Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fritz Mauthner: Hypatia - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
titleHypatia
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070921
projectid1b33daed
Schließen

Navigation:

8. Das Judenviertel

Hierax konnte in Alexandria berichten, die jungen Mönche hätten versprochen, truppweise aus der Wüste hereinzukommen und die ägyptische Hauptstadt christlich zu beleben, die Anachoreten aber würden auf ein gegebenes Zeichen unter Führung des Isidoros selbst jede Aufgabe lösen, die man ihnen stellte.

Nun begann das Verhältnis zwischen den beiden Gewalten von Alexandria unerträglich zu werden. Alles spitzte sich zum Kampfe zu. Dabei hatte der Erzbischof den Vorteil, sich in jedem Fall mit seinem Gott und mit seinen einflußreichen Amtsbrüdern einig zu wissen, während der Statthalter niemals genau sagen konnte, nicht in der Frage des Judensabbats, nicht bezüglich Hypatias, ob er die Absicht des Hofes getroffen hätte.

Orestes bekam auf seine letzten dringlichen Fragen einen amtlichen Brief des Ministers, worin ihm in kühler Weise anheimgegeben wurde, den endgültigen Sieg der rechtgläubigen Kirche überall zu fördern und sich dem Erzbischof mit würdiger Ehrerbietung zur Verfügung zu stellen, »solange dieser verdienstvolle Kirchenfürst die durch das Gesetz und die bekannten Ziele der Regierung gesetzten Schranken nicht überschritte«.

Das hätte der Statthalter sich wohl selbst sagen können. Gleichzeitig waren aber zwei einander durchaus entgegengesetzte vertraute Briefe eingetroffen. In dem einen, dessen Schreiber der Person des Kaisers nahestand, wurde der Statthalter an seine militärische Stellung erinnert; es wurde ihm aufgetragen, auch nicht bei der kleinsten Veranlassung einen Übergriff der Kirche, über kirchliche Angelegenheiten hinaus, zu dulden. Die kaiserliche Macht fange an, die Herrschaft der Kirchenfürsten als eine Hemmung zu empfinden. In Konstantinopel selbst sei die Geistlichkeit bei allem Hochmut doch noch botmäßig; in Rom und Alexandria jedoch bereite sich ein Staat im Staate, die macht- und habgierige Kirche könne gerade in diesen Zeitläuften das römische Reich waffenlos den von allen Seiten hereinbrechenden deutschen Barbaren in die Hände spielen. Also in aller Ehrerbietung dem Erzbischof den Daumen aufs Auge.

Der andere Privatbrief kam aus dem Weiberpalast, wo man stets der Militärpartei entgegenzuarbeiten suchte. Die alten Formen des Reiches hätten sich als ungenügend bewiesen, das ungeheure Gebiet an seinen Grenzen zu halten, im Innern die bestehende Ordnung zu wahren. Morsch seien die alten Klammern, nur die Kirche könne für den gefährdeten Bau neue Klammern schaffen. Der Altar sei für den Thron notwendig geworden und deshalb müsse der Altar geschützt werden wie der Thron, vor dem Thron. Also bis auf weiteres: Unterordnung des Staates unter die Kirche, Unterordnung der Beamten, auch der höchsten, unter die Bischöfe.

So stand der Statthalter Orestes auf dem alten Fleck und eröffnete noch in der am Tage vor Christi Geburt üblichen Ansprache seinen Vertrauten mit seinem guten ironischen Lächeln, daß in dem freundlichen Einvernehmen zum Kirchenfürsten ohne zwingende Gründe keine Änderung eintreten dürfe. Aber schon wenige Tage später, am christlichen Feste Epiphanias, am Tage der heiligen drei Könige, kam es zu einem folgenschweren Ausbruch der Gegnerschaft.

Der Statthalter hatte am frühen Morgen eine Truppenparade in den hergebrachten Formen abgenommen. Auf der schmalen Landzunge vor dem Suezer Tor, zwischen den Villen vom Ostend und dem Judenkirchhof, waren die Soldaten an ihrem ersten Befehlshaber vorübermarschiert; der hielt hoch zu Roß vor einer über Nacht aufgeschlagenen Tribüne. Oben hatte dem Herkommen gemäß die erste Gesellschaft der Stadt Platz genommen. Daß das Fräulein Professor Hypatia ebenfalls eingeladen war und in ihrer auffallenden und doch so einfachen weißen Kleidung neben einer jungen Generalin Platz genommen hatte, schien selbstverständlich. Und daß die Tribüne selbst außer mit allerlei Kränzen und Standarten auch noch mit einer Statue der Siegesgöttin, einer marmornen Viktoria, geschmückt war, entsprach so sehr dem alljährlichen Herkommen, daß die Tapezierer eine Statue mittelmäßiger Arbeit zu ähnlichen Veranlassungen stets bereithielten. Seit tausend Jahren hielt die Siegesgöttin ihren Kranz dem römischen Heere entgegen, und seit tausend Jahren hatte sich dieses Heer über die Göttin nicht zu beklagen gehabt. Eigentlich aber dachte niemand viel beim Anblick der alten Statue, weder Statthalter noch Soldaten.

Beim Vormittagsgottesdienst aber stellte der Erzbischof in seiner übermäßig langen Predigt die Sache so dar, als ob römische Offiziere, und zwar wahrscheinlich einer bekannten heidnischen Gottesleugnerin zuliebe, christliche Soldaten gezwungen hätten, ihren Glauben zu verleugnen und eine heidnische Göttin anzubeten. Die gebildeten Zuhörer verstanden nicht recht, was der Erzbischof wollte, aber andere Leute verstanden es desto besser. Bon der Kirche hinweg stürmte eine Rotte halbwüchsiger junger Leute durch die Judenstadt hindurch, wo bei Gelegenheit ein paar Verkäufer geprügelt und ein paar Läden geplündert wurden, zum Suezer Tor hinaus, und unter Mitwirkung von heidnischem Pöbel wurde die Tribüne auseinandergerissen, all ihres Schmuckes beraubt und schließlich die Statue der Viktoria, nachdem man die schön gearbeiteten Flügel zerschlagen hatte, ins Meer geworfen. Als das Militär zum Schutze ausrückte, war es zu spät; nur weitere Ausschreitungen in der Judenstadt konnten durch Besetzung der engen Straßen für heute verhindert werden.

Orestes geriet bei diesen Nachrichten in den höchsten Zorn, dessen sein ruhiges Temperament überhaupt fähig war. Er wiederholte es einige Male im Kreise seiner ersten Beamten, daß er dieses Mal die Beschimpfung nicht einstecken werde; er hoffe auch im Sinne der Regierung zu handeln, welche doch nicht dulden könne, daß die neuen Gewalthaber selbst die Disziplin der Soldaten angriffen. Aber auch wenn er wüßte, man würde in Konstantinopel ihn und die Armee und damit das Reich preisgeben, so könnte er nicht schweigen. Diesmal sei ein Kompromiß nicht möglich.

Aber Orestes handelte nicht im Zorn. Kaltblütig beratschlagte er mit seinen Juristen eine Strafe für die Christen, eine Rache an Kyrillos.

Die Christen sollten endlich im Ernste erfahren, daß sie schlechte Geschäfte machten, sobald ihr Bischof gegen die Regierung Front machte. Schon seit Monaten waren die Jünglinge von den Gesellenvereinen gegen die Ladenbesitzer der ägyptischen Rhakotis und die der Judenstadt gehetzt worden, welche ihre Waren wie seit Jahrhunderten so auch jetzt am Sonntag feilhielten und damit den Christen manchen Schaden zufügten. Seitdem es nun in der Stadt von Mönchen wimmelte, welche namentlich des Sonntags an allen Straßenecken predigten und nachher Judentüren einschlugen, war Kyrillos so übermütig geworden, daß er von allen Kanzeln das Verlangen stellen ließ, auch die Juden und Ägypter sollten von der Polizei zur Heilighaltung des christlichen Sonntags gezwungen werden.

Nun sollten die Christen erfahren, welche Gewalt die mächtigere war. Es wurde in der Statthalterei ein Erlaß ausgearbeitet, wonach jede Konfession verpflichtet wurde, ihren eigenen Ruhetag einzuhalten, nach welchem es aber den Juden ebenso freistehen sollte, am Sonntag Handel zu treiben, wie den Christen am Sabbat.

Vor allem aber sollte der Erzbischof selbst um seiner aufreizenden Predigt willen nun doch zur Verantwortung gezogen werden. Lockerung der militärischen Disziplin hatte man bisher selbst in Neurom niemals vergeben.

