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Fritz Mauthner: Hypatia - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
titleHypatia
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070921
projectid1b33daed
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7. Bei den heiligen Männern

Im erzbischöflichen Palais von Alexandria herrschte eine böse Stimmung. Es war ein stiller Oktobersonntag, aber Kyrillos war mit einem leichten Kopfschmerz aufgestanden. Der verdammte griechische Wein, der verdammte griechische Statthalter, die verdammte Hypatia!

In seiner eleganten Wohnung drückte sich die zahlreiche Dienerschaft scheu herum und konnte es kaum erwarten, daß der hochwürdige Herr das Haus verließ, um den Gottesdienst in der Kathedrale abzuhalten. Aber er kehrte noch verstimmter in das Palais zurück. Sein Privatsekretär Hierax hatte ihm schon kurz in der Sakristei und dann auf dem Heimwege Mitteilungen gemacht, die in ihm sowohl den Seelenhirten als den Menschen kränken mußten. Der Anschlag auf Hypatia war mißlungen. Und nun fand er zum Überflusse auch noch Briefe aus Konstantinopel vor, welche von ihm unbedingte kirchliche Unterwerfung unter die Mehrheitsbeschlüsse des Kirchentags forderten.

Kyrillos hatte sich kaum Zeit genommen, den priesterlichen Ornat abzuwerfen, und ging jetzt im Hausrock mit geballten Fäusten in seinem Zimmer auf und nieder. Es war ein weiter, mit hellen Farben bemalter und auch von außen reichlich mit Licht versorgter Raum. Eine stattliche Bibliothek zierte die Wände. Wenn nicht ein Kruzifix von massivem Silber zwischen zwei Wandleuchtern heruntergeblickt hätte, man hätte kaum vermuten können, in der Arbeitsstube eines christlichen Priesters zu sein.

Kyrillos machte seinem Ärger zuerst in zornigen Worten über den gelehrten hauptstädtischen Amtsbruder Luft. Der Herr meine wohl, die Bischöfe von Asien und Afrika nur so hudeln zu können, als ob es simple Pfarrer wären. Und das einzig und allein darum, weil der von Konstantinopel das Ohr des Kaisers besaß oder vielmehr das Ohr der Frauenzimmer. Oho! Die Kirche habe glücklicherweise gerade in Asien und Afrika eine große Macht über die Herzen und über die Geldbeutel, und dazu sei die ganze kirchliche Wissenschaft asiatisch und alexandrinisch. Der Herr Amtsbruder von Konstantinopel solle seine Herrschaftsgelüste aufgeben, sonst wäre man in Afrika lieber noch dem Bischof des alten Rom, dem unschädlichen frommen Herrn, gefällig als dem Intriganten von Neurom, dem Kirchenfürsten von der Weiber Gnaden.

So tobte Kyrillos eine ganze Weile, mehr zu seiner eigenen Beruhigung, als um Hierax in seine Gedanken einzuweihen. Endlich warf er sich in den Lehnstuhl und winkte seinen Beamten zu sich heran.

»Das ist nun einmal nicht von heute auf morgen zu ändern. Es ist mein großer Arger, mit dem ich wohl bei Lebzeiten nicht fertig werde. Aber die kleinen Ärgernisse, die man mir hier bereitet, die schaffe ich aus der Welt, so wahr ich lebe! Also noch einmal, wie waren die Worte dieser Hypatia?«

»Erzbischöfliche Gnaden wollen mir verzeihen, daß ich nicht für jede Silbe eintreten kann. Als die Studenten merkten, daß ich mitschrieb, entfernten sie mich aus dem Saal, gründlich.«

»Esel! Warum schickten Sie nicht einen Aufpasser hin, den man nicht kannte?«

»Erzbischöfliche Gnaden, weil die anderen wirkliche Esel sind.«

Kyrillos winkte beruhigend mit der Hand. »Also der Sinn ihrer Worte? Die einzelnen Silben kann man ja mit Hilfe der Tortur erfahren, wenn erst ein Prozeß eingeleitet ist. Und ihre Kritik des Christentums muß ihr den schönen Hals brechen.«

»Hypatia sagte also ziemlich genau: Jesus Christus sei gewiß der edelste aller Menschen gewesen, aber die christliche Kirche lehre gar nicht dasselbe wie ihr erster Stifter. Die Bischöfe seien die Geschäftsführer der neuen Partei geworden, seien ohne jede Religion, und die fanatischen Mönche seien unwissende und verrückte Schwärmer, etwa das, was unter der Herrschaft der alten Religion die Zauberer und Quacksalber gewesen wären.«

»Hm! Mit dem über uns und die Mönche ist nichts anzufangen. Aber sie hat die Gottheit Christi geleugnet. Sie hat Jesus einen Menschen genannt. Nicht wahr, das Wort ist gewiß? Hm! Sie hat damit ohne Frage das Strafgesetz verletzt, aber ich fürchte, ich fürchte, der Herr Statthalter wird sie schützen wollen, und auch in Konstantinopel würde man es mir übelnehmen. Hm, ich bin ja dort als ein gefälliger Diplomat gut angeschrieben. Jedenfalls legen Sie Ihre Zeugnisse schriftlich nieder und sammeln Sie weitere Äußerungen Hypatias. Kaufen Sie einen armen Studenten. Und nun weiter. Die gestrige Prügelei verlief, wie Sie erzählten? Die Christen zogen den kürzeren?«

»Wie ich erzählte, Erzbischöfliche Gnaden!«

»Bei einer sogenannten objektiven Untersuchung würde sich also herausstellen, daß unsere Christen angefangen haben? Ist das nicht zu leugnen?«

»Nicht zu leugnen, Erzbischöfliche Gnaden. Das Theater war gestern, wie immer am Samstag, sehr stark von Juden besetzt. Die armen Christen haben meistens nur Sonntag Zeit. So hatten denn die Juden die Mehrheit. Und wie zum Schluß der Vorstellung draußen auf den Gängen die ersten Rufe fielen: »Juden 'raus!« und wie sich daraus eine Schlägerei entwickelte, da flogen am Ende unsere Christen hinaus. Die Polizei will nichts gesehen und gehört haben.«

»Wie gewöhnlich. Bemerken Sie in Ihrem Bericht, daß die Juden alle guten Plätze einnahmen und durch ihr unbescheidenes Benehmen jeden demütigen Menschen reizen mußten, daß also eigentlich die Juden angefangen haben.«

»Der Herr Statthalter...«

»Ich weiß. Das genügt nicht für seine Gerichtshöfe. Immerhin sammeln wir einstweilen Materialien. Und noch eins. Der Zulauf zu dieser alten Hexe, zu der Hypatia, ist immer noch so groß?«

Hierax schien gerade andächtig das Kruzifix zu betrachten. Ganz amtlich sagte er:

»Die große Aula reicht niemals hin. Heute standen über fünfzig Personen vor dem Portal. Zur Kirchenzeit. Und es waren die jungen Leute aus unseren besten Familien.«

Kyrillos schlug mit der geballten Faust auf den Tisch.

»Und dagegen ohnmächtig zu sein! Sich immer an diese kaiserlichen Beamten wenden zu müssen, die alle meine Feinde unterstützen! Habe ich denn gar keine Freunde in Alexandria, um mit dieser griechischen Teufelin und mit den Juden kurzen Prozeß zu machen?«

»Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, Erzbischöfliche Gnaden? Solche Geschäfte kann straflos nur der Pöbel besorgen. Unser christlicher Pöbel hat vorläufig gar nichts gegen Hypatia. Man hat ihm höhere Löhne auf Erden und im jenseitigen Leben das Himmelreich versprochen. Darauf wartet unser süßer Pöbel. Er wartet geduldig. Rühren wird er sich erst, wenn er glaubt, Hypatia oder die Juden ständen zwischen ihm und den Genüssen des Himmelreichs.«

Kyrillos stand auf und ging mit gekreuzten Armen auf und nieder.

»Hierax,« sagte er nach einer Weile, »für diesen Gedanken sollen Sie einmal Bischof werden. Aber vorerst müssen Sie Ihren Gedanken verwirklichen helfen. Wir haben keinen fanatischen christlichen Pöbel, meinen Sie? Wir haben ja die Mönche. Die müssen Sie uns hereinbringen.«

Hierax küßte den Ärmel des Erzbischofs. »Seiner Erzbischöflichen Gnaden Diener, heute wie als Bischof. Was habe ich zu tun?«

Der Erzbischof trat ans Fenster und stand lange mit geschlossenen Augen da, endlich sagte er: »Glauben Sie, daß Sie die Sprache dieser Leute treffen werden? Es sind ungebildete, gläubige Menschen.«

»Der allmächtige Gott wird seinem niedrigsten Knechte die Zunge lösen und ihn mit seinen Engelscharen gegen das Gezücht der Wüste schützen und ihm eingeben, was gut ist für die Vernichtung der eitlen Herrlichkeit dieser Welt und was gut ist für die Eroberung des himmlischen Reiches!«

Kyrillos nickte lächelnd.

»Ich kann Ihnen nur allgemeine Grundzüge für Ihr Verhalten geben. Ich vertraue Ihnen, und ein Bischofssitz kann die Belohnung sein. Schon gut. Ich weiß, daß Sie es um der guten Sache willen tun werden, aber ein Bischofssitz ist auch eine gute Sache. Also hören Sie. Notieren Sie sich, was ich Ihnen sage. In Ihrer Geheimschrift, wenn ich bitten darf.«

Kyrillos ging mit großen Schritten auf und nieder. Hierax setzte sich bescheiden an ein kleines Tischchen, zog seine Schreibtafel hervor und horchte aufmerksam.

»Sie werden sich auf den Weg machen, sowie Sie die allernötigsten Vorbereitungen getroffen haben. Sie gehen natürlich nach dem nytrischen Gebirge. Sie werden dort drei Arten von Büßern finden, sowie Sie in dem großen Mönchstal langsam von der Talsohle nach dem Gebirge aufsteigen. Unten wohnen Hütte an Hütte und Zelt an Zelt die guten frommen Gärtner, welche sich nach den Worten der Schrift von der Welt zurückgezogen haben, um unter freiwilligen Entbehrungen ein beschauliches Dasein zu führen, und ruhig den Tod und das Eingehen in das Reich Gottes erwarten. Mit diesen Leuten ist ganz und gar nichts anzufangen. Es mögen gute Christen sein nach dem Sinne Jesu Christi und der Apostel, für die Kirche sind sie nicht zu brauchen. Einfältige Menschen!

»Weiter oben auf dem ersten Abhang des Gebirges liegen die Klöster. Sie verhandeln dort je nach Umständen mit den Mönchen selbst oder nur mit den Vorstehern. Den Mönchen gegenüber können Sie einfließen lassen, daß der Bischof von Rom sich die Herrschaft auch über die griechische Kirche anmaßen und sämtliche Klöster aufheben will. Der Bischof von Rom...«

»Der Antichrist!«

»Vortrefflich! Ich sehe, Sie verstehen mich. Das Wichtigste aber ist, daß Sie den Vorstehern der Klöster etwas anbieten können. Sie möchten einige neue Heilige haben. Ich liebe das eigentlich nicht. Die toten Heiligen stellen die lebendigen Bischöfe in den Schatten. Und wenn ich auch hoffen darf, nach meinem Tode gleichfalls heilig gesprochen zu werden, wissen Sie, Hierax, ich glaube nicht, daß die Würmer sich daran kehren werden. Die Würmer sind arge Heiden. Na also immerhin, ich bewillige den Klöstern den heiligen Kyriax und den heiligen Paphnutios. Haben beide eine etwas stürmische Jugend gehabt, wurden aber beide nachher wirklich heilige Männer, und wurden vor allem unbeschreiblich alt. Sie brauchen das nicht zu notieren! Frecher Mensch! Außerdem verpflichte ich mich, die Bücher des Origines verbrennen zu lassen. Was dieser Mann gefordert hat, wollen die Mönche denn doch nicht anerkennen, trotz ihres zweiten Gelübdes. Im übrigen sollen die Vorsteher versichert sein, daß ich mit rücksichtsloser Strenge sie unterstützen werde, so oft sie die Disziplin in ihren Klöstern mit Gewalt aufrechthalten müssen. Das müssen Sie aber wieder den Klosterleuten nicht sagen.«

»Das Joch der drei Gelübde ist schwer.«

»Da irren Sie, lieber Hierax. Das Gelübde der Armut schafft mir ein jährliches Einkommen von fünfzigtausend Goldkronen. Das Gelübde der Keuschheit sichert mir mein freies Junggesellenleben und läßt doch einige recht ansehnliche Frauen Vertrauen zu mir fassen. Und das Gelübde des Gehorsams hat es so gefügt, daß der kaiserliche Statthalter von Ägypten sich mir noch unterordnen wird und daß das Volk den Saum meines Kleides küßt, wenn meine Sänftenträger mich durch die Straßen leiten. Das brauchen Sie auch nicht zu notieren.«

»Und wozu, Erzbischöfliche Gnaden, müssen die Mönche sich verpflichten?«

»Zu nichts. Sie sollen recht zahlreich nach Alexandria kommen, hier ihre kleinen Einkäufe besorgen und etwas Geld unter die Leute bringen; wenn sie unchristlichen Wandel wahrnehmen und mit ihren abgehärteten Fäusten dreinschlagen sollten, so würden sie dafür kaum bis in die Wüste verfolgt werden. Dazu gebe ich aber keinen Auftrag.«

