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Hüter des Friedens

Edgar Wallace: Hüter des Friedens - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/wallacee/hueter/hueter.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleHüter des Friedens
publisherGoldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
editorFranz Schrapfeneder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun1. Auflage
isbn3442064422
year1982
created20111030
projectid1de0a8f9
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Bones gründet eine Dynastie

Patricia Hamilton, eine aufmerksame junge Dame, hatte beobachtet, daß Bones täglich zu einer gewissen Stunde von der Bildfläche verschwand.

»Wo ist denn Bones?« erkundigte sie sich eines Morgens, als er ungewöhnlich lange fort blieb.

»Bei seinem Kind«, erwiderte ihr Bruder.

»Nun sei doch nicht komisch, mein Lieber! Sag mir doch, wo er steckt. Ich glaube, ich sah ihn vorhin beim Schiffsarzt.«

Der Postdampfer war an diesem Morgen angekommen, und der Kapitän und der Schiffsarzt waren zum Frühstück Gäste der Residenz gewesen.

Hamilton schaute von seinem Buch auf und nahm die Pfeife aus dem Mund. »Hat Bones dir während dieser ganzen Zeit noch nichts von seinem süßen Geheimnis erzählt?« fragte er erstaunt.

Sie setzte sich neben ihn.

»Ah, bitte, erzähle mir doch. Sicherlich ist es ein Scherz. Es ist nicht das erstemal, daß ihr Bones wegen des Babys auszankt. Sogar Mr. Sanders hat das getan.«

Sie schaute zu dem Distriktsgouverneur hinüber und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf.

»Habe ich Bones Vorwürfe gemacht?« fragte Sanders erstaunt. »Ich dachte nicht, daß ich überhaupt fähig sei, jemandem etwas Böses zu sagen.«

»Es ist nichts Böses an der ganzen Sache, Patricia. Er hat ein Negerkind adoptiert.«

»Ein Kind?«

»Ja, ein Kind, das damals nur einen Monat alt war. Die Mutter war tot, und irgendein Zauberdoktor wollte es zerstückeln, als Bones dazwischenkam.«

Patricia lachte vergnügt und klatschte in die Hände.

»Ach, bitte, erzählen Sie mir doch alles.«

Sanders kam denn auch ihrem Wunsche nach und berichtete die ganze Geschichte von Henry Hamilton Bones, der in Gefahr war, geopfert zu werden, und von Bones gerettet wurde. Hamilton gab dann noch zum besten, wie er Bones dabei überraschte, als er den Kleinen zum erstenmal badete.

»Er hat ihn einfach in einen großen Kübel gesteckt und mit einem Scheuerlappen bearbeitet.«

Bald darauf kam Bones vom Ufer her. Er hatte die Pfeife im Munde und wirbelte mit seinem Spazierstock. Hamilton beobachtete ihn von der Veranda aus und rief nach Patricia.

Es war ein sorgenvoller Vormittag für Bones gewesen, und selbst Hamilton war ausnahmsweise so taktvoll, seiner Schwester gegenüber nichts von den Vorgängen zu erwähnen.

Draußen auf See hatte der Dampfer »Boma Queen« Anker geworfen und wartete auf die Rückkehr des Schiffsarztes und des Kapitäns. Bones hatte die beiden soeben zur Küste begleitet. Es war wirklich ein sehr wichtiger Tag, denn Henry Hamilton Bones war heute geimpft worden.

»Ich glaube, die Dinger gehen an«, sagte Bones ernst, als die andern ihn fragten. »Ich muß schon sagen, daß sich Henry wie ein Gentleman benommen hat.«

»Was sagte denn Fitz?«

Fitzgerald war der Doktor, der früher versprochen hatte, die kleine Operation auszuführen, und heute sein Versprechen eingelöst hatte.

»Fitz?« sagte Bones erregt. »Fitz ist ein böser Mensch.«

Hamilton grinste.

»Er wollte mir doch einreden, daß das kleine Kind nichts davon fühle. Und Henry hat sich doch beinahe zu Tode geschrien – es war schrecklich!«

Bones tupfte sich die Stirne mit einem großen buntseidenen Taschentuch und sah sich vorsichtig um.

»Aber Patricia dürfen Sie nichts sagen, Ham«, flüsterte er so laut, daß sie es unbedingt hören mußte.

