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Fritz Mauthner: Hypatia - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFritz Mauthner
titleHypatia
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
year1919
firstpub1891
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070921
projectid1b33daed
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10. Der heilige Ammonios

Die Osterzeit rückte endlich heran; der behagliche ägyptische Winter war vorüber, und unerträglich heiß lastete schon an manchem Mittag Sommerglut über der Stadt. Die vierzig Tage der Fasten und der Kasteiung neigten zu ihrem Ende und ungeduldige Einsiedler aus dem Gebirge kamen jeden Tag einzeln oder in Gruppen von zwei, drei oder auch in größeren Trupps nach dem Babel des Nil, nach Alexandria. Sie waren vor der Hauptmacht aufgebrochen und hatten sich ihren Weg durch die Wüste gesucht, wo Kamelskelette und wohl auch menschliche Gebeine ihn wiesen. Halbtot vor Hunger und Erschöpfung, fast besinnungslos vor Durst, kamen die meisten in der Stadt an, und im ägyptischen Viertel konnte man täglich sehen, wie diese frommen Männer am ersten Brunnen niederstürzten, von den gutmütigen armen Heiden gestärkt wurden, und wie sie dann trotz ihrer blutenden Füße und trotz ihrer elenden und schmutzigen Kleidung stolz ihr Haupt erhoben und die menschlichen, aber heidnischen Ägypter verdammten und verfluchten.

Der Ton, welchen die frommen Männer dem lebendigen Treiben der Alexanderstadt anfügten, war nicht erfreulich. Wohl waren in der Stadt immer einzelne Mönche zu sehen gewesen, welche die Handelsverbindungen zwischen ihren Klöstern und den Kaufleuten besorgten, wohl waren nach der Sendung des Hierax unaufhörlich Scharen von Kuttenträgern herbeigeströmt, nicht nur aus dem Gebirge, sondern allmählich noch weiter her vom Nil und von der Thebais. Wohl brachten die Alexandriner das Scherzwort auf, es gäbe in Ägypten jetzt mehr Mönche als einst hundsköpfige Götter.

Diese Pfaffen waren eigentlich recht beliebt. Sie brachten Geld oder Geldeswert mit, lebten und ließen leben. Wenn viele von ihnen mit bösen Absichten gekommen waren, so schienen sie in der reichen Stadt mehr ihrem Vergnügen und ihrem Geschäft als kirchenpolitischen Plänen zu frönen. Bei dem Blutbade und der Plünderung der Judenstadt hatten sich wohl schwarze Kutten bemerklich gemacht, aber man konnte nicht mit Sicherheit sagen, ob sie diese Beteiligung als ihr Geschäft oder als ihr Vergnügen betrachteten. Weit aussehende Pläne verfolgten sie offenbar nicht. Kaum war es dann in der Stadt wieder ruhig geworden, so waren sie die ersten, von der Ordnung Vorteil zu ziehen. Während die gewöhnlichen Plünderer sich selbst oder doch ihren Raub versteckt hielten, rüsteten die Kuttenträger große Karawanen aus, auf denen ganze Warenlager nach ihren Klöstern geschafft wurden; und während die christlichen Kaufleute dem Frieden noch nicht trauten, stürzten sich die Mönche ganz gesetzlich und mit Hilfe von Notaren auf das Erbe der Juden. Die verlassenen Häuser, deren Besitzer tot oder entflohen waren, wurden einfach auf Grund frommer kaiserlicher Verordnungen im Namen von Kirchen mit Beschlag belegt. Die Grundstücke anderer Juden, die noch etwas Geld für ihre Auswanderung retten wollten, wurden von diesen Mönchen für einen Spottpreis aufgekauft. Man erzählte sich an der Börse, daß eines der Natronklöster für ein Terrain von dreißig kleineren Gebäuden und den dazugehörigen Gärtchen genau dreißig Goldkronen gezahlt hätte.

Als endlich die Furcht vor dem Einschreiten des Statthalters und vor einer Wiedereinsetzung der Juden zu schwinden begann, waren die Mönche im rechtlichen Besitz der halben Judenstadt, und die Bürger von Alexandria empfanden einige Achtung vor der Klugheit und Kühnheit der Klosterleute. Man trieb mit ihnen vorteilhaften Handel, und was von alter Feindschaft und von neuem Neid zu Worte kommen wollte, das begnügte sich nach gutem Stadtgebrauch mit Spaßen und Witzen.

Ganz anders als die Mönche führten sich die Wüsteneinsiedler auf. Es gab unter ihnen gute und schlimme; solche, die wie losgelassene Sträflinge sich in die Genüsse der Stadt stürzten, und solche, die inmitten des Luxus hungerten, als strenge Bußprediger auftraten und die Sünder, besonders aber die Sünderinnen zu bekehren suchten. Die ersten Ankömmlinge waren von der argen Art gewesen, die späteren waren durchaus heilige Männer. Aber in Alexandria wurde das Treiben der einen wie der anderen lästig empfunden.

Im Matrosenviertel namentlich geriet alles aus Rand und Band. Allabendlich kam es zu abscheulichen Händeln und zu blutigen Schlägereien. In den schmutzigen Höhlen des Viertels, wo sonst die Matrosen aller Mittelmeerhäfen sich höchstens roh betranken und mit Dirnen anbandelten, belustigten sich jetzt halb wahnsinnige junge Einsiedler, die abgefallen waren und sich für die furchtbaren Kasteiungen von Monaten und Jahren entschädigen wollten, in unerhörten Orgien. Die Kneipwirte verlangten von ihnen keine Bezahlung, und die Dirnen warfen sich ihnen leidenschaftlich oder in abergläubischer Hoffnung in die Arme. Darüber zog mancher Matrose das Messer.

Kamen dann echte Bußprediger etwa um Mitternacht hinzu, gossen die Krüge aus, schlugen ihre abgefallenen Brüder, dann erbaten die Mädchen wohl in Verzückung den Segen der Wüstenheiligen und rutschten vor ihnen auf den Knien. Und christliche Matrosen aus Karthago oder Kleinasien stellten sich zu den Anachoreten, heidnische Schiffsleute aus Spanien und Marseille warfen sich entgegen, und mancher herabgekommene alte Ägypterheide schaute vom Kredenztisch dem Treiben zu, wie ein Grieche in der Arena dem Kampfe wilder Bestien.