»Und die dritte Gruppe der Büßer?«

»Das sind die Einsiedler, welche hoch oben auf den unfruchtbaren Bergen oder irgendwo in den Seitentälern versteckt, in Tierhöhlen und alten Gräbern hausen. Wenn diese Wilden sich nicht an die Spitze stellen, so helfen die Mönche nichts. Wir müssen die Eremiten und Anachoreten gewinnen. Und die haben wir, wenn wir den frommen Mann Isidoros haben.«

»Isidoros.«

»Es ist möglich, lieber Hierax, daß dieser heilige Mann Sie mit Steinwürfen oder mit Knüttelschlägen empfängt. Sie schicken vielleicht einen der guten Leute aus dem Tal voraus. Er hat so seine Anfälle. Aber er ist der gelehrteste unter den Eremiten und hat um seiner Anfälle willen ein doppeltes Ansehen. Was Sie mit ihm und seinesgleichen zu reden haben, muß ich ganz Ihrem Gefühl überlassen. Erzählen Sie von den Greueln der Juden, welche letzte Ostern ein Christenkind geschlachtet haben. Erzählen Sie von den Beamten des Kaisers, die sich Christen nennen, aber in ihren üppigen Wohnräumen schöne, nackte Bildsäulen heidnischer Göttinnen stehen haben. Sie dürfen lebhaft werden in der Schilderung der Üppigkeit und der Nacktheit. Das hören die Eremiten in ihrem heiligen Zorn gern. Berichten Sie über die Mahlzeiten dieser verkappten Heiden. Austern, getrüffelte Fasanen, Steinbutten, Rebhühner und Hasen. Nennen Sie die leckersten Fleischspeisen. Gemüse würde keinen Eindruck machen. Schildern Sie die Lotterbetten und Teppiche. Und vergessen Sie nicht das zügellose Leben der Söhne dieser Heiden, die Gelage mit den Tänzerinnen von Alexandria. Sie dürften gut tun, vor Ihrer Abreise ein solches Fest mitzumachen, um anschaulich beschreiben zu können.«

»Ist nicht nötig, Erzbischöfliche Gnaden.«

»Erzählen Sie vor allem, wie diese griechische Teufelin die lasterhaften jungen Leute des Sonntags von der Kirche lockt und wie sie unseren Herrn Jesus Christus gelästert und ihn einen Menschen genannt hat. Von den Beziehungen zwischen dieser Hypatia und dem Statthalter machen Sie ausgiebigen Gebrauch. Erinnern Sie an die Leibgarde der berühmten Philosophin. Natürlich lauter Liebhaber, Heidengreuel. Sie werden bei den Eremiten vielleicht zu hören bekommen, daß auch die christlichen Bischöfe kein entbehrungsreiches Leben führen. Widersprechen Sie dem, wenn Sie können, und geben Sie selbst ein gutes Beispiel.«

Der Erzbischof gab seinem Boten noch ein paar eingehende Belehrungen über einzelne Klosterpröpste und entließ ihn freundlich.

Hierax reiste schon vier Tage später ab. Hoch auf dem Rücken eines Dromedars, begleitet nur von zwei Ägyptern, welche auf Eseln ritten und sein Gepäck mit sich führten, verließ er die Stadt mit Sonnenaufgang. Drei Tage und zwei Nächte dauerte die Reise am Saume der Wüste. Die beiden Ägypter, welche kein Wort Griechisch verstanden, unterhielten sich unterwegs, wenn die Sonne nicht gar zu heiß niederbrannte, lebhaft über das und jenes und wunderten sich über den großmächtigen Christen, der so teilnahmlos Sonnenauf- und -untergang, Windesrauschen und Sterngefunkel über sich ergehen ließ, als ob er taub und blind wäre.

Als sie zur Nachtzeit tiefer in der Wüste halt machten und sich zum Abendmahl auf die ausgebreiteten Teppiche niederließen, da dankten die Ägypter ihren Göttern für Speise und Trank, und nur der Christ schlang gedankenlos alles hinunter. Wenn sie fromme Sprüche aufsagten, um durch deren Bann die wilden Tiere von ihrem nächtlichen Lager fernzuhalten, so gab der Christ Auftrag, trockenen Mist um das Lager zu sammeln und ihn zum Schutz gegen die Hyänen anzuzünden. Als ob ein Mistfeuer wirksamer wäre als die Hilfe der Götter. Es war klar, so ein Christ hatte keinen Glauben.

Gegen den Abend des dritten Tages näherte sich die kleine Karawane einem Taleinschnitt, der den niedrigen Bergzug zur Rechten unterbrach. Noch lag, so weit das Auge reichte, die gelbgraue Wüste wie ein unabsehbares schlechtes Löwenfell vor ihnen ausgebreitet. Doch plötzlich, als sie in das Tal einbogen, glaubte Hierax eine Luftspiegelung vor sich zu sehen. Über eine Stunde weit konnte er kleine Menschenwohnungen wahrnehmen und über jede Hütte und Mauer hinweg ragten hoch empor und zeichneten sich schlank von dem dunkelblauen Himmel ab unzählige Palmbäume, und senkten ihre majestätischen Fächerwedel in anmutigen Linien bald über die kleinen Dächer, bald weit ausladend über die Umzäunungsmauern hinweg.

Jedes Gehöft bestand aus einem niederen Lehmhäuschen, das nicht viel anders als ein großer Bienenkorb aussah und auf gleichem Umkreis von kleinen Obst- und Gemüsegärten umgeben war. Überall sah Hierax die Dorfbewohner noch fleißig bei der Arbeit. Die meisten drehten zu zwei oder zu vieren die großen Schöpfräder, mit welchen sie Wasser aus Brunnen und Zisternen holten für sich und den Garten. Anderswo schnitt ein Alter die reifen Gemüse ab, und wieder anderswo hackte ein Jüngerer ein abgeerntetes Beet. Hie und da war einer von den jüngsten Männern zu einem Palmgipfel emporgeklettert, pflückte oben in der luftigen Höhe einige schwellende Dattelkolben ab und blickte verwundert den Reitern nach.

Auf den ersten Blick unterschied sich diese kleine Oase von anderen ägyptischen Gärtnerdörfern durch eine peinliche Sauberkeit und durch fast sonntägliche Ruhe, man hörte nicht das Schreien gemarterter Tiere, nicht das Zanken und Toben ungezogener Kinder, nicht das Keifen von Frauen. Nur das leise Knarren der Schöpfräder begleitete die Reiter von Gehöft zu Gehöft, ein ruhiges: »Gelobt sei Jesus Christus!« tönte ihnen freundlich von allen Begegnenden zu, und hie und da erklang aus den Gärten die Melodie eines Psalms.

Seit einer halben Stunde trug das Dromedar seinen Reiter mit langsamen, weit ausgreifenden Schritten durch das Dorf. Hierax war unschlüssig, ob er hier sein Nachtlager nehmen oder den Weg bis zum ersten Kloster fortsetzen sollte. Noch hatte ihn niemand angesprochen, noch war ihm kein Obdach angeboten worden. Erst als Hierax an den letzten Gehöften vorüberkam und eben mit den Augen die Entfernung bis zu den Klöstern maß, deren Kalksteinmauern nun beim Scheine der untergehenden Sonne wie rote Kristalle aus den Wüstenfelsen emporzublühen schienen, da trat aus der letzten Hütte ein lächelnder alter Mann hervor, stieß einen kurzen Ruf aus, der die drei Tiere sofort zum Stehen brachte, und sagte zu Hierax:

»Gelobt sei Jesus Christus, lieber Herr. Ihr solltet nicht weiter heute abend. Die reine Luft der Wüste täuscht eure Augen. Ihr hättet noch drei Stunden gut zu reiten bis zu den Klöstern, und die Nacht bricht herein. Kein Mondschein. Wenn die Reise also nicht einem Kranken gilt, so wollt freundlichst meine Hütte mit mir teilen.«

Hierax nahm die Einladung an und beaufsichtigte selbst, wie die beiden Treiber die Tiere absattelten und fütterten und sich das gewohnte Wüstenlager vor der Hütte bereiteten. Inzwischen hatte der alte Gärtner in seinem Häuschen alles für den Gast bereit gemacht und rief nun ihn und die Treiber zum Mahl. Hierax sprach seine Verwunderung darüber aus, daß ein so guter Christ, wie der Gärtner zu sein schien, gemeinsam mit diesen gemeinen ägyptischen Knechten essen wolle. Das aber verstand der alte Gärtner wieder nicht; alle Menschen seien Kinder Gottes. Aber den Ägyptern war es selbst ungemütlich, so geehrt zu werden, sie nahmen ihren Teil des Weizenbreis und der Datteln aus der Schüssel, schöpften sich einen Topf voll Mich ein und schlichen zu ihren Eseln hinaus.

Unter ruhigen Gesprächen über Gemüsebau und den rechten Glauben verging der Abend. Dann streckte sich Hierax, auf einer weichen Strohlage aus, welche ihm sein Wirt über ein Bett von geflochtenen Rippen der Palmblätter aufgeschüttet hatte. Er schlief herrlich bis in den Morgen hinein und brach dann bald auf, nach einem Frühstück von Milch und Brot. Dank wollte der Gärtner nicht annehmen. Und über das Anerbieten von Geld lächelte er. Geld in der Wüste. Spielzeug für Kinder.

Hierax ritt mit seinen beiden Begleitern dahin und nahm sich vor, die Macht des Erzbischofs gegen diese hochmütigen Menschen loszulassen, die von den Segnungen der Kirche nichts zu wissen schienen und der bischöflichen Macht durch ihre Ruhe spotteten. Es ging jetzt langsam bergauf, über unwirtliche, gelbbraune Kalkfelsen zog sich ein schlechter Fußsteig im Zickzack hinauf. Es war beinahe Mittag, als Hierax vor der Pforte des ersten Klosters anlangte. Sie war fest verschlossen und wie ein Festungstor bewacht. Der Abgesandte des Erzbischofs mußte lange warten; endlich wurde er von einem groben Kerl mitsamt den Treibern und Tieren zu einer großen Halle geleitet, wo gegen zwanzig Wallfahrer aus der Nilniederung schon versammelt waren, um heute zur Vesperzeit den Segen des Klosterpropstes am Grabe des heiligen Pachomios zu erlangen. Denn weder die Gläubigen noch die Mönche hatten auf die Erlaubnis der Kirchenbehörde gewartet, um die Wunder des Heiligen an Kranken und Krüppeln, an unfruchtbaren Weibern und an Wahnsinnigen ausüben zu lassen.

Als nach einer kleinen halben Stunde zwei rüstige Mönche erschienen und ein großes Gefäß mit Linsen vor die Wallfahrer hinsetzten, gab sich ihnen Hierax, als den Boten des Erzbischofs zu erkennen und verlangte, auf der Stelle zum Vorsteher geführt zu werden. Die erschreckten Mönche machten Ausflüchte und wollten ihn, offenbar um Zeit zu gewinnen, zunächst in den Klostergarten führen, wo der Herr Vorsteher ihn aufsuchen würde. Hierax aber ließ die beiden nicht von seiner Seite und betrat mit ihnen gemeinsam den großen Speisesaal.

Da saßen und hockten und lehnten an zweihundert Mönche, plaudernd, singend und zankend um einen ungeheuren Tisch, und an der Spitze saß der Vorsteher, vor sich einen großen Krug mit Wein. Der Tisch war mit allerlei guten Speisen beladen, und die Mönche, die jungen und die alten, ließen es sich wohlsein.