Das Schicksal Hypatias wäre von diesen kirchlichen und politischen Vorgängen vielleicht nicht so nahe berührt worden, wenn nicht Orestes gerade um diese Zeit ihre Gesellschaft noch häufiger als sonst gesucht hätte. Es war ihm vielleicht darum zu tun, öffentlich zu zeigen, daß der Statthalter des Kaisers sich von einem Erzbischof seinen Verkehr nicht vorschreiben lasse, er wollte das gelehrte Fräulein aber auch vor aller Augen seiner Freundschaft und seines hohen Schutzes versichern. Im Grunde tat es seiner Natur gerade in diesen Kämpfen doppelt wohl, mit der schönen Freundin vornehm und klug über künstlerische und literarische Dinge plaudern zu können. Er lud Hypatia dringender und häufiger als sonst zu kleinen Gesellschaften in sein Haus und bat um ihren Besuch auch an dem verhängnisvollen Abend, da die Feindschaft zwischen den beiden Gewalten zum erstenmal zu einem großen Blutvergießen führen sollte.

Es war der dritte Samstag nach dem Epiphaniasfeste, und der schöne städtische Zirkus, der nicht weit vom Wüstentor, dem Westend und den ungezähmten Löwen Libyens zunächst lag, war überfüllt von Zuschauern, welche den Künsten der abgerichteten Tiere mit leidenschaftlicher Neugier zusahen. Als Orestes in die geräumige Statthalterloge trat, wo etwa zwanzig geladene Gäste, unter ihnen auch Hypatia, ihn bereits erwarteten, machte er einen harmlosen Scherz darüber, daß der erste Rang, und fast sämtliche Plätze in seiner Nähe, zur Rechten und zur Linken der Manege, von jüdischen Herrschaften besetzt wären. Theater und Zirkus seien doch die tolerantesten Gebäude, da sie sich jeden Samstag zu Synagogen und jeden Sonntag zu Christenkirchen verwandeln.

Orestes war ziemlich spät gekommen. Eben tanzte eine Ziege in zierlichem Schritt über ein gespanntes Seil. Die nächste Nummer brachte einen riesigen indischen Elefanten und vier kleine afrikanische, welche auf bereitgehaltenen ungeheuren Stühlen Platz nahmen und eine Schule darstellten. Unter wachsendem Jubel des Publikums schrieb der große Elefant, der Lehrer, mit der Spitze seines Rüssels griechische Buchstaben in den Sand und die ungeschlachten Schüler mußten die Zeichen, so gut sie konnten, nachbilden. Der kleinste und geschickteste unter den Künstlern stellte sich dumm, spielte den Clown und bekam immer erst ein paar tüchtige Hiebe hinter die Ohren, bevor er sich entschloß, und zwar mit den drolligsten Kopfverrenkungen, den geforderten Buchstaben zu zeichnen. Den Höhepunkt erreichte der Spaß, wenn der Lehrer mit den Trompetentönen seines Rüssels den Buchstaben auch aussprach und die Schüler den Klang einstimmig nachtrompeteten. Die Elefantenschule war seit Wochen das beliebte Zugstück des Zirkus.

Als nach dieser Nummer eine nicht mehr junge Reiterin auftrat, welche auf einem Stier ritt und in frecher Kleidung durch Tanz und Mimik die Geschichte der entführten Europa zum besten gab, erlahmte die Aufmerksamkeit ein wenig, und auch in der Loge des Statthalters löste sich die Gesellschaft in einzelne Gruppen auf. Die Gäste nahmen Eislimonade zu sich und Orestes empfing einige Beamte, welche ihn mit ihren dienstlichen Meldungen auch hier aufzusuchen die Pflicht hatten. Er öffnete und las unwichtige Depeschen, ließ sich dann über den Stand der Untersuchung gegen den Erzbischof berichten und winkte endlich den Polizeimeister heran, mit dem er Eiliges zu besprechen hatte.

Soeben, während der Statthalter zum Zirkus fuhr, war die Publikation des Erlasses über die Sonntagsfeier erfolgt. Gleichzeitig an allen Straßenecken sollte er zu lesen sein; und morgen schon sollte er in Kraft treten.

Die ganze Sache war dem Statthalter nicht recht nach dem Herzen. Er hätte als Staatsbeamter eigentlich einen gemeinsamen Feiertag für alle Konfessionen gewünscht und wäre gar nicht ängstlich gewesen, ein gutes Ziel mit einem kleinen Zusatz von Unrecht zu erreichen. Was tat's, wenn ein paar Juden des Sonntags geprügelt wurden, sobald die Einheit des römischen Staats dadurch gewann? Aber da die Anmaßung der Kirche ihn dazu zwang, sollten morgen schon die christlichen Kaufleute daran glauben.

Da nun immerhin Widerstand gegen den Erlaß von den krakeeligen Alexandrinern zu erwarten war, sollte der Polizeimeister für den morgenden Tag seine Vorsichtsmaßregeln treffen. Heute werde sich die Nachricht zu spät verbreiten; für heute sei nichts zu befürchten.

Während Orestes so mit seinem Beamten sprach, neigte sich dicht hinter ihm einer der Diener vor, um mit auffallender Beflissenheit den nächsten Gästen wiederholt seine Getränke anzubieten. In diesem Augenblick erhob sich in der Nähe der Loge ein Gemurmel, das bald auch den Statthalter aufmerksam machte. Bevor er noch eine Frage stellen oder auch nur nach der Tänzerin sehen konnte, ob der vielleicht ein Unglück zugestoßen wäre, beugte sich ein alter Jude über die Logenbrüstung, zeigte mit ausgestrecktem Finger nach dem Diener und rief: »Ein Spion, Exzellenz! Ein Spion vom Erzbischof! Ein schrecklicher Rohsche (Judenfeind)! Überall ist er dabei, wo was gegen uns los ist!«

Der alte Mann hätte noch weiter geredet, aber der verkleidete Diener hatte, sowie er sich erkannt sah, das Tablett mit der Limonade fallen lassen und war zur Loge hinausgestürzt. Zu seinem Unglück. In der Loge ließ sich der Statthalter lächelnd in seinen Fauteuil nieder und gab nur dem Polizeimeister einen Wink.

Draußen aber war der Spion seinen erbitterten Feinden in die Hände gefallen. Er hatte durch die Manege entfliehen wollen, aber gerade da wurde er gefaßt und durchgebleut; schließlich war er, noch bevor die Polizeimannschaft erschien, in den Händen einer herbeigelaufenen Rotte, die ihn, ohne viel zu wissen, um was es sich handelte, halbtot schlug. Der Polizeimeister konnte nur einen ohnmächtigen Mann ins Gefängnis tragen lassen.

Der Statthalter blieb, nachdem er auch darüber Meldung entgegengenommen hatte, behaglich in seiner Loge sitzen und wollte den Schluß der Vorstellung abwarten, da er sich von der letzten Nummer, dem Ritt eines nubischen Löwen auf einem Rappen von Dongola, viel Vergnügen versprach.

Inzwischen aber hatten sich in der Stadt böse Dinge vorbereitet. Ein unglücklicher Zufall oder vielmehr die Agitation des Erzbischofs, der das Gefahrvolle seiner Lage kannte, hatte gerade auf diesen Abend in den meisten Stadtbezirken christliche Versammlungen einberufen, in denen die geeigneten Mönche, auch schon einige Einsiedler oder nur redegewandte Mitglieder der Gesellenvereine, über das Verhältnis von Staat und Kirche und über derlei unbestimmte Gegenstände sprechen sollten. Als nun die Verordnung des Statthalters bezüglich der Ladenbesitzer bekannt wurde, donnerten die Redner wohl in zwanzig verschiedenen Versammlungen gleichzeitig gegen den gottlosen Beamten, den heimlichen Heiden, den Sklaven der verdammten Hypatia. Überall beteiligten sich die Krämer an den Debatten, und namentlich gegen die Juden entstand eine Erbitterung wie zu Zeiten der heftigsten Verfolgung. Denn in der ägyptischen Rhakotis, dem Heidenviertel, wurden fast nur besondere Erzeugnisse der altägyptischen Industrie feilgeboten, mit denen weder Juden noch Christen Handel trieben. Juden und Christen aber waren Konkurrenten, und die Verordnung des Statthalters drohte wirklich manchen ehrlichen Handelsmann zu schädigen.

Mitten in diese Aufregung platzte nun bald nach zehn Uhr eine merkwürdige Nachricht hinein. In dem einen Bezirke wurde erzählt, die Juden hätten im Zirkus mit Erlaubnis des Statthalters einen christlichen Geistlichen den wilden Tieren vorgeworfen, nach einem anderen Bezirke kam die Nachricht, man erschlage im Zirkus alle Christen, und gegen elf Uhr verbreitete man überall, die Juden hätten wieder einmal einige Christenknaben geraubt, öffentlich im Zirkus, um sie nach ihrer Sitte am Karfreitag ans Kreuz zu schlagen. Noch ahnte der Statthalter nichts von dem Aufruhr, der ihm drohte, als schon von allen Seiten bewaffnete Menschenhaufen teils gegen den Zirkus, teils gegen die Judenstadt heranrückten.

