion hat längst aufgehört, der Quell ist versiegt, und was da noch nachtröpfelt, ist nicht der Rede wert. Der vorfrüh geleerte Freudenbecher hat ihn körperlich ganz heruntergebracht, früh geschwächt, frühzeitig abgenutzt an Leib und Seele. Er ist ein unerquicklicher Anblick.« ...

»Wenn ich Ihnen sage, daß seine einzige größere Produktion aus neuerer Zeit dem bedenklichsten Genre angehört, wissen Sie genug. Das Ding heißt »Deux nuits d'excès«. Sie können es sich bei geheimen Verschleißern schmutziger Ware im Palais Royal verschaffen. Es ist ein Büchlein, das Kaiser Tiber auf Capri jedenfalls in seine Handbibliothek aufgenommen hätte.« ...

Ich wurde ganz niedergeschlagen, als ich Heine so sprechen hörte. Man will nicht an das Verlöschen einer Flamme glauben, deren Glanz uns einst entzückt, und doppelt schwer glaubt man daran, daß sie noch bei Lebzeiten eines Autors erloschen sein könne.

»Mit Musset ist es seltsam zugegangen«, fuhr Heine fort, »und es wundern sich alle, die ihn sehen. Als er berühmt wurde und in die Mode kam, war er schon der Mensch nicht mehr, der jene Bücher geschrieben, und überhaupt kein Dichter mehr. Er hat drei Perioden gehabt: zuerst eine wilde und kühne, dann metamorphosierte sich sein Talent und wurde graziös, ruhig – er schrieb seine dramatischen Salon-Idyllen.«

»Jetzt steht er in seiner dritten Epoche, und alles ist aus. Wenn Sie zu mir kommen, will ich Ihnen zeigen, was ich in meinem Buche »Shakespeares Mädchen und Frauen« schon vor Jahren über ihn geschrieben, es ist gewiß nicht ungerecht.«

Ich hörte das alles ruhig mit an und bereute doch nicht, an Musset geschrieben zu haben. Mehrere Tage blieb ich neugierig, welche Antwort mir auf die Zusendung der Übersetzungen zuteil werden würde. Aber es kam nichts, Musset hatte von meinen Einsendungen gar keine Notiz genommen.

»Sie wollten ihm in seiner Bibliothek Ihre Aufwartung machen!« lachte Heine. »Ich glaube nicht, daß er weiß, in welcher Straße die Bibliothek, der er vorsteht, gelegen ist! Die Stelle haben ihm die Orleans gegeben, weil er die Geburt des Grafen von Paris mit Versen begrüßt hat, in denen, nebenbei gesagt, eine sehr nüchterne Staatsweisheit in sogenannter gewählter Sprache vorgetragen wird. Es ist französische Poesie.« – Am selben Tage holte Heine einen Quartband mit rotgewordenem Goldschnitt und losgegangenem Deckel hervor. Es waren »Shakespeares Mädchen und Frauen«, bei Brockhaus und Avenarius mit Stahlstichen erschienen; die Musset betreffende Stelle wurde aufgesucht. Ich zitiere sie hier, weil sie, soviel ich weiß, von Paul Lindau in seinem Buche über Musset nicht berücksichtigt worden ist. »Die Gerechtigkeit verlangt«, sagt H. Heine, »daß ich hier einen französischen Schriftsteller erwähne, der mit einigem Geschick die Shakespeareschen Komödien nachahmte und schon durch die Wahl seiner Muster eine seltene Empfänglichkeit für wahre Dichtkunst beurkundete. Dieser ist Herr Alfred de Musset. Er hat vor etwa fünf Jahren einige kleine Dramen geschrieben, die, was den Bau und die Weise betrifft, ganz den Komödien Shakespeares nachgebildet sind. Besonders hat er sich die Caprice (nicht den Humor), die in demselben herrscht, mit französischer Leichtigkeit zu eigen gemacht. Auch an einiger, zwar sehr dünndrähtiger, aber doch probehaltiger Poesie fehlte es nicht in diesen hübschen Kleinigkeiten. Nur war zu bedauern, daß der damals jugendliche Verfasser außer der französischen Übersetzung des Shakespeare auch die des Byron gelesen hatte und dadurch verleitet wurde, im Kostüm des spleenigen Lord jene Übersättigung und Lebenssattheit zu affektieren, die in jener Periode unter den jungen Leuten in Paris Mode war. Die rosigsten Knäbchen, die gesundesten Gelbschnäbel behaupteten damals, ihre Genußfähigkeit sei erschöpft, sie erheuchelten eine greisenhafte Erkältung des Gemüts und gaben sich ein zerstörtes und gähnendes Aussehen.

Seitdem freilich ist unser armer Monsieur de Musset von seinem Irrtume zurückgekommen, und er spielt nicht mehr den Blasé in seinen Dichtungen – aber ach, seine Dichtungen enthalten jetzt statt der simulierten Zerstörung die weit trostloseren Spuren eines wirklichen Verfalls seiner Leibes- und Seelenkräfte ... Ach! dieser Schriftsteller erinnert mich an jene künstlichen Ruinen, die man in den Schloßgärten des 18. Jahrhunderts zu erbauen pflegte, an jene Spielereien kindischer Launen, die aber im Laufe der Zeit unser wehmütigstes Mitleid in Anspruch nehmen, wenn sie in allem Ernste verwittern und in wahrhafte Ruinen sich verwandeln.«

So hatte Heine in seinem 1839 geschriebenen Buche im Schlußkapitel, wo er auf die Schüler und Nachahmer Shakespeares zu sprechen kommt, über Alfred de Musset geurteilt, wie man sieht, nicht gar günstig. Als ich eines Tages, da das Gespräch wieder auf Musset gekommen war, eine seiner Komödien lobte, in der sich die Handlung, wenn man es Handlung nennen kann, um eine Börse dreht, ich glaube, es war »Le Caprice«, – und es eigentlich eine Frauenarbeit nannte, selbst ein Ding wie eine Börse, mit feiner, eleganter Hand aus Gold- und Seidenfäden in künstlichen Maschen gewoben, sagte Heine kurzweg: »Ja, so etwas ist es, doch eine Börse darf nicht leer sein. Man muß Gold darin sehen; diese Börse aber ist ganz leer!«

Dabei konnte Heine ganz heftig werden, wenn man, wie es von mancher Seite geschah, der George Sand gedachte und ihrem Verhältnisse und ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen Untreue eine Schuld an Mussets frühem Verfall zuschreiben wollte. »Beim Himmel«, sagte er dann, »Musset war schon körperlich verkommen und jeder echten Liebe unfähig, als die beiden miteinander nach Venedig gingen. Das war ein sauberer Romeo! Auch an ihrer Seite konnte er von den Ausschweifungen, die ihm zur Gewohnheit geworden waren, nicht lassen, und das verzeiht wohl auch eine Heilige nicht. Er verfiel in Venedig in eine Erschöpfungskrankheit, Lelia pflegte ihn Tag und Nacht, und als er wieder auf die Füße kam, zog er heim. Sie blieb zurück, ihre Geldmittel waren erschöpft, sie sehnte sich zu ihren Kindern und hatte kein Reisegeld. Sie wohnte ärmlich, lebte von schlechter Kost und arbeitete von Nachmittag bis zum Tagesanbruch. So sind »André«, »Indiana«, »Mattea« entstanden, bis endlich Buloz (der Redakteur der »Revue des deux Mondes«) genügende Summen schickte, daß sie ihre Schulden zahle und heimreisen konnte! Man lasse sich doch nicht durch die Maske des Unglücks täuschen, die der schlaffe und mit sich unzufriedene Mann sich später vors Gesicht gesteckt hat!«

»Es ist unerfreulich«, schloß er, »eine ursprünglich hoch angelegte Natur in ihrem allmählichen Hinabsteigen zu verfolgen und ihren Verfall in ihren verschiedenen Stadien zu konstatieren. Doch bleibt dem nichts anderes übrig, der Mussets schriftstellerische Laufbahn ohne Voreingenommenheit betrachtet. Dieser Geist von unbestreitbar hochgenialer Anlage ist fast gleich nach seinem ersten Auftauchen bergab gegangen: es ist in ihm ein stetiges Zugrundegehen nachzuweisen. Das Übermaß an Lebenslust zeugte den Lebensüberdruß, den Ekel, und die Langeweile, die weder in der Welt noch im eigenen Wesen einen rechten Inhalt findet, zog ins verödete Herz ein. So sehen es jene an, die ihn gekannt haben und unbestochen beurteilen.«

Vom Tage an, da Heinrich Heine mir sein Wohlwollen geschenkt, hatte er es auch übernommen, mein Berater und Mentor zu sein und meine Schritte auf dem Pariser Pflaster zu lenken. Oft sagte er mir, wie leid es ihm tue, mich nicht selbst da- und dorthin begleiten zu können. »Sie müssen«, sagte er, »alle Bäume dieses Gartens kennen und ihre Früchte unterscheiden lernen. Es genügt nicht, daß Sie die Monumente von Paris: den Obelisken von Luxor, die Vendômesäule, den Arc de l'Étoile in Augenschein nehmen. Sie müssen mit dem Besuch des architektonischen und des pittoresken Paris auch die Besichtigung seiner ›lebendigen Ruhmesobelisken‹ verbinden, sonst haben Sie Ihre Zeit und Ihr Geld verloren. Schon ein Morgenspaziergang ins Collège de France ist lohnend. Der Literaturhistoriker Saint Marc Girardin, der Nationalökonom Michel Chevalier, der Historiker Michelet und Arago, der Astronom, lesen fast zu gleicher Zeit, da haben Sie nur die Wahl, welchen berühmten Mann Sie sehen wollen.«

Ich ließ mir das nicht zweimal sagen. Schon am andern Tage, an einem frischen Wintermorgen, wanderte ich in das Quartier latin hinüber und wollte es darauf ankommen lassen, wen ich zu hören bekomme.

