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Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
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Viertes Kapitel.
Die Vergeltung.

An demselben Vormittage, wo Oskar sich zu Micks begeben wollte, ging es bei dem letztern hoch her. Ein Dampfer aus Neu-Orleans hatte am frühen Morgen den Baumwollagenten, an den jener seine Waare zu verkaufen pflegte, abgesetzt, und dieser war mit dem Herrn zur Presse gegangen, neben der in einem großen Schuppen die Ballen aufgespeichert waren, während ein Dutzend Sklaven mit Pressen, Emballiren, Zeichnen, Wägen beschäftigt waren.

Der Aufseher, nach dessen Anweisung man hier arbeitete, schien übler Laune zu sein, denn keiner der Nigger war ihm fleißig genug, besonders schien er es auf einen großen breitschulterigen Nigger, der alle andern um Kopfeshöhe überragte und deshalb wol den Namen Goliath führte, abgesehen zu haben. So oft derselbe einen Ballen Baumwolle auf den Wagebalken warf, erhielt er einen Hieb und allerlei schnöde Schimpfworte.

»Dreimal verfluchter Philistersohn, willst du deine faulen Knochen besser rühren!« hieß es – oder das andere mal »Niederträchtiger Hund von Gath!« – man hörte, daß der Sklavenaufseher die Bücher Samuelis kannte – »wenn du nicht schneller schaffst, will ich es machen, wie es David mit deinen Vorfahren machte, ich will dich peitschen, daß die Vögel unter dem Himmel und die Thiere auf dem Felde die Fleischfetzen fressen sollen, die ich von deinen faulen Knochen herabhaue«, und abermals fiel die schwere mit Kupferdraht durchflochtene Lederpeitsche auf den Rücken des Niggers. Dieser hatte sich gebeugt, um einen neuen Ballen Baumwolle auf den Wagebalken zu legen. Er hob den schweren Ballen wie einen Spielball über dem Kopfe empor, und schien die Absicht zu haben, den Aufseher damit niederzuschmettern; der Aufseher erblaßte, denn er hätte der Gefahr nicht entgehen können. Da sagte der Nigger, sich besinnend: »Es steht geschrieben, der Herr Zebaoth will den Tag der Rache mit Schwefel und Feuer begehen«, und er legte den Ballen auf die Wage.

»Sohn einer Hündin«, sagte der Sklavenaufseher, »der Herr Zebaoth wird dich zunächst auf das Blut strafen«, und er schwang die Peitsche um die Hüfte des Riesen, daß sich die Knoten in den Leib und die Brust blutig einbohrten.

Micks und der Agent standen im Eingange der Presse und sahen der Scene zu; ersterer sagte: »Mein Wahrspruch ist und bleibt die Peitsche, der Nigger muß sie von Anfang bis zum Ende der Arbeit sehen und mindestens zweimal des Tages fühlen.«

Man wurde über den Preis der Baumwolle einig, der Agent war ein Bruder aus der Loge Orient von Neu-Orleans und wollte mit nach Natchitoches zur Loge. Micks wurde aber noch über einen andern Handel mit demselben einig, er sollte Hermine zum Weibe und die Hälfte dreier Baumwollernten zur Aussteuer haben.

Als diese Geschäfte beendigt waren, kamen aus dem Süden verschiedene Pflanzer zu Pferde und zu Wagen, die sämmtlich zur Loge wollten.

Der Hausherr hatte ein leckeres Diner anrichten lassen und die Brüder dazu eingeladen, auch die Damen fehlten nicht; Doralice hatte sich auf das prächtigste herausstaffirt, schön geschminkt und sonst bemalt; Hermine war in einfachem grauweißen Tüllkleide, ihre jüngere Schwester Nella, die unschöne, bald vierzehnjährige, war in rosenrothem seidenen Kleide mit einer feinen weißen Gaze darüber und kokettirte mit den Nachbarn, wie ihre Mutter es in gleichen Jahren gethan hatte.

Man trank reichlich und wurde zutraulich, sobald die schwarze Bedienung nicht zugegen war.