Nicht nur der Statthalter und die friedliebenden Bürger waren empört über diese Ausschreitungen. Der Erzbischof selbst wurde unruhig, und wenn er auch jeden Geistlichen mit seinem ganzen Ansehen gegen die Staatsgesetze und die Polizeiverordnungen schützte, so sandte er doch Boten über Boten nach dem Gebirge. Wenn Isidoros nicht bald kam und die Führung an sich riß, so konnte im Handumdrehen ein Straßenkampf oder ein energischer Entschluß der Behörden die schrankenlose Herrschaft der Geistlichen brechen. Noch waren kaiserliche Erlasse in Kraft, welche zur Strafe für alte Sünden Mönchen und Einsiedlern den Aufenthalt in der Stadt verboten. Die Stimmung in Alexandria wurde der Staatsbehörde zu günstig; wenn Orestes jetzt fest zugriff und die Gesetze in Anwendung brachte, so kam Isidoros vielleicht zu spät, und die Kirche mußte sich wenigstens für einige Jahre wieder dem Staate beugen.

So wie sie in Alexandria lebten, hatten die Einsiedler offenbar vergessen, was sie in der Stadt sollten. Oder vielleicht glaubten sie auch die Arbeit schon getan. Von den Nazarenern und anderen christlichen Ketzern war im öffentlichen Leben nichts zu hören. Im Judenviertel war gründlich aufgeräumt worden, und auch Hypatia begann ja endlich den Zorn der Kirche zu verspüren. Immer häufiger wurden jetzt die Skandalszenen vor der Tür ihres Hörsaales, und viele Studenten ließen sich von den ewigen Balgereien abhalten, die gepriesene Vorlesung weiter zu besuchen.

Das war ja für den Anfang ganz nett, aber auch hier in war die Stadt mit dem frommen Eifer nicht zufrieden. Man hatte in Alexandria über die schöne Hypatia natürlich ebenso freche Witze gerissen wie über die Pompejussäule, über die Nadeln der Kleopatra und über andere Sehenswürdigkeiten. Wenn aber ein verrückter Mönch, ein Klostermaler aus Konstantinopel, alles Ernstes vorschlug, mit ungeheuren Maschinen die Nadeln der Kleopatra umzuschmeißen, weil sie Denkmäler heidnischen Pharaonentums wären, so empörte sich dagegen der Lokalpatriotismus der Alexandriner. Und wenn Hunderte von Studenten erklärten, sie würden das nächste Semester nicht mehr in der Pfaffenstadt verbringen, sondern nach einer der neuen und freien Universitäten oder gar nach dem uralten Sitz in Athen auswandern, da wurden nicht nur die Zimmervermieter böse auf die Kutten und Einsiedler, sondern überall in der Stadt verlangte man ein Ende dieser Invasion von Wilden. Es sei eine Schmach, daß eine Welthandelsstadt sich von tausend Mönchen und hundert noch unwissenderen Einsiedlern tyrannisieren lasse.

Unter den Hafenarbeitern entstand das verbürgte Gerücht, der Erzbischof habe durch heimlichen Getreidewucher den hohen Preis der Brotfrucht herbeigeführt und wolle ihn bis aufs Doppelte steigern. Kyrillos lasse in allen Kirchen gegen die nächste Nilüberschwemmung beten. Er wünsche eine Hungersnot, um sein Getreide zu unmenschlichen Bedingungen loszuschlagen. Einer Abordnung der Kaufmannschaft gegenüber äußerte Orestes selbst, er fürchte viel für den Handel der Stadt, da die Klosterpröpste für verschiedene Waren ein Fabrik- und Handelsmonopol zu erreichen suchten. Wenn das so fortgehe, werde nach zwanzig Jahren ganz Ägypten der toten Hand gehören. Orestes sprach damit Befürchtungen aus, welche ernste Unterlagen hatten. Kyrillos schritt zielbewußt vor, um das römische Reich in eine wirtschaftliche Abhängigkeit von Ägypten zu bringen.

Am Nachmittag vor dem Palmsonntag fuhr der Statthalter in seinem neuen Galawagen bei der Akademie vor und machte der schönen Hypatia eine Staatsvisite. Er wollte ihr ankündigen, daß er demnächst in Begleitung seiner höchsten Beamten ihre astronomische Vorlesung besuchen würde, um öffentlich zu bekunden, daß der Kaiser und das Reich in ihren Lehren nichts Bedenkliches fänden, vielmehr in ihr eine Zierde der Wissenschaft und eine Stütze der Ordnung verehrten.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich vom Haupttor der Akademie her die Nachricht, daß der Statthalter die schöne Philosophin in seinen besonderen Schutz genommen und ihr die Vertreibung der Mönche und die Hinrichtung des Erzbischofs versprochen hätte.

Oben im Empfangzimmer Hypatias klang, was der Statthalter sagte, freilich weniger stolz. Wohl versprach er der schönen Freundin, unter ihren Zuhörern zu erscheinen, aber aufrichtig klagte er ihr seine Sorgen und gestand ihr, daß er in seinem Alter sich den Wühlereien des Erzbischofs nicht mehr gewachsen fühle. Beklommen fragte Hypatia, ob ihre Person vielleicht die Schwierigkeiten vermehre. Orestes wollte das nicht zugeben, aber sein Nein war nicht freudig und entschieden. Er fragte scheinbar nebenher, ob Hypatia wirklich daran denke, von ihrem Lehramt zurückzutreten und als Gattin des edlen Synesios im Privatleben aufzugehen.

Hypatia war blasser als gewöhnlich; jetzt errötete sie und faßte ihren treuen Marabu beim Kragen. Der Vogel war vor dem Statthalter mißtrauisch zurückgewichen, hatte ihn böse angeschielt und sah jetzt mit eingeknickten Füßen neben ihrem Stuhl.