»Zu wem gehen alle diese jungen Leute?« fragte ich eine Obstverkäuferin, die am Tore des Kollegs ihre Früchte und Kuchen feilhielt.

»Alle zu Professor Michelet«, antwortete sie. »Der hat jetzt die allermeisten Zuhörer.«

So hatte ich es denn gut getroffen. Jules Michelet hatte seine Werke: »Des Jesuites« – »Le prêtre, la femme et la famille« – »Le Peuple« bereits geschrieben und elektrisierte eben, wie ich wußte, die Jugend durch Vorträge über die Geschichte der großen Revolution. Es war eine Zeit, wo die Geschichtsbücher über diesen Gegenstand gleichsam im Vorgefühl der kommenden Ereignisse einander jagten.

Es war noch früh. Wir hatten im Hofe zu warten. Die Universitätsbehörde, die den Zudrang der Leute zu diesem Lehrer ungern sah, spielte nämlich dem Auditorium den Schabernack, die Türen zu Herrn Michelets Kolleg immer erst im letzten Moment öffnen zu lassen. So vertrieb man sich die Zeit mit Rauchen und Singen, und alles stampfte, trampelte, schüttelte und bewegte sich, um sich am kalten Wintermorgen warm zu halten. Zeitweise erschollen Rufe: Aufgemacht! Aufgemacht! aber Rufen und Stampfen blieben erfolglos. Langsam rückte der Zeiger auf der Uhr über dem Portale vor, erst als er die X erreicht und die Stunde vollständig ausgeschlagen hatte, öffneten sich von innen die Türflügel. Nun – kaum wußte ich, wie mir geschah – wurde ich gleichsam in die Höhe gehoben und unter greulichem Toben und Poltern erst einige Treppen vorwärts getragen, um schließlich als Teil einer Menschenlawine in einem kleinen, amphitheatralisch gebauten Hörsaale niederzugehen.

Endlich zu mir gekommen, musterte ich das Auditorium. Es war eine echte Jugend des Lateiner Viertels, die mich umgab. Abgetragene Röcke, phantastische Hüte, hübsche, aber blasse und verlebte Gesichter. Hie und da verkündigte eine rote Czapka den polnischen Emigranten, der sein Nationalwahrzeichen auch in der Fremde nicht abgelegt. Vorn in den ersten Bänken saßen fünfzehn bis zwanzig Damen, die durch eine Nebentüre Eingang gefunden haben mochten, echte Blaustrümpfe, sämtlich reizlos.

Bald machten sich die politischen Demonstrationen hörbar, die in Michelets Kollegium nie fehlten. Ein tiefer Baß stimmte die ersten Noten der Marseillaise an und sofort erscholl aus Hunderten von Kehlen das Kriegslied der Revolution. Als dies zu Ende, kam das »Jamais Anglais en France ne regnera« an die Reihe, auch das Ça-ira wurde angestimmt, aber auch schnell fallengelassen. Denn nun traten Virtuosen auf, welche Vögel- und Säugetierstimmen nachahmten. Das Krähen des Hahns, das Gebell des Hundes, sogar das Iah des Esels ließen sich vernehmen.

»Worüber wird der Professor heute sprechen?« fragte ich einen Nachbar, ein ziemlich bemoostes Haupt.

»Das weiß er vermutlich selbst noch nicht«, war die Antwort.

»Ich meine, wo er zuletzt geblieben?«

»Hm! Das letzte Mal hat er vom heiligen Christoph, dem Buddha und der dreisaitigen Leier gesprochen.«

»Von der dreisaitigen Leier?«

»So ist es. Die Leier, erklärte er uns, war im Collège de France aufgestellt und erfüllte die Welt mit ihrem Wohllaute. Ihre erste Saite war von Gold und hieß Mickiewicz, die zweite von Silber und hieß Edgar Quinet. Die dritte Saite ist von Stahl, und die ist Michelet selbst. Die Regierung hat zuerst die Saite von Gold, dann die von Silber zerrissen und weggeworfen, die dritte schwingt noch einsam, vermag aber wenig ohne ihre Schwestern. Ihr Ton ist Klage geworden ... Wunderbar gesagt, nicht wahr?«

»Und wie kam«, fragte ich weiter, »der heilige Christoph in den Vortrag?«

»Der heilige Christoph«, erwiderte mir der Student, »ist eine Allegorie Frankreichs. Christoph war nämlich ein Riese und wollte nur demjenigen dienen, den er stärker befunden als sich selbst. Da kam er eines Tages an den Hof des Königs von Syrien – nein, von Medien« – Ein plötzlich losbrechendes Donnerwetter, Bravorufen und Händeklatschen durcheinander, unterbrach in diesem Augenblick die Erzählung.

Michelet war eingetreten und wand sich durch die Reihen von Blaustrümpfen, die sich allmählich aus den vorderen Bänken in die unmittelbare Nähe des Katheders gezogen hatten. Er verbeugte sich, winkte wiederholt den Beifall ab, wie wenn er sagen wollte, nun aber laßt es genug sein; umsonst, der Enthusiasmus wollte sich nicht beschwichtigen lassen. Nun richtete er sich, die Hände auf den Tisch gestemmt, auf und blickte starr vor sich hin, das Ende des Beifallssturmes ruhig abzuwarten.

Es war ein kleines hageres Männchen mit beinahe weißem Haar. Auf seinen Wangen saß eine hektische Röte, die Augen blickten scharf, sogar stechend. Er war ganz schwarz, aber höchst elegant gekleidet, im Knopfloch blühte wie eine dunkelrote Nelke das Bändchen der Ehrenlegion. Als der Sturm vorübergegangen, setzte er sich, ließ den Kopf nachdenklich hängen, begann einen schmalen Papierstreifen zwischen den Fingern zu rollen und hob endlich in ganz kurzen Sätzen von sieben bis acht Worten folgendermaßen an:

»Meine Herren, ich setze heute die Vorlesungen über die französische Revolution fort, die ich vorigen Mittwoch abgebrochen. Und zwar wollen wir ins Auge fassen die Epoche vom Zusammentritt der konstituierenden Nationalversammlung bis zur Errichtung der Republik. Juni 1789 bis 21. September 1792. Merken Sie sich diese Daten. (Pause.)

Meine Herren, als ich heute aufstand – zur Stunde, wo der Ouvrier aufsteht – um vier – denn ich bin ein Ouvrier – da war es sehr kalt. Meine Fensterscheiben zeigten dicke Eisblumen. Ich zündete meine Lampe an. Mich fror, doch wollte ich niemand wecken, mir Feuer im Kamin anzuzünden. Um mich zu erwärmen – dachte ich – an Sie! (Großer Beifall.) Ich sagte dann zu mir: die Welt leidet zwiefach: geistig und leiblich. Es ist kalt in der Welt und finster! Ich gedachte der Armen. Aller derjenigen, welche leiden. Ich sagte zu mir: ja, der Winter wird zu Ende gehen, der Frühling wird kommen, der Sommer wird die Ernte bringen – aber wann haben wir eine Ernte des Geistes? Wer wird sie hereinbringen, die Ernte des Geistes? (Pause.)

Etwas antwortete mir darauf: Derjenige wird sie einbringen, die Ernte des Geistes, der es verstehen wird, in einem Buche zu lesen. In welchem Buche? Es gibt zweierlei Bücher. Zur ersten Art gehört die orientalische Tradition, die sogenannte Bibel. Dann die italienische Bibel: Dante, die englische Bibel: Shakespeare, endlich die glorreiche französische Bibel: Rousseau und Voltaire. (Großer Beifall. Michelet reibt sich das Kinn und blickt unwillig, weil man ihn unterbrochen hat.) Aber – die zweite Gattung Bibel ist noch viel wichtiger und lehrreicher als die erste – diese Bibel ist das menschliche Herz. (Bravo! Bravo!) In dieser Bibel sollen Sie lesen, meine Herren, und das werden Sie, wenn Sie die beobachten, die da arbeiten und darben ... (Bravo! Bravo!)

Es gibt nun wieder zwei Arten, diese letztere Bibel zu lesen: zu Hause oder auf dem Markte. Zu Hause liest man im eigenen Herzen – auf dem Markte im fremden. Man hat gesagt: der Anfang der Weisheit sei die Furcht des Herrn. Nein! der Anfang der Weisheit ist – (der Professor hält inne, große Spannung) der Anfang der Weisheit ist, seinen Türschlüssel nicht draußen stecken zu lassen! (Großer Beifall.) Sich abzuschließen, sich absperren, das, meine Herren, ist der Anfang der Weisheit.

Oder – man muß sich dahin begeben, wo sich die Massen des Volkes treiben, wo Mensch mit Mensch verkehrt. Molière, der größte Beobachter der Herzen, wurde auf einem Markte geboren. Dante pflegte sich auf dem öffentlichen Platze niederzusetzen. Das ist's! Auf den Markt muß man gehen, ins Menschengedränge als Zuschauer und Beobachter – da lernt man lesen im Herzen des Volkes, das ist das Buch der Bücher. Gehen Sie also abends, wenn das Volk aus den Fabriken strömt und nach seiner Arbeit Erholung sucht, in die Faubourgs St. Monceau und St. Antoine. Da werden Sie lernen, was Ihnen in den Kollegien nimmermehr gelehrt wird. Sie brauchen nicht mit Geld in der Tasche dahin zu gehen, Sie brauchen nur Menschenliebe im Herzen und die Gesinnung der Gleichheit – da wird sich das Buch der Bücher vor Ihnen auftun. Eine Parabel! ... Ein Schriftgelehrter in alter Zeit war auf dem Wege ins Kollegium. Er hatte das Buch unter dem Arme, das ihm zum Vortrag diente. Auf dem Wege begegnete ihm ein Bedürftiger. Der Gelehrte leerte seine Tasche, schenkte ihm, was er eben bei sich trug. Siehe da! An einer Ecke traf er einen zweiten Bedürftigen, der fast unbekleidet im Winterfroste stand. Der Weise schenkte ihm seinen Mantel. Und schon kam ein dritter Bettler heran, der noch elender war als die beiden anderen. Der Meister hatte nichts weiter ihm zu schenken als das Buch, das er am Herzen trug. Der Arme bittet, und der Meister schenkt es ihm. Und plötzlich verklärt ein heller Schimmer den Scheitel des Armen. Es war der Christus, der dem Schriftgelehrten erschienen. Und seit dem Tage las der Weise keine Bücher mehr.