In dieser selben Stunde schlugen plötzlich aus dem Dache der weithin sichtbaren Alexanderkirche Flammen empor. Die Parteien beschuldigten einander später gegenseitig, den Brand gestiftet zu haben. Jedenfalls aber glaubten die christlichen Haufen, die Juden hätten in ihrem Übermut auch noch diese Schandtat ausgeführt, und die Scharen, welche sich aus ihren Bezirksvereinen gleichzeitig in Bewegung gesetzt hatten, ungewiß noch, ob gegen das Palais oder gegen die Juden, wandten sich jetzt mit doppelter Wut in ihrer Hauptmasse der Brandstätte zu.

Fast alle diese ungleich bewaffneten Haufen zogen also unter den Anführern, welche der Augenblick an die Spitze gestellt hatte, dem Alexanderplatze entgegen. Nur einige Hundert Schreier blieben auf dem Wege zum Zirkus, und wenn sie beim Aufbruch »Nieder mit dem Statthalter!« und »Ins Feuer mit der Zauberin!« gerufen hatten, so wurden diese Rufe allmählich leiser, und vor dem Zirkusgebäude blieben sie endlich unruhig, aber unentschlossen als eine krawallsüchtige, führerlose Menge stehen. Trotzdem der Zirkus und die Alexanderkirche kaum eine Viertelstunde voneinander entfernt waren, wußte man hier noch nicht, was sich drüben abspielte.

Die Alexanderkirche lag am Ostende der inneren Stadt, an dem Treffpunkte des Korso und der alten Stadtmauer aus der Ptolemäerzeit. Dort war vor kurzem das alte Tor niedergerissen worden, um eine breitere Verbindung zwischen den beiden Stadtteilen zu ermöglichen. Gerade dieser Bresche gegenüber lag eben die Kirche. So kam es, daß die Löschmannschaft der Judenstadt zuerst zur Stelle war und die Eimerkette geschlossen hatte, als die christlichen Haufen eben anrückten.

Jetzt schien die Kampfeslust für ein Weilchen vergessen, denn die Bewaffneten glaubten in der ersten Überraschung, als sie die jüdische Löschmannschaft an der Arbeit sahen, die Ungläubigen gewähren lassen zu müssen. Der große Platz füllte sich jedoch immer mehr, jede Bewegung war bald gehindert, und plötzlich nahm die Löschmannschaft wahr, daß sie einer vielhundertfach überlegenen Menge von Feinden gegenüberstand. Unter lautem Geschrei ließen die Juden ihre Geräte zurück und flüchteten durch die Mauerbresche und über das Vorgelände hinweg in ihre engen Gassen. Schon jetzt wurden einige von ihnen verwundet.

Die feindlichen Scharen hielten nun auf dem Platze, und ohne sich um die brennende Kirche zu bekümmern, beratschlagten einige der Führer, wie der Handstreich noch in dieser Nacht zu vollführen und wie die für morgen drohende Konkurrenz abzuwenden wäre. Plötzlich gab ein kleiner schwarzer Mönch, den niemand kannte und dem schließlich alle gehorchten, den Rat, den Zugang zur Judenstadt mit tausend zuverlässigen Leuten zu besetzen, so daß für ein paar Stunden keine Nachricht in die griechische Stadt gelangen könnte. Die übrigen Haufen, die man, Gassenjungen, Frauen und Strolche miteingerechnet, wohl auf dreißigtausend schätzen konnte, sollten in die wehrlose Judenstadt einbrechen. Bevor das Werk getan war, sollte unter keinen Umständen auch nur ein einziger zurückkehren dürfen. Niemand fragte mehr, welches Werk gemeint sei.

Der Plan wurde ausgeführt, aber die Voraussetzungen waren in einem wichtigen Punkte falsch. Deutlicher als der Statthalter hatten die Juden gefühlt, daß die ihnen so günstige Verordnung den Haß der Christen entfesseln würde. Und seit der Mittagstunde, wo das Gerücht die neuen Maßnahmen an der Getreidebörse vorausgesagt hatte, rüsteten sich die einzelnen Innungen und Untergemeinden zur Abwehr jeder Belästigung. Ernstliche Gefahren hatte man unter dem Schutze eines so wohlwollenden Statthalters allerdings nicht befürchtet.

Als nun die Leute von der Löschmannschaft in die Judenstadt flohen, fanden sie ihr Viertel nicht nur wach – der Brand der nahen Kirche war den mißtrauischen, durch mancherlei Verfolgungen klug gemachten Juden wie eine Warnung erschienen –, sondern einzelne besonders tatkräftige Gruppen standen schon unter Waffen. So konnten auf die erste Warnung hundert bewaffnete Männer die engen Gasseneingänge sofort besetzen, während im ganzen Viertel unter endlosem Hallo und Mordio der Widerstand organisiert wurde. Es konnte sich, so glaubte man, doch nur darum handeln, die feindlichen Christen für eine kurze Zeit aufzuhalten; denn vor dem anrückenden Militär stob doch solcher Pöbel gewiß auseinander.

Da nun die anrückenden Haufen, als sie den Vorraum überschritten hatten und in die engen Gassen des Viertels einbrechen wollten, so unerwarteten Widerstand fanden, stockte ihr Marsch für einige Minuten, und trotz der großen Menge der Angreifer wäre es vielleicht bei dem Geschehenen verblieben. Da hob einer der Mönche mit der linken Hand ein Holzkreuz empor, schwang mit der Rechten ein kurzes Schwert, rief Gott und die Heiligen an und versuchte so ganz allein in eine der Gassen einzudringen. Das erste Blut floß und die Christenmasse drang vor.

Der wilde Anprall warf alle Gruppen der Verteidiger mehrere hundert Schritte weit in ihre Gassen zurück. Durch diesen Erfolg waren schon eine Anzahl Häuser, und zwar die reichsten der Judenstadt, der Plünderung, die Weiber und Kinder jeder Mißhandlung und Gewalt verfallen, und unaufhaltsam rückte nun in dunkler Nacht, allein von dem Lichte der brennenden Kirche beschienen, ein wilder Straßenkampf weiter und weiter.

Verzweifelt wehrten sich die Juden, die jeden Augenblick auf Rettung durch das Militär hofften; und wo die Lage der Straßen oder sonst ein Vorteil eine Truppe der Angreifer in eine Überzahl von Juden hineintrieb, da wurden die Christen umzingelt und erbarmungslos massakriert.

Suchten die Verteidiger mit äußerster Anstrengung jeden Zollbreit zu verteidigen, um Zeit zu gewinnen, so lag auch den Führern der Angreifer daran, rasche Arbeit zu machen.

Selbst in der blutigen Stadtgeschichte Alexandrias war ein solches Gemetzel bisher kaum erhört gewesen.

Die Abteilung der zuverlässigen Leute, welche den Zugang zur Judenstadt bewachten und dabei dem Brande der Kirche ruhig zusahen, glaubte trotz des furchtbaren Lärmens anfangs nur, daß drüben im Judenviertel die Läden zerschlagen, vielleicht auch einige wenige geplündert und widerspenstige Geschäftsleute geprügelt würden. Man bedauerte, von diesem Vergnügen ausgeschlossen zu sein, hielt aber das gegebene Wort und ließ keine Seele passieren. Einzelne Juden, welche mit Jammergeschrei herbeieilten, um die innere Stadt zu alarmieren, wurden mit Schlägen zurückgetrieben. Man glaubte ihre Berichte eigentlich nicht.

Im Zirkus hatte die Vorstellung inzwischen fast ungestört ihren Fortgang genommen. Die Meldung, daß verdächtiges Gesindel sich vor dem Hauptausgang sammle, hatte der Statthalter mit einem Achselzucken beantwortet, Und die Nachricht, daß die Alexanderkirche brenne, hatte sich erst spät verbreitet. Es brannte zu oft in Alexandria. Erst lange nach elf Uhr, während unten ein großes Wagenrennen in Szene gesetzt wurde – darauf sollte die Schlußnummer folgen, der Löwe zu Pferde –, erschien der Polizeimeister noch einmal in der Statthalterloge, um zu melden, daß der entflohene Diener wirklich ein Spion gewesen, und daß er infolge der gründlichen Lynchjustiz für die nächsten Tage nicht vernehmungsfähig wäre. Der Beamte selbst meldete gleichzeitig, daß die Alexanderkirche brenne, und daß leider nicht einmal von der nahen Judenstadt Löschmannschaft zur Stelle gekommen sei. Das Gebäude sei nicht mehr zu retten, andere Häuser seien nicht gefährdet.

