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Fritz Mauthner: Hypatia - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
titleHypatia
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070921
projectid1b33daed
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13. Der Ausgang

Mit ehrlichem Abscheu vor den Mördern haben uns fromme Kirchenväter alles berichtet, was sich bei der Ermordung Hypatias auf offener Straße zutrug. Aber nicht alles ist uns bekannt von den unmittelbaren Folgen dieses Ereignisses, wenig von den Schicksalen der übrigen Freunde der Philosophin.

Wir wissen nur, daß die Akademie bis zum Beginn des nächsten Wintersemesters in eine christliche Hochschule umgewandelt und unter die Oberaufsicht des Erzbischofs gestellt wurde. Von den griechischen Lehrern meldeten sich zwei, der Mathematiker und der Anatom, zur Taufe.

Der Spezialphilologe für homerische Studien nahm eine Berufung nach Konstantinopel an, wo man ihm völlige Religionsfreiheit zusicherte; er wurde aber doch nach kurzer Zeit ebenfalls Christ. Zwei junge Philosophen, Schüler der Hypatia, wurden von den Mönchen am Leben bedroht und wanderten deshalb nach Indien aus. Sie nahmen die Bücher und Schriften Hypatias an sich, und es scheint, als ob diese Griechen dort die Religion des Buddha angenommen und dafür den Indiern in ihrer Sprache einiges von Hypatia erzählt hätten.

Jede geistige Beschäftigung mit der alten Literatur und mit den alten Religionsbüchern war in Alexandria vernichtet, und nur unter dem Pöbel erhielt sich neben den Formen des neuen Glaubens hier und da die Andacht zu den ewigen olympischen Göttern.

Am reichsten sind unsere Quellen über den Ausgang des Synesios.

Als er Hypatia und seine Freunde verlassen hatte, war binnen wenigen Minuten das Palais des Patriarchen erreicht. Synesios beachtete es nicht, daß das ganze Haus von Menschen wimmelte, von Mönchen, Einsiedlern und Soldaten, wie das Haus des Kommandanten einer belagerten Festung. Er mußte in einem der Vorzimmer warten, und niemand schien ihn zu beachten. Da trat der aufmerksame Hierax an ihn heran und fragte nach seinem Anliegen. Synesios nannte seinen Namen, berief sich auf seine Familie und berichtete in wohlgesetzter Rede, daß er Alexandria binnen weniger Stunden zu verlassen gedenke und seine Braut Hypatia mit sich fortzuführen, daß er die Klugheit und Güte des Erzbischofs zugunsten der Philosophin angehen wolle.

Hierax blickte den jungen Mann fast erschrocken an und doch wieder etwas spöttisch. Aber Synesios wurde sofort in das Arbeitszimmer des Erzbischofs geführt und blieb dort mit dem mächtigen Manne allein. Der Kirchenfürst saß im Hausanzug mit dem Rücken gegen das große Bogenfenster in einem Fauteuil und ließ den hübschen, schwarzen Burschen freundlich vor sich stehen.

»Sie sind ein Jude?« waren seine ersten Worte.

Synesios beeilte sich der Wahrheit gemäß und ausführlich zu erzählen, daß er von Arabern abstamme, der Sohn des reichsten Hauses der Pentapolis sei und sich in Athen der Studien beflissen habe. Der Erzbischof stellte immer neue Fragen, und so verging eine starke Viertelstunde, bevor Synesios mit der Vorstellung seiner eigenen Person zu Ende war. Dann entstand eine Pause. Aus der Ferne hörte man den Gesang frommer Mönche hereintönen. Kyrillos lächelte und lauschte wohlwollend. Dann ließ er den Gast niedersitzen und fragte ihn nach der Absicht seines Besuches. Synesios wiederholte mit einigen seinen Schmeicheleien für die Macht der Kirche sein Sprüchlein und bat um den Schutz des hochwürdigen Herrn für die kurze Zeit, die Hypatia noch in der Alexanderstadt verbringen wollte.