Meine Herren, es ist spät geworden, zu spät, als daß wir heute noch den Faden unserer Geschichtsstudien aufnehmen könnten. In der nächsten Vorlesung wollen wir fortfahren in der Betrachtung der Periode vom Zusammentritt der konstituierenden Versammlung bis zur Errichtung der Republik.«

Das war Jules Michelets Vorlesung. Ich habe sie, ohne ein Wort daran zu ändern, nach den Noten in meinem Gedenkbuch wiedergegeben. Man möge sich nicht wundern, daß sie so kurz ist, durch die Art, in der sie vorgetragen wurde, und bei den Unterbrechungen von Seiten des Publikums mag sie wohl fünfundzwanzig Minuten gedauert haben. Das Quartier latin war von ihr sehr befriedigt. Ein donnernder Applaus begleitete den Professor auf seinem Rückzuge, einige Chöre stimmten wieder die Marseillaise an, dazwischen ließen sich wieder die Virtuosen in Tierstimmen vernehmen. Auf dem Hofe steckte alles in großer Erregung die kurzen Pfeifen an und verabredete die Unterhaltungen für den Abend.

Ich meinesteils konnte mir die Art des Mannes kaum deuten und zurechtlegen. Ein Komödiant war er doch nicht, auch kein Mann des Humbugs, im Gegenteil, ein Mann von ehrlich demokratischer Gesinnung. Wie kam er dazu, sich so wunderlich zu gebärden? Dachte er bei sich: was kann ich und darf ich einer blasierten Jugend bringen, die ohne Ernst, ohne jeden Sinn für Wissenschaftlichkeit bloß daherkommt, zu demonstrieren, allerhand Ulk zu treiben, Spektakel zu machen und dann wieder zu ihren Kneipen, ihren Biergläsern, ihren Liebchen zurückkehrt? Ihr einen methodischen Vortrag zu halten, wäre vergebliche Mühe. Ich habe alles getan, wenn ich ein paar Saatkörner der Humanität, wie sie in mir lebt, ihr hinwerfe, vielleicht geht doch da und dort ein Halm auf ...

Als ich in diesen Gedanken auf dem Schwellenstein zauderte, huschte ein kleines Männchen an mir vorüber. Es war Michelet. Ich sah ihn nun in nächster Nähe und sah erst jetzt recht, wie alt, gebrechlich und hager das Männchen mit dem roten Bändchen im Knopfloch seines schwarzen Rockes. Und ein heimliches Mitleid ergriff mich, aber auch Unwille. Nein, die besten und nützlichsten und wahrsten Gedanken können es nicht vertragen, daß man sie mit phantastisch scheckigen Lappen verkleidet durch die Menge spazierenführt.

Einige Tage später lernte ich auch Michelets ehemaligen Kollegen, den Dichter Adam Mickiewicz kennen. Er wohnte draußen in Batignolles, Rue du Boulevard 12, in einer ebenerdigen Wohnung, welche die Zeichen äußerster Armut und Verwahrlosung an sich trug. Ärger kann es auch bei Milton nicht ausgesehen haben. Die Erscheinung des größten Dichters, den die Slawen je gehabt haben, hat die traurigste Erinnerung in mir zurückgelassen. Mickiewicz stand erst im achtundvierzigsten Jahre, sah aber schon ganz verfallen aus. Es war im Februar; er ging auf den Ziegelfliesen eines ungeheizten Zimmers in ungeheuren Filzschuhen umher Vor zwei Jahren hatte er seine Professur der slawischen Sprachen am College de France verloren. Armut, Verfolgung, häusliches Unglück hatten ihn einem Zustand entgegengeführt, der wohl der Geistesstörung sehr nahe war. Ich sprach französisch mit ihm, aber er mußte auch deutsch verstehen, denn er hatte meinen »Ziska«, den ihm ein Landsmann, Chodecky, gebracht, unlängst gelesen. Sodann kam er auf Polen zu sprechen und erzählte, daß es eine alte Wahrsagung gebe: Polen werde befreit werden durch einen Mann, dessen Name einundvierzig Buchstaben habe. Dieser werde einen Bund von einundvierzig Städten stiften und ein Heer von einundvierzig Legionen aufstellen. Mickiewicz schien an diesen Unsinn fest zu glauben, er äußerte die Überzeugung, daß dieser Heiland bereits geboren sei. Schließlich gab er mir sein Werk: »Le Messianisme« mit, in welchem Napoleon für eine Art Heiland erklärt wird.

Mickiewicz hat, ebenso wie sein ausgezeichneter Zeitgenosse, der Dichter Slowacki, den Eindruck eines großen Unglücklichen auf mich gemacht; sonst weiß ich über ihn nichts zu sagen.

 

Als der Mai herangekommen war, verließ Heine seine Wohnung in der Rue Poissonnière und zog nach Montmorency. Er meinte, Landluft und Stille würden seinen Nerven guttun. Er hatte in der »Chataigneraie« ein hübsches Häuschen mit schattigem Garten gefunden.

Bald darauf erhielt ich einen Brief von ihm folgenden Inhaltes: »Tausend Grüße von allen Nachtigallen meines Gartens! Auf übermorgen sind Sie freundlichst bei mir zu Tische geladen. Sie kennen unsere Stunde. Vergessen Sie nicht Seuffert mitzubringen, der uns sehr willkommen sein wird.«

Am bezeichneten Tage machten wir uns gegen drei auf den Weg. »Der Mann mit dem Bandl«, sonst im Punkt der Toilette sehr nachlässig, hatte sich festlich gewandet und sich sogar mit einem neuen schwarzen Spielbändchen versehen.

Montmorency, zu Rousseaus Zeit fast eine Wildnis und vier Wegstunden von Paris entfernt, war schon damals durch die Stadtbahn fast an die Barriere gerückt. Die Fahrt dauerte fünfzehn Minuten. Man fliegt am Montmartre, an den Forts, an St. Denis vorüber, und ehe man's merkt, ist man in Enghien.

Hier sind Landhäuser zwischen Wiesen und Baumpartien zerstreut; ein kleiner Weiher wird jeden Sonntag zu Wasserfahrten benutzt. Der Weg schlängelt sich in Krümmungen durch die Weinberge die Anhöhe hinan. Endlich sieht man Paris wie einen erstarrten Meeresspiegel mit einzelnen grauen Klippen in der Ferne liegen. Nun erscheint ein kleines Gehölz, von einzelnen Eichen überragt; zahlreiche Landhäuschen liegen in den Senkungen und auf den Höhen. Man ist in Montmorency.

Wir fanden Heine in seinem Gärtchen, auf einem Plaid ins Grüne gelagert, die Mappe vor sich, den Bleistift in der Hand. Wenn man ihn damals fragte, woran er schreibe, antwortete er: an meinen Memoiren. Aber es lag nicht in seinen Gewohnheiten, von der Prosa, die er schrieb, etwas vorzulesen oder sonstwie mitzuteilen. Die Mappe wurde, wenn ein Besucher herantrat, sofort zugeklappt.

So habe ich auch späterhin niemals erfahren, mit welchem Abschnitt seines Werkes er soeben beschäftigt war.

Frau Mathilde hatte ihrerseits ein paar Freundinnen eingeladen. Ihr Papagei war nicht in der Stadt geblieben, der grüne Geselle saß in seinem Käfig von Messingstäben und begrüßte die Herankommenden mit einem lauten Bon jour!

Das größere Zimmer im Erdgeschosse wurde als Speisesaal benutzt; auf dem zierlich gedeckten Tische war ein riesiges Bouquet zu schauen. Nicht ungern sah man das kleine Arsenal diverser Gläser neben dem Kuvert: das winzige Gläschen für den Madeira, das größere für den Sauterne, das gewöhnliche für Rotwein und den edlen Spitzkelch, der da Champagner bedeutet. Heine als Wirt – nach den Indizien zu schließen, ein paar hübsche junge Damen als Gäste – ich meine, das verspricht ein paar heitere Stunden ...

»Was haben Sie indes erlebt, lieber Seuffert?« war eine der ersten Fragen.

