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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 99
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Zehntes Kapitel.
Bis zum Ende aller Dinge.

Es waren seit dem 4. Juni acht Tage verflossen, Oesterreich hatte am 11. Juni seinen Mobilisirungsantrag gestellt, schon den folgenden Tag erklärte Prinz Ysenburg im Auftrage des Grafen Bismarck dem Grafen Platen: »Dem Mobilisirungsantrage fehle jede bundesrechtliche Grundlage. Durch Annahme desselben lösten die Betheiligten das Bundesverhältniß und treten als Bundeslose mit einem Acte der Feindseligkeit gegen Preußen auf. In dem ausbrechenden Kriege würde Preußen sich alsdann nur durch sein eigenes Interesse und das der zu ihm stehenden Staaten leiten lassen.«

Was das Interesse Preußens aber heischte, das hatte Bülow-Cummerow schon vor Jahren der Welt verrathen, jeder Staatsmann mußte es wissen.

Am folgenden Morgen war Conseil in Herrenhausen, zu dem auch der Generalkonsul Staatsrath Zimmermann von Hamburg hertelegraphirt war. Er war der einzige, der klar sah; hatte er doch schon vor wenigen Tagen das Bleiben des Feldmarschallieutenants Gablenz auf hannoverischem Boden am linken Elbufer hauptsächlich verhindert und war Veranlassung gewesen, daß die Division Kalik direct auf Frankfurt fuhr; heute war er wieder der einzige, der gegen die Mobilisirungsanträge sprach, auch gegen den in correcterer Fassung, der nur die Staaten außer Oesterreich und Preußen zur Mobilisirung aufforderte.

Allein ein vernünftiger Rath fand in Herrenhausen schon längst kein Gehör mehr; Graf von Schlottheim, Generaladjutant Victor Justus Haus von Finkenstein, der Regierungsrath Meding, der Archivrath Onno Klopp, daneben der Consistorialrath Schlangentaube, der Hofprediger Uhlhorn, bis auf eine Menge namenloser Leute hatten das Ohr des Königs, und dieser, der eben nur hörte, bekam nichts zu hören als Redensarten, die seinem Ohr schmeichelten.

Der König war seit Pfingsten in einer fieberhaften Spannung, er litt an Schlaflosigkeit und plagte seine königliche Dienerschaft, vom Ministerium bis zum Hochkoch gar sehr. Er pflegte des Morgens mit der Sonne aufzustehen und sofort, ohne Kaffee oder Thee getrunken zu haben, eine côtelette au naturel oder eine andere Fleischspeise zu sich zu nehmen und einige Gläser Sherry zu trinken. Dann ließ er sich im Parke umherführen und befahl früh fünf Uhr morgens den einen oder andern Minister, General, oder wen er gerade zu sprechen wünschte, telegraphisch zu sich; die so Gerufenen kamen, oft ohne noch irgendetwas genossen zu haben, früh morgens um fünf oder sechs Uhr nach Herrenhausen, und Georg, der keine Zeit kannte, keine schlagende Uhr liebte, hielt sie oft bis Mittag und darüber in vertraulichen Conferenzen fest.

Man würde sich inzwischen sehr irren, wenn man glaubte, daß in solchen Audienzen die Hauptfrage, von der die Existenz des Welfenreichs abhing, Gegenstand der Erörterung gewesen wäre; es war vielmehr nur der dem Könige eigene Beschäftigungstrieb, der bei der innern Unruhe, die ihn quälte, genaue Auskunft über die kleinsten, oft kleinlichsten Dinge verlangte, mit denen er Minister und Räthe oft viele Stunden quälte. Der Blinde hatte sich durch eigene Schuld seit Jahren eine Masse Verlegenheiten bereitet, indem er, ohne seine Minister gehört zu haben, einzelnen Corporationen, Deputationen, die sein Ohr zu erreichen wußten, Versprechungen gab, die den Absichten seiner Minister geradezu entgegenstrebten. So hatte er dem residenzlichen Handwerkerstande, der ihm bei der Einweihung des Ernst-August-Denkmals so große Freude bereitet, das Versprechen gegeben, daß ihre Zunftrechte dauernd geschützt werden sollten, während selbst der Minister Bacmeister es für nothwendig erachtet hatte, ihm die Unterschrift zu einem Gewerbegesetz abzunöthigen, welches mehr oder weniger auf dem Boden der Gewerbefreiheit stand. Nun erregten die Zünftler der Residenz im ganzen Lande Agitationen und bedrängten den König mit Petitionen, die ihn an sein Versprechen erinnerten.

Wir haben in einem frühern Kapitel gesehen, daß der größte Grundbesitzer seinen getreuen Mitgrundbesitzern versprochen, die Untheilbarkeit des Grundbesitzes zu schützen, und doch hatte schon das vorletzte Ministerium Windthorst-Hammerstein einen Gesetzentwurf ausgearbeitet, welcher zwar noch nicht das Höfewesen von der Untheilbarkeit freimachte, aber doch einen großen Schritt in dieser Richtung that. Dem Könige fehlte jeder Begriff von der Staatsidee, er fühlte sich nur als souveräner patriarchalischer Herr, dessen Eigenwille über alles entschied.

So hatte er nach dem Conseil bis zum Diner am Nachmittage einer Menge Personen Audienzen ertheilt und viele Kleinigkeiten nach selbsteigenen Beschlußnahmen erledigt, als nach dem Diner der Generalconsul Zimmermann sich in dringenden Angelegenheiten zur Audienz melden ließ. Der König, noch zornig darüber, daß dieser Mann es gewagt hatte, zur Neutralität mit Preußen und zur Abstimmung gegen den Antrag der Königreiche zu rathen, weigerte die Audienz.

Der Staatsrath mochte darauf vorbereitet gewesen sein, er zog ein Schreiben aus der Tasche und übergab es dem Dienstthuenden, und darauf schlüpfte die schmächtige, schiefe, trotz des hohen Stürmers mit Federn immer schneiderhafte Persönlichkeit wieder zur Droschke, um nach dem Unionhotel zurückzufahren.

Der Brief lautete:

»Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster König und Herr!

»Erlauben Ew. königliche Majestät Ihrem unterthänigsten Diener, eine Mittheilung zu machen, welche demselben von der allergrößten Wichtigkeit scheint. Durch außerordentliche Verbindungen habe ich das Glück gehabt, vor zwei Stunden in Besitz der Abschrift eines Schreibens des Kaisers Napoleon, datirt: Palais der Tuilerien, 11. Juni 1866, an den Minister Drouin de l'Huys zu gelangen, welches ich anbiege.