»Das tut mir leid – sie weiß es schon.«

»Großer Gott!« rief Bones verzweifelt und wandte sich zu der jungen Dame um.

»O Bones!« sagte sie vorwurfsvoll, »Sie haben mir nie etwas davon gesagt!«

Bones zuckte die Schultern, nahm seine Pfeife aus dem Mund, wollte sprechen, schaute zu ihr hinüber, streckte dann aber abwehrend seine Hände aus und steckte die Pfeife wieder in den Mund.

Aus all diesen Anzeichen war zu entnehmen, daß er aufgeregt war.

»Meine liebe, gute Miß Hamilton«, erwiderte er schließlich mit zitternder Stimme, »ich wäre ein verruchter Missetäter, wenn ich Henry Hamilton Bones verleugnen wollte – dieser arme, kleine Kerl –, wenn ich es Ihnen niemals gesagt habe, meine liebe, gute Schwester, dann ist das – dann ist das, weil – nun, Sie würden es nie verstanden haben.«

Er zuckte wieder verzweifelt die Schultern.

»Also Bones, nun seien Sie doch nicht töricht! Warum, zum Teufel, machen Sie denn ein so schreckliches Brimborium aus dieser Sache?« fragte Hamilton. »Ich kann Ihnen das Zeugnis ausstellen, daß Sie dem Stöpsel ein sehr guter Vater sind.«

»Nicht Stöpsel, mein lieber alter Herr«, bat Bones, »Henry ist ein menschliches Wesen mit einem menschlichen Herzen. Der Junge kennt mich, sobald ich nur in die Hütte komme. Es ist wundervoll zu sehen, wie er sich aufrichtet und ›Da‹ sagt, meine liebe, gute Schwester Hamilton«, fuhr er dann fort, »wie er lächelt und dabei den Mund aufmacht – ein Zahn ist schon durch, und mit dem kleinen Finger können Sie einen andern fühlen. Es ist einfach großartig, meine liebe, gute Miß Hamilton. Verdammt noch mal, es ist prächtig!«

»Aber Bones!« rief Patricia.

»Der Doktor hat nun in seinen kleinen, armen, netten, lieben, fetten Arm geschnitten. Dieser Fitz ist doch ein Barbar! Erbarmungslos hat er mit dem Messer hineingestochen, direkt brutal! Und der verdammte kleine Schlingel hat nicht einmal nach der Polizei gerufen! Großer Gott, es war schrecklich!«

Er wischte sich heimlich eine Träne aus dem Auge.

»Es war sicher fürchterlich«, suchte sie ihn zu trösten. »Kann ich mir den kleinen Jungen nicht einmal ansehen?«

Bones machte eine abwehrende Geste, und obgleich die Wohnung dieses Wunderkindes sicher einige hundert Meter weit entfernt lag, sprach er doch ganz leise. »Er schläft, zwar unruhig, aber er schläft doch. Ich habe den Wärterinnen gesagt, sie sollen mich sofort holen, wenn er Fieber bekommt oder wenn es ihm schlechter geht. Nach Tisch werde ich mit dem Grammophon hingehen, falls er aufsässig werden und schreien sollte. Aber jetzt schläft er. Ich danke Ihnen für Ihre große Liebenswürdigkeit und Teilnahme in einem so schweren Augenblick, meine liebe, gute Miß.«

Er nahm ihre Hand und drückte sie herzlich, wollte etwas sagen, schluckte, wandte sich dann kurz um und ging ohne ein Wort von der Veranda nach seiner Hütte zu.

Das Mädchen lächelte, aber auch in ihren Augen standen Tränen. »Ein guter Junge!« sagte sie halb zu sich selbst.

Sanders nickte. »Bones hat ein gutes Herz«, stimmte er zu.

Sie schaute zu ihm hinüber. »Das spricht für ihn«, sagte sie ruhig.

»Ich schätze ihn sehr. Nur wenige Menschen können Bones wirklich verstehen. Als ich ihn zuerst sah, glaubte ich, er sei ein wenig verrückt, aber ich hatte unrecht. Dann dachte ich, er sei verweichlicht, aber ich hatte wieder nicht recht, denn er zeigte sich stets als ein braver, tapferer Mann, wenn es darauf ankam. Bones ist einer der seltenen Menschen – ein tatkräftiger Mann mit einem weichen Gemüt und einem warmen Herzen, wie es eine edle Frau haben könnte.«

Ihre Augen trafen die seinen, und sie schauten einander an. Dann senkte sie schnell den Blick und wurde plötzlich rot.