»Mir hat das Unglück fatal mitgespielt«, war die Antwort. »Sie wissen, ich habe seit Jahren den leidenschaftlichen Wunsch, der Rachel vorgestellt zu werden. Endlich habe ich Aussicht dazu, Roger gibt mir eine Empfehlung an sie. Ich sende sie ein, erhalte Antwort, es wird Tag und Stunde bestimmt, wo die Tragödin mich empfangen wird. Ich gehe hin – in welcher Bewegung können Sie sich denken ... Doch da sehen wir den Pechvogel! Fräulein Rachel hat plötzlich zu einer Probe fahren müssen – es empfangen mich an ihrer Stelle die beiden Eltern, Papa und Mama, die allereinfachsten, ich sage Ihnen, die allereinfachsten Leute! Was kann ich mit diesen anfangen? Was habe ich vom Besuche? Die alten Leute haben mich freundlich aufgenommen – aber was nützt mir das? Ich wollte ja die Tochter sehen! Zum größten Unglück ist die Sache nun abgetan – man hat mich nicht aufgefordert, wiederzukommen ...«

»Die Rachel«, erwiderte Heine, »darf man nur auf dem Theater sehen wollen, nicht im Hause. Auf dem Theater, wo ihr ein Dichter die Worte souffliert, ist sie groß und sublim. Weiß geschminkt, Brust und Arme herrlich drapiert in ihrem weißen Gewande, gleicht sie einer griechischen Statue. Sie hat aber auch eine Stimme, alle Herzen umzudrehen, und wie weiß sie die jähen Übergänge des Gefühls zu malen, wie stellt sie die Ausbrüche der Leidenschaften dar! Vor allem aber hat sie so merkwürdige Töne für die Darstellung geheimer, sich verbergender, verbrecherischer Liebe ... Auf dem Theater, ja, ist sie so groß! Daheim aber in ihrer Wohnung finden Sie nur ein gelbes, hageres, breitstirniges Frauenzimmer, das ganz Gewöhnliches spricht, ohne jeden Adel, sogar ohne jeden eigentlichen Geist. Ich habe sie daheim gesehen und bedauere es! Freuen Sie sich vielmehr, daß Sie sie nicht daheim gefunden! So bewahren Sie sich Ihre Illusionen! Übrigens erinnert mich die Erzählung Ihres Besuches an die Geschichte des Mannes, der in der Jahrmarktsbude das seltene Tier, das ›Naturwunder‹, sehen wollte, entsprossen dem Bündnis einer Häsin mit einem Karpfen. So war nämlich auf dem Zettel zu lesen. Der Mann zahlte das Eintrittsgeld, ging hinein, bekam aber nur ganz gewöhnliches Menageriegetier zu sehen. Da verlangte er, daß man ihm das Naturwunder zeige. ›Das ist nicht da‹, war die Antwort, ›wir haben es nicht mehr. Aber wenn Sie die beiden Eltern, die Häsin sowohl wie den Karpfen, zu sehen wünschen – so spazieren Sie in das Kabinett!‹ Sie, lieber Seuffert, wollten das große Naturwunder sehen, und man hat Ihnen nichts gezeigt als dessen Eltern, ein altes jüdisches Ehepaar!«

Es wurde zu Tische gerufen, und wir gingen lachend ins Speisezimmer.

 

Ich wohnte noch immer im Hotel Violet; meine Aussicht ging auf einen Hof, der durch zwei Reihen hoher düsterer Häuser gebildet war. Dicht daneben, nur durch ein vorstehendes Haus geschieden, brauste ein Strom von Menschen die gewundene Linie der Rue du Faubourg Poissonnière herab, aber die Passage Violet blieb still und öde wie eine entlegene Insel, auf der nur landen, die dort wohnen. Auch die Frühlingssonne wollte mit der Passage Violet nur wenig zu tun haben, sie kam des Morgens zu Besuch auf eine kurze Stunde, fast gleichzeitig mit dem alten Leiermann und dem Handelsjuden, der nach alten Kleidern fragte, und ward dann den ganzen Tag über nicht mehr gesehen. Um so freudiger wurde sie begrüßt. Wenn ich beim Frühstück saß und sie mir plötzlich in das Buch und auf das Papier guckte, brachte sie mich mit einem Male aus der grauen Stimmung, die von dem ernsten Quartier auf mich übergegangen war. Ich schlug dann wohl das Fenster auf, blickte nach meinem Nachbar Jakob Venedey hinüber, der drüben schon lange am Pulte stand und Korrespondenzen für deutsche Blätter schrieb, und rüstete mich langsam zum Ausgang, dessen Ziel meist die königliche Bibliothek war. Indes ließ sich die Drehorgel in klagenden Tönen vernehmen, der alte Leiermann hüstelte und begann mit gebrechlicher Stimme sein Lied: »Le Dieu des bonnes gens«:

II est un Dieu; devant lui je m'encline,
Pauvre et content sans demander rien,
De l'univers observant la machine
J'y vois du mal et n'aime que le bien.
Mais le plaisir à ma philosophie
Relève assez des cieux intelligents;
Le verre en main, gaiment je me confie
Au Dieu des bonnes gens.

Tag für Tag hörte ich dasselbe Lied und hörte es gern. Ich dachte dabei an den, der es gedichtet: an Beranger. Was ist es doch um einen Dichter, der gleichmäßig zu allen Klassen der Bevölkerung spricht, der auch den Geringsten zu seinem Tische lädt und Lieder zu verschenken hat, zu deren erfreulichem Verständnisse wie zu dem eines guten Glases Wein oder eines warmen Sommertages man nur eines menschlich warmen Herzens bedarf! Béranger, dachte ich, wie klein deine Welt auch ist, wie eng umgrenzt, sie ist doch schön! Dir ist die Erde ein grünes, umschlossenes Tal, wo kleines Menschenvolk fröhlich zecht und liebt. Der Himmel ist nur die blaue Kuppel dieses schönen Grundes, und durch deren Fenster blickt der liebe Gott als Herbergsvater vergnüglich auf seine Kinder herab. Klein ist dein Lied und hat wie eine Hirtenschalmei nur wenig Töne, du besingst darauf im gleichen Metrum den Ruhm des Soldatenkaisers und die Reize Lisettens, aber die Töne sind schön und klar und stimmen ebensogut zum Tanze wie zur Feldmusik. Du bist ein exklusiv französisches Gewächs, aber hier, wo alles in deine Lieder einstimmt, der Lastträger und der Invalide, der Student und die Grisette, hier lernt man dich lieben und verstehen ...

Das waren meine Gedanken, indes der Leierkasten im Hofe spielte, und nicht minder als ich schienen auch die übrigen Bewohner der Passage Violet den Einfluß Bérangers zu spüren. Die Schneidergesellen, die im Erdgeschosse arbeiteten, stellten ihre Arbeit eine Weile ein und singen den Refrain im Chorus mit, die Grisette, die im Dachstübchen nähte, wickelt ein dickes Sousstück in Papier und wirft es dem greisen Sänger vor die Füße.

Eines Morgens war ich wieder unter dem Einflusse des »Dieu des bonnes gens«, des Sonnenscheins und des Frühlings, als Venedey bei mir eintrat und mich fragte, ob ich ihn nicht auf einem größeren Spaziergange begleiten wolle? Er gönne sich heute Ferien. Er habe gestern ein mehrbändiges Werk beendigt und werde kaum vor ein oder zwei Tagen ein ähnliches in Angriff nehmen. Ein merkwürdiger Mann, desgleichen mir seitdem nie wieder einer begegnet! Er brachte die ernsthaftesten Werke mit einer Ruhe und Leichtigkeit zu Papier, als wenn es Kopistenarbeit oder ein Stoß Briefe an Freunde wäre. Ein Berg blauen Briefpapiers in Quartformat lag unter seinem Pulte, er hob einen Bogen nach dem andern ab und bedeckte ihn mit Schrift, daß es halb lustig, halb tragisch anzusehen war. Trat jemand bei ihm ein, so hieß er ihn willkommen und sagte, daß seine Anwesenheit gar nicht störe, er möge nur eine Weile sitzen bleiben, bis dies Kapitel zu Ende geführt sei. Der Besucher setzte sich dann wohl, griff nach einem Buche, kam aber selten zum Lesen, denn Venedey fragte dies und jenes, und Venedey nickte der Antwort freundlich entgegen. Die Feder in seiner Hand, scheinbar unabhängig von seinem Kopfe, fegte weiter. So behandelte er die ernsthaftesten und schwierigsten Themata, mochten diese nun Montesquieu, Voltaire, Rousseau oder anders heißen. Also entstanden die breit und mächtig angelegten Werke, von denen Heine behauptete, daß er sie so gerne habe, während er doch Venedeys kurze Pamphlete nicht ausstehen könne.

»Was?« fragte ich verblüfft, als ich zuerst aus seinem Munde die Ansicht hörte. »Venedeys vielbändige Werke sind Ihnen lieber als seine kleinen Sachen?«

»Allerdings«, war die Antwort. »Wasser in unabsehbarer Ausdehnung, als Binnensee, als Meer, als stolzer Ozean ist eine Sache, für die ich schwärmen kann. Dagegen ist mir Wasser im Kaffeelöffel geradezu verhaßt ...«

Nun, das waren Bosheiten, wie man sie von Heine gewohnt war. Mit welchem liebenswürdigen Lächeln wurden diese scharf gespitzten Pfeile abgeschossen! Jacob Venedeys Bücher mochten langweilig sein, man hat aber kaum ein Recht, scharf gegen sie zu verfahren. Die herbe Nötigung des Lebens hatte den Flüchtling zum Schriftsteller gemacht, und wenn er auch nur ein geringes Maß schöpferischer Gedanken besaß, die Gesinnung und das Wollen des Verfassers waren gewiß immer im höchsten Grade nobel und achtungswert ...

Bald waren wir aus unseren düsteren vier Mauern heraus.

