Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edgar Wallace >

Hüter des Friedens

Edgar Wallace: Hüter des Friedens - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/wallacee/hueter/hueter.xml
typefiction
authorEdgar Wallace
titleHüter des Friedens
publisherGoldmann Verlag
translatorRavi Ravendro
editorFranz Schrapfeneder
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
printrun1. Auflage
isbn3442064422
year1982
created20111030
projectid1de0a8f9
Schließen

Navigation:

Von Auge zu Auge

»Bones«, sagte Captain Hamilton verzweifelt, »Sie werden niemals ein Napoleon werden!«

»Lieber alter Herr und Kamerad, Sie sind ein schrecklicher Pessimist.«

Bones wurde nämlich gerade in den Gegenständen C und D geprüft, um seine Qualifikation zur Beförderung zum Captain nachzuweisen. Da niemand anders zugegen war, leitete Hamilton das Examen. Nach allen Regeln und Gesetzen, die für militärische Prüfungen gelten, war Bones nicht nur durchgefallen, sondern hatte eigentlich auch sein Offizierspatent als Leutnant aufs Spiel gesetzt – aber glücklicherweise wurde es in den Kolonien nicht so genau genommen.

»Nun will ich Ihnen noch einen Fall vorlegen«, sagte Hamilton. »Angenommen, Sie hätten eine Kompanie Soldaten und Sie würden von drei Seiten angegriffen. Hinter Ihnen auf der vierten Seite

!34 würde ein Fluß liegen und Sie müßten erkennen, daß Sie sich nicht mehr lange halten können – was würden Sie dann tun?«

»Mein lieber alter Herr«, erwiderte Bones nachdenklich und legte die Stirn in Falten bei der unerhörten Anstrengung, die richtige Antwort zu geben. »Ich würde ans Ufer eilen, mir den Kopf mit Wasser kühlen, dann mit mir zu Rate gehen und einen Entschluß fassen.«

»Dann wären Sie verloren«, seufzte Hamilton, »Sie sind doch der letzte in der Welt, den Sie um Rat fragen könnten, Bones. Nun hören Sie einmal zu«, Hamilton machte einen letzten verzweifelten Versuch, einen Schimmer militärischen Verständnisses bei seinem Leutnant zu erwecken. »Nehmen Sie einmal an, Sie zögen mit hundert Schützen durch den Wald, und Sie fänden Ihren Weg durch eine Armee von tausend Bewaffneten versperrt – was würden Sie tun?«

»Ich würde zurückgehen – und zwar sehr schnell.«

»Zurückgehen? Zu welchem Zweck wollen Sie denn zurückgehen?« fragte Hamilton erstaunt.

»Das ist doch ganz einfach«, erklärte Bones. »Ich würde umkehren, um mein Testament zu machen und schnell noch ein paar Briefe an meine lieben alten Freunde in der Heimat zu schreiben. Sie müssen nämlich wissen, ich habe Freunde, Ham«, sagte er mit Würde, »wirklich liebe, nette Freunde, die auf jeden meiner Fußtritte achten und denen meine Stimme Musik bedeutet.«

»An welchen Geistesstörungen leiden denn diese Herrschaften sonst noch?« fragte Hamilton etwas beleidigend und schlug sein Buch mit einem Knall zu. »Nun werden Sie sehr traurig sein, daß ich Sie nicht für die Beförderung zum Captain in Vorschlag bringen kann.«

»Das ist doch nicht Ihr Ernst?« fragte Bones heiser.

»O ja, das ist mein Ernst.«

»Ich dachte, wenn mich ein Kamerad prüfte, würde ich das Examen mit fliegenden Fahnen bestehen.«

»Dann bin ich eben nicht Ihr Kamerad. Sie wollen mir doch nicht etwa zumuten, daß ich die Öffentlichkeit betrüge und Ihnen Fähigkeiten zuschreibe, die Sie gar nicht besitzen?«

»O doch, dieser Meinung bin ich!« Bones nickte heftig. »Tun Sie es doch um meinet – und um meines Kindes willen.« Mit dem »Kind« meinte er den schwarzen, kleinen Buben, den er gerettet und adoptiert hatte. »Nicht einmal um des Kindes willen – Sie sind durchgefallen!«

Bones sagte nichts, und Hamilton las die Papiere, Formulare und all die andern Dinge zusammen, die zu einem Examen notwendig sind.