Kyrillos dankte für das Vertrauen, das ihm auch von Andersgläubigen geschenkt würde. Er hätte selbstverständlich mit den Hetzereien gegen die gelehrte junge Dame nicht das mindeste zu tun, wollte aber trotzdem Befehl erteilen, daß fortan der Name Hypatia von den Kanzeln nicht mehr genannt würde.

»Als ob sie tot wäre,« und er zeigte lächelnd seine großen Zähne.

Schon dreimal während dieser Audienz waren jüngere Geistliche hereingekommen und hatten dem Erzbischof eine Meldung zugeflüstert oder ein Blatt Papier mit einer Notiz gebracht. Jedesmal hatte Synesios geglaubt daß er entlassen sei. Jetzt trat Hierax rasch herein, so daß Synesios unwillkürlich aufstand.»Es leuchtete etwas in den Augen des Erzbischofs Kyrillos auf. Aber er schien die Mitteilung seines Faktotums gar nicht nötig zu haben. Nicht unfreundlich, aber abbrechend sagte er:

»Sie stürzen ja herein, lieber Hierax, als ob Sie einen Bischofssitz sicher hätten. Es ist gut.«

Und in seinen Sessel zurückgelehnt, knüpfte der Erzbischof an seine eigenen Worte an und plauderte mit dem jungen Manne wie mit einem alten Freunde und Religionsgenossen über die Sorgen seines Amtes. So ein Emporkömmling wie der kluge Hierax sei in einer hohen Stelle nur für Einsiedler und solche Leute brauchbar. Wo eine gebildete städtische Bevölkerung zu leiten wäre, da hätte man vornehme und studierte Leute nötig, die aber leider noch so selten einsähen, welche Karriere ihnen der Dienst der Kirche eröffnete. Heilige Männer wie Augustinus und schon Tertullianus hätten aber doch jetzt dieselbe Bedeutung für die Geister, wie einst etwa der geniale Platon, den Kyrillos wahrhaft liebte, für die griechische Welt sie gehabt. Der heilige Mann Ambrosius in Mailand sei sogar über die Stufen der Kirche so hoch gestiegen, daß er den Kaiser selbst und damit die Welt beherrschte. Kyrillos wollte natürlich keine Proselyten machen. Es sei aber ein Jammer, daß so hoch geborene, an Körper und Geist so ausgezeichnete Jünglinge, wie Herr Synesios, abseits ständen und ihre Zeit nicht begriffen. Herr Synesios sei durch seine Geburt berufen, der Fürst seiner Landschaft zu werden, dort von der großen Syrte bis zur Wüste uneingeschränkt zu herrschen. Unter den gegenwärtigen Zeitläuften würde er aber nur nach der Pfeife irgendeines diebischen kaiserlichen Beamten tanzen müssen. Ein Anschluß an die allmächtige Kirche erst würde ihn zum wirklichen Herrn der Provinz machen. Der junge Gelehrte stelle sich wie alle seinesgleichen die Kirche falsch vor. Man sei wohl streng, streng in Sitte und Dogma, gegen den Pöbel, aber mit einer geistigen Größe würde man Kompromisse zu schließen wissen.

Synesios war von der weltmännischen Art des Kirchenfürsten entzückt. Er glaubte sich jetzt empfehlen zu müssen und sprach seinen innigsten Dank für die Gesinnungen aus, die man an so hoher Stelle hege.

»Sie werden wahrscheinlich Ihre Abreise noch mehr beschleunigen, als Sie wollten,« sagte Kyrillos ebenfalls aufstehend. »Ich habe eine traurige Pflicht zu erfüllen. Ich weiß, daß Sie mit einigen anderen jungen Leuten, lauter Gegnern meiner Kirche, in genauer Freundschaft leben. Es wurde mir eben gemeldet, daß diese Herren in einem unserer unseligen Pöbelaufstände verwundet oder gar gemordet worden sind.«

Synesios öffnete den Mund, aber er konnte nicht sprechen. Seine Knie zitterten.