Jetzt aber stürzten die beiden Begleiter des Hierax, die lange Tafel entlang bis zum Vorsteher, und im Nu herrschte Totenstille im weiten Raum. Der Propst wollte taumelnd auffahren, sank aber schwer in seinen Stuhl zurück; einige Tischgenossen intonierten einen Psalm. Hierax aber trat lächelnd einen Schritt vor und rief:

»Gelobt sei Jesus Christus, die Herren! Ich komme nicht, zu stören, und wenn mir eine Einladung zuteil wird, so will ich zeigen, daß Gott meinen Appetit gesegnet hat wie den ihren. Und ein Krug voll Klosterwein wird meiner verstaubten Kehle gleichfalls wohltun.«

War das ein Jubel. Der Vorsteher erhob sich nun würdevoll und duldete es nicht anders, als daß Hierax, der nun feierlich sein Beglaubigungsschreiben überreichte, auf dem Ehrensitze Platz nahm. Alle Mönche waren aufgesprungen und drängten sich unter Bücklingen und Schmeichelreden um den Boten des Erzbischofs. Etwa zwanzig der ältesten Mönche wurden ihm persönlich vorgestellt. Dann aber verbat er sich alle Zeremonien, und das Mittagsmahl wurde noch heiterer und lärmender fortgesetzt, als es begonnen hatte. Wohl versuchte der Vorsteher von Zeit zu Zeit das Wohlleben zu entschuldigen: es sei heute Sonntag, und man dürfe doch die liebe Gottesgabe nicht umkommen lassen, welche die Wallfahrer unter so vieler Mühsal herbeibrächten. Hierax winkte aber nur mit der Hand ab, aß, trank und plauderte und ließ nur hie und da eine Bemerkung fallen, als ob die vortreffliche Einrichtung von mächtigen Feinden bedroht wäre. Nach der Mahlzeit begab man sich in den Garten, wo Hierax bald mit den jüngeren Klosterleuten allein blieb; diese fingen sofort an, ihm ihre Klagen über den Propst und über die älteren Herren vorzutragen. Seine Gnaden solle sich nicht durch den trügerischen Schein täuschen lassen. Man habe ja zu leben, aber so wie am Sonntag gehe es doch nicht alle Tage. Man habe doch auch menschliche Bedürfnisse und keine so hündischen Launen wie die Anachoreten oben im Gebirge. Der Herr Propst und die alten Herren seien freilich die reinen Müßiggänger. Die jüngeren Mönche aber müßten wochentags oft arbeiten wie Bauern oder Handwerker. Die Bestellung des Gartens, besonders das Wasserschöpfen, sei in dieser Wüstenei eine mühsame Sache. Und das Bedienen der Wallfahrer, das Kochen, die Gärtnerei sei gar kein leichtes Geschäft. Dazu komme noch, daß die jüngeren Leute jede freie Stunde in der Klosterfabrik beschäftigt würden, in der großen Strohflechterei, wo die heiligen Strohmatten hergestellt würden, auf denen der Heiland einst wandelte. Das Geld dafür fließe stets in die Tasche des Vorstehers. Und wenn dieser auch nicht so strenge sei wie manche andere Pröpste dieser Gegend, so spiele er doch auch gerne den Tyrannen und lasse die Laienbrüder oft wegen einer kleinen Lüge oder wegen des geringsten Ungehorsams auspeitschen. Hierax erwiderte, er wäre ja eben gekommen, um alle diese Dinge zu untersuchen, und die Herren sollten sich nur getrost auf den gerechten Sinn des Herrn Erzbischofs verlassen.

»Freilich,« so fuhr er fort, während er sich auf ein Lager von Polstern niederließ und die Mönche ihn dichtgedrängt umstanden: »Freilich kann ich den Herren keine Sicherheit dafür geben, daß das Leben in den Klöstern überhaupt noch lange währen wird. Ei, ei, meine Herren, es scheint ja trotz Ihrer Klagen nicht so schlimm zu sein, da Sie bei dem bloßen Gedanken schon erschrecken. Ja, ja, Sie wissen doch, daß der Bischof von Rom Ansprüche erhebt, die anderen Bischöfe zu seinen Knechten zu machen, sogar die von Konstantinopel und Antiochia und von Alexandria. Gelingt ihm das, so dürften die Herren bald mehr Grund haben zur Klage. Dann dürfte niemals wieder ein Stückchen Fleisch oder ein Tropfen Wein über eine Klosterschwelle kommen. Dann dürften Sie alle ein Leben führen wie die heiligen Männer, die Eremiten. Ja, ja, meine Herren, das kommt davon, daß Sie den Herrn Bischof in seinem Streben nach einer strafferen Organisation und in seinem Kampfe gegen Rom nicht unterstützt haben. Der Herr Erzbischof ist fast geneigt, dem Bischof von Rom die Herrschaft zu überlassen.«

Das dürfe nie geschehen, nie! Niemals! Lieber alles andere, als das Leben von Eremiten führen. Lieber den Tod!

Alle schrien durcheinander. Sie vergaßen die Würde des Gastes, sie zankten und stritten, und einige riefen, man müßte sofort nach Alexandria aufbrechen, um den guten Erzbischof zum Ausharren zu bewegen oder zu zwingen.

Hierax nahm nun wieder das Wort und ließ sich gehen. Was wußten diese unwissenden Mönche vom Weltlauf? Denen konnte er alles einreden. Er erzählte also, daß die römischen Bischöfe sich nur zum Schein Katholiken nannten, im Grunde aber nazarenische Ketzer wären, welche sich überall mit Hilfe der verdammten nazarenischen Sekte der Herrschaft bemächtigten.

»Auch in Alexandria gibt es heimlich noch sehr viele Nazarener, die freilich die eigentliche Meinung ihres Stifters über das Wesen Gottes schon wieder verfälscht haben, sich Urchristen nennen und das Urchristentum einführen möchten. Denken Sie nur: das Urchristentum. Welch ein Unsinn. Zwischen Laien und Geistlichen, zwischen Wallfahrern und den Klosterleuten soll kein Unterschied sein. Armut und allgemeine Menschenliebe soll dieses Urchristentum ausmachen! Bischöfe, Pröpste und die letzten Knechte sollen alle gleich und alle Bettler sein. Kein Mensch soll besonderes Eigentum haben. Diese blödsinnigen Verehrer der heiligen Matten draußen sollen das Recht haben, ihren Wein selbst zu trinken, meine Herren, und Ihnen dafür brackiges Wasser vorzusetzen. Lachen Sie nicht, meine Herren. Diese sogenannten Urchristen, welche sich fortwährend auf die Evangelien berufen, könnten eines Tages die Welt erobern, wenn nicht Sie und alle gutgestellten Bürger die Bischöfe im Kampfe gegen solche Irrlehren unterstützen. Glauben Sie mir, diese nazarenischen urchristlichen Ketzer und der Bischof von Rom und die Beamten der Regierung stecken alle unter einer Decke.«

Wieder sprachen alle Mönche durcheinander. Da solle doch ein Himmeldonnerwetter dreinschlagen. Warum der Erzbischof diesen gottlosen Greueln nicht ein Ende mache?

»Er kann eben nicht. Ihm sind die Hände gebunden, weil ihm der Herr Statthalter auf dem Nacken sitzt und weil die guten Christen von Alexandria schlappe Menschen sind, elende Krämerseelen. Da müßten einmal so ein paar Hundert kräftige Mönche und Einsiedler aus der Wüste nach der Stadt kommen, die würden schon mit den friedfertigen Nazarenern fertig werden. So ein kurzer Besuch in der Stadt könnte ganz lustig werden. Aber ich darf nichts sagen, meine Herren. Ich habe Ihnen nichts zu befehlen. Ich weiß nur, womit Sie dem Herrn Erzbischof eine rechte Herzensfreude bereiten könnten. Eine Sünde wäre es wahrhaftig nicht, bei so einem Kreuzzug auch noch die verdammten heidnischen Philosophen bei ihren hochmütigen Ohren zu ziehen und den verdammten Juden, den Gottesmördern, ihr Gold und Silber fortzunehmen. Davon machen Sie sich keine Vorstellung, meine Herren, wie die Tafel so eines reichen alexandrinischen Juden aussieht. Von goldenen Tellern essen sie, und aus silbernen Krügen gießen sie den Wein in kristallene Becher. Und was für einen Wein. Daß man bei der Erinnerung noch nach Jahr und Tag mit der Zunge schnalzt.«

Diese Unterhaltung dauerte noch fort, als der Propst mit seinen Begleitern erschöpft von der Segenserteilung zurückkehrte und sich dem hochgeehrten Gaste wieder zur Verfügung stellte.

Über eine Woche blieb Hierax in diesem Bezirke. Er übernachtete jedesmal in einem anderen Kloster und machte tagsüber da und dort Besuche. Als er am letzten Tage eine Versammlung aller Pröpste berief, war der Zweck seiner Reise zur Hälfte schon erreicht. Die günstige Einwirkung des erzbischöflichen Boten auf die Disziplin in den Klöstern wurde allgemein anerkannt, und als Hierax gar die erzbischöfliche Anerkennung von Heiligen auszuwirken versprach, da war unter sämtlichen Klostervorstehern keiner, der nicht jeden Schritt des Erzbischofs mit Gut und Blut des Klosters zu unterstützen bereit gewesen wäre.

Hierax wurde so guter Laune, daß er in einer Art von Rausch gar drei Heilige auf einmal versprach, außer den vom Erzbischof bewilligten Kyriaz und Paphnutios auch noch den heiligen Pachomios, dessen Wunderwerke Hierax ja am Tage seiner Ankunft mit eigenen Augen geschaut hatte.

Noch eine Nacht verbrachte Hierax in einem der Klöster, dann ging es höher ins Gebirge zu den heiligsten unter den heiligen Männern, zu den Anachoreten. Der Gesandte schloß sich einer Karawane an, welche jetzt gerade wieder wie alle Vierteljahre auszog, um den Einsiedlern ihre Brotrationen für drei Monate zu verteilen. Zwanzig starke Kamele, von heidnischen Arabern geführt, bildeten den Zug, und ein lustiger Mönch, der früher in Alexandria Bäckergeselle gewesen und aus Zorn über seinen Herrn ins Kloster gelaufen war, hatte die Oberleitung und die Brotverteilung unter sich. Er hieß Paulinos und konnte dem Boten des Erzbischofs durch seine Kenntnis der Personen und der Gegend sehr nützlich werden. Paulinos hatte überdies die Funktionen eines Arztes auszuüben; er verstand zwar nichts von der Heilkunde, aber kranke Anachoreten verlangten dennoch seine Hilfe.

Hierax hüllte sich anfangs in seine Würde und wollte den kecken Burschen nicht ausfragen. So zogen sie einen langen Tag nebeneinander hin und plauderten von der besten Art Kamele zu satteln, von der Rebhühnerjagd und vom Leben in den Klöstern. Paulinos war mit seinem Schicksal recht zufrieden. Er hatte einen festumrissenen Kreis seiner geistlichen Tätigkeit; er durfte den Getreideeinkauf besorgen, verwaltete die Klostermühle und -bäckerei und mußte außerdem viermal im Jahre die Brotlieferung für diesen Distrikt des Gebirges übernehmen.

»Mein Herr Propst ist kein strenger Mann; es setzt nur mitunter einen Katzenkopf, wenn der Wind von Nordwest bläst, das wissen wir schon.«

Ob alle Pröpste humane Herren wären?

»Human? das verstehe ich nicht. Hart sind einige schon. Da ist einer aus Syrien zu uns versetzt worden, dessen Mönche bilden die reine Strafkompagnie. Einige müssen täglich eine Stunde lang einen alten Kalkfelsen begießen und zusehen, ob da am Ende nicht doch durch ein Wunder ein Palmschößling aus den Steinen kommt. Andere müssen den Wüstensand zentnerweise auf den Buckel laden und tausend Schritt weit davon wieder abwerfen. So sollen sie lernen, daß alle irdische Arbeit fruchtlos sei. So ein Blödsinn! Aber im Vergleich zu den Einsiedlern, zu denen wir kommen, lebt selbst die Strafkompagnie wie der Herrgott auf Kreta.«

Ob denn das Büßerleben dieser Anachoreten durchaus echt sei?

»Durchaus, lieber Herr,« sagte Paulinos ehrlich. »Ich habe nichts dagegen, daß einer sie wahnsinnig nennt, oder wenigstens verdreht, daß man den Vernünftigen unter ihnen Eitelkeit vorwirft oder Ehrgeiz oder was weiß ich. Aber leben tun sie alle wie die Hunde. Sehen Sie, Herr, die Kirche von Alexandria hat bei uns die Stiftung gemacht, nach welcher wir den Einsiedlern ihr Brot backen und liefern müssen. Na, es ist eine schöne Stiftung. Wir verdienen fünfzig vom Hundert dabei, und Sie können gleich kosten, wie das Brot frisch schmeckt, ungesäuert und hart gebacken. Aber wie das nach einem Vierteljahr schmecken wird ... Das heißt, müssen Sie wissen, gutes Mehl, das ist meine Sache! Kosten Sie nachher einmal. So ein Pfund Brot mit einem bißchen elendem Wasser und hie und da ein verunglücktes Wüstenkraut ist jahraus, jahrein die einzige Nahrung dieser Heiligen. Gräßlich!« Und Paulinos erzählte weiter, wie einzelne unter den Anachoreten darauf bestünden, nur die halbe Ration zu erhalten, um sich noch mehr zu kasteien, wie andere das Brot, bevor sie es äßen, in den Schmutz würfen, um ihren Ekel an jeder Nahrung auszudrücken, und wie es sich überhaupt gar nicht aufzählen ließe, was für Unsinn diese heiligen Männer trieben. Viele würden ja krank und gingen frühe mit dem Tod ab, die meisten aber erreichten ein hohes Alter; kaum einem auf Tausend gelänge es, entweder bei Lebzeiten als Wundertäter angestaunt, oder als Bischof in die Welt zurückgerufen zu werden.

Hierax fragte, ob unter den Einsiedlern auch viele gelehrte Männer wären?

»Das weiß ich nicht. Ich kann ja selber nicht lesen. Schimpfen tun sie wie die Lastträger im Hafen von Alexandria. Aber das sollen ja die Herren von der Akademie auch können, wenn es sein muß. Bücher gibt es selten im Gebirge. Höchstens die Psalmen und überhaupt die Bibel. Sagen Sie, lieber Herr, das muß ein merkwürdiges Buch sein, die Bibel. Jeder, der lesen kann, sagt, daß was anderes drinnen steht, als ob am Abend in der Wüste ein Eseltreiber riefe: He, da ist ein See! und der andere: He, da ist eine Stadt! und der dritte: He, da ist ein Kamel!«

Bei der Mittagsrast kostete Hierax das frische Einsiedlerbrot zu einem guten Trunk. Aber er schüttelte mitleidig den Kopf. Paulinos lachte und erzählte auf der Weiterreise noch viel von dem gottgefälligen Treiben der Mönche und der Torheit der Einsiedler.

