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Fritz Mauthner: Hypatia - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
titleHypatia
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070921
projectid1b33daed
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12. Hypatia

Während noch unterirdisch gekämpft und gemordet wurde, begann Hypatia ihre letzte Wintervorlesung. Am Palmsonntag. Der noch blutiger enden sollte. Die Hetzpredigten hatten ihre Wirkung getan, und der Aufruhr in der Stadt trug dazu bei, viele Zuhörer wegzulocken. Kaum vierhundert Studenten hatten heute in der großen Aula Platz genommen, und unter diesen waren nicht wenige, die heute zum erstenmal zur Stelle waren, um sich vom Fräulein Professor den Besuch des astronomischen Kollegs testieren zu lassen. Hypatia empfand über dieses Ende einige Kränkung; die Vorlesung hatte so stolz begonnen; aber sie hatte sich gewöhnt, vor allem für die erste Bank zu sprechen; und hier ließ die Wirkung nichts zu wünschen übrig. Synesios und Alexander Jossephsohn schrieben heute so eifrig mit wie in der ersten Stunde; Troilos belohnte sie, öfter vielleicht als schicklich war, durch ein beifälliges Lächeln oder ein Kopfnicken, und Wolff, ja, Wolff verschlang sie nur mit seinen barbarischen blauen Augen. Sie wußte wohl, daß sie sich von Wolffs ehrlichem Glauben hatte beeinflussen lassen und daß von ihm ausgegangen war, was jetzt in ihren Worten so beglückend zu ihm zurückkehrte; aber es war ihr doch eine Freude, daß sie aus der Ferne, wenn es auch nur drei Schritte waren, ganz persönlich zu ihm sprechen konnte.

Die zweite Stunde des Kollegs war noch nicht vorbei und Hypatia hatte die Vorlesung beendet. Langsam schloß sie ihre Handschrift und beugte sich in ihren Stuhl zurück. Ein leises Beifallsgetrampel verstummte wieder, man sah es ihr an, sie wollte noch einige Worte hinzufügen. Aus halb geschlossenen Augen warf sie einen ernsten Blick nach Wolff hinüber, der regungslos aufgestemmt dasaß und die festen Finger seiner rechten Hand tief in seine rotblonde Mähne hineingewühlt hatte. Nach einer langen Pause sagte Hypatia:

»Es wäre unehrlich von mir, wenn ich zum Schluß der Vorlesung nicht eingestehen wollte, daß mir im Laufe der einzelnen Vorträge neue Gesichtspunkte hinzugekommen sind. Als ich den Entschluß faßte, über unseren Gegenstand vor Ihnen zu sprechen, wollte ich nicht den alten Aberglauben, wohl aber die alte Philosophie gegen den neuen Glauben verteidigen. Ich habe meiner Kritik nichts hinzuzufügen, ich habe keinen meiner Angriffe gegen die Lehren der christlichen Neuplatoniker zurückzunehmen. Doch eines möchte ich Ihnen noch mitgeben, meine Herren; vielleicht sehen wir uns nicht so bald wieder.

»Es zittert wirklich etwas durch die Lüfte wie die Fata Morgana einer neuen Religion. Wir fühlen es alle, die wir reinen Herzens sind. Oder vielmehr nicht eine neue Religion ruft uns, sondern die Religion zum ersten Male. Wir ahnen, daß irgend etwas Wert hat im Leben, einen wahren, beständigen Wert; denn wir müßten alle froh sein, zu sterben, wenn nichts auf der Welt einen Wert hätte. Unser alter Götterglaube war in der Tat keine solche Religion. Beim Pöbel, der unsterblicher ist als die Götter, war der alte Glaube ein sinnloser Fetischdienst, voll von Lüge und Dummheit. Und bei den erleuchteten Geistern von Platon bis auf Kaiser Julianos, meine Herren, war der alte Glaube ein künstlerisches Schwelgen in den schönen Formen der Natur. Ein vollendet schönes Menschenantlitz, ein schöner, gesunder, junger Menschenleib waren uns die alten Götter. Aber auch der neue Glaube, der nun seit mehr als hundert Jahren in unseren Gegenden aufgekommen ist, er ist noch keine Religion. Dem unsterblichen Pöbel ist auch er der alte Fetischdienst mit aller Lüge und aller Heuchelei. Ob die armen alten Weiblein Heilung ihrer entzündeten Augen davon erwarten, daß sie die Leber des scharfäugigen Adlers essen, oder davon, daß sie die Gebeine eines ermordeten Christen berühren, das ist wohl einerlei. Aber auch bei den gebildeten Anhängern der neuen Lehre ist sie noch nicht die Religion. Eine Sehnsucht nur ist die neue Lehre, eine Sehnsucht empor aus dem Egoismus zur Liebe, und zugleich eine Sehnsucht hinab von den äußeren schönen Formen der Natur in ihre unbekannte Tiefe, eine Sehnsucht aus dem Leben, das unseren Vätern das einzig Wertvolle schien, zurück in den Tod, der keine Schrecken hat, weil er nur das Geheimnis der Natur verhüllt. Wir haben lange genug den wohlgefügten Leib und das schöne Antlitz der Natur betrachtet, wir wollen in das Herz des Menschen eindringen. Der alte Glaube kannte die Sehnsucht nicht, der neue hat uns nichts Besseres zu schenken gewußt als den süßen Schmerz der Sehnsucht. Der alte Glaube verhärtete das Herz des Menschen, der neue schlägt nach seinem Antlitz. Der alte Glaube war eine Oase, aber ringsum unendliche Wüste. Der neue Glaube zeigt uns eine Fata Morgana. Ein wallender See mit frischem Wasser und dahinter winkende Palmen und freundliche Zelte. Wir wissen, doch es nur eine Fata Morgana ist, und daß die Gläubigen, welche aufjauchzend vor Lust dem trügerischen Bilde nachjagen, mit Verzweiflung erkennen werden, ein Trugbild habe sie gelockt. Aber vielleicht ist der See mit seinen Palmen und seinen Zelten doch mehr als ein Trugbild. Vielleicht ist er eine Luftspiegelung, selbst nicht wahr und wirklich, doch das herüberleuchtende Abbild eines wirklichen Sees und wirklicher Palmen. Wandern wir weiter. Wir, Sie und ich, werden das glückliche Land nicht mehr betreten, die Religion der Zukunft kommt langsam gezogen; der Pöbel steht ihr im Wege. Und der unsterbliche Pöbel zeugt den unsterblichen Haß. Wir aber wollen nicht hassen, vor allem nicht hassen um des Glaubens willen. Und wenn einer unter uns wäre, dem die neue Lehre das Liebste geraubt hätte, den Vater oder die Freude am Wirken, so soll er doch nicht auf Rache sinnen. Dies Eine ist gewiß schön an der schlichten Weisheit des Zimmermannssohnes. Auch die neue Lehre, die sich jetzt siegreich über die alten Stammsitze der Griechen verbreitet, auch die neue Lehre wird einst so arm werden wie heute die olympischen Götter. Es kommt eine Zeit, wo der Christenglaube die alte Religion sein wird, die zu stürzen und zu vernichten aus der Tiefe des Volkes die Knechte sich erheben werden. Es kommt eine Zeit, wo das Christentum, wie heute der Dienst der Götter, nach einem kaiserlichen Beschützer ausblicken wird, damit er es vor dem Untergang rette. Es kommt eine Zeit, wo christliche Priester glauben werden, mit ihnen gehe die Menschheit zugrunde, und die Bestie wolle triumphieren in den neuen Idealen, wie es heute die Priester der Götter glauben. Wenn wir das aber wissen, so beugen wir unser Haupt und sagen: Nicht weil wir mehr wissen als sie, nicht aus Hochmut wollen wir unseren Feinden verzeihen. Nein, weil aller Weisheit Anfang und Ende die Überzeugung ist, daß wir arm sind an Wissen.«