Ärgerlich schickte der Statthalter einen Adjutanten ab mit dem Befehl, das nächste Infanterieregiment habe den ganzen Platz zu besetzen und Unordnungen zu unterdrücken, vor allem aber ein Umsichgreifen des Feuers zu verhüten.

Im Zirkus zeigte sich nun Bewegung. Die Nachricht von dem Brande hatte das ganze Haus durcheilt, und Hunderte von den Besuchern verließen eilig ihren Platz, weil sie in der Nähe der Brandstätte wohnten, oder weil sie, wie namentlich die Juden, von jeder Brandnacht Ruhestörungen und Gefahren für ihren Besitz fürchten mußten. Ein dunkles Gerücht wollte auch wissen, daß es im Judenviertel schon zu einzelnen Ausschreitungen gekommen sei.

Der Statthalter, nun ernstlich verstimmt darüber, daß ihm ein gemütlicher Abend wieder gestört wurde, ließ Erkundigungen einziehen. Gerade als die letzte Nummer begann und das gewaltige schwarze Pferd, das den Löwen tragen sollte, schon schnaubend und nervös um die Arena jagte, kam die Nachricht, die Kirche brenne ohne Gnade nieder, aber im Judenviertel scheine alles still zu sein. Auffallend still sogar. Außer dem Menschenhaufen, der von der Mauerbresche aus dem Flammenschauspiel zusehe, zeige sich zwischen der inneren Stadt und dem Judenviertel nicht eine Seele. Die Juden, welche den Zirkus verlassen hätten, seien unbelästigt oder höchstens durch harmlose Neckereien beleidigt von diesem Haufen durchgelassen worden und man sehe sie hinter den Laternen ihrer Diener über den wüsten Platz des Vorgeländes ihren Häusern zueilen. Was man von drüben her vernommen zu haben glaubte, wäre wohl die gewohnte Lustigkeit einer Sabbatnacht gewesen. Der Statthalter hörte kaum hin. Denn eben war ein schlanker, junger, nubischer Löwe, ein dunkelschwefelgelbes Tier mit prächtiger schwarzer Mähne, mit einem Riesensatz über die Barriere in die Arena gesprungen und hatte laut brüllend in der Mitte des Zirkus seinen Stand genommen. Ein gewöhnlicher Stallmeister, der nur anstatt der üblichen Peitsche einen kurzen Dolch in der Hand hielt, trat hinzu und stellte sich neben den Löwen. Der Rappe war gut abgerichtet und zeigte wenig von seiner Angst. Aber wie ein Pfeil flog er jetzt keuchend im Kreise herum und schlug da und dort donnernd mit den Hufen gegen die Brüstung. Nur leise berührte der Stallmeister mit der Dolchspitze die Flanken des Löwen. Da machte das wilde Tier drei leichte Katzenschritte nach vorwärts, ersah seinen Vorteil, und plötzlich saß er dem Rappen auf seinem breiten Sattel. Das Wiehern des geängsteten Renners und das Brüllen des Reiters übertönte noch das Beifallklatschen der Zuschauer.

Noch zweimal wurde dieses Kunststück wiederholt, dann verschwanden nacheinander Pferd und Löwe aus der Arena, und die heutige Vorstellung war zu Ende.

Rasch entleerte sich das Haus durch alle Ausgänge. Langsam verließ der Statthalter mit den Gästen seine Loge. Er sagte den Offizieren und Beamten »gute Nacht«, hatte für jede ihrer Frauen noch ein anmutiges Wort und schritt endlich, nur von seinem Adjutanten begleitet, neben Hypatia die Marmortreppe hinunter. Der alte Beamte und das junge Weib lächelten zu gleicher Zeit und nicht unähnlich, da sie auf dem Platze zur Rechten und zur Linken von der Statthaltersänfte die Leibgarde Hypatias aufgestellt fanden. Wolff, Troilos und Alexander natürlich an der Spitze. Orestes wollte einen Scherz darüber machen, daß diese jungen Herren mit ihrer ewigen Gegenwart ihm selbst anfingen, lästig zu werden. Er hatte seinen Satz aber noch nicht vollendet, als er ernster aufblickte. Sie waren ins Freie getreten, und der Schein der Windlichter fiel auf die bekannte Uniform des Statthalters und auf die weithin erkennbare Gestalt Hypatias. Sie hatte Kopf und Schultern in ein zartes schwarzes Tuch gehüllt. Darunter fiel das weiße Gewand schimmernd bis an die Knöchel. Einige hundert Menschen, die auf diesen Augenblick gewartet zu haben schienen, empfingen den Statthalter und seine Freundin mit Geschrei und Gelächter. Ohne auch nur mit einem Schritt zu zögern, gab Orestes seinem Adjutanten Auftrag, unverzüglich einen Zug von der nahen Wache herüberzuholen. In sicherer Haltung und während der Offizier den Auftrag ausführte, bestieg Orestes seine Sänfte. Er würdigte das Gesindel scheinbar nicht eines Blickes. Er wollte den Abschied von Hypatia nur solange hinauszögern, bis die befohlene Mannschaft erschienen war.

Er winkte von ihrer Leibgarde Wolff heran, der ihm die beste soldatische Erscheinung zu sein schien, und sagte: »Es werden sogleich einige von meinen Leuten zur Stelle sein, um Fräulein Professor sicher nach Hause zu begleiten. Ich weiß, Sie würden genügen, um Hypatia gegen diese feigen Schreier zu schützen, aber ich bin es mir schuldig, auch meinerseits nichts zu versäumen. Ich fahre noch für ein Weilchen auf die Brandstätte. Es wurden während der Zeit meiner Amtsführung so viele neue Kirchen gebaut, und ich war bei so vielen Grundsteinlegungen zugegen, daß ich das Ende von so einem Baumal sehen muß. Es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie mir von der glücklichen Heimkehr meiner Freundin Nachricht senden wollten. Ich warte dort solange.«

Mit einem Scherz wandte er sich an Hypatia. Er wäre jetzt traurig wie Achilleus, dem die jungen Griechen die Freundin entführten.

Da entstand eine plötzliche Bewegung in dem krawallierenden Haufen. Mit einem Aufschrei stoben die Leute auseinander, einige flogen wohl auch zu Boden, und mitten durch die Menge kamen in geordnetem Zuge im Laufschritt zwanzig voll bewaffnete Infanteristen herbei und machten vor dem Statthalter Halt. Orestes wies ihren jungen Offizier an, Hypatia zu geleiten und vor der Akademie Wachen aufzustellen. Dann befahl der Statthalter, quer über den Platz nach der Alexanderkirche zu fahren.

Die Menge hatte hinter den Soldaten her wieder gejohlt und geschrien. Der Sänfte des Statthalters öffnete sie aber scheu eine Gasse, und Orestes begnügte sich, während er hindurchfuhr, drohend einen Finger zu erheben.

Auch Hypatia bemühte sich, völlige Gleichgültigkeit gegen den Pöbel zu äußern. Mit einer leichten Handbewegung ließ sie Alexander und Troilos zu ihrer Rechten und Linken mitgehen. Wenige Schritte hinter ihr gingen die übrigen Herren ihrer Leibgarde unter Führung Wolffs, und in angemessener Entfernung marschierte der kleine Soldatentrupp.

Es war der jungen Philosophin doch bänglich zumute, und sie hätte sich am liebsten auf irgendeinen festen Arm gestützt. Nicht weil sie ein Weib war. Bewahre. Aber in der Studierstube verlernt man wohl die natürliche Tapferkeit. Sie blickte sich einigemal um. Gewiß nicht, als ob Wolff gerade den starken Arm besessen hätte. Von dem ehrfurchtlosen Christen wollte sie gar keinen Schutz. Vielleicht war sie nur verwundert darüber, daß ihr Bräutigam Synesios fehlte. Um sich etwas Haltung zu geben, sagte sie zu Troilos:

»Die gute Exzellenz ist viel zu vorsichtig. Was könnten mir denn die Leute tun, auch wenn ich allein wäre?«

»Allerlei, mein schönes Fräulein Professor. Zum Beispiel könnte man Sie totschlagen; und dann wäre es doch schade um all die Kenntnisse, die Sie angesammelt haben.«

Hypatia zuckte zusammen, aber um so eigensinniger bestand sie darauf, in dieser unerfreulichen Lage ein ruhiges, philosophisches Gespräch zu führen. Ohne eigentlich viel dabei zu denken, erörterte sie, wie doch ein gebildeter Mensch über solchem Pöbel stehe, und wie die Ruhe des Weisen durch keine Drohung erschüttert werden könne.

In diesem Augenblick ertönte aus dem verfolgenden Haufen ein lauter Pfiff.

