Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Fritz Mauthner: Hypatia - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
titleHypatia
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070921
projectid1b33daed
Schließen

Navigation:

6. Die Freier

Unbekümmert um ihre Feinde führte Hypatia ihre Studien und ihre Vorlesungen fort. Während sie die Wahrheit suchte, konnte sie doch unmöglich an ihre eigene Person denken. Wenn sie die wahre Umlaufszeit des Planeten Mars berechnete, so war der Erzbischof von Alexandria und selbst der Kaiser von Konstantinopel ohne jeden Einfluß auf das Ergebnis.

Ihre astronomischen Vorlesungen verliefen auch völlig ungestört. Obwohl ihre Behauptungen und noch mehr ihre Ahnungen, welche sie offen und unbefangen aussprach, mit der ganzen Anschauung der Zeit zu brechen drohten, so kam doch die Gefahr den Studenten nicht recht zum Bewußtsein. Und die Spione waren nicht imstande, Hypatias Gedanken zu folgen.

Ihr theologisches publicum jedoch wurde von Woche zu Woche lärmender und gefährlicher. Fast jedesmal, wenn sie, von ihrer Leibgarde geleitet, die große Aula betrat, setzte es vor Beginn der Vorlesung einen kleinen Kampf zwischen wohlwollendem Getrampel und böswilligem Pfeifen. Fast jedesmal kam es auch dazu, daß einer oder der andere Gegner Hypatias als abschreckendes Beispiel vor die Tür befördert wurde. Die große Mehrheit der Studenten bestand freilich aus Hypatias Verehrern, und sie bemühten sich, durch Ruhe und rasche Justiz möglichst viel von den Vorgängen ihrer Kenntnis zu entziehen. Sie konnten es aber nicht verhindern, daß häufig zum Schlüsse der Vorlesung die Gegner einen Höllenlärm vollführten, weniger um die Lehrerin zu kränken, als um von ihrer Gegnerschaft Zeugnis abzulegen. Gewöhnlich verstummte der Lärm bald, wenn Wolff mit seiner Hünengestalt den Saal durchschritt und halb lächelnd und halb zornmutig auf die ärgsten Schreier losging. Nicht immer kam es zu Schlägereien.

Der heiße Frühling war wieder übers Land gekommen, und die Frage nach der Weizenernte beschäftigte wieder alle Gemüter. Die meisten Professoren hatten ihre Vorlesungen unterbrochen. Hypatia aber blieb mit doppeltem Eifer bei ihrer Aufgabe.

Wie durch ein Wunder war ihr eine Unterstützung geworden bei ihrem großen Ziel, die kritischen Schriften des Kaisers Julianos zu sammeln und zu ergänzen. Niemand durfte es erfahren, daß es der Oheim Alexanders war, der Buchhändler Samuel, der einige der schlimmsten Schriften des Kaisers für sie aufgetrieben hatte. Bücher, von denen die Kirche glaubte, jede letzte Abschrift wäre vernichtet, fanden sich in der Hinterstube von Samuels Laden und wanderten von da heimlich in die große Bibliothek der Akademie. Hypatia mußte den Gedankengang ihrer Kritik des Christentums unterbrechen, um ihren Kaiser zu Worte kommen zu lassen. Woche für Woche trug sie ihren Zuhörern nichts anderes mehr vor als die scharfsinnigen Ketzereien und die boshaften Witze des Kaisers Julianos. Was die Geistlichkeit endgültig vergessen und begraben glaubte, das wachte wieder auf und wurde Tagesgespräch in Alexandria und ging mit der zweifachen Autorität des Kaisers und der schönen Philosophin von Ägypten hinaus nach Antiochia, nach Rom und nach Konstantinopel. Dabei konnte niemand der Lehrerin ehrlicherweise vorwerfen, daß sie Blasphemien auszusprechen liebe. Sie berief sich ruhig auf die Freiheit der Wissenschaft und untersuchte die Echtheit der Evangelien, wie man sonst die Echtheit der homerischen Gesänge prüfte; sie kritisierte des Bischofs Augustinus neue Lehre von der Willensfreiheit und der Gnade, wie sie den Platon kritisierte. Und die zermalmenden Scherze des Kaisers Julianos, die Scherze über den neuen Himmel, über die Konzilien und die Eunuchen an ihrer Spitze, sie trug sie vor, wie einer ihrer Kollegen die Spöttereien des Lukianos über den griechischen Olymp vortrug. Was dem einen recht ist, sei dem anderen billig. Für die Wissenschaft gebe es keine unantastbare Wahrheit. Denn den Andersgläubigen totzuschlagen oder zu vertreiben, sei doch niemals ein Gegenbeweis.

Die Kirchenbehörden fühlten sich ohnmächtig gegen das furchtlose Weib, welches gar nicht zu wissen schien, daß es ohne den Schutz des Statthalters und ohne die unvernünftige Duldung des Hofes verloren war. In der Aula selbst waren ja ihre Gegner eingeschüchtert worden, und auf der Straße hatte sie stets ihre freiwillige Leibgarde. Wohl flog mitunter ein Schimpfwort zu ihr hinüber. »Atheistin, Gottesmörderin!« riefen ihr wohl strebsame Geistliche nach, und auch das Wort »Studentendirne« wurde ihr einmal von einer alten Melonenverkäuferin nachgeschrien. Aber solche Schimpfworte berührten Hypatia nicht. Sie hörte sie wahrscheinlich wirklich nicht. Und wenn sie sie hörte, so glitten sie von ihr ab wie Wasser von einem Schwanenfittich.

Was dem Pöbel nicht gelang, das gelang dem Erzbischof: ihre Kampfeslust zu reizen. Kyrillos machte bei der Statthalterei Eingaben, um die Staatsbehörde zum Einschreiten gegen Hypatia zu veranlassen, angeblicher Gotteslästerungen wegen. Orestes teilte der Freundin solche Aktenstücke lächelnd mit, und Hypatia konnte daraus mit immer steigender Entrüstung sehen, wie ihre Worte verdreht, wie dem Kaiser Julianos und ihr selbst Nichtswürdigkeiten und Unanständigkeiten in den Mund gelegt wurden. Gegen Mitte Juni erhielt sie an einem Sonntagmorgen wieder so eine nichtswürdige Denunziation in die Hand. Sie hatte sich eben vorbereitet, Julians Kritik des christlichen Zölibats vorzutragen, weil er jetzt wieder von den strengsten Kirchenlehrern gefordert und unter endlosen Beschimpfungen des Weibes gepredigt wurde.

Ähnliche Schmähungen gegen ihr Geschlecht fand sie nun in der Anklage des Erzbischofs wieder.

Hypatia warf die Bücher und die Denunziation hin und ging erregt in ihrer Stube auf und nieder. Das wagte der Statthalter der Gottheit von ihr zu sagen! Von ihr, die, seitdem sie denken konnte, alles menschliche Fühlen gebändigt hatte und aufging in den Mauern dieser Akademie; die nichts kannte als die Bibliothek, die Sternwarte und ihren Hörsaal, die von ihrem Schlaf abbrach, um neue Instrumente zu ersinnen, Instrumente, die so ein Erzbischof gar nicht verstand. Wenn der Schiffer fortan mit größerer Sicherheit durch die Säulen des Herkules bis hinauf nach der friesischen Küste fahren konnte, so verdankte er es den Nachtwachen der Hypatia. Das nächtliche Licht in ihrer Stube wagte dieser Mensch zu verleumden.

Plötzlich mußte Hypatia lächeln; die Leibwache war vor ihrer Wohnung angetreten, es war Zeit zur Vorlesung. Schneller als sonst, mit höher gehobenem Haupte schritt sie über den Hof und über den Hafenplatz der Aula zu. Ihre Faust zitterte vor Erregung, als sie zu sprechen begann. Sie hatte kein Heft mitgenommen.

