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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Achtes Kapitel.
Wolkenbilder.

Der Verfasser hatte das letzte Kapitel und die letzte Zeile dieses Werks geschrieben, die Pflicht rief ihn, den Althannoveraner, zum Abgeordnetenhause nach Berlin; zur Abwechslung sollte er sich mit Kreisordnung, Budget, mit von Mühler'schen Unterrichtsgesetzen, und wer weiß was noch sonst beschäftigen. Es war eine stürmische Octobernacht, aber er hatte das Glück, von Braunschweig an in seinem Coupé allein zu sitzen. Hier sah er, wie schwarze Wolkenschatten in abenteuerlichen Gebilden vor dem Vollmonde herzogen. Wer hat nicht Aehnliches erlebt und wer weiß nicht, wie sehr solche Gestalten auf die Phantasie einwirken? Dazu kam, daß auch die weißen Dampfwolken der Locomotive an der Fensterseite, wo der Verfasser saß, hinzogen, und da sie entgegengesetzten Strömungen als die obern Wolken folgten, so wurden die Gebilde immer seltsamer. Die Wolkenmassen nahmen Gestaltungen an, die ich in den letzten zehn Jahren an mir hatte vorüberrauschen sehen, und welche eine Lücke ausfüllten in dem vorletzten Kapitel, wo der Sprung vom Jahre neunundfunfzig auf das Jahr sechsundsechzig doch zu groß ist.

Diese Wolkengebilde, wie sie mir erschienen, will ich meiner Erzählung einschieben.

Was ist das für ein Reiter, der da vor der Mondscheibe vorbeireitet? Ist es der todte Schatz von Bürger's Leonore? Ist es der Comthur aus dem »Don Juan«? Nein, der hat kein so großes Gefolge um sich, hier sehe ich um die Reiterstatue sich immer größere wohlgeordnete Züge sammeln, Züge mit Fahnen, Bannern, Musik. Ah! jetzt weiß ich, was ich sehe, es ist das Ernst-August-Denkmal, wir sind am 21. September 1861, und ich befinde mich auf dem Platze zwischen Bahnhof und Bierkirche in Hannover, um zu sehen, wie das dankbare Volk seinen Heldenkönig noch im Tode ehrt.

Ein finsterer Mann mit großem schwarzen Backenbarte, ich kenne ihn wohl, es ist der Dr. von Malortie, Hofmarschall, verkündete aller Welt, was jetzt geschehen solle.

Also dem

Jugendfrischen Ernst August im Silberhaar,
Jedweder Zoll ein Heldenbild!
Gerechtigkeit sein Ehrenschild!
Und seines Volkes Stolz und Lust!

soll das noch verhüllte Monument errichtet werden.

»So laß doch das Flüstern und Fragen, ich will hören, was der Mann sagt, Giftkröte«, sagte ich zu meinem Begleiter, welcher mich am Rocke zerrte und fragte, in welcher Schlacht Ernst August seine Heldenthaten verrichtet, » schweige, vielleicht erfährst du aus dem Munde dieses Geschichtschreibers, an welchem Orte der Heldenkönig an der Spitze seiner angestammten Hannoveraner gegen die Welschen focht.«

Siehe, da kommt der König Georg V. in Generalsuniform, der Kronprinz in der Uniform der Gardehusaren, die Königin mit den Prinzessinnen Friederike und Marie, den Lieblichen.

Der Hofmarschall redet langsam und feierlich, und die vielen tausend Menschen, die auf dem Platze stehen, sind still und stumm, um kein Wort zu verlieren von dem, was er sagt, und er spricht:

»Es ist einem Fürsten aus dem erhabenen Hause der Welfen dieses Denkmal von seinem dankbaren Volke errichtet, aus einem Hause, welches vor länger als neunhundert Jahren gewaltig und mächtig dastand, wie kein zweites in Europa. Den Welfen gehorchen noch heute die Völker am Nord- und Südpol der Erde!«

Ein wohlgefälliges Lächeln überglitt das Gesicht des Königs bei den letzten Worten, während es sich verfinstert hatte, als der Hofmarschall von neunhundertjährigem Alter der Welfendynastie sprach, da er selbst nur nach tausend Jahren zählte.

