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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 95
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Sechstes Kapitel.
Der Gaunerbund.

In einem der elegantesten Häuser am Georgenwalle finden wir im schön decorirten Privatzimmer des Advocaten Uebellage einen Theil der Herren beisammen, deren Bekanntschaft wir in den letzten Tagen gemacht haben. Die Dinge der Gesellschaft »Hie Welf« hatten sich glänzend gestaltet, die Actien waren das gesuchteste Speculationspapier auf der berliner Börse und waren auch durch van Hemmerding's Namen auf der amsterdamer Börse gesucht. Sämmtliche hier Versammelte waren Gründer, die nach ihrem Verdienst bei der Stiftung mehr oder weniger Actien zu dem Gründungspreise erhalten und bei dem Verkaufe bedeutend gewonnen hatten. In Norddeutschland hatte das Fieber, durch Speculation in Industriepapieren oder in Wispeln an der berliner Börse schnell reich zu werden, erstaunliche Fortschritte angenommen. Jeder kleine Kapitalist betheiligte sich bei dem einen oder andern Unternehmen, dieser hielt papenburger oder harburger Rhedereiactien für das Vortheilhafteste, jener hob die Actien der Georg-Marienhütte in den Himmel, denn wie konnte es anders sein, als daß ein Etablissement, dem König und Königin ihren Namen gegeben und bei dem sie sich mit Hunderttausenden betheiligt, sich rentiren müsse? Ein dritter hielt die hannoverischen Bankactien, die bis 117 getrieben waren, ehe die Bank nur ein einziges Geschäft gemacht, für das solideste Papier, ein vierter war von den 33 Procent Reingewinn, den die ilseder Hütte abwerfen müsse, so überzeugt, daß er seine sämmtlichen in Grundbesitz belegten Hypotheken kündigte und ilseder Actien kaufte, der fünfte zog Flachsbereitungsanstalten vor, der sechste eine chemische Fabrik, der siebente betheiligte sich bei einer Champagnerfabrik, der achte bei einer Wasserglasfabrik. Dazu kamen appenthaler Kupferbergwerke, Spinnereien, Eisengießereien, einige Dutzend Zechen an der Ruhr, Actien- und Commanditgesellschaften in den benachbarten preußischen Provinzen und in Oldenburg.

Die Gesellschaft, die wir bei Uebellage finden, bestand aus dem Harzer Rehse, dem Bankier Schulte aus Berlin, dem Kaufmann Friedel aus Braunschweig und dem Engländer, der auf der Fahrt von Gießen nach Kassel van Hemmerding untergeheizt hatte (er hatte den falschen Cotelettebart abgelegt und zeigte sich als der Handlungsgehülfe Schneeweis, der längere Zeit in London in einem Geschäfte gewesen war). Außerdem war noch der Agent Kahlmeier gegenwärtig, aber so dringend damit beschäftigt, den Clicot im Eise herumzudrehen, daß er für nichts anderes Sinn hatte. Rehse, der es sich auf einer Chaiselongue bequem gemacht, während Schneeweis die leeren Rheinweinflaschen vom Tische räumte und Uebellage Champagnerkelche herbeiholte (Bedienung war absichtlich vermieden), sagte ungeduldig zu Kahlmeier: »Mach, daß du mit deinem Kühlen fertig wirst; es ist Zeit, daß wir ans Geschäft kommen.«

Kahlmeier nahm eine Flasche aus dem Kübel, entkorkte sie kunstgemäß und schenkte ein, worauf Uebellage das Wort nahm. »Seit einem halben Jahre«, sagte er, »habe ich mich keine Mühe und kein Geld verdrießen lassen, so ziemlich in alle größern, namentlich aber in alle Localblätter zwischen hier und der Nordsee, die Notiz zu bringen, daß es in Irland gelungen sei, den Torf so zu pressen, daß man mit so comprimirtem Torfe jetzt an mehrern Hohöfen Eisen verhütte. Vor kurzem ist es mir nun noch gelungen, in die ›Weser-Zeitung‹ einen Artikel einzuschmuggeln, worin gesagt wird, daß ein gleiches Verfahren jetzt auch in Steiermark angewendet werde und gegen die bisherige Holz- und Steinkohlenheizung sich um die Hälfte wohlfeiler herausstelle.