»Ew. königliche Majestät wird es einem von Ew. Majestät getreuesten Dienern, welchen Allerhöchstdieselben zum Staatsrathe ernannt, und der Ew. Majestät seit länger als zehn Jahren den nach seiner bescheidenen Einsicht in höhern Staatsaffairen erforderten Rath mit größter Gewissenhaftigkeit ertheilt zu haben sich bewußt ist, gestatten, daß er Ew. königlichen Majestät Aufmerksamkeit der Stelle des Schreibens zuwendet, wo es heißt: ›Der entstandene Conflict hat drei Ursachen, die schlecht abgegrenzte geographische Lage Preußens, den Wunsch Deutschlands nach einer seinen Bedürfnissen mehr entsprechenden Reconstituirung, und die Nothwendigkeit für Italien, seine nationale Unabhängigkeit zu sichern –‹ sowie dem Ausspruche Napoleon's, wo der Kaiser für Preußen mehr Homogeneität und Kraft im Norden wünscht.

»Allerdurchlauchtigster König und Herr! Das, was Preußen im Norden die Kraft nimmt, ist das zwischen seinen Osten und Westen eingekeilte Hannover. Jeder Krieg bringt nothwendig eine Veränderung der Karte Deutschlands mit sich; und hat Napoleon gegen Arrondirung Preußens im Norden nichts zu erinnern, wer weiß, gegen welche Abmachungen?, so würden, im Fall die Verbündeten Ew. königlichen Majestät unterliegen, nicht nur Schleswig-Holstein, sondern auch Kurhessen, Nassau und Hannover die zur Compensation geeignetsten Gegenstände sein.

»Ew. Majestät glauben sicher an den Sieg des hohen kaiserlichen Verbündeten, allein der Sieg muß rasch erfolgen, sonst sind Ew. Majestät Erblande das erste Opfer des Krieges. Ew. Majestät Kriegsheer ist nur halb gerüstet, aber das Compensationsobject ist durch drei, wenn nicht vier preußische Armeecorps bedroht – Nassau von Koblenz und Wetzlar, Kurhessen von Wetzlar und Westfalen, Hannover durch das westfälische Armeecorps, durch die Division Manteuffel in Holstein und das, was von Magdeburg herangezogen werden kann.

»Ew. Majestät beschwöre ich, morgen noch einmal den Rath des Gesammtministeriums, mit Hinzuziehung nicht voreingenommener Militärs und anderer Berather der Krone anzuhören. Ew. Majestät südliche Verbündete können Ihnen bei einem Ueberfalle Hannovers nirgends die Hand reichen, und wie mir General Jacobi vertraulich sagte, ist keine Möglichkeit vorhanden, vor Anfang des nächsten Monats Ew. Majestät tapferes Kriegsheer mobil zu machen. Wird Preußen bis dahin warten? kann es warten?

»Bei solcher Lage der Dinge scheint es mir die Sicherheit des Königreichs zu erheischen, das Neutralitätsbündniß mit Preußen nicht von der Hand zu weisen.

»Ew. Königl. Majestät allerunterthänigster &c.
Zimmermann.«            

Als Dr. Lex dem Könige dieses Schreiben vorgelesen hatte, wurde dieser nachdenklich; er befahl, die Minister und einige Militärpersonen auf den andern Morgen zu einem Conseil nach Herrenhausen berufen zu lassen, und Lex mußte die nöthigen Depeschen ausfertigen.

Während dieser arbeitete, theilte der König seinem Haus von Finkenstein und dem Grafen Schlottheim die französische Depesche mit; beide standen fest zu Oesterreich; Schlottheim hatte dort noch Verbindungen am Hofe, wie die angekauften Fideicommißgüter, Victor Justus haßte Preußen, ohne selbst den Grund davon zu wissen. Man hatte ihn, als er bei Gelegenheit des italienischen Krieges mit dem Könige einmal in Berlin war, völlig ignorirt und nicht mit dem üblichen Orden decorirt.

Beide suchten Georg in dem Glauben an den unzweifelhaften Sieg Benedek's gegen die beiden preußischen Prinzen zu erhalten; die Königin betete abwechselnd um den Frieden, und wenn es zum Kriege komme, um den Sieg Oesterreichs, und der Hofprediger verwies sie auf den Herrn, der nur der gerechten Sache beistehe.

In der Berathung des andern Tages wurde das Gegentheil von dem beschlossen, was Zimmermann gewünscht hatte, nämlich es wurde der gestrige Beschluß wegen der heutigen Abstimmung in Frankfurt nicht nur nicht zurückgezogen, sondern in Voraussicht, daß die Mobilisirung auch des zehnten Armeecorps beschlossen würde, heute schon die Einberufungsordre an die Reserven ausgefertigt, um auf die erste telegraphische Nachricht aus Frankfurt solche in das Land zu senden.

Die Gardeoffiziere sprachen schon laut von Mobilisiren, Pferdeankauf, Feldzulage, und rasselten auf den Straßen, in dem Theater, bei Kasten und in andern Kaffeehäusern lauter mit den Säbeln als sonst.

Der Minister des Innern machte in der Zweiten Kammer ein erbärmliches Gesicht, als sei das Bewußtsein, eine Dummheit begangen zu haben, über ihn gekommen. Er vertraute Leuten von der Opposition an, Zimmermann und er selbst hätten im Conseil gegen den Bundesbeschluß gestimmt.

Die Kammersitzung wurde beendigt, ehe der Draht Nachricht aus Frankfurt gebracht hatte; gegen fünf Uhr wurden aber an den Straßenecken und Plakatsäulen schon die Abstimmungen des Bundestags angeschlagen.

Während sämmtliche Liberale die Abstimmung Hannovers bedauerten, jubelte die Hofclique und die kriegsdurstige Militärpartei.

Daß Herr von Savigny in der Abstimmung einen Bruch des Bundes gefunden und Preußens Austritt aus demselben erklärt habe, wurde erst am Abend bekannt und veranlaßte die Führer der nationalen Partei, diese noch am Abend spät zu versammeln. Man beschloß, am andern Tage von der ganzen Partei einen Urantrag einzubringen und in einer Adresse an den König auszusprechen, daß der Bundesbeschluß ungerechtfertigt sei und geeignet, den Bürgerkrieg herbeizuführen, weshalb an Se. Majestät das dringende Ersuchen gestellt werde:

»Die Rathgeber der Krone, welche den obigen Schritt veranlaßt, unverzüglich zu entlassen, den Bundesbeschluß nicht zur Ausführung zu bringen; jedes Heraustreten aus einer stricten Neutralität zu vermeiden; auf schleunige Einberufung eines deutschen Parlaments zu dringen.«

Rudolf von Bennigsen und Miquèl wurden mit der Redaction des Antrags beauftragt.