Wieder begann sie mit Worten des Kaisers Julianos. Sie wies auf den Widerspruch hin, dessen die Kirchenlehrer sich schuldig machten. Sie schickten sich an, ein schlichtes Weib als Gottesmutter zum höchsten Rang im Himmel zu erheben, und gleichzeitig stießen sie das Weib hinaus aus der Kirche, hinaus aus der Gemeinschaft der Gläubigen, ja sogar hinaus aus der Ehe. Eben erst habe der heilige Mann Hieronymus drüben in Palästina gelehrt, ein Knecht des Teufels sei jeder Mann, der ein Weib berühre. Nun, der fromme Hieronymus müsse das ja wissen, da er um seiner Teufelsknechtschaft willen Rom habe verlassen müssen. Aber auf die Person komme es nicht an. Durch die ganze christliche Kirchenlehre gehe ein krankhafter Abscheu vor aller Natur und vor aller Schönheit, und weil im Weibe Natur und Schönheit eins würden im glücklichen Augenblick der Schöpfung, darum hasse das Christentum das Weib, und hasse es dann zumeist, wenn es zu seiner Natur und zu seiner Schönheit auch noch die geistige Freiheit erobern wolle.

Hypatia konnte nicht anders. Alle Studenten fühlten, daß sie nicht an sich dachte, daß sie ihre eigene Schönheit nicht zeigen wollte, als sie bei diesen Worten fester und fester die weiße Faust auf ihren Tisch niederdrückte und dann aufsprang und stehend weitersprach mit leuchtenden Augen und mit leuchtender Stirn, wie wenn ein Lichtschein ausginge von ihrem Haupte.

»Nicht einwandfrei war das Los des Weibes zur Zeit des Perikles und des Platon. Schwer erkaufen mußten sich die denkenden Frauen der großen Zeit das Recht, ebenbürtige Genossen bedeutender Männer zu sein. Aller Schmutz der Gemeinheit flog über sie her, und nicht alle blieben unberührt. Doch die besten Männer jener Tage waren weit entfernt, das Weib zu verachten. Sie waren zu ehrlich, um sich der Schönheit und der Freude zu schämen, wo Schönheit und Freude ihnen geworden war, sie waren zu ehrlich, um nicht dankbar zu sein, wenn sie mit einer stolzen Genossin austauschen konnten, was die Götter beiden an hohen Gedanken geschenkt hatten; sie waren zu ehrlich, um das begeisterte Weib, das ihr Leben eingesetzt hatte, um zu wissen, um zu lernen, um zu streben, mit einem Wort der Verachtung hinabzustoßen zum Pöbel, zu den Tieren. Und wenn die ganze Welt sich den Sophismen der Kirchenlehrer beugen sollte, ein stolzes Weib wird mit der Götter Willen immer noch übrig bleiben und sich dem widersetzen, daß man dem Weibe seine Menschenwürde nimmt, um die Männer den unbekannten Engeln gleichzumachen. Vielleicht lehrt uns einmal ein neues Volk, daß Liebe zum Weibe auch die höchste Achtung sei. (Und Hypatia hätte ihren kleinen Finger darum gegeben, wenn sie in diesem Augenblick nicht von der Saaldecke hinweg den Schatten eines Gedankens lang nach dem blonden Mann an der Ecke der ersten Mittelbank geblickt hätte.) Ja, meine Herren, verzeihen Sie meine Erregung, aber dieser Kampf um die Wahrheit berührt mich doch am Ende auch persönlich ... Sie wissen nicht, was alles ich hören und lesen muß ... solange also kein besseres Volk kommt, als das der Griechen war, so lange werde ich sagen, daß die Freundinnen der großen Griechen, die Theano, die Thargelia, die Timandra und die vielgeschmähte Aspasia, größere Frauenbilder waren als die Schülerinnen des Hieronymus, die auf alles Menschliche verzichten, auf Schönheit und Glück und auf Wissen, als ob sie sich wirklich selbst bewußt wären, die Krankheit des Menschengeschlechts zu sein. Lieber eine Aspasia als eine Nonne!«

Hypatia konnte nicht weitersprechen. Von den letzten Bänken kam das Signal. Zuerst ein greller Pfiff und dann von mehr als hundert wirklich entrüsteten Zuhörern Zischen und Pfeifen und Johlen. Die übrigen Studenten hörten einige Sekunden zu, als ob dieser Ausbruch ein Erfolg der schönen Lehrerin gewesen wäre. Dann sprangen sie auf, die vielen Hunderte wie ein Mann. Und wie aus einem Munde tönte plötzlich begeistert und schmetternd der Ruf: »Es lebe Hypatia!« Sie schwangen ihre Hefte und ihre Kappen, viele schüttelten einander die Hände, sie wußten selbst nicht warum. Und dann ging es über die Gegner. Nicht wie sonst, um Ruhe herzustellen und der Lehrerin ihre Vorlesungen zu sichern. Nein, heute war es anders. Man kann nicht immer Hoch rufen und Kappen schwenken. Man muß einmal seiner höchsten Lust, seiner Freude am Dasein und seiner Schwärmerei für Hypatia Ausdruck geben. Und so sollte es denn auch nur eine Ovation für Hypatia sein, als ihre Anhänger ohne Zorn und ohne Bosheit aus lauter Freude an der schönen Welt die Gegner zerbleuten und auf die Straße warfen.

Eine Fortsetzung der Vorlesung war für heute nicht möglich. Etwas beschämt darüber, daß sie sich so weit hatte fortreißen lassen, kehrte Hypatia in ihre Wohnung zurück.

Die schlimmen Folgen blieben nicht lange aus. Der Erzbischof konnte sich mit mehr Recht als bisher darüber beschweren, daß sie angesehene Bischöfe persönlich angegriffen hätte; und von allen Kanzeln der Stadt wurde erzählt, daß unter dem Schutze der Regierung von einer Lehrkanzel der Akademie höllische Unsittlichkeiten, ja sogar freie Liebe gelehrt würde.

Aber die Stunde hatte noch eine andere Folge: das Weib Hypatia hatte zu den Studenten gesprochen. Zwar ließen es die jungen Leute im Hörsaal nicht an der gewohnten Ehrerbietung fehlen. Da die Gegner und Spione an der letzten Lektion genug hatten, so herrschte während der nächsten Vorlesungen musterhafte Ruhe und Aufmerksamkeit. Doch Hypatia konnte sich nicht mehr bergen vor den närrischen Anträgen ihrer Verehrer. Von einigen fremden Studenten und von vielen Mitgliedern der freiwilligen Leibwache erhielt sie verrückte Briefe, und die vier Getreuen der ersten Mittelbank, da sie mit ihr persönlich sprechen durften, legten ihr mündlich Herz und Hand zu Füßen. Noch mehr, die vier Freunde warben gewissermaßen gemeinsam um ihre Hand, denn wie Hypatia bald erfuhr, hatten sie sich durch einen feierlichen Schwur verpflichtet, das Freundschaftsband nicht zu lösen, wen auch immer das herrliche Weib wählen würde.

Selbst dabei blieb es noch nicht stehen. Das Gerücht, daß Hypatia, wie einst Aspasia, in freier Neigung die Freundin eines Mannes werden wolle, drang über Alexandria hinaus. Und so wie Orestes selbst ihr im Scherz als der Perikles von Alexandria sein Herz und seine Treue anbot, so warben um ihre freie Freundschaft hochgestellte Offiziere und Beamte aus der Pentapolis, aus Antiochia, aus Zypern und Kreta, von überall her, wohin das Gerücht von ihrem erneuten griechischen Kultus rasch genug gelangt war. Mit einiger Beschämung vernahm Hypatia das alles. Das Griechentum war doch am Ende nicht mehr rein auf der Welt oder sie war keine echte Griechin. Denn sie konnte den Gedanken gar nicht ausdenken, so eine Periklesfreundin zu werden. Nicht einmal als Gattin eines ihrer Freier konnte sie sich selbst vorstellen. Höchstens etwa ewige Braut hätte sie sein mögen, die Braut eines mächtigen, klugen und lieben Menschen, der sie schützte und ihr einmal ein gutes Wort sagte, wenn sie müde oder traurig war ...

Hypatias Trauerjahr war zu Ende. Noch einmal hatte sie in ihrem schwarzen Kleid die astronomische Vorlesung gehalten und nahm jetzt ihr Bad in dem weiten öden Raum neben ihrer Wohnung. In dem großen Marmorbecken saß sie behaglich zurückgelehnt, um ihre hohe Schönheit unbekümmert, und blickte zerstreut auf ihre alte Amme, die schwarzbraune Fellachin, die geschäftig Kleider und Wäsche fortnahm und andere Wäsche und einen langen, weißen, faltenlosen Rock auf das Polstersofa legte.

