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Hüter des Friedens

Edgar Wallace: Hüter des Friedens - Kapitel 8
Quellenangabe
pfad/wallacee/hueter/hueter.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleHüter des Friedens
publisherGoldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
editorFranz Schrapfeneder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun1. Auflage
isbn3442064422
year1982
created20111030
projectid1de0a8f9
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Der Tierbändiger

Eingeborene sind eigentlich nichts weiter als große Kinder. Wenn man ihre Schandtaten und Vergehen unter diesem Gesichtswinkel betrachtet, wird man finden, daß es eben Unarten sind. Sie tun Böses, sind leidenschaftlich und haben einen Hang, alle Dinge zu zerstören, um das Geheimnis zu entdecken, das dahinter steckt. Ein Stamm, dem es sehr gut geht, ist für weniger vom Glück Begünstigte ein Geheimnis. Diese Leute kommen dann zusammen und befragen ihre Ältesten und Häuptlinge, warum ihre Rivalen soviel Erfolg haben. Die Häuptlinge können natürlich die nötige Erklärung auch nicht geben und rufen ihre Krieger zusammen, um die Frage zu lösen. Aber manchmal kommt dabei mehr heraus, als ihrem Glück und Wohlbefinden zuträglich ist.

Das Dorf Jumburu liegt am Rande des Buschlandes, wo die gesetzlosen Leute aller Nationen wohnen. Sie haben sich zusammengetan gegen einen gemeinsamen Feind – das Gesetz. Die Eingeborenen nennen dieses Gebiet B'wigini, das heißt: das Land, wo die Leute wohnen, die keinem Volke angehören. Die Bedeutung von Jumburu liegt darin, daß dort trotz seiner vorgeschobenen Lage noch Recht und Ordnung herrschen.

In Jumburu lebten zwei Brüder, O'ka und B'suru, die die Häuptlingswürde ihres Onkels, des berühmten K'sungasa, an sich gerissen hatten. Er war deshalb so berühmt, weil er seinerzeit bewundernswerte Gaben gezeigt hatte, die ihm bis zu einem gewissen Grade geblieben waren. Deshalb erfreute er sich auch noch des Lebens.

Er war nach allem, was man von ihm hörte, vollständig verrückt, und wenn nicht ganz besondere Umstände zu seinen Gunsten gesprochen hätten, wäre er von seinen Verwandten in die Wälder mitgenommen worden, die er so sehr liebte. Sie hätten ihm dort die Augen ausgestochen und ihn als Fraß für die wilden Tiere zurückgelassen. Denn so behandelte man Wahnsinnige und Verrückte bei einem Volk, das selbst nicht wußte, was es tat, indem es die strengsten und unerbittlichsten Maßregeln der Eugenik ausübte.

Hätten sie aber K'sungasa den reißenden Tieren ausgesetzt, so wäre das nichts anderes gewesen, als wenn sie ihn zu seinen liebsten Freunden gebracht hätten, denn er hatte eine merkwürdige Vorliebe für die wilden Bewohner des Waldes und sein ganzes Leben lang unter ihnen gelebt und sie geliebt.

Man erzählte sich, daß er durch ein Zungenschnalzen den Papagei mitten im Fluge anhalten konnte und daß sich der Vogel dann schreiend und flatternd auf seine Hand niederließ. Er konnte die kleinen Affen aus den höchsten Ästen herbeilocken, wo sie sich verborgen hielten, und selbst der wildeste Büffel wäre auf seinen Ruf zu ihm gekommen und hätte seinen braunen Arm beschnuppert.

Als dieser Mann den Verstand verlor, beschlossen seine Verwandten nach einem langen Palaver, in diesem Fall einmal die seit alten Zeiten geltende Regel außer acht zu lassen. Und da sie keine andere Methode für die Behandlung geistig Umnachteter kannten als die oben beschriebene, so erlaubte man ihm, mit all seinen Vögeln, Schlangen und Wildkatzen in einer großen Hütte am Ende des Dorfes zu wohnen. Die Verwaltung der Stammesangelegenheiten übernahmen seine beiden Neffen.