Es war nach zehn Uhr abends, als die Abgeordneten der Partei sich trennten. Herr von Düffel schritt mit seinen Landsleuten der Zauberflöte zu, manche andere folgten, während die Mehrzahl sich nach den gewohnten Abendlocalen begab. Es hatte zum ersten mal seit mehrern Wochen gegen Abend etwas geregnet und die Luft sich abgekühlt, sodaß man im Gegensatz zu den vorhergehenden Tagen schon ein durch Gaslicht erwärmtes Local angenehm fand.

Deshalb mochte sich auch wol in der Zauberflöte die große Menge Gäste eingefunden haben, die wir dort treffen. Rechts und links war alles besetzt und nur unter dem Bilde des Tempels der Isis standen zwei leere Tische laut einem großen Zettel »belegt« für die Abgeordneten Zweiter Kammer, die sich hier zu versammeln pflegten. Am runden Tische in der Mitte der Halle hatten sich, wie im Winter, Kaufleute, Fabrikanten, Künstler, Advocaten zusammengefunden; die uns bekannte Giftkröte führte hier das Wort; der Gegenstand des Gesprächs war in allen Localen, vielleicht in allen Bier- und Weinstuben Deutschlands derselbe, das, was alle Herzen und Gemüther der Nation bewegte, die Abstimmung in Frankfurt, die Auflösung des Bundes, das Aufhören des Bundesrechts, der Krieg.

»Ich«, sagte der kleine Blondin, »nehme die Abstimmung gern als eine Gottesgabe an, um mit den Worten unsers Allerdurchlauchtigsten zu sprechen. Sie bringt endlich Klarheit; und wenn es noch ein Mittel gibt, die Verblendung, mit der man in Herrenhausen und an vielen kleinen Höfen von dem ›Herrn‹ gestraft ist, zu heben, so ist es dies. Der Souveränetätsschwindel, den die Kleinen und Mittlern wie einen Pfauenschweif ausbreiten, sobald das deutsche Reich etwas von ihnen verlangt, wird zusammenschrumpfen, wenn sie einsehen, auf sich selbst angewiesen zu sein, wenn sie ihre wirkliche Machtstellung gegen Preußen einmal näher prüfen. Mir sagte heute noch der Hauptmann Z. von der Artillerie, daß wir nicht Eine mobile Batterie hätten. Und da will man den Friedensbrecher aufsuchen und strafen! Ich wette, daß innerhalb vierundzwanzig Stunden Hannover von Preußen besetzt ist, um den Mobilisirungsbeschluß zu hindern!«

»Ich halte die Wette«, sagte Karl Baumann, der eben in den Keller getreten war und hinter dem Redner stand.

»Aber der ganze runde Tisch muß satis haben«, bemerkte ein Freihandschütz in der Joppe.

»Das versteht sich von selbst«, erwiderte Baumann, »jedoch ich unterscheide; ich will zugeben, daß Sonnabend oder Sonntag das ganze westfälische Armeecorps ins Land einrückt, und sich sehr langsam auf der Etappenstraße über Hildesheim nach Braunschweig weiter bewegt, das nenne ich aber keine Besetzung – das Wort ist überall unbrauchbar, weil nicht technisch. Will die Giftkröte statt dessen Besitzergreifung oder Occupation, kurz provisorische Anmaßung der Regierungsgewalt setzen, so bin ich bereit, zwei Anker Bier oder vierundzwanzig Flaschen Rothspon zu wetten.«

»Ich halte zwölf Flaschen mit«, rief Fabrikant Kirsche, »ich komme mit dem Zehn-Uhr-Zuge von Bielefeld und habe gesehen, daß von dort bis Minden jeder Ort mit Pickelhauben vollgestopft ist. Ein mir bekannter preußischer Offizier, den ich in Minden am Bahnhofe sprach, versicherte, daß Sonntag die Preußen Hannover besetzen würden, und hat sich bei mir Quartier ausgebeten.«

In diesem Augenblicke traten die Friesen und andere Abgeordnete in den Keller ein und blieben einen Augenblick um den runden Tisch, wo die vorhin erwähnten Gespräche mit großer Lebhaftigkeit geführt wurden, stehen, wendeten sich dann aber den ihnen reservirten Sitzen zu, bis auf ihren Führer, der von der kleinen Giftkröte angeschrien wurde: »Was habt ihr denn beschlossen, ehrenwerthe Landboten und Landsleute?«

»Wir wollen«, erwiderte der biedere Otto, »einen letzten Versuch machen, wie die Frauenzimmer, wenn sie in gewisse Jahre kommen, zu sagen pflegen. Morgen wollen neunundvierzig von uns in einer Adresse an den König um Entlassung Platen's und seiner Sippschaft bitten und um strenge Neutralität, keine Mobilisirung, sondern Abrüstung.«

Der lange Grumbrecht war indeß eingetreten und hatte neben dem rothbärtigen Drucker der »Zeitung für Norddeutschland« Platz genommen und sein grünes Käppel aufgesetzt.

»Mir steht der Verstand stille«, sagte der vielberedte Abgeordnete, »ich begreife wahrlich nicht, wie Graf Bismarck eine revolutionäre Politik, die Umwandlung des Deutschen Bundes in ein Bundesparlament auf allgemeines Stimmrecht basirt, mit reactionären Mitteln zu Wege bringen will.«

»Das fällt ihm ja gar nicht ein«, sagte ein Bürgervorsteher der Residenz, der freilich Mitglied des Nationalvereins war, aber starker Demokrat, und nur die berliner »Volks-Zeitung« las, »er hat selbst gesagt, daß der Kitt, mit dem er Deutschland verbinden will, Blut und Eisen sei. Danke für solchen Kitt. Bin ein guter Deutscher; mag Oesterreich aus dem Bunde scheiden und Preußen das Kaiserthum erlangen, aber Preuße will ich nicht werden! Außerdem glaube ich, ohne gerade eine Wette anzubieten, daß, sobald die Truppen sämmtlich Berlin verlassen haben, dort sowol wie in den Rheinprovinzen eine Revolution ausbricht.«

»Nun, so weit wird es hoffentlich nicht kommen«, erwiderte Grumbrecht, »hoffentlich gibt die Majestät der preußischen Sommation nach, von der ich höre, daß sie in der Luft schwebt; wir bekommen ein Ministerium Bennigsen, lassen unsere Truppen Wesel, Köln, Luxemburg besetzen, und den Kampf mögen Preußen und Oesterreich ausfechten. Aber der Kleinstaaterei muß gründlich ein Ende gemacht werden und das persönliche Regiment muß auf ein verantwortliches Gesammtministerium übergehen. Was die Revolution in Berlin anlangt, so ist das eine Bernstein'sche Phantasie; die Preußen haben Staatsbegriff und werden, wenn es sich um die Ehre und die Erhaltung ihres Staats handelt, ob Linie, ob Landwehr, ebenso gut auf Kroaten, Slowaken, Czechen und wie die österreichischen Bruderstämme sonst heißen, schlagen, als 1813 auf die Franzosen und Rheinbündler.«