Er schaute plötzlich auf und entdeckte, daß Bones ihn anstarrte, jedoch nicht in der Art, wie er es gewöhnlich tat. Es lag diesmal etwas Unheimliches in seinem Blick.

»Zum Teufel, was glotzen Sie mich so an?«

Bones sprach nicht, nur seine runden, großen Augen waren unbeweglich auf seinen Vorgesetzten gerichtet.

»Wenn ich gesagt habe, daß Sie das Examen nicht bestanden haben«, meinte Hamilton freundlich, »dann sollte das natürlich heißen ...«

»Daß ich es bestanden habe«, rief Bones aufgeregt.

»Sagen Sie es doch, sagen Sie es: ›Bones, ich gratuliere Ihnen, alter Kamerad‹ ...«

»Es sollte heißen«, erklärte Hamilton kühl, »daß Sie nach vier Wochen wieder eine Chance haben.«

Leutnant Tibbetts' Gesicht zuckte, und er sah sehr traurig aus.

»Es hat nicht geklappt«, sagte er bitter und verließ das Zimmer.

»Ein verrückter Kerl«, sagte Hamilton und lächelte.

»Fällt dir an Bones nicht etwas auf?« fragte Patricia ihren Bruder am nächsten Morgen.

Hamilton schaute über die Zeitung zu ihr hinüber. »An Bones fällt einem eigentlich nur Bones auf. An diese Tatsache werde ich täglich erinnert.«

Sie schaute zu Sanders hin, der auf der Veranda auf und ab ging.

»Haben Sie nicht etwas an ihm bemerkt, Mr. Sanders?«

»Ich habe nur beobachtet, daß er jetzt immer in Gedanken versunken ist und einen anstarrt«, sagte er nach einer Pause.

»Das meine ich ja gerade«, erwiderte Patricia. »Er starrt einen so entsetzlich an – das tut er nun schon eine Woche lang –, glauben Sie, daß ihm irgend etwas fehlt – daß er krank ist?«

»In der letzten Woche hat er sich ganz still in seiner Hütte gehalten«, meinte Hamilton nachdenklich. »Ich dachte allerdings, daß er für sein Examen büffelt. Aber jetzt entsinne ich mich, daß er auch mich so merkwürdig angesehen hat.«

Der Gegenstand ihrer Unterhaltung erschien plötzlich am andern Ende des Exerzierplatzes. Sie sahen alle zu ihm hinüber. Zuerst ging Bones langsam zu der Haussa-Schildwache hinüber, die das Gewehr schulterte.

Bones blieb vor dem Soldaten stehen und schaute ihn groß und fest an. Jedenfalls wußten die Beobachter auf der Veranda, daß er das tat, es war aus seiner ganzen Haltung zu schließen. Dann hob sich plötzlich die Hand des Soldaten, und er präsentierte, ohne daß irgendein Wort gesprochen wurde.

»Was macht denn der Mann?« fragte Hamilton aufgebracht. »Schildwachen präsentieren doch nicht vor Subaltern-Offizieren!«

Bones ging weiter, blieb vor einer der Hütten stehen, in denen die verheirateten Haussas wohnten, und sah zu dem Weib des Sergeanten Abibu hinüber. Er starrte lange und ernst auf die Frau. Sie kicherte zuerst, rückte dann unruhig hin und her, während sie seine Blicke erwiderte und plötzlich begann sie zu tanzen.

»Um Himmelswillen ...«, sagte Sanders atemlos, als Bones weiterging.

»Bones!« rief Hamilton laut.

Leutnant Tibbetts wandte sich nach der Veranda um und kam langsam auf das Haus zu.

»Was ist denn mit Ihnen los?« fragte Hamilton.