Gegen vier Uhr nachmittags langten sie im heiligen Bezirk der Anachoreten an. Hierax hatte auf den Rat seines Begleiters beschlossen, zuerst unerkannt mit der Brotkarawane von einer Behausung oder Höhle zur anderen zu ziehen und die Bewohner so gut wie möglich kennen zu lernen, bevor er als Abgesandter mit den zugänglichsten zu sprechen versuchte.

Die ersten Einsiedler, die sie antrafen, enttäuschten seine Erwartungen, denn sie lebten fast gemeinsam und trieben nichts von den seltsamen Dingen, von denen Paulinos erzählt hatte. Etwa in Manneshöhe über dem Fußsteig waren zur rechten Seite in den steilen Kalkfelsen alte Mumiengräber eingehauen, die sich im Innern des Berges oft, wie Paulinos wissen wollte, zu vielen einzelnen Grabkammern erweiterten. In diesem, Felsenkloster wohnten ungefähr fünfzig Anachoreten, fast durchaus jüngere Leute, die hier ihr Noviziat durchmachten. Sie waren mit einem Hemde von Kamelhaaren und einem Schafsfell wie mit einer Büßeruniform bekleidet. Die Mehrzahl erschien beim Nahen der Karawane an den Ausgangslöchern; und ein jeder nahm stumm und geschäftig seine hundert Brote entgegen. Nach Empfang der Nahrung stürzten die meisten in das Dunkel der Höhle zurück. Einmal nur ergriff ein junger Einsiedler das erste Brot mit weinender Hast und schrie, während er hineinbiß und den Brotvorteiler mit wütenden Augen ansah:

»Seit fünf Tagen! Seit fünf Tagen! Du kommst zu spät, du Hund, du wirst zur Strafe in der Hölle einen ewig glühenden Eisenstab durch den Schlund gezogen kriegen, du Hund! Seit fünf Tagen!«

Der letzte in der Reihe wieder warf die Karawane triumphierend mit einigen steinharten Broten, die ihm von seiner letzten Ration übrig geblieben waren; höhnisch aufkreischend schrie er merkwürdige Worte dazu. Hierax, konnte aber nichts verstehen, als immer dasselbe: »Fasten!«

Gleichmütig machte Paulinos mit der Karawane nun seine Runde. Etwa tausend Schritt weiter stand ein Einsiedler, dessen weißes Haar fast seine einzige Gewandung war, mit ausgebreiteten Händen an ein Kreuz gelehnt und schrie geifernd der Karawane entgegen:

»Schlagt mich tot! Ihr ketzerischen Mörder! Alle Feinde haben sich gegen mich verschworen, mich des Martyriums nicht teilhaftig werden zu lassen! Seit dreißig Jahren stehe ich hier Kreuz und warte auf ihn, der mir die Nägel durch Hände und Füße treibt und mir die Lanze in die Brust stößt. Tut mir die Güte! Ihr Schufte! Ihr Bastarde von Pharaonensöhnen! Ihr Dreckseelen, ihr habt keinen Mut! Ich spucke auf euch!«

Als ihm aber Paulinos seinen Brotbeutel zureichte, gab der heilige Mann seine qualvolle Körperhaltung auf, brachte eifrig einen leeren Brotbeutel herbei und verschwand mit dem neuen Vorrat in einer Höhle, deren Zugang durch große Steine verdeckt war.

Wieder einige hundert Schritt weiter fanden sie eine ganz hübsche Hütte aus ungebrannten Lehmziegeln, deren Bewohner, ein steinalter Mann, schon von weitem mit dem leeren Brotbeutel winkte.

»Na, Makarios,« rief ihm Paulinos zu, »wieviel Teufel hast du dir im letzten Vierteljahr ausgetrieben?«

»Hat euch der Kerl am Kreuz wieder was vorgeflunkert?« flüsterte heiser der Alte, den sie Makarios nannten. »Ein elender Schwindler und Gottesbetrüger! Tagelang liegt er auf dem Bauch und schläft wie eine Ratte, wenn er aber die Tritte von Eseln oder Kamelen hört, so steht er Kreuz und wünscht zu sterben. Da kriegt er denn oft was Gutes zu fressen von denen mit den Eseln und Kamelen, der Gottesbetrüger. Sogar Wein, Wein! Tut ihm doch den Gefallen. Schlagt ihn doch ein wenig tot, da werdet ihr sehen, wie er laufen wird, der falsche Heilige!«

Paulinos trug den schweren Brotbeutel selbst in die Lehmhütte hinein und sagte: »Schau du nur, wie du mit deinen eigenen Teufeln fertig wirst.«

»Das werde ich nie!« rief der Alte traurig. »Fünftausend habe ich euch gestern totgeschlagen, und da seht, da sitzen schon wieder dreihundertundfünfzig an der Schwelle. Wißt ihr was, ich will meine Hütte ganz und gar zumauern und mir nur ein Loch fürs Hinein- und Hinauskriechen offen lassen. Vielleicht erraten das die Teufel nicht. O mein himmlischer Vater, nein« – und der Alte sank in die Knie, »da sind sie wieder und stechen mir mit ihren Rüsseln in den Kopf, weil ich stolz war auf meinen guten Einfall. Hilf mir, mein Herr und Gott, daß ich ihrer Herr werde, zu deiner Ehre und zum Heile meiner Seele.«

Während die Karawane weiterzog, schlug der Alte wütend mit beiden Fäusten gegen seinen nackten Schädel und lachte dazu freudig auf und zählte die erschlagenen Teufel; noch aus der Entfernung hörte Hierax ihn schreien: »Hundertsechsundzwanzig – hundertsiebenundzwanzig – das war ein fetter – hundertachtundzwanzig.«

»Sind diese Leute nicht gefährlich?« fragte Hierax beklommen.

»Es kommt selten etwas vor!« erwiderte Paulinos. »Wenn die Wilden unter ihnen, die Besessenen, daran dächten, sich zu vereinigen, würden sie uns vielleicht totschlagen und uns aufessen, uns und die Kamele und den ganzen Brotvorrat. Aber sie tun es nicht. Und mit dem einzelnen würden wir schon rasch fertig werden, so wütig sie sind.«

Hierax gewöhnte sich im Laufe der nächsten Stunden an die Absonderlichkeiten, die sich häufig wiederholten.

Dann bestürzte ihn doch wieder ein neuer Anblick. Ein völlig nackter Mann von vielleicht vierzig Jahren stand neben einem Pfahl und hatte den Kopf in einer Art von festem Holzkäfig stecken. Paulinos trat heran und löste den alten Brotbeutel ab, der von der höchsten Spitze des Pfahls bis vor das Gesicht des Büßers hing; er befestigte den frischen Vorrat in ebensolcher Weise.

»Der nimmt's ernst,« sagte er, als er zurückkam. »Er hat sich so untergebracht, damit er sich niemals zum Schlafen niederlegen kann. Seit fünf Jahren steht er so da, holt mit den Zähnen allabendlich nach Sonnenuntergang ein Brot aus dem Beutel und trinkt dazu einen Scherben voll Schmutzwasser, das sein Nachbar, der mit den ausgestochenen Augen, ihm herbeischleppt.«

Jetzt wurde die Gegend belebter, und die Karawane sammelte sich schon zum Nachtlager, während Paulinos mit Hierax und zwei vollbeladenen Kamelen zur Rechten und zur Linken vom Fußsteig die Büßerwohnungen absuchte. Auf diesem Platze wohnten viel singende Mönche vereinigt, darunter ein zum Skelett abgemagerter junger Mann, der das Gelübde getan hatte, Zeit seines Lebens den Mund zu keinem anderen Wort aufzutun als zum 130. Psalm, diesen aber täglich hundertdreißigmal zu singen, wofür ihm Gott versprochen hätte, ihn dreimal hundertunddreißig Jahre leben zu lassen. Mit der Stimme eines Sterbenden hauchte er die Worte des Psalms, nickte aber den Weitereilenden vergnügt zu. Ein zweiter, ein hübscher junger Mann von kaum dreißig Jahren, von starkem Gliederbau und gefälliger Haltung, schmetterte mit Löwenkraft die Melodie einer Opernarie mit Worten aus der Heiligen Schrift entgegen. Als Hierax mit Paulinos näher herankam, rief der Sänger:

»Und mir hört niemand zu, als dieses unmusikalische Gesindel, während ich bloß die weltlichen Worte hinzuzufügen brauchte, um das größte Theater von Alexandria allabendlich zu füllen. Oh, ich kenne die weltlichen Worte sehr gut. Der Teufel lehrt sie mich jede Nacht. Aber ich beiße mir eher die Zunge ab, ehe ich ihm nachgebe und singe: Ich steh' vor deiner Kammertür! Wehe mir! Verloren! Wieder ein Jahr umsonst gebüßt.«

Der junge Mann stürzte nieder und faßte mit beiden Fäusten eine Geißel von Nilpferdleder und schmetterte sie, mit dem Kopf gegen den Fels gestemmt, über seine Schultern hinweg auf den Rücken nieder, daß das Blut beim ersten Streich hervorspritzte.

»Habt acht auf die Säue!« schrie es von einer anderen Seite. »Es sind Teufel! Fünfmalhunderttausend Säue habe ich eben aus meinem Knie ausgetrieben. Sie laufen euch zwischen die Beine! Achtung! Besonders die alte, gestreifte Sau, die ist bös! Um Gottes willen, ihr treibt sie mir ja zurück, da sind sie wieder!«

Und der Sauaustreiber faßte ein längst spiegelglatt geschlagenes Kalkstück und bearbeitete damit sein rechtes Knie wie einen Amboß.

Über eine tiefe Talschlucht hinweg führte Paulinos das Kamel jetzt auf einen Hügelrücken, das mit einer spärlichen Schicht von distelartigen Wüstenpflanzen bedeckt war. Hier hielten sich gegen fünfzehn Anachoreten auf, die völlig nackt und ohne Spur einer menschlichen Behausung dalagen oder auf allen Vieren umherkrochen, und beim Anblick des Brotkamels in ein tierisches Geheul ausbrachen und gleichzeitig in die Blätter der graugrünen Kräuter zu beißen begannen. Als aber Paulinos unter ihnen stand und die letzten Beutel vom zweiten Kamel auf eine etwas erhöhte Steinplatte niederwarf, sprangen sie alle auf Händen und Füßen heran und wühlten mit ihren Mäulern einzelne Brote aus den Beuteln heraus. »Schämt ihr euch nicht!« schrie Paulinos, und stieß dem nächsten heftig seinen Fuß in die Flanke. »Der Propst hat über euch an den Herrn Erzbischof berichtet. Und der hat geantwortet, daß ihr kein Brot mehr bekommt, wenn ihr nicht von diesem Viehleben lassen wollt. Gott hat euch wie die anderen Menschen aufrecht erschaffen. Was ihr treibt, ist kein heiliges Leben, wie das der anderen Einsiedler, es ist tierische Abgötterei!«

Die nackten Leute schienen nicht zuzuhören. Bloß einer aus dem Haufen wandte, ohne aufzustehen, den wild behaarten grauen Kopf mit einem wölfischen Blick nach Paulinos und sagte mit wohlklingender Stimme und in gebildeter Sprache:

»Der die Lilien auf dem Felde kleidet... wer sich erniedrigt... eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr ... Du bist selber so ein Kamel! Er ist ein Kamel! Wau! wau!«

Und unter rasendem Gebell dieser heiligen Männer verließ Paulinos mit Hierax und den entlasteten Tieren den Hügelrücken der grasfressenden Anachoreten.

Nach einer kleinen Viertelstunde hatten sie die Stelle gefunden, an welcher man für die Nacht Rast machen wollte. Es war eine kurze, tiefe Schlucht, an deren Wänden wieder wie am Eingang des heiligen Bezirks alte Mumiengräber geöffnet waren. Die Treiber mit den Kamelen lagerten kriegsmäßig geordnet und gewaffnet im Grunde. Hierax und Paulinos zogen sich in eines der Gräber zurück, dessen Einsiedler vor kurzem gestorben war, wie Paulinos auf dem Wege erfahren hatte. Sie fanden in der Grabhöhle nichts als einen halbzerschlagenen Wassertopf, einen Haufen trockener Palmblätter und im Winkel ein schwarzgraues Kreuz. Darunter lagen ein paar Fetzen von einem zernagten Buch. Und man konnte nicht erkennen, ob ein Tier oder der Einsiedler in dem Hunger seiner Todesnot diese Bibelblätter zernagt hatte.

Paulinos freute sich nun doch, daß Hierax allerlei kalte Speisen und einen Weinschlauch mitgebracht hatte. Man hätte in diesem Bezirk sich nichts Gutes kochen dürfen, ohne von den frommen Männern wie von Hyänen angefallen zu werden. Aber auch mit den kalten Speisen zog sich Paulinos vorsichtig bis in die dritte Höhlenkammer zurück, um durch den Geruch nicht verraten zu werden. Hierax konnte nicht viel essen. Die Anachoreten hatten ihm, für heute wenigstens, die Begier nach seinen Leckerbissen genommen. Er trank aber ein paar Becher Wein und hoffte danach gut zu schlafen und die Schrecknisse der letzten Stunden zu vergessen.