»Sie wollen uns nicht mehr, du altes Tier,« sagte sie und klopfte den Vogel auf seinen Schädel. »Wir sollen ihnen Platz machen, ich den Mönchen und du den Raben und Papageien.«

Der Marabu öffnete seinen breiten Schnabel vor Vergnügen und kroch mit dem Kopfe zwischen die Schultern zurück.

Meineid und Trug! Treulose Menschen! Feig der Pöbel und falsch die Fürsten! Treulos sind all deine edlen Träume. Echt ist allein, was ich dich lehrte: formales Denken, Mumien deuten, Mathematik und Astronomie und ein hartes, steinernes Storchenherz.

Hypatia erhob sich und sagte:

»Ich danke Exzellenz für die Absicht, eine meiner Vorlesungen besuchen zu wollen. Ich nehme die Auszeichnung an, nicht für meine Person, aber für unsere gemeinsame Sache.«

Orestes schaffte sich noch durch einige hübsche Worte einen guten Abgang; dann verließ er, von der Philosophin auf die Treppe begleitet, ihre Wohnung. Als er allein war, ging es ihm durch den Kopf, was denn seine und Hypatias gemeinsame Sache eigentlich war. Die alten Götter? Hypatia glaubte nicht an sie, und er glaubte an nichts. Der römische Staat? Der lag wohl im Sterben.

Orestes wollte nun den guten Bürgern der Stadt das erfreuliche Schauspiel einer Rundfahrt des Gala-Wagens gönnen und befahl, um den Hafendamm herum nach dem Alexanderplatz und von dort den Korso entlang zu fahren. Es war ein halber Feiertag, und geputzte Leute füllten die Hauptstraße. Es wimmelte da von Kutschen und Reitern. Man hatte völlig vergessen, daß vor kurzem erst ein ganzes Stadtviertel ausgeplündert worden war und daß die Verbrecher immer noch ungestraft umhergingen. Kein Kuttenträger war auf dem Korso zu erblicken. Aus Eitelkeit gingen, wie man in Alexandria sagte, die Mönche erst bei Nacht aus.

Ab und zu tauchte unter den buntgekleideten Menschen der struppige Kopf eines Einsiedlers auf. Es waren ungewaschene Gesellen, und ihre Schafspelze fielen selbst in dem Gedränge der breiten Bürgersteige auf. Aber es zeigten sich fast durchaus die harmlosesten von den Büßern, neue Ankömmlinge, welche vorerst staunend die hohen Gebäude und die glänzenden Verkaufsläden besichtigten und stumm und geblendet ihren Haß und ihre Begierde nährten. Nur vor einer griechischen Buchhandlung, die auf hölzernen Gestellen Literaturwerke liegen hatte, stand ein predigender Anachoret. Er forderte alle frommen Christen auf, ganz einfach Feuer in die Buchhandlung zu werfen und lieber die ganze Stadt in Flammen aufgehen zu lassen, als länger den Greuel der heidnischen Bücher unter Gottes Sonne zu dulden. Man habe die Bibel und daran sei es genug. Feuer sei die beste Arznei für die ganze sündige Menschheit, Feuer für die verruchte Stadt, Feuer für die Bücher und für die weltberühmte Bibliothek, die doch nichts wäre als eine Erfindung des höllischen Teufels.

Orestes mußte ein Stück von dieser Predigt anhören, weil die Pferde im Gedränge nur langsam vorwärts kamen. Das Publikum machte dem Wagen nur zögernd Platz, und der Statthalter sah nicht eben freundliche Gesichter zur Rechten und zur Linken in sein halboffenes Gefährt hineinstarren. Aber er glaubte seine Alexandriner zu kennen. Mit spöttischem Lächeln streckte er den Kopf ein wenig vor und rief laut genug, daß es viele hören konnten:

»Der junge Mann hat zu viel Feuer. Man sollte ihn löschen.«

Im Nu wurde das Wort lauter und witziger wiederholt, und unter Hochrufen und Beifallklatschen und schallendem Gelächter konnte der Statthalter weiterfahren. Er grüßte freundlich mit der Hand zurück.

Je weiter Orestes nach dem Westende der Stadt kam, desto unansehnlicher wurden Gebäude und Läden, und desto bunter und wirrer wurde das Treiben der Bevölkerung. Hier mischten sich steife, ernste Ägypter mit den lebendigen Nachkommen der Makedonier. Und die verschiedenen Trachten und Sprachen des Matrosenviertels reichten bis hier heran. Ehrfurchtsvoll machte man überall dem Statthalter Platz. Er fuhr durch das alte Wüstentor hindurch und wollte mit einer Spazierfahrt um die verlassene Totenstadt die Mühen des heutigen Tages beendigen. Die beiden Spitzenreiter erhielten den Auftrag, durch die lange und schmale Balsamiererstraße schnell voraus zu galoppieren, um unliebsame Begegnungen zu verhindern. Denn wenn dem Galawagen hier eine Kamelkarawane oder auch nur eine Ochsenherde entgegenkam, so hätte eine der beiden Parteien umkehren müssen. Und Orestes wußte aus Erfahrung, daß in einem solchen Fall immer der Klügere nachgab, also natürlich der Statthalter des Kaisers. In gemächlichem Trab folgte seine Kutsche, und Orestes betrachtete wieder einmal mit gelehrtem Interesse die seltsam hingestreuten Lehmhütten, welche heute dicht vor dem Tor der stolzen Handelsstadt noch ebenso gebaut wurden wie zur Zeit der Pharaonen. Die Ägypter hätten es für eine Entheiligung der Götter angesehen, wenn sie in menschenwürdigen lichten Häusern gehaust hätten. Ägyptische Priester lehrten, daß die Wohnungen der Toten besser zu halten seien als die Wohnungen der Lebenden.