Der Redner begann nun mit byzantinischen Redefloskeln, wie sie am Welfenhofe schon hergebracht waren, das Lob der vierzehnjährigen Regierung Ernst Augusts auszuposaunen, des erhabenen Königs, der nie an sich (Domanialausscheidung?), sondern nur an das Wohl und Glück seines angestammten Volkes gedacht habe.

Dann kam der Redner auf den erhabenen Welfensprossen, der durch die besondere Welfenvorsehung, die über dem gloriosen Hause wache, jüngst aus großer Lebensgefahr errettet sei und heute seinen sechzehnten Geburtstag feiere. Die ewige Dauer des Welfenhauses im Verein mit den Angestammten fehlte natürlich nicht.

Mein Nebenmann, der den Namen Giftkröte führte, ein Ostfriese, welcher zur Zeit der Rettung des Welfensprossen in Norderney anwesend war, flüsterte mir beständig schnöde Bemerkungen zu, sodaß ich wirklich froh war, als, nachdem auf Befehl Georges die Hülle vom Denkmal gefallen war, Musikcorps, Liedertafeln, Kanonenschüsse weitere Mittheilungen hinderten.

Ich erinnerte mich daran, wie ich am Abend mit Freund Baumann durch die reichilluminirten Straßen der Residenz fuhr und die byzantinischen Schmeichelreden in Versen und Prosa las, womit man das Welfenhaus überschüttete. Bruno fragte, werden wir oder unsere Nachkommen Georg V. ein gleiches Denkmal setzen? Ein Denkmal, wie es der Bruch der Verfassung und der Bruch des königlichen Worts fordert? Oder wird der Sturm der Weltgeschichte dieses übermüthige, gewaltthätige, treulose Geschlecht knicken wie einen Grashalm und unter den Trümmern der Verträge vom Jahre funfzehn zertreten?

Ich hatte während dieser Rückerinnerungen den Mond nicht angeschaut; jetzt, da ich wieder nach demselben hinaufblickte, glaubte ich ein neues Bild zu sehen, den langen Consistorialrath, den meine Leser zuerst und zuletzt bei dem Könige in Herrenhausen sahen, umgeben von vielen Amtsgenossen, Predigern in Talar und Baret mit der steifen Krause um den Hals oder mit Bäffchen. Sie umringen den Consistorialrath, wünschen ihm Glück, machen ihm Lobeserhebungen, preisen ihn in dem Herrn.

Was ist geschehen? – Wir sind um ein halbes Jahr in der Zeit weiter gerückt, gestern war der 14. April 1862, der Geburtstag der »engelreinen« Königin, und da offenbarte sich aller Welt, was der Consistorialrath in aller Stille vermocht hatte. Er hatte den König Georg V. abermals zu einer Handlung bewogen, die gegen das Landesverfassungsgesetz verstieß. Man hatte seit Jahren in aller Stille den altlutherischen Katechismus nach einer alten Bearbeitung umformen lassen, um das trübe Gebräu des Rationalismus aus den neunziger Jahren, »wo das Rasen mit der Vernunft gegen Bollwerke des Glaubens stürme«, zu beseitigen. Das ging, da Aenderungen der Liturgie damit verbunden waren, nicht ohne Zusammenberufung einer Synode; aber man fürchtete diese und das Laienelement, da sich nur wenige Gemeinden zu derjenigen Kirchlichkeit bekannten, die von oben herab begünstigt wurde.

Der neue Katechismus lehrte die Existenz eines lebendigen Teufels und übergab den Predigern wieder den Gnadenschlüssel, die Sünden zu vergeben, und damit die Macht über die Gemüther.