»Sämmtliche bremer Localblätter wie unsere hannoverischen Zeitungen haben die Notiz nachgebracht, und die Techniker im Künstlerverein und in Lemförde zanken schon wochenlang über die Möglichkeit einer solchen Verhüttung, zwei weltberühmte Professoren unserer Polytechnischen Schule haben sich für die Möglichkeit erklärt, und habe ich von beiden Gutachten eingeholt, die Sie, meine Freunde, zum Theil ja kennen.

»Es wachsen täglich neue Unternehmungen aus dem Boden, es ist die höchste Zeit, daß wir mit der Hüttenunternehmung, auf Torf gegründet, hervortreten, und bitte ich die Herren, die in Bremen und Verden das Terrain recognoscirt haben und welche in Heustedt waren, Bericht abzustatten.«

Herr Schneeweis, nachdem er sich seinen Kelch gefüllt, ohne den Wein zu viel schäumen zu lassen, berichtete: »Der Hauptzweck meiner Reise nach Bremen ist verfehlt; der lange Consul will nicht anbeißen. Er ist anderweit, namentlich mit der Transatlantischen Dampfschiffahrt zu sehr beschäftigt. Auch hegt er einiges Mistrauen; er hat nach London an Freunde geschrieben, die mit der Eisenindustrie vertraut sind, aber man weiß dort nichts von Hohöfen in Irland, die mit Torf geheizt und angeblasen wären, man kennt kein Torfeisen. Die Torfproben, die ich ihm vorlegte, fanden seine Anerkennung, er verlangte aber eine detaillirtere Rechnung über die Productionskosten, die ich nicht geben konnte. Genug, ich mußte froh sein, ihn nur nicht zum offenen Gegner zu haben.

»Glücklicher war ich dagegen mit der übrigen Einwohnerschaft. Ich habe nach dem Steinkäfer'schen Manuscript im Künstlerverein einen Vortrag über Moor- und Torfbildung gehalten, und meine Proben, die so glatt aussahen wie Chocoladentäfelchen, den Herren und Damen im Saale herumgereicht. Die Bremerinnen schwärmen sämmtlich für solchen Preßtorf und wünschen ihr Teufelsmoor schon in Preßtorf verwandelt zu sehen. Ich hoffe doch, die gute Stadt Bremen wird, schon um die Hamburger zu ärgern und ihnen wieder in einem Dinge zuvor zu sein, für eine halbe Million Actien kaufen, und es wird uns auch wol glücken, einen Senator für die Vicepräsidentur zu fangen, wenn wir nur erst einen respectabeln Präsidenten haben. Wenn die Bremer erst Hohöfen, Puddelöfen und Walzwerke, ein stattliches Directorialgebäude, Arbeiterwohnungen, ungeheuere Torfschuppen aus der Erde steigen, die Torfstechmaschine arbeiten sehen, wird es nicht an Actienliebhabern fehlen.«

»Ich bin im ganzen glücklicher gewesen«, erzähle nun Kahlmeier und warf sich in die Brust. »Ich glaube einen ersten Präsidenten gefunden zu haben. Wie ihr wißt, ist der Bruder unsers Finanzministers Graf X. in Heustedt Drost (erster Beamter). Er ist so bornirt, wie wir es nur wünschen können, und begierig, erster Präsident mit einem Gehalt von 3000 Thalern zu werden und wird zu dem Zwecke das ganze Vermögen seiner Frau, – er selbst hat nur seinen Gehalt als Drost – in Actien anlegen. Da haben wir einen Namen von gutem Klang und zugleich Vertrauen bei dem Volke. Denn, so calculirt Publicus, ein Drost wird sich nicht an die Spitze eines Unternehmens stellen, das auf Sand gebaut ist. Der Drost sichert uns die 300 Morgen Moor, die zum Domanio gehören und jetzt nichts einbringen, gegen einen sehr mäßigen Kanon zur Erbpacht auf 99 Jahre zu.

»Dann lebt bei Heustedt eine sehr reiche Wittwe, eine Frau Claasing, die in den letzten zehn Jahren in glücklichen Speculationen in Köln-Mindener Actien und andern Industriepapieren zu ihrem an und für sich großen Vermögen noch 100000 Thaler gewonnen hat. Wir bedürfen dieser, da wir ein Stück Land hinter der Bremer Bahn und ein Torfmoor von etwa hundert Morgen, ohne das wir nicht an das herrschaftliche Moor kommen können, sowie einiges Land erkaufen müssen. Sie will sich mit 120000 Thalern betheiligen, aber zum Nominalwerthe von 85 – da sie sich schon auf Emissionscurse versteht. Ferner ist dort der Graf Schlottheim, Vertrauter Sr. Majestät, begütert, ich habe seinen Rentmeister gewonnen, und wenn man diesem einige Actien zufließen läßt, so können wir darauf rechnen, einen Actionär mit 20–30000 zu gewinnen. Der Commerzienrath Hirschsohn wird 50000 zeichnen, unter der Bedingung, daß er Mitglied des Verwaltungsraths wird. Kleine Zeichnungen hätte ich eine Menge erhalten können, aber ich habe absichtlich zurückgescheucht.«

»Bravo!« sagte Rehse, »ich schlage vor, daß wir auf das Wohl Kahlmeier's ein Glas leeren!«

So geschah es.

