Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Oppermann >

Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 94
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel.
Das Schwindeljahr im Welfenlande.

Die Bahn des Rechts- und Verfassungsbruches ist glatt und abschüssig. Als der blinde König gegen den Rath Stahl's, des Führers der damaligen preußischen Conservativen, dem durch Vertrag zwischen den Ständen und dem Könige geschaffenen Verfassungsgesetze ein Ende zu machen beschlossen hatte, da ging es rasch genug, wenn auch dem nach unbeschränktem Besitz der Domänen sehnsüchtigen, von seiner Umgebung vielfach ausgeplünderten Könige nicht rasch genug. Der Vorschlag zur Auflösung der Zweiten Kammer, die unter dem Präsidium des Dr. Ellissen und der Führung Stüve's im Juli 1855 noch einmal daran erinnerte, daß an einem Königsworte nichts zu drehen und zu deuteln sei, daß ein Königswort heilig und unverletzlich sein müsse, fand kein Gehör. Das Ministerium eines Mannes wie von Lütcken war dem Blinden nicht rasch, entschieden und rücksichtslos genug, es mußte dem Ministerium Borries weichen, und eine königliche Verordnung vom 1. August 1855 octroyirte die Verfassung von 1848 hinweg.

Wenn Mythenbildungen nie aufhören, selbst in diplomatischen Kreisen gefordert werden, und die Zeitungsenten sogar einen sehr großen Theil unserer Tagslektüre bilden, so ist doch die Dichtung, wenn sie große geschichtliche Ereignisse, die alle Zeitgenossen mit erlebt haben, berührt, in ihrer Freiheit beschränkt. Wir fühlen das sehr hart, wir hätten gern gesagt, daß um diese Zeit, von der wir reden, Graf Schlottheim Finanzminister und der bisherige Generaladjutant des Königs, Victor Justus Haus von Finkenstein, Kriegsminister geworden seien, allein der »Gothaer Almanach«, das »Hannoverische Staatshandbuch« wie jedes Geschichtswerk würde uns Lügen strafen. Dürfen wir unsern Lesern zumuthen, wenn wir inskünftige vom Ministerpräsidenten reden, nicht an den im »Gothaischen Kalender« stehenden Grafen von Kielmannsegge, sondern an unsern bekannten Grafen Guido von Schlottheim zu denken, und statt des Kriegsministers von Brandis die ihnen bekanntere Persönlichkeit Victor Justus Haus von Finkenstein's ins Auge zu fassen, so erlangen wir dadurch die dichterische Freiheit, diesen Personen unserer Erzählung Absichten, Worte, Thaten unterschieben zu dürfen, welche wir, ohne ein vielleicht strafbares Verbrechen zu begehen, den wirklichen Räthen Sr. Majestät des Königs Georg nicht zuschreiben dürften.

So heben wir es beispielsweise als eine (wenigstens durch die uns bekannte Naturanlage Schlottheim's, unsers fingirten Ministerpräsidenten und Finanzministers) berechtigte Eigentümlichkeit hervor, daß er den Schwindel bei Gründungen neuer Actien- und Commanditgesellschaften, Börsenspiel und was dahin gehört, förderte, um, wie der außer Dienst in Göttingen lebende Regierungsrath und Abgeordnete Bruno Baumann sagte, die Aufmerksamkeit des reichen und speculirenden Bürgerstandes, des Fabrikanten und Industriellen von der innern Politik abzulenken.

Diese dem Stoffe anklebende Unfreiheit bedingt es sogar, daß wir für die bis in die nächste Gegenwart spielende Periode an die Stelle der Genrebilder, die wir bisher zeichneten, Nebel- und Wandelbilder setzen, von durchaus ungleicher Ausdehnung, bei denen wir der Phantasie unserer Leser sehr häufig den Zusammenhang zu finden überlassen müssen.