Bones sah rot und erregt aus, und seine Augen blitzten. Obgleich er sich den Anschein der Gleichgültigkeit geben wollte, war ihm doch anzusehen, wie er triumphierte und mit sich zufrieden war.

»Was gibt es, mein lieber alter Offizier?« fragte er möglichst unschuldig und fixierte Hamilton.

»Warum verdrehen Sie denn Ihre Augen so? Und erklären Sie mir einmal, warum Sie der Schildwache gesagt haben, daß sie vor Ihnen präsentieren soll?«

»Das habe ich dem Mann nicht gesagt, mein lieber alter Kommandeur und Vorgesetzter«, antwortete Bones. Er sah Hamilton fest und eindringlich, beinahe drohend an.

»Sagen Sie mal, ist Ihnen nicht ganz wohl, daß Sie so blöd dreinschauen?«

Bones blinzelte. »Ich fühle mich sehr wohl, mein Herr und Kamerad«, erwiderte er ernst. »Verzeihen Sie eine Frage – hatten Sie nicht die merkwürdige und unerklärliche Neigung, Ihre rechte Hand zu erheben und mich zu grüßen?«

»Was – was?« fragte sein Vorgesetzter erstaunt.

»Ich meine, ob Sie nicht eben ein Zucken im rechten Arm gefühlt haben, eine unwiderstehliche Neigung, Ihre Mütze zu berühren?«

Hamilton holte tief Atem. »Ich fühlte eine unüberwindliche Neigung, meinen Fuß zu erheben«, sagte er bedeutungsvoll.

»Sehen Sie mich einmal an«, bat Bones. »Sehen Sie mir genau ins Auge und denken Sie an gar nichts. So, nun schließen Sie Ihre Augen. Und nun sage ich Ihnen, daß Sie Ihre Augen nicht wieder öffnen können.«

»Aber natürlich kann ich sie wieder öffnen! Sind Sie eigentlich betrunken, Bones?«

Plötzlich lachte Patricia laut auf. »Jetzt weiß ich, was er will!« rief sie und klatschte in die Hände. »Bones will dich hypnotisieren!«

Bones verriet sich durch sein rotes Gesicht. »Das ist die Kraft des menschlichen Auges, mein lieber alter Hamilton«, sagte er schnell. »Manche Leute haben das – es ist eine Gabe. Ich habe sie neulich an mir entdeckt, nachdem ich einen Artikel in der neuen Zeitschrift für Naturheilwesen gelesen hatte.«

»Ach so!« Hamilton pfiff. »Darauf ist all Ihr Glotzen und Starren in der letzten Zeit zurückzuführen! Ich kann mich jetzt auch auf verschiedenes besinnen. Neulich während der Prüfung haben Sie mich auch so angeguckt – da wollten Sie mich wohl auch hypnotisieren?«

»Lassen wir Vergangenes vergessen sein, mein lieber alter Freund.«

»Und als ich Ihnen befahl, die Soldlisten für die Kompanie abzuliefern, die Sie natürlich wieder einmal nicht in Ordnung gebracht hatten, haben Sie mich auch so angesehen.«

»Es ist eine Gabe«, sagte Bones leise.

»Bones, Bones«, rief Patricia, »mich haben Sie auch mit Ihren Blicken durchbohrt, als ich Ihre Einladung zum Picknick am Ufer nicht annehmen wollte.«

»In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt!« sagte Bones sorglos. »Es ist eine wundervolle Gabe.«

»Haben Sie denn überhaupt schon einmal jemand hypnotisiert?« fragte Hamilton neugierig.

Bones strahlte. »Aber selbstverständlich, mein lieber alter Herr! Meinen Sekretär, den netten alten Ali Abid. Wenn ich den nur von der Seite ansehe, fällt er sofort in Trance. Tatsache, alter Ham!«

Hamilton klatschte in die Hände, und die Ordonnanz, die im Schatten der Veranda geschlafen hatte, sprang auf.