Hypatia verstummte und erhob sich langsam. Kein Beifallszeichen ließ sich hören. Die am treuesten bei ihr ausgeharrt hatten, waren die treuesten Anhänger der alten Götter und wußten ihr für ihre letzte Rede nicht Dank. Man nahm es ihr nicht übel, daß sie in so gefährlichen Zeitläuften einlenkte, wie die Studenten das verstanden. Aber hervorragend schön war das nicht von ihr.

Etwa zehn Studenten drängten sich jetzt auf das Katheder, um sich testieren zu lassen. Hypatia besorgte das Geschäft teilnahmlos und wartete dann, gegen ihre Gewohnheit, bis die Studenten sich einer nach dem anderen entfernt hätten. Als nur noch ihre vier Getreuen im Saale waren, trat sie langsam die beiden Stufen hinab, reichte einem nach dem anderen freundlich die Hand und sagte ihnen einige Worte des Dankes für ihre tapfere Unterstützung. Und sie bat noch um einen letzten Dienst. Sie wolle zum kranken Statthalter hinübergehen und bitte die Herren um ihre Begleitung. Heute sei vielleicht wirklich einige Gefahr, von einem wütenden Mönche beleidigt zu werden.

Die kleine Gruppe legte den Weg bis zum Palais des Statthalters rasch zurück. Auf dem Hafenplatz herrschte sonntägliche Ruhe, und auch an der Kathedrale war niemand mehr zu sehen. Die Stadt schien heute stiller bleiben zu wollen als in den letzten Tagen. Vielleicht hatte der Angriff auf den Statthalter die Stimmung des Volkes geändert. Die Komödie mit dem heiligen Ammonios war wohl nicht ernst zu nehmen.

Hypatia mit ihren Freunden umschritt die große Freitreppe der Kirche und hatte dann nur etwa tausend Schritte weit zu gehen, um das Palais zu erreichen.

Es war ein prachtvoller, heißer Frühlingstag, und die Sonne lag glühend über den festungsartigen Häusern zur Rechten und gegenüber auf dem spiegelglatten Wasser des Hafens, auf dem gewaltigen Leuchtturm und draußen auf dem Wellengekräusel des Meeres. Mit gierigen Atemzügen sog Hypatia die Luft ein.

»Da warnt man mich vor den Gefahren der Straße. Mir ist, als wäre die Gefahr der Studierstube größer.«

Synesios machte einige lehrhafte Bemerkungen über das richtige Verhältnis zwischen körperlicher und geistiger Arbeit und hoffte mit seinem vernünftigen Regime, das weder bei der Jagd noch beim Denken eine Überanstrengung zuließ, ein alter Mann zu werden. Als er aber erklären wollte, warum ihm gerade ein langes Leben besonders angenehm wäre, da unterbrach ihn Hypatia fast heftig und sagte:

»Nennt einen Tag ein Jahrtausend, und die Eintagsfliege lebt tausend Jahre lang.«

Synesios schwieg, und Troilos machte scherzhaft den Versuch, die Ausdehnung der Zeit und des Raumes für Täuschungen des Gesichts und des Gehörs zu erklären und daraus eine ganz absonderliche neue Pflichtenlehre abzuleiten. So kam man ganz munter vor dem Palais an. Über das Befinden des Statthalters gab es gute Nachrichten, und aus Hochachtung für Hypatia wurden die vier Herren mit ihr gemeinsam eingelassen.

Orestes lag mit verbundenem Kopfe auf dem weichsten Langstuhl seines Arbeitszimmers und streckte der schönen Freundin lebhaft die Hand entgegen.

»Das ist nett, liebste Hypatia, daß Sie nach mir sehen. Und zur Vorsicht mit ihrer Leibgarde. Sie haben recht. Nein, nein, meine jungen Freunde, ich freue mich immer, auch Sie zu sehen, aber Sie werden begreifen, daß ich Sie, wenn Hypatia dabei ist, nicht ganz nach Gebühr würdige.«

Er bat seine Besucher, Platz zu nehmen, und Hypatia mußte sich auf einen bequemen Stuhl dicht neben seinem Lager niedersetzen.

