Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Heinrich Oppermann >

Hundert Jahre

Heinrich Oppermann: Hundert Jahre - Kapitel 92
Quellenangabe
typefiction
booktitleHundert Jahre
authorHeinrich Albert Oppermann
year1998
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-257-7
titleHundert Jahre
created20031005
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1870
Schließen

Navigation:

Drittes Kapitel.
Brennende Liebe im Süden.

Es ist Zeit, daß wir uns nach unserm Freunde Oskar Schulz umsehen. Aber wir würden den Leser ermüden, wollten wir auf seinen Fahrten ihm folgen. Mag es erlaubt sein, ein gleichsam erst entdecktes und neues Land, das mit Riesenschritten der Civilisation entgegeneilt, während die Spanier es Jahrhunderte hindurch versumpfen ließen, auch nach seinen Natureigenthümlichkeiten zu skizziren und, so gut es geht, zu photographiren. Die Orte, in welchen Oskar die nächsten Jahre sich aufhielt, die größern Städte in Virginien, den beiden Carolinas und Louisiana, sind zu bekannt. Die Baumwoll- und Zuckerbarone mit ihren Niggern bildeten vor einem Jahrzehnt und länger den Gegenstand Miß Stowe'scher und anderer sentimental frömmelnder Schilderungen, mit denen wir bald überspeist wurden. Ständen wir dem Anfange unserer Erzählung so nahe, wie wir dem Ende uns nähern, so würden wir nicht umhin können, aus der maurerischen Lehrlingsarbeit, die unser Freund an den Meister vom Stuhl zu den Cedern des Libanon entsendete, einige Bilder, Betrachtungen und Gedankenspäne mitzutheilen, da wir anerkennen müssen, daß unser Hannoveraner Land und Leute scharf beobachtete, und daß er die Dinge nicht vom egoistischen Standpunkte des Nordens ansah, sondern von dem Standpunkte, den schon Washington und andere große amerikanische Staatsmänner zu dem durch unglückliche historische Fügung einmal unsegensvoll Gegebenen eingenommen hatten.

Er sah sehr wohl ein, daß es nicht die bloße Humanitätsfrage war, welche die große Anzahl der Nördlichen zu Antisklavereimännern und Vernichtern der Sklaverei machte, sondern daß die Tariffrage eine vielleicht noch überwiegendere Rolle spielte, und daß das politische Gefühl, erregt durch die Thatsache, daß die Südlichen bei Präsidentenwahlen im Congreß und im Senat als Sieger erschienen und den Norden zu Concessionen und Vergleichen genöthigt hatten, welche den in seinem Bereich gepredigten Principien schnurstracks entgegenstanden, stark mitwirkte, um die Humanitätsfrage in eine politische umzuwandeln. Er überzeugte. sich, daß die socialen Elemente im Norden und Süden grundverschieden waren; im Süden großer Grundbesitz mit Sklavenarbeit und aristokratischen Neigungen des Grundherrn, vornehmer Scheu vor eigener Arbeit, selbst vor ein wenig Geistesarbeit; – im Norden Arbeit, rastlose, bürgerliche, kleiner Grundbesitz, großes Kapital, Industrie, Handel und Rhederei. Das schienen ihm so bedeutende volkswirtschaftliche Gegensätze, daß er in der That erstaunte, wie die Union so lange zusammengehalten habe. Solange die Gesetzgebung hauptsächlich in den Händen des Südens lag, mochte es gehen, allein welch mächtiges Gebiet ohne Sklavenarbeit hatte der Norden in Californien, Oregon und andern Staaten gewonnen! Wie, wenn ein Präsident aus dem Norden aus der Wahlurne hervorging und die Majorität sagte: keine Sklavenarbeit!

Oskar war auf seinen Wanderungen im Süden mit einem alten Bekannten zusammengetroffen, einem Collegen sogar, mit dem Dr. Kellner, Herausgeber der kasseler »Hornisse«, vordem Privatdocent in Göttingen, früher Demokrat vom reinsten Wasser. Hier, im Süden, stand aber derselbe an der Spitze des größten richmonder Journals und vertheidigte das Sklavereirecht.