Drei Herren kamen aus dem Hotel Westendhall und schritten zum Weserbahnhofe in Frankfurt am Main; es war noch früh am Morgen, aber der Zug nach Kassel war schon arrangirt und sollte in fünf Minuten abfahren. Der älteste und ansehnlichste der Männer war blond, es war unschwer, den Holländer zu erkennen, ja bei einiger Menschenkenntniß mußte man dem Mann ansehen, daß er sehr reich war. Es war der Chef des Hauses van Hemmerding, das, wie damals viele andere Häuser, an einem Ueberflusse baaren Geldes litt und daher geneigt war, sich an einem soliden industriellen Unternehmen in Deutschland zu betheiligen. Das bisher so jüngferliche Land der Welfen war unter der glorreichen Regierung Georg's V. und des umsichtigen Finanzministers zuerst der Industrie aufgeschlossen, barg es doch selbst große Reichthümer, wie man an dem Gedränge gesehen hatte, das bei Deponirung der Papiere bei Gründung der Bank entstanden war. Ein Eisengrubenbesitzer vom Harz, Herr Rehse, der sich einige Zeit in Amsterdam aufgehalten hatte, wußte die Aufmerksamkeit des Hauses Hemmerding auf ein Kohlenbergwerk im Osnabrückischen zu lenken, das nach seiner Angabe unerschöpflich sein sollte. Da dasselbe aber im Besitz eines verarmten Adelichen, des Herrn von Steinhammer, sei, dem die Mittel zum Tiefbau, überhaupt zu einem ordnungsmäßigen Betriebe fehlten, so seien 200000 Thaler, für die man das Kohlenbergwerk kaufen könne, ein höchst niedriger Preis; zumal sich nach seinen eigenen Anschauungen und nach denen des berühmten Geologen Steinkäfer nahe dem Kohlengebiete auch Eisen vorfinden müsse. Wäre das aber, calculirte Rehse dem Hause Hemmerding vor, so sei es ein Leichtes, für eine Million Actien unterzubringen, namentlich wenn man die Hütte etwa »Welf« und das gewonnene Eisen »Welfeneisen« nenne. Einer solchen Actiengesellschaft könne man das Kohlenbergwerk immer zu 300000 Thalern anrechnen. Genug, Herr van Hemmerding wollte sich das Object selbst einmal ansehen, als vorsichtiger Mann hatte er sich aber einen Geologen und Eisenbahntechniker aus Belgien verschrieben, der ihn begleiten sollte.

Der Grubenbesitzer Rehse hatte beide am Tage zuvor in Frankfurt erwartet und in Westendhall einquartiert.

Der Holländer wollte sein Zimmer nicht wieder verlassen, nachdem er sich darin eingerichtet hatte. Dem Belgier aber zeigte Rehse die Merkwürdigkeiten der Freien Reichsstadt, den Pfarrthurm und die Zeil, das Goethehaus und Goethedenkmal, die Eschenheimer Gasse und die Paulskirche, und führte ihn dann in ein Hotel, in welchem man, wie er sagte, die beste Flasche Carteblanche trank.

Der Eisensteingrubenbesitzer war in dem Hause bekannt; der Oberkellner setzte auf seinen Wink mit den Augen sofort ein halbes Dutzend kalt, und der Wirth selbst, der sich entschuldigte, den Herren keine Gesellschaft leisten zu können, da ihn ein Geschäft abrufe, führte diese in die wohnlichern Zimmer seiner Gemahlin. Es seien da freilich, entschuldigte er, einige Damen zu Besuch, da es aber Bekannte des Herrn Rehse seien, so werde das ja nichts schaden und Champagner trinke sich in Damengesellschaft immer angenehmer.

Der Grubenbesitzer war ein Mann von gedrungener, kräftiger Gestalt, markigem Körper, rothem Gesicht, kleinen grauen stechenden Augen und blondem, ins Röthliche spielendem Haar. Er verstand es sehr gut, den ehrlichen, geraden Niedersachsen, den gutmüthigen biedern Mann zu spielen, der, wie Luther es schon gethan, Wein, Weiber und Gesang liebe. Er wollte heute noch erfahren, wessen Geisteskind der Belgier sei, und es war nicht absichtslos, daß er diesen gerade in dieses Haus führte, wie die Freundinnen der Wirthin auch nicht ganz zufällig zum Besuche da waren.

Der Fremde wurde von Rehse der Wirthin vorgestellt. Da war Fräulein Ida Tram, erste Sängerin am Stadttheater, eine Mainzerin, ein schlankes blondes Kind mit blauen Augen, sanft voll Taubenunschuld, mit ewig lächelnden Kirschlippen und weißen glänzenden Zähnen, den Grübchen in den Wangen und im Kinn, die so naiv mainzerisch schwatzen konnte, als wisse sie nicht, was Liebe sei. Dann war da die junge Frau des kaiserlich königlichen Gesandtschaftsadjunctssecretärs aus Wien, eine üppige, feurige Brünette.