»Ich glaube, Sie haben ihn genau erkannt«, sagte sie und blätterte verlegen in ihrem Buch.

Am nächsten Morgen wurde Patricia eine Audienz bei Henry Hamilton Bones, dem Musterbild aller Knaben, bewilligt.

Er war in der größten der Haussahütten am äußersten Ende der ganzen Reihe untergebracht und wurde von zwei Eingeborenenfrauen betreut. Bones hatte feste und unumstößliche Vorschriften für seine Behandlung aufgestellt. Patricia blieb vor der Türe stehen und las diese Bestimmungen, die mit Maschine geschrieben und auf einem Anschlagbrett mit Reißnägeln befestigt waren.

Sie waren sowohl in englisch als auch in küstenarabisch verfaßt, das Bones meisterlich beherrschte. Patricia wunderte sich, warum sie auch in englisch geschrieben waren.

»Das ist absolut nötig, meine liebe, gute Freundin«, erklärte Bones ernst. »Sie haben keine Ahnung, welche Angst ich schon manchmal ausgestanden habe. Zum Beispiel ist Ihr netter Bruder zwar ein hervorragender Sportsmann, aber mit Kindern kann man nicht vorsichtig genug umgehen, und Hamilton ist einfach schrecklich gedankenlos!«

Der englische Teil der Vorschriften war kurz, und sie las ihn durch.

Henry Hamilton Bones.

1. Die Besucher werden gebeten, möglichst wenig Geräusch zu machen. Denken Sie daran, wie Ihnen zumute wäre, wenn Sie plötzlich rücksichtslos aus erfrischendem Schlaf gerissen würden! Seien Sie mitfühlend und versetzen Sie sich in die Lage des Kindes!

2. Es ist streng verboten, das Kind zu füttern. Höchstens dürfen ihm Nahrungsmittel zugeführt werden, die auf einer Liste enthalten sind, die man auf Wunsch einsehen kann. Nüsse und Schokolade dürfen ihm unter keinen Umständen gereicht werden.

3. Der Unterzeichnete ist nicht verantwortlich für Dinge, die von dem Kind zerbrochen werden, z. B. Taschenuhren. Wenn solche Objekte zur Belustigung des Kindes verwendet werden, so kann man sie ihm ans Ohr halten, man wird dann einen interessierten Ausdruck auf seinem Gesicht wahrnehmen. Niemals sollte man aber dem Kinde gestatten, die Taschenuhr in den Mund zu nehmen und darauf zu beißen – das Kind weiß es nicht besser –, denn das Glas und die Zeiger gefährden seine Gesundheit in hohem Maße.

4. Beim Aufheben des Kindes sind folgende Vorsichtsmaßregeln zu berücksichtigen: Man fasse das Kind oberhalb der Taille unter den Armen, hebe es langsam auf und achte ja darauf, daß der Kopf nicht nach hinten zurückfällt. Man halte dann das Kind dicht am eigenen Körper, nehme den linken Arm unter das Kind, den rechten darüber. Man sollte das Kind nicht ermutigen, sich aufzusetzen – obgleich es dazu schon in der Lage ist, denn es ist für ein Alter von acht Monaten weit fortgeschritten –, weil es der Erstarkung seines Rückens schaden könnte. Auf keinen Fall ist es zulässig, das Kind in die Luft zu werfen und dann wieder aufzufangen. Alle weiteren Informationen können auf Verlangen in Hütte 7 eingesehen werden.

(gez.) Augustus Tibbetts, Leutnant.

»Alle diese Vorschriften sind auf Grund persönlicher Erfahrung und Beobachtung erlassen worden«, sagte Bones begeistert. »Ich habe keine Ratschläge von anderen dabei bekommen.«

»Das ist ganz hervorragend, Bones!« erwiderte Patricia und meinte es ehrlich.

Henry Hamilton Bones saß aufrecht in einem kleinen Kinderbettchen. Er war kräftig, rund und gesund, hatte einen dicken Kopf und große Augen, lutschte an seinem Daumen und starrte auf die fremde Dame und von ihr auf Bones, den er sehr aufmerksam und interessiert betrachtete. Dann lachte er und krähte laut vor Freude.