Hypatia wollte sich der Sitte fügen und die dunklen Gewänder nicht länger tragen, als es üblich war. Weiß anstatt schwarz. Farblos das eine wie das andere. Farblos, glanzlos, leblos wie ihr Dasein ...

Sie wollte auch heute nicht an sich denken. Nicht an sich und nicht an die Menschen. So hatte sie es gehalten, seitdem sie ihr Leben dem Vater und der Wissenschaft geweiht hatte. Nichts Menschliches denken! Das sollte sie der Gottheit näher bringen. Welcher Gottheit? Nein! Nicht denken!

Sie galt für zerstreut. Was wußten die anderen von ihr? Was wußten die anderen, wie es sie trieb zur Menschheit, wie sie die Arme auszubreiten verlangte nach Mitgeschöpfen auf der Erde! Doch sie hatte die Gewohnheit angenommen, nur an leblose Sachen, nur an Wissenschaft zu denken im Ernst und selbst im Spiel. Das half ihr oft. Und wie sie jetzt an der Oberfläche des klaren Wassers ihre hohlen Hände aneinander legte und zwischen den Daumen hinweg einen feinen Wasserstrahl wie einen Springbrunnen emporsteigen ließ, da fiel ihr der öffentliche Garten ein mit seinen Springbrunnen und seinen Laubengängen und den tausend einfachen Menschen, die sich dort harmlos vergnügten. Erdengeschöpfe, die über den Beginn der Nilschwellung schon glücklich waren. Nicht daran denken! Und sie zwang ihre Aufmerksamkeit auf die kleine Wasserkunst, die sie immer wieder vollführte, und sie versuchte aus dem Kopfe zu berechnen, wie lange sie wohl bei dem Flächenmaße ihrer kleinen hohlen Hände die Wassersäule von dieser Stärke emporsenden könnte. Sie rechnete gelehrt und spielte wie ein Kind.

Das warme, wohlige Wasser umspülte sie bis zum Halse und netzte ihr die untersten Haarlöckchen, wenn auch das übrige Haargeflecht durch eine drollige Mütze von Wachstuch geschützt war. Hypatia seufzte auf. Sie war so froh darüber, daß sie allein war. Die Fellachin ordnete jetzt das Nebenzimmer, und nur der Marabu stolzierte um das Marmorbecken herum, schüttelte zweimal den Kopf und steckte seinen Schnabel verdrießlich, recht absichtlich, um zu stören, in den kleinen Springbrunnen Hypatias. Dann schüttelte er wieder den Schnabel, um die warmen Wassertropfen loszuwerden, und blickte so verwundert darein, daß Hypatia laut und herzlich lachte. Das schien der Vogel übelzunehmen, denn er stellte sich vorwurfsvoll auf ein Bein neben ihr weißes Kleid und kratzte sich altklug den Philosophenschädel.

Auf dem Sofa lag ein Bändchen von Platons tiefsinnigen Plaudereien. Hypatia hatte es beim Auskleiden weggelegt. Der Vogel klopfte mit seinem Schnabel hart auf den Einband.

Ich und der Platon! Das andere ist Plunder! Gediegenheit, Ernst gibt ewiges Dasein! Wie einfältig sprudelst du Springbrunnenfaxen!

Hypatia lächelte und ließ in ihrem Geiste saalweise die Bibliothek vorüberziehen, die sie ausgeforscht und dann wieder selbst durch eigene Schriften bereichert hatte. Ihr schauderte. Ihr Bad schien kühler zu werden. Wieviele Bücherregale, wieviel Holz und Papier! Wenn eines Tages ihre Feinde kämen, die Mönche aus der Wüste, und der Welt verkündeten, daß es aus sei mit allem irdischen Wissen, oder wenn die Beduinen kämen, drüben von der arabischen Küste, die Beduinen, die so leidenschaftlich zu ihr aufblickten, wie der schöne Synesios – wenn die Mönche oder die Beduinen die Akademie und die Bibliothek erstürmten und darüber nachsännen, was mit den unzähligen Büchern anzufangen wäre, wie dann? Badestuben damit heizen? Warmes Wasser für die ungewaschenen Mönche und für die abscheuliche neue mönchische Welt, die anbrach! Warmes Wasser für eine stille verträumte Badestunde! Das war vielleicht ein besserer Dienst, als was die Hunderttausende von Büchern bisher der Menschheit geleistet hatten. Badestuben heizen! Und sie übte sich wieder im Kopfrechnen und schätzte ab, wieviel warmes Wasser die berühmte Bibliothek von Alexandria wohl liefern könnte. Über ein halbes Jahr würde das Papierfeuer etwa dauern und könnte so lange täglich viertausend Badeöfen heizen, und vielleicht kam bald so ein schwarzer Beduinenfürst und erlöste die Welt vom Wissen und schenkte ihr dafür wohlige Badestuben! Die Mönche freilich, die würden es auch noch für Sünde halten, mit den Forschungen der Philosophen dem armen Menschenkörper diese letzte kleine Freude zu bereiten. Die Mönche – Pfui!

Hypatia mußte am Hahn für warmes Wasser drehen, um wieder in behagliche Stimmung zu kommen.

Den Urgrund alles menschlichen Wissens hatte sie erringen wollen und hatte es ehrlich gemeint in ihrem Streben. Nichts war ihr fremd geblieben, was andere vor ihr gedacht hatten und neben ihr. An den Hochschulen des römischen Reichs war kein Mann, der an Scharfsinn über ihr stand. Nun wußte sie aber auch was Rechtes!

Seit drei Jahren, zuerst gemeinschaftlich mit ihrem Vater und jetzt allein, war sie der wahren Umlaufsbahn des Planeten Mars auf der Spur.

Wenn es Hypatia gelang und sie abermals beweisen konnte, daß nicht alles so einfach war am Himmelsgewölbe, wie das ptolemäische Weltsystem es lehrte, was dann? Wieder wurde sie berühmter, und von Rom und Athen kamen Huldigungsbriefe und Verse und Lorbeerkränze; sie aber wußte, daß sie nicht mehr getan hatte als einer der Korrektoren der Bibliothek, der einen Sprachschnitzer im Homer verbesserte. Und wenn es gar wahr wäre, was sie dunkel ahnte, was der alte Platon gesehen hatte mit seinen nächtlichen Himmelsaugen und was auch sie wahrnimmt, wenn sie um Mitternacht Tafel und Griffel beiseite legt und aufhört zu rechnen, und statt zu klügeln frei hinausblickt in den unergründlichen klaren Himmel, wenn es wahr ist, daß die Sonne und der Mond und die Planeten sich gar nicht um die Erde drehen, daß da oben ein ganz anderer Tanz aufgeführt wird, an welchem die arme Erde bescheiden teilnimmt, wie die anderen glänzenden Flämmchen und Funken. Und wenn einmal neue Sternkundige kommen und der Welt mit runzeligem Munde erzählen, daß Ptolemaios gelogen hat und Theon und Hypatia gelogen haben, daß deren Berechnungen Kinderspiel waren, Zeitvertreib, müßiges Plappern, und daß der Kosmos der Welt sich, um die Erde nicht mehr kümmert als um einen der glänzenden Punkte am Himmel? Wenn es wahr ist, daß die Erde auch nur ein Punkt ist im Weltall, was sind dann die Gedanken der Menschen auf dieser armen Erde? Und ist dann auf Erden noch irgend etwas anderes wirklich und wahr als die ewig ungestillte Sehnsucht nach Glück?

»Glück!«

Hypatia rief es laut; der Philosophenstorch schritt gravitätisch heran und legte seinen Schnabel auf ihre Schulter. Tröstlich sah er sie dabei mit schrägen Augen an.