»Ich will Ihnen etwas sagen, Fräulein Professor,« rief Alexander, der nun gleichfalls zusammengefahren war; »auf mich können Sie sich wahrhaftig so gut verlassen wie auf den schmutzigsten Soldaten hinter uns, der dafür bezahlt wird, daß er sich totschlagen läßt. Aber wenn ich sagen soll, daß mir ein Spaziergang in Athen jetzt nicht lieber wäre als der Aufenthalt in diesem gottverfluchten Alexandria, so müßte ich lügen. Ich bin kein großer Philosoph, aber nicht zu lügen, das halte ich auch schon für ein Stück Weisheit; menschliche Furcht einzugestehen, ist oft der Anfang der Weisheit.«

Stumm schritt die Gesellschaft weiter, und erst im Angesicht des Akademiegebäudes fragte Hypatia mit gepreßter Stimme:

»Wo ist denn...?«

»Sie wollen wissen, wo Synesios hingeraten ist? Er hat den gemütlichen Tag und den guten Wind benutzt, um heimlich nach Kyrene hinüber zu fahren. Er will dort einen Seitenflügel aufführen lassen. Eine kleine Akademie mit einer kleinen Bibliothek und einen ungeheuer großen Schreibtisch mit ganz neuen Einrichtungen. Aus einem Stückfaß soll da jahraus, jahrein Tinte in ein kleines Näpfchen fließen, damit die schreibenden Gelehrten durch Kleinigkeiten nicht gestört würden. Auch glaube ich, er will dort eine Papierfabrik anlegen lassen. Die Zimmer des alten Hauses, welche vor zwanzig Jahren des Synesios und seiner Geschwister Kinderstuben waren, sollen künftighin zu einem großen physikalischen Laboratorium umgewandelt werden. Kurz, er denkt gewissenhaft an die Zukunft und ist darum augenblicklich nicht da. Er läßt sich schönstens empfehlen und will in etwa vierzehn Tagen, mit Originalhandschriften über die Heldentaten Alexanders des Großen beladen, um Verzeihung bitten.«

Mit einem hastigen »Gute Nacht« eilte Hypatia in ihre Wohnung. Der Offizier verteilte einige Wachen, und auch Wolff erklärte, er werde sich den Rest der Nacht in dieser Gegend zu vertreiben suchen.

»Ich könnte doch nicht schlafen. Ich glaube, es würde mir gut tun, wenn ich meine Plempe an den Köpfen von ein paar Schreiern versuchen dürfte. Gute Nacht, Troilos, gute Nacht, Sohn Jossephs. Meldet Seiner Exzellenz, wenn ihr Lust dazu habt, daß ich für die Nachtruhe Hypatias hafte. Gute Nacht, alle miteinander.«

An dem Pöbelhaufen vorüber, der sich zu zerstreuen begann, und den Studenten nur einige rohe Drohungen nachsandte, gingen die jungen Leute südwärts nach dem Korso und wandten sich dann auf dem nächsten Wege dem Alexanderplatze zu. Fast alle diese jungen Leute hatten ihre möblierten Stuben in dieser Gegend, im quartier latin Alexandrias, gemietet, und so stieg bald da, bald dort einer auf seine Bude; dann kehrten wieder einige in ein heimlich geöffnetes Wirtshaus ein, und so blieben endlich nur Troilos und Alexander übrig, um dem Statthalter die verlangte Meldung zu bringen.

Als sie auf dem Platze vor der brennenden Kirche anlangten, hatte das Schauspiel noch immer nicht sein Ende erreicht. Das Dach des Langschiffs war wohl beinahe ausgebrannt und über den geschwärzten Mauern der beiden niedrigen Seitenschiffe war kaum noch ein blaues Flämmchen zu erblicken; aber über der Apsis und dem Chor flammte noch sausend eine Feuergarbe nach der anderen empor. Man erzählte sich, daß dort oben in weiten Bodenkammern verbotene und konfiszierte Schriften christlicher Ketzer, ganze Auflagen der letzten Bücher des Kaisers Julianos angesammelt gewesen wären. Die emporschlagenden Flammen vollführten ein Getöse wie ein Sturmwind. Zwischendurch erscholl unaufhörlich das Rufen und Kommandieren der griechischen Löschmannschaft, das Aufschreien der Leute, die von herabfliegenden brennenden Holzstücken gestreift oder verwundet oder auch nur erschreckt wurden, und endlich das wüste Gekreisch und Geschimpfe der arabischen Wasserträger, die ihre Pflicht nicht tun konnten, ohne einander unaufhörlich durch Schmähungen und Drohungen anzustacheln.

Troilos und Alexander fanden auf der Stelle den Statthalter, der ihre Meldung dankend entgegennahm. Sie blieben dann in seiner Nähe stehen und blickten wie die anderen nach dem Kreuzdache der Kirche. Dort schlugen die Flammen noch minutenlang bald höher, bald niedriger empor; plötzlich aber erscholl ein Krachen, das allen anderen Lärm übertönte, und im Nu war der ganze brennende Scheiterhaufen donnernd zwischen den nackten Wänden der Kirche verschwunden. Eine ungeheure schwarze Wolke stieg, nur von leichten, roten Blitzen durchzuckt, zum Himmel empor und aus allen schmalen Fensterhöhlen des Gebäudes heraus. Auf dem Platz war es mit einem Male finster und still geworden.

»Es ist zu Ende,« sagte der Statthalter leise zu seiner Umgebung. »Eine Kirche weniger.«

In diesem Augenblick erscholl aus dem Haufen, der den Zugang zum Judenviertel sperrte, ein gellender Hilferuf, und gleich darauf vernahm man einzelne Worte, wie: Gott Israels! Mörder!

Der Statthalter schritt eilig mit geringem Gefolge der Stelle zu. Bei seinem Nahen jagte der Haufen auseinander. Auf der Erde lag, aus Kopfwunden blutend, ein älterer Jude in seinem Feiertagsgewand, wie er vor kurzem den Zirkus verlassen haben mochte. Alexander erkannte in ihm einen reichen Glasfabrikanten. Er beugte sich nieder und hob den Kopf des Verwundeten auf. Der öffnete die Augen, erkannte den Statthalter und rief: »Gelobt sei Gott! Erbarmen! Viele Tausende ... seit zwei Stunden! Mord und Plünderung! Mein Haus... meine Tochter, meine Mira! Geschändet, ermordet!«

Es war stille auf dem Platz. Nur aus dem Innern der Kirche dröhnte es wie aus einem feurigen Hochofen. Von dem Judenviertel her war aus weiter Ferne ein unbestimmbares Geräusch zu vernehmen. Man wollte es jetzt für zusammenklingende Waffen und Hilferufe erklären.

Das Regiment, das den Platz umstellt hatte, sollte eben abrücken.

Da trat der Statthalter mit schnellen Schritten zum Kommandierenden: »Lassen Sie brennen, was brennt! Im Judenviertel ist Empörung. Sammeln Sie Ihre Mannschaft. Für mich ein Pferd. Wir müssen retten, was zu retten ist. Senden Sie um Verstärkung, Kavallerie. Und vorwärts! Marsch!«

In weniger als einer Minute war das Regiment feldmäßig formiert. Der Statthalter ritt neben dem Obersten, und im schnellen Schritt ging es über das alte Vorgelände in das unglückliche Judenviertel hinein.

In fünf Minuten hatten die Soldaten den Raum zwischen Stadtmauer und Vorstadt überschritten. Aber sie beschleunigten noch ihren Lauf, als sie erkannten, wie da gehaust worden war. Vor den ersten Häusern lagen mehr als dreißig Tote, Christen und Juden. Und dann kein Haus, wo nicht ein Toter an der Schwelle lag, kein Laden, der nicht geplündert oder dessen Tür nicht eingestoßen war. In Fetzen hingen die Seidenstoffe auf die Straße hinaus, dort lagen Fässer Wein oder Öl geborsten auf der Straße. Fast überall fand man noch Plünderer beim Werke, Marodeure. Doch der Statthalter duldete keinen Aufenthalt. Nur wer von den Dieben zufällig in den Bereich eines Römerschwertes kam, erhielt im Vorbeilaufen seinen Denkzettel. Retten, was noch zu retten ist!

Bis jetzt war das Regiment schweigend vorgegangen. Nur das taktmäßige Auftreten war zu hören. Man wollte die Unruhestifter überraschen. Denn der Statthalter hatte sich trotz der Aussage der Verwundeten die Verwüstung nicht so schlimm gedacht. Jetzt befahl er Trompetenfanfaren. Die Mörder sollten zum Angriff blasen hören. Es war besser, daß ihrer viele entkamen, als daß die Metzelei auch nur einen Augenblick länger fortdauerte.