Er habe seiner Freundin übrigens einen guten Rat zu erteilen, noch lieber einen Befehl, wenn der Rat allein nicht genüge. Heute noch hoffe er für die Ruhe der Stadt bürgen zu können, er habe durch ausreichende Militärmacht die Straße nach den Klöstern verlegen lassen. Der Zuzug der Einsiedler wäre also fürs erste nicht zu befürchten, und die Mönche seien etwas weniger fanatisch und augenblicklich seiner Verwundung wegen in Angst.

»Benutzen Sie diese Tage, liebste Hypatia, und ziehen Sie sich womöglich schon heute aufs Land zurück. Als alter Freund darf ich wohl so indiskret sein und von Ihrem offenen Geheimnis sprechen. Sie können keine bessere Zufluchtstätte finden als in der Heimat Ihres Freundes Synesios, der sich glücklich schätzen wird, für Sie noch heute ein bequemes Segelschiff zu heuern und Sie nach Kyrene hinüberzubringen. Es wird wirklich das beste für uns alle sein. Sie kommen auf die einfachste Weise den Leuten hier aus dem Gesicht und können dort ruhig fortfahren, den alten Göttern zu dienen. Die Landschaft von Kyrene ist vom Christentum noch kaum berührt. Die Leute sind arge Heiden und beten zu irgendwelchen einbalsamierten Tieren; dafür haben sie es noch nicht gelernt, andere Menschen um deswillen totzuschlagen, weil sie zu anderen Mumien beten. Ich wäre beruhigt, wenn ich Sie heute abend auf hoher See wüßte.«

Hypatia schwieg, und nur Synesios dankte dem Statthalter für den väterlichen Rat und die gute Meinung. Er würde es immerdar für seine Lebensaufgabe halten, die Landschaft von Kyrene so hohen Lobes würdig zu machen, damit die Nachwelt einst, wenn sie von dem Musensitz Hypatias spräche, der Stadt Kyrene mit Wohlwollen gedächte.

Es kamen neue Besucher, hohe Beamte und angesehene Kaufleute; Orestes mußte mit jedem reden. Hypatia empfahl sich, und Orestes lächelte, als bei ihrem Aufbruch die vier Freunde wie auf ein Kommandowort sich plötzlich erhoben.

»Recht so, recht so, meine jungen Freunde! Aber ich hoffe, es ist das letztemal. Also glückliche Reise, liebste Hypatia, und sans adieu. Ich besuche Sie gewiß einmal in diesem Sommer, und bei ruhigeren Zeiten verbringen Sie den Winter in der Stadt.«

Nach wenigen schicklichen Worten entfernte sich Hypatia und hörte noch, wie der Statthalter zu seinen übrigen Gästen gewandt sagte: »Ja, unsere herrliche Hypatia wird unsere Stadt leider nicht mehr dauernd bewohnen. Mein Verlust ist groß, aber ich hoffe ...«

Stumm schritt Hypatia voran und winkte auch Synesios, mit den anderen zurückzubleiben,. Über den Straßendamm hinweg eilte sie auf das Bollwerk zu, lehnte sich mit abgewandtem Gesicht auf einen der Pfähle, um welche die draußen verankerten Lastschiffe mit starken Tauen festgebunden waren. Hier war der Regierungshafen, und die strengste Sonntagsruhe war durchgeführt. Weit und breit war kein Mensch zu sehen. Auch auf den Verdecken der Schiffe rührte sich nichts Lebendiges, nur hier und dort verriet ein aufsteigendes Rauchwölkchen, daß im Innenraum Menschen hausten. Wolff, Alexander und Troilos blickten mit verschiedenen Gefühlen auf das schöne Weib, das offenbar ihre Tränen verbergen wollte. Es zuckte in ihrem Körper von den Schultern herab. Synesios, dessen Rechte nun vor aller Welt anerkannt worden waren, trat dicht an die Frau heran, berührte vorsichtig ihren Arm und sagte leise und eindringlich:

»Sieh die kleinen Rauchwölkchen, meine liebe Hypatia. Küchenrauch ist ein freundliches Zeichen und war es schon dem heimkehrenden Odysseus. Am Küchenrauch hat er den Weg zur Heimat erkannt. Es ist ja nicht schwer, zwei oder drei Tage auf so einem Schiff auszuhalten. Ich bereite alles vor, und wir segeln noch heute abend ab.«

Hypatia antwortete nicht. Sie hatte sich hoch aufgerichtet, wandte den jungen Männern immer noch den Rücken zu, aber sie blickte nicht nach Westen, nach der Gegend von Kyrene, sondern am Palais vorüber nach Osten hin, unverwandt, ruhig geworden, streng und kalt wie eine Bildsäule.

»Laß dich von den Freunden nach Hause geleiten, liebste Hypatia, und bleibe in deiner Wohnung, bis ich dich holen komme. Ich verlasse dich jetzt. Ich gehe zum Erzbischof. Ich will ihm sagen, daß du beschlossen hast, mein Weib zu werden und die Alexanderstadt zu meiden. Du wirst sehen, das wird ihn milde stimmen. Ich glaube nicht, daß er eigentlich ein böser Mensch ist. Er wird dir und mir seine Gunst zuwenden, und da er immerhin ein einflußreicher Mann ist, einflußreicher als dein Freund, der Statthalter, so wäre es töricht, ihn nicht klug zu behandeln. Darf ich zu ihm gehen?«

»Alles!« sagte Hypatia und wandte sich mit fast heiterem Ausdruck nach Synesios um.

»Und wirst du dich nach Hause geleiten lassen und mich zu Hause erwarten?«

»Ich gehe nach Hause.«

Synesios verpflichtete seine Freunde noch mit starken Worten, seine Braut zu beschützen. Er mache sie für alles verantwortlich. Das Geschäft beim Erzbischof leide keinen Aufschub, denn gerade dessen Einfluß werde die Abreise fördern.