»Ich würde 10000 Dollars nicht zu viel finden, wenn mir jemand diesen französischen Vicomte da über mir wegräucherte«, sagte Micks, »sodaß alle seine Niggers bei lebendigem Leibe in den Flammen umkämen und er selbst mit Frau und Kind in die Hölle führe!«

»Sende Euch«, entgegnete der erkorene Schwiegersohn, »aus Neu-Orleans einen Unternehmer, der es für 8000 thut und mir noch ein Profitchen zukommen läßt. Haben vortreffliche Jungen in der Stadt, es bedarf ihrer kaum zwei Dutzend, die Pflanzung niederzubrennen mit Villa und Niggerdörfern, Presse und Siederei.«

»Hat das so große Eile?« sagte Bardo, der nächste nach Süden wohnende Pflanzer.

»Ei allerdings, die größte Eile!« erwiderte Micks. »Die dreimal verfluchte Musterpflanzung fängt an mir Furcht einzuflößen. Meine rüdesten Niggers fangen an Sonntags nach drüben zur Kirche zu laufen, wo einer ihrer Genossen predigt. Und dazu kommt das Geschrei, welches die Yankees im Quäkerstaate und in Neuyork von den verruchten Dingen in die Welt schleudern. Bringt da der »New-York Herald« eine vier Spalten lange Beschreibung der Musterpflanzung des Vicomte. Danach soll der Alte schon über hundert Niggern und dieser junge Schwindler über vierzig Freibriefe gegeben haben, und aus allen sind tüchtige Staatsbürger der gloriosen Union geworden, wie es heißt. Was aber das Schlimmste ist, der Artikelschreiber bekennt selbst, ein auf dieser Pflanzung groß gewordener und freigegebener Nigger zu sein, der jetzt Mitredacteur des »New-York Herald« sei. Er berichtet, daß der Vicomte zu der internationalen Ausstellung nach London ein von einem Nigger geschnitztes Modell seiner Niggerdörfer, Schule und Kirche, Elfenbeinschnitzereien, japanesische Arbeiten, senden will, um der Welt zu beweisen, daß diese Nigger Kunstsinn haben und ebenso gut sind wie wir. Ich fürchte oft, derselbe möchte verrückt genug sein, den sämmtlichen Niggern auf einmal die Freiheit zu geben, um uns den Beweis zu liefern, daß freie Niggerarbeit in Louisiana möglich sei.«

»Wollen ihn theeren!« schrien drei bis vier Pflanzer.

»Möchte nicht so leicht an ihn zu kommen sein«, sagte Micks, »zur Stadt kommt er selten, und die Nigger lassen das Leben für ihn.«

Hermine, die diese Reden mit Angst und Schrecken erfüllten, denn sie wußte, daß ihr Stiefvater nicht scherzte, wies, als ihr Nachbar, der widerliche Agent aus Neu-Orleans, mit ihr auf den Untergang der Musterplantage anstoßen wollte, dies mit Entrüstung zurück.

Da erhob sich oben am Tisch ihre Mutter, die neben einem wachsgelben Pflanzer saß, der ihr und sich fleißig gekühlten Champagner eingeschenkt hatte, und sagte: »Meine Herren, gute Freunde und Nachbarn, ergreifen Sie mit mir die Gläser, um ein glückliches Familienfest mit uns zu feiern. Herr George Lewine aus Neu-Orleans, Ihnen sämmtlich bekannt, hat heute um die Hand unserer Tochter Hermine angehalten und wir haben ihm dieselbe zugesagt – ein Glas den Verlobten!«

»George und Hermine hoch! abermals hoch!« riefen die Gäste.

Die Jungfrau saß da, überrascht, zitternd am ganzen Körper, aber ohne jegliche Willenskraft. Erst als ihr Nachbar, der aufgedrängte Verlobte, ihre Hand ergreifen und küssen wollte, sank sie ohnmächtig zusammen, unter dem Aufschrei: »Mein Oskar!« Aber Oskar war meilenweit entfernt, und der Stiefvater wiederholte die einzige Strophe eines großen englischen Dichters, die er aus »Romeo und Julia« im Gedächtniß behalten, ein zweideutiges Wort der Amme, das allgemeines Gelächter der Gesellschaft hervorrief.