Von Homburg herübergekommen war die Frau oder Geliebte eines der dortigen Spielpächter, eine Pariserin, die weniger schön, aber äußerst pikant war und allerliebst zu kokettiren wußte.

Die Wirthin selbst galt in Frankfurt für eine der schönsten Frauen.

Der Champagner perlte in den weiten runden Schalen und die Damen wußten ihn zu trinken, die Bekanntschaft machte sich schnell. Der Eisensteingrubenbesitzer setzte sich neben die Wienerin und unterhielt sich eifrigst mit ihr, doch wechselte er hinter dem Rücken derselben häufig bedeutsame Blicke mit der Pariserin, die mit dem Fächer spielte und offenbar unzufrieden war, daß es ihr nicht gelang, die Aufmerksamkeit des jungen belgischen Technikers zu fesseln. Dieser hatte im Anfang neben der Wirthin auf einer Causeuse Platz genommen, die Dame vom Hause rief aber die blonde Mainzerin an ihren Platz, da sie zu bemerken glaubte, daß die Augen des Ingenieurs häufig nach dieser, welche sich zärtlich an die Französin schmiegte, gerichtet waren, indem sie einen Vorwand nahm, um durch die Plüschportière in ihr nebenan befindliches Boudoir zu schlüpfen. Die Dinge glichen sich mehr aus, als noch zwei Hausgenossen die Gesellschaft vermehrten, ein Herr von Blindlunger und ein durchreisender Freund desselben, beide keine Verächter des Schaumweins. Es bildeten sich nun ganz von selbst Pärchen, man scherzte und lachte, die Mainzerin sang einige Couplets aus einer neuen Oper, und verschwand darauf im Boudoir der Freundin, wo der Belgier sie erst aufsuchen mußte, um sie nach einiger Zeit wieder zum Pianino zu führen.

Als Rehse von dem Ingenieur in Erfahrung gebracht, daß im Boudoir ein sehenswertes Album liege, führte er die Wienerin hinein, dasselbe anzusehen, was denn so ansteckend wirkte, daß ein Paar nach dem andern hinter der Portière verschwand.

Es waren schon mehr als ein Dutzend Flaschen entkorkt, und die Pariserin wünschte eine neue Sorte, sie wollte Goldlack, zugleich forderte sie Herrn von Blindlunger auf, eine kleine Bank aufzulegen, der Unterhaltung wegen. Dieser ließ sich nicht lange nöthigen, die Gläser wurden von dem Tische geräumt und auf Nebentische gestellt. Das Spiel war bald im Gange. Die Mainzerin hatte ihre Börse vergessen und mußte nun mit dem Belgier in Compagnie spielen. Beide spielten mit Unglück, und der Ingenieur verlor in kurzer Zeit mehrere hundert Francs, seine Börse war leer.

Der Eisengrubenbesitzer hatte aber eine Menge Bankscheine und gab ihm ein Tausendfrancspapier, ohne den Wechsel, den ihm dieser zur Sicherheit anbot, anzunehmen. Neben dem Papier hatte er zugleich einen im voraus geschriebenen Zettel aus dem Portemonnaie gezogen, auf welchem der Ingenieur, während der Bankier den Tausendfrancsschein wechselte, Folgendes las:

 

»Ich sichere dem Herrn Ingenieur Petit diejenige Summe zu, welche van Hemmerding mehr als 200000 Thaler für das von Steinhammer'sche Kohlengebiet bezahlt, jedoch in Actien der neuzugründenden Gesellschaft, im Paricurse. Ich werde zu diesem Zwecke Herrn Petit mit Hülfstruppen, die auf der Station Gießen zu ihm stoßen, verstärken.

Frankfurt, den 7. Juni 1856.

Rehse

 

Ueber das schmale dunkle Gesicht des Belgiers glitt ein Lächeln des Verständnisses, er nickte dem Harzer zustimmend zu, steckte das Scriptum und einige hundert Guldenscheine vorsichtig in das Portemonnaie und spielte mit der größern Summe mit besserm Glück als vorher. Je mehr sich der Gewinn vor ihm vermehrte, desto zärtlicher schmiegte sich die Sängerin an ihn an, und desto begehrlicher wurden die früher so unschuldigen blauen Augen. Sie sang:

Schmiegt sich das Täubchen
Kosend an dich an,
So denke auch zuweilen
An mich, du süßer Mann!