Distriktsgouverneur Sanders wußte das alles sehr wohl, aber er unternahm nichts. Er hatte das Land zu regieren, und er versuchte seine Aufgabe so zu lösen, daß sich das Land möglichst von selbst regierte. Als das Schicksal K'sungasas noch unentschieden war, sandte er den beiden Neffen des Häuptlings eine Nachricht, daß er in der Nähe sei und sie aufhängen werde, falls es ihnen einfallen sollte, den alten Mann zu blenden. Aber diese Tatsache hatte wenig Einfluß auf die Entscheidung der Verwandten gehabt, denn die beiden Neffen hatten ihnen die Botschaft gar nicht übermittelt. Ausschlaggebend für den Beschluß war nur K'sungasas Vorliebe für die wilden Tiere gewesen.

Es wäre auch alles gut gegangen, die Neffen hätten das Dorf regiert, ihren Tribut regelmäßig bezahlt, die Fischereirechte unter die Dorfbewohner verteilt und in kleinen und großen Dingen Recht gesprochen, wenn nicht eine Hungersnot gekommen wäre. Das Dorf hatte eine fürchterliche Mißernte, und es gab wenig Fische. Das Dorf L'bini aber, das man von Jumburu aus mit dem Boot in ein paar Stunden erreichen konnte, hatte eine so reiche Ernte, wie sie seit Menschengedenken noch nicht vorgekommen war, und in seinen Gewässern wimmelte es von Fischen.

So kam es denn zu dem unvermeidlichen großen Palaver und dem unvermeidlichen Beschluß. O'ka und B'suru führten zehn große Kanus gegen das Dorf L'bini, durch dessen Glück sich die Einwohner von Jumburu beleidigt fühlten, töteten ein paar Männer und brannten einige Hütten nieder. Zwei Stunden lang hallte der Wald wider von den Angstrufen der furchtsamen Frauen und dem Kriegsgeschrei der Kämpfenden, die Speere warfen und aufeinander einstachen. Aber plötzlich erschien Leutnant Tibbetts so unerwartet auf der Bildfläche, als ob er mit seinen Haussas vom Himmel herabgefallen wäre.

Und dann begann das große Gericht. Sanders sprach auf der Insel Recht, die mitten im Strom in der Nähe der Residenz lag. B'suru wurde auf Lebenszeit in das Dorf der Ketten geschickt, O'ka war nicht gefaßt worden, denn es war ihm gelungen, mit einem seiner Ältesten und einigen Gefolgsleuten in den Busch zu entkommen.

Leutnant Tibbetts, der zwei Tage im Dorfe von Jumburu zugebracht und dort viel gesehen und gelernt hatte, kam nachdenklich zur Residenz zurück.

»Was ist denn wieder mit Bones los?« fragte Captain Hamilton.

Seine Schwester lachte über ihrem Buch, sagte aber nichts.

»Weißt du es nicht, Patricia?«

Sanders schaute auch zu ihr hinüber, und es lag ein Lächeln in seinen grauen Augen. Die Beziehungen zwischen Patricia und Bones waren für ihn stets eine Quelle der Heiterkeit. Patricia hätte niemals ahnen können, daß der wortkarge und nach außen hin harte Mann sich innerlich vor Lachen manchmal ausschütten wollte, obwohl kein Muskel seines braunen Gesichtes in solchen Augenblicken zuckte und er vollständig gleichgültig aussah.

»Bones und ich liegen miteinander in Fehde«, erklärte sie schließlich.

»Hoffentlich ist Ihr Streit nicht so heftig wie der, den ich mit O'ka ausfechten muß?«

Sie zog die Stirn in Falten und schaute ihn ängstlich an.