Es war ein schöner Morgen im angehenden Mai, Paris lag unter dem blauen Frühlingshimmel wie eine verzauberte Stadt da. Über das reinliche glänzende Pflaster des Boulevards wogte ein Menschenstrom, jeder einzelne schien sich des hellen Tages, der milden Luft zu freuen. In den Weinläden standen Leute aus den unteren Volksklassen und nahmen ihren zweiten Morgentrunk, auf den vor den Kaffeehäusern hinausgerückten Stühlen frühstückte die elegante Männerwelt. Wagen und Karren rollten vorüber, die Verkäufer boten ihre Waren aus, in bunten Farben bemalte Omnibusse zogen wie seltsame Ungeheuer durch das verworrene Gewühl von Menschen und Wagen. Militär kam des Weges, die Trommeln wirbeln, die Bajonette glitzern in der Sonne. Blumenverkäuferinnen boten ihre frischesten Sträuße aus, Putzmacherinnen trippelten mit ihren lackierten Modewarenschachteln hin, alte Herren führten ihre kranken Möpse am roten Bande spazieren. In den Tuilerien, die wir jetzt durchschritten, waren schon alle Hecken grün, da blüht der Hollunder und der Orangenbaum im Kübel, ein lieblicher Duft durchwürzt die Luft. Wahrlich, die Welt schien voll Jugendfrische und Hoffnung zu sein! In den Alleen welch ein Leben! Tausend und tausend Kinder waren dort versammelt, Ball zu schlagen, den Reifen zu jagen und sich mit dem Springseil zu tummeln. Welch' dummes Wort: il n'y a plus d'enfants – mußte man bei diesem Treiben denken. Da treten leuchtend die weißen Marmorstatuen aus dem grünen Hintergrunde der Kastanien hervor, der Obelisk aber, ein steinernes Rätsel, blickt vom Concordeplatz leuchtend in den Himmel hinauf, indes die Fontainen um ihn herum rauschen und singen: Sie hätten noch immer so viel zu tun, das Blut hinwegzuwaschen, das hier einst geflossen ...

Wenn ich mit Venedey beisammen war, suchte ich ihn immer auf seine Vergangenheit und auf die Erzählung seiner Erlebnisse zu bringen. Er hatte das Hambacher Fest mitgemacht, er war am sogenannten Frankfurter Attentat vom April 1833 mitbeteiligt gewesen, einer jener unerschrockenen Jünglinge, die mit Waffen in der Hand den deutschen Bundestag zu sprengen versuchten. Er war durch eine lebensgefährliche Flucht lebenslänglicher Gefängnisstrafe entgangen. Man denkt heutzutage zu geringschätzig von diesen Unternehmungen, die doch in der Absicht veranstaltet waren, den Gedanken deutscher Nationaleinheit zur Wahrheit zu machen. Weil die Mittel gar so klein, scheinbar lächerlich, zuckt man die Achseln, und doch weiß jedermann, daß unter gegebenen Bedingungen ein bißchen Hefe alle Moleküle eines Teiges in Bewegung setzt und ein kleiner Funken zuweilen die großartigste Explosion herbeiführt. Der Teig war nicht gehörig vorbereitet, der Funke fiel in Sand und Staub, die jungen Leute büßten für ihre sehr irrigen Voraussetzungen.

Nun war Venedey allerdings das Gegenteil von dem geworden, was er gewesen. Seines Irrtums gewahr, ging er jetzt zu weit in die entgegengesetzte Richtung und bekämpfte allenthalben den praktischen Revolutionär, der er doch selbst gewesen. Der ehemalige Mann des »jungen Europa« wiederholte fortwährend den Spruch, daß, wer das Schwert ziehe, durch das Schwert umkommen müsse. Nur protestieren solle man, seine Meinung nämlich sagen, etwa auch die Zahlung der Steuern verweigern und dann dulden.

Wie wunderlich kam mir oft dieser politische Quäker vor!

Wir hatten die Champs-Élysées, den grünen innerhalb der Mauern von Paris liegenden Wald, erreicht. Reiter und Amazonen in flatternden Gewändern flogen die Avenue von Neuilly hinab, der Staub wirbelte ihnen nach. Ein zarter schillernder Schleier umhüllte den mächtigen Bau des Triumphbogens.

Aus den Toren heraus, befanden wir uns bald in einer an einem mäßigen Hügel hingebauten Vorstadt, die ich jetzt zum ersten Male sah. Sie hatte mit ihren kleinen niederen Häusern und schlechtgepflasterten Gassen den Charakter eines ärmeren Faubourg. Schön war nur die Aussicht auf das weite Marsfeld, das sich auf dem jenseitigen Seineufer hindehnte.

»So wären wir unerwartet bis Passy gekommen«, sagte Venedey. »Hier wohnt Béranger, wir könnten eigentlich bei ihm einsprechen. Es ist ein freundlicher alter Herr und hat sich mir immer gewogen gezeigt.«

Ich erwiderte, daß ich täglich an Béranger gemahnt werde und ihn gerne kennenlernen möchte.

Gleich darauf blieb Venedey vor einem kleinen Häuschen stehen. Ein paar Schritte, und er pochte an der Tür einer Parterrewohnung. Mehrere Stimmen riefen herein, wir standen in einem freundlichen kleinen Zimmer, durch dessen offenes, auf einen Garten hinausgehendes Fenster grünes Weinlaub hereinwinkte. Da saß ein freundlicher alter Herr, eine Sammetmütze auf dem Kopfe, ihm gegenüber eine alte Dame, sie hatten eine Flasche Wein und ein tüchtiges Frühstück vor sich. Ein junger Mensch mit charakteristischem Gesichte, offenbar ein Südfranzose, las dem alten Herrn die Zeitung vor. Da hatten wir denn alles beieinander: der freundliche alte Greis war Béranger, die alte Dame die Nachfolgerin Lisettens, Judith Frère, vermutlich dieselbe, die als bonne vieille in seinen Gedichten vorkommt, der junge Mensch ein Redakteur des »National«.

Ein Porträt von Béranger zu geben, ist wohl unnütz, sein Kopf ist nach einem von David d'Angers modellierten Medaillon unzähligemal gezeichnet worden. Er stand damals in seinem siebenundsechzigsten Jahre und glich diesem Bilde noch so sehr, daß ich ihn gleich danach erkannt hätte. Ein Kopf, um den nur spärliche Flocken grauer Haare spielten, eine bedeutende Stirne, gerötete Wangen, kluge, schelmische Augen, ein bald schmunzelnder, bald sarkastisch zuckender Mund – das zusammen gab das Bild des Alten, der bei Tische saß und seiner Flasche eifrig zusprach.

Es war eben um die Zeit des von Friedrich Wilhelm dem Vierten einberufenen Vereinigten Landtags, der damals das ganze Interesse von Paris in Anspruch nahm. Der Romantiker auf dem Throne hatte schon Ende 1846 seinem Volke versprochen, durch Einberufung eines Landtages die Einführung einer Verfassung in Preußen anzubahnen. Nun war er zusammengetreten. Gleich nach den ersten gewechselten Begrüßungsworten sprang das Gespräch auf das politische Gebiet.

»Was gibt's für Neuigkeiten aus Deutschland?« fragte der Alte in leicht satirischem Tone. »Was macht Berlin? Lassen Sie hören. Was macht das erste Volk der Welt?«

»Das erste Volk der Welt«, erwiderte Venedey, die feindliche Absicht merkend, »können in Frankreich nur die Franzosen heißen.«

Béranger lachte: »Mitnichten! Das erste Volk der Welt sind unzweifelhaft die Deutschen. Ich höre und lese das jetzt überall. Die Berliner Redner sagen es jeden Tag, und auch die französischen Blätter behaupten, daß Deutschland jetzt auf dem Punkte stehe, der Welt ein Schauspiel von außerordentlicher Großartigkeit zu geben. Wir armen Gallier sind jetzt ganz beiseite gestellt, und es ist nur die Frage, ob uns die Deutschen erlauben, das zweite Volk des Kontinents zu bleiben?«

»Aus der Ironie, mit der Sie das sagen«, erwiderte Venedey, »blickt nur zu deutlich hervor, daß Sie sich nicht an den Gedanken gewöhnen können, daß die zwei gebildetsten Völker Hand in Hand, sozusagen in einer Front vorwärtskommen können.«

»Verzeihen Sie einem alten Manne, der von den Erinnerungen der alten Tage nicht loskommen kann!« erwiderte Béranger gleichsam beschwichtigend, als er Venedeys Wangen sich bei den letzten Worten röter färben sah. »Ich weiß von Deutschland gar so wenig ... Ich verstehe nur französisch und bin nie über den Rhein gekommen ... Ich weiß, daß Sie viele kleine Fürsten haben und daß Zensoren bestellt sind, Ihre Bücher und Zeitungen zu kontrollieren. –«

Hier fand ich endlich Gelegenheit, eine kleine Bemerkung anzubringen.

»Wohl gibt es Zensoren in Deutschland«, sagte ich, »doch sie stehen zwischen der Regierung und der öffentlichen Meinung mitten inne, und die Zeit ist vorauszusehen, wo die Zensur faktisch aufgehört haben wird, indes sie formell noch besteht. Zudem existiert Zensurfreiheit für alle Bücher über zwanzig Bogen. In der Tat bewegt sich der deutsche Gedanke frei von allen Fesseln. Es werden bei uns Bücher gedruckt, die den französischen Autor auf den Mont-Michel bringen würden ...«

Béranger lachte laut auf. Er schien es ganz vergessen zu haben, daß er selbst unter Karl X. wegen einiger spottender Bemerkungen in seinen Liedern der Beleidigung der königlichen Familie und Schmähung der Staatsreligion geziehen und zu neun Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von zehntausend Francs verurteilt worden war.