Der Belgier schien jedoch in diesem Augenblicke an etwas anderes zu denken und selbst die zärtlichen Seufzer der Taube zu überhören. – Der Harzer hörte zuerst auf zu pointiren, bezahlte den Champagner und bat die Frau vom Hause um eine vertrauliche Unterredung, die ihm in deren Boudoir gewährt wurde. Die Mainzerin ließ indeß den Kork einer noch unangebrochenen Flasche knallen und der Bankier sagte die letzte Taille an: da sich das Interesse für dieses Spiel verloren zu haben scheine, um einem andern Raum zu gönnen. Die Sängerin schien an dem Belgier so großen Gefallen gefunden zu haben, daß sie auch, nachdem er das vor ihm liegende Geld, das ja längst nicht alles gewonnen war, mit ihr getheilt hatte, die unbefriedigte Taube weiter spielte. Die Wienerin schaute eifersüchtig auf die Portière des Boudoirs, die Pariserin kokettirte mit ihren kleinen Füßen, die sie auf den Sitz stemmte, den Rehse eben verlassen.

Doch trennte man sich, wie es schien, zu allgemeiner Zufriedenheit – Rehse fuhr die Pariserin zu ihrer Wohnung, die Sängerin verpflichtete sich, den der Wege und Stege unkundigen Ingenieur ungefährdet nach Westendhall zu bringen, Herr von Blindlunger und sein Freund leisteten der Dame vom Hause und der Wienerin noch einige Zeit Gesellschaft, bis der Ehemann der erstern von seiner Geschäftstour zurückkam und die Wienerin nach Haus führte.

Rehse konnte dem Ingenieur schon immerhin einen bedeutenden Gewinn in Aussicht stellen, denn jedenfalls blieb er der Hauptgewinnende. Er hatte sich nämlich mit Herrn von Steinhammer geeinigt, daß er diesem einen Käufer für das Kohlenbergwerk schaffe, der mehr als 80000 Thaler bezahle. Steinhammer durfte ohne Zustimmung Rehse's kein Gebot annehmen, und hatte sich schriftlich verpflichtet, alles, was er über 80000 Thaler bekomme, dem Verkaufsagenten herauszuzahlen. Mit der Summe von 80000 Thalern war nämlich der bauwürdige Theil der Flötze hinreichend bezahlt; die Flötze in der Tiefe waren zwar wahrscheinlich sehr reichhaltig, allein es war zweifelhaft, ob man das Wasser werde bewältigen können, da sie sehr tief lagen. Wenn Hemmerding daher für 200000 Thaler kaufte, verdiente Rehse 120000 Thaler und verdiente mit diesem gemeinsam noch einmal 100000 Thaler, wenn man das Werk einer Actiengesellschaft zu dem höhern Preise verkaufte. Zu einer solchen Gesellschaft waren aber die Elemente schon gefunden, es fehlte nur der Name mit den Respect einflößenden Millionen und zunächst der Ankauf selbst; dazu war das Haus van Hemmerding wie geschaffen.

In Hannover arbeitete der frühere Redacteur eines ritterschaftlichen sogenannten conservativen Blattes: »Der Nachtwächter«, jetzt Advocat Uebellage, an der Bildung einer solchen Actiengesellschaft. Er kannte alle reichen adelichen Gimpel, bei denen es lohnte, sie zu einer Welfeneisen schlagenden Gesellschaft heranzuziehen. So etwas lohnte sich besser als Nachtwächterjournalistik und kleine Kaufmannsprocesse.

Als am andern Morgen unser neuer Bekannter Rehse den Herrn van Hemmerding zum Bahnhofe begleitete, sagte er: »Ich versichere Ihnen, Herr Baron, daß es mir unendlich leidthut, daß unsere heutige gemeinsame Reise durch die fatale Depesche aus Köln unterbrochen wird. Aber ich hoffe, daß ich vielleicht noch einige Stunden früher in Minden bin, wenn ich den Nachtzug dahin benutze, während Sie ruhig in Hannover ausschlafen können; Herr von Steinhammer hat versprochen, daß uns seine Equipage an der Bahnhofsstation erwarten soll, und so wünsche ich Ihnen denn eine gute Reise. Im Unionhotel werden Sie vortrefflich aufgehoben sein, und auch Herrn Petit, der etwas angestrengt und übernachtet aussieht, wird eine Nachtruhe gut bekommen. Nochmals glückliche Reise! Auf Wiedersehen bis morgen!« Der Zug brauste nach Norden.