Unter Trompetensignalen eilte das Regiment weiter. Marsch! Marsch! Jetzt sah man in der Ferne auf einem freien Platze Menschen auseinander flüchten. Der Oberst teilte seine Mannschaft und ließ zwei Kompagnien durch Seitenstraßen vorrücken. Am Suezer Tor war das Rendezvous. Marsch! Marsch? Endlich waren die Gassen erreicht, bis zu denen der Pöbel und die Mönche nach zweistündigem Kampfe vorgedrungen waren. Aber wo immer das Militär erschien, war die Masse der Mörderhaufen schon entflohen, und nur einzelne Plünderer oder versprengte Gruppen waren inmitten der verzweifelt kämpfenden Juden zurückgeblieben.

Es war keine Zeit, zu fragen. Nur da und dort ein Zuruf, aus welchem der Statthalter die Sachlage erkannte. Die Juden selbst riefen ihm zu, er möchte die zurückbleibenden Reste der Verbrecherbande getrost ihnen überlassen und die Hauptmacht verfolgen. Die konnte gar nicht anderswohin ihre Richtung genommen haben als durch das Suezer Tor ins Freie. Und während die Juden ihre blutige Heimzahlung begannen, setzte das Regiment seinen Eilmarsch fort.

Am Suezer Tor gelang es, den Nachtrupp der Christenmasse einzuholen. Die letzten wurden niedergemacht. Hunderte wurden gefangen und den rachedurstigen Juden preisgegeben. Und dann hinaus zur Verfolgung. Auf der breiten Wüstenstraße sah man einen schwarzen Menschenknäuel entfliehen.

Der Statthalter machte Halt und überließ dem Oberst die Verfolgung. Bebend vor Erregung lenkte er sein Pferd beiseite und suchte zu einem Entschluß zu kommen. Eine kleine Abteilung war zu seiner persönlichen Sicherheit bei ihm geblieben. Schon war er geneigt, auch diese zur Verfolgung fortzuschicken, als er von der Stadt her Pferdegetrappel vernahm. Endlich. In wilder Hast jagten einige Schwadronen Kavallerie heran. Der kommandierende Offizier wollte vor dem Statthalter Halt machen. Der aber wies nur mit der ausgestreckten Hand vorwärts und machte dann mit geballter Faust ein Zeichen. Der Offizier hatte ihn verstanden. Er fuhr mit dem Säbel sausend durch die Luft, und die Schwadronen jagten weiter.

Langsam kehrte der Statthalter durch das Suezer Tor zurück. Er hatte sein Schwert nicht gezogen, aber sein Kleid und die Schabracke des Pferdes waren mit Blut bedeckt.

Langsam ritt er von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse durch das Judenviertel. Hier war keiner der abgefaßten Angreifer mehr am Leben. Aber unter Jammergeschrei und Anklagen, Dankgebeten und Flüchen umdrängten die Juden ihren Retter. Orestes ließ sich von vielen Hunderten, während er so Schritt vor Schritt weiterritt, die Einzelheiten der Nacht erzählen. Er konnte nicht sprechen. So oft er einige beruhigende Worte zu sagen versuchte, stieg ihm heiß und heißer der Zorn in die Kehle. Aber die Juden verstanden ihn auch so. Bald hob er die Hand wie beruhigend auf, bald ballte er sie zur Faust.

Endlich, nicht weit vom Ausgange der Judenstadt, holte ihn eine Zahl der Vorsteher des Viertels ein. Sie berichteten laut weinend, was sie von dem Umfange der Schreckenstaten wußten. Nur ungefähr ließ sich übersehen, wie viele von der jüdischen Mannschaft im Kampfe gefallen, wie viele Judenfamilien in ihren Wohnungen gräßlich ermordet worden waren, wieviel von Handel und Gewerbe vernichtet.

»Verlaßt euch auf mich und den Kaiser!« Mehr mochte Orestes nicht hervorzubringen.

Dann befahl er seiner Begleitmannschaft, umzukehren und sich dem Regiment wieder anzuschließen. Er selbst ritt allein über den Vorraum und durch die Griechenstadt nach dem Regierungsplatz.

Vor der Hauptwache stieg er ab und überließ sein Pferd einem jungen Soldaten. Aber er ging nicht sofort nach seinem Palais hinüber. Nicht einmal vor seinen schwarzen Dienern wollte er sich in dem ohnmächtigen Zorn zeigen, der noch immer von Zeit zu Zeit sein Bewußtsein zu verdunkeln drohte. Jedesmal, wenn es ihn so packte, daß ihm die bleichen, welken Wangen heiß wurden, wünschte er den Mörder Kyrillos pfählen oder ins Wasser werfen zu können.

Der Statthalter versuchte seine Aufregung durch einen nächtlichen Spaziergang zu dämpfen. Über das Bollwerk und den Hafenplatz ging er mit festem, militärischem Schritt durch die sternenhelle Nacht. Plötzlich bemerkte er, daß die strenge Vorschrift, nach welcher jedes Schiff am Bug wie am Stern nächtens eine Laterne hinaushängen sollte, fast allgemein mißachtet wurde. Dies ließ ihn darauf merken, wie es sonst mit der Disziplin beschaffen sei; ob die Polizeiwachen ihre Runde regelmäßig machten, ob zu so später Stunde keine Wirtshäuser offen waren und dergleichen mehr. Er faßte unter den Rock, ob seine Waffen zur Hand wären, und wagte sich dann vom westlichen Ausgang des Hafenplatzes aus in das übel berüchtigte Matrosenviertel.

Es war zwei Stunden nach Mitternacht und doch standen häufig genug die Kneipen offen, aus denen ein wüstes Gejohle von Matrosen, Hafenarbeitern und betrunkenen Frauenzimmern herausklang. Ein einziges Mal erblickte Orestes auf seinem Wege eine Runde. Ein Unteroffizier stand mit drei Mann vor der Tür einer verdächtigen Wirtschaft und ließ sich lachend einige Maß Bier herausreichen. Wieder in einer anderen Kneipe sah der Statthalter durch die geöffnete Tür eine Menge Uniformen. Das Regiment war kaserniert und ihm besonders der Besuch des Matrosenviertels streng untersagt.

Orestes fühlte, wie ein bitteres Gefühl in ihm immer höher stieg. Was war aus dem alten römischen Reich geworden. So sah es mit der Befolgung der Gesetze aus. So mit den militärischen Gewohnheiten. Unbotmäßig, bestechlich oder schwach alle, alle, vom Kaiser bis zum Nachtwächter nahmen sie alle Trinkgelder. Die Minister wie die Statthalter und die Unteroffiziere. Und das verteidigte man noch. Für die Erhaltung dieses Gemeinwesens erhitzte sich noch so ein alter, erfahrener Beamter wie er, anstatt nach der Zirkusvorstellung ruhig seinen Nachttrunk zu nehmen und Judenhetze Judenhetze sein zu lassen.

Ohne ein persönliches Abenteuer bestanden zu haben, kam Orestes aus dem Matrosenviertel wieder heraus und kehrte durch die endlos lange Kaiserstraße, den Korso, nach dem Nordosten zurück. Auch diese boulevardartige Straße war noch belebt. Der Statthalter wurde oft von müdegelaufenen Dirnen angeredet und hörte auch wohl aus einzelnen Gruppen reicher junger Müßiggänger Bemerkungen über den Judenmord der heutigen Nacht. Man schien mit dem Ergebnis recht zufrieden zu sein, nannte aber trotzdem den Erzbischof mit recht unheiligen Namen.

Langsam erreichte der Statthalter den südlichen Ausgang der Kirchenstraße und wollte nach Hause zurückkehren. Vor dem Palais des Erzbischofs blieb er plötzlich stehen. Die kleinen, wie Schießscharten geformten Straßenfenster waren nicht erleuchtet. Aber es herrschte reges Leben im Gebäude. Fortwährend kamen dunkle Gestalten die Straßen herauf und verschwanden im Seitenportal, andere wieder verließen eilig das Palais.

Heftiger noch als bisher regte sich in Orestes der Zorn, und nach kurzer Überlegung überschritt er den Damm, hüllte sich dabei fester in seinen Mantel, trat ungehindert durchs offene Portal und ging ebenso schnell wie ein vorauslaufender Mönch die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Durch ein erstes Vorzimmer, in welchem mehr als zehn Leute darauf warteten, daß sie vorgelassen würden, betrat der Statthalter ein zweites Vorzimmer, in welchem Hierax sich gerade erzählen ließ, wie viele christliche Opfer der Angriff auf die Judenstadt gefordert hätte. Orestes wollte ohne Aufenthalt auch dieses zweite Zimmer durchmessen, da wurde er erkannt. Von Hierax. Der Sekretär vertrat ihm mit einer unterwürfigen Verbeugung den Weg und stammelte etwas von hoher Ehre, und Seine Gnaden seien zu Bett, und der Besuch Seiner Exzellenz würde trotzdem gegen alle Vorschrift sofort gemeldet werden.

Orestes aber hatte die Stimme des Erzbischofs aus dem Nebenzimmer wohl vernommen; er winkte den Vertrauten des Kyrillos beiseite, schlug einen schweren persischen Teppich zurück und stand plötzlich im hellerleuchteten Arbeitszimmer des Erzbischofs.