»Sie sind ein zu verwöhnter und feiner Herr,« sagte Paulinos lachend. »Wenn man sich darum kümmern wollte! Mein Großvater war Menageriewärter in so einer Arena, wo die Bestien mit lebendigem Christenfleisch gefüttert wurden, und hat sich seinen guten Magen bis zum hundertsten Jahre bewahrt. Ich habe ihn noch gekannt. Er wußte schnackische Dinge zu erzählen.«

Paulinos warf sich bald darauf auf die dürren Palmblätter und war nach wenigen Minuten fest eingeschlafen. Dem Boten des Erzbischofs hatte er ganz vorn in dem luftigeren Teil der Höhle aus Polstern und Teppichen ein bequemes Lager bereitet, aber Hierax vermochte nicht zu schlafen. Er lauschte angestrengt auf die erwachenden Stimmen der Wüste. Er fuhr zusammen, wenn er aus der Ferne das heisere Heulen eines Schakals vernahm, denn er wußte nicht, hörte er ein wildes Tier oder einen der Anachoreten. Durch alles Schweigen und durch alle Geräusche der Nacht klangen ihm immer noch ins Ohr die dumpfen Schläge, mit denen der Greis die Teufel auf seinem Schädel tötete. Es war ihm eine Beruhigung, so oft eines der Kamele zu seinen Füßen aus dem Traum aufschrie.

Er schlief nicht ein. Es mußte nahe an Mitternacht sein. So weit war der Gürtel des Orion schon gewandert, der nach Sonnenuntergang gerade dem Höhleneingang gegenüber erglänzte. Da tauchte plötzlich vor ihm im hellen Mondschein ein furchtbares Gesicht auf. Ein hochgewachsener Mann von fünfundzwanzig Jahren erhob den Kopf vorsichtig wie ein Dieb über die Schwelle der Grabhöhle. Ein wilder, schwarzer Bart und starrende schwarze Haare ließen nur wenig vom Antlitz erkennen, aus dem tiefliegende große Augen starrten. Langsam und leise kroch der Fremde höher. Um den Hals trug er eine schwere Stachelkette. Eine Stachelkette hing ihm auch über die Brust herunter und verwundete ihn wohl bei jedem Schritt. Er hatte um die Lenden ein Ziegenfell geschlungen, sonst war er nackt. Als der Fremde Anstalten traf, die Höhle zu betreten, machte Hierax eine hastige Bewegung. Da kniete der bärtige Mann am Eingang nieder, faltete die Hände und bat flehentlich:

»Schlag mich nicht! Hilf mir! Komm mit in meine Höhle und rate mir, heiliger Mann, wie ich des Teufels Herr werden kann, der zu mir kommt, sobald die Sonne untergeht. Der Alte, der vordem hier gewohnt hat, betete oft die ganze Nacht mit mir, und da blieb der Teufel fern. Komm, bete mit mir und schlag mich nicht. Der Alte, mit dem ich betete, hat mich oft zu sehr geschlagen. Auf den Kopf, das tat weh. Schlag du mich auf den Rücken, wenn du mußt.«

Hierax schwankte, ob er nicht lieber Paulinos wecken sollte. Aber sein seltsamer Besuch bat so dringend und bat so inständig, daß Hierax, von Neugier getrieben, aufstand und sich von dem Schwarzen über scharfe Felsstücke hinweg nach der nächsten Höhle führen ließ. Es sah darin ebenso unwirtlich aus wie in der eben verlassenen. Selbst die dürren Palmblätter fehlten. Der Büßer mußte nackt auf dem nackten Gestein liegen.

»Du hast hoffentlich schon von dem argen Sünder Helbidios gehört, heiliger Bruder,« sagte der Fremde ängstlich. »Der bin ich. Hier!« Und er langte aus einer dunklen Ecke einen Stab von Eisenholz vor und reichte ihn demütig seinem Gaste.

»Schlage mich!«

Und Helbidios kniete an einer Stelle nieder, wo, wie er erzählte, die Knie seiner Vorgänger den Stein zu größerer Bequemlichkeit schon ausgehöhlt hätten. Er neigte das Haupt und wiederholte: »Schlag mich!«

Als Hierax noch zögerte, rief Helbidios mit plötzlicher Heftigkeit: »Schlag mich, sonst erwürg' ich dich!«

Da schlug Hierax zu. Erst schwach, dann, als er das selige Aufleuchten in den Augen des Schwarzen bemerkte, immer stärker und stärker. Froh verzerrte sich das Gesicht des Büßers; unter der Marter fing er zu lachen an und rief plötzlich nach dem zwanzigsten Schlage:

»Ich danke dir. Er ist fort, er ist fort! Vor dir hat er Angst. Siehst du, heiliger Bruder, dort dem Kreuze gegenüber, da lag er und hatte die Gestalt eines nackten, weißen, schönen Weibes angenommen. So kommt er am liebsten und peinigt mich trotz meiner Stachelkette, daß ich lieber sterben möchte, als ihn sehen. Sie heißt Eustachion und ist Nonne und ist eine Römerin. Unter ihren roten Haaren dringen zwei Hörner hervor. Ziegenhörner, schön und weich anzufühlen. Daran erkenne ich, daß es der Teufel ist. Ihre Beine endigen wie Löwentatzen. Damit will sie mich zerreißen, wenn ich sie berühre. Darum drücke ich mich auch immer hier an diese Wand. Aber Eustachion lacht dazu und zeigt ihre weißen Mäusezähne und kriecht durch die Luft näher und näher zu mir heran und beugt den Kopf nach rückwärts und drängt die Brust mir entgegen, die Brust, die Brust... Eustachion! Bleib bei mir!« Helbidios warf sich auf den felsigen Boden nieder und bedeckte den Stein mit wahnsinnigen Küssen.

»Eustachion komm zu mir! Komm, umschlinge mich! So! Den rechten Arm um meinen Kopf, nicht um meinen Hals! Die Kette! Tu dir nicht weh! Und den linken Arm... Die Stachelkette! Heiliger Bruder, schlag mich! Rette mich vor dem Teufel! Rette mich, er faßt mich an mit seinen Löwentatzen, er öffnet seinen Höllenrachen! Rette mich! Schlag mich!«

Von Abscheu erfaßt, schlug Hierax mit voller Kraft auf den Armen los. Da blickte Helbidios wieder dankbar zu ihm auf und sagte: »Ich dank' dir. So, und so und noch einmal! So, jetzt ist er wieder fort!«

Darauf setzte sich Helbidios behaglich nieder, rieb sich den Rücken und fuhr fort, von den Anfechtungen des Teufels zu erzählen.

Als ein Löwe erschien der Teufel ziemlich häufig am Eingang der Höhle, aber als Löwe traute er sich nicht herein. Den Löwen hätte Helbidios erwürgt. Auch in Gestalt von dreihundert Schakalen und siebenhundert Hyänen kam er oft und sang ihm aus den Rachen der tausend Bestien unzüchtige Lieder vor. Gegen diese Erscheinung half es, wenn Helbidios über eines der ungesäuerten Brote das Zeichen des Kreuzes machte und es einer Hyäne in den offenen Rachen warf. Dann verschwand der Spuk, aber Helbidios mußte dafür einen Tag fasten. Zu anderen Zeiten kam der Teufel in Gestalt von tausend Tänzerinnen, die Helbidios einmal als guter fünfzehnjähriger Knabe im Theater gesehen hatte. Damals war der Teufel zum erstenmal seiner habhaft geworden. Wenn der Teufel in Gestalt der tausend Tänzerinnen kam, so war die Höhle von ihnen so angefüllt, daß Helbidios sich kaum zu bergen vermochte. Darum hatte er sich die Stachelkette angeschafft, die ihm vom Halse bis zu den Knien herunterhing. Die scheuten die üppigen Mädchen doch. Aber von beiden Seiten drängten sie an ihn heran, und er mußte mitunter seine Höhle verlassen und spornstreichs davonlaufen; dann lief der Teufel in Gestalt von tausend Tänzerinnen hinter ihm her und jagte ihn, bis er, blutig geschlagen von der Kette und blutig gerissen von den scharfen Steinen, zusammensank. Er aber hoffte trotzdem noch einmal des Teufels Herr zu werden. Wenn der Teufel nämlich in der Gestalt der Eustachion kam, dann war es vielleicht möglich, ihn zu bekehren. Und wenn dem Helbidios das gelang, Eustachion zu Jesus Christus zu bekehren und den Teufel in ihr, dann hatte er ein größeres Wunder vollbracht als alle Heiligen der Wüste und als die Apostel und Gott selber. Denn den Teufel hätte Gott selber nicht bekehren können.

Hierax versuchte einigemal die Höhle wieder zu verlassen, aber Helbidios ließ ihn nicht mehr frei. Noch einmal erschien in dieser Nacht der Teufel in Gestalt der Eustachion, und Hierax mußte schlagen. Einmal kam der Teufel auch in Gestalt der Hyänen und Schakale und wurde durch eines der Brote vertrieben, welches Helbidios gegen einen dunklen Schatten in der Talschlucht warf. In der Gestalt der tausend Tänzerinnen kam der Teufel heute nicht, und Helbidios rieb sich vergnügt den Rücken und freute sich, daß er nicht laufen mußte. Ja, ja, der heilige Bruder war ein ansehnlicher Mann, und da hatten die tausend Tänzerinnen keinen Platz in der Höhle.

Als Eustachion zum drittenmal wieder erschien, klammerte sich Helbidios an seinen Gast und hielt ihr dabei unter brünstigen Schmeichelreden Bußpredigten, die sie bekehren sollten. Aber in dieser Nacht gelang die Bekehrung noch nicht.

Hierax war zum Tode erschöpft, als der Morgen heraufdämmerte. Beim ersten Schein des Lichtes aber betrachtete Helbidios seinen Gast, sah dessen städtische Kleidung und stieß einen furchtbaren Schrei aus.

»Das ist kein heiliger Mann! Das war der Teufel in Gestalt eines Kirchenfürsten, den ich eine Nacht bei mir beherbergt, und den ich gehegt und gepflegt, und den ich mit süßer Kost gelabt habe. Mein Heiland, mache mich stark im Kampf mit diesem Teufel!«

Ehe sich Hierax dessen versah, hatte ihn Helbidios mit Büßerkraft gepackt und zur Höhle hinausgeworfen. Hierax war froh, als er ohne Schaden auf einen der Brotsäcke zwischen den Kamelen niederfiel.

Dieser Sturz weckte alle Teilnehmer der Brotkarawane. Paulinos lachte herzlich, als er die nächtlichen Abenteuer seines vornehmen Begleiters erfuhr. Hierax hätte ihn einfach rufen sollen. Mit den Anachoreten wußte Paulinos umzugehen. Stockprügel, bevor sie noch verlangt wurden, das war das Richtige.

Sie brachen bald auf und setzten ihre Reise in derselben Ordnung fort; die Treiber zogen mit ihren Tieren langsam und oft rastend auf dem Wege weiter, der übers Gebirge hinweg zur Wüste führte, Paulinos und Hierax besuchten zur Rechten und zur Linken, oft über eine Stunde ins Gestein hinein, die zerstreuten Hütten und Wohnungen. Hierax war nach der entsetzlichen Nacht und nach den Aufregungen des gestrigen Tages vollkommen erschöpft, und erst ein reichliches Frühstück, welches er mit Paulinos an einer abgelegenen Stelle zu halten wagte, setzte ihn wieder instand, neue Eindrücke aufzunehmen.

Er war seit der letzten Unterredung mit dem Erzbischof eines Bistums gewiß und fühlte sich den frommen Männern dieses Gebirges gegenüber schon als Oberhirt. Wie würde er sich dann diesen Wesen gegenüberstellen?

Die ersten Einsiedler, die er kennen gelernt hatte, waren ihm sämtlich als Eigene erschienen. Je weiter er vordrang, desto lebhafter wurde der Eindruck, daß auch hier einer den anderen nachahmte und daß oft über einen Umkreis von ein paar Morgen Landes als eine Sucht herrschte, was beim einzelnen wie überirdische Eingebung oder wie ganz gewöhnliche Verrücktheit erschien. Gleich unter den ersten Anachoreten, die er heute antraf, und die nachbarlich, jeder vom anderen kaum zweihundert Schritt entfernt, in einzelnen offenen Lehmhütten wohnten, herrschte eine ganz gleiche Lebensweise. Jeder Einsiedler saß nach indischer Sitte auf seinen gekreuzten Beinen vor der Hütte wie im festen Schlaf, und blickte dabei unverwandt an der Nasenspitze vorbei zu Boden. Paulinos erhielt keine Antwort, als er dem einen und dem anderen eine Frage stellte, während er das Brot in das Innere der Hütte trug. Als er einen dieser Einsiedler bei der Schulter rüttelte, um ihn zu Ehren des alexandrinischen Boten zu einer Antwort zu zwingen, fiel der fromme Mann wie ein lebloser Ölgötze um; er mußte von Paulinos wieder wie ein geschnitztes Holzbild auf die gekreuzten Beine zurückgestellt werden, wenn er nicht den ganzen langen Tag auf dem Rücken liegen bleiben sollte.