Rehse ging auf das Telegraphenbureau und telegraphirte an den Oberbergrath Schnuppius, zur Zeit in Gießen: »Abgefahren; Wagen Nr. 73, erste Klasse.«

An von Steinhammer lautete die Drahtnachricht: »Käufer unterwegs, fordern Sie 220000 Thaler und schließen Sie nicht unter 210000 Thalern ab.«

Die längste Depesche erhielt Advocat Uebellage: »Reise angesichts dieses zu Steinhammer, nimm den Statutenentwurf zum Welf mit, mache ihm bemerklich, wie vorteilhaft es für den Welf und ihn selbst sein würde, wenn er statt Baarzahlung mindestens 25000 Thaler in Actien des Welf nähme, die er als Mitbegründer zu 85 haben soll, während wir dieselben nicht unter 90 emittiren und in Berlin in vier Wochen auf 120 treiben. Dann mag er losschlagen. Sage ihm, daß ich selbst mich mit 20000 betheilige, und daß der Name van Hemmerding 10 Millionen bedeutet.

»Wir müssen morgen früh abschließen, dann können wir übermorgen in Wunstorf den Welf begründen. Beordere deine Ritter dahin, sorge für ein feines Diner und für den besten Champagner, der in Hannover zu haben ist, die Unterschriftsvollziehung des Verwaltungsraths unter die Actien ist ein langweiliges Ding, wobei der flüssige Stoff nicht fehlen darf. Der Druck ist doch fertig und ebenso prachtvoll wie die Zeichnung? Rückantwort nach Köln, wohin abreise.«

Man sieht, der Geschäftsmann zählte die Worte nicht ängstlich ab; was wollten auch bei solchen Geschäften ein paar Thaler heißen?

Während er den Rhein hinabfuhr, um dort, wo er die Eisenbahnverbindung nach Köln zuerst erreichte, diese zu benutzen, wollen wir van Hemmerding auf seiner Reise nach Norden begleiten.

Als Frankfurt im Rücken lag, sagte der Ingenieur: »Ich halte den Herrn Rehse für einen verdammt schlauen Gesellen, wir werden wohlthun, wenn wir sehr vorsichtig zu Werke gehen. Sind die Bohrproben unter den Augen des Professors Steinkäfer angestellt und die Resultate der Reihenfolge nach aneinandergeschichtet, so müssen die Zweifel an der Mächtigkeit der Flötze und der Güte der Kohlen schwinden, denn die Proben sind so fettig wie die besten englischen Kohlen, aber der Preis ist doch immer noch sehr hoch. Etwas anders wäre es, wenn sich, wie Rehse versichert, nothwendig in demselben Kohlengebiete oder dicht daneben auch brauchbares Eisen fände.«

»Ich halte Herrn Rehse für einen klugen, erfahrenen und zugleich ehrlichen Mann«, meinte der Holländer – »daß er gern ein Profitchen machen will, finde ich sehr natürlich, wir alle wollen das. Glauben Sie mir, Herr Petit, ich verstehe mich etwas auf Physiognomik und mache nie größere Geschäfte mit Leuten, deren Gesicht mir nicht gefällt. Ich würde diese Reise nach Westfalen nicht machen, wenn mir nicht die Photographie des Herrn von Steinhammer gefallen hätte. Sehen Sie das rothe Gesicht Rehse's, diese von Gesundheit strotzenden Wangen, diesen kräftigen Körper, dem man ansieht, daß er anstrengende Arbeit kennt, diese völlige Unaufmerksamkeit auf sich hinter der Flasche – da ist nirgends eine Spur von Falschheit. Ich sehe mir die Leute, mit denen ich Geschäfte mache, gern in dem Zustande an, den guter Wein und soviel der Mann vertragen kann, erzeugt. Wer bei meinem Dry Madeira, meinen Capweinen und meinem Champagner, nachdem eine Grundlage mit Rhein- oder Bordeauxweinen gemacht ist, verschlossen oder nüchtern bleibt, das ist mein Mann nicht. Rehse habe ich so pudeldick gehabt, daß er mir Liebes- und andere Geheimnisse, kleine berliner Börsenmanöver und Plane zu großen gewinnbringenden Unternehmungen anvertraute. Es ist ein Mann von großartigen Kombinationen, noch etwas zu jung und ohne Vermögen, das sind Fehler, von denen der eine mit jedem Tage von selbst schwindet, dem andern Energie abhelfen kann.«