Orestes brummte etwas von verdammten Pfaffen vor sich hin und glaubte eben, an den Ruinen des Serapeums vorüber, bald ins Freie zu gelangen, als wieder ein Auflauf seinen Pfad hemmte. Vor einer der größeren Lehmhütten hielt ein feister Mönch eine Art Ausverkauf. Orestes ahnte, daß das Warenlager aus der Plünderung der Judenstadt herstammte. Das Innere des Lehmhauses schien dicht gefüllt, und auf der Straße hinter einem rohen Tisch stand und lag die Beute umher. Es waren griechische und ägyptische Götter, wie sie für den Luxus der Reichen und für das Kultusbedürfnis der Ärmsten in dem großen Geschäft von I. Kohen, hinter der Bethlehemskirche, verkäuflich gewesen waren. Marmorkopien der schönsten Statuen von Olympia, rohe faustgroße Tonfiguren mit Hundsköpfen oder Reiherschnäbeln, zierliche Frauengestalten aus bemaltem und vergoldetem Tongut, Votivtafeln, abscheuliche menschliche Gliedmaßen in Gips und Wachs, dazwischen bronzene Dreifüße und andere heidnische Tempelgeräte, Kindermumien, große und kleine Skarabäen, und endlich eine Menge spaßhafter Karikaturen, welche zu Leuchtern, Trinkgefäßen oder auch bloß zum Zierat dienten.

Der fromme Erwerber dieser zweifelhaften Kunstschätze wollte sie offenbar schnell und um jeden Preis losschlagen. Das Volk, welches seinen improvisierten Läden umstand, riß ihm namentlich die stierköpfigen Götzen aus den Händen; die wertvolleren griechischen Arbeiten konnten hier nicht so leicht Käufer finden.

Orestes ließ seinen Wagen ein Weilchen halten. Die Straße war nun einmal gestopft und er wollte die Gelegenheit doch benutzen, zu sehen, ob er hier vielleicht den schönen Hermes für ein Spottgeld kaufen konnte, für den Kohen vor dem Judenmord eine so unverschämte Summe verlangt hatte.

Du lieber Hermes, die Plünderung der Judenstadt war ja ein Verbrechen; wenn man aber für wenig Geld zu einer schönen Statue kommen konnte...

Orestes war im Begriff auszusteigen, um dem frommen Verkäufer die Ehre seines Besuches zu geben, als er wieder rasch zurückfuhr und den Befehl gab, vorwärts zu fahren. Aus einer Nebengasse, so schmal, daß gewiß keine drei Menschen nebeneinander gehen konnten, stürzten plötzlich zwei Einsiedler und einige Mönche heraus. Die Mönche gehörten nach ihrer Kleidung einem anderen Kloster an als der Verkäufer. Im Nu hatten sich die heiligen Männer um den Tisch gesammelt und auf den Verkäufer gestürzt. Der eine der Einsiedler faßte ihn bei der Kapuze und begann ihn regelrecht durchzuprügeln, der andere Einsiedler sprang auf den Tisch und hub an zu predigen, die Mönche warfen sich aber auf den Warenvorrat und schlugen kurz und klein, was sie fassen konnten.

Der Bußprediger wetterte gegen das Heidentum, die Fleischeslust und die Begier der Mönche. Der Geprügelte schwor unaufhörlich, er wolle Buße tun, er wolle sich dem Erzbischof zu Füßen werfen. Vom Publikum liefen einige mit ihren kleinen Götzen davon, ohne zu bezahlen, andere blieben lachend stehen, und die meisten eilten in das Gebäude hinein, wohl selbst noch unsicher, ob sie plündern oder zerstören sollten.

Die Gasse wurde etwas freier, und der Kutscher versuchte weiterzukommen. Da streckte der Prediger beide Arme zum Himmel und schrie, als ob man ihn bis nach der Kathedrale hören sollte:

»Da bist auch du, Kain, Brudermörder, Abschaum der Menschheit, du! Abtrünniger Königsdiener, der du mein Volk durch dein ruchloses Beispiel hinabzerren willst in die Hölle!«

Der Kutscher traf geschickt beide Rappen mit einem Peitschenschlag. Die Tiere bäumten sich im Geschirr. Die Nächststehenden wichen zur Seite, und schon schien der Weg frei, da sprang der Einsiedler vom Tisch herunter, fiel dem Handpferd in die Zügel, riß es, unbekümmert um die Peitschenhiebe, die ihn trafen, mit fester Faust zurück und fuhr fort, den Statthalter mit Schimpfworten und mit biblischen Vergleichen zu überhäufen. Er allein vollführte einen so großen Lärm, daß von weither Menschen herbeiströmten und schon nach einer Minute die Gasse vorwärts und rückwärts gesperrt war.

Im Hause hatten inzwischen Diebstahl und Zerstörung begonnen. Unaufhörlich hörte man es krachen und klirren, und alle Augenblicke flog aus der Tür eine griechische oder ägyptische Gottheit auf das Pflaster hinaus oder es entfloh auch ein Mann mit Göttern unter dem Arm.

Das Publikum schien im ganzen nicht bösartig, nur die vierzig oder fünfzig Menschen, welche den Wagen des Statthalters umdrängten, waren Pfaffen oder Fanatiker; sie wiederholten die Schmähungen des Einsiedlers oder drohten mit den Fäusten. Die Weiterabstehenden, welche freilich durch ihre bloße Anwesenheit die Gefahr vermehrten, waren entweder gutmütige, an blinden Gehorsam gewöhnte Ägypter, oder die stillen Christen dieser Gegend, welche die Kirche nicht besuchten und im Verdachte der Ketzerei standen.

Die Lage des Statthalters wurde unbehaglicher. Er konnte den Beleidigungen nichts als seine ruhige Würde entgegensetzen, und das schien namentlich den Einsiedler aufzubringen, der die Zügel losgelassen hatte und jetzt dicht am Wagenschlag zur Rechten des Statthalters stand und ihm gemeine Reden entgegenrief.

Endlich entschloß sich Orestes, sein Schweigen zu brechen.