»Aber im allgemeinen kümmern Sie sich doch nicht um die Drohungen der Leute, die Sie bestraft haben?«

»Leider habe ich O'ka nicht bestrafen können. Und eine Expedition in den Busch würde zu kostspielig werden. Er hat sich anscheinend zu den B'wigini-Leuten geschlagen, und wenn diese seinen Streitfall zu dem ihren machen, kann es böse Unruhen geben. Aber sagen Sie doch, warum sind Sie mit Bones böse?«

»Da müssen Sie ihn selbst fragen.«

Hamilton hatte am nächsten Tage Gelegenheit, sich nach der Ursache des Zerwürfnisses zu erkundigen, als Bones um einige Tage Urlaub bat.

»Aber Bones, warum wollen Sie denn Urlaub haben?« fragte Captain Hamilton ungläubig. »Zum Teufel, wozu brauchen Sie denn Urlaub?«

Bones stand kerzengerade wie ein Lineal vor dem Tisch in dem Büro seines Vorgesetzten und salutierte. »Eine dringende Privatangelegenheit, mein Herr«, erwiderte er in dienstlichem Ton.

»Aber Sie haben doch keine privaten Angelegenheiten«, widersprach Hamilton. »Ihr ganzes Leben ist ein offenes Buch – mit dieser Tatsache haben Sie doch noch gestern geprahlt.«

»Mein Herr und Kamerad«, erwiderte Bones fest, »eine furchtbare Krisis ist in meinem Leben ausgebrochen. Mein Wort ist in Zweifel gezogen worden, und zwar von Ihrer netten, lieben Schwester. Ich wünsche meine Ehre, meinen guten Ruf und den Glauben an meine Aufrichtigkeit wiederherzustellen.«

»Patricia hat Ihnen wohl ein Bein gestellt?« meinte Hamilton.

Aber Bones schüttelte abwehrend den Kopf. »So etwas Unfeines macht man nicht, mein Herr. Aber Ihre verehrte und liebe Verwandte – Gott segne ihr nettes altes Herz! – hat Zweifel an meinen Aussagen betreffend Leoparden und Büffel geäußert. Ich muß jetzt hingehen in die Wildnis – mitten in die größten Todesgefahren –, Hamilton, alter Kamerad, Gefahren, wie sie nur so alte, erprobte Veteranen wie Sie und ich kennen, um zu beweisen, daß ich nicht nur ein Sportsmann, sondern auch ein Gentleman bin, der absolut die Wahrheit spricht.«

In diesem Augenblick kam Miß Patricia Hamilton in einem hübschen weißen Kleid daher. Sie hatte den Tropenhut ein wenig schief aufgesetzt. Durch diesen Anblick wurde Bones so weit besänftigt, daß er im Augenblick nichts weiter sagte.

»Was hast du denn dem armen Bones getan?« fragte Hamilton.

»Sie sagte ...«

»Ich sagte ...«

Sie sprachen beide zugleich.

»Bones, Sie sind ein Fabulant«, erklärte sie dann vorwurfsvoll.

»Fahren Sie nur fort«, erwiderte er dramatisch, »schonen Sie mich nicht – ich bin ein Lügner, ein Dieb, ein Mörder –, sagen Sie es doch!«

»Ich habe nur bezweifelt, daß er den Leoparden geschossen hat, dessen Fell in seiner Hütte hängt!«

»O nein!« rief Bones ironisch, »ich habe ihn nicht geschossen!

Ich habe ihn zu Tode frieren lassen – ich habe ihn vergiftet!«

»Haben Sie ihn geschossen?«

»Habe ich ihn geschossen, mein lieber alter Harn?« fragte Bones ruhig.

»Nun haben Sie es getan?« fragte nun auch Hamilton unschuldig.

»Habe ich den Leoparden geschossen?« fuhr Bones pathetisch fort. »Wurde er am nächsten Morgen kalt und tot mit einem Lächeln auf seinem nichtsnutzigen Gesicht aufgefunden?«

Hamilton nickte, und Bones sah Patricia erwartungsvoll an.

»Entschuldigen Sie sich, mein Kind«, sagte er.