»Lebt wohl und schirmt Hypatia! Jeder Blutstropfen in eurem Leibe sei ihr Wächter!«

Und mit einem lauten Gruß eilte Synesios in die Kirchenstraße hinein, dem Palais des Erzbischofs zu. Hypatia blickte ihm mit heiterem Gesicht nach. Als er verschwunden war, schüttelte sie sich plötzlich und sagte dann laut:

»Nie! Ich reise nicht, ich verlasse Alexandria nicht. Hier stehe ich, und hier bleibe ich, und als sein Weib folge ich ihm nie.«

Sie hatte es fast allein zu Wolff gesagt. Der stürzte vor und faßte sie bei beiden Händen. Dann schlug er an sein Schwert. Aber sprechen konnte er nicht.

»Komm,« sagte Hypatia. »Führ' mich nach Hause. Ich weiß nicht, mir ist ein Glück widerfahren. Ich möchte jetzt nicht sterben.«

»Doch, jetzt!« sagte Wolff leise. Dann ging er neben Hypatia das Bollwerk entlang dem Hafenplatze zu.

Troilos und Alexander blieben nur wenige Schritte zurück. Dann folgten sie, und Troilos sagte:

»Wir spielen recht dankbare Rollen, was? Du und ich. Der eine geht zum Erzbischof betteln, und der andere führt die Braut heim. Und dafür sollen wir jeden Blutstropfen hergeben.«

»Glaubst du ernstlich an Gefahr, Troilos?«

»Jawohl,« fagte Troilos lächelnd, »wir werden alle totgeschlagen werden. Weißt du, Alex, ich überlege eben, soll ich lieber nach Hause gehen, mir einen vornehmen Rausch trinken und euch alle zum Henker schicken, oder soll ich mich aus reinem Epikureismus euch anschließen, um mit euch von Kyrillos aufgespießt zu werden? Die Rechnung ist schwer. Mein Ende wäre doch schließlich so etwas wie Selbstmord. Aber für Hypatia jeden Blutstropfen hingeben, wie Synesios das so schön ausgedrückt hat, das ist möglicherweise ein ganz neuartiger Genuß. Ich wäre neugierig darauf, wie einem dabei zumute sein mag.«

»Red' doch nicht so.«

»Jüdchen, Jüdchen! Ich glaube, du hast Angst!«

Alexander blieb stehen und sagte nicht ohne seinen spöttischen Ton, aber doch mit harter Stimme: »Angst? Angst? Was ist das? Wenn es zum Kampfe kommt, so wirst du dabei sein aus Neugier und Blasiertheit, um mal was Neues zu erleben. Wolff wird dreinhauen, weil ihm das Dreinhauen so natürlich ist wie einem Stier das Stoßen oder meinetwegen wie einem Löwen der Mut. Angst! Mir ist kalt geworden bei deinen Reden, und es wäre mir lieber, wenn ich euch und die Hypatia nie kennen gelernt hätte. Ich wüßte dann vielleicht gar nicht, was für Scheusale meine Tanten sind, und würde mir einbilden, irgendwo hinter den Akten ein großer Mann zu werden. Angst! Ich könnte ebensowenig Hypatia in der Gefahr verlassen, als ich auf dem Kopfe gehen könnte. Mutig sein kann jeder Hund. Der Mensch ist eben anständig, oder er ist es nicht. Und ich denke, wir sind anständig.«

»Ich will dir was sagen, lieber Alex. Sehr logisch hast du nicht gesprochen. Aber an Tapferkeit erreichst du im Grunde jeden anderen. Dein berühmter Namensvetter Alex der Große wäre mit dir zufrieden.«

Inzwischen hatten Wolff und Hypatia das Ende des Bollwerks beinahe erreicht. Sie hatten nicht viel miteinander gesprochen.

»Wolff!« hatte Hypatia einmal mit ihrem schönsten Lächeln gesagt, und es klang das deutsche Wort in ihrer Sprache fremd wie »Uli«. Da lächelte er und sagte: »Hypatia«.

»Du sprichst den Namen richtig aus, besser als ich den deinen. So feierlich. Mich nennt niemand anders, seitdem Vater tot ist.«

»Darf ich dich anders nennen? Darf ich Hypatidion sagen?«

»Es steht dir und mir nicht, laß es.«

Und jetzt am Ende des Bollwerks blieb er stehen. Von der Ferne klang es wie sonntäglicher Psalmengesang. Sonst war nichts zu hören.

»Du hast mich glücklich gemacht, Hypatia. Du folgst ihm nicht? Darf ich...«

»Sei still, Uli. Wer seine Gedanken so weit steigen ließ, wie ich...«

»Einerlei!«

»Ich würde dir kein Weib sein können, wie du es willst. Ich könnte in deinem Arm nicht ruhen, ich könnte dich nicht einmal küssen, ohne zu schaudern vor der Berührung des Mannes. Nicht vor dir. Laß! Das Leben bietet kein großes Glück, nur glückliche Augenblicke, und die glücklichen Augenblicke hat mir mein Denken geraubt für immer! Laß! Wenn sie mich aber töten sollten, und meine arme kleine Seele, wie die alten Bilder das zeigen, über meine Lippen entflieht, so fange du mit deinem Atem meine arme Seele auf, und sie wird dir von mir erzählen.«

»Das kann nicht sein, Hypatidion. Denn mit dir werde ich ja auch sterben und könnte nicht lange mehr darauf lauschen, was deine kleine Seele mir erzählt.«

»Laß nur, Uli, sie wird nicht viele Worte brauchen.«

Sie blickten einander an, und Hypatia fagte, als Wolffs Augen immer glücklicher erglänzten: »Jetzt war mir schon, als ob meine Seele mir entflöge.«

Da kamen Troilos und Alexander rasch heran.