»Wer bist du, daß du den Statthalter des Kaisers aufzuhalten wagst?«

»Wer ich bin? Ich bin Ammonios aus dem heiligen Gebirge. Ich habe seit zwölf Jahren mich nicht satt gegessen und mich nicht satt geschlafen. Ich habe mein Bein mit dem Hals einer Hyäne zusammengekettet und drei Jahre mit ihr allein in einer Höhle gehaust und nachts mit ihr um mein Leben gekämpft. Hier! und hier! Da sind meine Wunden, erworben im Streite für den Gott der Heerscharen. Der bin ich! Wer aber bist du? Du Sohn des Satans, du Feind der Kirche, du Hund von einem Heiden!«

»Ich bin ein Christ wie ihr,« sagte Orestes mit feierlicher Betonung; »vor dreißig Jahren hat mich in Konstantinopel der Bischof Attikos selbst getauft.«

Wutgebrüll und Gelächter war die Antwort.

»Seit dreißig Jahren erst Christ! Der alte Mann! Er ist kein Christ! Ein getaufter Grieche! Sohn von Heiden und selber Heide! Aufgewachsen im Heidengreuel! Er hat den Götzen geopfert! Menschenopfer! Christenkinder!«

Und alle Fäuste streckten sich nach dem Statthalter aus. Ammonios trat einen Schritt zurück, stieß den Kauftisch um, bückte sich und hob den losgeschlagenen Arm einer Marmorstatue vom Boden auf. Es war ein Apollon von guter Arbeit gewesen. Eben war der Gott durch die Tür hinausgeflogen und der ausgestreckte Arm war abgebrochen. Ammonios faßte den Marmorarm über dem Handgelenk, schwang ihn empor und schmetterte ihn mit dem Rufe: »Antichrist!« gegen den Kopf des Statthalters.

Zum Glück für diesen streifte der Stein das Leder des Kutschendaches, und mit abgeschwächter Wucht fiel der Arm des steinernen Gottes nieder. Dennoch sank Orestes ohnmächtig zurück. Von der Stirn, dicht über dem Auge, floß das Blut nieder.

Alle blickten entsetzt drein. Nur Ammonios fuhr fort, den getauften Griechen zu verfluchen und suchte nach einer neuen Waffe. Der Marmorarm war zerschlagen.

Da erscholl von rechts wildes Pferdegetrappel. Es waren nur die beiden Spitzenreiter, welche zur Hilfe herbeieilten. Das genügte aber, um die Lage sofort zu ändern. Die Mönche und die anderen Angreifer suchten ins Haus und in die Seitengasse zu entkommen; Ägypter und Ketzer drängten sich schützend um den Wagen. Mit gezogenem Pallasch sprengten die beiden Soldaten heran, hieben sich bis zum Wagen durch und schafften freie Bahn. Unter furchtbarem Geschrei wurde ihnen Ammonios, der immer noch weiter verfluchte, überantwortet. Einige Ägypter banden ihn mit einem ausreichend langen Seile an der Wagendeichsel fest.

Da die Pferde nicht umkehren konnten, fuhr der Kutscher langsam bis auf den Platz des Serapeums und von dort so rasch wie möglich ins Palais zurück. Orestes war noch nicht zum Bewußtsein zurückgekommen.

Ammonios lief, obgleich ihm die Arme schmerzhaft auf dem Rücken zusammengeschnürt waren, mit hocherhobenem Kopfe und unter Büßpredigten neben dem trabenden Handpferde her.

Die Reiter und der Wagen nahmen durch stille Gassen ihren Weg; dennoch hatten sie bald ein mächtiges Gefolge.

Der Statthalter sei von den Mönchen ermordet, hieß es.

Als der Zug im Palais ankam, drängten sich mehr als tausend Menschen heran.

Orestes war aus seiner Ohnmacht erwacht. Er ließ die Wunde untersuchen und verbinden und hörte gleichzeitig die Meldung, daß der Mordgeselle unten im Hofe vom Pöbel gemartert werde. Wenn der Statthalter ein ordentliches Gericht über ihn wünsche, so müßte der Menschenhaufe gewaltsam zerstreut werden.

Orestes antwortete nicht.

Dumpf tönte in sein Schlafzimmer das Geschrei der Menge, dazwischen der Gesang des Einsiedlers und hier und da ein gräßlicher Schmerzensruf. Noch einmal drang einer der Sekretäre in den Statthalter, eine Entscheidung zu treffen.

Der schwieg, und auf einmal wurde es draußen still.

Der Statthalter erfuhr eine Minute später mit unbewegtem Gesicht, daß Ammonios die Marter nicht überstanden habe. Was jetzt mit dem Leichnam geschehen solle? Der Pöbel sei im Begriff, ihn vor dem Tor des Palais an einen Laternenpfahl aufzuhängen.

Orestes hatte nicht übel Lust, der Lynchjustiz noch weiter freien Lauf zu lassen.

Da kam jedoch das Bollwerk herauf schon eine Prozession von Mönchen, der Erzbischof und sein ganzer Stab an der Spitze, und verlangte Einlaß in das Palais. Kyrillos hatte vom Statthalter die Auslieferung des Ammonios verlangen wollen, unter dem Vorwande, daß ein Geistlicher, also auch ein Einsiedler, nur von seinem geistlichen Vorgesetzten gerichtet werden könne.

Als die Mönche den Leichnam des Ammonios erblickten, erhoben sie ein Zetergeschrei. Kyrillos aber beruhigte sie mit einer Handbewegung.

Ruhig wünschte er von dem Sekretär, der ihm entgegengeeilt war, bei Seiner Exzellenz vorgelassen zu werden. Er wolle dem Statthalter des Kaisers sein Bedauern über die Ausschreitung des Einsiedlers, seine Entrüstung über den Meuchelmord und endlich die dringende Bitte aussprechen, daß ihm der Leichnam sofort ausgeliefert werde.

Der Sekretär lief ins Palais zurück. Kyrillos schritt langsam an der Spitze der nachrückenden Mönche in den Hofraum hinein. Scheu machte das Volk ihm Platz, und bald hatten Mönche und Einsiedler den größeren Teil des Raumes erfüllt. Der Leichnam lag in ihrer Mitte.