Hast ja den Vogel und Philosophie! Auf Bergen von Büchern führt dich mein Fittich durch die Hallen des Hörsaals zur Ewigkeit ein! Kinderpäppeln? Pöbelköder. Erschrocken starrte Hypatia auf den kahlen Philosophenvogel. Dann schöpfte sie mit der linken Hand und plötzlich spritzte sie das Tier von oben bis unten an, und spritzte und lachte, bis der Vogel entrüstet und beleidigt in das Nebenzimmer entfloh, wo er heftig auf und nieder schritt und zänkisch klapperte.

Hypatia aber verließ bald darauf, strahlend in Schönheit, über drei Marmorstufen hinweg, heiter das Badebecken, rief der Fellachin, hüllte sich in ein weißes, zartes Tuch und ließ sich behaglich abtrocknen. Wie immer fing die Amme zu schwatzen und zu schmeicheln an. Was für einen kußlichen Rücken das gnädige Fräulein habe! Wie immer befahl ihr Hypatia, zu schweigen. Sie schickte die Amme fort und streckte sich, dicht in ein neues wollenes Tuch gehüllt, auf den Diwan aus.

Glück! Alle Menschen forderten es, warum nicht auch sie? Mußte sie einsamer durchs Leben gehen, weil sie das Glück um so viel reicher hätte aufnehmen können als die träge Masse?

War es denn wirklich schon zu spät? War ihr Leben im Rückgang? War sie nicht noch jung und schön? Sie hüllte sich fester in ihr Tuch, als schämte sie sich ihres jungen Leibes. Sie blickte nach dem Badebecken, in welchem der ruhige Wasserspiegel langsam immer tiefer sank. So floß wohl auch die Lebenskraft aus dem Körper, täglich, stündlich.

Und die Narren, welche über Langeweile klagen, wissen nicht, daß ein paar tausend von solch langweiligen Stunden das ganze Leben ausmachen. Drüben die Sanduhr ließ auch so die Zeit verrinnen. Die Stunde war bald um. Sandkörnchen auf Sandkörnchen drängte sich zu dem schmalen Ausgang, von der alten, dummen Naturkraft gezogen. Ob der Mensch nicht auch von seinem törichten Willen gelenkt wurde, sein Leben so rasch als möglich zerrinnen zu lassen? Und eine von den Erfindungen, das Leben kurzweiliger zu machen und das Ende zu beschleunigen, nannte man das Glück.

Und doch! Die Wasseratome hielten zusammen und die Sandkörnchen drängten sich zueinander. Wie gar in der lebendigen Natur. War es nicht besser, von der Bosheit und Niedrigkeit der Menschen Schmerzen zu leiden, als so einsam dahinzuleben, ein Mensch ohne Menschen.

Der Philosophenvogel ging im Nebengemach immer gereizter auf und nieder. Er vollführte allerlei Spektakel, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er war in seiner philosophischen Würde beleidigt worden; wenn man aber um Verzeihung bat – wenn man ihn nur freundlich rief –, wollte er offenbar nicht ewig böse sein.

»Komm!« rief Hypatia, und als das Tier ganz würdelos vor Freude heranstelzte, schlug sie ihm lachend auf den Schnabel und sagte: »Was, du willst auch nicht einsam sein? Und vielleicht scheine ich dir trotz all deiner Liebe und Eifersucht ebenso häßlich, wie du mir, du Tolpatsch. Nur nicht allein sein!«

Der Storch sprang ganz zufrieden, hüpfend und mit den Flügeln schlagend, in das Becken, um in den letzten paar Zoll Wasser noch ein Fußbad zu nehmen. Er suchte dabei mit verwunderten Augen nach Fischen oder Fröschen und blickte fast vorwurfsvoll zu Hypatia hinüber, daß die in einem so ungemütlichen Wasser badete. Dann steckte er das rechte Bein unter den Flügel, legte den Kopf auf die Seite und sann wohl darüber nach, ob es vielleicht die höchste Aufgabe von gottgeschaffenen asketischen Störchen wäre, Fußbäder in ganz klarem Wasser zu nehmen, während gemeine Störche, fern von Hypatia, Schlammwasser mit Fröschen vorzögen.

Hypatia stützte ihren Kopf auf den linken Arm und betrachtete den getreuen Marabu.

Schöner als dieses alte Tier war jeder ihrer Studenten, und ihre vier Ritter am Ende ebenso treu. Lachend hatte sie die Bewerbungen der einen angehört, für die anderen hatte sie sich taub gestellt. War das gut? War das auch nur vernünftig? Behielt denn Kyrillos mit seinen schändlichen Verleumdungen recht, wurde sie zur Studentendirne, wenn sie diese Sache ernst nahm und sich wie jedes andere ordentliche Mädchen dem Schutze eines braven Mannes anvertraute?

Sie verkroch sich lächelnd noch tiefer in ihr Badetuch und ließ die tolle Werbung des Griechen Troilos an ihrem Geiste vorüberziehen. War der wenigstens noch ein rechter Grieche? Oder war auch sein schönheitslüsterner Sinn nur noch eine Treibhauspflanze, zeigte sich in ihm das Griechentum schon in der Dekadence?

Blasiert stellte er sich, darum meinte er es nicht anders, darum war er nicht weniger verliebt.

Hypatia schloß die Augen und lächelte, als ob sie an eine Posse dächte; denn Troilos hatte etwa so zu ihr geredet, als sie einmal im Musikzimmer des Statthalters einem übermäßig langen Flötenkonzert zuhören mußten:

»Ich bin zwar reich und jung und klug, schönste Hypatia. Und Sie sind ein armes Fräulein Professor, das von den Kollegiengeldern ihrer Studenten abhängt, dennoch weiß ich, daß ich Ihnen das berühmte große Glück nicht bieten kann. Sie müßten mit Ihrer Schönheit für uns beide haushalten, wozu es ja auch ausreichen würde. Ich glaube aber nicht, daß Ihr Überschuß von Schönheit gerade ein Grund für Sie wäre, sich in mich zu verlieben. Sie müßten also, um meine Frau zu werden, mich ohne die sogenannte Liebe heiraten. Aber ich frage Sie, schönste Hypatia, ob nicht just das Ihrer würdig wäre? Sie sind zu weise, um nicht einzusehen, daß die sogenannte Liebe die frechste unter allen Illusionen ist, mit denen die Natur Menschen und Tiere an der Nase führt. Verbinden Sie doch mal Ihr Leben mit dem meinen! Wir wollen das Dasein als überlegene Geister genießen, genießen, was immer es Genießenswertes bietet. Meine Millionen sollen zu Ihren Diensten stehen, wenn Sie Pfirsiche von einer noch nicht erfundenen Gattung oder Bilder von der neuesten Schule genießen wollen. Und was das Leben außer dem Genuß bietet an Ernst und Schmerz, das wollen wir als überlegene Skeptiker verachten. Die Welt und uns verachten, und es verachten, wenn man uns nicht versteht und uns darum verachtet. Wir wollen genießen, solange unsere Nerven es dulden, und in den Pausen des Genießens wollen wir uns in Hängematten legen und zum Zeitvertreib Illusionen zerreißen, alle Illusionen, was doch wieder ein neuer und wenig anstrengender Genuß sein wird. Denn ich werde Sie lehren, Illusionen zu zerreißen wie Spinngewebe, und wenn Ihnen, schönste Hypatia, ein solches Hängemattendasein, wie ich hoffe, als das wahre Ideal einer philosophischen Ehe erscheint, so bitte ich Sie, mein Weib zu werden. Selbstverständlich treibt auch mich zu diesem verrückten Antrag die Illusion, wahnsinnig in Sie verliebt zu sein!«

»Sag mal, was hätte ich dem Menschen antworten sollen?«

Der Storch schwang sich mit einem derben Flügelschlage auf das Türgesims empor.