»Hört ihr nichts? Natürlich, Alex, was werden die denn hören!«

»Das Psalmodieren drüben?«

»Er hat recht,« sagte Alexander. »Das kommt aus keiner Kirche. Das ist eine Prozession. Das sind Mönche. Kommt schnell!«

Troilos und Alexander eilten voran, und ebenso rasch, wenn auch wie weltvergessen, folgten ihnen Wolff und Hypatia. Sie bogen um die Kathedrale und überschritten den großen Hafenplatz, auf welchem nichts Auffälliges zu bemerken war. Nur am westlichen Ende konnte man einige Hafenarbeiter bemerken, welche die Straße hinuntersahen, als ob etwas Merkwürdiges herankäme. Schon war der Platz überschritten und die Ecke der Akademie erreicht, als aus deren Tor Hypatias kleiner Eseljunge hervorstürzte, wie ein Hündchen herbeilief und Hypatia, ohne stehenzubleiben, zuflüsterte: »Zurück! Rettet euch! Man lauert euch auf! Die Mönche!«

Sie blieben stehen, und Wolff richtete sich hoch auf. Aus dem Torweg der Akademie vernahmen sie jetzt lautes Geräusch. Man hatte wohl die Absicht des Eseljungen erraten. Der rannte scheinbar unbefangen um den Platz herum und dann die Straße hinunter den Psalmensängern entgegen.

Wolff sagte rasch und fest: »Wir müssen zurück. Wenn wir das Palais erreichen, ist Hypatia gerettet. Kommen sie früher, so halten wir sie auf und Hypatia flüchtet in die Kathedrale. Dort ist Asyl.«

Sie wollten rasch über den Platz zurückeilen, da brachen aus dem Torweg der Akademie an die hundert Männer vor, junge Leute vom Gesellenverein und Mönche.

»Da läuft sie, die Hexe! Nieder mit ihr! Haut sie in Stücke! Und ihre Liebhaber dazu!«

Der Haufe rannte gegen Hypatia und ihre Beschützer heran.

Die Fliehenden blieben auf einen Zuruf Wolffs sofort stehen.

»Jetzt nur nicht laufen. Mit dem Gesindel werden wir fertig oder halten sie doch auf. Hier, Troilos, hier, da habt ihr jeder ein Messer, geht vor. Ihr werdet mich nicht für feig halten, weil ich bei Hypatia bleibe. Ihr müßt sie nur aufhalten, und wenn doch, lebt wohl!«

Sie hatten sich den Angreifern zugewandt, und diese waren plötzlich stehen geblieben. Über dreißig Schritte war die Entfernung. Wüstes Schimpfen und Gejohle klang herüber.

»Reich mir die Hand, Hypatia!« rief Troilos. »Es ist zwar alles Unsinn. Aber du warst doch meine schönste Illusion. Wetten, daß wir uns nicht wiedersehen? Auch drüben nicht.«

Lächelnd reichte ihm Hypatia die Hand. »Nicht wetten! Auf Wiedersehen!«

»Gib auch mir die Hand,« sagte Alexander. »Und auch du, Wolff. Ich habe euch beide unglücklich geliebt.«

»Leb wohl, mein lieber Freund, mein bester Freund! Aber willst du nicht doch lieber...«

»Laß ihn, Hypatia, tu' ihm nicht weh. Er stirbt nicht gern. Aber er ist ein ordentlicher Kerl. Leb wohl, Alex!«

Unter dem wilden Geschrei der Feinde schüttelten sie sich rasch die Hände, dann schritten Alexander und Troilos Fuß an Fuß, jeder ein langes Messer in der Faust, auf den Haufen zu.

»Das Gesindel weicht,« sagte Wolff schnell. »In die Kathedrale!«

Und schnell führte er Hypatia die Treppen hinauf.

»So willst du meine Seele nicht?«

Ausbrechend rief Wolff:

»Ich liebe dich mehr als mein Leben! Aber nicht mehr als das deine. Komm!«

Und er sprang die letzten Stufen empor und schlug mit dem blanken Schwert gegen das Eichentor.

»Aufgemacht! Asyl!«

Indessen hatten Alexander und Troilos sich dem Haufen bis auf drei Schritte genähert. Die Gesellen und Mönche waren bewaffnet, mit Eisenstangen und Messern, mit Keulen und Hacken. Aber niemand hob die Waffe. Nur Schimpfworte drangen auf die beiden Freunde ein. Troilos rief noch stärkere Worte zurück, und der Kampf schien sich in ein gemeines Gezanke zu verlieren.

»Schimpf' mit!« flüsterte Troilos. »Das hält sie auf.«

Alexander würgte ein wenig und begann dann:

»Ihr Hundesöhne! Ihr Kleckse! Ihr Faulenzer und Tagediebe! Ihr Gottesverkäufer und Diebe! Hundert gegen einen wie Schakale! Schakale! Wüstenhunde!«

»Galgenvögel!« nahm Troilos das Wort. Und an der Kirchentür schmetterte das Schwert.

»Aufgemacht! Asyl! Asyl!«

Immer lauter und immer näher tönten die Psalmen von der Straße herauf. Jetzt kam von dort her wie vom Bogen geschnellt der Eseljunge gelaufen und rannte vor den Mönchen vorbei, schnitt ihnen Gesichter und rief den Freunden leise zu:

»Die Einsiedler kommen!«

»Dann gute Nacht, Alex!« sagte Troilos leise und fuhr fort:

»Ihr Aasgeier! Ihr Leichenräuber!«

Der Eseljunge rannte im Bogen nach der Kathedrale und brachte Hypatia seine Meldung. Dort schickte ihn Wolff um die Kirche herum, er solle in die Sakristei eindringen und von innen öffnen lassen.

»Asyl! Asyl!«

Lauter und lauter schwoll der Psalmengesang an, und am Ende des Hafenplatzes rückten in geschlossenen Reihen die furchtbaren Gestalten der Anachoreten heran. Immer mehr, über fünfhundert Mann. Und wenn Wolff sein Auge nicht täuschte, so hatten sie schon blutige Arbeit getan. Rot schimmerten ihre Hacken und Stangen und Eisenketten. Waren die Nazarener...

Auch dort mußte man scharfe Augen haben. Denn plötzlich verstummte der Psalmengesang, und ein Wutgebrüll drang herüber. Dann schrie einer, ein Langer, der an der Spitze stand, laut auf, und die Einsiedler begannen heranzulaufen.