»Ich werde nichts Derartiges tun«, erklärte sie etwas hitzig. »Hat Bones den Leoparden wirklich geschossen?«

Hamilton schaute vom einen zum andern. »Als der Leopard gefunden wurde ...« begann er.

»Nun hören Sie gut zu, meine liebe, gute Schwester«, murmelte Bones.

»Als der Leopard aufgefunden wurde, mit einem Speer in seiner Seite ...«

»Der offenbar nach seinem Tode von irgendeinem herumwandernden Eingeborenen geschleudert wurde«, unterbrach ihn Bones hastig.

»Seien Sie ruhig«, befahl Patricia, und er gehorchte achselzuckend.

»Als der Leopard gefunden wurde, konnte man ihm nicht mehr helfen, und obgleich bei der Untersuchung keine Schußwunde gefunden wurde, hat Bones doch folgerichtig bewiesen ...«

»Einen Augenblick, mein lieber alter Offizier!« Bones hatte eben einen großen, dicken Mann über den Exerzierplatz gehen sehen. »Gestatten Sie mir, daß ich einen wissenschaftlichen und erfahrenen Zeugen herbeirufe?«

Hamilton nickte ernst.

Bones ging zur Tür des Ordonnanzzimmers und brüllte einen Namen.

»Ich werde jetzt das Zeugnis eines Mannes für mich geltend machen, der das Vertrauen des berühmten alten Professors – seinen Namen habe ich vergessen – in vollstem Maße besessen hat. O Ali!«

Ali Abid erschien in der Tür und begrüßte die Anwesenden durch einen feierlichen Salam.

Nicht umsonst war er der Diener eines großen Bakteriologen gewesen, bevor er nach dessen Tod in die Dienste des Haussa-Leutnants getreten war. Sein Wortschatz war reich an wissenschaftlichen Ausdrücken, und er sprach ein reiches und ungewöhnliches Englisch.

»Ali, erinnerst du dich an meinen Leoparden?«

»O Herr«, sagte Ali kopfschüttelnd, »wer könnte das vergessen?!«

»Habe ich ihn getötet, Ali? Erzähle dieser Dame alles!«

Ali machte eine tiefe Verbeugung vor Patricia.

»Mein hochverehrtes Fräulein, der Leopard – Felis pardus – ein wildes Tier aus der Familie der Katzen, lebt gewöhnlich in waldigen Gegenden. Das hier in Frage kommende Subjekt – dasselbe, dessen wunderschönes Fell später in der Wohnung von Sir Bones aufgehängt wurde – war ganz besonders wild und gefährlich, er hat sein Leben infolge einer Jagd verloren, die von dem Vorhergenannten ausgeführt wurde. Es wurde mit wissenschaftlicher Genauigkeit eine Prüfung und Untersuchung des Subjekts nach dessen Tod durchgeführt, wobei sich herausstellte, daß besagter Leopard – Felis pardus – an Herzschwäche litt, was als unmittelbare Todesursache anzusehen ist. Die Diagnose hat festgestellt, daß er infolge der großen Detonation einem Herzschlag erlegen ist. Diese Detonation rührte von dem Gewehr des besagten Sir Bones her.«

»Was habe ich gesagt?« fragte Bones selbstzufrieden.

»Sie wollen mir doch nicht erzählen«, sagte sie atemlos, »daß Sie dem Leoparden so Angst gemacht haben, daß er starb?«

Bones streckte die Hände verzweifelt aus. »Sie haben doch soeben das einwandfreie Zeugnis gehört, liebe, gute Schwester. Ich habe meinen Worten nichts mehr hinzuzufügen.«

Sie warf den Kopf zurück und lachte, bis ihr die Tränen kamen. »O Bones, Sie sind ein Nichtsnutz!«

Bones war verletzter denn je, klemmte das Monokel ins Auge und wandte sich steif an seinen Vorgesetzten. »Darf ich unter diesen Umständen annehmen, mein Herr, daß mein Urlaub bewilligt ist?«

»Sieben Tage«, stimmte Hamilton zu.