Kyrillos ging mit den Händen auf dem Rücken hin und her und diktierte zwei Schreibern gleichzeitig einen Bericht über die Ereignisse der Nacht. Drei oder vier Mönche, einer von ihnen mit Blut besudelt, standen im Hintergrunde. Kyrillos sprach noch die Worte: »...fiel das jüdische Mordgesindel mit Fackeln in der Hand über die frommen Beter der Alexanderkirche...«, dann wandte er den Kopf und sah sich dem Statthalter gegenüber. Sein Schrecken, wenn Kyrillos überhaupt erschrak, dauerte keine Sekunde. Schon nahm sein hartes Gesicht einen rauflustigen, fast humoristischen Zug an. Er reckte seine breitschultrige Gestalt in die Höhe, machte mit geballter Faust eine kurze Verbeugung und sagte mit ruhiger Stimme: »Die Herren sehen, ein wichtiger Besuch. Ich bitte, mich mit Exzellenz allein zu lassen. Wollen die Herren sich bereithalten. Nach einer halben Stunde diktiere ich weiter. Der Erzpriester Hierax soll inzwischen weitere Vernehmungen abhalten lassen. Und ich bitte alle, das nächste Zimmer freizulassen. Seine Exzellenz wünscht gewiß nicht belauscht zu werden.«

Die beiden Männer waren allein. Orestes warf heftig Hut und Mantel auf den nächsten Tisch, schritt auf den Erzbischof zu und sagte mit unterdrücktem Tone: »Wissen Sie, daß ich Lust hätte, kurzen Prozeß zu machen und Sie für das Blutbad auf der Stelle hinrichten zu lassen?«

»Das kann ich mir wohl denken, Exzellenz. Es wäre aber inkorrekt. Mit demselben Rechte könnte ich meinen Mönchen ein Zeichen geben, und Exzellenz würden dieses Palais nicht lebendig verlassen.«

»Ich habe keine Furcht, ich bin Soldat.«

»Und ich bin Mönch.«

Orestes warf sich wütend in einen Lehnstuhl. Kyrillos schlug die Hände wieder auf dem Rücken zusammen und setzte seinen Spaziergang im Zimmer fort.

»Wozu die starken Worte, Exzellenz,« sagte er nach einer Weile. »Wir sind beide zu erfahren, um eine solche Gegnerschaft mit Reden auskämpfen zu wollen. Und in der Sache bin ich doch wohl im Vorteil. Ohne Zweifel hätten Exzellenz mein Palais überfallen und mich töten lassen können. Ich gestehe, ich habe an diese Möglichkeit nicht gedacht. Und ich habe wohl recht gehabt, denn Exzellenz haben es nicht getan. Wenn es aber geschehen wäre, was wäre die Folge gewesen? Eine Revolution der Christen von Alexandria, bei welcher unter anderen auch Seine Exzellenz das Leben verloren hätte. Exzellenz sind beim schlichten Volke nicht beliebt.«

»Lassen wir alle Eventualfragen,« sagte Orestes gefaßt. »Der Kaiser kann es nicht ruhig mit ansehen, daß Tausende von seinen ruhigsten Bürgern getötet, daß Hunderte von Häusern geplündert werden. Erzbischöfliche Gnaden aber haben diese Blutnacht auf dem Gewissen.«

»Mit demselben Recht, Exzellenz, behaupte ich, daß Alexandria schlecht verwaltet wird, daß die Parteilichkeit der Regierung den Judenhaß erregt und daß sie sodann den Pöbel nicht in Zaum gehalten hat. Ich melde das nach Konstantinopel.«

»Es liegen Beweise vor, daß von den Kanzeln gegen die Juden gehetzt wurde.«

»Es ist die Pflicht von uns Geistlichen, die Irrtümer der Ungläubigen zu bekämpfen. Zu Mord und Diebstahl hat gewiß keiner von den angeseheneren Geistlichen aufgefordert. Der Pöbel hat uns mißverstanden.«

»Das alte Lied.«

»Gestatten Exzellenz, daß ich offen bin? Exzellenz sind Soldat, ich ein Geistlicher; eigentlich aber sind wir doch beide Staatsmänner, Politiker, und nicht dumme Schreibersleute. Das vergossene Blut kann den Juden nicht wieder in die Adern zurückgepumpt werden, und auf die paar geplünderten Läden kommt es ja wohl auch nicht an. Geschehen ist geschehen. Und Exzellenz wissen, daß in Konstantinopel die Tatsachen gewöhnlich recht behalten. Man wird die Vorgänge der heutigen Nacht lebhaft bedauern und ein Paar neue Klagen zu den Akten des aufrührerischen Alexandria hinzufügen, aber schließlich wird man Exzellenz und mich wie so oft schon bitten, uns zu versöhnen und unabänderliche Dinge nicht durch Rechthaberei zu verschlimmern. Es kommt den Herren in Konstantinopel wirklich nicht auf ein paar Juden an. Exzellenz wissen das so gut wie ich. Könnten wir nicht im Ernst den Wunsch des Hofes erfüllen und der Seltenheit wegen einmal gemeinsame Sache machen?«

Gegenüber der Rücksichtslosigkeit und der Kraft des Erzbischofs fühlte der Statthalter langsam seinen festen Willen und sogar seinen Zorn schwinden. Mit einer vornehmen Handbewegung, die seine Überordnung andeuten sollte, gab er dem Erzbischof die Erlaubnis, weiterzusprechen.

Kyrillos schob die langen Falten seines schwarzen Rockes fester um die Knie und setzte sich dem Statthalter gegenüber auf die Tischkante nieder.

»Also gemütlich, Exzellenz. Unser ganzer Streit kommt eigentlich nur daher, daß Exzellenz nach altem Recht und Herkommen sich für den gebietenden Herrn der Provinz Ägypten halten und daß ich mir einbilde, daß der Lauf der Dinge mich ein wenig selbständig in diesem heißen Lande gemacht hat. Ich bitte – ich spreche nur von unseren Ansichten über die Sache, nicht von den Tatsachen. Exzellenz sind ganz richtig der Statthalter des Kaisers und haben darum in Ägypten die Rechte Seiner Majestät des Kaisers auszuüben. Das ist klar. Es fragt sich nur, ob der Kaiser heute noch wie einst der Herr des Reiches ist, und das bezweifle ich. Exzellenz wissen so gut wie ich, daß der Kaiser in all seinen Palästen am Goldnen Horn frei schalten und walten kann. Er darf die schönsten Tänzerinnen aus Zirkassien auswählen, er darf sich die besten Köche bezahlen und Titel austeilen nach Herzenslust. Ja, sogar Gesetze kann er erlassen, wenn sein Sinn danach stehen sollte. Wie aber werden diese Gesetze gehalten? In Britannien, in Frankreich, im westlichen Afrika, überall wo die Kirche nicht gebietet, stehen ihm rebellische Gegenkaiser gegenüber, und wenn einmal ein römischer General dort siegreich ist, so schreibt er sofort selbst dem Kaiser Gesetze vor. In Spanien, in Deutschland und in Italien ist der Kaiser nur noch ein leerer Schatten. Deutsche Bärenhäuter trinken dort aus weißen Schädeln oder aus goldenen Tempelgefäßen starken Wein und nennen das ihre neue Religion. Und in der östlichen Reichshälfte, wo wir noch keine Gegenkaiser und wenige deutsche Königlein haben, zeigt sich die Macht Seiner Majestät darin, daß jedermann tun kann, was er will. Sollten Exzellenz mir widersprechen wollen?«

Orestes dachte an die Eindrücke seiner heutigen Wanderung und an die Briefe aus Konstantinopel. Er schwieg. Kyrillos fuhr fort:

»Exzellenz geben mir recht. Eine der größten Revolutionen der Reichsgeschichte hat sich unmerklich vollzogen. Mit entsetzlichem Trara hat man vor so und so viel Jahren die Könige vertrieben und die neue Staatsform der Republik gegründet. Das war eine neue ewige Form, bis sie einige Jahrhunderte später auf ungeheuren Schlachtfeldern vom Kaisertum begraben wurde. Diese neue Idee hat vierhundert Jahre vorgehalten, trotzdem nicht nur Wahnsinnige, sondern sogar Philosophen mitunter den Thron der Cäsaren bestiegen. Exzellenz scheinen nicht zu wissen, daß das Kaisertum aufgehört hat, aufgehört, sage ich. Eine neue Staatsform regiert jetzt die Welt. Die Welt weiß es nur noch nicht. Die Kirche regiert. Der Kaiser ist nur noch eine Fahne. Und Exzellenz sind der Statthalter Seiner Majestät des Kaisers.«