»Wie ich höre, haben sich diese jungen Leute zu Verteidigern der jungen Gelehrten aufgeworfen, über die wir vorhin gesprochen haben. Auch Ihre Bitte und mein Versprechen sind leider gegenstandslos geworden. Der große Hörsaal Hypatias wird von heute ab leerstehen. Hypatia ist tot.«

Immer weiter hatte sich Synesios mit seinem Oberkörper vorgebeugt, jetzt machte er eine unsichere Bewegung mit der rechten Hand und fiel stumm und ohnmächtig auf den weichen Teppich nieder.

Nicht so gut sind wir darüber unterrichtet, wie der verwundete Statthalter die blutige Tat der Mönche und Anachoreten aufnahm. Er muß sich wohl zu einer ungewohnten Tatkraft aufgerafft haben. Er ließ sofort einige heilige Männer aufknüpfen und schlug einen kleinen Aufstand mit Hilfe seines Garderegiments blutig nieder. Aber der Widerstand der Christen mag unter Führung der Geistlichen und des Erzbischofs ein zäher gewesen sein, denn fünf Tage nach Hypatias Ermordung bestieg Orestes ein Schiff, um in Eile Konstantinopel zu erreichen und dort persönlich seine Sache zu führen. Wir erfahren, daß wenige Stunden nach der Abfahrt der Statthalterbarke auch schon der Erzbischof seine Jacht segelfertig machen ließ, um dem Beamten zuvorzukommen.

Über einen wichtigen Umstand dieser Reise sind wir durch die erhaltenen Briefe eines fliehenden jüdischen Arztes gut unterrichtet, der damals auf der Barke des Orestes als gemeiner Ruderknecht sein Brot verdiente. In der Dardanellenstraße, dort wo sie sich weit nach dem Marmarameer öffnet, wurde die Barke eines Freitagmorgens von der Jacht des Erzbischofs überholt. Der Statthalter wußte, wieviel davon abhing, wer von beiden Gegnern dem Hofe die erste Nachricht aus Alexandria brachte. Er hoffte nichts mehr, wenn Kyrillos einige Stunden Zeit hatte, die einflußreichsten Persönlichkeiten gegen ihn einzunehmen. Glücklicherweise trat im Laufe des Vormittags vollkommene Stille ein, und dann ging der Wind langsam nach Norden über, so daß die Jacht ihren Vorteil nicht ausnutzen konnte. Die Barke des Statthalters war mit neunzig Ruderknechten besetzt, und die arbeiteten, von Drohungen, Schlägen und Geldversprechungen angespornt, so wacker, daß im Laufe des Nachmittags die Jacht wieder erreicht und bald zurückgelassen war. Gegen Abend hoffte der Statthalter in diesem Wettlauf bestimmt Sieger zu bleiben, denn die Jacht hatte nur wenige Ruder, und der schwache Wind blieb nördlich. Da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Der Kapitän der Barke hatte nicht darauf geachtet, daß etwa zwei Drittel der Ruderknechte unter den Juden angeworben waren, die im Laufe der letzten Wochen Heimat und alles verloren hatten und die den gemeinsten Dienst nicht verschmähten, um fliehen und wieder eine geringe Summe zum Leben in die Hand bekommen zu können. Als nun die ersten drei Sterne am Himmel sichtbar wurden, zogen diese Juden plötzlich, und alle auf einmal, die Ruder ein und weigerten sich, an ihrem Sabbat, der von Sonnenuntergang bis Sonnenuntergang währte, irgendeine Arbeit zu tun. Das Gesetz Moses verbiete es ihnen.

Umsonst schlug der Kapitän mit der Peitsche unter sie, umsonst lockten sie die Offiziere mit hohen Belohnungen, umsonst hielt endlich der Statthalter selbst eine Ansprache an sie. Gott könne es sicherlich nicht übel nehmen, wenn eines seiner Zeremonialgebote in der Not übertreten werde. Wenn die Juden jetzt zu rudern aufhörten, so würde kein anderer als Kyrillos, der Feind Jehovas und der Mörder so vieler alexandrinischen Juden, den Vorteil davon haben. Das könne Gott nicht wollen.