»Ist das nicht – ist das nicht ganz außerordentlich?« fragte Bones entzückt. »Während Ihres ganzen langen Lebens, meine liebe Freundin und Mitarbeiterin, haben Sie doch dergleichen noch nicht gesehen? Wenn Sie einmal berücksichtigen, daß kleine Kinder die Augen erst drei Monate nach der Geburt öffnen ...«

»Da«, sagte Henry Hamilton Bones.

»Da!« antwortete der Pflegevater, indem er die Stimme des Kleinen nachzuahmen versuchte.

»Do da«, fuhr Henry fort.

Das Lächeln verschwand von Bones' Gesicht, und er schaute nachdenklich drein. »Do da«, wiederholte er. »Wenn ich nur wüßte, was ›do da‹ bedeutet?«

»Do da!« brüllte Henry jetzt.

»Meine liebe, gute Miß Hamilton, ich weiß nicht, ob Henry trinken will oder ob er Leibschmerzen hat. Aber ich glaube, wir überlassen ihn jetzt besser den Frauen. Die wissen, was ihm nottut.«

Er winkte der Amme und ging hinaus.

Draußen hörte sie, wie Henry lustig krähte. Bones legte die Hand ans Ohr und horchte angestrengt. Dann lächelte er.

»Er wollte trinken! Entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich muß mir das notieren.« Er nahm sein Notizbuch heraus und schrieb: »Do da bedeutet: Kind will trinken.«

Sie kehrten zur Residenz zurück, und Bones erzählte ihr noch viel von Henrys besonderer Mundart. Die kleinen Kinder schienen ihre eigene Sprache zu haben, und Bones erklärte, sie beinahe zu beherrschen.

Als sich Patricia abends zur Ruhe legte, war sie noch lange Zeit wach und dachte an Bones, an sein einfaches und doch so liebes Wesen. Und sie dachte auch an Sanders, diesen ernsten, zurückhaltenden, scheuen Mann ... Spät in der Nacht wachte sie plötzlich auf und hörte die Stimme von Bones draußen vor dem Fenster. Sie glaubte, Henry sei etwas zugestoßen. Aber auch Sanders und ihr Bruder waren zugegen, und sie überzeugte sich davon, daß sie nicht über Henry redeten. Sie schaute auf die Uhr. – Es war drei.

»Ich hätte diesem Menschen nicht trauen sollen«, sagte Sanders. »Ich weiß, daß man Bosambo keinen Vorwurf machen kann, denn er hat dem Stamm der Kulumbini weiten Spielraum gelassen, obgleich sie an seiner Grenze wohnen.«

Dann wandte er sich in einer fremden Sprache an einen Unbekannten, und Patricia vermutete, daß über Nacht ein Späher der Regierung gekommen war.

»Wir werden so schnell wie möglich aufbrechen, Bones«, sagte Sanders. »Den Unterlauf des Stromes können wir auch im Dunkeln hinauffahren. Es wird Tag sein, bevor wir die seichten Stellen erreichen. Hamilton, Sie brauchen nicht mitzukommen.«

»Glauben Sie, daß Bones in der Lage ist, alles auszuführen, was nötig ist?« fragte Hamilton zweifelnd.

»Aber nehmen Sie sich doch zusammen, lieber, alter Offizier«, rief Bones mit lauter Stimme, die sich für einen Untergebenen eigentlich nicht recht schickte.

Die drei entfernten sich von der Veranda. Patricia fragte sich, wer der Mann sein könnte, von dem sie gesprochen hatten, und welches Unheil er angestiftet hatte, aber dann fiel sie wieder in Schlaf.

*

An einem kleinen Nebenstrom, dessen Mündung hinter der Insel der Fliegenden Hunde liegt, lag das Dorf der Kulumbini. Hohes Elefantengras verbarg die armseligen Hütten, so daß selbst die Eingeborenen, die auf der Mitte des Stromes fuhren, sie nicht sehen konnten. An dem abschüssigen Ufer gab nur ein altes, morsches Kanu aus Eichenholz davon Kunde, daß menschliche Wohnungen in der Nähe waren.