Orestes sprang auf und wollte sprechen. Kyrillos legte ihm freundlich die Hand auf die Schulter und sagte:

»Exzellenz, es hilft nichts, zum Frieden kommen wir allein durch Aufrichtigkeit. Exzellenz wollten mich hinrichten lassen. Ich sage Exzellenz dafür nur die Wahrheit.«

»Also ehrlich, Kyrillos!« sagte Orestes endlich. »Es ist viel Wahres an dem, was Sie sagen, und ich weiß, das alte Reich geht vor allem daran zugrunde, daß wir alle nicht mehr daran glauben. Aber es hat schon oft solche Zeiten des Niedergangs gehabt. Ein einziger tatkräftiger Cäsar, ein einziger kühner und großer erster Beamter, und unser altes Reich steht wieder in altem Glänze da.«

»Exzellenz sagen das, aber glauben es nicht, wie Exzellenz selber sagen. Nun ja denn – und Kyrillos stand vom Tisch auf und richtete sich stolz empor –, das alte Reich geht verloren, weil die Idee verloren gegangen ist. Die neue Idee ist die Macht der Kirche, und wir werden siegen, weil wir dieser Idee dienen. Man spricht so viel von einem neuen Glauben. Wir glauben eben an unsere Macht.«

»Und wenn das alles wahr wäre, Kyrillos, warum sagen Sie es mir, und was wollen Sie von mir?«

Behaglich zog Kyrillos jetzt einen Lehnstuhl heran und setzte sich dem Statthalter gegenüber.

»Lieber Orestes, ich möchte nicht nur in Frieden mit Ihnen leben, ich möchte Sie verpflichten. Die neue Macht der Kirche hat einen Pakt mit dem Pöbel schließen müssen, um emporzukommen. Oder vielmehr der Pöbel ist emporgekommen, und die Kirche hat sich darum an seine Spitze gestellt. Einerlei, mit diesem Gesindel ist auf die Länge nicht auszukommen. Wir brauchen die alte bewährte Beamtenschaft, wir brauchen Männer wie Sie, Orestes. Sie sind gewöhnt, zu dienen. Sie dienen heute einem weibischen, feigen, tatenlosen Kaiser. Es muß Ihnen mehr Genugtuung gewähren, der Kirche zu dienen. Sie sind doch ernstlich ein Christ?«

»Lassen wir die Religion beiseite. Wem soll ich gehorchen? Den Konzilien, auf denen ein Eunuch des Hofes zu befehlen hat, und die sich die Kirche nennen? Oder den Mönchen aus dem nytrischen Gebirge? Oder gerade Ihnen?«

Kyrillos lehnte sich in seinen Lehnstuhl zurück und schloß die Augen. So sagte er:

»Dem Einen, der der Herr der Kirche sein wird. Dem Herrn der Welt.«

Dann sprang er auf und ging mit heftigen Schritten an das große Fenster, das auf den finsteren Hof hinausführte. Und so, als ob er mit sich selber spräche, fuhr er fort:

»Der römische Staat stand fest, solange alle Beamten, vom Kaiser herab, an seine Ewigkeit glaubten, für seine Ewigkeit sorgten, und ein jeder, so menschlich auch sein Tun war, sein Leben doch einsetzte für sein Amt. Das tun jetzt wir, die Männer der Kirche. Ich will Geld, ich will Macht, ich will Rache. Aber darüber hinaus will ich das alles für den erzbischöflichen Stuhl von Alexandria. Lassen Sie mich! Sie sollen mich ganz offen sehen. Die Welt konnte unter zwei und unter mehr Kaisern bestehen. Die Kirche kann nur Einen Mann an der Spitze haben. Der Patriarch von Konstantinopel gönnt es keinem andern, aber der Hofmann von Kaiserinnen ist dazu unfähig. Der Bischof von Rom will die erste Stellung. Aber ich gönne sie ihm nicht. Rom hat lange genug geherrscht, herunter mit Rom! Von uns, von Alexandria, von Ägypten ist das Neue ausgegangen, bei uns soll die Leitung bleiben. Das alte Gesetz der Juden hat Moses sich von unseren Priestern geholt. Nach Ägypten ist die Mutter Gottes mit dem Heiland geflüchtet. In Ägypten ist das Bekenntnis erdacht und in Afrika geformt worden, dem jetzt die Welt sich beugt. In Europa glauben sie schon zu denken, wenn sie sich über ägyptische Geheimnisse den Kopf zerbrechen. stumpfsinnig sind sie, farblos wie ihre Haut, und wie ihr Winterschnee ist ihre Phantasie. Helden haben sie verehrt, bevor wir ihnen einen Gott brachten. In der heißen Sonne ist alles erwachsen, was die Kirche zusammenhält. Augustinus und der große Antonios waren Afrikaner, und der Stifter des katholischen Glaubens, Athanasios, war ein Bischof von Alexandra. Uns gehört die Herrschaft! Mir!«

»Sie scheinen viel Vertrauen zu mir zu haben, Kyrillos. Würden Sie das alles vor einem Konzil aussprechen?«

»Gewiß, wenn ich der Mehrheit so sicher wäre wie Ihrer.«

»Und welche Stellung weisen mir Erzbischöfliche Gnaden in Ihrem neuen Weltgebäude an?«

»Die erste, Orestes! Sie sind nur der Soldat und Statthalter des Kaisers, der Herr der Kirche wird der Statthalter Gottes auf Erden sein. Reizt es Sie nicht, der Soldat des Statthalters Gottes zu werden?«

»Ein schöner Titel, aber Titel reizen mich nicht. Ich freue mich nur, lieber Kyrillos, daß Sie auf einen Mann, den Sie nach Ihrer Meinung schon besiegt haben, noch so viel Rücksicht nehmen. Bekümmern Sie sich doch nicht weiter um mich.«

»Ich habe Eile. Ihr Widerstand hält mich auf. Ich könnte Sie zur Demission zwingen, aber mit Ihrem Nachfolger kann der Tanz von neuem beginnen. Ich bin noch nicht alt. Ich will selbst noch was erreichen. Ich kann mit voller Kraft gegen Rom und Konstantinopel nur kämpfen, wenn ich unumschränkter Herr in Ägypten bin. Sie sollen mich fördern!«

»Sie imponieren mir, Kyrillos.«

»Sie wissen, Orestes, Ägypten ist die Kornkammer der Welt. Rom mit seinem Bischof verhungert ohne unseren Weizen. Lassen Sie mich die Preise bestimmen, und Sie sollen sehen.«

»Die gute Gottesgabe! Macht die Kirche Geschäfte?«

»Und dann stören Sie mich nicht in den Kleinigkeiten, die mir Alexandria säubern sollen. Lassen Sie mich mit den Juden machen, was ich will!«

»Über die armen Juden ließe sich vielleicht reden. Sie sind es gewohnt, die Kriegskosten der Fürsten zu zahlen.«

»Sie willigen also ein? Überlassen Sie mir hier die Juden und – die Akademie!«

Orestes erhob sich.

»Hypatia?«

»Hypatia und die anderen.«

Orestes tat einen tiefen Atemzug, dann sagte er: »Erzbischöfliche Gnaden haben mich zur Besinnung gebracht. Vielleicht haben Erzbischöfliche Gnaden recht und alles wird kommen, wie Sie es sagen, und zu dem Plan, Rom auszuhungern, mein Kompliment; Sie sind ein Staatsmann. Aber eines haben Erzbischöfliche Gnaden vergessen. Sie kämpfen für eine neue Sache, deren Soldaten noch keine alte Fahne, noch keine alte, feste Ehre haben. Vielleicht siegen Sie gerade darum. Revolutionen können mit ehrlosen Soldaten siegen. Mir aber, dem Kommandanten eines verlorenen Postens, bleibt am Ende nur noch die Ehre. Erzbischöfliche Gnaden haben recht: dem Staatsmann kommt es auf eine Handvoll Juden und auf eine hübsche Philosophin nicht an. Ich aber habe meine Ehre zu verteidigen, und darum werde ich den Mord der Juden strafen und Hypatia schützen.«

»Exzellenz haben die Juden plötzlich wieder liebgewonnen? Aber für die Juden kommt Ihr Schutz zu spät – und es ist schade um das rosige Blut von Fräulein Hypatia.«

Orestes erhob die Faust und sagte: »Hüten Sie sich, Kyrillos. Sie bauen Kirchen auf den Gräbern christlicher Märtyrer. Schaffen Sie uns keine Märtyrerin.«

»Exzellenz bekennen sich zu den Heiden?«

Orestes griff nach Hut und Mantel. Kyrillos klingelte und rief den herbeieilenden Mönchen zu: »Zwei Diener für Seine Exzellenz! Leuchten Sie Seiner Exzellenz über die Straße!«

Im Morgengrauen schritt der Statthalter, von Mönchen geleitet, seinem Palaste zu.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.