Alexander Jossephsohn, der schon tagelang unentschlossen um sie herumgeschlichen war, hatte das Gespräch im Musikzimmer des Statthalters von weitem belauert, hatte dann die Freunde geschickt zu entfernen gewußt und auf dem Heimwege, erst vorsichtig, dann immer leidenschaftlicher seine Gefühle offenbart und endlich etwa so gesprochen:

»Ich darf kein Ja von Ihnen verlangen, verehrtes Fräulein, denn ich sehe wohl, Sie empfinden für mich nicht, was ich für Sie. Nur um ein Versprechen flehe ich zu Ihnen: werfen Sie sich nicht fort an einen Niedrigen, bleiben Sie, wie Sie sind, noch drei Jahre. Versprechen Sie mir, nach drei Jahren noch ebenso frei zu sein wie heute. Dann will ich wieder vor Sie treten, ein anderer Mann, einer, der es wagen darf, um Sie zu werben. Nicht wahr, wir lächeln beide über die kleinen Eitelkeiten der Welt, Sie besonders. Aber ich will mich auch nicht mit Kleinigkeiten abgeben. Nach drei Jahren sollen Sie entscheiden, ob ich zuviel versprochen habe, wenn ich Ihnen ein Stück Weltherrschaft anbiete als meine Mitgift. Ich habe Protektion in Rom und Konstantinopel; ich kenne die Menschen und die Geschäfte des Reichs. Ich will auch gern meine Religion wechseln, ein Heide will ich werden für Sie oder mich sogar taufen lassen. Nach drei Jahren bin ich, um Sie zu erringen, so oder so, Minister in Rom oder in Konstantinopel. Dann werden Sie mein Weib, und nicht der Wille des Kaisers soll vollzogen werden vom Euphrat bis zur Nordsee und auch nicht mein Wille, sondern nur, was Hypatia will. Halten Sie mich für keinen Phantasten! Um Sie zu erringen, könnte man mit Fleiß, Klugheit und Ausdauer noch mehr durchsetzen, als unter dem mitlebenden Gesindel Minister zu werden. Hypatia, in diesen Zeitläufen bleibt ein Weib wie Sie nicht in wissenschaftlichen Spielereien stecken. Stürzen Sie sich mit mir in die hohe Politik. Es ist immer ein leichter Kampf, wenn nur zwei Parteien einander gegenüberstehen. So haben wir jetzt nur Staat und Kirche. Und weil die siegreiche Kirche alle Kultur vernichten müßte für Jahrhunderte hinaus, darum will ich mich auf die Seite des Staates stellen, als Müßiggänger, wenn ich allein bin, als Herr, wenn Sie mitspielen wollen. Verbünden wir uns. Es wäre das aufregendste Spiel, das wir wagen könnten! Herrschaft oder Tod! Wollen Sie aber nicht drei Jahre auf mich warten, dann will ich auch nicht Minister werden, dann lasse ich mich nicht umbringen und nicht einmal taufen; und wenn mir meine Verwandten alle Millionärstöchter zwischen Babylon und Karthago zur Ehe vorschlagen, so bleibe ich dennoch in Alexandria, nur um Sie täglich sehen zu dürfen, Sie, Hypatia, das Wunder der Welt.«

Was meinst du zu dem? Wollen wir Frau Minister werden, und anstatt zu denken, Politik treiben? Es würde heiß zugehen.

Der Marabu hatte Hypatia nicht verstanden. Wenn sie sonst sagte, ihr sei zu »heiß«, dann brachte er ihr ihren indischen Fächer, ein dünnes Gestell von Bambusstäbchen, von denen helle Seidenbänder niederflatterten. Mit seinem drolligen und sorgenvollen Ausdruck holte der Marabu auch jetzt den Fächer und legte ihn mit dem Schnabel zierlich auf ihren Schoß. Sie schlug ihm lachend auf den Schädel, dann wurde sie plötzlich ernst.

Was ihr wenige Tage nach der Huldigung Alexanders der blonde Wolff gesagt hatte, und wie er es ihr gesagt hatte, das durfte nicht einmal der Philosophenvogel hören. Zur Nachtzeit war Wolff an ihrem Fenster emporgestiegen, wie das Sitte sein sollte in der Heimat seiner gotischen Väter, auf den Almen der Berge, aber auch da nur Sitte, wenn der verliebte Bursche zur Bauerndirne schleicht. Und zu ihr, zur berühmtesten Philosophin der Welt, war Wolff so gekommen, wie zur ersten besten hübschen Magd. Er hatte zu ihr zu sprechen gewagt, wie ein Soldat in Feindesland vielleicht zum erbeuteten Weibe spricht. Und nicht ungefähr oder beiläufig wie die Reden von Troilos und Alexander hatte Hypatia die Worte Wolffs behalten, sondern Silbe für Silbe, Ton um Ton.

»Komm mit mir! Sei mein Weib! Laß Alexandria und deine Ehren und deine Schüler! Komm mit mir und sei glücklich als mein Weib! Wohin du willst! Über Eis oder glühenden Sand. Ich will dich tragen und dich hüten! Aber du darfst nichts sein wollen als mein Weib!«

Hypatia hatte nicht geantwortet. Aber sie hatte Wolff auch nicht gescholten und hatte nicht um Hilfe gerufen. Sie hatte sogar den Marabu, als er unruhig wurde, zur Ruhe gewiesen. Sie hatte gelauscht und sich schlafend gestellt – vielleicht wie eine der Dirnen, die sich schlafend stellen pochenden Herzens, oben an den wilden Ufern des jungen Rheins, in der Heimat von Wolffs Ahnen. Und wieder hatte er gesprochen:

»Komm mit mir und sei mein Weib! Steh auf und komm! So wie du bist! Ich will dir dienen, wie ein Mann dem Weibe dienen darf, mit Leben und Tod. Aber auch du mußt meine Sklavin sein, wie das Weib des Mannes Sklavin sein soll!«

Des Mannes Sklavin! Da hatte Hypatia die Amme gerufen. Erst leise, mit versagender Stimme, dann lauter und endlich mit Aufgebot der ganzen Kraft so vernehmlich, daß die Fellachin erwachte. Der Angstschrei der Amme und das Gepolter des Storchs hatte dann den fremden Menschen vom Fenster vertrieben.

Hypatia war mit stockendem Atem auf ihrem Lager liegen geblieben. Zornig und gekränkt und doch wieder seltsam belustigt oder vielleicht erheitert oder gar beglückt. So, wie sie jetzt noch, zornig in der Erinnerung und doch wieder heiter, auf dem Diwan lag. Plötzlich – sie wußte nicht, warum – warf sie das weiße warme Tuch zu beiden Seiten von sich; in all ihrer Schönheit sprang sie auf und rief die Amme, um sich mit ihrer Hilfe anzukleiden. Wieder sagte die ihr Schmeicheleien, wieder stellte sich der Storch vor sie hin und betrachtete neugierig das Raffen und Binden der Kleidungsstücke, und dann richtete sich Hypatia in dem blühend weißen, neuen Gewande hoch auf, streckte beide Arme mit geballten Fäusten weit aus, faßte den erschreckten Storch bei seinem langen Halse, gab ihm rechts und links Kopfnüsse und rief: »Komm nach Hause, Synesios wird warten!«

Sie dachte absichtlich nur an Synesios, während sie ihren Wohnräumen zuschritt. Sie mußte an ihn denken, weil er binnen kurzem bei ihr erscheinen wollte, der einzige, dem sie um seiner Bescheidenheit willen den Zutritt gestattete, und sie wollte nur an ihn denken, weil Synesios sie am sichersten von der Erinnerung an Wolff befreite. Wolff mit seiner rotblonden Löwenmähne, mit seiner viel zu langen Adlernase, seinen stillen Augen, seinem großen, selten geöffneten Munde und dem hellen Bartflaum um Lippen und Kinn, Wolff war gar nicht schön. Ja, stattlich gewiß, vielleicht auch nach dem Geschmack seiner Landsmänninnen, wenn er an der Spitze eines Reiterzuges über die Landstraße trabte, oder wenn er nach der Mythe seines Volkes tot auf dem Schoße einer der Schlachtjungfrauen in ihre Hölle hineinritt. Aber Synesios, dessen unansehnlicher Wuchs allein schon freundlicher stimmen mußte, dessen wackere Familie seit Jahrhunderten die erste der Pentapolis war und der durch die Bildung vieler Geschlechter aus einem Araber so ganz Grieche geworden, war unbedingt weit schöner, vornehmer, angenehmer. Was erzählten die Studenten nicht allein von Wolffs Unmäßigkeit! Einmal hätte sie ihn bei so einem Gelage überraschen mögen, um ihn mit ihren Blicken zu strafen und sich selbst davon zu überzeugen, ob diese ruhigen blauen Augen im Rausche nicht aufblitzten, wie gewiß damals bei Nacht am Fenster. Wie anständig doch die Mäßigkeit des Synesios gegen ein solches Treiben abstach! Wolff war doch kein Jüngling mehr! Wenn überhaupt noch eine Verbindung zwischen ihnen beiden möglich war, so hätte sie ihn gern gewarnt und ihn durch das Beispiel der bedeutendsten griechischen Dichter und Philosophen zu einer vernunftgemäßen Lebensweise zurückgeführt. Freilich, die griechischen Dichter waren auch nicht alle vom Mäßigkeitsverein gewesen, und wer weiß, ob die Gelage Wolffs so schlimm waren, wie der brave Synesios das ausmalte.