»Gehe hin und bringe Ali Abid her!« befahl Hamilton. Und als sich der Mann entfernt hatte, fuhr er fort: »Sie bilden sich wohl auch ein, daß Sie durch die Kraft Ihres Blickes der Schildwache suggeriert haben, zu präsentieren, und daß Sie die Frau beeinflußt haben, zu tanzen?«

»Sie haben es doch selbst gesehen«, erwiderte Bones selbstzufrieden. »Ich kann nur immer wiederholen, es ist eine wunderbare Gabe. Sobald ich den Artikel gelesen hatte, versuchte ich mich an Ali, und ich hatte gleich beim ersten Versuch Erfolg!«

Patricia konnte ihr Lachen nicht unterdrücken, auch Sanders zwinkerte lustig mit den Augen.

»Ich erinnere mich jetzt, daß Sie sich auch an mir erproben wollten, als Sie mich baten, Ihnen Urlaub für einen kleinen Jagdausflug zu den N'gombi zu geben.«

»Ja, das stimmt, Exzellenz«, gab Bones kleinlaut zu.

»Und ich sage Ihnen, daß es nicht ratsam sei; weil Sie mir da oben zuviel Spektakel mit Ihrer Schießerei machen.«

»Jawohl, Exzellenz«, pflichtete Bones bei.

»Und daraufhin haben Sie mich angestarrt.«

»Habe ich das wirklich getan – wirklich?«

Als Ali auf der Veranda erschien, atmete Bones erleichtert auf. Er war wieder selbstbewußt und von sich überzeugt.

»Miß Patricia, meine Damen und Herren!« begann er in dem Tone eines Vortragsredners. »Sie sehen hier Ali Abid vor sich, meinen vertrauten Diener und Anhänger des Propheten. Ich werde Ihnen nun an ihm die Macht des menschlichen Auges demonstrieren.«

Er sah den schläfrigen Ali an. Er starrte ihn schrecklich und drohend an, und Ali, der seinen Herrn befriedigen wollte, erwiderte seinen Blick.

»Schließe deine Augen«, befahl Bones. »So, du kannst sie jetzt nicht wieder öffnen. Sage, stimmt das?«

»Mein Herr, die optischen Instrumente des menschlichen Gesichtes sind hermetisch versiegelt.«

»Ich werde ihn jetzt in Trancezustand versetzen!« erklärte Bones und bewegte geheimnisvoll seine Hände in der Luft hin und her. Ali schwankte und wäre umgefallen, wenn Bones ihn nicht gestützt hätte. »Er ist jetzt in tiefster Trance und unempfindlich gegen jeden Schmerz!«

»Leihe mir doch schnell einmal eine Nadel, Patricia!« rief Hamilton.

»Und jetzt, meine Herrschaften«, fuhr Bones hastig fort, »erwecke ich ihn wieder zu vollem, klarem Bewußtsein.« Er schnappte mit den Fingern.

Ali erhob sich, öffnete die Augen und nahm Haltung an.

»Ich danke dir, Ali, du kannst jetzt gehen!« Bones wandte sich zu den andern, um ihre Glückwünsche entgegenzunehmen.

»Glauben Sie wirklich, daß Sie ihn hypnotisiert haben?«

Bones richtete sich zu voller Größe auf. »Mein Herr und Vorgesetzter«, erwiderte er steif, »wollen Sie etwa damit sagen, daß ich ein netter alter Betrüger bin? Sie haben doch die Schildwache gesehen und die Frau!«

»Und ich habe Ali gesehen!« Hamilton nickte. »Und ich möchte wetten, daß Ali der Schildwache und der Frau etwas gegeben hat, damit sie sich von Ihnen zum Narren halten lassen!«

Bones machte eine kurze, korrekte Verbeugung. »Über meine persönlichen Gaben, mein Herr, kann ich nicht sprechen. Auch Sie wissen, daß es Dinge gibt, die so zart und delikat sind, daß man nicht darüber diskutieren kann, es sei denn mit Leuten, die einem freundlich und sympathisch gegenübertreten. Ich werde meine Studien der psychischen Geheimnisse unentwegt fortsetzen, unbekümmert um den kalten, eisigen Hauch der Kritik und des Zweifels.«

Er grüßte jeden einzelnen, drehte sich um und verschwand hocherhobenen Hauptes, ein Bild beleidigten Stolzes.