Bones drehte sich auf dem Absatz um, warf mit der Hand Hamiltons Briefpapierständer um, stolperte über einen Stuhl und ging düsteren Blicks über den Exerzierplatz.

Als Patricia am nächsten Morgen erwachte, fand sie einen Zettel, der an ihr Kissen gesteckt war.

Wir wollen den Mantel der Nächstenliebe darüber breiten, wie es Bones gelungen war, dies zu bewerkstelligen. Bones war ein großer Geist und über so kleine Dinge wie Anstandsregeln erhaben.

Patricia richtete sich in ihrem Bett auf und las den Brief.

»Meine liebe Freundin und ungläubiger Thomas! Wenn Sie diese Zeilen lesen, werde ich weit, weit fort sein auf meiner langen, gefährlichen Reise. Es ist möglich, daß ich nicht wieder zurückkehre, nicht wieder zu Ihnen zurückkehre, denn ich und mein treuer Diener sind im Begriff, die Höhlen der wilden Tiere des Waldes aufzusuchen, in den düsteren Forsten. Ich bin fest entschlossen, die Schande auszulöschen, die Sie auf mich gehäuft haben, und ich werde nicht nur einen toten Leoparden, sondern einen lebendigen als Jagdbeute heimbringen, den ich mit meinen eigenen Händen fange. Kann sein, daß ich mein Leben bei diesem kühnen und waghalsigen Unternehmen einbüße, aber ich werde dadurch meine Ehre wiederherstellen. – Leben Sie wohl, meine liebe, gute Patricia.

Ihr Freund B.«

Hamilton lachte, als sie ihm den Brief zeigte. »Sag einmal, wie hast du ihn denn bekommen?«

»Er war heute an meine Tür gesteckt«, erwiderte Patricia taktvoll.

Bones eilte auf dem kürzesten Weg nach Jumburu und wurde dort nicht sehr begeistert empfangen. Er hatte einen neuen Häuptling eingesetzt, aber die Leute waren aufgebracht gegen ihn, und die Nähe der B'wigini-Leute machte sie noch aufsässiger. Aber diesmal kümmerte er sich nicht um den neuen Häuptling und die andern Dorfbewohner, er wollte nur K'sungasa besuchen. Bei seinem damaligen zweitägigen Aufenthalt hatte er so viel von dem alten Tierfreund erfahren, daß er den Mut fand, Patricia Hamilton dieses so kühne Versprechen zu geben.

Er kam in einem kritischen Augenblick, denn der hagere, knochige alte Mann mit den trüben Augen, der immer so blöde lachte, war seinem Ende nahe. Er ruhte auf einem schönen, erhöhten Lager. Eine große Wildkatze mit gelben Augen lag zu seinen Füßen, zwei Affen saßen zitternd an seiner Seite, und eine Menge kleiner Katzen spielte auf dem Boden. Die alte Katze sprang in einem plötzlichen Wutanfall auf die kleinen Tiere, als Bones in die Hütte trat.

»Mein Herr Tibbetti«, sagte der alte Mann krächzend, »ich sehe dich. Dies ist eine gute Zeit, denn morgen werde ich tot sein.«

»K'sungasa«, erwiderte Bones und setzte sich bedächtig auf einen Stuhl, nachdem er sich vorher genau vergewissert hatte, daß sich keine Schlange oder anderes Getier darum wand oder auf dem Sitz lag. »Das sind törichte Worte, denn du wirst noch manches Hochwasser sehen.«

»Das ist eine feine Rede für die Leute, die am Strom wohnen«, entgegnete der alte K'sungasa grinsend, »aber nicht für uns, die wir hier in den Wäldern sitzen. Wir sehen niemals die Flut und das Hochwasser, bei uns gibt es nur kleine Bäche. Nun sage ich dir, daß ich froh bin, daß ich jetzt sterbe, denn ich bin lange Zeit voll von verrückten Gedanken gewesen, aber jetzt ist mein Kopf wieder klar. Warum bist du zu mir gekommen, o Herr?«

Bones erklärte ihm den Zweck seiner Reise, und die Augen des Greises leuchteten auf.