Inzwischen mußte Hermine in ihre Gemächer gebracht werden, und das wurde Veranlassung, daß sich die Tischgesellschaft gleichfalls zum Aufbruch rüstete und eine halbe Stunde später unter lautem Gelärm zu Wagen oder zu Pferde der Stadt zuzog.

Als Hermine durch diesen Lärm aus ihrem Halbschlafe aufgestört wurde und ihr das bei Tisch Erlebte vor die Seele trat, wurde ihr klar, daß sie den Vicomte warnen und für sich selbst auf der Nachbarpflanzung Trost und Hülfe suchen müsse. Sie begann sich ohne Beihülfe ihrer Mulattin zu entkleiden und das Reitkleid anzuziehen, und beorderte ihren treuen Negerknaben Cato, den Pony zu satteln und ihn vor das Waldthor zu führen. Ohne Aufsehen verließ sie das Haus und ritt, von ihrem Hunde begleitet, durch den Wald.

Doralice begab sich in ihre in der obern Etage befindlichen Schlafgemächer, sie hatte dem Champagner zu sehr zugesprochen und war so müde, daß sie sich nicht erst entkleiden ließ, sondern in dem Anzuge, den sie bei Tisch getragen, in die Hängematte legte, sich mit doppeltem Mosquitonetz umhüllte, die Tüllgardinen herabzog und sich von der alten Chloë in den Schlaf wiegen ließ. Das Schlafzimmer hatte wie alle Zimmer im Hause nicht Glasfenster wie bei uns, sondern nur feine hölzerne Jalousien, die Dunkelheit und Luftzug gaben, Bedürfnisse des Lebens im Süden, an die wir nicht gewöhnt sind.

Das Töchterchen Nella hatte gleichfalls des süßen Weines zu viel genossen, allein die Wirkung war eine andere wie bei der Mutter, sie war nicht schläfrig, sondern im hohen Grade erregt und ausgelassen, und suchte nach weitern Erregungen. Ihr Negermädchen ausprügeln zu lassen, war etwas zu Gewöhnliches, sie wollte auf dem Pony der Schwester in den Wald reiten, aber dieser war nicht mehr im Stalle. So fand sie nichts als den Schaukelstuhl, der zwischen zwei hohen Platanen in Stricken hing. Aber Juno, so hieß das Negermädchen, das ihr zur speciellen Bedienung beigegeben war, eine Tochter Goliath's, konnte ihr heute nichts recht machen, sie schleuderte nicht hoch genug, schleuderte schief und wurde beständig gescholten.

Der erregten Nella war das Sitzen in dem Schaukelstuhle bald zu langweilig, sie erhob sich und stellte sich in den Stuhl, indem sie sich mit den Händen an den Stricken hielt, und befahl Juno, die Schaukel recht hoch zu stoßen. Das that Juno denn auch, und Nella war bemüht, mit den Füßen nachzuhelfen. Sie war dabei aber sehr unvorsichtig, ließ den Strick, den sie in der linken Hand hielt, fahren und fiel aus ziemlicher Höhe auf die Erde, mit dem Gesicht in den Sand, sodaß das ganze Antlitz geschunden war. Nella erhob ein ungeheueres Geschrei, einige Negerweiber liefen herzu, und auch der finstere Sklavenaufseher vom Morgen eilte, aus seiner Siesta aufgestört (es war die Ruhestunde, wo die Nigger ihren Maisbrei oder Maiskuchen zu verzehren pflegten), mit seiner Karbatsche unter dem Arme herbei. Nella beschuldigte Juno, sie habe sie absichtlich aus der Schaukel geworfen, und befahl dem Aufseher, sie tüchtig zu strafen. Dieser, der gegen den Riesen Goliath und seine Familie besondern Groll hegte, ergriff die zu den Füßen der Herrin hingesunkene und ihre Unschuld betheuernde Juno, schleppte sie seiner Wohnung zu, in welcher eine eigene Einrichtung zum Prügeln war, legte sie über den Prügelblock und hieb auf sie los. Juno schrie bei jedem Hiebe laut auf, und Nella, die gefolgt war, um der Execution beizuwohnen, schien den eigenen Schmerz zu vergessen und munterte den Aufseher auf, derber zu schlagen. Juno schrie nicht mehr, sie stöhnte nur noch, und auch dieses Stöhnen hörte auf, sodaß der Aufseher mit Schlagen innehielt. Nella befahl ihm freilich, fortzufahren, da der Niggerbalg sich nur verstelle, allein den Aufseher überkam eine geheime Furcht.