Am Abend lag Sanders in seinem Bett und hatte sich gerade auf die rechte Seite gelegt. Er befand sich im dritten Stadium des Wohlbefindens, das aus dem gewöhnlichen Leben hinüber in die Gefilde des Schlafes und des Traumes führt. Halbwach hörte er noch den Regen vom Dach der Veranda hinuntertropfen und nahm sich vor, am nächsten Morgen Abibu einmal ins Gebet zu nehmen. Er sollte ihm erklären, warum die Regenröhre wieder verstopft war, denn Abibu hatte beim Bart des Propheten einen feierlichen Eid geleistet, daß die Dachrinnen und Abfallrohre der Residenz von allen Vogelnestern und allem Unrat gereinigt seien.

Der Regen tropfte, und Sanders versank in das Nichts der Nacht.

Aber plötzlich öffnete er die Augen wieder, denn von draußen klopfte es an die Fensterläden. Er stand auf, schlüpfte in seine leichten Schuhe, zog den seidenen Schlafrock an und machte Licht. Dann ging er in das Speisezimmer, in dem über Nacht die Stühle zusammengestellt waren. Die große Wanduhr tickte. Er zögerte einen Augenblick, bevor er den Schalter andrehte, ging zur Tür und öffnete.

»Komm herein«, sagte er auf arabisch.

Ein schlanker, fast unbekleideter Mann trat ein. Er trug nur einen Fez auf dem Kopf und ein kleines Tuch um die Hüften. Er war platschnaß, und unter seinen Füßen bildeten sich zwei kleine Wasserlachen auf der weißen Matte. Aber er hatte diese merkwürdig stolze Haltung, die die Mohammedaner von allen andern Eingeborenen auszeichnet.

»Friede sei mit diesem Hause!« sagte der Mann und hob seine Hand.

»Sprich, Ahmet!« Sanders setzte sich in einen großen Stuhl und lehnte sich zurück. Er faltete die Hände hinter dem Kopf und sah den Mann ernst an, denn er wußte genau, daß keiner seiner Späher nachts ans Fenster klopfen würde, wenn er nicht eine dringende Nachricht zu überbringen hatte.

»Herr, es ist schamvoll, daß ich dich aus deinen schönen Träumen geweckt habe, aber ich kam mit dem Strom.« Das heißt: Ich kam so schnell als möglich. Er schaute auf seinen Herrn nieder und sprach dann in der Art der Kanoleute weiter, die über eine gewisse Beredsamkeit verfügen. »O Herr, es steht geschrieben in der Sure des Ya-Sin ›Es ist der Sonne nicht gegeben, den Mond auf seiner Bahn zu überholen‹ ...«

»Noch der Nacht, den Tag zu übertreffen, sondern jedes Gestirn wandert den Weg, der ihm vorgeschrieben ist«, beendete Sanders ungeduldig den Koranspruch. »Und so beginnt die Sure der Höhle: ›Preis sei Gott, dem Erhabenen, der seinem Knechte das Buch gesandt hat, in dem kein Falsch steht.‹ Deshalb, Ahmet, sprich vernünftig und verständlich zu mir und spare deine guten Sprüche.«

Ahmet kauerte sich nieder.

»Herr«, sagte er dann, »von der Biegung des Stromes, wo der Isisifluß das Land in das Gebiet der N'gombi und das des Guten Häuptlings teilt, kam ich. Ich reiste Tag und Nacht, denn es sind viele merkwürdige Dinge geschehen, die zu wunderbar für mich sind. Dieser Häuptling Busesi, den alle Menschen gut nennen, hat eine Tochter von seinem zweiten Weibe. In dem Jahre, als die große Ernte war, wurde sie an einen Fremden verheiratet, der im Walde wohnt. Er heißt Gufuri-Bululu, und er nahm sie mit sich in seine Hütte.«