»Zum Beweis dieser Behauptung«, fuhr ich fort, »kann ich Ihnen Ludwig Feuerbach aufführen. Ludwig Feuerbach ist einer der größten Aufklärer, er nimmt das Werk Ihrer Enzyklopädisten wieder auf und gibt demselben erst die tiefere philosophische Begründung. Seine Bücher erscheinen, wie wenn es bei uns kein Institut der Zensur gäbe. Doch ich kann Ihnen noch ein weit frappanteres Beispiel weitgehender Meinungsfreiheit sagen. Sie haben wohl nie von Friedrich Daumer und seinen ›Geheimnissen des christlichen Altertums‹ gehört?«

»Nie!« erwiderte Béranger lachend. »Was hat dieser Mann für ›Geheimnisse‹ aufgestöbert?«

»Daumer«, sagte ich, »ist überzeugt, daß in den ersten Zeiten des Christentums, lange nachdem bei den Juden und anderen Völkern das Menschenopfer durch das Tieropfer abgelöst war, ja bis tief ins Mittelalter hinein, das Blut eine große Rolle gespielt hat und das erste Christentum zum Menschenopfer zurückgriff.«

»Aber das ist abscheulich! Wer derlei behauptet, verdient meiner Meinung nach den Galgen!«

»Ich halte«, erwiderte ich, »jedes Urteil über Daumers Meinungen zurück. Ich führe sie nur einfach an, um Ihnen zu zeigen, was bei uns in Deutschland gesagt und geschrieben werden kann. Übrigens bin ich der Ansicht, daß wissenschaftlich vorgetragene Überzeugungen nur wissenschaftlich widerlegt, nicht aber polizeilich gestraft werden sollen.«

Diese Ansicht schien dem alten Herrn sehr paradox, er wandte sich an Venedey und fragte: »Ist das ein Landsmann von Ihnen?«

»Nur ein halber«, war die Antwort.

»Also lassen Sie hören«, fragte Béranger. »Wo kommen Sie her? in welcher Stadt haben Sie gelebt, ehe sie in unser liebes Paris kamen?«

»Ich bin aus Prag«, antwortete ich.

»Also ein Ungar!«

»Um Verzeihung! Prag –«

»Prag ist aber doch die Hauptstadt Ungarns?« (mais voyons, Prague est donc la capitale de la Hongrie?)

»Sie verwechseln Prag mit Pest, Monsieur Béranger.«

»Peste, vouz avez raison! Die Hauptstadt von Ungarn heißt Pest. Und Sie sind aus Prag. J'y suis. Prag! Prag! Wer kennt das nicht! Wer hat nicht davon gehört! ... Sie scheinen mir zu jung, als daß ich annehmen könnte, daß Sie in den letzten Kämpfen mitgefochten?« ...

»Pardon! Wir haben seit Napoleons Zeiten keinen Krieg gesehen.«

»Wie? Was? keinen Krieg? Sie nennen das keinen Krieg? Die Sensenmänner – unter dem General – mein Gott, wie heißt er doch? Sein Name geht auf ski aus« (quelque chose en ski).

»Monsieur Béranger verwechseln, wie ich sehe«, entgegnete ich, »Prag mit Praga«. Praga ist die jenseits der Weichsel gelegene Vorstadt von Warschau, Prag dagegen –«

»Ganz recht! Wir wickeln uns schon aus dieser Konfusion heraus. Aber ein Pole sind Sie doch?«

»Keineswegs. Ich bin ein Deutscher. Prag ist die Hauptstadt von Böhmen und mitten, man kann sagen, im Zentrum von Deutschland gelegen.«

»Was? Prag? Mitten in Deutschland? Was Sie mir da sagen! Nun, Sie merken schon, daß die Geographie nicht meine besondere Stärke ist. Und nun sagen Sie, gehört Böhmen zur confédération allemande oder zu Österreich?«

»Es gehört zu Österreich und zur ›Confédération allemande‹.«

»Da haben wir's nun!« rief Béranger, aufs höchste belustigt. »Es liegt in Österreich und auch im deutschen Bunde! Da soll sich der Teufel zurechtfinden! Sehen Sie, meine Herren, wir Franzosen sind Freunde der Klarheit. Was nicht klar ist, das ist nicht französisch, das widerstrebt unserem Geiste. Nun aber herrscht bei Ihnen eine solche Wirrnis, eine solche Konfusion, eine solche Unklarheit ... Wir werden nie klug werden über Ihre Verhältnisse; es geht nicht; wir können es nicht beim besten Willen.«

Dabei blickte Béranger, Beistimmung heischend, auf seinen französischen Freund.

Dieser nickte ihm zu.

»Sehen Sie«, wandte sich Béranger wieder an Venedey, indem er sich offenbar auf seine Unkunde, die ihm ein Zeugnis für die überlegene Klarheit des französischen Geistes abzulegen schien, etwas zugute tat, »sehen Sie, so geht es mir in allen Deutschland betreffenden Dingen! Nehmen wir die Thronrede Ihres Königs, die eben so großes Aufsehen macht. Haben Sie jetzt eine Verfassung oder haben Sie keine? Ich werde nicht klug daraus. Für uns oberflächliche Franzosen, die wir nicht viel Philosophie studieren, gibt es keine Konstitution ohne Charte, ohne politische Rechte, ohne gehörige Garantie. Die Unterschiede zwischen ständischen und konstitutionellen Staaten kennen wir auch nicht und wissen nur von absoluten und von mehr oder minder beschränkten Regierungen ... Sie dürften mit Ihren beratenden Ständen schlecht beraten sein.« ...

Nachdem das Gespräch noch eine Weile in dieser Weise hin und her gegangen, verabschiedeten wir uns.

»Béranger hatte heute keinen guten Tag«, meinte Venedey kleinlaut, als wir draußen waren.

Das hatte ich mir allerdings auch gedacht. Es war zwar viel verlangt, daß ein Dichter, den zwei Leute bei seinem zweiten Frühstück überfallen, gleich den Dichter herauskehren soll, aber etwas mehr Geist, Herz, Blick, Bildung hätte sich doch beanspruchen lassen.

Wie man mit einem sehr kleinen Kapital, das man gut anlegt und richtig verwendet, doch Großes ausrichten kann! war mein Gedanke beim Weitergehen. Kleine Lieder, ungeheure Wirkungen! Wie einseitig nüchtern, prosaisch, ja, wie beschränkt und borniert war alles, was wir da aus dem Munde des gefeierten Mannes gehört hatten! Welche Selbstzufriedenheit in der Unwissenheit! Welche Sicherheit im Fehlgreifen! Und bei scheinbarer Bonhommie, welcher Mangel an Gutartigkeit! Wahrlich, sie hatten die Rollen ausgetauscht: Venedey war der überlegene Mensch, der Poet, Béranger der Philister – und welcher Erzphilister!

Ich mußte mir ihn allmählich wieder von Anfang an konstruieren als den Mann, der so viel schöne Lieder gesungen und damit so viele Menschen erheitert hatte ...

Als ich abends in mein Zimmer zurückkam, sah ich den Greis im Erdgeschosse seines Häuschens noch immer vor mir. Indes öffnete sich das Fenster gegenüber: die Nähterin drüben im Dachstübchen trällerte die Verse von »Le Dieu des bonnes gens«, wie sie es heute früh vom Leierkastenmanne gehört.

 

Es gab um diese Zeit wohl kaum einen Schriftsteller, der die Aufmerksamkeit seines Publikums so wachzuhalten wußte wie Alexandre Dumas. Nicht nur, daß er mit unermüdlicher Tätigkeit einen Roman nach dem andern, ein Drama nach dem andern in die Welt hinausschickte, er verstand es auch durch das, was er sonst tat und trieb, fortwährend von sich reden zu machen. Jetzt hatte er auf eine seiner Tragödien – den »Caligula« – eine goldene Denkmünze schlagen lassen, jetzt verwickelte ihn der Zufall in eine cause célèbre, und er hatte in öffentlicher Sitzung entscheidendes Zeugnis abzulegen. So war immer etwas von ihm zu erzählen. Die Zeitungen, die sich fast alle die Miene gaben, als ob sie den Vielschreiber mißachteten, verschmähten es nicht, weit öfter über sein Tun und Treiben Notizen zu bringen, als eben nötig gewesen wäre.

Auch in diesem Jahre hatte es wieder von Dumas viel zu erzählen gegeben. Sein Theatre historique auf dem Boulevard du Temple hatte er noch immer nicht eröffnen können; inzwischen aber stand er selbst fortwährend auf der Bühne und wußte – wunderbar bei einem Stücke von solcher Dauer – dies veränderliche Volk der Franzosen in beständiger Spannung zu erhalten. Diese Komödie war sein Prozeß mit den Herren Veron und Girardin, den Redakteuren des »Constitutionnel« und der »Presse«. Diesen beiden hatte Dumas alljährlich 18 Bände Romane zu liefern versprochen, wogegen ihm eine Rente von 65 000 Franken zukommen sollte. Nur diese beiden Journale sollten künftighin die neuen Bücher des berühmten Alexander bringen. Indes hatte Dumas von früheren Jahren her noch andere Verpflichtungen und war anderen Journalen und Buchhändlern gegenüber im Rückstand, und zwar – es war ganz genau berechnet worden – mit nicht weniger als 162 000 Zeilen. Er aber, im göttlichen Leichtsinne und als wäre dies Zentnergewicht gar nichts für seine Schultern, hatte den Bau einer Villa unternommen, durch seinen Gönner, den Herzog von Montpensier, das Privilegium zu einem neuen Theater erwirkt, hatte das Theater von St. Germain angekauft, um darin junge Schauspieler für die Bühne des Theatre historique heranzubilden, und war schließlich nach Spanien zu den königlichen Hochzeitsfesten, dann endlich zur Tigerjagd nach Algier und Tunis gegangen, ohne sich weiter um Veron und Girardin zu kümmern. Daher Klagen und gerichtliche Vorladungen, glänzende Plädoyers und unendliche Bonmots über den zu Zwangsarbeiten verurteilten und diesen entfliehenden Dichter.