Unter diesen und andern Gesprächen kam man nach Gießen, wo die Maschine Wasser nahm. Die beiden Reisenden hatten es sich in dem Coupé erster Klasse bequem gemacht, jeder saß in einer Ecke, keiner dachte daran, gleich den meisten Passagieren aus dem Wagen zu stürzen und von den berühmten berliner Pfannkuchen, welche der Restaurant täglich feilbietet, zu kaufen. Der Holländer nahm einen Schluck kalten Thees, den er in einer Reisetasche bei sich führte, zündete eine Cigarre an und bot seinem Nebenmanne eine gleiche. Da wurde das Coupé aufgerissen, ein großer starker Englishman in hellgrauem Anzuge mit röthlichem Cotelettebarte und einem Nasenklemmer stieg ein und flegelte sich seiner ganzen Länge nach auf den freien Sitz dem Holländer gegenüber, sodaß sein Begleiter, ein kleiner Mann mit einem Vogelgesichte und einer Uniform, wie sie höhere preußische Bergbeamte zu tragen pflegen, auf den Rücksitz zwischen dem Holländer und dem Belgier Platz nehmen mußte. Noch ehe der Zug sich wieder in Bewegung setzte, öffnete der Engländer ein großes Portefeuille, das er unter dem Arme getragen hatte, nahm daraus Zeichnungen, Pläne, lange Berechnungen und Zahlenreihen, breitete solche auf seinen langen Beinen aus und benahm sich, als sei er ganz allein in dem Coupé. Der Mann in der Uniform schrumpfte ganz in sich zusammen und drückte sich in das weiche Polster. Der Belgier, welcher sein Nachtquartier mit der Sängerin hatte theilen müssen, da diese den Schlüssel zu ihrem Hause vergessen hatte, war ermüdet, er versuchte zu schlafen, faßte aber die Neuankömmlinge scharf ins Auge und dachte: »Sollten das die Hülfstruppen sein, die dir Rehse in Gießen senden wollte?«

Am unzufriedensten mit dem Zuwachs an Reisegefährten war der Holländer, er öffnete das Fenster auf der Windseite und paffte seine Dampfringe, von denen der eine genau so groß war wie der andere, immer schneller in die Luft. Als man Marburg vorüber war, und der Holländer das Städtchen Amöneburg auf seinem Felskegel mit besonderm Wohlgefallen betrachtete, was die zahlreiche Judenschaft, die diese Bergstadt bewohnt, wenn sie es hätte wahrnehmen können, zu neuen großartigen Speculationen in Ziegen- und andern Fellen veranlaßt haben würde, denn das Lächeln eines Millionärs bringt Glück, nahm der Engländer eine große Durchschnittszeichnung eines Bergwerks auf seine Knie und verglich die Zahlen der Profile mit den Zahlen einer langen Tabelle.

Der Holländer, welcher, um Amöneburg bewundern zu können, ein Lorgnon in das Auge geklemmt hatte, schrak zusammen, als er seinen Blick auf die zwischen den Beinen des Engländers eingeklemmte Zeichnung fallen ließ.

War das nicht die Profilzeichnung des Kohlenbergwerks, das er zu kaufen beabsichtigte, dieselbe Zeichnung, die er in seinem Reisekoffer bei sich führte?

Als der Engländer sah, daß der ihm gegenüber Liegende sein Augenmerk auf die über seinem Knie hangende Zeichnung richtete, schlug er diese zusammen und legte sie in das Portefeuille, aus dem er eine Karte herausnahm und sie eifrig zu studiren begann.

Der Holländer drückte sich in die Ecke, ließ die Cigarre ausgehen und that, als ob er schlafe, blinzelte aber fortwährend mit seinen blauen Augen auf den Englishman.

Dieser fing jetzt an auf Englisch mit dem Manne in Uniform zu reden: »Master« – das Oberbergrath Schnuppius wollte nicht heraus – und der Kleine sagte: »Lassen Sie Titel und Namen, Master genügt mir vollkommen!«