Sanders hörte interessiert zu. »Sprich weiter.«

»Und nun, o Herr, ist sie zurückgekehrt und vollführt jetzt wunderbare Zauber. Durch das Wunder ihrer Augen kann sie Tote zum Leben erwecken und Lebende sterben lassen, und alle Leute sind sehr in Furcht. Auch lebte dort ein blinder weiser Mann in dem Walde, der von seiner Tochter geführt wurde. Und weil er so klug war und diese Frau D'rona Gufuri alle haßt, die ihr den Rang streitig machen, hat sie gewisse Leute dazu angestiftet, das Mädchen zu fangen und sie so lange unter Wasser zu halten, bis sie starb.«

»Das ist ein böses Palaver. Aber erkläre mir, was du mit dem ›Wunder ihrer Augen‹ sagen willst.«

»Herr, sie sieht die Männer an, und dann müssen sie nach ihrem Willen handeln. Nun ist es jetzt ihr Wille, beim nächsten Neumond ein großes Tanzfest aufzuführen, und danach will sie die Krieger des Volkes von Busesi ausschicken, damit sie gegen die N'gombi ziehen sollen. Der Häuptling, ihr Vater, ist alt und etwas verrückt, und aus diesem Grunde wird er gut genannt.«

Sanders preßte nachdenklich die Lippen aufeinander. »Durch das Wunder ihrer Augen!«

»Herr, ich selbst habe es gesehen. Sie hat Männer durch ihre Blicke zu Boden gestreckt, andere hat sie wild und verrückt gemacht.«

Sanders wandte sich um, als er ein Geräusch hörte. Hamilton erschien und blinzelte schlaftrunken ins Licht.

»Ich hörte sie sprechen«, entschuldigte er sich. »Was gibt es denn?«

Sanders wiederholte kurz die Geschichte, die Ahmet ihm berichtet hatte.

»Das trifft sich ja gut«, meinte Hamilton, der gegen alles Erwarten erfreut zu sein schien.

»Wieso denn?«

»Bones!« rief Hamilton. »Bones eignet sich doch vorzüglich für diese Aufgabe. Er soll die Frau durch seine Blicke bändigen. Ich werde in sein Quartier gehen und ihn holen.«

Hamilton zog sich schnell an, schlüpfte in seinen Regenmantel und ging über den großen, dunklen, viereckigen Platz zu der Wohnung von Tibbetts.

Als er die Tür geöffnet hatte, drehte er seine elektrische Taschenlampe an und beleuchtete den Schläfer. Bones lag schnarchend auf dem Rücken, sein Mund stand weit offen, und ein langes, sehniges Bein schaute weit unter der Bettdecke hervor.

Hamilton fand die Petroleumlampe und steckte sie an. Dann machte er sich an die schwierige Aufgabe, seinen Untergebenen zu wecken. »Stehen Sie auf, Sie schläfriger Teufel!« rief er Bones an und schüttelte ihn heftig an den Schultern.

Bones öffnete die Augen und sah ihn schnell an.

»Auf das Wort Eins«, sagte er heiser, »setzt man den linken Fuß etwa eine Spanne weit nach links, gleichzeitig bringt man das Gewehr rechts in eine horizontale Lage – Eins!«

»Wachen Sie auf, wachen Sie auf, Bones!«

Bones stieß einen unterdrückten Schrei aus, etwa wie ein Pantherweibchen, das zum Lager zurückkehrt und entdeckt, daß die Jungen von wilden Schweinen gefressen worden sind. Und dann legte er sich auf die rechte Seite.

Hamilton hob Bones in die Höhe und ließ ihn wieder auf das Bett fallen.

»Meine Herren Geschworenen«, sagte Bones, »ich stehe vor Ihnen als ein ruinierter Mann. Der Trunk hat mich so heruntergebracht, wie der gute alte Richter schon sagte. Ich habe Wilfred Morgan umgebracht, aber ich bitte um Ihre Gnade.« Er grüßte steif, sank auf sein Kissen und fiel gleich darauf wieder in tiefen Schlaf.