»O Herr, wenn ich mit dir in den Wald gehen könnte, würde ich viele schöne Leoparden durch meine Zauberkraft zu dir bringen. Aber jetzt werde ich, weil ich Sandi liebe, dieses für dich tun, so daß du siehst wie klug und weise ich bin.«

In den Wäldern in der Nähe des Dorfes wuchs eine wilde Pflanze. Wenn man deren Samen zerstieß und in einem irdenen Gefäß kochte, erhielt man durch eine Art Destillation eine stark duftende Flüssigkeit. Ali Abid sprach in seiner gelehrten Weise von » Pimpinella anisum«, und wahrscheinlich hatte er recht. Beide Sorten, Anis und Sternanis ( Illicium anisatum) findet man in den Gebieten am Großen Strom. Es gibt auch eine kleine Pflanze, die alle Eigenschaften von Pimpinella anisum, sogar in verstärktem Maße, besitzt. Um diese Pflanze handelt es sich wahrscheinlich. E. W.

Bones und sein Diener machten viele Exkursionen in den Wald, bevor sie die richtige Pflanze fanden. Glücklicherweise wurden um diese Zeit gerade die Früchte reif, und als er erst auf der richtigen Fährte war, hatte er bald die nötigen Mengen gesammelt und kochte sie unter der Anleitung und Aufsicht K'sungasas ab. Ein helles Feuer brannte in der Mitte der Hütte, und als die Tropfen aus dem engen Hals einer Flasche in den Kessel tropften, verbreitete sich ein schwacher, aber sehr süßer Duft im Raum. Zuerst gerieten die Katzen und dann die Affen in ungewöhnliche Erregung. Die großen und die kleinen Katzen krochen so nahe an das Feuer, wie sie nur irgend konnten, und hoben die Köpfe zu dem braunen Kessel. Dabei miauten und winselten sie. Dann kamen auch die Affen herzu, ihre Augen leuchteten, und sie waren sehr lebhaft. Der Geruch lockte die unglaublichsten Tiere aus allen Ecken und Winkeln der Hütte hervor – Ratten, Eichhörnchen, eine lange schwarze Schlange mit flachem Kopf und viereckiger Zeichnung, und kleine Buschhasen. Sogar ein junger Rehbock kam aus dem Wald und äugte furchtsam nach der Tür der Hütte. Der alte Mann auf dem Bett rief sie alle beim Namen und schnappte mit schwachen Fingern nach ihnen, aber ihre Blicke hingen an der Flasche und den kristallenen Tropfen, die zitternd aus der engen Öffnung in den Kessel fielen.

*

Als der siebentägige Urlaub zu Ende war, den Bones erhalten hatte, stand eine Gruppe sprachloser Menschen vor der Residenz und starrte staunend auf das Wunder. Bones stand da wie ein Held und hielt an einer Kette einen halbwüchsigen jungen Leoparden mit schöngezeichnetem Fell. Das Tier trug einen grobgefertigten Maulkorb und einen eisernen Ring um den Hals, an dem die Kette befestigt war.

»Aber wie – wie ist es Ihnen nur gelungen, das Tier zu fangen?« fragte Patricia.

Bones zuckte die Schultern. »Es ist nicht an mir, meine liebe, gute Freundin, Ihnen von den Nächten zu erzählen, die ich in unheimlichen Wäldern zubrachte, in denen das Gebrüll und das Geheul der wilden Tiere erscholl«, sagte er aufgeregt. »Ich werde nicht von mir selbst sprechen. Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen erzählen werde, wie ich diesen netten alten Leoparden verfolgt habe, wie ich durch die Schrecken des Waldes bis zu seiner Höhle kam, und wie ich allein mit ihm einen Kampf ausfocht, dann werden Sie sich irren.«

»Haben Sie ihn wirklich bis zu seinem Lager verfolgt?« fragte Hamilton, der endlich die Sprache wiederfand.