Aber die Juden stimmten ihre Gebete an und ließen sich weder durch Schläge, noch durch Geld, noch durch Reden darin stören.

Die Nacht brach herein und die Barke mußte vor Anker gelegt werden. Denn das zur Arbeit übrig gebliebene Häuflein der Ruderknechte war endlich übermüdet und mußte ruhen.

Als Orestes am Samstag Nachmittag endlich im Hafen von Konstantinopel eintraf, erfuhr er sofort, daß Kyrillos seit dem Morgen in der Stadt wäre.

Man hatte in Konstantinopel kein Ohr für die Beschwerden des ägyptischen Statthalters. Er erfuhr Schreckenskunden und mußte sich selbst sagen, daß der Tod Hypatias, der ihm persönlich ein so schweres Weh zugefügt hatte, die Machthaber kälter lassen mußte, die das tausendjährige römische Reich zusammenstürzen sahen. Die deutschen Barbaren hatten Rom geplündert und der Kaiser in Konstantinopel mußte mit diesen Wilden unterhandeln und schöntun, wenn er in seinem Palaste ungekränkt wohnen wollte. Hier erst fühlte Orestes, wie die Mauern des alten Reichsgebäudes krachten und klafften und wie es zu Ende ging mit der Weltherrschaft Roms. Eine neue Zeit brach herein. In dem Gotteshause, in welchem er als Knabe Bildsäulen schönheitsfroher Götter bewundert hatte, blickte über dem Hochaltar ein finsterer Weltrichter von der goldenen Wand herunter. Der Hof verstand den Beamten nicht, der von Pflichten und vom ewigen Reichsgedanken sprach. Aufschub wollte man, Aufschub für den Zusammenbruch und Aufschub für jeden Entschluß. Niemand schien mehr zuverlässig, kein Soldat und kein Offizier, kein Schreiber und kein Minister. Nur die ungeheure Organisation der Kirche erklärte sich bereit, den Herren und Frauen des Hofes ihren ruhigen Schlaf und ihre Feste zu sichern. Die ungeheure Organisation der Kirche hielt die freigewordenen Völker des Weltreichs allein im Zaume; es war die einzige Macht, die übriggeblieben war. Und da war es ein Glück zu nennen, daß nicht ein Mann allein an der Spitze der Kirche stand, denn ein oberster Bischof hätte den Kaiser vollends zu seinem Knechte gemacht. Noch aber kämpften die Bischöfe um den Vorrang, noch brauchten sie den Schatten des Kaisers, um ihre Vorrechte zu begründen, und so konnte der Hof noch mit ihnen unterhandeln.

Auch Kyrillos war heute zu brauchen. Was wollte denn der pedantische Orestes mit seinen langweiligen Klagen um ein ermordetes Frauenzimmer? Sie war die erste nicht. Es sei Hypatia gewesen, das Patenkind des Kaisers Julianos, die große Philosophin? Der Kaiser habe jüngst die schönste Tänzerin von Konstantinopel opfern müssen, abreisen lassen müssen nach Antiochia, einer Bischofsintrige wegen, und da kam man mit der Philosophen von Alexandria, die gewiß mit der Tänzerin keinen Vergleich aushielt.

Orestes wollte Rache für Hypatia. Wochenlang blieb er in Konstantinopel und hatte Besprechungen mit den Häuptern der Patrizierhäuser, und es gelang ihm, unter ihnen ein Fünkchen des alten Römerbewußtseins zu schüren. Noch empfand man es da und dort als eine Schmach, daß Weiber und Pfaffen das Reich regierten.