»Sie sind also überzeugt, daß man Eisen dort finden wird?«

»Ich bin davon nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen überzeugt, ich selbst habe in dem Revier, keine halbe Stunde von der Zeche, ein reiches zu Tage kommendes Lager von braunem Graserzstein gefunden, das nach meiner Ansicht bis zur Sohle des Thales mächtig sein muß, also nahezu unerschöpflich. Ich habe das Erz 53 Procent enthaltend gefunden, hinreichend mit Kalk vermischt, um den Verhüttungsproceß zu erleichtern. Die Wesergebirge kenne ich von früher Jugend an und habe dieselben in Minden besondern Forschungen unterzogen, denn ich war bei den Formationen des Gebirges, bei den Gruppen von Zechstein, buntem Sandstein, braunem Jura, die zu Tage treten, überzeugt, daß man hier Kohlen, Eisen, Salz finden würde. Die Zeche auf dem Steinhammer'schen Gut war mir schon in meiner Kindheit bekannt, man achtete ihrer aber nicht, weil das obere Flötz, wenn auch acht Fuß mächtig, doch nur eine magere Kohle gab. Doch da sind Sie, wie ich weiß, besser instruirt als ich selbst.

»Was das Eisenerz betrifft, so war ich im vorigen Jahre von einer Gesellschaft, die sich unter dem Namen Porta in Minden gebildet hat, beauftragt, im Wittekind nach Brauneisenstein zu suchen. Als mein Geschäft vollendet war, ging ich der Bergkette des Wesergebirges entlang ins Hannoverische, um Verwandte zu besuchen. Da von Steinhammer damals unter Leitung des Professors Steinkäfer nach dem zweiten und dritten Flötze bohren ließ, und man eine prachtvolle fette Kohle als Ergebniß dieser Bohrungen zeigte, besuchte ich die Zeche. Um wieder ins Preußenland zu kommen, ging ich den Berg nach Norden hinunter und stieß auf ein großes braunes unbeackertes Feld, mit Kalksteinen von der Größe einer Haselnuß überstreut. Ich nahm eine Hand voll von der Erde auf und fühlte sogleich, daß es Rasenerz in Grandform sei. Ich hielt die Entdeckung geheim und habe nur meinem Freunde Riedel davon eine Mittheilung gemacht, der mich, mein Herr, veranlaßt hat, Sie auf Ihrer Reise nach M. zu begleiten. Das Eisenerz liegt kaum eine Stunde von der Station, auf der wir einen Wagen von Hannover aus telegraphisch bestellen können.«

»Sehr gut«, sagte der Engländer, »wenn sich findet Eisen, ich werde kaufen und sollte ich geben 40000 Pfund.«

Herr van Hemmerding, der des Englischen mächtig war, hatte keine Silbe von dem Gespräch verloren und dachte bei sich, was das Beefsteak zahlen kann, das kann ich auch zahlen. Er hatte keine Ahnung davon, daß die Existenz des Eisensteinlagers schon dem Großvater Steinhammer's bekannt gewesen, daß dieser, wie der Vater und der jetzige Besitzer, Proben davon an Sachkundige am Harz gesendet, daß aber zu drei verschiedenen Zeiten die dortigen Techniker erklärt hatten, das Erz, obgleich es über 40 Procent Eisen enthalte, sei der Verhüttung nicht werth, da es über 8 Procent Phosphorsäure führe und ein untaugliches Eisen liefere.

Steinhammer durfte daher die Eisensteingrube nicht mit zum Verkaufe bieten, denn dann hätte er Proben liefern müssen, und da hätte sich gefunden, daß, solange man das Mittel, die Erze von dem Phosphor zu lösen, noch nicht gefunden habe, die Grube unbrauchbar sei. Man mußte also die Grube von den Käufern entdecken, und das Feld, in dem sie lag, gewissermaßen hinter dem Rücken des Verkäufers in das Zechengebiet mit einschmuggeln lassen. Für die fernere Zukunft hatte Rehse, der ganz tüchtige technische Kenntnisse hatte, schon gesorgt, er hatte mehrere Centner des Grubenerzes nach Neusalzwerk bei Rehme, nicht sehr entfernt, schaffen lassen und ließ dieselben dort mit verdünnter Salzsäure von Phosphor reinigen; das Erz wurde dadurch, wenn nicht ganz frei von Phosphor, doch so rein, daß es als zur Verhüttung brauchbar, ja als viel besser sich herausstellte als anderes Erz, das weiter nach dem Rheine zu verhüttet wurde.

Die verhältnißmäßig großen Unkosten dieser Reinigung mußten natürlich den künftigen Actionären verheimlicht werden, die Proben des gereinigten Eisensteins sollten als in der neuentdeckten Grube gefundene gelten.