So dachte Hypatia nur an Synesios, während sie ihr Arbeitszimmer betrat und sich selber einredete, sie wollte an ihre Bücher gehen.

Aber es ließ sie heute nicht.

Glück!

Troilos wollte es ihr bieten in der frivolen Verbindung mit einem geistig überlegenen Manne. Ihr war niemand überlegen. O, sie fühlte es oft, daß man ihr von seiten hervorragender Männer und unter Beamten mit einem Ton entgegentrat, der sagen wollte: Die gelehrteste Frau magst du sein und gelehrter als alle Männer unserer Zeit. Aber männlichen Geist, männliche Tatkraft besitzest du doch nicht! Und da trat ihr in diesem Troilos der alte Hochmut wieder entgegen. Blasiert war dieser Herr Troilos, blasiert, wie ein vornehmes Weib niemals werden kann, müde und ironisch, das war seine ganze Überlegenheit. Hypatia wäre die Törin gewesen, welche jedes Weib in den Augen dieser Männer zu sein schien, wenn sie sich vor solcher angemaßten Überlegenheit gebeugt hätte.

Natürlich mußte ihr Lebensgenosse, wenn sie sich einen solchen denken konnte, auf der Höhe der Bildung stehen, mußte, wie Synesios, die Universitäten besucht und in Literatur und Philosophie tüchtig gearbeitet haben. Man konnte doch nicht jahrelang mit einem Menschen zusammenleben, der nicht verstand, was man etwa sprach. Daran aber war es genug. Sich zu beugen vor einer eingebildeten Größe, sollte das etwa Glück sein?

Glück!

Alexander zeigte es ihr in der Ferne, wenn er einst seiner Frau gestattete, an der Seite eines Staatsmannes die Huldigungen der Streber entgegenzunehmen. Ebensogut konnte sie ja hinter Wolff zu Pferde sitzen, wenn er zu Felde ritt und sich irgendwo in Persien oder Thule ein Reich eroberte. Doch das war ja Unsinn, Märchen, kindische Träumerei. Besser war es doch, dem guten Synesios auf das Erbe seiner Väter zu folgen, wo er zwischen Meer und Wüste, weit entfernt von allen Staatsbeamten, wirklich wie ein kleiner König sich selber Gesetze gab. War Herrschaft ein wünschenswertes Ziel, so kam es doch auf die Größe des Landes nicht an. Synesios war ein geistig hochstehender Mann und ein kleiner Fürst, aber er bot ihr nicht nur den Reichtum des Troilos und die erträumte Macht des Alexander, er kam zu ihr auch mit der leidenschaftlichen Inbrunst dieses ungeschlachten Wolff. Und dabei war er bescheiden. Er ließ sich gewiß jede Bedingung gefallen.

Sie sollen sehen, Herr Wolff, Herr König ohne Land, daß man nicht gerade zu Ihnen flüchten muß, wenn überhaupt geflohen werden muß.

Mit festen Schritten ging Hypatia auf und nieder. Sie suchte Sammlung zu gewinnen. Zwei-, dreimal trat sie an einen großen Tisch, ihrem Schreibpult gegenüber, wo ein Gestell von allerlei Rädern und gebogenen Drähten und von kleinen Metallkugeln das System der Erde und ihrer Planeten darstellen sollte. Als sie noch ein Kind war, hatte sie ihren Vater in seinen seltenen müßigen Stunden über diesem Kunstwerk brüten sehen, später hatte sie dem Vater mit vieler Rechnerei geholfen und nun es als seine Erbschaft übernommen, das schwierige Gebäude zu Ende zu führen. Doch heute hätte sie am liebsten die ganze mühselige Arbeit wieder zerschlagen, so unwahr, so töricht schien das Abbild der unendlichen Sternenwelt. Alles war nur ungefähr richtig, keine einzige Gleichung ging ohne Rest auf; wenn solche Ziffernfehler im Himmel selbst vorhanden wären, dann müßte ja das Himmelsgewölbe morgen oder übermorgen zusammenstürzen und die Erde mitsamt dem römischen Reich und der Alexandrinischen Akademie und der schönen Hypatia und dem frechen Wolff zu Brei und Scherben zusammenschlagen. Das war es ja, was sie gerade heute so unzufrieden machte mit ihrer Wissenschaft. Noch nie hatte sie so stark gefühlt, daß die Natur ihre eigenen Wege ging, daß kein Mathematiker das große Räderwerk vorher mit dem Griffel in der Hand ausgerechnet hatte, daß nicht das Wissen das Erste war, sondern die Tat, daß auch das arme Menschenherz niemals wollte, was es sollte, sondern sich sehnte, kämpfte, lebte und zusammenbrach, nach seiner Natur und nicht nach klugen Gesetzen.

Der Marabu scharrte an der Tür und Hypatia ließ ihn herein. Der heilige Vogel wußte, daß er in diesem Raum nicht stören durfte, und stellte sich gravitätisch neben den Tisch, auf welchem das Tellurium stand. Er hatte nur als Gesellschafter des Fräuleins Besuch anmelden wollen.

Nach wenigen Sekunden kam auch die Fellachin mit der Frage, ob Fräulein Professor für Synesios zu sprechen wäre.

Mit gereiztem Lächeln nickte Hypatia und nahm aufseufzend in ihrem Lehnstuhl Platz.

Der hübsche Synesios trat in tadelloser Besuchskleidung herein und überreichte der schönen Lehrerin einen Strauß von üppigen roten Rosen, wie sie in solcher Art nur in Indien gezogen wurden. Er bat mit schmeichelnder Stimme um die Erlaubnis, »der gelehrten Freundin außer diesen Erzeugnissen indischer Weisheit auch noch die Sammlung astronomischer Werke überreichen zu dürfen, die auf sein Betreiben aus dem Indischen ins Griechische übersetzt worden waren und deren Handschrift eben jetzt mit demselben Schiff angelangt war, das diese Rosen als schüchternen Tribut Asiens an die Herrin brachte, die an der Grenze zweier Welten die Geister des römischen Reichs beherrschte«.

Hypatia wurde sonst immer fremd und kalt berührt, wenn Synesios so gedrechselt zu ihr sprach; aber seine schöne, tiefe Stimme, seine sichere Beherrschung der feinsten Tönungen der geliebten Muttersprache und schließlich die Demut des Mannes, der für den fleißigsten und zukunftreichsten Studenten der Akademie galt, taten es ihr doch an, und wider Willen mußte sie freundlich aufnehmen, was ihr im Grunde ihres Herzens mißfiel. Dazu kam, daß die lang versprochenen und nun endlich eingetroffenen Bücherschätze ihr wirklich eine außerordentliche Freude bereiteten. Sie drückte dem jungen Manne also herzlich die Hand, bat ihn Platz zu nehmen und stellte seine Rosen mit recht sichtlicher Aufmerksamkeit in eine schöne Vase. Der Marabu steckte seinen Schnabel tief in den mächtigen Rosenstrauß hinein und schielte etwas spöttisch nach dem hübschen Synesios.

Indischer Rosenbusch, indisches Rechenbuch! Im Herbste der Mäher macht es zu Heu!