Hamilton seufzte. Er hatte Bones schon manchmal geweckt, aber es war niemals so schwierig gewesen wie diesmal. Er nahm eine Selterwasserflasche, öffnete sie und hielt ihm die Öffnung vor das Gesicht.

Bones fuhr mit Gebrüll in die Höhe.

»Hallo, Harn, mein lieber alter Offizier, das ist das Ende! Sie bleiben bei dem Rettungsboot stehen und schießen jeden erbarmungslos nieder, wenn er auch nur den Versuch macht, das Schiff zu verlassen, bevor die Torpedos in Sicherheit sind. Ich gehe indessen nach unten und sehe nach den Frauen und Kindern.« Er machte kurzum kehrt und war im Begriff, in die regnerische Nacht hinauszuwandern, als Hamilton ihn am Arm ergriff.

»Halt! Ziehen Sie sich erst an! Sanders muß Sie sprechen!«

Bones nickte.

»Ich werde gleich hinüberkommen und ihn aufsuchen«, sagte er, kroch ins Bett zurück und schlief im nächsten Augenblick wieder.

Hamilton machte das Licht aus und ging zu der Residenz zurück.

»Ich hatte nicht das Herz, ihm das Ohr abzuschneiden«, erklärte er bedauernd. »Ich fürchte, wir werden nicht vor morgen früh in der Lage sein, ihn zu Rate zu ziehen.«

»Es ist ja schließlich auch Zeit bis morgen. Ich habe Abibu schon Befehl gegeben, Vorräte und Feuerholz an Bord zu bringen und die Kessel der ›Zaire‹ zu heizen. Wir wollen uns jetzt wieder hinlegen und es ebenso machen wie Bones.«

»Das soll der Himmel verhüten!«

Bones erschien in bester Stimmung zum Frühstück. Er hörte die Nachrichten von den unangenehmen Vorgängen bei den N'gombi und setzte die ernste Miene auf, über die sich Hamilton gewöhnlich ärgerte.

»Es wäre besser gewesen, wenn Sie mich in der Nacht geweckt hätten«, sagte er gewichtig. »Das wären Sie mir schuldig gewesen, mein lieber alter Offizier.«

»Was, wir hätten Sie wecken sollen?« brach Hamilton los.

»Wir haben den Versuch gemacht, Bones, aber wir hatten keinen Erfolg«, begütigte Sanders.

Staunen und Verwunderung zeigten sich auf den jugendlichen Zügen des Leutnants Tibbetts.

»Wie, Sie haben mich geweckt?« fragte er ungläubig.

»Jawohl! Ich habe Sie nicht nur gerufen, ich habe Sie auch geschüttelt, gestoßen – ich habe Ihnen Wasser ins Gesicht gegossen!«

Ein schwaches, verzweifeltes Lächeln ging über Bones' Gesicht.

»Sind Sie denn auch wirklich sicher, daß ich das war, mein lieber, alter Offizier?«

Hamilton erstickte beinahe vor Wut.

»Ich frage Sie ja nur!« Bones wandte sich liebenswürdig an Patricia. »Ich bin nämlich, wie alle wissen, ein leichter Schläfer. Das leiseste Geräusch weckt mich auf, und ich bin sofort bei Bewußtsein. Bosambo nennt mich ›Das Auge, das sich nimmer schließt‹ ...«

»Bosambo macht sich bekanntlich gern einen Spaß mit dummen Leuten!« unterbrach ihn Hamilton. »Tatsächlich, Bones.«

»Wenn ich draußen im Walde kampierte und in einen tiefen Schlaf fiel, meine liebe Schwester, wie das meine Jugend und mein gutes Gewissen mit sich bringen, wurde ich sofort von dem kleinsten Geräusch geweckt und sprang sofort auf die Füße. Gleich darauf hatte ich die Pistole zur Hand. – Und was war es?«

»Wahrscheinlich ist Ihnen eine Elefantenherde über die Hühneraugen getrampelt!« meinte Hamilton.