Was würde Micks sagen, wenn er ein zwölfjähriges kräftiges Niggermädchen, das zwei- bis dreihundert Dollars werth war, getödtet hatte?

Er zog die Gemishandelte vom Blocke empor, aber er hatte nur eine Leiche vor sich, das Kind war tödlich getroffen.

Einige Negerweiber wurden herbeigerufen, die Todte in die Hütte des Vaters zu bringen, was sie unter Absingen eines Klageliedes thaten.

Inzwischen hatte sich im Herrenhause ein Unglück zugetragen, das noch niemand ahnte, das aber bald allen offenbar werden sollte.

Doralice war eingeschlummert und träumte süß, sie träumte von ihrem Hermann, dem Vater ihrer Hermine, dem Kapitän des Elefanten, den sie von allen Männern, die sie geliebt, am liebsten gehabt hatte. Die Negerin, welche Doralice in den Schlaf gewiegt hatte, war zu Füßen der Hängematte gleichfalls eingenickt, erwachte aber, als sie den Klagegesang der Niggerweiber hörte, sprang auf und lief, neugierig, was der Gesang bedeute, hinab und in den Garten.

Auch in der Schlafenden Träume drang das Geräusch, sie erwachte, rief nach Chloë, um sich wieder einwiegen zu lassen. Diese war nicht zugegen, die Aufgestörte konnte nicht wieder einschlafen, sie war aber noch in einem Halbrausche und zu bequem, um sich selbst durch eigene Bewegung zu schaukeln. Man trug damals in Amerika, nach Mode deutscher Ritterzeit, Taschen am Kleide hängend, die um die Taille durch feine Stahlketten befestigt waren. Eine solche Ledertasche trug auch Doralice, sie enthielt Cigarrettos und ein Etui mit Wachszündhölzern. Sie zog die Tasche zu sich heran, nahm eine Cigarre, zündete sie an und fing an, sich in ihrer Hängematte zu wiegen. Nach wenig Zügen entsank ihr die Cigarre, sie war wieder eingeschlafen. Plötzlich erwachte sie von neuem und sah das Zimmer, in dem sie sich befand, in Flammen stehen. Mochte die Wachskerze, die sie zur Erde geworfen hatte, den Teppich angezündet haben oder ihre Cigarre das Mosquitonetz: genug, die Tüllgardinen, die ihre Hängematte umgaben, die Mosquitonetze, in die sie sich eingehüllt, alles brannte in lichten Flammen, ihre Kleider fingen schon Feuer, und sie war nicht im Stande, sich aus dieser Situation zu retten, denn ihre Glieder waren wie gelähmt, Muskeln und Sehnen wollten nicht gehorchen.

Die seidenen Stricke, an welche die Hängematte befestigt war, brannten gleichfalls und rissen, die Matte mit ihrem Inhalte fiel zur Erde auf den glimmenden Teppich. Das erst gab den Gliedern Doralicens wieder Bewegung und Leben, sie fühlte aber gleichzeitig den Schmerz von Brandwunden an verschiedenen Stellen des Körpers. Es war nicht leicht, sich aus den brennenden Mosquitonetzen, die sich verschlungen hatten, loszuwinden, und sie verbrannte sich dabei die Hände. Dann zwar gelang es ihr, die Thür zu erreichen und in das Zimmer zu fliehen, nun aber bekamen die brennenden Kleider mehr Luft, und ein Verzweiflungsschrei nach Hülfe durchbebte das Haus. Zu ihrem Glück war der Sklavenaufseher, der Juno erschlagen, eben in das Haus eingetreten, er eilte hinauf, löschte den Brand der Kleider und trug die Jammernde auf seinen Armen in den Garten, wo er dieselbe ins Gras lagerte und in das Haus zurückeilte, um das Feuer zu löschen.

Dazu war es indeß zu spät. Das Feuer hatte die Holzjalousien der Fenster ergriffen, die Flammen schlugen schon zu zweien dieser Fenster hinaus und hatten das ganze die obere Veranda gegen die Sonnenstrahlen schützende Kattundach in Brand gesetzt.

