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Hymnen für die Erde

Walt Whitman: Hymnen für die Erde - Kapitel 28
Quellenangabe
typepoem
authorWalt Whitman
titleHymnen für die Erde
publisherInsel-Verlag zu Leipzig
year1947
translatorFranz Blei
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130704
projectid825cfcd5
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27

Walt Whitman, ein Kosmos, Manhattans Sohn,
Aufrührerisch, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend,
Kein Empfindsamer, keiner, der über Männern und Frauen steht oder abseits von ihnen,
Nicht mehr bescheiden als unbescheiden.

Schraubt die Schlösser von den Türen!
Schraubt die Türen selber von ihren Pfosten!

Wer einen andern erniedrigt, der erniedrigt mich,
Und was immer getan oder gesagt wird, fällt zuletzt auf mich.

Durch mich wogt und wogt begeisternder Hauch, durch mich der Strom und der Zeiger.
Ich spreche die urerste Losung aus, ich gebe das Zeichen der Demokratie.
Bei Gott, ich werde nichts annehmen, woran nicht ein jeder andre auch sein Gleichteil hat unter denselben Bedingungen!

Durch mich gehen lang verstummte Stimmen,
Stimmen unendlicher Geschlechter von Gefangenen und Sklaven,
Stimmen von den Kranken und Verzweifelnden und von Dieben und Krüppeln,
Stimmen von Kreisläufen der Vorbereitung und des Wachstums,
Und von den Fäden, welche die Gestirne untereinander verknüpfen, und von Gebärmuttern und väterlichem Zeugungsstoff.

Und von den Rechten derer, die von anderen unterdrückt wurden,
Der Mißgestalten, der Albernen, Flachen, Närrischen, Verachteten,
Nebel in der Luft, Käfer, Dungkügelchen rollend.

Durch mich tönen verbotene Stimmen,
Stimmen von Geschlechtlichem und von Begierden, verschleierte Stimmen, und ich ziehe den Schleier weg,
Unzüchtige Stimmen, von mir erhellt und verklärt.

Ich presse mir nicht die Finger auf den Mund.
Ich halte die Eingeweide für ebenso köstlich wie Kopf und Herz,
Begattung ist mir nicht anstößiger als Tod.
Ich glaube an das Fleisch und an die Begierden.
Sehen, Hören, Fühlen sind Wunder, und jeder Teil und Zipfel von mir ist ein Wunder.

Göttlich bin ich innen und außen, und ich mache heilig, was immer ich berühre oder was immer mich berührt.
Der Duft dieser Achselhöhlen ist ein Duft, feiner als Gebet,
Dieses Haupt mehr als Kirchen, Bibeln und Glaubensbekenntnisse.

Wenn ich ein Ding mehr verehre als ein anderes, so soll es der Umfang meines eigenen Körpers sein oder irgendein Teil von ihm.

Durchscheinende meine Form, du sollst es sein!
Schattende Ränder und Stufen, ihr sollt es sein!
Starker männlicher Bespringer, du sollst es sein!
Was immer mir zum Wohl ist, das soll es sein!

Du mein kostbares Blut! Du milchiger Strom, bleiche Nachmilch meines Lebens!
Brust, die sich an andere Brüste preßt, du sollst es sein!
Mein Hirn, deine geheimen Windungen sollen es sein!
Wurzel des wasserbespülten Kalmus, scheue Teichschnepfe, Nest mit geschützten Doppeleiern, ihr sollt es sein!
Vermischtes, verwirrtes Haar, Heu des Hauptes, Bartes, der Brauen, ihr sollt es sein!
Triefender Gast des Ahorns, kräftige Weizenfaser, ihr sollt es sein!
Sonne, reich spendende, du sollst es sein!
Dünste, die ihr mein Gesicht beleuchtet und beschattet, ihr sollt es sein!
Und ihr, feuchte Bäche, liebliche Taue, ihr sollt es sein!
Ihr Winde, deren sanft kitzelnde Genitalien über mich hinstreicheln, ihr sollt es sein!
Breitmusklige Felder, Steineichenzweige, die meine gewundenen Pfade lieblich beschattet, ihr sollt es sein!
Hände, die ich faßte, Lippen, die ich küßte, Sterblicher, den ich je berührt, ihr sollt es sein!

Ich bin in mich selbst vernarrt, diesen ganzen Kerl da, – und er ist so köstlich!
Jeder Augenblick und alles, was geschieht, durchzittert mich mit Freude.
Ich kann nicht sagen, wie meine Fußknöchel sich drehen, noch was meines leisesten Wunsches Ursach ist,
Noch die Ursache der Freundschaft, die von mir ausströmt, noch die Ursache der Freundschaft, die ich empfange.
Geh ich meine Treppe hinauf, so mach ich Halt und überlege, ob das Wirklichkeit ist.
Ein Morgenschimmer an meinem Fenster befriedigt mich mehr als die Metaphysiken in den Büchern.

Den Tagesanbruch zu schauen!
Das erste Licht macht bleichen die ungeheuren durchsichtigen Schatten,
Und die Luft schmeckt meinem Gaumen gut.

Sprossende Triebe der bewegten Welt erheben sich still mit unschuldigen Freudensprüngen,
Schräg schnellen sie hin in Höhen und Tiefen.

Etwas, das ich nicht sehen kann, richtet lüsterne Zacken empor,
Meere von glänzendem Saft überfluten den Himmel.

Die Erde bräutlich mit dem Himmel steht, beider täglich neu geschlossene Einung,
Die vom Osten her in diesem Augenblicke über mein Haupt wogende Herausforderung,
Der spottende Spaß: Sieh, ob du mich meisterst!

 

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