Schon hatten sich die angesehensten dieser Männer Zutritt zum Palast verschafft, schon hatte man einen jungen Prinzen gewonnen, der an der Spitze der täglich wachsenden Patriotenpartei die Regierung stürzen und unter dem alten Feldgeschrei »Rom« den Entscheidungskampf mit den Deutschen aufnehmen wollte, da machten neue Schreckensnachrichten der Hoffnung ein Ende. In Frankreich waren die Deutschen siegreich und in Spanien. Ungeheure Scharen von ihnen rüsteten sich zur Wikingerfahrt nach Karthago und zu einem neuen Eroberungszug nach Italien. Rom brach zusammen und die Asche Hypatias war noch nicht bestattet.

Da nahm Orestes müde seinen Abschied. Den alten Beamten zu halten, erließ der Hof einige Verordnungen gegen die Willkür des Erzbischofs Kyrillos. Die christlichen Vereine von Alexandria sollten unter polizeiliche Aufsicht gestellt werden. Den Mönchen und Einsiedlern wurde verboten, ihre Klöster und Hütten zu verlassen. Die Regimenter von Alexandria sollten in Asien verwendet und dem Statthalter deutsche, besser disziplinierte Truppen zur Verfügung gestellt werden. Orestes ließ sich nicht mehr verlocken. Er bestand auf seiner Entlassung und kehrte dann für wenige Tage nach seiner Hauptstadt zurück.

Ägyptische Diener der Akademie hatten es versucht, die Asche der Märtyrerin zu sammeln. Ein kleines Häuflein nur fand Orestes in einer schlechten Urne. Und niemand konnte wissen, wie viel Asche von dem jungen Deutschen und wie viel von dem tapferen Marabu beigemengt war. Mit trübem Lächeln befahl Orestes, was übrig war, in einer prachtvollen Vase von Jaspis zu bergen. Die Vase nahm er mit auf seine Fahrt.

Auf der Insel Zypern verbrachte er seine letzten Jahre. Ungebeugten Hauptes ging er oft in der schönsten und stillsten Anlage seines Parks spazieren. Zwischen hohen Myrtenbäumen und blühenden Rosen standen da, leuchtend im freien Sonnenlicht, die letzten Bildsäulen der alten Götter. Hierher kam kein Barbar und kein Pfaffe, um zu zerstören. Aphrodite, nackt bis zum Gürtel, hielt den goldenen Schild des Ares mit kaltem Stolz als Spiegel vor die Augen, und Apollon, der Fernhintreffende, sandte ewig seinen Pfeil vom Bogen den Feinden der Sonne ins Angesicht. Und zwischen den Statuen in einem niederen Myrtengebüsch, von dichten Lorbeerhecken überragt, stand auf einem Sockel von schwarzem Marmor die Vase von Jaspis.

Noch mehr wissen unsere Quellen von Synesios zu erzählen. Er genas erst nach vielen Wochen von einer schweren Krankheit. Er sah blaß und interessant aus, als seine Verwandten ihn zu Beginn der heißesten Jahreszeit nach Kyrene heimbrachten. Alt und jung bemühte sich dort, den trüben Sinn des armen Gelehrten aufzuheitern. Es gelang ihnen nicht. Ein volles Jahr trauerte Synesios um seine tote Braut. Er rührte keines seiner Bücher an und verzichtete auf jeden geistigen Verkehr mit Alexandria und Athen. Nur aus Langeweile trieb er die Jagd und erholte ein wenig seinen Körper. Er schrieb auch ein langes Gedicht über die Freuden der Jagd. Aber in seiner Trauerzeit ließ er es keinen Menschen lesen. Erst nach Ablauf eines Jahres sandte er einige hübsche Abschriften an würdige Universitätsfreunde. Freilich mußte er sich jetzt an christliche Gelehrte und Literaten halten, denn es gab keinen hervorragenden Mann mehr, keinen Schöngeist und keinen einflußreichen Kritiker, der noch zu den alten Göttern des Olymps geschworen hätte.