Bei den Stämmen, die an den Ufern des großen Stromes saßen, bei den Akasava, den Isisi und den N'gombi, ja selbst bei den duldsamen Ochori, standen die Kulumbini in Verruf. Sie waren noch unkultiviert, wild, unerhört tapfer, schrecklich im Kampf und noch schrecklicher nach ihrem Siege.

Das Dorf war zugleich auch der Hauptort und die am äußersten vorgeschobene Niederlassung eines ziemlich zahlreichen und bedeutenden Stammes, der die hinteren Wälder bis an das Ochoriland bewohnte. Die Kulumbini bestimmten die Grenzen ihres Gebietes je nach Laune und Willkür. Sie fühlten sich kaum als ein zusammengehöriges Volk und hatten auch keinen nationalen Ehrgeiz. Am Fluß sagte man, daß sie ihre Speere für ein paar Fische verkauften. Sie hatten nur einen merkwürdigen Hang: sie wollten nicht beaufsichtigt werden, und solange man dieser Neigung Rechnung trug, kamen sie auch niemand zu nahe.

Wie dieser Unabhängigkeitsdrang entstand, weiß niemand. Einmal wurden sie auch von einem König regiert, der ihren Wünschen in dieser Beziehung so weit entgegenkam, daß er sich niemals unter ihnen aufhielt, sondern an einem besonderen Platz im Walde wohnte, der noch bis heute S'furi-S'foosi genannt wird: »Die Bäume (oder die Waldlichtung) des fernen Königs«. Sie hatten sich den Eingriffen der Regierung und den Inspektionen der Beamten widersetzt. Sanders war bei seinem ersten Besuch von einem Pfeilregen empfangen worden, und als er hatte landen wollen, traten ihm die Krieger mit Lanzen und Schilden bewaffnet entgegen. Es gibt viele Arten, Widerstand zu brechen, und ein sicherer Weg war es, die zwei Bronzegeschütze, die zu beiden Seiten der Kommandobrücke der »Zaire« aufgestellt waren, in Tätigkeit zu setzen. Aber man konnte auch friedliche Überredung wählen. Sanders entschied sich damals für einen Kompromiß und ging mit einem Revolver in jeder Hand zum Ufer, um ein friedliches Palaver mit den Kulumbini abzuhalten.

Er war mit der Denkweise der Eingeborenen gut vertraut und wußte viele kleine, lustige Geschichten, die er in der Bogmongo-Sprache erzählte. Die meisten könnte man nicht drucken, aber bei den Leuten am Großen Strom fanden sie viel Beifall. Sanders arbeitete mit Fabeln, Märchen und Witzen, er rief Ju-jus, Geister und Teufel an, er nahm die ganze Schatzkammer des einheimischen Aberglaubens zu Hilfe, und schließlich trug er den Sieg davon. Es gelang ihm nicht nur, in Zukunft friedliche Aufnahme bei ihnen zu finden, sondern, Wunder über Wunder, er überredete sie auch dazu, an gewissen Zeiten, wenn Mond und Gezeiten in bestimmter Stellung zueinander standen, eine Abgabe zu zahlen, was im Englischen so viel heißt, daß sie alle sechs Monate eine Steuer oder Taxe zu zahlen hatten, die in Gummi, Elfenbein, Fisch oder Maniok gegeben werden konnte, je nach Möglichkeit.

Er besiegelte sogar einen feierlichen Vertrag, der in ein altes Wäschebuch geschrieben worden war, das auf irgendeine unverständliche Weise in den Besitz des Häuptlings gekommen war. Dann hängte Sanders Gulabala, der diesen merkwürdigen Stamm beherrschte, die Kette und die Medaille um, die den Häuptlingen von der Regierung verliehen werden.

Gulabala wollte auch höflich sein und bot Sanders an, sich unter allen Mädchen der Kulumbini eine Frau auszusuchen. Solche Anerbieten waren dem Distriktsgouverneur nichts Neues, und er zog sich wie gewöhnlich aus dieser etwas peinlichen Situation, indem er sich auf Zauberei ausredete. Er sagte feierlich im Flüsterton, daß ihm von einem berühmten Zauberdoktor am unteren Strom vorausgesagt worden sei, daß das nächste Weib, das er zu sich nehmen werde, an der Krankheit Mongo sterben werde.