»Es sind gute Menschen,« sagte Paulinos, während Hierax weiter zog. »Bei Sonnenaufgang fangen sie an, ihre Nasenspitze zu betrachten und verscheuchen so alle Gedanken an die Welt aufs sicherste. Sie halten Arbeit für die größte Sünde. Denn die Lieblingsgeschöpfe Gottes, die Pflanzen, arbeiten nicht, wie sie meinen. Selbst über das Wesen Gottes nachzudenken erscheint ihnen lasterhaft. Denn die Pflanzen denken nicht, wie sie meinen. Mit Sonnenuntergang wachen sie auf und legen sich schlafen. Manche von ihnen essen nach jedem Sonnenuntergang ein Brot, manche auch erst jeden zweiten oder dritten Tag. Sie tun nichts Böses.«

Nicht weit von dieser Stelle, auf einem vorspringenden Fels, war ein weiter Ausblick über einen der Natronseen und über die Wüste; ein scharfes Auge konnte auch noch das Meer und die Küste erblicken. Auf dem Fels stand ein rätselhafter kleiner Holzbau, aus dem schon von fern ein leises Gemurmel herübertönte. Es war ein roh gezimmerter Kasten, keine fünf Schuh hoch und nicht viel breiter als ein kräftiger Mann. Drinnen stand, von wenigen Lumpen bedeckt, ein jüngerer Büßer von langer Gestalt, der sich in jämmerlicher Weise krümmen mußte, um in diesem aufrechten Sarge Platz zu finden. Tränen rannen über seine Wangen, als Paulinos näher trat.

»Warum bringst du mir Brot, du Diener des Satans!« wimmerte er leise. »Warum läßt du mich nicht Hungers sterben und mich eingehen ins Himmelreich und mich niedersetzen zur rechten Hand Gottes?«

Aber gleichzeitig streckte er die hageren Arme aus seinem Loch, heraus und zerrte gierig ein Brot aus dem Beutel hervor.

Sie zogen weiter an fröhlichen Einsiedlern vorüber, die an einer tiefliegenden, von unten her bewässerten Stelle eine kleine Lattichpflanzung angelegt hatten und das Gemüse als Zukost nicht verschmähten. Ihre Brotmenge langte noch für einige Tage.

Sie nahten einem Kalkfelsen, hinter dem sie etwas wie ein Röcheln und leises Gebetmurmeln vernahmen. Als sie um die Ecke bogen, glaubten sie Zeugen einer frischen Bluttat zu sein. In der Mitte von sechs graubärtigen Anachoreten, die um ihn herumknieten und leise Sterbegebete murmelten, lag ein Jüngling, über und über mit schweren Ketten belastet. Er hatte die Augen geschlossen, von seiner rechten Schulter und von seiner Stirn troff das Blut nieder. Heftig stieß Paulinos die Nächsten zur Seite und beugte sich über den Verwundeten.

»Den habt ihr totgeschlagen!« rief er nach kurzer Untersuchung.

»O nein,« erwiderte mit freundlichem Lächeln der älteste der Beter. »Aber der Teufel der Weltlust war in ihm rege. Er sprach davon, in die Welt zurückzukehren und sogar die Tochter eines Landmannes als seine Genossin heimzuführen. Da mußten wir ihm die Ketten anlegen. Als er in letzter Nacht mitsamt dieser Last zu seiner Verdammnis entfliehen wollte, da hielten wir ihn mit Gewalt zurück. Wir wollten nicht sein Verderben. Und jetzt beten wir auch für ihn. Laßt uns unsere Brotbeutel hier, wir tragen sie nachher selbst in unsere Wohnungen, wenn er erst selig geworden ist.«

Achselzuckend willfahrte ihnen Paulinos und ging weiter.

Beim Ausgang dieser Niederung fanden sie einen halbnackten Anachoreten, der unter jämmerlichem Geschrei auf einem Termitenneste saß und sich von den zornigen Ameisen nach Herzenslust beißen ließ.

»Du bist wohl verrückt, Johannes!« schrie ihn Paulinos an. »Ich soll dich wohl nachher mit den teuren Salben reiben, dich am Ende gar ins Klosterhospital schaffen?«

»Laß mich, Herr, es ist meine Pflicht. Drangen einige dieser unschuldigen Tiere in meine nahe Hütte, und als eines davon mich am Knie nur leise krabbelte, reizte mich der zornige Teufel, daß ich es erschlug. Ich büße jetzt diesen Mord, und ich büße ihn bei Gott schwer. O mein Gott, es tut so weh!«

Unter Scheltreden zwang Paulinos den armen Johannes, seinen furchtbaren Sitz zu verlassen. Er drohte, ihm nur unter dieser Bedingung den Brotbeutel auszuliefern. Mürrisch gehorchte der Büßer, aber als die Fremden weiterzogen, sahen sie ihn in weiten Sprüngen zu dem Termitenhaufen zurückeilen und Anstalten zu weiterer Buße machen. Sie mußten wider Willen lachen.

Mühsam kletterten sie über scharfes Gestein, etwa eine Viertelstunde lang aufwärts und gelangten auf eine Stelle, die in weitem Umkreis von etwa fünfzig Hütten umgeben war. Es herrschte Totenstille. »Nehmen Sie sich zusammen, Herr. Hier hausen Besessene,« sagte Paulinos.

»Sabinianos!« rief er dann laut. »Sabinianos und Flagianos, kommt heraus! – Das sind die beiden Verständigsten und Kräftigsten hier, ohne sie würde ich mit den Besessenen niemals fertig werden.«

Paulinos schwang sich, während er sein Dromedar rasch auf die Vorderknie niederzwang, geschickt über den Hals des Tieres in den Sattel. Schon kamen auch die beiden Gerufenen über ihre Schwellen, aber gleichzeitig ertönte da und dort aus dem Innern der Hütten unzufriedenes Geheul. Und allmählich kamen die Bewohner auf den freien Platz heraus. Entsetzliche Gestalten mit verzerrten Gesichtern, die nackten Oberkörper und die Beine oft mit Wunden und Schwären bedeckt. Von allen Lippen tönte Geheul oder strömten Flüche. Die einen wankten, die anderen liefen. Alle stürmten gegen die Dromedare heran, trotzdem Sabinianos und Flagianos sich alle Mühe gaben, die Wütenden zurückzudrängen, Rasch begann Paulinos die Verteilung des Brotes, indem er die schweren Beutel vom Rücken des Dromedars abzählte und herunterwarf. Nichtswürdige Flüche gegen die unchristlichen Klosterleute und ein dumpfes Gebrüll, das sich langsam steigerte, antwortete ihm. Plötzlich streifte einer der Beutel den Anachoreten, der sich zumeist vorgedrängt hatte. Der Mann stürzte unter Krämpfen zu Boden. Und als ob dies das Zeichen zu einer neuen Art von Gottesdienst gewesen wäre, warfen sich sogleich fünf, zehn, zwanzig andere hin auf den steinigen Boden, schlugen mit den Fäusten um sich, rissen sich blutig und schäumten in Wut. Die anderen fingen an zu springen und zu rasen und setzten wie wilde Tiere gegen die Dromedare an, die unruhig um sich schlugen und kaum mehr den Reitern gehorchen wollten. Die rasenden Anachoreten fletschten die Zähne, die Tiere fingen an, sich zu verteidigen. Flagianos ballte die Fäuste gegen Hierax, Sabinianos, der noch allein besonnen geblieben, schrie ängstlich dazwischen:

»An einen sind sie gewöhnt, zwei ist zu viel, zu viel, zu viel! Fort, nur fort!«

Dann tanzte Flagianos mit den übrigen, und plötzlich schrie auch Sabinianos auf und machte einen großen Satz, als wollte er Hierax vom Dromedar herunterreißen; sie schlugen nach den Tieren und schlugen gegeneinander, bis einer nach dem anderen erschöpft zu Boden sank, und rings im Kreise Totenstille herrschte. Die Besessenen hatten offenbar ihren Angriffsplan nicht festhalten können und waren von dem ersten Anfall ermüdet. Nur die erschreckten Tiere wollten sich nicht beruhigen. Rasch verließen die Fremden dieses Gebiet des heiligen Gebirges.

»Kann ich nicht bald mit Isidoros sprechen?« fragte Hierax heiser.

»Wir sind nicht weit von ihm,« erwiderte Paulinos keuchend vor Zorn und Anstrengung. »Er ist jetzt der heiligste unter diesen Männern und nimmt die höchste Stelle im Gebirge ein. Wir können gleich auf seinen Sitz zureiten.«

Sie zogen weiter, über eine trostlose menschenleere Einsenkung hinweg einer höheren Fläche zu, von wo sich gegen Süden in langsamem Aufstieg ein mit Felsenstücken übersäter Berg erhob. Auf der Spitze des Berges konnte Hierax schon von hier aus ein seltsames Gerüst wahrnehmen, auf welchem ein lebendes Wesen sich gleichmäßig mit dem Oberkörper auf und nieder bewegte. Paulinos zeigte mit ausgestreckter Hand dorthin und sagte:

»Das ist Isidoros. Er arbeitet. In einer halben Stunde sind wir da.«

Der Weg führte ein wenig um den Berg herum, wo zur Rechten und zur Linken einige der ältesten und heiligsten Anachoreten ihre Wohnungen hatten. Diese Männer büßten nicht mehr so schwer wie die jüngeren Einsiedler. Es waren unter ihnen einige Neunzigjährige und sogar ein hundertjähriger Mann. Sie bewohnten die verfallenen Reste alter ägyptischer Tempel, und die Schwächsten wurden von einem oder mehreren jüngeren Büßern bedient. Auf diesem Berg, so erklärte Paulinos, würden nur solche Eremiten geduldet, die schon Wunder getan hätten. Hierher zogen auch bereits viele Wallfahrer, sowohl von den Oasen der Wüste als auch vom Niltal und selbst vom Roten Meere herüber.

Vor jeder der bewohnten Ruinen lagen denn auch fromme Pilger auf den Knien umher und beteten zu den heiligen Männern. Hierax achtete mißtrauisch auf das Treiben dieser Wundertäter, die ihr Handwerk ohne Erlaubnis des Erzbischofs auszuüben schienen. Er sprach herablassend mit den Wallfahrern, unter denen sich zu seiner Überraschung sowohl Christen als Heiden befanden, und ließ sich von ihnen erzählen, wie sie eine Abgabe für den Besuch des heiligen Gebirges beim Kirchenvogt der Klöster abgeben mußten, den heiligen Männern hier aber nur freiwillig zur Stärkung des Lebens ein Täubchen oder ein Hühnchen oder ein Körbchen hartgekochter Eier oder ein Zicklein oder ein Lamm mitbrachten. Sie erwarteten dafür mit Sicherheit Heilung von ihren Krankheiten. Auferweckung von Toten war schon lange nicht gelungen, aber die alten Leute erzählten einander, daß das früher auch vorgekommen sei.

Vor den ersten Einsiedlerwohnungen dieses Berges standen die frommen Männer selbst, nahmen die Gaben entgegen, segneten das Volk und begrüßten auch den Abgesandten des Erzbischofs, als Paulinos ihn nannte, mit der gleichen Güte. Es waren würdevoll blickende, weißgekleidete, steinalte Männer mit langen, schönen, weißen Barten. Einer stimmte mit dünner Stimme einen Psalm an, als Hierax von ihm seinen Namen und Lebenslauf erfahren wollte.

Vor der dritten Behausung gab es großen Lärm; der Bewohner, nach Paulinos der heilige Mann Daniel, weigerte sich, zu erscheinen, und warf sogar mit Steinen durch eine Fensterluke, als die Bitten der Pilger dringender wurden. Paulinos erklärte, daß der fromme Daniel aus dieser Tempelruine seit fünfzig Jahren nicht ans Licht der Sonne gekommen sei, und daß man von ihm keine Kunde mehr gehabt hätte, wenn er seine Gegenwart nicht hie und da durch Psalmensingen oder durch einen heftigen und lauten Kampf mit dem Teufel verraten hätte. Seine kleinen Wunder, die besonders den Haustieren zugute kamen, wirkte er durch die verschlossene Tür.

»Für Ziegen ist sein Segen gar gut,« rief einer der Pilger, der die Erklärung mit angehört hatte. Sie zogen weiter und kamen auf halber Höhe des Berges zu einer alten Steinkastelle, die auf weite Entfernung einen abscheulichen Gestank verbreitete. In großem Bogen führte Paulinos vorbei. Dort wohne der fromme Zeno, der seine enge Wohnung mit zwölf Hyänen teile, und dessen Wunder darin bestehe, daß er die Wüstenfahrer vor den Angriffen wilder Tiere schütze.

»Wissen Sie, werter Herr, eigentlich ist die Hyäne ein feiges Tier, und sie würde keinen Schakal anzugreifen wagen, geschweige denn ein Kamel oder einen Menschen. Aber es ist doch eine Gnade Gottes, daß so wilde Geschöpfe sich auf das Gebot eines frommen Mannes zähmen lassen.«

Sie ritten jetzt geradeaus den Berg hinauf. In diesem Bezirk brauchte Paulinos kein Brot zu verteilen. Die Pilger taten jahraus, jahrein ihre Pflicht, und die Wundertäter hätten von ihrem Überfluß austeilen können, wenn sie nicht vorgezogen hätten, von Hyänen und Schakalen fressen zu lassen, was übrigblieb.