Was nun die Villa in der Nähe von St. Germain betraf, so hieß es, sie solle ein Wunder von Pracht, eine Art Duodezalhambra werden und den Namen »Monte Christo« erhalten. Monte Christo, das war um so pikanter, als alle Welt damals den »Monte Christo« las. Jedermann sprach von der Villa und niemand wußte Bestimmtes davon: der Erfindung war offener Spielraum gelassen. Einige behaupteten, Monte Christo sei auf einer Insel erbaut und übertreffe an Pracht Aladins Schloß, andere sagten, es müsse schon darum auf dem festen Lande liegen, weil es bei St. Germain en Laye gar keine Inseln gebe. Noch andere behaupteten, Monte Christo sei eine Mythe und Fanfaronade. Es gebe kein anderes Monte Christo als das Felseneiland unweit Marseille.

Ich leugne nicht, daß ich gern einmal den Mann gesehen hätte, dessen Romane mich schon so oft ergötzt und dessen Tun und Lassen im gewöhnlichen Leben auch so bunt und abenteuerlich war. Der Zufall war mir günstig. Eines Tages hatte mich Madame A..., die ich von Karlsbad her kannte, zu einer Soirée mit dem Beisatze eingeladen, ich werde diesmal Alexandre Dumas bei ihr kennenlernen.

Am Abend, an dem der seltene Gast einziehen sollte, war der kleine Salon voller, als ich ihn je gesehen. Da gab es keine Gruppen mehr, sondern ein kompaktes Gedränge. Die Hausfrau, eine wohlkonservierte Matrone, der ein vortreffliches Haarfärbemittel noch den Anschein einer Vierzigerin verlieh, saß, von einem kleinen Damenkreis umgeben, am eleganten Kamin und schürte diesen von Zeit zu Zeit mit nervöser Hastigkeit. Ich merkte auch, daß sie sich oft unruhig umkehrte. Nun ging die Türe rasch auf, und ein Mann, der an Statur alle Umstehenden überragte, trat mit energischem Schritt ein. Es war Alexandre Dumas.

Ganz unlängst war ein großes Folioblatt, ein Karikaturbild, erschienen, das die bekanntesten französischen Tagesschriftsteller in Gruppen beisammen zeigte. Im Vordergrunde desselben sah man einen hochgewachsenen Mann mit einem Negergesichte, der mit Siebenmeilenstiefeln über Berge und Täler hinwegschritt. Ein Stern, vermutlich der Orden des Nischan oder der phantastische Elefantenorden des Schahs von Persien, hängt ihm wie ein Amulett um den Hals, auf dem Rücken aber trägt er eine Unmasse Bücher. Schwer scheint die Last, aber für den herkulischen Bau des Mannes ist sie soviel wie nichts. Mit unzerstörbarem Gleichmut trägt er sie, und auch die Berge und Täler da unten mit all ihren Hindernissen sind für ihn nicht vorhanden.

An diese Karikatur wurde man sofort erinnert. Nicht nur, daß Alexandre Dumas in ihr zum Sprechen getroffen, auch seine ganze Art und Weise war damit gezeichnet. Dumas zeigte in seinen Zügen noch viel von seinen afrikanischen Vorfahren. Das schwarze, gekräuselte Haar, das breite Gesicht mit den dicken Lippen, das feurige Auge gaben zusammen ein Ganzes, wie man sich den Kopf Othellos, des Mohren von Venedig, denkt. Hoch und stark gebaut, war er wie zum Tragen gewaltiger Lasten geschaffen. Der Bau seiner Stirn war nicht eben edel, aber Charakter und Phantasie saßen da beisammen. Dabei zeigte er in allen Bewegungen etwas Energisches und Robustes, und wer ihn sprechen hörte, begriff sofort, daß er einen Mann von fabelhafter Arbeitskraft und sprudelndem Erfindungsgeist vor sich habe, nebenbei auch einen Mann, der vor allen andern die größten Münchhausiaden mit Sicherheit vorzutragen verstehe.

Auch ich wurde dem Helden des Abends vorgestellt. Dumas erkundigte sich nach dem neuen Drama in Deutschland. Es war nicht schwer, ihm darüber etwas Neues zu sagen, da ihm alles unbekannt war. Im Interesse des Theatre historique fragte er nach übersetzbaren Stücken, ich erzählte ihm von »Uriel Acosta«, den »Karlsschülern« und von Hebbels »Maria Magdalena«. Er hörte zu und kam dann wieder auf seine Achtung für Schiller und Lessing zurück. Er erzählte, wie er eben mit einer Übersetzung von »Kabale und Liebe« beschäftigt sei – eine Arbeit, die um so erstaunlicher erscheint, wenn man bedenkt, daß Dumas kein Wort Deutsch verstand.

Unser Gespräch konnte nicht lange dauern. Dumas, der selten nach Paris zu kommen pflegte, hatte gar viele zu begrüßen. Er lud mich ein, ihn auf seinem Landsitze in St. Germain zu besuchen. »Ich werde Ihnen dabei«, setzte er hinzu, »Monte Christo zeigen können.«

Ein paar Monate vergingen, ehe ich im Strom des Pariser Lebens wieder an diese Einladung dachte. Endlich, an einem schönen Sommertage, fuhr ich auf der Eisenbahn hinaus. Der Weg nach St. Germain en Laye ist reizend. Er führt durch ein Land, das wie ein Garten bepflanzt und mit den freundlichsten Dörfern übersäet ist. Auf der letzten Station, eine Viertelstunde von St. Germain, beginnt ein Stück atmosphärischer Eisenbahn. Der kleine Zug fährt mit gleicher Schnelligkeit, aber ohne Dampf und Kohlenstaub, ganz geräuschlos in sanfter Steigung hinan. Nun erscheint das Städtchen auf der Anhöhe mit seiner prächtigen Terrasse, seinen weiten Kastanienalleen, es erscheint das Schloß, der uralte Königssitz, ein Bau mit grauen Türmen und Zinnen. Es gibt in der Nähe von Paris keinen schöneren Anblick.

Ich fragte nach Monsieur Alexandre Dumas; als wäre er ein souveräner Herr, so schien er bekannt, es wurde mir sofort Auskunft zuteil. Ja, man gab mir das Geleit zu seinem Hause.

Ich traf den grand Romancier in einer ausgedehnten Parterrewohnung, deren Einrichtung heutzutage vielleicht nicht mehr ganz absonderlich wäre, mir aber damals ganz eigentümlich und einzig erschien. Die Ausstattung der Zimmer war im Geiste französischer Spätrenaissance und des Barocks gehalten, hatte aber nebenbei einen starken Beigeschmack orientalisch dekorativer Phantasie. Schränke aus dunkelgebeiztem Eichenholze, teilweise mit eingelegter Arbeit, Wandgestelle mit phantastischem Schnitzwerk reichten bis an die Decke, dazwischen ließen persische und türkische Teppiche, hier als Wanddrapierung, hier als Portieren, dort als Möbelüberwurf verwendet, den Zauber ihres Farbenspiels und den Reiz ihres Linienornaments wirken. Uralte Fauteuils und hochlehnige Stühle, Kronleuchter von Schmiedeeisen, verblaßte Gobelins gaben dem Schreib- und Studierzimmer des Dichters das Aussehen eines historischen Museums. An der einen Wandseite des eigentlichen Schreibzimmers bildeten Helme, Harnische, Schwerter und Schilde einen großen Stern. Darunter hingen arabische Säbel in emaillierten Scheiden, türkische Flinten, wie Flammen gestaltete Dolche. Athos, Porthos und d'Artagnan, die wackeren Musketiere, waren, in Bronze gegossen, auf einer hohen Konsole zu sehen. Selbst das Schreibzeug, selbst die Karaffe mit Wein, die auf dem Tische stand, und das Glas dazu schienen der Zeit des Vierten Heinrichs und der Königin Margarethe zu entstammen.

Beim Apollo, wie kontrastierte diese Hauseinrichtung mit derjenigen der vaterländischen Schriftsteller, die ich bisher zu sehen bekommen! Daheim brachte alle Arbeit und alles Talent keinen Lohn ins Haus; wer da Schriftsteller geworden, hatte das Gelübde freiwilliger Armut auf sich genommen. Nur die machten eine Ausnahme, die einen Onkel beerbt oder eine reiche Frau geheiratet hatten. Warum die Misere daheim? Weil – ähnlich wie bei dem Speisungswunder des Evangeliums, wo fünf Brote und zwei Fische genügten, fünftausend Mann zu sättigen bei uns eine Auflage von einigen hundert, von höchstens tausend Exemplaren genügt, eine Nation von dreißig Millionen zu speisen und zu sättigen. Hier dagegen Luxus, weil der berühmte Autor nebst seinen französischen Lesern Leser in aller Welt und namentlich auch alle deutschen Leser hat! Bei uns hatte August Lewald eine gewisse Berühmtheit erlangt, weil er zwei Dutzend silberne Gabeln und Löffel besaß – das war ja etwas Unerhörtes! Hier sah ich einen Schriftsteller eingerichtet wie einen König ...

Ich fragte mich im stillen, ob es wohl bei uns je anders werden würde?

Der Dichter, der in Hemdärmeln, mit abgelegtem Halstuch vor seinem Schreibtische saß, war offenbar durch meinen Besuch gestört und in seiner Arbeit unterbrochen worden. Trotzdem schenkte er mir die liebenswürdigste Aufnahme. »Ich bin einer von denen«, sagte er, »die man immer zu Hause trifft; es ist mir aber ganz recht, zuweilen gestört zu werden. Ich schreibe eigentlich immer, jeden Tag vor dem Essen etwa acht Stunden, und wenn ich die Feder nicht mehr halten kann, diktiere ich. Sie werden wissen, daß ich meinen Prozeß gegen den ›Constitutionel‹ verloren habe. Ich muß furchtbaren Verpflichtungen nachkommen ...«

Mein Blick streifte durch das Fenster, vor dem die Hügel und Waldanflüge von Marly, Vesinay und Chatou im weiten Panorama ausgebreitet lagen, und wandte mich wieder der kostbaren Zimmereinrichtung zu. Als Dumas bemerkte, wie sehr ich sie bewunderte, fing er an, den Erklärer der einzelnen Stücke zu machen. Er nannte die Meister der einzelnen Bilder, ließ mich auf Schwertern und Harnischen die eingeprägten Ornamente betrachten, schließlich öffnete er eine Schublade und holte einen Rosenkranz aus Achatsteinen hervor, von dem ein massives goldenes Kreuz herabhing. »Der Rosenkranz des Herzogs von Alba!« sagte Dumas. »Ich habe ihn unlängst in Madrid erstanden. Er war nicht wohlfeil, aber ich habe die Belege, daß er echt ist ...«

Der Rosenkranz eines Menschen, den vieles Beten nicht am Morden hinderte, warf mich in ein Meer von Gedanken; Dumas, in der leutseligen Laune eines großen Herrn, fuhr mit seinem Erklären fort.