Während Doralice jammerte und von einer Negerin mit Oel überschüttet wurde, um den Schmerz der Brandwunden zu lindern, kam von den Negerhütten her ein Zug heulender Negerweiber, Kinder und Männer, der Riese Goliath voran. Dieser saß bei dem Maisbrei mit Speck, als man die Leiche seiner Juno brachte.

Während die Frau, Judith, ein Geheul ausstieß, fiel der Mann auf die Knie und betete.

Nun erscholl von den vor der Negerhütte Stehenden der Ruf: Feuer! man sah die Flammen aus den Fenstern des Herrenhauses zum Dache emporschlagen.

Der Neger erhob sich vom Gebet und sagte mit furchtbarer Stimme: »Dank, Dank, Herr Gott Zebaoth! der Tag der Rache ist da, und die Rache ist mein. Wie Sodom und Gomorrha durch die Rache des Gottes Zebaoth vertilgt wurden von der Erde, so soll auch vertilgt werden durch Schwefel und Feuer alle weiße Brut, die da wohnet in dieser Herberge der Moabiter und Ammoniter, der verruchten Nachkommen Lot's!«

Er zog unter dem Gesange »Gelobet sei Gott Zebaoth«, gefolgt von Niggern, Weibern und Kindern, nach dem brennenden Wohngebäude. Dort angekommen, hieß er die Neger die Baumwollballen, welche man schon vom Lagerhause herbeigeschleppt, in die Eingänge des Hauses und auf die Veranda werfen und anzünden, damit das Haus auch unten Stoff genug für das Feuer habe.

Nachdem er sich überzeugt hatte, daß Wohnhaus und Nebengebäude unrettbar dem Feuertode verfallen, richteten sich seine Gedanken auf den Mörder seiner Tochter. Er zog zu dessen Wohnung, in der jener sich verrammelt hatte und, mit einem Revolver bewaffnet, jeden zu erschießen drohte, der sich nahen würde.

Die Bande der wüthenden Sklaven bildete einen Kreis um das Haus und fing an Baumwollballen herbeizuschleppen, um den Aufseher einzuräuchern. Goliath verhinderte das – er hatte sich mit einer Wagenrunge bewaffnet und stieß die Thür des Hauses ein. Der Aufseher schoß auf ihn und streifte die linke Schulter, ehe der zweite Schuß fiel, hatte jener ihm schon den Revolver aus der Hand geschlagen.

Dann sprang Goliath auf den Mann zu, ergriff ihn wie einen Knaben und hob ihn auf seine Arme, ihn an den Händen und Füßen so festklemmend, daß er sich nicht bewegen konnte.

»Auf nach der Siederei«, rief er den Negerjungen, die ihn umschwärmten, zu, »werft Feuer unter die Melassepfanne!« Die Zeit des Zuckersiedens war längst vorüber, aber man bereitete aus der abgelaufenen Melasse, aus der sich kein krystallisirter Zucker mehr gewinnen ließ, Rum und heizte zu diesem Zwecke zwei Pfannen. Dahin zog die Masse. Der Führer aber sang:

Die Rache ist mein, spricht der Herr!
Sie ist mein, sage ich.
Die Rache ist süß, süß, süß!
Süßer als Honig und Manna!

Die Negerbuben hatten inzwischen einige Bündel Begaß (ausgepreßten und getrockneten Zuckerrohrs) in den Syrup der Pfanne getaucht und dann in das Feuer geworfen. Die Flamme schlug mächtig unter dem Herde vor und der Syrup brodelte kochend und schäumend. In diese flüssige, schmuzige, kochende Masse warf Goliath den Sklavenvogt.

Den Weibern wurde nun befohlen, alle ihr Habseligkeiten aus den Hütten zu schaffen. Die Siederei wurde angezündet, nachdem aus ausgepreßtem Zuckerrohr, das man mit Baumwolle umwickelte und in der Melasse des Kühlapparats tränkte, Fackeln gemacht waren.