»Ich liebe dein Volk zu sehr, o Häuptling«, fügte er hinzu, »um eine seiner schönen Töchter dem sicheren Tode zu überantworten.«

»O Sandi«, erwiderte Gulabala froh, »ich habe viele Töchter, und auf eine kommt es mir nicht an. Wäre es denn nicht eine gute Sache für sie, in deiner Hütte zu sterben?«

»Wir beide, du und ich, sehen die Dinge verschieden an. Nach unserer Religion sitzt der Geist einer Frau, die durch Zauberei stirbt, später immer am Fußende meines Bettes und ist schrecklich anzuschauen.«

So hatte Sanders diese Gefahr abgewendet, und er erhielt auch tatsächlich in bestimmten Zwischenräumen den Tribut dieses so fern wohnenden Volkes.

Jahrelang hatten die Kulumbini nun still und ruhig gelebt, ohne daß sich ein Zwischenfall ereignet hätte. Denn es war eine böse Sache, mit ihnen in Streit zu geraten, und selbst als Gulabala bei einigen Gelegenheiten fremdes Gebiet betreten hatte, wurden deswegen keine Klagen erhoben. Da sie sich aber eines ziemlichen Wohlstandes erfreuten, war es nur natürlich, daß sie allmählich übermütig wurden und kriegerische Gelüste entwickelten. Denn heißt es nicht am Großen Strom: »Das letzte Maß einer vollen Kornkammer ist ein Maß Blut«?

In einer dunklen Nacht nahm Gulabala dreihundert Krieger mit sich, überschritt die Grenze und marschierte zu dem Ochoridorf Natcka. Als er mit seiner Schar am nächsten Morgen zurückkam, waren die Klingen ihrer Speere von Blut gerötet, und er brachte zwanzig Frauen mit sich, die den Totengesang hätten singen können, weil Gulabala und seine Krieger ihre Männer erschlagen hatten.

Gulabala schlief den ganzen nächsten Tag, ebenso seine Leute. Und als er erwachte, fühlte er sich nicht sehr wohl, denn es dämmerte ihm die Erkenntnis, daß seine Tat böse Folgen haben würde.

Er rief also sein Volk zu einem Palaver zusammen.

»Bald wird Sandi mit seinen Soldaten kommen«, sagte er, »und wenn wir hier sind, werden sie viele von uns hängen, denn Sandi ist ein grausamer Mann. Deswegen wollen wir in einen abgelegenen Teil des Waldes gehen und alle unsere Vorräte und Schätze mitnehmen. Und wenn Sandi uns vergeben hat, wollen wir wieder zurückkehren.«

Das wäre auch ein sehr guter Plan gewesen, wenn nicht Bosambo, der Oberhäuptling der Ochori, am Morgen dieses schicksalsschweren Tages kaum fünfzig Meilen von ihnen entfernt gewesen wäre. Er hatte Nachricht von dem Überfall erhalten und war schnell mit seinen Kriegern herbeigekommen, um die Schandtat zu rächen. Denn Gulabala hatte nicht nur Frauen genommen, sondern auch sechzig Ziegen, und das war unverzeihlich.

Die Späher Gulabalas kamen mit der Nachricht zurück, daß der Weg zu der Zufluchtsstätte durch Bosambo und seine Leute versperrt sei. Der Häuptling der Ochori war den Kulumbini am meisten von allen Leuten verhaßt, denn er allein machte sich nichts daraus, ihnen bei jeder Gelegenheit auf die Finger zu sehen, und wagte es, die Kulumbini zu prügeln, die seine Grenze überschritten und auf verbotenem Gebiet jagten oder fischten.

»Ko«, sagte Gulabala sehr beunruhigt, »dieser Bosambo ist Sandis Hund. Wir wollen zu unserem Dorf zurückkehren und sagen, daß wir auf der Jagd waren, denn Bosambo wird nicht in unser Land kommen, weil er nicht Sandis Zorn erregen will.«

Sie erreichten ihr Dorf wieder und waren gerade dabei, den letzten Beweis ihres Verbrechens zu beseitigen. Denn eine Ziege sieht aus wie die andere, Frauen aber können reden, und Gulabala hatte deshalb beschlossen, sie zu töten. Er stand mit seinem gebogenen Henkermesser neben einer der Frauen, die er ermordet hatte, als Sanders die Dorfstraße herunterkam.