»Bitte um Verzeihung, Herr Bürgermeister, wenn ich Sie etwa unterbrechen sollte«, sagte die Giftkröte, »wie lange würde sich ein Ministerium von Bennigsen, unter Mitwirkung Miquèl's, Grumbrecht's und anderer natürlich, bei Georg V. halten? Bei Gott, ich würde Ihre liebe Frau bedauern, die mit solcher Zärtlichkeit an Ihnen hängt, wenn Sie zu einem solchen Posten berufen würden, denn die Hof-, Militär- und schwarze Clique würde Sie in vier Wochen todtärgern, und Consistorialrath Taubenschlange Ihre Grabrede halten müssen. Erlauben Sie, daß wir erst unsere Wette schlüssig machen, und wir wollen wünschen, daß uns noch Zeit genug bleibt, dieselbe auszutrinken.«

So redete man am runden Tische, so am Tische der Abgeordneten, so an der rechten Kellerseite.

Als am andern Vormittage im Vorzimmer zur Zweiten Kammer die funfzig Abgeordneten der Opposition zusammentraten, um die Redaction des Bennigsen'schen Urantrages anzuhören und zu unterschreiben, hing das Schicksal Hannovers an einem seidenen Faden. Der preußische Gesandte hatte schon am Morgen dem Reichsgrafen von Platen-Hallermünde die bekannte Sommation vom 15. Juni gesendet, in welcher die preußische Regierung und König Wilhelm selbst noch einmal Neutralität und Garantie des hannoverischen Gebiets anbot, aber unter erschwerenden Bedingungen.

Hannover solle seine Truppen auf den Friedensstand vom 1. März zurückführen, der Berufung des Parlaments zustimmen und die Wahlen dazu ausschreiben, sobald dies von Preußen geschehe, wogegen Preußen dem Könige sein Land und seine Souveränetätsrechte nach Maßgabe der Reformvorschläge vom 14. Juni gewährleiste. Widrigenfalls werde Preußen Hannover als im Kriegszustande gegen sich begriffen ansehen. Antwort wurde im Laufe des Tages begehrt.

Das war also der letzte, aber deutlichste diplomatische Druck, den Prinz zu Ysenburg ausübte; vereint mit dem Druck, den der Bennigsen'sche Urantrag, unterschrieben von neunundvierzig Mitgliedern der Zweiten Kammer, der unzweifelhaften Majorität, ausüben sollte, nachdem sein Inhalt schon am Morgen in Herrenhausen bekannt war, durfte man bei den launenhaften Beschlußnahmen Georg's noch immer die Hoffnung nicht aufgeben, daß der König endlich zu der Einsicht komme, die jeder Unbefangene hegte, daß die geographische Lage Hannovers gar keine Wahl zwischen einem Bündnisse mit Preußen oder einem solchen mit Oesterreich lasse.

Nach dem Bericht des Generalstabes wurde nachmittags ein Uhr in Herrenhausen der Beschluß gefaßt, die Armee bei Göttingen zu sammeln, während die Muthigern eine Zusammenziehung bei Hannover wünschten. Der höchste Kriegsherr entschied für Göttingen, weil er hoffte, von dort Anschluß an hessische und bairische Truppen gewinnen zu können. Die Truppen selbst, welche in Brigaden bei Verden, Harburg, Burgdorf und Liebenau zusammengezogen wurden, befanden sich meistens auf dem Marsche nach dem Norden, als sie die Contreordre bekamen nach Göttingen.

In der Residenz liefen die nicht in den Kasernen einquartierten Soldaten nachmittags wie kriegstoll in den Straßen herum, um die kleinen Montirungsstücke aus den Quartieren zu holen, vom Liebchen Abschied zu nehmen, oder von Aeltern, Freunden, Verwandten. Offiziere jagten zu Pferde, in Equipagen und Droschken durch die Straßen, die Zeughäuser spien Kanonen, Munitionswagen aus, die nebst Train- und andern Wagen vor dem Bahnhofe aufgestellt und eingeladen wurden. Es war in alledem wenig Geordnetes, man sah die Hast und Uebereilung an allen Ecken herausgucken, das Unfertige, der Mangel an Uebung, beim Aufladen der Kanonen z. B., fiel selbst dem Laien auf. Auf dem Bahnhofsplatze standen Tausend von Menschen, um den Abzug der ersten Truppen eines Bataillons des Garderegiments anzusehen, Bürger, Frauenzimmer aller Art, Beamte, Mitglieder Erster und Zweiter Kammer. Niemand wußte eigentlich, was da werden sollte. Offiziere eilten nach dem Bahnhofe und wieder zurück; wurde einer derselben von seinem nächsten civilistischen Freunde angerufen, um Aufklärung gebeten, so machte er die Zeichen der höchsten Eile und rief etwa: »Nach Kassel!« oder »Nach Koburg!« Vor dem Abgeordnetenhause nach der Seite der Osterstraße standen schwere Packwagen, auf welche aus der Generalkasse mächtige Geldfässer aufgeladen wurden, die der Armee nach dem Süden folgen sollten.

Das war kein Rückzug mehr, das war Flucht, übereilte, kopflose Flucht! Schon kamen von Nienburg und andern nördlich gelegenen Orten die auf dem Marsche befindlichen Bataillone auf der Eisenbahn zurück, um nach Göttingen durchzufahren. Dennoch begleitete der Pöbel abends, als das zweite Bataillon des Garderegiments vom Waterlooplatze mit Fahnen und klingendem Spiel zum Bahnhofe zog, dieses mit Vivat und Triumphgeschrei, als gehe es zum Siege.

Nach Sonnenuntergang, nachdem Prinz Ysenburg noch persönlich in Herrenhausen versucht hatte, die Dinge zum Guten zu wenden, erfolgte die Kriegserklärung, mit ihr die Panique und Kopflosigkeit. König und Kronprinz wollten in der Nacht noch abreisen, ein Entschluß, von welchem die Mehrzahl der Minister erst am andern Morgen Kenntniß erhielt, nachdem die Sache geschehen war.

Die Abreiserüstungen, der Abschied, den das Hofpersonal, das die Begleitung des Königs bildete, von Frau und Kind nahm, der Transport königlicher Wagen und Marstallspferde, dies alles trug die Nachricht bald von Haus zu Haus.