»Die Einsiedler!« schrie jetzt auch einer von den Mönchen. Und plötzlich rückte auch der Haufe zum Angriff vor.

»Nun werde ich's bald erfahren!« schrie Troilos zornig lachend auf und schwang sein Messer und stieß es dem nächsten in den Hals und wollte es wieder hervorziehen. Da traf ihn eine Eisenstange, röchelnd brach er zusammen. Zehn Hacken und Keulen schmetterten auf ihn nieder.

Alexander war beim ersten Ansturm drei Schritte zurückgewichen. Da sah er Troilos fallen und rief: »Endlich! Da, nehmt mich, hier und hier!« Und wild stach er um sich, daß die Mönche vor ihm zurückwichen. »Hier und hier!« Blindlings stach er darauf los, berauscht vom Blut, umschwirrt vom Tod, und schrie und stach, bis ihm von der Seite ein Messer ins Herz drang und auch er zusammensank.

»Schlagt sie tot, die Hexe!«

»Asyl! Asyl!«

Schon hatten die Einsiedler die Kirchentreppe vor den Mönchen erreicht.

Da blieben sie plötzlich erschreckt stehen, nur ihr Anführer, der lange Isidoros, war die beiden ersten Stufen emporgesprungen. Vom Dach der Akademie herab kam mit breiten Flügelschlägen der Marabu geflogen und flatterte jetzt, ängstlich mit den Fittichen schlagend, über dem Haupte Hypatias; er schlug mit dem harten Schnabel gegen das Kirchentor und kreischte wie ein Mensch.

»Der Teufel steht ihr bei!« schrie einer von den Einsiedlern. Und alle ließen die Arme sinken.

»Asyl!!!«

Fast nur die jüngeren Einsiedler waren gekommen. In Fetzen hing den meisten das härene Hemd und das Schafsfell vom Leibe. Blut klebte an ihren Waffen und an ihren Händen. An ihrer Spitze nur, in der Nähe von Isidoros, standen Greise. Aller Augen glühten.

Wolff suchte den Augenblick zu nützen. Bei der Klinge hielt er das Schwert hoch empor, zeigte den Kreuzgriff, trat bis zur obersten Stufe vor und rief mit mächtiger Stimme: »Im Namen von unser aller Heiland beschwöre ich euch, laßt ab von eurem Werke! Schon klebt Blut an euren Händen und doch spricht der Herr: ›Du sollst nicht töten.‹ Ich bin ein gläubiger Christ wie ihr und schwöre euch bei Jesus Christus, daß dieses Weib den Tod nicht verdient hat! Die Rache Gottes würde euch ereilen, wenn ihr freventlich ...«

Wieder kam der Eseljunge herangesprungen und unterbrach ihn flüsternd: »Sie sind in der Sakristei. Ich habe sie sprechen gehört. Aber sie wollen nicht öffnen.«

»Bist ein braver Junge! Geh zu Hypatia. Ich weiß nichts mehr. Aber ich habe Kraft. Vielleicht! Lauf ins Palais, erzähl' dort, hol' Hilfe!«

Der Marabu konnte sich nicht länger in der Luft halten und fiel zu den Füßen Hypatias schwer nieder.

Da schrien die Einsiedler wie erlöst auf, und mit Wutgeschrei erhoben sie die Waffen.

»Er ist ein Nazarener!« heulte es aus dem Haufen. »Ein Barbar und ein Nazarener!«

»Ein Nazarener!« wiederholten brüllend die Einsiedler.

Wolff sprang mit zwei Sätzen zu Hypatia zurück.

»Leb wohl, meine Seele ist dein.«

Hypatia lehnte mit geschlossenen Augen wie ohnmächtig am Eichenholz des Kirchentors. Er hörte noch, wie sie seinen Namen flüsterte, dann sprang er wieder mit zwei Sätzen zur Treppe zurück und hinunter den Einsiedlern entgegen. Er hörte etwas neben sich. Und bevor er noch handgemein werden konnte, hatte ihn der Marabu überholt. Der starke Vogel schien den Kampf zuerst aufnehmen zu wollen.

Die Einsiedler wichen zurück, und selbst Isidoros sprang die Stufen wieder herunter. Mit kräftigen Schnabelhieben drang der Vogel vor, aber plötzlich schlug ihm einer der Greise mit seinem Holzknüttel auf den kahlen Schädel. Der Marabu verzog schmerzlich den breiten Schnabel und verschwand unter den Füßen der Anachoreten.

»Der Teufel ist besiegt!« schrie Isidoros. »Der Teufel verläßt den Nazarener! Drauf! Im Namen Gottes!«

Da jauchzte Wolff auf mit einem Schrei, den noch niemand in Alexandria gehört hatte. »Juchhuh!« klang es, und die Hand hob sich und senkte sich, und Isidoros lag am Boden. Und die Hand hob und senkte sich, und einer der Greise brach zusammen. Und jetzt erst begann der Kampf des Einen gegen Fünfhundert. Von allen umringt, von allen getroffen, wankte Wolff nicht und schuf sich freien Raum. Wer ihm nahe trat nur auf einen Schritt, der fiel, und in das Toben und in das Stöhnen erklang sein Kriegsruf und sein Wettern:

»Im Namen Jesu Christi und für Hypatia! Da und da.«

Im Fieber des Kampfes hatte er unklar wahrzunehmen geglaubt, daß von hinter her Einsiedler und Mönche Ziegelsteine über die Köpfe der Kämpfenden schleuderten. Er hatte auch gehört, wie sie donnernd gegen das Kirchentor schlugen. Jetzt zuckte er zusammen.