»O Gulabala«, sagte er milde, »das ist eine böse Tat.«

Der Häuptling sah hilflos von rechts nach links. »O Herr«, erwiderte er heiser, »Bosambo und sein Volk haben mir Schmach angetan, denn sie haben mich ausspioniert und sich über mich stellen wollen. Und wir sind ein stolzes Volk, das seine Unabhängigkeit liebt. So ist es seit erdenklichen Zeiten.«

Sanders runzelte die Stirn und sah Gulabala an.

»Ich sehe hier einen Baum, der ist so hoch, daß niemand, der dort oben hängt, sagen könnte, es stellt sich einer über ihn. Dort werde ich dich aufhängen, Gulabala, damit deine stolzen Leute dich sehen, bevor sie für ihr ganzes Leben in das Dorf der Ketten gehen, um für meinen König zu arbeiten.«

»O Herr«, entgegnete Gulabala mit philosophischer Ruhe, »ich habe gelebt.«

Zehn Minuten später hatte er die Strafe empfangen, die bösen Häuptlingen gebührt. Die Leute seines Stammes waren teilnahmslose Zuschauer dieses Schauspiels.

»Das ist nun schon das zehntemal, daß ich einen neuen Häuptling für dieses Gebiet wählen muß«, sagte Sanders, als er auf dem Deck der »Zaire« auf und ab ging. »Wem in aller Welt könnte ich nun diesen Posten übertragen? Offen gestanden, ich muß sagen, daß ich es selbst nicht weiß.«

Die Lokoli der Kulumbini riefen bereits alle Ältesten zum großen Palaver zusammen. Der Signaltrommler bearbeitete in dem rohrgedeckten Trommelhaus mit erstaunlicher Geschicklichkeit den großen, hohlen Baumstamm mit seinen flachen Stöcken aus Eichenholz. Die Nachricht wurde in Wirbeln und einzelnen abgehackten Schlägen übermittelt. Das Rollen stieg und fiel, bald waren es leichte Schläge, bald ein tiefes Donnern.

Bosambo erschien mit seinem großen Staatsboot, um diesem großen Palaver beizuwohnen, als Sanders gerade die »Zaire« verließ.

»Sage mir, Bosambo, welcher Mann des Kulumbini-Volkes könnte den Stamm in Ordnung halten?«

Bosambo setzte sich zu den Füßen seines Herrn nieder und stieß seinen Speerschaft in den Boden.

»O Herr, ich kenne keinen, denn sie sind sonderbare und schlechte Leute. Welchen König du auch immer über sie setzen wirst, sie werden ihn verachten. Sie verehren keine Götter und keine Geister, sie haben auch keinen Ju-ju oder Fetisch. Und wenn ein Mann nichts glaubt, wie soll man ihm dann glauben? O Herr, dieses sage ich dir – setze mich über die Kulumbini, ich werde ihre Herzen ändern.«

Aber Sanders schüttelte den Kopf. »Nein, Bosambo, das kann nicht sein.«

Es war ein langes und ermüdendes Palaver, denn zwölf Männer des Stammes machten ihr Anrecht auf die Herrschaft geltend. Und jeder von ihnen hatte Verwandte und Anhänger, die bereit waren, für das Oberhaupt ihrer Sippe mit der Waffe zu kämpfen.

Von Sonnenuntergang bis nahe an Sonnenaufgang besprachen sie die Sache miteinander. Sanders saß während der ganzen Zeit geduldig dabei und hörte zu. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit.

Von Bones hätte man nicht dasselbe behaupten können, obgleich er hoch und heilig versicherte, daß er nicht geschlafen, sondern die ganze Nacht mit dem Kinn in der Hand das Problem überdacht habe. Jedenfalls aber war er vollständig wach, als Sanders am Schlusse seine Meinung abgab.

»O ihr Leute dieses Landes«, sagte Sanders, »viele Feuer sind niedergebrannt, seit wir zusammengekommen sind, und ich habe auf alle eure Worte gelauscht. Nun wißt ihr alle, wie gut es ist, wenn ihr einen Häuptling bekommt. Aber ich kann dich, M'loomo, nicht nehmen«, wandte er sich an einen düster dreinschauenden Prätendenten, »denn wenn du hier Häuptling wirst, so wird es Krieg geben. Und wenn ich dich wähle, B'songi, werde ich bald von Mord und Totschlag hören. Ich bin deshalb zu dem Entschluß gekommen, einen König über euch zu setzen, der weder bei euch wohnen, noch euch beaufsichtigen soll.«

Hunderte von Augen waren auf ihn gerichtet, und er sah den Ausdruck der Befriedigung darin, daß er die altüberlieferte und besondere Eigenart des Stammes berücksichtigt hatte.