»Mein lieber alter Offizier, ich bitte Sie, jetzt über andere Dinge zu sprechen«, erwiderte Bones taktvoll und entging damit der Beantwortung der peinlichen Frage. »Hier sind die verlangten Waren, von mir abgeliefert am 14. currentis.«

Er steckte mechanisch seine Hand in die Tasche, und der junge Leopard sah plötzlich erregt auf.

»Bones, das haben Sie gut gemacht«, sagte Sanders ruhig.

Bones verneigte sich strahlend.

»Und jetzt entschuldigen Sie mich, bitte, denn ich will meinen kleinen Freund zu seiner Behausung bringen.«

Bevor sie recht wußten, was er tat, hatte er den Leoparden von der Kette losgemacht. Sogar Sanders trat einige Schritte zurück und legte seine Hand auf die Pistole, die er stets in der Hüftentasche bei sich trug.

Aber auf Bones machte dies alles keinen Eindruck. Er pfiff leise und marschierte zu seiner Hütte. Das große Tier folgte ihm wie ein treues Hündchen.

Am selben Abend ging Bones von seiner Hütte über den Exerzierplatz zur Residenz. Er plante noch weit größere Dinge. Er wollte unter den bewundernden Augen Patricias in den Wald hinausziehen und dann wie ein richtiger Orpheus mit einem ganzen Gefolge wilder Waldbewohner zurückkehren.

In der Tasche trug er eine kleine Flasche, und sein Rock roch nach Anis. Sein Geheimnis wäre in dem Augenblick preisgegeben gewesen, in dem er das Speisezimmer betreten hätte. Aber zu seinem Glück ereignete sich etwas Unvorhergesehenes, so daß er seine Pläne nicht zur Ausführung bringen konnte.

Er war halbwegs zur Veranda gekommen, als sich eine Gestalt vom Boden erhob und eine heisere Stimme rief: »Töte ihn!«

Er sah eine Speerspitze im unsicheren Licht der Sterne aufblitzen und sprang zur Seite. Eine Hand packte ihn an seinem Rock, aber er riß sich los und ließ das Kleidungsstück in den Händen des Angreifers. Er hatte keine Waffe bei sich, und es blieb ihm nur übrig zu fliehen.

Sanders hörte seinen Ruf und sprang auf die dunkle Veranda hinaus, als Bones die Stufen hinaufeilte.

Er sah zwei Männer, die Bones dicht auf den Fersen waren, und feuerte zweimal. Der eine fiel, der andere verschwand in der Finsternis.

Die Haussa-Schildwache auf der andern Seite des Exerzierplatzes schoß auch. Wieder sah Sanders einen Mann über den Platz laufen und feuerte, aber er verfehlte auch diesmal sein Ziel.

In der Dunkelheit tauchte plötzlich Ali Abid auf.

»Herr«, rief er atemlos und verstört, »das wilde Tier – Felis pardus – hat sich losgemacht, seinen Maulkorb abgerissen und jagt verschiedene Subjekte in schrecklicher Wut.«

Während er noch sprach, rannte ein Mann über den Platz vor der Residenz, diesmal so nahe, daß sie das Bündel sehen konnten, das er unter dem Arm trug.

»Mein Rock!« brüllte Bones. »Haltet ihn! Großer Gott!«

Dem Flüchtling war ein großes, gelbes Tier dicht auf den Fersen.

Ob O'ka von Jumburu dem Leoparden entkam oder ob der Leopard O'ka zerriß, ist nicht bekannt. Aber Bones durfte sein Quartier des Nachts erst wieder verlassen, als die Regenzeit kam und den Anisduft fortwusch. Denn vorher kamen die wilden Tiere zu seiner Wohnung, sogen den Duft ein, saßen erwartungsvoll vor seiner Tür und heulten fürchterlich.

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