Um diese Unterhaltung zu verstehen, müssen wir Nachfolgendes hinterhersenden: Rehse, auf einem der höchstgelegenen Punkte des Harzes geboren, hatte auf der Polytechnischen Schule in Hannover eine Menge tüchtiger Kenntnisse erworben, sich darauf in Belgien, Frankreich, England umgesehen, dort aber auch sein Erbe verzehrt. Als erfahrener Mann ging er nach Berlin, um dort eine seinem Wissen angemessene Carrière zu machen. Hier traf er mit allerlei Projectenmachern und Hochschwindlern zusammen, machte in Börsenspeculationen, lernte, wie man Actien und Commanditgesellschaften mache, sah, wie die Actien von Eisen- und Kupfergruben und Zechen an der Börse ge- und verkauft wurden.

Er spielte an der Börse, ohne größere Fonds zu besitzen, mit Gewinn; nun kam ihm der Gedanke, ein selbständiges Unternehmen zu gründen! Er kannte am nördlichen Unterharz eine Eisensteingrube untadelhaften Eisenerzes, die viele Jahrhunderte in Betrieb gewesen war, die aber seit länger als einem Jahrhundert brach lag, nachdem alles Holz, was auf den Bergen der Umgegend stand, zur Verhüttung verbraucht war. Diese Grube, noch immer für Jahrhunderte hinreichend, war aus dem Besitze des Staates in den einer Gemeinde übergegangen, die sie als Pertinenz eines kleinen Hofes, Aberlahwiese genannt, wieder an einen Freund Rehse's verkauft hatte, für 8000 Thaler etwa und einen jährlichen Kanon von 300 Thalern.

In der Nähe dieses Eisensteinlagers, auf eine Stunde Entfernung, wurde jetzt eine neue Eisenbahn von Osten nach Westen erbaut, und es war dadurch die Möglichkeit eröffnet, das Eisenerz in eine Gegend zu transportiren, wo das Hauptmaterial zur Verhüttung, Holz- oder Steinkohlen, nicht fehlten. Darauf hin hatte Rehse in Gemeinschaft mit dem Bankier Schulte das Gut Aberlahwiese mit dem dazugehörenden Eisensteinlager für 12000 Thaler und dem darauf ruhenden Kanon gekauft, aber nur 4000 Thaler abbezahlt; da Schulte seine Geschäfte nur mit fremden Geldern zu machen pflegte und Rehse zur Zeit des Ankaufs Börsenverluste gehabt hatte, mußte schon Stundung eintreten.

Nachdem der Verkauf des Steinhammer'schen Kohlenwerks so glänzend gelungen war, und das Hinauftreiben der Actien auch in die Tasche des berliner Bankiers Flut gebracht hatte, wurde die Restsumme bezahlt, Aberlah ward formell übergeben und es handelte sich darum, dieses am Harze liegende Graseisenerz einer neuzubildenden Gesellschaft zu verkaufen.

Der bisherige Besitzer blieb als Pachter auf dem Gute und übernahm, da er Pacht und Kanon nicht zu bezahlen brauchte, während der zehnjährigen Pachtjahre den Centner Eisenerz für 11 Pfennige an die Eisenbahnstation zu fahren, einschließlich der Einladung. Auch dieses Erz lag zu Tage. Nun handelte es sich um einen Ort, wo man verhütten konnte. Steinkohlen aus Westfalen dahin zu schaffen war zu kostspielig, Holz wurde am ganzen Harz mit jedem Jahre theuerer, so ersann man denn das Torfproject, gedachte jedoch, den Hohofen mit Holzkohlen anzublasen und den Torf nur zum Scheine, Holzkohlen oder Kalkstein bedeckend, aufzuführen.

Das Unternehmen gelang abermals – die berühmte Grünfelder Hütte, die champagnersaures Eisen lieferte, wurde aufgebaut, ein Actienkapital von 1½ Millionen Thalern zusammengebracht.