In anmutiger Weise, ohne lästig zu fallen und doch ohne seine Verdienste zu vergessen, erzählte Synesios, wie er durch die ausgedehnten Beziehungen seiner Familie in die glückliche Lage gekommen sei, die kleine Aufmerksamkeit erweisen zu können. Da das eine Unternehmen so gut geglückt sei, so wolle er der verehrten Freundin schon heute die vorläufige Mitteilung zu machen wagen, daß bald ein Schiff mit noch köstlicherer Ladung den Indischen Ozean unter dem Schutze der Götter durchfurchen werde, um der großen Meisterin die schülerhaften Versuche eines noch entlegeneren Volkes nach Alexandria zu bringen. Es sei ihm gelungen, selbst in dem fabelhaften Kaiserreiche China einen Reisenden auszukundschaften, der mathematische Kenntnisse genug besitze, um die merkwürdigen Berechnungen der dortigen Sonnenfinsternisse für die Frau zu übersetzen, deren Antlitz auch die tiefste Sonnenfinsternis erhellen müßte.

»Sie sind ein guter Junge, mein lieber Synesios.« Und sie legte ihre rechte Hand weich und warm auf die gefalteten Hände des jungen Mannes.

Da traten ihm die hellen Tränen in die Augen, und er machte eine schnelle Bewegung, deren Sinn der schönen Philosophin zuerst unverständlich blieb. Wie ein Verbrecher, der ergeben sein Haupt dem Todesstreiche des Henkers darbietet, oder wie ein nubischer Sklave, der der Königin nur in so knechtischer Haltung ihren Becher reichen darf, ließ Synesios beide Knie auf die Erde sinken, hielt sich so kniend einige Sekunden vor ihr und barg endlich sein Gesicht aufschluchzend in ihren Schoß. Tanzend vor Vergnügen umkreiste der Marabu das nie noch gesehene Bild, denn es war damals noch unbekannt, daß junge Leute ihre Neigung durch einen Kniefall ausdrücken konnten.

»Was haben Sie, Synesios?« sagte Hypatia gütig und ließ ihre Finger leicht über seinen schwarzen Lockenkopf hingleiten. »Seien Sie nicht unvernünftig. Sprechen Sie sich aus. Sie haben ja die Gabe der Rede. Und so groß kann doch kein Gefühl sein, daß die Worte es nicht ...«

Hypatia unterbrach sich, denn sie erinnerte sich plötzlich ihres letzten Gedankens vor dem Eintritt dieses Freiers. Die Sternenwelt war größer als alle Rechenkunst. Sollte das Gefühl nicht auch größer werden können als die Sprache?

Schon hob aber Synesios glücklich sein Haupt und zeigte ihr, als ob das auch eine gelungene Schmeichelei wäre, sein tränengebadetes Antlitz.

»Erhöre mich, Hypatia! Ich kann ohne dich nicht leben! Wo immer ich gehe und stehe, verfolgen mich deine Augen. Auf der Jagd kann ich keine Gazelle mehr töten, weil die schwarzen Gazellenaugen mich an dich gemahnen, und ich kann kein Buch mehr lesen, wenn ich weiß, daß deine Augen auf dieselben Zeilen geblickt haben. Du hast mir den Schlaf geraubt und das Wachen, du hast mich selig gemacht durch das Glück, daß ich leben durfte auf Erden zur Zeit, da du lebst, und du hast mich unselig gemacht, weil ich nicht mit dir leben kann als dein opfernder Gläubiger, du letzte Göttin unseres sterbenden Volkes. Du willst die Macht der Liebe nicht anerkennen, Herrin, die du alles sonst kennst. Stelle mich auf die Probe! Befiehl mir, und ich will für dein Haus Steine tragen wie der letzte Sklave. Befiehl mir, für dich zu sterben, und ohne Klage will ich unter die Erde sinken und mein letzter Seufzer soll ein Dank sein für deine Gnade!«

Langsam zog sich der Marabu mit seitlichen Schritten bis in einen Winkel der Stube zurück und verzog den Schnabel, als müßte etwas wie menschliches Gelächter hervorbrechen.

»Stehen Sie auf,« sagte Hypatia, »sonst verlasse ich das Zimmer. Setzen Sie sich und lassen Sie uns vernünftig reden. Aber, mein lieber Synesios, was soll denn das? Sie sind kein Grieche! Lesen Sie, was die kynischen Philosophen über das Gefühl der Liebe geschrieben haben und Sie werden sich Ihrer Tränen schämen.«

»So kennen Sie die Liebe nicht, Hypatia?«

Mit einem Flügelschlage schwang sich der Marabu an die Seite seiner Herrin. Sie trommelte mit den Fingern auf seinen ungeschlachten Kopf und sagte mit harter Stimme:

»Nein! Ich kenne die Naturgeschichte.«

»Hypatia,« flehte Synesios, »wenn es ungriechisch ist, daß die Liebessehnsucht mich verzehrt, bis ich sterben werde an meiner Liebe, wie man es erzählt von den Arabern drüben in Yemen, so nennen Sie mich meinetwegen einen Juden oder einen Christen, aber erhören Sie mich. Leben Sie an meiner Seite in Ihrer Herrlichkeit und dulden Sie mich nur neben sich, als Ihren Freund. Folgen Sie mir! Noch hat kein Bischof und kein Beamter die Heimat meiner Beduinen anzurühren gewagt. Als ein kleiner Fürst herrsche ich von den Klippen, wo die ewigen Wellen branden, bis zum Rande der Wüste. Erst wo das Reich des libyschen Löwen beginnt, erst dort endet mein Reich. An die hundert Dörfer mit guten arbeitsamen Menschen sind mein und gehorchen meinem Wink. In der Stadt Kyrene steht mein Schlößchen und dort warten unzählige Diener des Herrn. Das Haus ist Ihrer nicht würdig. Aber als ob ein gütiger Gott uns die Zukunft hätte ahnen lassen, so haben wir dort Schätze der Bildung und der Kunst aufgehäuft, wie Sie sie kaum in dem versteckten afrikanischen Neste vermuten würden. Folgen Sie mir dorthin. Hier sind Sie von offenen und geheimen Feinden umgeben. Kampf ist Ihr Los und niemals blüht Ihnen friedliche Arbeit. Bei mir in Kyrene sollen Sie ungestört denken und unsterbliche Bücher schreiben. Folgen Sie mir, und eine Barke, so glänzend wie die Barke der Kleopatra war, als sie sich herbeiließ, dem Herrn Roms entgegenzusegeln, ein solches Schiff soll Sie nach Kyrene hinüberbringen, und noch nach Jahrhunderten soll man erzählen, was Synesios von Kyrene erfand, um den Neid der Mitwelt zu erwecken, den Neid darüber, daß es ihm gelang, das erste Weib der Welt zu erringen.«

Wie im Traum saß Hypatia da; umsonst schlug der Marabu mit seinem Schnabel gegen ihre Knie. Wie im Traum sagte sie: »Ich möchte bleiben, was ich bin, und wenn ich mich entschließen könnte, Ihnen zu folgen, so müßte ich an Ihrer Seite bleiben können, was ich bin. Nie, niemals dürften Sie von mir verlangen, was ...«

Synesios sprang auf.

»Herrin! Göttin! Fordere, was du willst! Nenne dich meine Gattin und keine Bedingung soll mir zu schwer sein, wenn ich damit deine Nähe erkaufen kann!«

Da wachte Hypatia auf. Leise zog durch ihr Herz ein seltsames Gefühl und ebenso leise trat auf ihre Lippen ein seltsames Lächeln. Wie so ganz anders als Wolff war doch dieser Synesios. Wie erkannte er die Rechte des selbständigen Weibes an, wie demütig wollte er sich mit der geistigen Gemeinschaft begnügen. Wie dankbar mußte sie ihm sein. Wenn sie seine Werbung annahm, dann hatte sie neben dem Marabu einen Menschen zum Freund; und einen hübschen, edlen, vornehmen Menschen, einen Genossen. Sie schlug beide Hände vors Gesicht und wußte nicht, warum ihr bei diesen dankbaren Gefühlen die Augen heiß wurden.

Da erscholl Lärm auf der Treppe, man hörte die Stimme der Fellachin, dann ihr Schelten und einen Schrei, und plötzlich stand Wolff im Zimmer.

»Du kommst wohl vom Frühschoppen?« sagte Synesios heftig. Wolffs Gesicht war gerötet, seine Augen waren dunkel gefärbt; man sah es ihm an, er hatte Mühe, seine Fassung zu bewahren. Im Gürtel steckten ihm zwei lange Dolche und der schwere Säbel hing ihm an der Seite.