Dann galt es noch, Feinde zu vertilgen, die jeder haßte. Es waren das ein Dutzend Bluthunde, die einen besondern Stall, schöner als die beste Negerhütte, innehatten. Es war fast keiner unter der Sklavenschar, der nicht die Narben von Bissen derselben an seinem Körper trug, denn Micks pflegte die jungen Hunde dadurch einzuüben, daß er einem Nigger einen ziemlichen Vorsprung gab und dann die Thiere auf seine Spur brachte. Jener mußte einen vorgeschriebenen Weg durch den Urwald hinter der Pflanzung nehmen, ließ er sich von den Hunden einholen, so ging es ohne Bisse nicht ab, obgleich mancher Hund von den wüthenden Niggern bei dieser Gelegenheit erwürgt wurde. Aber Micks trieb Handel mit solchen Hunden, und einen vorteilhaften. Der Stall wurde ringsum mit Baumwollballen umgeben und diese angezündet. Das Geheul der Hunde war erschrecklich, erlosch aber, noch ehe das Feuer den Stall ergriff; sie waren erstickt.

Nun schritt Goliath zu der letzten Rachethat. – Doralice lag noch immer hülflos auf dem Rasen vor dem brennenden Hause, die Glut des Brandes machte die Wunden von neuem schmerzen, nachdem das Oel einige Linderung gegeben. Der Neger nahm einen Baumwollballen auf den Kopf, warf ihn auf das unglückliche jammernde Weib und zerquetschte sie. Dann sang er:

Gott Zebaoth, die Rache war mein,
Die Rache ist süß!

und zündete den Ballen über der Leiche an.

Die übrigen Nigger waren indeß in den Keller des Vorrathshauses gedrungen, hatten ein Faß mit Rum hervorgeschleppt, das sie mit wildem Geschrei umtanzten.

Die Frauen kamen zugleich mit Bündeln von Kleidern, Lumpen und Sachen, die sie aus den Hütten gerettet und ihr eigen nannten, während schon viele der Hütten brannten.

Da ließ sich in der Ferne der schwarze Dampf eines von Mansura heraufkommenden Dampfers sehen. Das Schiff, das noch mehr Krümmungen zu überwinden hatte, konnte in einer Stunde an Ort und Stelle sein. Der Dampfer, wenn er die brennende Pflanzung sah, würde anhalten, die Weißen, die nach der Mode des Südens sämmtlich mit Feuerwaffen versehen zu sein pflegten, würden gegen die aufrührerischen Sklaven gemeinsame Sache machen, und wenn diese, woran sie eben gingen, sich in Rum berauschten, hatte man leichtes Spiel mit ihnen.

Dieser Gedanke fuhr Goliath durch den Kopf, er zerschmetterte das Rumfaß durch einen Fußtritt und rief mit Donnerstimme:

»Gott der Herr Zebaoth befiehlt euch, mit mir in das Gelobte Land nach Westen zu ziehen. Ueber den Fluß, ehe der Dampfer kommt!«

Nun war es ein Drängen und Treiben dem Flußufer zu, jeder wollte der erste sein, die dort liegenden Schiffe und Kähne der Pflanzung zu erreichen. Die Männer stürzten sich in das Wasser, um hinüberzuschwimmen. Keiner der Flüchtlinge hatte einen Begriff von der Weite des Weges vom Red-River bis zum Sabineflusse, der Louisiana von Texas scheidet. Jeder war auf eigene Rettung bedacht, nur die Familien hielten zusammen, und am rechten Ufer trennte man sich in ungeordneter Flucht.

Nella, welche große Schuld an diesen Vorgängen trug, hielt sich anfangs im Gebüsch des Gartens versteckt, als sie aber die Wohngebäude, die Presse, die Siederei, die Negerdörfer brennen sah, flüchtete sie in den Urwald. Da sich der Red-River stark nach Osten krümmte, so lief derselbe hinter des Vicomte Pflanzung von Norden nach Süden, hinter der Besitzung Micks' aber von Westen nach Osten, und es gehörte genaue Ortskenntniß dazu, sich da, wo der Wald zusammenstieß, nicht zu irren. Denn da die Nachbarn keinen Umgang miteinander hatten, führten auch keine sichtbaren Wege durch die Waldung, und Hermine pflegte, wenn sie ihre Freundin besuchte, einem Schleichwege zu folgen, den der Neufundländer entdeckt hatte. Nella, von Furcht und Schrecken, von Gewissensbissen und von der Vorahnung des höllischen Feuers geängstigt, floh ohne Besinnung, bis ihr der Athem ausging.