Magistrat und Bürgervorsteher versammelten sich noch um elf Uhr abends zu einer Berathung, und sendeten eine gemeinsame Deputation nach Herrenhausen, den König zu bitten, in seiner Residenz zu bleiben und das preußische Ultimatum anzunehmen, da die Lage des Landes dies fordere.

Georg, in Galauniform, erwiderte darauf die bekannten Worte, daß er als König, Welf und Christ auf die preußischen Vorschläge nicht eingehen könne, da sie einen der Mediatisirung gleichen Erfolg haben würden.

Morgens drei Uhr fuhr der König nach Göttingen ab, der Tag nach vielen hellen und sonnigen war ein Regentag; in der Begleitung des Königs war nur Graf Platen, der Kriegsminister, Graf von Schlottheim und der Mann, welcher von Justus Erich Bollmann einen seiner Vornamen führte, Justus Victor Haus von Finkenstein, Cabinetsrath Dr. Lex, Onno Klopp und sonstige unbekanntere Größen. Justus Victor hatte in den letzten Tagen seine geistige und körperliche Unfähigkeit, den Posten eines Generaladjutanten zu führen, in so hohem Maße gefühlt, daß er entschlossen war, die Majestät um gnädige Entlassung zu bitten. Rheumatismus in Schulter, linkem wie rechtem Arm, machten ihm das Unterschreiben seines Namens schon unbequem; nun sollte er aber noch Generalordres concipiren, Marschordres u. s. w. entwerfen, wozu ihm auch die geistigen Fähigkeiten abgingen. Er wälzte während der Reise nach Göttingen nur noch im Kopfe herum, wen er dem Könige an seiner Stelle empfehlen solle. Der Mann mußte vor allem Preußenhasser sein, dann aber, unbewußt, immer unter seiner und Schlottheim's Leitung stehen bleiben, sodaß nicht der blinde König, sondern das österreichische Complot der eigentliche Kriegsherr war. Dann mußte derselbe aber nicht allein Generaladjutant des Königs, sondern zugleich Generaladjutant des Armeestabes sein, sodaß er gegen den wirklich Commandirenden, wenn dieser nicht nach seiner und Schlottheim's Pfeife tanzen wollte, den Generaladjutanten des Kriegsherrn, also den Befehlenden statt Gehorchenden, hervorkehren konnte. Justus kannte ja aus der österreichischen Geschichte die Wirksamkeit eines solchen Hofkriegsraths; er und Schlottheim wollten der Geheime Hofkriegsrath des Königs sein, der durch den Generaladjutanten den commandirenden General im Zügel halten konnte. Aber wer mußte dann das Commando führen? Der alte General Halkett war glücklicherweise todt; die Armee wünschte den Divisionär Gebser zum Commandirenden, das hatte sich schon in Hannover kundgegeben; der war aber ein eigensinniger Kauz, der sich den königlichen Generaladjutanten nicht auch als Adjutanten des Generalstabes würde gefallen lassen. Ein passender General also und ein passender Generaladjutant war zu suchen; letzterer war bald gefunden.

Georg liebte unter den kräftigern jüngern Offizieren keinen mehr als den Obersten Dammers, ihn hatte er als Vertreter des Klosterfonds und zur Unterstützung »des Kriegsgottes« in die Zweite Kammer geschickt. Hatte sich Dammers in Rendsburg den Preußen gegenüber doch brüsk genug benommen und im Sinne des Kriegsherrn gehandelt Dann aber hatte er sich in das Herz Sr. Majestät schon seit der Zeit eingeschlichen, als deutsche Bundestruppen durch Hannover zogen, um im Verein mit Hannover die Bundesexecution in Holstein zu vollziehen. Das Offiziercorps der durchziehenden Truppen pflegte dann auch nach Herrenhausen eingeladen zu werden, dort wurde gut gegessen und getrunken, aber noch stärker getoastet. Die Herrscher der Mittelreiche, noch berauscht von den Wilhelmi'schen Rheinweinen am Fürstentage, schwebten in Träumen von ewiger durch Oesterreich verbürgter Souveränetät, vor allen Georg Rex. Der Kriegsherr in Hannoverland hielt bei solcher Gelegenheit den Offizieren, die bei ihm tafelten, eine brillante und elegante Rede von den Heldenthaten, die er von ihnen erwarte, ein Sachse antwortete mit Beustischer Sängerfestberedsamkeit. Da ergriff Oberst Dammers den Pokal, um auf das Wohl der vereinigten Bundesarmeecorps ein »Hipp! Hipp! hurrah hoch!« nach englisch-hannoverischer Manier auszubringen. Hatte er auch nicht die Beredsamkeit seines Vetters, Otto Dammers, des Corpsbruders Bismarck's, so wußte er doch die ruhmvollen Thaten hannoverischer Truppen von Minden bis Waterloo, auf der Halbinsel und in Sicilien in glänzenden Worten hervorzuheben; er schloß mit der Versicherung, daß jeder Soldat dem ruhmvollen Welfenkönige bis zum letzten Blutstropfen treu und gehorsam folgen würde, wohin der Kriegsherr das tapfere Heer führe. Dann sprang er mit einer jener Wendungen, die er dem Vetter abgelauscht haben mußte, in eine unerwartet weiche religiöse Stimmung über und beschwor den König: wenn der Herr es beschlossen, daß er im bevorstehenden Kampfe falle, so bitte er nur um das Eine, zu befehlen, daß seine Leiche in das Welfenland zurückgebracht und dort beerdigt werde, denn er liebe dieses Land und seinen Herrscher so sehr, daß seine Seele nur dann Ruhe finden würde, wenn er versichert sei, daß seine Gebeine in dem so heiß geliebten Lande ruhen würden.

Dieser Schluß hatte den König ungemein gerührt und entzückt und der Oberst war sein erklärter Liebling.

Georg und der Kronprinz hatten sich aus dem Saloncoupé in ihre Schlafcabinete zurückgezogen. In der entgegengesetzten Ecke des Salonwagens flüsterte Finkenstein dem Grafen von Schlottheim zu: »Mit Gebser ist es nichts – richte die Aufmerksamkeit des Königs morgen in Göttingen auf Arentsschildt, er ist leichter zu regieren; daneben muß Dammers in meine Stelle und zugleich Generaladjutant des Stabes werden.«

Der Morgen war unterdeß hereingebrochen; man befand sich bereits im Lande Braunschweig, da, wo Graf von Borries dem Vetter des Königs verwehren wollte, im eigenen Lande eine Eisenbahn von Osten nach Westen zu bauen. Als man weiter im Leinethale hinauffuhr und die Vorberge des Harzes zur Linken, den Solling zur Rechten hatte, machte die Sonne beim Aufgange den vergeblichen Versuch, die Nebel- und Regenwolken zu zerstreuen.