Georg V. hatte nun tags zuvor am Geburtstagsfeste der Königin, zu Ehren der Confirmation des Kronprinzen und zum Preise des Herrn, eine königliche Verordnung octroyirt, durch welche der neue Katechismus, »der dem freudigen, rücksichtslosen Ausdruck des Glaubens Worte lieh«, in allen lutherischen Kirchengemeinden eingeführt werden sollte. Tausende von Exemplaren lagen lange vorher gedruckt und gebunden bei dem Drucker, resp. Verleger des loyalen Tageblattes und wurden mit der Verordnung in alle Landestheile gesendet. Der Consistorialrath hatte den stolzen Welfen so sehr von seiner Sündhaftigkeit und Vergebungsbedürftigkeit überzeugt, daß dieser, als der Superintendent Saxer ihm bei einem Königsbesuch im Bremenschen ob dieser That dankte, erwiderte: »Es ist mir eine innige Freude gewesen, am Geburtstage der Königin die Verordnung über Einführung des neuen oder richtiger alten Katechismus unterschreiben zu können, und ich hoffe, daß mir der Gedanke daran in meiner letzten Stunde eine Erquickung sein wird. Ich fehle täglich mehr, ich bin nur ein armer Sünder, und es gibt nur Einen Weg zur Seligkeit, den Glauben an Christi Blut, und dieser Glaube wird in dem neuen Katechismus reiner gelehrt als in dem alten.«Wörtlich nach der Zeitschrift für die Angelegenheiten der lutherischen Kirche und den Berichten der hannoverischen Landeszeitung. )

Ich versank wieder in Träumereien, als ich an die Ereignisse mich erinnerte, die verhinderten, daß die officielle Kinderlehre um dreihundert Jahre zurückgeschraubt und die unheimlichen Lehren vom Reiche des Teufels und der Priestergewalt aufgestellt wurden; ich sah, wie ein einfacher Mann gegen die Schriftgelehrten des Consistoriums auftrat, und wie das ganze Land zu dem Archidiakonus Baurschmidt stand, wie sein Weg in das Inquisitionsgericht des Consistoriums wegen seiner Schrift gegen den neuen Katechismus mit Blumen, Teppichen, Kränzen belegt, und er von einer zahlreichen Menge begleitet war, wie seine Abreise von Ahles Schenke bis zum Bahnhofe und in seine Heimat einem Triumphzuge glich, den in dieser Weise Könige selten erleben.

Dann sah ich den Aufstand vom 8. August, wie man das Haus des Consistorialraths zu demoliren anfing und die bewaffnete Macht einschreiten mußte.

Wenn ich das Resultat der vor wenigen Tagen abgehaltenen Synodalwahlen dagegen in Erwägung zog, so kam nur die Erkenntniß, daß die protestantische Pfaffheit an keinem Satze des Neuen Testaments fester halte als an dem: »Seid sanft wie die Tauben und klug wie die Schlangen.«

Mein Blick erhob sich wieder zum Monde, ich glaubte die schöne Landschaft des Sanct-Wolfgangssees zu sehen, an dem Abend, wo mein Freund Bruno Baumann, sein Bruder Karl und ich im Mondenschein darin badeten, am 22. September desselben Jahres. Wir waren am Tage schon auf dem Schafberge gewesen und hatten das herrliche Panorama der Salzburger Alpen und Seen überschaut. Am andern Morgen mußten wir hinuntereilen in das Donauthal, wenn wir zur rechten Zeit in Wien zur Eröffnung des Juristentages ankommen wollten. Nun aber verspäteten sich die drei zweiräderigen Wagen, welche nöthig waren, uns nach Ischl zu schaffen; jeder von uns saß allein mit seinem Kutscher auf dem kleinen Fuhrwerk, und dennoch kamen wir zu spät zum Postanschluß. Die kaiserlich königlichen Poststellwagen waren schon abgefahren, und nur mit Mühe erhielten wir Extrapost, um uns zum Anschluß an den Dampfer nach Ebensee zu führen. Aber jetzt ging es im gestreckten Galop die schöne Chaussee an der Traun hinab, bis wir die Stellwagen überholt hatten. Auf dem Dampfer trafen wir mehr als zwei Dutzend hannoverischer Juristen, die dasselbe Ziel hatten. Der schöne Traunsee mit dem reizend gelegenen Traunkirchen, den beinahe sechstausend Fuß sich senkrecht aus dem See erhebenden Traunstein zur Rechten, vor uns das zur Zeit in Nebel gehüllte Gmunden, fesselte uns an das Deck. Nur Karl Baumann hatte größern Zeitungs- als andern Hunger, er schlich in die Kajüte hinab, seit fünf Tagen hatten wir Zeitungen nicht zu Gesicht bekommen.