Sie konnte nicht weiter und wußte nicht, wo sie war; es war nicht Weg noch Steg zu sehen, und ein Baum sah aus wie der andere. Sie setzte sich, an einen Baum gelehnt, zur Erde und suchte den sie peinigenden Durst damit zu stillen, daß sie junge Blätter und Gras in den Mund nahm und auskaute. Aber eine Plage war noch schrecklicher. Es schien, als ob die Gesammtheit der Mosquitos, die hier im Walde hausten, eine Ahnung, einen Geruch davon hätten, daß hier ein weißes Menschenkind mit Blut, so süß wie Honig, mit geschundenem Gesichte im Grase lag, sodaß es keiner Mühe bedurfte, sich einmal recht satt an Menschenblut zu trinken. Ganze Schwärme umsausten sie. Da war nichts abzuwehren, namentlich wurden die Wunden des Gesichts zum Tanz- und Tummelplatz für die Orgien der Mosquitos.

Die Lage der beiden Pflanzungen brachte es mit sich, daß man auf der des Vicomte nicht das Geringste von dem Brande merkte. Der Weg am Flusse, der zu derselben führte, machte eine starke Krümmung, und man erreichte auf demselben die ersten Wohnhäuser erst nach einer Stunde. Der dazwischenliegende Wald war ein bis zwei englische Meilen breit. Dazu wehte ein Nordwest, der den Rauch nach Südosten trieb.

Der Vicomte war durch die Nachricht, die Hermine ihm brachte, daß man in Neu-Orleans eine Bande Mordbrenner dingen wolle, um seine Pflanzung einzuäschern, weder überrascht, noch erschreckt; er hatte oft an eine solche Möglichkeit gedacht und war darauf vorbereitet.

Er konnte allen seinen Niggern Vertrauen schenken, er durfte ihnen Waffen in die Hand geben, und mit Büchsen, Flinten, Revolvern war schon sein Erblasser reichlich versorgt gewesen. Wenn in irgendeinem Lande, so gilt in Amerika das Wort: Hilf dir selbst, so wird Gott dir helfen. Der Vicomte wußte, daß er weder von dem Grafschaftsgerichte, noch von dem Geschworenengerichte, noch von den Behörden eine Hülfe zu erwarten habe. Die Deutschen über ihm waren zu schwach, um ihm Beistand leisten zu können. Daß Micks darauf sinne, ihn zu verderben, ahnte er, jetzt hatte er Gewißheit, und er rief die zuverlässigsten seiner Neger zusammen, vertraute ihnen im allgemeinen, in welcher Gefahr die Pflanzung, die Negerdörfer und das Privateigentum der Neger, das nicht unbedeutend war, schwebe, und versah sie mit Schießwaffen, Pulver und Kugeln.

Die Jugend mußte indeß die beiden Spritzen, welche in jedem der Negerdörfer waren, probiren, die Spritzengeräthschaften untersuchen. Die Wachthunde wurden in den Dörfern vertheilt und ein expresser Nachtwachtdienst wurde veranstaltet, den der schwarze Prediger und der Schulmeister zu überwachen freiwillig übernahmen.

Eine schwierigere Aufgabe hatte die Vicomtesse, sie sollte der Freundin Trost einsprechen wegen des aufgedrungenen oder aufzudringenden Bräutigams.

Als der Abend herannahte und Hermine nach Haus wollte, um bei der Mutter einen letzten Versuch zu machen, den Neu-Orleans-Mann, den widerlichen, von sich abzuwehren, ihr Oskar's Bewerbung und ihre Liebe zu ihm mitzutheilen, kam Cato, ihr Negerknabe, der Pferd und Hund unter Aufsicht hatte, der einzige Nigger, der nicht mit über den Fluß nach Westen gegangen war, athemlos mit der Nachricht von dem Niederbrennen der Pflanzung, dem Aufruhr und der Flucht der Neger.