Der Sekretär kam wieder mit dem Bescheid, Seiner Erzbischöflichen Gnaden die Entrüstung des Statthalters über das Attentat und sein Bedauern über die vorschnelle und ungesetzliche, aber nicht unverdiente Züchtigung auszusprechen. Den Leichnam des Mordgesellen könne Erzbischöfliche Gnaden mit fortnehmen. Seine Exzellenz seien schwer verwundet und nicht in der Lage, Besuch zu empfangen. Wieder erhob Kyrillos nur den Zeigefinger der rechten Hand, und die Mönche und Einsiedler schwiegen. Langsam zogen sie sich auf die Straße zurück und ihrer sechs trugen den hageren Körper des Einsiedlers davon, bis sie zweihundert Schritte weiter einen leeren Karren am Bollwerk fanden und den Leichnam dort niederlegten, ungewiß, was Kyrillos befehlen würde. Dicht umdrängten die Kuttenträger und die Einsiedler den Karren. Wohl ihrer vierzig hatten die Hand auf das Gefährt gelegt, um jeden Augenblick zum Weiterzug bereit zu sein. Immer noch wuchs die Volksmenge, welche sie umgab. Auch viele von den Männern, welche den Mordbuben zu Tode gepeinigt hatten, standen jetzt hinter den Geistlichen.

Kyrillos war nicht weit von dem Karren und beriet sich leise mit einigen der alten Herren. Plötzlich schritt er wieder voran, und im selben Moment begann auch der Karren mit dem Leichnam hinter ihm herzurollen, ohne daß einer der Mönche sich zu seiner Fortbewegung besonders angestrengt hätte.

»Ein Wunder! Ein Wunder!« schrie es aus der Gruppe der Einsiedler, und ohne daß jemand wußte, um was es sich handelte, wiederholte der ganze Volkshaufe stürmisch und jubelnd: »Ein Wunder! Ein Wunder!«

Kyrillos warf einen frohen und innigen Blick zum Himmel empor und lieh sich Bericht erstatten. Es war kein Zweifel. So wie der Erzbischof sich in der Richtung nach der Kathedrale in Bewegung setzte, folgte ihm die schlechte Leichenbahre auf ihren Rädern nach. Es genügte, daß die frommen Männer eine Hand auf die Seitenlehnen legten. Kyrillos untersuchte die Erscheinung genau. Von selbst, wenn alle Mönche zurücktraten, bewegte sich der Karren nicht. Sowie aber vierzig bis sechzig Hände der heiligen Männer das Holz berührten, rollte das Gefährt hinter dem Erzbischof drein und folgte ihm genau in der Schnelligkeit, die ihm selber beliebte.

»Ein Märtyrer! Ein Wundertäter!« sagte nun Kyrillos laut und faltete die Hände und schritt voran und rief: »Lasset uns Gott für seine Gnade danken!«

Rasch eilte der Erzbischof auf seine Kathedrale zu. Im dichtesten Gewühl folgte ebenso rasch der Leichnam, nur hier und da zögernd, wenn andere Mönche die Zunächststehenden ungeduldig beiseite stießen, um auch ihrerseits einer Berührung des Wagens gewürdigt zu werden. So war man schon am Fuße der Kathedralentreppe angelangt, schon öffneten sich weit die Flügeltüren vor dem betenden Erzbischof, und schon war die unwürdige Bahre mit dem Leichnam des Wundertäters über die Stufen hinweggeschritten, getragen oder geflogen, niemand wußte recht zu sagen, wie.

Ein wilder Ansturm gegen das Kircheninnere folgte. Nicht nur alle Mönche und Einsiedler wollten dabei sein, wenn der Erzbischof den neuen Märtyrer und seine Wunder öffentlich verkündete, auch das müßige Volk drängte ungestüm hinein. Die Kirchendiener wären ohnmächtig gewesen. Und nur den Püffen und Schlägen der Mönche gelang es, einen kleinen Raum vor dem Altar für die Domgeistlichkeit und den Körper des Ammonios frei zu halten. Namentlich eine Menge Weiber und Dirnen aus dem Matrosenviertel waren leidenschaftlich bemüht, die Hand des Toten zu küssen oder wenigstens so nahe heranzukommen, daß sie seinen Körper sehen konnten.

Während unter Stoßen und Drängen, Bitten und Schimpfen einigermaßen eine Art Ordnung hergestellt wurde, hatten Kirchendiener und aufwartende Knaben die Bahre zu schmücken begonnen. Bald umkleidete ein schwarzes Tuch den rohen Karren, und von Blumen umgeben lag Ammonios nun ganz stattlich in seinem Einsiedlerhabit auf dem Katafalk. Aber nicht nur die Weiber waren von der Aufmachung entzückt. Was diese mit lauten Ausrufen bewunderten, das lobten flüsternd die Mönche. Wie schön er da lag! Es war doch eine große Ehre, Märtyrer zu werden.

Dicht hinter der Bahre erhob sich der Altar mit einer symbolischen Darstellung des Weltenrichters. Rechts und links vom Bildwerk hatte man eben erst mächtige Palmenwedel befestigt, so dicht, daß das Gemälde, von vielen Wachskerzen beleuchtet, zwischen den Wipfeln eines lebendigen Palmenhains wie ein Wundergnadenbild herunterblickte.