»Einerlei, ob ich aus der Kneipe komme oder aus den Grüften. Was ich bringe, ist der Kampf. Spürst du nicht den Blutgeruch, Synesios, du zahmer Jäger? Der Bischof will zum Schlage ausholen gegen uns, die echten Christen, aber auch gegen Sie, Hypatia. Wieder sind zwei von uns zu Tode gefoltert worden. Sie haben nichts verraten. Richtig, das geht Sie ja nichts an, für Sie sind ja alle Christen gleich. Nun, Kyrillos wiederum hält alle Ketzer für gleich, ob sie Griechen oder Christen sind. Und so hat ein alter Blutmensch von Priestern den Auftrag bekommen, die Ketzerin Hypatia in die Gewalt des Erzbischofs zu bringen, vor sein Gericht. Der Mann hat abgelehnt, denn er ist mein guter Freund. Ein zweiter hat heute nacht hier einzudringen versucht. Nun, er wird nicht mehr erzählen können, wer ihn stumm gemacht hat. Ein dritter wird sich vorläufig nicht finden, denn Ihre Leibwache, Hypatia, ist in Kriegsbereitschaft. Blicken Sie hinaus!«

Hypatia trat ans Fenster, bleich und verwirrt. Sie lächelte aber doch wieder, als ihre dreißig Wächter bei ihrem Anblick ihr zuriefen. Mit mühsamer Fassung trat sie ins Zimmer zurück und sagte zu Wolff:

»Da muß ich Ihnen wohl danken. Aber Ihre Besorgnisse sind übertrieben. Ich fühle mich frei von Schuld und kann mich überdies auf den Schutz des Statthalters verlassen. Orestes wird mich nicht verraten.«

»Der Statthalter ist ohnmächtig gegen diesen Bischof. Er hat nicht die Macht, Sie wieder lebendig zu machen. Solche Wunder wirkt nur die Kirche. Und nicht einmal lebendig kann er Sie dem Erzbischof entreißen, wenn der Sie erst einmal vor das Gericht seiner Teufelsbanner gebracht hat. So steht es um uns, Hypatia. Stellen Sie sich in unseren Schutz, in den Schutz der echten Christen. Ich kann Ihnen nicht verbürgen, daß wir siegen. Aber Sie stehen allein, wir sind eine tapfere Schar. Und solange einer von uns am Leben bleibt, solange soll kein Haar auf Ihrem Haupte gekrümmt werden, Hypatia. Wir sind entschlossen, für unseren Heiland zu kämpfen und, wenn es sein muß, zu sterben. Wer uns vertraut, der ist in guter Hut.«

Hypatia hatte kaum auf die anderen Mitteilungen Wolffs gehört. Hastig erwiderte sie nur auf eins:

»Ich wußte nicht, daß Sie ein so frommer Christ sind, Wolff. Ich habe mir sagen lassen, daß die echten Christen die Dinge dieser Welt verachten, ihre Heimat vergessen, den Weingenuß verschmähen und über Weibesliebe erhaben sind. Ei, ei, Herr Wolff, Sie halten für einen Christen ein wenig zu fest an den Sitten und Gewohnheiten Ihres barbarischen und ganz heidnischen Stammlandes. Sie opfern dem Gott Bacchos, wie man mir sagt, etwas zu häufig. Und wenn ich einem Gerüchte glauben soll, so hängen Sie auch am Weibe, wie ein frommer Christ niemals sollte, denn um des Weibes willen vergessen Sie alles, sogar die Ehrfurcht. Wollen Sie wirklich, Sie Christ, der Sie die Aufhebung aller Sklaverei predigen, die Hälfte der Menschen, uns Weiber, zu Ihren Sklavinnen machen?«

Wolff war unter diesen Reden bis an den Schreibtisch Hypatias herangetreten. Er schlug mit geballter Faust auf die Papiere, daß die Feder herunterflog, und rief:

»So wahr Gott lebt, ich bin ein Christ, ein deutscher Christ. Was Sie da von Wein, Weib und Heimat sagen, das scheint mir töricht. Froh lebt in meiner Seele der Glaube an meinen Heiland. Er hat mich in die Welt gesetzt, nicht um viehisch zu genießen, aber auch nicht um mönchisch zu jammern und zu faulenzen. Ich bin da auf Erden, ich weiß nicht, nach welchem Ratschluß, um mir mein bißchen Leben als ein ordentlicher Kerl zu erkämpfen. Ich liebe die Berge meiner Heimat und wünsche, daß mein Heiland dort noch einmal lichter thronen möge als hier in eurem sonnverbrannten Ägypterloch. An meine Heimat und an meinen Heiland kann ich froh zusammendenken, und es lacht mir das Herz dabei. Und wenn ich was Ordentliches geschafft habe im Kampfe mit der dummen Erdenwelt und spüle mir den Ärger mit einem Krug Griechenwein hinunter, so danke ich meinem Schöpfer für die Gabe und lache dazu und weiß, daß es nichts Unrechtes ist. Und wenn mein Herr und Heiland mich das Weib hätte erringen lassen, das mir das Liebste auf Erden ist, so hätte ich dessen Küsse eingesogen wie einen Krug Griechenwein und hätte gewußt, auch das war mir auf Erden gegönnt wie ein Kranz dem Kämpfer. Und ich glaube, daß nach meinem Tode mein Herr und Heiland sich meiner erbarmen und mir gnädig sein wird und mich trotz aller meiner Dummheiten aufnehmen wird in sein Himmelreich. Amen! Das heißt: ob's in Wirklichkeit sich so verhält oder nicht, gilt mir gleich; nur werde ich dafür leben und sterben. Hypatia, wenn Sie mich darum einen frommen Christen schelten wollen und mich um meines Glaubens willen auf eine Stufe setzen mit bösen, habgierigen Bischöfen und verrückten Mönchen, so bedaure ich Sie. Aber schützen will ich Sie doch ...«

»Das Patenkind des Kaisers Julianos darf nicht den Schutz von Christen begehren. Sie wissen, wie mein hoher Pate über den Zimmermannssohn gedacht hat.«

»Lassen Sie den Kaiser aus dem Spiel!«

»Christen haben ihn ermordet, Ihre Freunde.«

»Und wenn mein Vater ihn ermordet hätte, ich müßte sein Patenkind dennoch lieben und schützen ...«

Hypatia atmete schwer. Sie blickte nach der Tür. Wolff aber trat vor, als wollte er sich ihrer mit Gewalt bemächtigen.

Synesios, der während des ganzen leidenschaftlichen Gesprächs ein stummer Zuhörer gewesen war, sagte jetzt mit zögernder Stimme:

»Wolff, hast du unseren Schwur vergessen?«

»Ich gehe,« sagte Wolff nach kurzer Pause. »Aber ich rate Ihnen, mein verehrtes Fräulein, sich anstatt dieses heiligen Vogels – dem ich mit meinem Daumen den verdrehten Schädel einschlage, wenn er mich noch einmal so hämisch von der Seite ansieht –, ja, also schaffen Sie sich doch statt dieses dünnbeinigen Ägypters einen guten gotischen Wächterhund an. Es könnte vielleicht nötig werden. Leben Sie wohl, und wenn Sie vom Kaiser Julianos nichts geerbt haben als seine Weisheit, so gnade Ihnen Gott.«

Kaum hatte Wolff die Tür hinter sich geschlossen, als Hypatia mit großen Schritten auf Synesios zuging; der reichte ihr mit seinem kurzen Kraushaar gerade bis zur Stirn.

»Ich nehme Ihre Werbung an. Ich will mich Ihnen anverloben. Nicht heute, ich weiß noch nicht, irgendwann. Erst habe ich das Erbe des Kaisers zu verwalten, den Kampf mit diesen Christen. Und ist der Kaiser gerächt, so will ich Ruhe suchen bei Ihnen und Ihren Büchern, zwischen Meer und Wüste, und nicht bei den Mördern des Kaisers Julianos.«

»Hypatia, mein Weib!«

»Ich bin kein Weib. Ich will kein Weib sein.«

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.