Auf dem Wege fragte Hierax, worauf denn die große Macht des Isidoros sich gründe, ob er stärkere Wunder vollbringe als die anderen?

»O nein, mein lieber Herr,« sagte Paulinos. »Er zehrt von einem einzigen Wunder, das ihm nach langen, langen Jahren der Selbstkasteiung vor Jahr und Tag in Alexandria gelungen ist. Sie müssen ja davon gehört haben. Dort lebte ein böser, aber sehr mächtiger heidnischer Zauberer Namens Theon. Als nun die Zeit gekommen war und der Kaiser und die Bischöfe befahlen, daß die Heidentempel zerstört würden, da verschloß sich Theon mit seinen bösen Geistern in das Serapeum von Alexandria und sprach einen großen Zauber darüber aus, so daß es von keiner christlichen Axt verletzt werden konnte, nicht einmal von einer Axt mit dem Kreuzeszeichen. Umsonst rückten die Soldaten des Kaisers gegen das verzauberte Gebäude an, umsonst bemühten sich sogar die heiligen Männer aus der Wüste. Da streckte der fromme Isidoros bloß seine Hand aus und sprach ein Gebet, und die Mauern stürzten ein und begruben den Zauberer Theon unter ihren Trümmern; zuletzt fiel auch die goldene Bildsäule des Gottes um, das Gold verwandelte sich in Asche, und aus dem Innern der Bildsäule entfloh die Seele des Zauberers Theon in Gestalt einer schwarzen Ratte. Von dem ganzen Geschlecht lebt dort noch eine Tochter des Theon, die ein Vampir ist. Und Isidoros soll geschworen haben, seine Martersäule nicht zu verlassen, bis es ihm vom Himmel verkündet würde, er dürfe den Teufel auch in dieser Teufelin töten.«

»Isidoros wird die Säule bald verlassen,« sagte Hierax leise und spöttisch. Da erschrak Paulinos und betrachtete seinen Begleiter mit Staunen.

Sie hatten jetzt den Gipfel des Berges erreicht; dort dehnte sich eine ziemlich ebene Fläche von etwa tausend Schritten im Durchmesser aus. Isidoros duldete auf seinem Berggipfel keine Pilger. Er wollte keine Wunder tun, denn er wollte sich in Buße und Gebet auf das Große vorbereiten, das er zu vollbringen hatte. Als darum die beiden Reiter auf dem Hochplateau erschienen, unterbrach er seine seltsamen Bewegungen und winkte ihnen heftig schreiend ab. Paulinos erwiderte mit donnernder Stimme, daß er Brot bringe und daß sein Begleiter vom Erzbischof komme. Isidoros schrie und gestikulierte nur um so heftiger, aber er konnte es nicht hindern, daß sie bis zum Fuße seiner absonderlichen Behausung heranritten.

Ungefähr in der Mitte der ebenen Fläche stand noch ein breiter Mauerrest eines alten Tempels und an ihn geschmiegt eine Säule aufrecht, die den Mauersims wohl um zwanzig Fuß überragte. Den Abschluß der Säule bildete ein ungeheurer Knauf von Vogelköpfen, alles aus rötlichem Granit gehauen. Auf dem Knauf, der wohl an die sieben Fuß im Geviert haben mochte, stand allen Unbilden des Wetters preisgegeben, barhaupt und barfuß ein ungeschickter langer Leib, mit einem Gewand von Fellen bekleidet, der fromme Mann Isidoros.

Die breite Mauer war entweder durch Zufall oder mit Nachhilfe von Menschenhand gegen ihr linkes Ende zu abgeschrägt, so daß es mit einiger Mühe möglich war, sie zu erklettern. Wie aber der heilige Mann von der Mauer auf die Säule gekommen war, das schien ein Rätsel, und auch Paulinos erklärte, die Engel müßten den Säulenheiligen durch die Luft hinaufgetragen haben.

Der fromme Mann Isidoros hatte beim Näherreiten seiner Besucher einigemal sich gebückt, als ob er eines der steinernen Vogelhäupter des Säulenknaufs, die aber zehnmal so groß waren wie seine Hand, abbrechen und auf die Störer hinunterschleudern wollte. Dann wieder stellte er sich zum nicht geringen Entsetzen des Hierax hart an den Rand seiner Wohnstätte, als wollte er sich vor Zorn hinunterstürzen oder aber in die weite Welt davonfliegen. Als Paulinos jedoch sich an all das nicht kehrte, beruhigte sich auch der fromme Mann und begann auf seiner Säule wieder etwas aufzusagen, was man unten nicht verstand, und dabei regelmäßig von Zeit zu Zeit mit einer Beugung des Oberkörpers einen Geißelschlag über Schulter oder Rücken zu führen. Das waren die Bewegungen, die aus der Ferne wie eifrige Leibesübungen ausgesehen hatten.

»Er hat heute seinen aufgeregten Tag,« bemerkte Paulinos, während er seinem Begleiter vom Dromedar hinunterhalf. »Sonst steht er wohl wochenlang stumm und unbeweglich da, das Gesicht nach Nordost, nach Alexandria gerichtet. Der wird noch was Großes.

Säulenheiliger ist sehr schwer, wer es aber aushält, wird immer auf seine alten Tage Wundertäter oder sogar Bischof.«

Nun begannen die beiden Fremden auf der Mauerruine emporzuklettern. Paulinos trug dabei den schweren Brotsack auf dem Rücken, mußte aber trotzdem dem verwöhnten Städter an gefährlichen Stellen hilfreiche Hand leisten. Als sie auf halbem Wege einmal rasteten, sagte Hierax und wischte sich den Schweiß:

»Ja, ja, es führen oft seltsame Wege zu einem Bischofssitz.«

Dann kletterten sie wieder weiter, bald wie über Stufen gemächlich aufwärts gehend, bald über bröckelnde Ziegel vorsichtig weitertastend, bald einen Spalt überspringend; an einigen Stellen mußten sie sich gar mit ihren Händen in die Fugen einkrallen, um sich auf einen höheren Stein hinaufzuschwingen.

»An Schwindel darf man nicht leiden,« sagte Paulinos zum Troste, »und herunter geht's noch schlechter.«

Endlich hatten sie die Höhe der Mauer erklommen, die dort etwa zwanzig Schritt lang und unversehrt bis zur Säule hinanlief. Hierax mußte sich niederlegen, seine Knie zitterten. Paulinos aber schritt sicher bis an die Säule heran und machte sich an einem Tau von Dattelbast zu schaffen, das dort vom Knauf herunterfiel und oben über eine eiserne Rolle lief.

Isidoros schien sich um seine Gäste gar nicht zu bekümmern und trieb scheinbar ganz hingegeben sein Wesen. Hierax konnte jetzt verstehen, was der fromme Mann sprach. Es war recht eintönig.

»Herr, du mein Heiland, erbarme dich meiner und meiner Sünden. Ich bin ein Gnostiker gewesen, ein Zabier, ein Ophite, ein Kainite und ein Perate. Was in diesen Sekten Göttliches war und worin ich dich darin tiefer erkannt habe als meine Brüder, das rechne mir gnädig an nach meinem Tode. Was ich aber Falsches bekannt habe als Gnostiker, als Zabier, als Ophite, als Kainit und als Perate, das laß mich vor deinem Angesicht büßen, büßen, büßen, büßen, büßen!«

Und fünfmal schlug sich der heilige Mann mit einer starken fünfschwänzigen Geißel über Schulter und Rücken, zweimal zur Rechten, zweimal zur Linken und zum letztenmal weit ausholend über den Kopf. Und fünfmal neigte er sich tief nach Nordost.

»Herr, du mein Heiland, erbarme dich meiner und meiner Sünden. Ich bin ein Valentinianer gewesen, ein Manichäer, ein Monarchianer, ein Subordinatianer und ein Montanist, als welcher ich glaubte, daß du eine zweite Ehe gestattest, da doch schon die erste nichts ist, als ein Bund mit dem Fleisch und dem Teufel. Das laß mich büßen vor deinem Angesicht, büßen, büßen, büßen, büßen, büßen!«

Und wieder geißelte und verneigte er sich fünfmal.

»Herr, du mein Heiland, erbarme dich meiner und meiner Sünden. Ich bin ein Patripassianer gewesen und dann ein Aloger, das heißt einer, der keinen Verstand hatte, ich bin ein Novitianer, ein Sabellianer und ein Kallistianer gewesen, das heißt ein erbärmlicher Nihilist. Was in diesen Sekten Göttliches war, und worin ich dich darum tiefer erkannt habe als meine Brüder, das rechne mir gnädig an nach meinem Tode, was ich aber Falsches bekannt habe als...«

»Hebe dir etwas für später auf, heiliger Mann!« rief Paulinos, der inzwischen den Brotsack an einem Haken des Seils befestigt und das schwere Gewicht bis zum Knauf hinaufgezogen hatte. »Nimm mir jetzt mein Brot ab, schmeiße mir deinen leeren Beutel herunter und höre geneigtest an, was der Gesandte des Erzbischofs von Alexandria dir zu sagen hat.«

Ernsthaft und geschäftig legte Isidoros die Geißel nieder, schwang den frischen Brotvorrat mit seinen langen Armen auf seine Plattform, warf einen leeren Beutel verächtlich in die Luft hinaus und sagte dann, ohne einen der beiden Männer auch nur anzublicken: »Ich habe keinen Handel mit dem Erzbischof von Alexandria. Ich brauche ihn nicht, ich brauche niemand auf Erden und im Himmel, nur meinen Herrn und Heiland.«

Hierax hatte sich erhoben und stand so weit von der Säule entfernt, daß er den frommen Mann oben deutlich sehen konnte.

»Der Erzbischof aber braucht dich, heiliger Mann!« rief er. »Wer weiß, wie lange noch die Kirche dich hier oben auf deiner Martersäule duldet, wer weiß, wie lange sie noch darauf verzichtet, dich zum Oberhirten einer ihrer Provinzen zu machen. Darum bittet die Kirche dich heute, deine Weisheit und deine Macht zu zeigen.«

Man sah wohl, daß Isidoros den Schmeichelworten lauschte. Doch unverwandt ins Leere blickend erwiderte er:

»Ich bin nicht weise und habe keine Macht. Ich bin ein einfältiger armer Mann, dem der Herr eingegeben hat, seine Missetaten zu büßen an dieser Stelle.«

»Du kannst Gutes tun und Übles verhüten,« erwiderte Hierax »wenn du mich anhörst und dich zum Bürgen meiner Worte bei deinen Brüdern machst. Die Kirche von Alexandria wird hart bedrängt durch die Diener des Staates. Hunderte von frommen Klostermönchen haben beschlossen, nach der Hauptstadt aufzubrechen und dem Erzbischof gegen seine Feinde beizustehen. Ich fürchte, ich fürchte, Blut wird vergossen werden, das Blut der Juden, denen habgierige Knechte ihr Silber zu entreißen gedenken, das Blut der Nazarener, welche sich Urchristen nennen und welche nur mit Gewalt zu bekehren sind, und das Blut der Teufelin Hypatia...«

»Knie nieder!« kreischte Isidoros von seiner Säule und legte die Arme in Kreuzform übereinander. »Sieh dieses Zeichen und blicke mich an und gestehe, ob du ein Sendbote bist der Kirche oder des Teufels! Kommst du vom Teufel und willst nur das Bild der Eva mit den Schlangenhaaren und den Höllenaugen vor meine sündige Seele heraufbeschwören, um mich zu versuchen, so stürze ich dich mit diesem Zeichen hinunter von deiner Mauer, hinunter von dem heiligen Gebirge und hinunter zehntausend Fuß tief unter die Oberfläche der Wüste, dorthin, wo die ewige Brunft kocht und die Ketzer wohnen. Bist du aber von der wahren Kirche gesandt und hältst du das Zeichen aus, so bist du ein Bote des Himmels und ich grüße dich brüderlich an diesem Orte. Und ich will es dulden, daß du von dieser Mauer herab zu meinen Brüdern sprichst, heute nacht, drei Stunden nach Sonnenuntergang, wenn der Mond am Himmel steht. Denn der Tag ist der Buße geweiht und der frommen Betrachtung. Lade alle Brüder vom heiligen Gebirge hierher und sprich zu ihnen, denn der Herr hat Honig auf deine Lippen gelegt und die Kraft, ein Herz zu bewegen. Gesandter des Erzbischofs, du darfst an meiner Säule reden..., jetzt aber macht euch fort und stört nicht meine Buße, sonst verfallen wir alle in große Sünde, ihr und ich.«

Isidoros begann wieder die ketzerischen Sekten aufzuzählen, an die er geglaubt hatte.

Hierax war mit seinem Erfolge zufrieden und begleitete den Brotverteiler nur noch so weit, daß er den Ort wieder fand, auf welchem die Treiber mit den Kamelen lagerten. Auf dem Wege sah er noch eine Gruppe von schwarzen Anachoreten, bekehrte Negersklaven, welche durch die Taufe die Freiheit erlangt hatten und die Freiheit zu einem frommen Einsiedlerleben nützten. Sie trugen zur Erinnerung an ihre Rettung schwere Kugeln mit Ketten an das linke Bein gefesselt.