Während wir, die in Ischl um das ersehnte Frühstück Gekommenen, die Landsleute begrüßten und uns anschickten, das Versäumte nachzuholen, kam der junge Baumann aus der Kajüte heraufgestürmt und tanzte wie unsinnig auf dem Verdecke herum, »Vivat! Vivat!« schreiend und ein Zeitungsblatt um den Kopf schwingend.

»Welche Tarantel hat dich denn gestochen?« schalt Bruno.

»Graf Borries«, erwiderte Karl, »ist in Ungnade entlassen, das Gnadengeschenk Gottes, der neue Katechismus, zurückgenommen!«

Als wahrhaftiger Geschichtschreiber darf ich versichern, daß keiner der vielen anwesenden Hannoveraner, Kronanwälte, Oberappellations- und Obergerichtsräthe, Anwälte und Advocaten, mehrfach decorirte königliche Diener nicht ausgenommen, ob dieser Nachricht auch nur eine Thräne vergoß. Alle stimmten vielmehr in das Hoch Baumann's, und Preußen und Baiern, Sachsen und Schwaben, Rheinländer und Mecklenburger fielen mit ein, und als der Dampfer nach einer Stunde in Gmunden landete, da war die letzte Flasche Vöslauer, die er am Bord führte, geleert.

Da meine Phantasie mich einmal nach Wien geführt hat, so kann ich gleich hier den Leser mit einem Ereignisse bekannt machen, das ihn interessiren wird, wenn er für den mehr in den Hintergrund getretenen Bruno Baumann noch einige Zuneigung fühlt. Wir waren zu drei aus dem Welfenlande ausgezogen, kehrten aber nur zu zwei dahin zurück, ohne Bruno.

Das hing so zusammen.

Die Kaiserstadt nahm uns sehr gut auf, viel besser, als wir es am Morgen unserer Abfahrt von Linz vermuthen durften. Denn es regnete stark, regnete stundenlang, sodaß man oft das jenseitige Donauufer kaum erkennen konnte, aus dem Eisenbahnwaggon nämlich. Als wir aber in die Nähe Wiens kamen und an Schönbrunn vorbeifuhren, da theilten sich die Wolken, ein Sonnenstrahl beleuchtete den Prachtbau der Gloriette, und von diesem Augenblick an hatten wir während der ganzen Reise nur Sonnenschein.

Nachmittags waren über tausend Equipagen und mehr als hunderttausend Menschen im Prater, ein Schauspiel, wie wir es noch nicht erlebt hatten. Und nun gar abends im Sperl, wo die Stadt uns als ihre Gäste empfing. Zum Glück wurde es abends so kalt, daß das Festcomité die Eingeladenen ersuchte, die verschiedenartigen Ueberzieher wieder anzulegen und die Hüte aufzubehalten. Nur so konnte man es in dem schön illuminirten Sperlgarten aushalten; aber welch bunt bewegtes, ungenirtes Leben und Treiben! Wenn man aus den Sälen des Sperl die breite Freitreppe hinunter in den Garten trat und auf den Halbrundbau zuschritt, in welchem der Wiener Männerchor, an hundert Mann, uns durch kräftigen Gesang begrüßte, und die sämmtlichen deutschen Universitäten uns in Transparentbildern oder als Medaillons entgegenlachten, dann glaubte man in einem Zaubergarten zu sein. Strauß mit seiner Truppe löste durch Polkaklänge den Gesang ab, dann erscholl aus einem andern Theil des großen Gartens die Blechmusik der Gardeartillerie, welche wieder abgelöst wurde durch die Militärmusik eines Infanterieregiments.

Man traf auf hundert Bekannte und Freunde, die man oft zwanzig Jahre und länger nicht gesehen; es war gefährlich und doch so leicht auseinanderzukommen, denn das Wiederfinden war schwer. Wir suchten Hermann Baumgarten, der aus seinem Helenenthale herab zur Donau gekommen war. Endlich fanden wir ihn mit alten Lützower Kampfgenossen hinten in der Nähe der großen Fässer von Dreher'schem Märzen, und wir verließen diesen Platz vor Einnahme des Mahls nicht wieder. Sämmtliche Gäste, Norddeutsche wie Süddeutsche, waren übereinstimmend der Ansicht, daß es auf der ganzen Erde ein besseres Bier nicht gebe.