Der Erzbischof selbst wollte die Ansprache an die Versammlung halten. Er hatte am Katafalk ein stilles Gebet gesprochen und wandte sich eben der Tribüne zu, als einer der Palmzweige zu seinen Häupten sich löste und langsam niederfiel. Mit einem raschen Griff fing Kyrillos den Zweig im Fluge auf und legte ihn feierlich in die Hand des Toten. Dann bestieg er die Tribüne und begann: »Wunder über Wunder geschehen! Zeichen über Zeichen! Der Herr selbst führt seine Getreuen zum Siege über die Rotte der Gegner! Der Weltrichter selbst hat unserem teuren Toten den Palmzweig des Märtyrers zuerkannt und ihn vom Himmel auf sein Irdisches hinabgeschickt.«

In diesem Tone redete Kyrillos wohl eine Stunde lang. Seine schöne Stimme füllte rollend die weite Halle, und da war keiner, der durch den Redner nicht gereizt worden wäre zum Zorn gegen den Statthalter und gegen alle Feinde der Kirche. Das sichtbare Wunder habe Gott zur Belohnung getan, wegen des Eifers in der Judenstadt. Vielleicht kämen noch stärkere Wunder nach, wenn der Eifer sich auch gegen die antichristliche Hexe wandte, gegen die Heidin Hypatia, die noch schlimmer war als die jüdischen Gottesmörder. Über die Räume der Kathedrale hinaus ging die Wirkung. Schnell wie ein Wirbelwind hatte sich von Tor zu Tor, von Schiff zu Schiff die Nachricht verbreitet, der Statthalter habe einen heiligen Mann zum Märtyrer gemacht und die Leiche sei vor aller Augen sichtbarlich von Engelscharen in die Kirche getragen worden, wo der Erzbischof sie segne, damit das Volk gesegnet sei und das Jahr fruchtbar. Von überallher strömte die Menge zusammen. Tausende und Abertausende drängten sich vor der Kathedrale. Hier erfuhren sie, daß der heilige Ammonios fortfuhr, Wunder zu tun, Kranke zu heilen, Tote zu wecken, und daß ihm ein Engel die Palme der Märtyrer vom Himmel gebracht habe.

Weit standen die Tore des Gotteshauses offen. Immer lauter und sehnsüchtiger wurde das Geschrei der Draußenstehenden. Auch sie wollten selig werden durch den Anblick des Märtyrers! Auch sie wollten gesund und reich und glücklich werden!

Drinnen schloß der Erzbischof seine Ansprache und traf seine Anordnungen. Durch die Sakristei hindurch sollten die Zuhörer langsam und ordentlich die Kirche verlassen, und so immer neuen Scharen Platz gemacht werden. Zwei Reihen von Mönchen sollten die Menge durch gütliches Zureden zum Ausgang lenken. Niemand sollte ausgeschlossen sein. Ganz Alexandria sollte in dieser Nacht des Segens teilhaftig werden, der vom heiligen Ammonios ausging. Der heilige Ammonios müsse Schutzpatron der Stadt werden, die noch bis vor kurzem stierköpfigen Göttern gehuldigt hätte. Die Stunde sei gekommen. Der Himmel warte jetzt auf ein Glaubenszeugnis seiner lieben Alexandriner. Dann sei die letzte Schlacht gegen das Heidentum geschlagen, sei gewonnen, sei erkauft mit dem köstlichen Blute des Wundertäters Ammonios.

Ruhig wurden die Befehle des Erzbischofs ausgeführt. Die Menschenwogen schoben sich schwer und langsam, aber ohne Stillstand dem Ausgang zu, und stürmisch und lärmend wie in einer Stromschnelle drängten und stürzten andere Menschenwogen durch das große Tor in die Kirche hinein. Die ersten, welche die Kirche verlassen mußten, hofften, noch einmal durch den Haupteingang Zutritt zu finden, und liefen um die Kirche herum, um auf dem Hafenplatz wieder Aufstellung zu nehmen. Aber da wartete schon die halbe Stadt auf die Gunst, Zutritt zu finden. Die Glücklichen, die den Heiligen geschaut hatten, konnten nur erzählen und wieder erzählen. Eine neue und schöne Legendengeschichte entstand in dieser Nacht auf dem Hafenplatz von Alexandria.

In der Kirche strömte das Volk langsam, langsam am Katafalk vorüber. Nach der Ansprache des Erzbischofs war es einige Zeit still geblieben. Nur das Toben und Schreien der Haufen, welche an der Kirchenschwelle um den Eingang kämpften, war zu hören. Der Erzbischof gab einen neuen Befehl und zog sich in seine Loge zurück.

Jetzt betrat in kürzeren und längeren Zwischenräumen ein Geistlicher nach dem anderen die Tribüne. Jeder, dem die Gabe des Wortes verliehen war, sollte sie heute gebrauchen. Domgeistliche, Mönche und Einsiedler stellten ihre Redner oder doch ihre Fanatiker. Wenige Minuten sprach der eine, eine Stunde und mehr der andere. Der ermahnte fromm und mild die Gemeinde zur Heiligkeit und zum reinen Glauben, der andere erzählte von den Gesichten der Wüste, von den Versuchungen des Satans und von der Riesenkraft der Gottesstreiter. Der dritte stieß Kriegsrufe aus gegen die letzten Heiden, gegen die gottlosen Beamten und den frivolen, atheistischen Hof in Konstantinopel.

Dann kamen – es war tief in der Nacht – plötzlich die Chorknaben in ihren weißen gestickten Hemden und schwangen ihre silbernen Weihrauchfäßchen zu Häupten des heiligen Ammonios.

Immer schwerer wurde die Luft der Kirche, immer trüber leuchteten rötlich schimmernd die Wachskerzen, immer tiefer brannten sie herunter. Immer seltener wurden die milden Prediger, immer wilder wurden die Phantasien der Einsiedler und die Hetzrufe der Mönche.

In ruhiger Würde saß Kyrillos auf seinem erhöhten Platz. Nervös trommelte er mit den Fingern auf der Brüstung. Einige junge Geistliche standen hinter ihm. Von Zeit zu Zeit sandte er einen fort, bald um einen ungeeigneten Redner von der Tribüne zu entfernen, bald um einen besseren zu beloben. Und dann wieder sandte er Boten nach seinem Palais. Ob immer noch keine Nachricht von Isidoros da wäre? Spätestens am Palmsonntag hätte er eintreffen wollen. Wenn er heute nacht eintraf mit seinen Wilden oder doch morgen in der Frühe, dann wehe dir, Statthalter des Kaisers, dann gnade dir Gott, Patenkind des Abtrünnigen!