Zwischen morgens sechs und sieben Uhr traf der König in Göttingen ein und nahm bei unserm Freunde Bettmann Quartier, in dem Zimmer, das Beuermann und Gutzkow 1837 den Epigonen zur Fortsetzung der attischen Nacht anboten.

Die Generaladjutantur nahm die Speisesäle nach hinten in Beschlag, die obern Etagen wimmelten von Generalen und Offizieren, Hofbedienten, Salonkammerdienern, Leibkammerdienern, Leibjägern. Die Armee-Intendantur hatte gegenüber in der Rathsapotheke ihre Niederlassung gefunden.

Dem Könige voraus waren schon mehrere Bataillone des Leibregiments und Garderegiments in Göttingen eingerückt, es folgten ihm das Gardejäger-Bataillon, die Bataillone verschiedener Infanterie-Regimenter, des Ingenieur-Corps, Artillerie-Bataillone. Der Weg nach Kassel war offen, die Eisenbahnverbindung ungestört, man konnte, wenn man Anschluß an Baiern suchte, diesen am 17. noch über Kassel, Frankfurt oder über Eisenach mit der Eisenbahn finden. Die vereinigten Kurhessen und Hannoveraner hatten Wetzlar nicht zu fürchten. Während man die Einberufenen in Göttingen sammelte und die Mobilmachung fortsetzte, konnte man alle Truppentheile, die vorher zu Brigademanövern bestimmt und ziemlich mobil waren, nach Kassel senden. Wäre das geschehen, so hätte die Division Beyer am Mittwoch den 19. Juni nicht in Kassel einrücken können.

Aber man hatte Wichtigeres zu thun, die von Finkenstein ersonnene Intrigue mußte zunächst ausgeführt werden. Der Chef des Generalstabes, Generallieutenant von Sichart, der Divisionär Generallieutenant von Ramdohr nahmen oder erhielten ihre Entlassung. An die Stelle Finkenstein's trat Oberst Dammers und wurde zugleich Generaladjutant des Armeestabes. Generallieutenant von Arentsschildt wurde zum Höchstcommandirenden ernannt. Die Eintheilung in Divisionen hörte auf, die Armee wurde in vier Infanterie- und eine Reserve-Cavaleriebrigade eingetheilt. Man ließ den König eine Proclamation an sein Volk schreiben, in welcher er dieses aufforderte, an dem Welfenhause festzuhalten, wie seine Väter, und mit ihm zu hoffen, daß der allmächtige Gott die ewigen Gesetze des Rechts und der Gerechtigkeit unwandelbar durchführe zu einem glorreichen Ende. Man ließ den König zweimal zum Abendmahl gehen, und Schlottheim führte denselben, da er doch den Göttingern zeigen wollte, daß er sehend sei, nebst dem Kronprinzen, zum Grabe der Cäcilie Tychsen, der bezauberten Rose Ernst Schulze's.

Während man in Göttingen organisirte, Ordres an die Armee entwarf, Dislocationen ausarbeitete, die Bataillone von einem Ort nach dem andern warf, Pferde anzuschaffen suchte, Marschdispositionen entwarf, nahm Beyer Kassel. Nun mußte die Eisenbahn zwischen Dransfeld und Münden unfahrbar gemacht werden. Während man in Kassel leicht einen Beobachter hätte haben können, der über die Stärke der Preußen, über ihre Absichten berichtete, verließ man sich auf Gerüchte und unsichere Studentennachrichten. Die Zeit der Ordres und Contrordres begann. Der Marsch nach Süden sollte den 20. Juni beginnen und zwar über Witzenhausen, Allendorf, Eschwege, sodaß man von dort entweder links im Werrathale nach Eisenach auf Koburg oder rechts über Bebra in das Fuldathal eindringen konnte, um am untern Main die Baiern zu finden. Da plötzlich läßt man sich von der Möglichkeit erschrecken, daß Beyer Truppentheile nach Witzenhausen geschoben haben könne, und ändert den schon an die Truppen verteilten Marschplan; man will den geraden Weg verlassen und über Heiligenstadt nach Mühlhausen, Wanfried, Eisenach und durch den Thüringerwald.

Wer commandirt, der General Arentsschildt, der Höchstcommandirende, sein neuer Generaladjutant oder der Geheime Hofkriegsrath? das weiß niemand mehr.

Man brach am 21. auf – »Krone ade!« hätte der König Georg sagen können, als er von der Bettmann'schen Krone auf das Pferd stieg und von dem österreichischen Gesandten, der ihn bis dahin begleitet hatte, Abschied nahm.

In Hannover erfuhr die Mehrzahl der Einwohner erst Sonnabend morgens die Abreise des Königs, und das Ministerium vertagte die allgemeine Ständeversammlung und löste sie dann auf, um vor dem 1. Juli die Steuern, welche noch nicht vollständig bewilligt waren, ausschreiben zu können. Von den Eisenbahnverbindungen war nur die nach Bremen unverletzt geblieben; nach Osten, nach Harburg, nach Westen über Wunstorf hinaus, und von Sonntag ab nach Süden waren die Bahnen unbrauchbar gemacht, alle Eisenbahnwagen nach Göttingen geschickt, denn schon waren Preußen über die Elbe gerückt, und die Division Manteuffel hatte Harburg und Stade besetzt.

Sonntag nachmittags rückten die ersten Preußen in die Stadt Hannover ein; die Königin Marie und die beiden Prinzessinnen waren in Herrenhofen, hatten am Tage vorher noch einen guten Theil der Residenz zu Fuß durchwandert und große Bürgerfreundlichkeit gezeigt.

Sonnabend nachmittags, abends und nachts leerten die Polytechniker und das Volk noch alle Zeughäuser und schleppten die dort zum Theil unnütz angehäuften Materialien und Vorräthe zum Bahnhofe, von wo sie weiter nach Göttingen geschafft wurden. Hier aber wußte man nicht, wo man mit sämmtlichen wollenen Decken bleiben sollte, ließ Pulver und Shrapnels in die Leine werfen und gab große Tuchballen dem Pöbel preis.

Es ist nicht Pflicht dieser Erzählung, die Armee auf ihrem ermüdenden Marsche zu begleiten; wer sich der Hitze, namentlich am 22. und 23. Juni erinnert, des gebotenen langgezogenen Colonnenmarsches auf kalkstaubigen Wegen gedenkt (die Marschordre war abermals geändert, und der Flankenmarsch auf Wanfried, Treffurt, Eschwege fand nicht statt, weil man jeder zugebrachten Nachricht Glauben schenkte), der wird begreiflich finden, daß kaum Wagen zu beschaffen waren, die Zahl der abgelegten Tornister nachzutransportiren und die Maroden aufzunehmen. Man stieß am 22. und 23. auf keinen Feind, erhielt aber eine telegraphische Depesche aus dem Hauptquartier Moltke's, die Waffen zu strecken, da man umzingelt sei.