»Euer König soll in weiter Ferne wohnen«, fuhr er beruhigt fort, als er erkannte, daß er das Richtige getroffen hatte. »Und ihr, die zwölf Verwandten Gulabalas, sollt an seiner Stelle regieren, jeder einen Monat im Jahr. Ihr sollt auf dem Häuptlingsstuhl sitzen und das Land für euren König verwalten, der bei mir wohnen wird.«

Einer der in Aussicht genommenen Regenten erhob sich. »O Herr«, sagte er, »das ist ein guter Spruch, denn Sakalaba, der große König, den wir hatten, tat desgleichen. Er lebte in S'furi-S'foosi, und wir waren in jenen Zeiten sehr glücklich. Sage uns nun, wen du über uns setzen wirst.«

Sanders war in die Enge getrieben. Blitzschnell überdachte er die Eigenschaften all der kleinen Häuptlinge, Ältesten, Führer der Fischer und Jäger, die ihm unterstanden, aber keiner schien dieser Aufgabe gewachsen zu sein.

In dieser peinlichen Pause flüsterte ihm jemand etwas aufgeregt ins Ohr. Es war Bones, der sich vornüberlehnte und ihn am Ärmel packte.

»Herr und Exzellenz, Sie müssen nicht denken, daß ich einen Vorteil aus meiner Stellung ziehen will, aber auf eine solche Gelegenheit habe ich schon lange gewartet. Sie würden mir eine außerordentliche Gunst erweisen – Sie sehen, ich muß doch an seine Karriere, an sein späteres Leben denken –«

»Was, in aller Welt, wollen Sie denn?«

»Henry Hamilton Bones, Sir«, entgegnete Leutnant Bones mit zitternder Stimme. »Sie könnten ihn für sein ganzes Leben glücklich machen. Ich muß doch für ihn sorgen! Ich weiß, daß es nicht recht von mir ist, Sie so zu unterbrechen –«

Sanders befreite sich freundlich aus dem heftigen Griff und richtete seine Blicke auf die Versammelten, die verwundert diesen Zwischenfall beobachtet hatten.

»Nun hört, ihr Leute, dies ist der Tag, an dem ich euch einen König gebe, und ihr sollt ihn M'songuri nennen, was in eurer Sprache ›Der Junge und der Weise‹ heißt. In meiner Sprache führt er den Namen N'risu Militani Tibbetti. Er ist noch ein Kind und wird geliebt von meinem Herrn Tibbetti, der ihn wie seinen Sohn hält, von Militani und von mir, Sandi.« Er hob seine Hand auffordernd. »Wa! Wessen Leute seid ihr?« rief er.

»M'songuris!«

Die Antwort kam in einem tiefen Brausen, und die Kulumbini sprangen auf die Füße.

»Wa! Wer regiert dieses Land?«

»M'songuri!«

Sie verschränkten die Arme über der Brust und stampften zuerst mit dem rechten, dann mit dem linken Fuß auf den Boden. Dies war das Zeichen, daß sie die Entscheidung annahmen.

»Er ist euer König«, sagte Sanders. »Baut ihm eine schöne Hütte, und sein Geist wird bei euch sein. Dieses Palaver ist aus.«

Während der ganzen Fahrt stromabwärts sagte Bones nichts, denn er war erfüllt von seinen Gedanken. In unregelmäßigen Zwischenräumen drückte er Sanders die Hand, aber er konnte nicht sprechen.

Hamilton und Patricia holten die beiden am Kai ab.

»Sie sind schneller zurückgekommen, als ich erwartete«, meinte Hamilton. »Wie hat sich Bones benommen?«

»Wie ein Gentleman«, erwiderte Sanders.

»Bones«, unterbrach ihn Patricia eifrig, »Henry hat einen zweiten Zahn bekommen.«

Bones nickte ernst und erhaben.

»Ich werde seiner Majestät jetzt meine Aufwartung machen«, sagte er dann und wandte seine Schritte zu dem »Palast« des jungen Königs.

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