Unter solchen Umständen war nicht daran zu denken, daß sie das Haus des Vicomte verlasse. – Eugen ließ eine der Spritzen bespannen und, mit der doppelten Mannschaft versehen, an dem Flusse hinab nach Micks' Pflanzung fahren, während er selbst und vier seiner besten Nigger, mit Revolvern bewaffnet, durch den Wald ritt. Cato und der Neufundländer schlossen sich denselben an, der Knabe wußte den tragischen Tod Doralice's nicht und sollte nun im Auftrage seiner Herrin über Verbleib von Mutter und Stiefschwester Erkundigung einziehen. Der Neufundländer, auf seinen Streifereien den Reitern voran, entdeckte die Spur Nella's und leitete zu deren Schmerzenslager. Sie war von Mosquitos übel zugerichtet und kaum im Stande, auf dem Pony von einem der Neger zu der Pflanzung des Vicomte geführt zu werden. Der Diener erhielt zugleich den Befehl, so schnell wie möglich nach Natchitoches zu reiten, um den Arzt herbeizuholen.

Auf der verwüsteten Pflanzung war nichts mehr zu retten, alles Trümmerhaufen, die Leiche Doralice's war unter dem brennenden Baumwollballen verkohlt.

Währenddessen hatten sich in Natchitoches die Ritter zum Goldenen Zirkel aus zwanzig Meilen der Umgegend versammelt und in dem Gasthause, wo Oskar wohnte, sich umgekleidet. Wenn die Freimaurer im Norden und in den England-Staaten öffentliche Aufzüge nicht verschmähten, so glaubte man im Süden durch solche erst recht glänzen und imponiren zu müssen. Die Ritter zum Goldenen Zirkel trugen sogar eine Art Uniform, sie zogen in blauen Fracks mit Goldknöpfen, gelben Beinkleidern, Reiterstiefeln, Stürmern mit blauem Federbusch, den Degen an der Seite, mit dem Schurz angethan, den Goldenen Zirkel am breiten gelben Bande vor der Brust, in feierlicher Procession durch die Straße. Der erste Aufseher führte den Zug, der zweite schloß ihn; dies war Micks.

Das Ritual der Loge wich vielfach von dem in Europa gebräuchlichen ab.

Man hatte etwa eine halbe Stunde gearbeitet, als einer der dienenden Brüder zu dem Sitze des Meisters vom Stuhle schlich und diesem etwas in das Ohr flüsterte.

Dieser schüttelte mit dem Kopfe und sagte dem Manne halblaut: »Mag es ruhig weiter brennen.«

Es war nämlich in der Stadt das Gerücht, man wußte nicht wie, verbreitet, die Pflanzung des Vicomte du Plessis brenne.

Nach abermals einer halben Stunde, als die Arbeit beinahe vollendet war, und die meisten Brüder sich schon danach sehnten, zur Tafelloge gerufen zu werden, trat derselbe dienende Bruder wiederum mit einer geheimen Meldung zum Meister. Diesmal wurde der Hammerführende blaß, er erhob den Hammer und schlug mit Macht auf den Altar.

»Meine Brüder«, sagte er, »ich hebe diese Loge ohne alles Ceremoniell auf, berufe sie auch nicht zu einer Tafelloge, sondern zu einer wichtigern Arbeit. Ein soeben angekommener Dampfer bringt die Trauerkunde, daß auf der Pflanzung unsers Bruders, zweiter Aufseher, ein Niggeraufstand ausgebrochen ist und daß die Wohnungen und Sklavenhütten in Brand gesteckt sind. Calculire, daß wir uns, gehörig bewaffnet, an den Ort der That begeben. Der Dampfer hat schon gewendet und wird uns hinabfahren.«

Die Verwirrung, die diese Rede hervorbrachte, war groß. Micks war anfangs wie erstarrt, dann sprang er mit einem Fluche auf und war der erste am Bord des Bootes.

Die übrigen folgten ihm nicht so bald, da sie die Uniform erst ablegen und sich bewaffnen wollten.

Oskar wurde von dem Arzte angerufen, der eben hatte anspannen lassen, und da er von diesem hörte, daß Hermine auf der Pflanzung des Vicomte sei, ließ er die Ritter mit dem Dampfer fahren, warf sich in bequemere Kleider und fuhr mit dem Doctor und dem Hunde Caro nach Süden.

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