In einer Talsenkung traf Hierax auf einen steinernen Wald, zwischen dessen kieselharten Palmstämmen drei Einsiedler lebten, deren Tagesarbeit es war, aus dem nahen roten Salzsee Wasser herbeizuschleppen und das versteinerte Holz mit Salzwasser zu begießen. Es mochte eine heitere Arbeit sein, denn sie verlachten damit die Fruchtlosigkeit des weltlichen Tuns.

Hier in der Nähe des roten Sees, nur wenige Stunden von den Niederlassungen der Natronfabriken entfernt, hatte die Karawane Halt gemacht und Hierax zog sich nach einer reichlichen Mahlzeit in das Innere einer aus Natronblöcken zierlich aufgebauten Hütte zurück, um bis zur Stunde der nächtlichen Versammlung zu schlafen. Er glaubte die Ruhe wohl verdient zu haben. Paulinos übernahm es auf seiner weiteren Wanderung, zu der er die letzten beladenen Kamele mitnahm, die Anachoreten für heute nacht, wenn der Mond aufging, zur Säule des Isidoros einzuladen.

Es war mehr als zwei Stunden nach Sonnenuntergang, als Paulinos den Gesandten aus dem Schlafe aufrüttelte.

»Sie haben wohl geruht, Herr. Nun ist es Zeit.«

Hierax, ermunterte sich rasch, trank aber noch mit Paulinos einen großen Becher Wein zur Stärkung vor der Entscheidung. Dann machten sie sich, von einem kundigen Treiber geführt, zu Fuß auf den Weg.

Die Nacht war dunkel, wenn auch in heller Pracht das ganze Sternengewölbe über ihr lag. Furchtbar drohend starrte die nächste Umgebung herein. Auf dem roten See zitterten im Nachtwinde kleine, bläulichschwarze Wellen auf. Rings umher erscholl heiseres, hungriges Heulen von Schakalen und zorniges Bellen von Hyänen. Auf dieser Seite des Gebirges wohnten keine Anachoreten; aber dennoch war die Nacht nicht still. Wenigstens glaubte Hierax Stimmengeräusch zu vernehmen, als befände er sich inmitten eines unsichtbaren Heeres, welches zur Schlacht ausrückte.

Langsam und vorsichtig schritten sie bergauf. Dann ging es wieder geradeaus durch ein Binsendickicht, das schauerlich im Winde rauschte. Hierax schreckte zusammen, als eine Wildente, aus dem Schlaf aufgestört, mit einem Schrei dicht vor ihm aufflog. Dann wieder bergauf durch einen Hohlweg, dessen Bergmassen auf sein Haupt niederstürzen wollten. Er bat um den Arm des Treibers und ließ sich führen.

Unbeweglich glänzte der Himmel. Über den Weg hinweg aber huschten Schatten von Raubtieren oder vielleicht von frommen Brüdern.

Als sie höher kamen, sahen sie zur Rechten und zur Linken dunkle Gestalten über die Hügelrücken demselben Ziele zueilen.

Der heilige Berg war fast erstiegen, als endlich hinter dem Rücken der Wanderer der Mond in voller Pracht aufging. Und mit einem Male war die ganze Landschaft in ein violettes Licht getaucht. Hierax atmete auf. Noch einige tausend Schritte und er stand auf der Hochebene und sah im hellen Mondlicht weit über tausend Menschengestalten ungeordnet die schimmernde Säule umgeben, auf welcher deutlich sichtbar Isidoros mit ausgestreckten Armen dastand.

Hierax schüttelte Paulinos die Hand und ging dann stumm durch die stummen Haufen der Einsiedler langsam auf das Gemäuer los. Niemand schien ihn zu beachten, niemand hielt ihn auf, niemand machte ihm Platz. Endlich hatte er die Ruine erreicht und schritt nun allein empor, schwindelfrei und möglichst festen Fußes bis auf die halbe Höhe, wo eine breite Stufe einen bequemen Standort bot. Allmählich hatten auch die Einsiedler sich nun genähert und umstanden dicht gedrängt Säule und Mauer. Alle blickten sie unverwandt nach Isidoros, der immer noch mit ausgebreiteten Armen dastand und kein Zeichen gab. Da faßte Hierax sich ein Herz und begann plötzlich; er erschrak zuerst über seine eigene Stimme, als er von der Höhe des heiligen Berges in das Schweigen der Nacht hinein sprach.

»Heilige Brüder, der heilige Mann Isidoros hat mir mit eigenen Worten gestattet, daß ich zu euch sprechen darf, der ich nur ein armer, der Buße bedürftiger Sünder bin und ohne seinen Segen vielleicht dem ewigen Abgrund verfallen, der ich aber heute als Abgesandter der Kirche vor euch stehe. Denn die Kirche, deren edelste Glieder ihr seid, schreit nach euch wie ein Hirsch nach frischem Wasser. Heilige Brüder, die ihr hier im Bezirk des heiligen Gebirges wunderbare Werke der Frömmigkeit tut, fern sei es von mir, euch hinwegzulocken von euren Marterwohnungen, die in den Augen des Himmels glänzender sind als die Paläste der Großen und selbst als die Kirchen der Städte. Aber diejenigen von euch, welche bereit sind, diese heiligen Orte für kurze Zeit zu verlassen, um die Unterbrechung ihrer Buße nachher mit einem um so frommeren Leben zu sühnen, namentlich die jüngeren von euch, nach der Rechnung der Welt, bitte ich um Gehör.

Der Kampf zwischen dem Himmel und der Hölle, zwischen der Kirche und dem römischen Staate neigt seinem Ende zu; nur noch eine kurze Spanne Zeit, und die Hölle und der Staat liegen besiegt zu euren Füßen. Bald werden fromme Leute aus den Klöstern sich erheben und mit den niedrigsten der Knechte Gottes sich vereinen, um von den Beamten des Kaisers Rechenschaft zu fordern für ihre Gewalttat und für jede Lauheit im Glauben. Dann wird sich irdischer Kampf erheben in den Straßen der üppigen Stadt Alexandria, blutige Greuel werden geschehen und werden sich häufen und werden furchtbar vom Himmel gestraft werden, wenn euer Gebet die Greuel nicht abwendet. Denn ihr seid schon auf Erden heilig und gute Fürsprecher. Ich sehe voraus, wie die rächende Kirche Gottes sich in irdischer Leidenschaft über die Häuser der Juden und der verdammten Nazarener ergießt, die wollüstigen Weiber und die Kinder aus den Betten schleppt und die Säuglinge zu Boden schleudert. Ich sehe voraus, wie ein Jammergeschrei der Gottlosen sich erheben und wie die Feiglinge des himmlischen Heeres erbeben werden bei dem Jammergeschrei der Opfer.«

Hierax, mußte seine Ansprache unterbrechen, denn allmählich hatte sich bei den letzten Sätzen der Zuhörer eine dumpfe Aufregung bemächtigt. Einzelne von ihnen wiederholten die Schlagwort der Rede, andere schrien auf, und man konnte nicht wissen, ob jauchzend oder in Furcht, ob dem Redner drohend oder zustimmend, und jetzt erhob sich von einer Stelle her und ging weiter und wurde endlich von der Masse aufgenommen der eine Ruf: »Hallelujah!«

»Ich danke euch, heilige Brüder. Wenn ihr alle oder einige Hundert von euch das große Bußopfer bringen und am Tage des Kampfes in den Mauern unserer sündhaften Stadt verweilen wollt, so werdet ihr beten für unsere Waffen, und eure starken Hände und eure Ketten und eure Pfähle und eure Steine, eure Felsen, sie werden glänzende Waffen sein gegen unsere Feinde.«

Ein einziger Schrei war die Antwort, hundertstimmig.

»Und ihr werdet sehen, heilige Brüder, daß in unserer sündigen Stadt Alexandria noch viel zu tun ist, bevor das Tausendjährige Reich hereinbrechen kann. Sünde und Lust geht offen umher auf den Straßen und wohnt öffentlich in den Häusern, wo den heidnischen Göttern immer noch geopfert wird, wo teuflische Mädchen, hold und jung freilich nach den Worten der Welt, die Unglücklichen umstricken, die dem Heidengotte des Weins huldigen. Stürzt euch in diese Häuser! Reißt die Verworfenen auseinander! Aus ihren Betten, von ihren Pfühlen! Die nackten Weiber! Züchtigt die Sünde und predigt den Sünderinnen so lange, bis sie die Lust wie ein giftiges Tier von sich werfen und als fromme Büßerinnen eurem Wandel folgen. Zeigt diesen Sünderinnen an eurem Beispiel, wie man das Fleisch abtöten kann und sich trotz allen Qualen der Seele und des Leibes reinhalten für den Tag des Gerichts. Scheut euch nicht, die bloße Sünde zu sehen, ihr die Kleider vom Leibe zu reißen und das Fleisch von den Knochen. Fürchtet nicht, daß der Anblick dieser Sünderinnen euch mit der Hilfe des Teufels verlocken werde zum Abfall, zur Rückkehr in die Welt. Ihr habt euren Mut nicht gestählt und eure Stärke nicht geprüft, wenn ihr euch nicht dahin begeben habt, wo die Sünde am Kreuzweg sitzt.«

»Wir kommen,« kreischte einer, und hundertstimmig wurde es wiederholt. »Wir kommen!«

»Da ist besonders eine von den Sünderinnen, das Meisterwerk des Teufels, wie eine der Teufelsgöttinnen des alten Glaubens anzuschauen und gefährlich wie keine. Hypatia ist ihr Name, und sie ist ein Vampir und hat den höchsten Beamten des Kaisers bezaubert, und die Kirche steht nicht fest in Alexandria, solange Hypatia lebt! Mit unzüchtigen Reden und der Schaustellung von Tänzerinnen, mit verwünschten Tränken und mit teuflischen Zeichen zieht sie allsonntäglich die Jünglinge aus der Kirche in ihr Schandenhaus. Wer sich stark fühlt, der erprobe sich dieser Abgöttin gegenüber. Denn sie ist schön wie die Urmutter aller Sünde. Schön wie Eva im Paradiese und schön wie die nächtlichen Gestalten, in denen der Satan dem heiligen Antonios erschienen ist, als er den frommen Mann zum Wanken bringen wollte. Hypatia ist so schön...«

Es klang wie ein Schluchzen oder wie ein Lachen von der Säule herunter. Isidoros selbst schrie mit fast übermenschlicher Stimme in die Versammlung herunter: »Der Satan hat sie mir gezeigt. Hundert schwarze Schlangen kriechen aus ihrem Haupte hervor, aber sie ringeln sich unschuldig wie Kinderlocken um ihre Wangen. Und diese Wangen gehören einer Leiche, aber allnächtlich saugt sie den Lebenden das Blut aus, und wie Rosen strömt es durch die Leichenwangen und lockt, daß die Sinne vergehen. Und wie der rote tote See in dunkler Nacht liegen abgrundtief die beiden Augen unter der Stirn. Und die Stirn ist weiß wie der Marmor eines Götzentempels, und aus den giftigen Seen ihrer Augen leuchtet blauschwarzes Licht wie aus frommen Kinderaugen und täuscht und täuscht auch die Besten, auch hier auf der Säule, trotz Hunger und Not und Geißel! Einmal hat mir der Teufel noch mehr gezeigt, Zwillingsrehe unter Rosen, etwas, etwas was schöner ist als die ganze übrige Gottesschöpfung mit ihren Palmen und ihren Menschen und all ihrem Getier, so daß es Gott allein so hold nicht geschaffen haben kann. Der Teufel! Ich will es nicht mehr sehen, es soll vom Angesichte des Himmels verschwinden, vertilgt werden von der Oberfläche der Erde, hinab in die Hölle, damit wir alle wieder atmen können und uns nicht mehr zu geißeln brauchen. Ich, ich selbst will diese Säule verlassen und an eurer Spitze hinausziehen nach der Stadt und lobsingen über den Sturz der Heiden. Hallelujah!«

Niemand sah, wie es geschah. Plötzlich verschwand Isidoros von der Säule und schlug auf den obersten Sims der Mauer krachend hin und blieb nicht liegen, flog an der Ruine hinunter, an Hierax vorüber; viele Einsiedler stürzten auf beide Knie und warfen ihr Gesicht zu Boden.

Isidoros stimmte einen Psalm an:

»O Herr, wer wohnt in deinen Hütten?
Und wer auf deinem heil'gen Berg?
Wer ohne Wandel geht einher,
Wer Gutes tut und recht nur handelt
Und Wahrheit redet immerdar!«

Mächtig anschwellend stieg der Gesang immer weihevoller und inbrünstiger zum Sternenhimmel empor. Der glänzte in ewiger Ruhe in seinem unendlichen Kreise, die einzelnen Sterne leuchteten, ohne zu zucken und zu flackern, in noch hellerem Lichte als der Mond, und plötzlich, als der Gesang zu so mächtiger Höhe anschwoll, als sähen die Mönche Gott selber, den Sternenführer, an ihrer Spitze, da flammte im Nordosten, gerade in der Richtung, wo die Alexanderstadt lag, nicht hoch über dem Horizont, das Zodiakallicht empor und wuchs und formte sich zu einer unermeßlichen, blaßgelbroten Flammenpyramide.

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