Wie gehört das alles zu dieser Erzählung? höre ich einen Kritiker fragen. O doch! Um das zu beweisen, müssen wir einen Griff näher der Gegenwart thun. Unter dem 5. October 1861 schreibt der Advocat Karl Baumann seinem Bruder Bruno, dem Regierungsrath a. D., Folgendes:

»Lieber Bruder! Ich zeige Dir an, daß am 30. vorigen Monats die Frau Claasing in Eckernhausen gestorben ist. Sie war seit einem halben Jahre beinahe verrückt. Da sie über 10000 Thaler im Concurse der Grünfelder Hüttengesellschaft verloren hatte, so bildete sie sich ein, sie müsse verhungern, während sie außer dem Hofe in Eckernhausen doch noch über 200000 Thaler im Vermögen hatte.

»Sie hat ein merkwürdiges, heute eröffnetes, Testament gemacht und nur ihren Hof in Eckernhausen ihrer ältesten Tochter Minna Hellung nach Anerbenrecht vererbt, welche die Schwester Auguste Dummeier vom Allode abzufinden hat. Da aber die adelichen Wiesen vom Wildhausen'schen Gute zum Allod gehören, so wird die Abfindung nicht klein sein. Der Hof wird mit diesen Wiesen und mit Inventar von Sachverständigen auf 120000 Thaler geschätzt.

»Ihr Baarvermögen in guten Werthpapieren dagegen hat sie zu einem Familienfideicommiß bestimmt, das erst nach hundert Jahren an die Enkel oder Urenkel der jetzt lebenden Großkinder übergeben werden soll. Da die beiden Töchter bei ihrer Verheirathung auf die mütterliche Erbschaft verzichtet haben, und unsere Gesetzgebung solchen Fideicommissen nichts entgegensetzt, so werden die Schwiegersöhne sich das gefallen lassen müssen. Das Familienfideicommiß soll bei der Sparkasse zu Heustedt zu drei Procent belegt, und von dem jedesmaligen Bürgermeister der Stadt, dem ältesten Amtsrichter und einem Advocaten verwaltet werden. In letzterer Eigenschaft hat sie mich ernannt, nach meinem Tode haben Bürgermeister und Amtsrichter sich über eine neue Persönlichkeit zu einigen. Wir sollen angemessen honorirt werden. Die Zinsen werden jährlich zum Kapital geschlagen; wie groß das Vermögen am 4. October 1961 (hundert Jahre nach der Testamentseröffnung) sein wird, habe ich auszurechnen noch nicht vermocht.

»Wo Dein Freund Hellung sich zur Zeit befindet, weiß ich nicht, Auguste Dummeier will aber ihrer Schwester, die noch immer in Pittsburg sich aufhalten soll, Nachricht zukommen lassen. Der älteste Sohn Dummeier's ist zu Ostern confirmirt und besucht jetzt hier die Ackerbauschule, er ist bei uns in Kost, der zweite Sohn, zwölf Jahre alt, soll im nächsten Jahre die Rectorschule besuchen, er wird auch bei uns sein und kann dann mit meinem Jungen, Deinem Pathen, zusammen arbeiten.

»Du weißt, daß ich als Curator die Liquidation der Grünfelder Hüttengesellschaft abzuwickeln habe; da erhielt ich denn einen Einblick in die groben Betrügereien, welche sich die Gründer haben zu Schulden kommen lassen, und die Schwindeleien, die von den technischen und kaufmännischen Directoren unter dem Präsidium des einfältigen Drosten von ** fortgesetzt sind. Dieser hat das ganze Vermögen seiner Frau verloren und sich eine Kugel durch den Kopf geschossen, als er seine Entlassung aus dem Staatsdienste erhielt.

»Es sind nicht nur sämmtliche Actionäre betrogen und es ist dadurch namentlich über viele Familien Elend und Unglück gekommen, sondern bedeutende Creditanstalten, die Leipziger Creditbank, welche 500000 Thaler zu fordern hat, das holländische Haus van Hemmerding mit 200000 Thalern, die Dessauer Bank mit 500000 Thalern, verlieren bedeutend. Der einzige, der sich oben erhalten hat von der ganzen Schwindelbande, ist Rehse, welcher das Etablissement mit Geld der Genfer Bank für 350000 Thaler an sich gekauft hat. Was er damit beginnen wird, weiß man nicht, wahrscheinlich einen neuen Schwindel.

»Meine Frau und die Kinder lassen Dich herzlich grüßen.

Dein Karl

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