So wurde die Verbindung zwischen Synesios und dem christlichen Alexandria wiederhergestellt, und bald hatte die Briefpost zwischen der Pentapolis und der Alexanderstadt viel zu tun. Kyrillos selbst lobte in schmeichelhaften Schreiben das Jagdgedicht seines jungen Freundes, und die Dozenten der Akademie begannen mit ihm einen philosophischen Briefwechsel über die höhere Auffassung der Lehren des Christentums. Es stellte sich bald heraus, daß die gelehrten Zeitgenossen in ihren Anschauungen gar nicht so weit auseinandergingen, wie die Verschiedenheit des Glaubens fürchten lassen konnte. Man gehörte ja nicht zum Pöbel. Synesios bemühte sich mit großem Eifer und, wie es schien, mit vollem Erfolge, den Nachweis zu führen, daß die neuplatonische Philosophie, insonderheit das System seiner unvergeßlichen Lehrerin und Seelenfreundin Hypatia, dem Dogma des Christentums ganz und gar nicht widerspreche. Als die ersten Andeutungen dieser Art in Alexandria Beifall fanden, versenkte sich Synesios immer tiefer in eine geistreiche Ausgleichung von Heidentum und Christentum. Man nannte ihn, zu seinem großen Stolze, einmal den letzten griechischen Philosophen, der zugleich der erste christliche wäre. Synesios kam im Laufe der Jahre einigemal nach der Alexanderstadt, um seine Ausarbeitungen selbst im Kreise der Akademie vorzulesen. Die Erinnerung an den Schreckenstag umgab ihn als ein süßer melancholischer Reiz. Seine Vorlesungen hatten namentlich von seiten der gebildeten jungen Damen großen Zulauf. Aber er ließ sich in der Hauptstadt nicht halten. Sie machte ihn offenbar unsicher. Ohne Veranlassung begannen ihm oft plötzlich die Knie zu zittern, und er mußte dann jedesmal sofort abreisen, um seine Gesundheit wiederherzustellen. Furcht konnte man das wohl nicht nennen, gewiß nicht bei einem so unermüdlichen Jäger.

Als seine Volkstümlichkeit in Alexandria wuchs, half er sich damit, daß er auf seine geistreichen Briefe noch mehr Sorgfalt verwandte als bisher und sie vervielfältigt an Freunde und Verehrer verteilen ließ.

Die philosophische Beschäftigung mit Glaubensfragen führte ihn auch innerlich dem Christentum immer näher. Er verfaßte viele psalmartige Gedichte, in welchen sehr witzig der Eigenname der Gottheit vermieden war, so daß diese Kirchenlieder ohne Sünde von frommen Christen gesungen werden konnten, und Synesios doch, wenn er sie vorlas, an Zeus, Kybele, Dionysos und andere olympische Herrscher denken konnte. Seine Duldsamkeit gegen Andersgläubige wurde schließlich so groß, daß er in Kyrene aus eigenen Mitteln eine kleine christliche Kirche baute.

Kurz nach dieser Handlung, etwa sieben Jahre nach dem Tode Hypatias, kam er wieder nach Alexandria und hatte da eine lange Unterredung mit dem Patriarchen Kyrillos. Der Kirchenfürst schlug ihm einfach vor, Bischof der Landschaft Pentapolis zu werden. Man sei in Konstantinopel, das nach der Vernichtung Italiens doch das alleinige Haupt der Welt sei, auf den geistreichen Philosophen von Kyrene aufmerksam geworden und wünsche ihm eine glänzende Laufbahn. Natürlich müßte Synesios vorher Christ werden. Aber Kyrillos sei kein alberner Mönch und werde es bei einem so hohen Geiste mit dem Glaubensbekenntnisse nicht gar zu genau nehmen, über das Wesentliche sei man ja einig. Auch müßte die Pentapolis wenigstens für einige Jahre einen reichen und mächtigen, einen einheimischen geistlichen Hirten haben. Kirchen und Kapellen seien zu bauen und die Klöster gegen die Übergriffe der Beamtenwirtschaft zu schützen. Ein anderer als Synesios sei für diesen Posten gar nicht vorhanden. Ein besserer wäre nicht möglich.