»Sie ist getroffen, sie ist gefallen, die Hexe! Triumph! Drauf im Namen Gottes! Nieder mit dem Nazarener! Nieder mit der Hexe!«

Zweimal schlug Wolff mit seinem Schwert einen furchtbaren Kreis. Und beim drittenmal hatte er Luft. Er mochte wohl verwundet sein. Jetzt sah er's. Denn das Blut lief ihm von der Stirn. Und die linke Hüfte hatte wohl auch etwas abbekommen. Über mehrere Stufen hinwegsetzen konnte er nicht mehr. Es war wohl was entzwei. Aber Schritt für Schritt stieg er, immer aufs neue bedrängt, die Treppe hinauf und schlug im Rückzug immer noch um sich, von oben herunter in weitem Halbkreis. Jauchzen und sprechen konnte er nicht mehr.

Jetzt war er oben. Nach rückwärts gehend, suchte er Hypatia zu erreichen. Umblicken durfte er nicht. Jetzt berührte sein Fuß ihr Kleid und er sah hinab. Sie lag da, eine klaffende Wunde an der Schläfe. Das rote Blut lief über ihr weißes Gewand.

Dann schrie er noch einmal auf und stürzte sich zurück mitten in die Einsiedler. Durch ihre Haufen hindurch drang er bis zu einem, den er sich noch ausgesucht hatte, einen mit einem Stein in der Hand. Dem stieß er mit seiner letzten Kraft sein Schwert bis an den Kreuzgriff in die Brust, dann hatte er nichts mehr als seine Fäuste und faßte den nächsten bei der Gurgel, und von allen Seiten gestochen, zerhackt und getroffen sank er nieder.

Unbekümmert um die Toten und Verwundeten, drangen die Einsiedler jetzt vor. Nur ihren Führer Isidoros, der dem Tode nahe war, trugen vier jüngere Brüder im Triumphe voran. Die letzten der Truppe stimmten ein heiliges Lied an. So wälzten sich die Mörder wie ein blutiger Strom die Stufen hinauf bis an die Kirchentür. Dort lag Hypatia. Wohl kaum lebte sie noch. Aber einer der frommen Greise stieß ihr, als wäre er ein Schlächter, ein Messer ins Herz. Sie war nach dem Steinwurf in die Knie gesunken und mit dem Oberkörper an die Tür gelehnt geblieben. Nach dem Gnadenstoß fiel sie seitwärts zu Boden, und ihre schwarzen Augen schienen die Feinde unverwandt anzublicken.

Stumm standen die heiligen Leute aus der Wüste im Halbkreis um die Leiche. Nur die Fernerstehenden, welche das Opfer nicht sahen, sangen jetzt mit kräftigen Stimmen weiter ihren Psalm. Dazwischen brüllten die Mönche Drohungen gegen den Statthalter, und die Gesellen gröhlten freche Gassenhauer gegen die Person des Kaisers.

Wenige Sekunden dauerte der abergläubische Schrecken vor der Leiche Hypatias. Isidoros, dem Wolffs Hieb die linke Schulter zerschmettert hatte und der, vom Blutverlust erschöpft, selbst eine Leiche schien, schlug die Augen auf und begann beim Anblick Hypatias zu röcheln. Er streckte die rechte Hand aus und machte zuckende Bewegungen mit den eingekrallten Fingern. Indessen drängten die Außenstehenden immer mehr nach vorn, und immer dichter schloß sich der Kreis um Hypatia. Die jungen Mönche trugen ihren Führer noch einen Schritt vor. Jetzt konnte Isidoros die Tote berühren, und mit krampfhaftem Jucken faßte er ihr weißes Gewand, wo es am Halse sich über der Brust zusammenschloß. Da war es aus mit der Ruhe der Umstehenden, und wild brach die heilige Wut wieder los.

Während die schweren Türflügel sich plötzlich nach innen öffneten und die Kirchendiener verstört oder neugierig auf der Schwelle erschienen, streckten sich zwanzig von Blut und Schmutz starrende Arme nach Hypatia aus, und unter Gelächter und Fluchen wurde ihr das Gewand Stück um Stück vom Leibe gerissen. Triumphierend barg jeder seinen blutigen Fetzen oder machte kreischend seinem Hintermann Platz, der nun vorstürzte und auch seinerseits ein Stück oder eine Faser vom Hemd an sich zu bringen suchte. Wiehernd vor Lust vollendeten die Einsiedler das Werk. Auch die Schuhe wurden der Leiche von den Füßen gerissen. Ein junger Anachoret, der einen der Schuhe erbeutet hatte, drängte sich unter wahnsinnigem Geschrei durch die Brüder, wiegte den Schuh in seinen Armen und stieß gotteslästerliche Reden aus.

Das blutige Kleid war fort und in reiner Schönheit lag der Leib der Jungfrau da. In den dunklen Haaren war das schwarze Spitzentuch noch hängen geblieben und verhüllte die klaffende Wunde an der Schläfe. Nur über der rechten Brust rann das Blut immer noch schwer und langsam zu Boden.

Isidoros versuchte sich aufzurichten, und scheu machten die frommen Brüder ihm ein wenig Platz. Noch einmal streckte er die rechte Hand aus. »Hypatia!« rief er mit lauter Stimme, dann sank er tot zusammen und fiel mit dem Gesicht auf ihren feinen Knöchel. Wilder noch erhob sich jetzt das Rachegeschrei der heiligen Männer.

»Isidoros ist tot! Isidoros ist gemordet! Noch im Tode kann sie hexen! Ein Märtyrer! In die Kirche mit ihm! Auf den Altar des Heiligen! Reißt ihr die Hexenaugen aus! Reißt ihr den Hexenleib in Stücke! Ins Feuer mit ihr!«

Sie schrien alle durcheinander, und die nächsten schickten sich an, auszuführen, was die Rufer wollten.

Hart am Ufer, dem Akademiegebäude gerade gegenüber, rissen an die vierzig Mönche und Gesellen einen der Bretterhaufen so weit auseinander, daß er einen bequem zugänglichen Holzstoß für die Hexenleiche bieten konnte.

Die Alten unter den Anachoreten trugen die Leiche des Isidoros feierlich über die Kirchenschwelle und verschwanden mit ihr im Dunkel des Innern.