»Was war es, meine liebe, gute Patricia?« fragte Bones noch einmal. »In einer Entfernung von hundert Metern hatte ein Fußgänger einen kleinen Zweig zertreten.«

»Großartig!« höhnte Hamilton, indem er seinen Kaffee umrührte.

»Bones, Sie müssen in das Land hinauf und die wunderbare Kraft Ihrer Augen an D'rona Gufuri erproben«, sagte Sanders.

Patricia fühlte sich immer besonders von Sanders angezogen, wenn er so liebenswürdig und geduldig war.

Bones lehnte sich in seinem Stuhl zurück und sprach pathetisch und mit großem Nachdruck, denn er war davon überzeugt, daß nur er allein die Schwierigkeiten seiner Vorgesetzten lösen könne.

»Wenn die Kraft des menschlichen Auges von einem wirklichen Wissenschaftler einem Eingeborenen gegenüber angewandt wird, ist sie unwiderstehlich. Sie können bestimmt damit rechnen, daß ich nach vier Tagen mit der Gefangenen wieder hier eintreffe.«

»Sie macht Ihnen vielleicht mehr Schwierigkeiten, als Sie erwarten«, erwiderte Sanders ernst. »Je länger man mit diesen Eingeborenen zusammen lebt, desto weniger Selbstvertrauen hat man. Es sind schon sonderbare Fälle in dieser Beziehung vorgekommen. Manchmal besaßen schon Männer die Gabe dieser Frau ...«

»Vergessen Sie nicht, daß auch ich über diese wunderbare Kraft verfüge, Exzellenz!« unterbrach ihn Bones.

»Fürchten Sie nichts, verlassen Sie sich nur auf Ihren alten Bones!«

*

Sechsunddreißig Stunden später stand Bones vor D'rona Gufuri.

»Herr«, sagte die Frau, »die Leute sprechen Böses über mich zu Sandi, und du bist gekommen, um mich in das Dorf der Ketten mitzunehmen!«

»Du hast recht, D'rona«, entgegnete Bones und schaute ihr starr in die Augen.

»Herr«, sprach die Frau langsam weiter, »du sollst zu Sandi zurückgehen und ihm sagen: ›Ich habe dieses Weib D'rona nicht gesehen ‹ – denn ist dies nicht wahr?«

»Iwa! Iwa!« flüsterte Bones heiser.

»Du kannst mich nicht sehen, Tibbetti, ich bin nicht hier.« Die Frau sprach vor den versammelten Dorfbewohnern, die mit ihren Fingerknöcheln die Zähne berührten und entsetzt und furchtsam zusahen.

»Ich kann dich nicht sehen«, sagte Bones schlaftrunken.

»Und jetzt kannst du mich auch nicht mehr hören, Herr.«

Bones antwortete nicht mehr.

Die Frau nahm ihn am Arm und führte ihn durch die Sträucher, die am Fluß standen und das Dorf vom Ufer trennen. Keiner folgte ihnen, selbst die beiden Haussas, die Leutnant Tibbetts als Bedeckung gefolgt waren, standen wie angewurzelt.

Die Frau hatte ihre Hand nur leicht auf seinen Arm gelegt, und Bones tat alles, was sie wollte. Er trat in den Schatten der Bäume, als sich plötzlich vom Boden eine hagere Gestalt erhob und D'rona eine knochige Hand an ihrer Kehle fühlte. Aber sie lachte.

»O Mann, wer du auch immer sein magst, sieh mir ins Auge, und deine Kraft wird dahinschwinden.«

Sie wandte sich schnell um und wollte das Gesicht des Mannes sehen, der sie angefallen hatte.

Sie schrie laut auf, denn er war blind.

Bones stand regungslos daneben, ohne etwas zu sehen oder zu hören, als der blinde Zauberdoktor D'rona Gufuri erwürgte, die seine Tochter umgebracht hatte.

*

»Natürlich denken Sie«, erklärte Bones, »daß sie mich hypnotisiert hat, aber andererseits ist es doch möglich, daß sie überhaupt unter meinem Einfluß gehandelt hat. Die Sache ist zumindest strittig, Exzellenz, durchaus strittig!«

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.