Die Nacht verging. Niemand war müde. Immer noch traten neue Redner auf, immer noch strömten die Menschenwogen herein, immer noch war der Platz vor der Kirche gefüllt. Durch die Fensterhöhlen schimmerte graues Licht herein. Da erhob sich Kyrillos. Die Verehrung des Leichnams ging ihm zu langsam. Plötzlich, mit einem Schlage sollte sein Ammonios die Stadt gewinnen. Einige wenige Worte sprach er zu seinem Adjutanten, dann setzte er sich wieder nieder. Und bald trat ein neuer Redner auf, Hierax. Anfangs schien es, als sollte die geschulte Beredsamkeit des Mannes abfallen gegen die letzten Mönche und Einsiedler, welche ihre Worte wie Feuerbrände in die Masse geworfen hatten und von denen einer noch aufmerksam angehört wurde, als er mit Schaum vor dem Munde eine unverständliche Sprache redete. Hierax versuchte ruhig die Ergebnisse dieser ganzen Nacht zusammenzufassen. Auf einmal aber starrte er auf den Leichnam und schrie auf und schrie noch einmal auf und verkündete dann mit zitternder Stimme, daß Ammonios, sein seliger Freund, so eben die Hand bewegt habe, zum Zeichen, daß er neue Wunder tun, daß er sich aus eigener Kraft nach einem anderen Orte bewegen wolle.

Wie eine langgestreckte Brandungswoge wälzte sich die Menge bei dieser Nachricht auftosend und jubilierend einen Schritt vor. Im Nu war der Katafalk von allen Mönchen dicht umdrängt, und hunderte Stimmen riefen: »Platz, Platz für den Toten! Platz für den Heiligen! Ein Wunder! Platz für ein Wunder!« Wie im Sturm schob sich alles innerhalb der Kirche hin und her. Männer und Frauen schrien auf wie in Todesnot. Ohnmächtige verschwanden unter den Füßen. Aber es gelang. Eine Gasse bahnte sich wie von selbst. Offen wurde der Katafalk zwischen den beiden Menschenmauern hindurchgeschoben. Ihn durch das Tor zu bringen, schien kaum möglich. Doch auch das glückte. Und dann auf den Schultern von so viel Mönchen, als dicht gedrängt unter dem Karren Platz hatten, hinaus, über die Freitreppe hinab und in den wahnsinnig aufbrüllenden Haufen hinein. Dann zeigte der Heilige wieder selbst den Weg.

Hierax, schritt jetzt voran. Kyrillos ließ sich nicht mehr sehen. Eine schwarze Masse von Mönchen umdrängte den Katafalk; sie legten Hunderte von Händen auf. Der Katafalk rollte vorwärts und der festgekeilte Menschenhaufe machte Platz. Auch das nur durch ein Wunder.

Um die Kirche herum, über das Bollwerk und am Palais des Statthalters vorüber zog das Wunder.

Furchtbare Racherufe tönten zum Palais hinauf. Doch Ammonios blieb nicht stehen.

Hinter dem Alexanderplatze, wo inmitten eines weiten gartenähnlichen Haines ein grüner Hügel mit einer Kapelle von einziger Pracht sich erhob, hielt der Zug. Die Menge war fieberhaft gespannt auf den Willen des Heiligen. Wollte er einen Triumphzug durch die geplünderte Judenstadt halten? Wollte er einige Tagemärsche weit bis auf den Berg Sinai ziehen und dort in altgeweihtem Boden ruhen? Plötzlich schien Hierax, einem Gebote des Heiligen zu folgen. Er schritt weiter, und der Katafalk folgte. Im strahlenden Tageslicht, im Angesicht der aufgehenden Sonne, zog die Masse über Sträucher und Blumen hinweg, geradeaus auf den Hügel zu und den Hügel hinauf. Wohl genügte die Wunderkraft nicht, um die Bäume umzuwerfen und den Karren aufwärts zu bewegen. Aber jetzt war kein Zweifel und kein Halten mehr. Aufschreiend vor Freude trugen die Mönche das Gefährt zwischen den Platanen empor, und Hunderttausend schrien mit und dankten Gott und waren glücklich; jedermann wußte jetzt, was der Heilige wollte.

Auf dem Hügel stand die Kapelle; ihr Dach war getragen von den schönsten Säulen von parischem Marmor. Das Dach war golden und goldene Perlenbänder umgaben die Säulen, dort, wo sie auf dem Boden ruhten und dort, wo sie schlank die stolzen Kapitale trugen. Herrlich war die durchbrochene Bronzetür des Heiligtums, von innen heraus glänzte es von edlem Gestein. In der Mitte stand einsam und groß ein Sarkophag von Gold, und im Sarge ruhte der Gründer der Stadt, Alexander der Große. Alexander der Heide, der Grieche, der Makedonier, der Gotteslästerer, den man nun lange genug als einen Götzen verehrt hatte und dessen Gebeine nicht länger die Nähe einer christlichen Kirche beschmutzen sollten, und das Innere einer Kapelle, die längst verdiente, heiligeren Zwecken zu dienen. Der liebe heilige Ammonios! Wie gut hatte er es getroffen. Welcher Segen für die Stadt, wenn der goldene Sarg die Reliquien eines Märtyrers umschloß.

Bleich vor Erregung und unentschlossen stand Hierax vor dem alten Wahrzeichen der Alexanderstadt. Er selbst stammte aus einem alten makedonischen Geschlecht. Aber jetzt konnte er nicht zurück: »Weiter! Werkzeuge!« Heilige Tat braucht keine Werkzeuge. Die Bronzetür flog aus den Angeln und der goldene Deckel des Sarkophags hob sich und was er enthielt, war nach wenigen Minuten verschwunden. Wirklich verschwunden. Der goldgestickte Purpurmantel oder die wenigen Fasern, die nach siebenhundert Jahren noch übrig waren, die Waffen, der Königsring mit dem großen blauen Stein, die seltsame Krone, alles verschwand, und die Vase mit der Asche Alexanders des Großen ging von Hand zu Hand, auch sie verschwand, die Vase und die Asche, Staub zu Staub.

Und dann lag der heilige Ammonios im Sarkophag Alexanders des Großen und hunderttausend Beter begrüßten mit einem frommen Gesang den Anbruch des Tages.

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