Draußen aber hatten sich die Einsiedler über den Leib Hypatias geworfen. Schauerlich war das Geschrei der Rasenden. Worte gräßlichen Inhalts, wie sie zu nächtlicher Stunde im heiligen Gebirge aus den Höhlen gellten, wenn die jungen Einsiedler stundenlang mit dem Teufel rangen, klangen aus dem Haufen heraus. Dazwischen beschimpften die Kämpfenden einander. Und wieder psalmodierende Töne und dumpfes Dröhnen von Eisenstangen und Hacken.

»So begnüg' dich mit einem Auge! Sie soll nicht mehr hexen! Das andere auch! Rührt die Brust nicht an! Die Brust! Laßt mich, ich will mit dem Teufel kämpfen! Ich will die Brust... Hundert Jahre lang! Schlagt nicht!«

Plötzlich schwoll alles Rufen und Kämpfen zu einem tierischen Geheul zusammen, und etwas Grauenhaftes wurde unter Johlen und Singen die Treppe hinuntergezerrt und auf den Bretterhaufen geworfen.

Die Mönche und Gesellen hatten inzwischen die Toten nacheinander aufgenommen, um sie in die Kirche zu schaffen, andere wieder führten die Verwundeten in die Akademie, um sie dort verbinden zu lassen. Die Leichen von Troilos und Alexander blieben liegen. Den leblosen Körper Wolffs hoben ein paar lustige Mönche auf ihre Schultern und warfen ihn neben Hypatia auf den Scheiterhaufen. Schon waren einige Späne entzündet und in die Fugen zwischen die Bretter verteilt. Einer der Gesellen schob Stücke Wachs dazwischen. Da lief der lustigste von den Mönchen noch einmal auf den Kampfplatz zurück, schleppte den schweren Marabu über das Pflaster und schleuderte ihn durch den aufsteigenden Rauch hindurch zu den beiden Leichen.

»Bravo! Bravo! Der Teufel soll auch brennen! Der Teufel mit der Hexe und dem Nazarener!«

In der Kirchentür standen jetzt eine Menge von Kirchenbeamten und reckten die Hälse, um besser zu sehen. Der Torweg der Akademie war von entsetzten Menschen dicht gefüllt. In den Zugängen der Seitenstraßen standen teilnahmslos Leute aus dem ägyptischen Pöbel, sie lachten über den Streit zwischen Griechen und Christen.

Psalmen singend umstanden Ansiedler, Mönche und Gesellen den Scheiterhaufen. Langsam leckte die Flamme empor.

Da klang vom Bollwerk her ein Trommelwirbel, und wie ein kleiner Windhund flog der Eseljunge heran und rief schon von weitem: »Halt aus! Halt aus, Hypatia! Die Soldaten!«

Wirbelnd vor Hast sprang er die Treppe zur Kirche empor und erblickte die dunkle Blutlache. Aufkreischend sah er sich um und suchte Wolff und die anderen. Dann gewahrte er den Scheiterhaufen und verstand; er setzte sich auf die oberste Stufe nieder und weinte.

Der Trommelwirbel kam näher, und in gemessenem Schritt bog eine Abteilung Infanterie vom Bollwerk in den Hafenplatz ein. Der Offizier an der Spitze schien unsicher, wohin er sich wenden sollte. Da traten ihm die würdigsten Männer unter den Anachoreten entgegen, und er kommandierte Halt.

»Vergreift euch nicht an den heiligen Männern!« rief einer der Einsiedler, ein Greis, dem Blutstropfen in den Enden seines Patriarchenbarts hingen. »Der heilige Isidoros ist zum Märtyrer geworden im letzten Kampfe gegen das Heidentum! Wollt ihr auch uns zu Märtyrern machen, so wollen wir euch danken und Loblieder singend eingehen ins Himmelreich! Ihr aber, und du, der du der Anführer dieser christlichen Soldaten bist, ihr würdet ewige Blutschuld auf euch laden und in ewiger Verdammnis büßen müssen! Ihr müßt Gott mehr gehorchen als dem Kaiser! Gottes Willen haben wir vollstreckt!«

Der Offizier salutierte mit seinem Säbel und kommandierte zum Gebet. Da öffneten die Einsiedler ihre Reihen und zeigten den Scheiterhaufen, der, von rötlichen kurzen Flammen umhüllt, eine schwarze Wolke emporsandte.

Feierliche Stille herrschte auf dem weiten Platze. Nur von der Kirchentreppe her vernahm man das Schluchzen des kleinen Jungen.

Dann stimmten Mönche und Soldaten und Einsiedler mit mächtigen Stimmen einen Psalm an.

Der Eseljunge erwachte aus seinem verzweifelten Weinen. Die Tränen liefen weiter über seine dunkelbraunen Wangen, aber er dachte nach. Er hätte Hypatia gern noch etwas Liebes erwiesen. Sie sollte drüben nicht glauben, er hätte es an etwas fehlen lassen. Er war doch wahrhaftig gelaufen, man konnte nicht schneller.

Klar war ihm die Lage nicht, in welche Hypatia nach ihrem Tode geriet. Aber daß etwas geschehen müßte, das sah er ein. Er hätte sich ohrfeigen mögen, daß er das Gebet zur Gottesmutter Isis nicht auswendig wußte. Mutter hat es ihn doch so oft lehren wollen. Jetzt hätte er die Verse zur Gottesmutter gesprochen, und Isis hätte sich der guten Hypatia erbarmt und sie aus der schwarzen Unterwelt emporgeführt zum Licht. Das half nun nicht, er konnte das Gebet nicht. Aber etwas mußte geschehen.

Er stand auf und drängte sich durch die Kirchendiener in das Innere des Gotteshauses. Niemand hielt ihn auf. Er lief in die Sakristei und stahl dort aus dem silbernen Gefäß eine Hand voll Weihrauch. Und dann aus dem kleinen Seiteneingang hinaus und mit eifrigem Gesicht um die Kirche herum, rannte er mitten durch die blutigen, frommen Männer bis an den Scheiterhaufen und warf den Weihrauch in die Flammen, die wie zur Antwort plötzlich in zwei mächtigen glühenden Säulen zum Himmel emporstiegen.

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