Der Belgier hatte gleichfalls nicht geschlafen: »Die Hülfstruppen sind gut«, sprach er in sich hinein, »die werden das holländische Phlegma austreiben helfen, und ich werde kaum zuzureden haben. Bildet sich nach dem Plane des Harzers eine Gesellschaft, so ist auch mein Auftraggeber nicht der Betrogene, sondern die Actionäre, und wenn er sich als Actionär betheiligt, so ist das nicht meine, sondern seine Schuld. Ueberhaupt«, sagte er halblaut, »ist es ja Christenpflicht, seinem Nebenmenschen die Lasten, welche ihn drücken, tragen zu helfen. Dieser holländische Geldsack seufzt unter der Last, er weiß nicht, was er mit den vielen Millionen anfangen soll, ihm kann geholfen werden.«

In Kassel ruhte der Holländer nicht, bis der Conducteur ihm und seinem Begleiter ein besonderes Coupé angewiesen hatte, und brütete neue Plane, wie man dem Engländer zuvorkommen könne, es solle ihm auf einen Extrazug von Hannover ins Osnabrückische nicht ankommen. Sein Begleiter hatte Mühe, den ganz in Feuer und Flammen Gerathenen zu überzeugen, daß eine Weiterfahrt bis ins Osnabrückische nichts helfen würde, da man dort doch vor spät Abend nicht ankommen und die Eisengrube nicht mehr aufsuchen könne. Sich von der Existenz derselben zu überzeugen, sei doch vor allem das Nothwendigste. Der ortskundige ehrliche Harzer werde den Weg dahin am leichtesten finden können, oder man müsse morgen dem Engländer und dem Bergmann nachfahren und jenen direct zu Steinhammer senden. Diese Gründe und die Ermüdung, die sich von der Fahrt von Frankfurt bis Hannover bei dem Holländer eingestellt hatte, ließen den letztern von seinem Vorhaben abstehen.

Am andern Tage kaufte van Hemmerding Ober- und Untergrund der Zeche und drei Morgen Landes, welche die zu Tage liegenden Eisengruben umfaßten, nebst allem Untergrund, in welchem sich Eisenerze fanden, für 220000 Thaler. Der Kauf war eben vor Notar und Zeugen abgeschlossen, als der Engländer und der Oberbergrath Schnuppius auf Haus Steinhammer eintrafen und ersterer dem neuen Eigentümer 40000, dann 50000 Pfund bot.

Der glückliche Käufer wollte mit solch kleinem Profit sich nicht abfinden lassen. Nach einem glänzenden Diner legte Dr. Uebellage den Prospect zu einer Actiengesellschaft »Hie Welf« vor, zur Ausbeutung der unermeßlichen auf dem Gute des Herrn von Steinhammer entdeckten Eisenerze und der gleichfalls unerschöpflichen Kohlenlager; van Hemmerding übernahm es, seinen Namen als Director zu bezeichnen.

Am folgenden Tage constituirte sich die Gesellschaft, zu der Dr. Uebellage die Genehmigung des Finanzministeriums schon im voraus erwirkt hatte, zu Wunstorf in formeller Weise. Die Ritter des Doctors waren erschienen, sie wählten den ärmsten unter sich als Vicedirector; zwei berliner Bankiers, ein Kaufmann aus Braunschweig, der dem Bankrott nahe stand, wie die übrigen Ritter, wurden Mitglieder des Verwaltungsraths, die als solche sich mit dem bescheidenen Honorar von 500 Thalern und Diäten nebst Reisekosten begnügten. Uebellage ward Rechtssyndikus der Gesellschaft mit 1500 Thalern und Mitglied des Verwaltungsraths. Rehse selbst beteiligte sich nur mit 20000 Thalern von dem reichen Gewinn, den er gemacht, als Actionär, erhielt aber, als einer der Gründer, wie von Steinhammer, die Actien zu 85. Er wußte die Gründer dahin zu bringen, daß sie den Belgier als technischen Director mit einem sehr hohen Gehalt anstellten. Das neue Unternehmen wurde in allen Zeitungen als das glänzendste und rentabelste ausgeschrien, das es geben könne, wovor die Georg-Marienhütte die Segel streichen müsse.

Nach vier Wochen, während eben erst einige hundert Belgier im Gutsdorfe Steinhammer angekommen waren, um große Backsteinfeldbrände zu machen, hatte der Harzer mit Hülfe seiner Genossen die Actien an der berliner Börse zu 123½ hinaufgeschwindelt und seinen Antheil zu diesem Preise verkauft.

 << Kapitel 93  Kapitel 95 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.