Lieutenant Ahlefeld war mit Königin-Husaren an diesem Tage in Eisenach gewesen und meldete, daß man dort keine Truppen getroffen; von Gotha her wurde das Gleiche berichtet, und es war im Hauptquartier beschlossen, am folgenden Tage Gotha zu nehmen. Vom 24. bis zum 27. Juni schwebt ein gewisses Dunkel über der Sache; nur so viel steht fest, daß niemand wußte, wer zu entscheiden habe, und bei solcher Leitung der blinde König im Kriegsrath ein entscheidendes Wort mitsprach; von dem, was nothwendig und möglich war, nämlich über Eisenach nach dem Meiningenschen vorzudringen, nichts geschah, sondern die Zeit mit unnützen Verhandlungen in Gotha vertrödelt, die Truppen durch Hin- und Hermärsche ermüdet wurden. Hat man sich durch Preußen oder Gothaer dupiren lassen, so ist das eigene Schuld.

Man hatte Waffenstillstand geschlossen. Als sich die Preußen so stark sahen, einen Angriff der Hannoveraner auf Gotha oder Eisenach mit Aussicht auf Erfolg abwehren zu können, kündigte der General von Fließ den Waffenstillstand und erklärte, in zwei Stunden vorrücken zu wollen. Noch einmal, Mittag, den 26. Juni, ließ Graf Bismarck dem Könige ein Bündniß mit Preußen unter den Bedingungen vom 15. Juni anbieten, durch Oberst von Döring. Der König schwankte sichtbarlich, sein böser Dämon, Graf Schlottheim, stand ihm aber zur Seite und flüsterte von Heinrich dem Löwen. Georg wies das Anerbieten zurück und befahl seinem General, dem Vorrücken Widerstand entgegenzusetzen.

Die Offensive gab man auf. Die Soldaten waren schon drei Nächte nicht zur Ruhe gekommen und gleichzeitig fehlten die Lebensmittel. Hinter der Unstrut und hinter den Ortschaften Thamsbrück, Merxleben, Nägelstedt nahm man eine Defensivstellung, die erste und zweite Brigade hinter Merxleben, die dritte südlich von Thamsbrück bei der Untermühle, die vierte hinter Nägelstedt.

Der König verließ bald nach Mitternacht Langensalza und brachte die Zeit bis zum Morgen nördlich von Merxleben im freien Felde zu; dann, als die Truppen abzukochen begannen, nahm derselbe Quartier in Thamsbrück und versuchte sich durch einige Stunden Schlaf zu stärken.

Aber der Schlaf wollte nicht kommen, er ließ sich nicht befehlen, der Augenblick der Entscheidung nahte und machte das Herz des Königs stärker klopfen.

Sein Selbstvertrauen verhieß ihm Sieg, er wußte, daß er auf die Tapferkeit seiner Truppen bauen konnte, aber er mußte sich sagen, daß nicht hier, nahe der Grenze seines Landes, in thüringischen Landen, sein Schicksal und das seines Landes entschieden würde, sondern in weiter Ferne, vielleicht in den böhmischen Waldschluchten oder an den Ufern der Moldau und Elbe, oder, wie er hoffte, in der schlachtberühmten Ebene von Leipzig. Gestern konnte er noch unter den Bedingungen vom 15. Juni ein Bündniß mit Preußen und die Garantie seiner Länder erkaufen; heute konnte er das nicht mehr, er mußte siegen oder ruhmvoll untergehen.

Schon in Göttingen hatte sein Cabinetsrath ihm nur dürftig aus Zeitungen vorlesen können, in Langensalza fanden sich nur ältere preußische Blätter, die er haßte, man war im Hauptquartier über die Weltlage sehr schlecht unterrichtet. Die Oesterreich sich zuneigenden Offiziere behaupteten, Benedek sei nach Sachsen marschirt und rücke direct nach Berlin vor, wo eine Revolution in nächster Aussicht stehe. Der Stoß, den Prinz Albrecht von Oberschlesien aus beabsichtige, werde parirt werden, während das Gros der k. k. Armee nach der Spree rücke.

Die preußenfreundlichen Offiziere wollten wissen, daß die Preußen nicht allein ganz Sachsen innehätten, sondern über Zwickau hinaus durch die Hochwälder nach Böhmen eindrängen, und Benedek nur eine Defensivstellung einnähme.

Wir alle sind der Zeitungsnachrichten so gewöhnt, daß es jedem von uns wunderbar und beunruhigend vorkommt, wenn wir mehrere Tage ohne Zeitungsblätter uns behelfen müssen; noch mehr fühlte der König diesen Mangel. Im heiligenstädter Nachtquartier hatte er die letzte Nachricht von Hannover und Herrenhausen bekommen, seit Heiligenstadt hatte ihm auch Dr. Lex keine Zeitung mehr vorlesen können. Ob sich der Blinde überall eine Vorstellung von der Gegend machen konnte, die man Thüringerwald nennt, und von dem, was er Süden nannte? Wir bezweifeln das sehr. Man muß Student gewesen sein und jedes Dörfchen vom Inselberge an bis hinter Salzungen kennen, man muß den Rennstieg begangen haben und nach Ruhla hinuntergestiegen sein, um ein Bild vom Thüringerwalde zu haben. Wer mit der Bahn nach Meiningen und Koburg fährt, der hat eben keine Anschauung des Thüringerwaldes. Ob man sich im Generalstabe einen deutlichen Begriff davon machte, was man erreichte, wenn man bei Mechtersen oder Eisenach die Bahn überschritten hatte? Ob einer der Offiziere einmal von Eisenach nach Altenstein oder Liebenstein gegangen oder gefahren war? Fast sollte man daran zweifeln. Hannoverische Husaren hatten am 19. Juni die Division Beyer in Dassel einrücken sehen; die Bahn über Rottenburg, Bebra, Gerstungen konnte in wenig Stunden Truppen nach Eisenach werfen – die Division Goeben verstärkte Beyer. Als man den großen Zug nach Süden von Göttingen aus begann, waren die Preußen schon bei Northeim sichtbar geworden, und General Vogel von Falckenstein konnte denselben Weg nehmen, den Georg gezogen. Die Manteuffel'sche Division konnte auf Umwegen über Braunschweig, Magdeburg, Erfurt Truppen nach Gotha werfen, oder über Göttingen und Mühlhausen nachmarschiren. Dort stand das Corps des Generalmajors Fließ. Man war in der Falle, wenn nicht heute schon, so doch sicher morgen.