Was Kyrillos da von den ökonomischen Verhältnissen der Provinz sprach, war alles richtig. Synesios erbat sich Bedenkzeit und ließ sich einige Wochen lang vom Erzbischof und von den Damen der Stadt bestürmen, das Christentum anzunehmen. Endlich willigte er ein und empfing in der Kathedrale von Alexandria das Sakrament der Taufe.

An demselben Tage wurde er zum Bischof der Pentapolis geweiht. Synesios stellte einige feierliche Bedingungen. Unter anderem sollte er das Recht haben, frei zu denken, was er wollte, wenn er auch die Verordnungen des Metropoliten blindlings von der Kanzel veröffentlichen mußte. Das freie Denken wurde ihm gegen das Versprechen eines Kirchenbaus in Arsinoe gewährt.

So kehrte Synesios als Bischof in die Pentapolis zurück. Von der Bevölkerung wurde das Ereignis mit großer Freude begrüßt, denn Synesios war ein guter und leutseliger Herr. Die Erwartungen, welche man an seine Person knüpfte, wurden freilich nur unvollkommen erfüllt. Er zeigte sich dem Patriarchen gegenüber nicht so unabhängig, wie die Freisinnigkeit seiner offenen Briefe hatte hoffen lassen, und trat gegen die diebische Beamtenschaft nur dann auf, wenn die Verhältnisse es ungefährlich machten und der Erzbischof von Alexandria ihn dazu mahnte. Immerhin hatten es Städte und Klöster leicht unter seinem Stab, und in einem entscheidenden Augenblick gelang es dem Bischof sogar, die Absetzung eines Staatsbeamten durchzusetzen, der gegen schlechte Steuerzahler Zwangsmittel anzuwenden liebte.

So schien Synesios für seine Provinz unersetzlich, und von einer Berufung nach der Hauptstadt war am Ende nicht mehr die Rede. Anfangs hatte der Bischof in seiner tastenden Weise ab und zu angefragt, wie es darum stehe. Dann schwieg er gekränkt und ergab sich endlich zufrieden in sein Schicksal. Als er etwa fünfzig Jahre alt war, starb, von der ganzen Kirche betrauert, sein Gönner Kyrillos, und Synesios dachte gar nicht mehr daran, etwas anderes zu werden, als was er war: der vielgeliebte Oberhirte der Pentapolis, zugleich der geistreichste christliche Bischof und der letzte griechische Philosoph. Er führte in Kyrene einen fürstlichen Hausstand, und Freunde aus der Alexanderstadt sorgten durch ihre Besuche dafür, daß er nicht, wie er sich gern ausdrückte, an Geist und Sitten verbauerte. Je älter er wurde, desto höher stieg sein Ansehen, und aus den letzten Jahren seines Amtes wird uns sogar ein Wunder glaubhaft überliefert.

In Arsinoe, nur zwei Meilen von Kyrene entfernt, lebte ein wohlhabender Schiffsreeder, Euagrios mit Namen, der dem Bischof Synesios von der athenischen Studienzeit her aufrichtig befreundet war. Aber der Reeder war und blieb ein blinder Heide und zeigte sogar für allerlei abergläubische Gebräuche eine große Leidenschaft. So oft eines seiner Schiffe auslief, brachte er heimlich dem Gott Poseidon seine Opfer und was solcher törichten Dinge mehr waren. Der Bischof Synesios, der sonst in der Propaganda nicht eben der eifrigste war, schien es als seine Lebensaufgabe zu betrachten, den alten Schiffsreeder zu bekehren, sei es, daß er den Jugendfreund so innig liebte, sei es, daß er dessen Spott über seinen eigenen Abfall zu schmerzlich empfand. Euagrios ging auf solche Religionsgespräche bei jeder Zusammenkunft mit großem Vergnügen ein. Aber anstatt still zuzuhören, kam er immer wieder mit denselben lustigen Bedenken, die er leider aus den Schriften des Kaisers Julianos und dessen Patenkindes geschöpft hatte.