Es ist natürlich nicht meine Absicht, alle die Festlichkeiten zu erzählen, mit denen wir überschüttet wurden, nur zwei derselben sollen hervorgehoben werden. Montags zogen wir der Festvorstellung im Hofoperntheater (damals noch in der innern Stadt) die Ovation vor, welche Wien der aus Kissingen gesund zurückgekehrten Kaiserin in Schönbrunn brachte – zwölftausend bunte Laternen und Fackeln, zehn Musikcorps, wiener Männerchorgesang – die Kaiserhymne und Arndt's deutsches Vaterlandslied – Wien war überall schwarz-roth-golden in jenen Tagen, und pfiffige Politiker wollten im nächsten Jahre den Fürstentag in Frankfurt schon in Wien gerochen haben.

Für uns Juristen waren im Hof unter den Fenstern, wo Kaiser und Kaiserin sich präsentirten, zwei Tribünen erbaut, als wir aber kamen, und wir gingen zeitig hin, da wir versprochen hatten, Hermann Baumgarten und seinen Damen Plätze zu reserviren, fanden wir die uns bestimmten Räume von Financiers aus orientalischem Geschlecht beinahe sämmtlich eingenommen, und nur mit Mühe gelang es uns, von einigen Landsleuten Sitzplätze für die Damen zu erhalten.

Hermann Baumgarten brachte seine Veronica, eine Schönheit noch im hohen Alter, und die Baronin Heloise von Barrò mit sich. Ich hatte diese seit dem Balle beim göttinger Jubiläum nicht wiedergesehen. Sie war noch immer eine schöne Frau in der Mitte der Vierzig, und Bruno Baumann wich nicht mehr von ihrer Seite, obgleich die Haare seines Bartes schon hier und da grau zu werden anfingen. Am andern Tage besuchte er keine Abtheilungssitzung, auch war er nicht bei dem Empfange im k. k. Lustschlosse durch Erzherzog Rainer, noch abends bei Excellenz von Schmerling, sondern mit Hermann und seinen Damen erst nach Laxenburg gefahren und dann ins Opernhaus gegangen. Mittwochs beim Festcommers im Dreher war er sehr zerstreut. – Hermann war mit den Damen wieder abgereist und nahm an den politischen Discussionen, welche wir Norddeutsche der nationalen Partei mit den österreichischen Collegen – die heute zum Theil Minister sind, führten, nur geringen Antheil.

Donnerstag verweigerte er an dem Festmahl in der Neuen Welt teilzunehmen, war auch nicht in der Plenarversammlung. Erst Freitag, als es früh morgens hieß: hinaus nach dem Südbahnhofe! kam wieder Leben in ihn, wir fuhren nach dem Semmering, vor Baden und dem Helenenthale vorüber.

Auf der Rückkehr, wo die Stadt Baden uns bewirthete, zog er es vor, mit Hermann und seinen Damen bei der Conditorei sitzen zu bleiben und statt zu diniren Eis zu schlürfen. Man zählte in Baden an diesem Tage über zwanzigtausend schöne Wienerinnen, ich glaube Bruno hat keine von ihnen bemerkt.

Am Abend, als die Lampions, die den schwarz-roth-goldenen Aar mit dem deutschkaiserlichen Doppelkopfe bildeten, zu erlöschen begannen, fuhren wir nicht nach Wien zurück, sondern nach Sanct-Helena in Baumgarten's Villa, und von da mußten wir ohne Bruno nach dem Norden zurück. Die Ungarin hatte ihn uns geraubt und auf ihre ihr wieder zurückgegebenen Güter geführt.

Seitdem habe ich Bruno nicht wiedergesehen, aber er hatte mir im Herbst selbstgekelterten Tokayer gesendet, und ich erinnerte mich eben zur rechten Zeit, daß ich davon ein halbes Fläschchen bei mir führe, und trank es auf das Wohl des Gebers, seiner Frau und seiner beiden Kinder.

Seit dem Augenblick konnte ich die Wolkenbilder vor dem Monde nicht mehr enträthseln, ich dachte an Wien, dachte an das hannoverische Ministerium der neuen Aera und die Verbrüderungsfeste mit denen, die zwei Jahre später Hoch- und Nationalverräther genannt wurden, und schlief ein. Als ich erwachte, war es heller Morgen, der potsdamer Dom schimmerte im schönsten Sonnenscheine.

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