»Im ganzen«, sagte er, »werden Sie meine Wohnung recht bescheiden finden. Ich habe sie aber auch nur provisorisch inne, bis meine Villa ausgebaut ist. In zwei Monaten, hoffe ich, ist sie bewohnbar. Haben Sie Lust, sie anzusehen?«

Ich erwiderte, daß dies zu meinen besonderen Wünschen gehöre. Dumas kleidete sich rasch an, und wir gingen hinaus. Wir schritten die Anhöhe herab, auf der Saint Germain erbaut ist, und kamen, immer der Landstraße auf einem Seitenwege folgend, in ein grünes, hügeliges Land an den Ufern des Flusses. Gruppen und ganze Haine von Pappeln gaben dieser Gegend einen eigentümlichen Charakter, auf den Hügelabhängen zogen sich Terrassen der Weingärten hin, von den Strahlen des Abends beschienen.

Dumas hatte das Gespräch auf die deutsche Literatur gebracht. »Mir kommt vor«, sagte er, »als hätten die Deutschen eigentlich noch gar keine Literatur, sondern seien erst auf dem Punkte, eine zu gewinnen. Ein Aggregat von Büchern, die kein gemeinsamer Geist beseelt, ist noch immer keine Literatur. Ich verkenne nicht die Bedeutung Schillers und Goethes, deren Hauptwerke mir wohl bekannt sind, aber sie scheinen mir doch den Ansprüchen einer so großen Nation nicht zu genügen.«

»Allerdings«, erwiderte ich, »haben wir keinen Shakespeare, ich glaube aber, wir besitzen Werke von einer Innigkeit und Tiefe, die bei keiner anderen Nation so angetroffen wird. Unsere Literatur teilt den zerfahrenen Charakter und die zerfahrene Erziehung der ganzen Nation, überrascht aber mehr als jede andere durch geniale Naturen. Das Drama ist allerdings nicht unser eigentliches Gebiet. Wir besitzen nämlich kein maßgebendes deutsches Theater im Sinne des Théatre français, wie wir auch keine eigentliche Hauptstadt, keine geschmackbestimmende Kapitale haben. Dafür besitzen wir eine Menge Theater, je nach der Eigentümlichkeit der Stämme. Doch haben wir neben Lessing, Schiller und Goethe auch auf diesem Gebiete den gewaltigen Heinrich von Kleist und einen wunderbaren Dichter des Märchendramas, Ferdinand Raimund, den Verfasser von »Alpenkönig und Menschenfeind«. Ich bedaure, daß unsere Lyrik Ihnen unbekannt ist: von Klopstock, Goethe, Uhland bis auf Lenau und Heine, welche Mannigfaltigkeit der Töne! Auch unsere Romantiker der Erzählung sind einzig: Tieck, Achim von Arnim, Immermann. Ein Dichter dieser Schule, Amadeus Hoffmann, ist den Franzosen zufällig bekannt geworden und wird von denselben höher gestellt, als es von uns geschieht. Unseren Satiriker Ludwig Börne werden Sie gekannt haben. Unzählig sind unsere originellen Geister: bei keinem Volke ist die Literatur ein so umfassendes Ganzes, eine Einheit in unzähligen Abzweigungen ...«

Dumas hatte aufmerksam zugehört. »Ich muß doch noch Deutsch lernen ...«, sagte er mit nachdenklichem Gesichte. »Glauben Sie, daß ich, wenn ich der Sache ein halbes Jahr widmete ...?«

Leider konnte ich ihm binnen eines so kurzen Zeitraumes keinen Erfolg versprechen.

Unter solchen Gesprächen erreichten wir nach einer halben Stunde raschen Gehens Dumas' Besitzung. Ein parkähnlicher Garten zog sich an dem Abhang einer Anhöhe hin. Ein kleiner Bach, irgendeiner höher gelegenen Schlucht entsprungen und durch diese geleitet, bildete über herbeigeschaffte Felsstücke einen kleinen künstlichen Katarakt. Nun erblickte ich auch in der Mitte des Parks die Villa, im luftigen Stile der überreichen französischen Spätrenaissance ausgeführt. Die Wände waren weißer Sandstein, das Dach bläulich glänzender Schiefer. Die Fensterverzierungen waren von trefflicher Steinmetzarbeit, Reihen von Köpfen und Figuren liefen um die Gesimse.

»Monte Christo ist prächtig«, sagte ich. »Ich bedaure, daß ich es noch teilweise von Gerüsten umstellt sehe. Die Pariser haben recht, wenn sie sagen, Sie bauten da ein kleines Alhambra. Doch auch die Kapelle will ich mir ansehen, die Sie da droben aufführen lassen.«

Dumas lächelte und führte mich die gewundenen Gartenwege entlang, dem Häuschen entgegen, das wie ein gotischer Miniaturdom aussah. Bald zeigte es sich als ein wahres Wunderwerk der Steinmetzarbeit. Der durchbrochene Turm erhob sich leicht neben dem Schiffe, die gotischen Fenster waren mit Rosetten verziert, Figurinen füllten alle Nischen. Die farbigen Glasfenster blitzten in der Sonne wie Juwelen. Nun sah ich auch, daß die Kapelle auf einer Insel stand. Der kleine Bach war daran- und herumgeleitet, angepflanztes Schilf reichte bis an die Stufen der Pforte. Als ich noch höher kam, bemerkte ich an der Vorderwand Inschrift an Inschrift; jedem einzelnen Quaderstein war der Name eines Buches von Dumas eingegraben. Wohl an hundert Namen standen da und bedeckten die ganze Wand.

Was ich für ein Kirchlein gehalten hatte, war das eigentliche »Monte Christo«, zu gleicher Zeit Kartause und selbsterbautes Ruhmesdenkmal.

»Die Inschriften werden vergoldet«, sagte Alexandre Dumas. »Wenn sie sodann mit Arabesken eingerahmt und untereinander verbunden sein werden, wird sich die Wand gut ausnehmen.«

Sehr befriedigt und angeregt kam ich in später Nacht nach Paris zurück, ging aber nicht zu Bette, ehe ich, was ich tagsüber gesehen und gehört, in mein Notizbuch eingetragen.

Viele, viele Jahre später kam Alexandre Dumas nach Prag, besuchte mich und äußerte sofort beim Eintreten, daß er mir den Besuch erwidere, den er in Paris zu machen verhindert gewesen. Ich erwähne dies nur als ein Zeichen des außerordentlichen Gedächtnisses eines Mannes, dem nichts entging. Er wußte auch noch, daß ich ihm die Märchendramen Ferdinand Raimunds zugeschickt hatte, im guten Glauben, daß eine Übersetzung derselben auf einer Pariser Bühne Fuß fassen könne. Wir besahen uns die Stadt nach allen Richtungen; ich fand mehr Kenntnisse bei ihm als bei allen anderen Franzosen, die ich kennengelernt, und einen sehr entwickelten Sinn für das Historische.

Dumas' Name war indes in der literarischen Wertschätzung sehr gesunken. Er hatte sich verleiten lassen, äußerst nachlässig zu arbeiten, und schließlich Werke gebracht, die seiner unwürdig waren. Tolle Verschwendung hatte ihn finanziell ruiniert. Seine Residenz, Monte Christo, hatte er längst, von Gläubigern bedrängt, preisgeben müssen. So endigte er in Ermattung und Abnahme und starb, fast unbeachtet, in Armut und Verlassenheit.

Ich kann von Dumas dem Ältern nicht gering denken. Er hatte ein phantastisches Element in sich, das den verständigen und witzigen Kelten ganz abgeht und nur bei Victor Hugo wieder vorkommt. Seine Romane sind allerdings Improvisationen, aber voll wunderbar dramatischen Lebens. Er hat an hundert und hundert Figuren eine schöpferische Kraft bewährt. Jedenfalls hat er bei vielen seiner Romane Mitarbeiter gehabt – man nennt als solche Fiorentino und Auguste Maquet –, muß diese aber wie ein Architekt seine Maurer dirigiert und sie doch nur in von ihm selbst geschaffenen Plänen beschäftigt haben, denn was diese Leute auf eigene Faust geschaffen, nimmt sich daneben völlig nichtig aus.

Eine Zeitlang ist Alexandre Dumas ganz in den Hintergrund gedrängt worden. Jetzt zeigen sich wieder Symptome seines Auflebens. Die großen Romane seiner ersten Periode: »Die Musketiere der Königin«, »Monte Christo«, die »Königin Margot« werden neu gedruckt und in seinem Vaterlande wieder begierig gelesen; die kleinlich subtile, mühsam gedrechselte, affektiert geistreiche Produktion berühmter Namen der Gegenwart vermag auf die Dauer nicht zu befriedigen. Er hat auch jetzt seine Statue in Paris auf dem Platz Malesherbes erhalten. Es ist richtig bemerkt worden, daß sie von Gold sein könnte, wenn jeder von Dumas' Lesern auch nur einen Centime beigesteuert hätte.

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