Eines Tages wurde Synesios aufs freudigste durch die Mitteilung erregt, daß Euagrios, sein Sohn und dessen Kinder Christen werden wollten. Diesen Umschwung hatte freilich nicht der Bischof, sondern der strebsame Sohn des Euagrios zuwege gebracht.

Der Reeder blieb auch als Christ ein Spötter und brachte seinen alten Freund oft genug ins Gedränge. Ganz besonders hatte er es auf die Auferstehung aller Menschen abgesehen. Er könne es immer noch nicht glauben, daß die Toten einst mit unverweslichem Fleisch in Ewigkeit leben und drüben ihren Lohn empfangen würden; daß der Reiche, der dem Bettler ein Almosen gebe, damit dem lieben Gott ein Darlehen reichte und es dereinst mit Zins und Zinseszins zurückempfangen würde. Das sei doch gegen alle Wahrscheinlichkeit.

Kurz vor seinem Tode nun übergab Euagrios dem Bischof dreitausend Goldstücke für die Armen unter der Bedingung, daß ihm der Bischof etwa folgende Quittung ausstellte: »Ich Endesunterfertigter habe von dem Schiffsreeder Euagrios für meine Armen dreitausend Kronen erhalten, welche man ihm im Jenseits mit Zins und Zinseszins zurückerstatten wird.«

Getrosten Herzens ging Synesios schon um seiner Armen willen auf diesen Scherz ein. Als Euagrios wenige Monate darauf den Tod herannahen fühlte, befahl er seinem Sohne, ihn mit der Quittung in der Hand zu begraben; denn der Schiffsreeder war ein launiger Herr und bis in seine letzte Stunde hinein voll Schnurren. Der Sohn gehorchte.

In der dritten Nacht nach dem Begräbnis erschien Euagrios aber dem Bischof im Traume und sagte zu ihm: »Laß mein Grab öffnen und nimm deine Quittung wieder; ich habe die Summe im Himmel empfangen und nichts mehr von dir zu fordern.«

Synesios soll nicht einmal gewußt haben, daß sein Zettel mit dem Freunde begraben worden war.

Unter großer Beteiligung der Geistlichen und der Leute aus dem Volke wurde nun am nächsten Morgen das Grab geöffnet. Man fand in den Fingern des toten Reeders die Handschrift des Bischofs und darunter von der Hand des Euagrios frisch geschrieben: »Ich Endesunterfertigter erkläre dir, mein heiliger Freund und frommer Bischof, daß ich die Summe von dreitausend Goldgulden mit Zins und Zinseszins pünktlich empfing, damit befriedigt bin und keinen Anspruch irgendwelcher Art mehr zu stellen habe. Euagrios.«

Seit diesem Tage wurde der gute Bischof Synesios womöglich noch wohltätiger als bisher. Seine Kassen waren für die Armen, für die Kirchen und für die gelehrten Freunde immer offen. Sein Jagdschloß beherbergte täglich Gäste aus der Alexanderstadt; und der ehrwürdige Bischof, dessen silberweißer Bart das hübsche Antlitz vornehm und bedeutend schmückte, konnte sich in ihrer Mitte einer edlen und geistreich belebten Geselligkeit hingeben. Er war nicht weltfremd geworden und lächelte wohl milde, wenn man ihn mit der berühmten Hypatia neckte, die ihn einst unglücklich geliebt hätte.

Die Pflichten seines bischöflichen Amtes erfüllte er gewissenhaft. Er feierte das Andenken der christlichen Heiligen und Märtyrer mit erbaulichen Predigten und befolgte streng die neuen kirchlichen Gebräuche.

Nur der Palmsonntag wurde in der Diözese der Pentapolis nicht festlich begangen.

Am Palmsonntag duldete es den Bischof Synesios in keiner christlichen Kirche.

Ende

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