Als der König kaum in Thamsbrück Quartier genommen, erschollen von Hennigsleben her, wo am Morgen noch die Cambridge-Dragoner ihren Stand gehabt, südlich von Langensalza, die ersten preußischen Kanonenschüsse, und als die elfte Stunde gekommen war, sah Oberst von Strube sich genöthigt, Langensalza und den Jüdenhügel dem Feinde zu überlassen, und nun begannen von letzterm Punkte aus preußische Batterien gegen die drei auf dem Kirchberge von Merxleben postirten hannoverischen Batterien zu spielen, und eine dichte preußische Schützenkette entwickelte am rechten Ufer der Unstrut ein heftiges Gewehrfeuer auf die in und um Merxleben befindliche Brigade de Vaux, was man in Thamsbrück sehr deutlich vernahm. Georg erhielt von Zeit zu Zeit Nachricht aus dem Hauptquartier in Merxleben, aber viel zu dürftige für seine mit jedem Augenblick zunehmende Ungeduld; einer der Offiziere der Cambridge-Dragoner, von denen eine Schwadron dem Könige als persönliche Schutzwehr beigeordnet worden, war zwischen Thamsbrück und dem Hauptquartier beständig unterwegs. Der König wollte von seinem Generaladjutanten wissen, warum noch nicht zur Offensive übergangen würde; Victor Justus hatte auf dem Kalkberge eine Position eingenommen, welche nicht nur Merxleben übersehen ließ, sondern auch die Stellung der Preußen in und um Langensalza im Badewäldchen und auf dem Jüdenhügel, und berichtete von dort.

Als dem Könige gemeldet war, daß der Brigade Bülow Befehl gegeben sei, über die Unstrut zu marschiren und den Feind anzugreifen, erließ der König an Haus von Finkenstein den Befehl, sich der Brigade Bülow anzuschließen und ihm von Viertelstunde zu Viertelstunde Berichte zu senden. Es wurde jenem indeß nicht so leicht wie der Bülow'schen Infanterie, über die Unstrut zu kommen. Er war mit einem feinen Vollblut beritten und das Unstrutufer sehr abschüssig, beinahe funfzehn Fuß steil abfallend. Als er eine günstige Stelle zum Herunterkommen suchte, traf vom Jüdenhügel her eine Shrapnelkugel sein Pferd, tödtete dasselbe, er selbst fiel in die Unstrut, zerbrach den rechten Arm und wurde von den im Badewäldchen befindlichen Preußen gefangen genommen.

Während man hannoverischerseits schon gegen den Jüdenhügel vordrang, die Preußen aus dem Bade, Badewäldchen, Kallenberg's Mühle vertrieben hatte, drang eine feindliche Colonne bei der Untermühle von Thamsbrück vor und beunruhigte den König, der indeß von dort längst aufgebrochen war und sich zu der Stellung zurückgezogen hatte, welche bis dahin, mehr nordöstlich vom Orte, die Brigade Eggers eingenommen.

Bei dieser Affaire hatte sich Graf Schlottheim, um zu recognosciren, zu weit auf dem Wege vorgewagt, welcher auf den Kirchplatz in Thamsbrück führt. Die Kugel eines Koburgers traf ihn hier in die Brust und endete sein Leben, ein nutzloses, für König und Vaterland verderbliches. Seine Leiche ward erst am folgenden Tage in hohem Korne gefunden, sein Pferd wurde eine Beute des Feindes.

Nachmittags vier Uhr war Generalmajor von Fließ geschlagen und zog sich auf Gotha zurück. Um sechs Uhr zog Georg als Sieger in Langensalza ein und dictirte um sieben Uhr im Hoheitsgefühl und Siegestaumel den folgenden Erlaß an seine Armee:

»Hauptquartier Langensalza, den 28. Juni 1866.

Nachdem am gestrigen Tage (27. Juni) meine ruhmreiche Armee ein neues unverwelkliches Reis in den Lorberkranz geflochten, welcher ihre Fahnen schmückt, hat mir der commandirende General, Generallieutenant von Arentsschildt, und mit ihm die sämmtlichen Brigadiers auf ihre militärische Ehre und ihr Gewissen erklärt, daß meine sämmtlichen Truppen wegen der gehabten Anstrengungen und wegen der verschossenen Munition nicht mehr kampffähig seien, ja daß dieselben wegen der Erschöpfung ihrer Kräfte nicht mehr im Stande seien zu marschiren. Zu gleicher Zeit haben der Generallieutenant von Arentsschildt und sämmtliche Brigadiers mir erklärt, daß es unmöglich sei, Lebensmittel für die Truppen auf länger als einen Tag herbeizuschaffen. Da nun heute der commandirende Generallieutenant von Arentsschildt ferner die Anzeige gemacht hat: er habe sich überzeugt, daß von allen Seiten sehr bedeutende und meiner Armee bei weitem überlegene Truppenmassen heranrückten, so habe ich in landesväterlicher Sorge für meine in der Armee die Waffen tragenden Landeskinder es nicht verantworten zu können geglaubt, das Blut meiner treuen und tapfern Soldaten in einem Kampfe vergießen zu lassen, welcher nach der auf Ehre und Gewissen erklärten Ueberzeugung meiner Generale im gegenwärtigen Augenblicke ein völlig erfolgloser sein müßte. Ich habe deshalb den Generallieutenant von Arentsschildt beauftragt, eine militärische Capitulation abzuschließen, indem eine überwältigende Uebermacht sich gegenüberbefindet. Schwere Tage hat die unerforschte Zulassung Gottes wie über mich, mein Haus und mein Königreich, so auch über meine Armee verhängt; die Gerechtigkeit des Allmächtigen bleibt unsere Hoffnung, und mit Stolz kann jeder meiner Krieger auf die Tage des Unglücks zurückblicken; denn um so heller strahlt in ihnen die Ehre und der Ruhm der hannoverischen Waffen. Ich habe mit meinem theuern Sohn, dem Kronprinzen, bis zum letzten Augenblick das Los meiner Armee getheilt, und werde stets bezeugen und nie vergessen, daß sie des Ruhms der Vergangenheit sich auch in der Gegenwart werth gezeigt hat. Die Zukunft befehle ich voll gläubiger Zuversicht in die Hand des allmächtigen und gerechten Gottes

Georg V., Rex

Das war der letzte freudige Augenblick des armen blinden Mannes, den Selbstüberschätzung, Schmeichelei und Heuchelei zum Verderben führten. Am andern Tage mußte seine siegreiche Armee capituliren.

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