Die beiden Deutschen kämpften manchen harten Strauß miteinander. Der Hesse hatte das leichteste Spiel; er berief sich auf die Constitution der Vereinigten Staaten, welche die Sklaverei anerkannte.

Der Hannoveraner setzte dem Gesetze das Natur- und Menschenrecht entgegen und verglich die Berufung des Hornissenmannes auf die Constitution mit dem Pochen Shylock's auf seinen Vertrag um Menschenfleisch. Der Hesse sagte: »Die ganze Antisklaverei-Agitation ist aus dem Neide entsprossen, mit dem der Norden auf unsere jährlich steigende Ausfuhr an Baumwolle, Zucker, Taback, Reis sieht. Euer ganzer Osten ist längst europäisch corrumpirt. Beharrlicher Fleiß, Thätigkeit, Ausdauer reichen dort nicht mehr hin, sich emporzuarbeiten, dazu sind nur noch Unredlichkeit, Verschlagenheit, Schwindel, Humbug im Stande. Nennt das Volk in Neuyork seine vierzig Gemeinderäthe nicht schlechthin vierzig Diebe? Reicht die Bestechung nicht hinauf bis zum Weißen Hause? Wir sollen hier euern Fabrikanten und Industriellen zu Liebe unsere Kleider um 50 Procent theuerer und schlechter kaufen, als wir sie aus Europa beziehen könnten, und ihr wollt die Quellen unsers Reichthums vernichten, indem ihr dem Süden die Sklaverei raubt, ohne welche einmal Baumwolle und Zucker, Reis und Taback nicht mit Vortheil producirt werden können?«

Oskar entgegnete: »Die Zeit des Uebergewichts des Südens ist vorbei, der Handel mit Menschenfleisch muß aufhören. Es wird euch nicht mehr gelingen, die Einwanderer durch den Namen Demokraten auf euere die Menschheit schändende Bahn zu locken, und ohne das seid ihr verloren. Droht nur mit Ausscheidung, man wird euch zu zwingen wissen, in der Union zu bleiben.«

Wie die beiden Deutschen, so standen sich schon Millionen gegenüber, und unter dieser Masse waren viele selbstsüchtige, fanatische, unreine Elemente auf beiden Seiten, während jene Theoretiker die Sache an und für sich in Betracht zogen.

Unser Freund aus Hannover hatte in seinem Vaterlande nicht Zeit gehabt, sich zu verlieben. Das ist nicht so lächerlich, als manche schöne Leserin zu glauben scheint. Ein unglücklicher Redacteur einer politischen Zeitung ist in einer Zeit, wo die Wogen so hoch gehen, als vom Jahre 1848 bis 1850 in Deutschland, in der That behindert, sich neben der Politik noch mit andern Dingen, seien es selbst die schönsten Augen, zu beschäftigen. Jetzt hatte Oskar Ueberfluß an Zeit, denn das Land- und Leute-Beobachten war gegen die auf einem Redacteur ruhende Arbeitslast das Leben eines Flaneurs. Er hatte von dem Meister zum Stuhle nur eine Gesellenarbeit zur Aufgabe erhalten, eine mehr statistische Arbeit, er sollte so genau wie möglich die Anzahl der im Süden befindlichen Logen zum Goldenen Ritter, Goldenen Zirkel, Weißen Ebenholz und wie sie sonst hießen, und ihrer Mitglieder erkunden und darüber nach Pittsburg berichten. Um ihm dieses Geschäft zu erleichtern, waren ihm das Zeichen und der Schurz einer vaterländischen Loge, nebst Gesetzen, Ritual und Symbolik zugeschickt. Er sollte sich für einen Bruder Freimaurer der ◊ zu G. ausgeben, die schon ihres Namens wegen im Süden Anklang fand, und sich, so oft es geschehen könne, als Gast in die Loge einführen lassen.

Denn obwol der eigentliche Zweck dieser südlichen Logen meist nur auf Verbreitung und Schutz der Sklaverei gerichtet war, so wurde dies doch als Geheimniß der höhern Grade behandelt, in den Lehrlingslogen, in welche allein besuchende Brüder eingeführt wurden, hielt man sich an Allgemeinsten, spielte mit Symbolen und Ceremonien.

Dieser Auftrag verschaffte Oskar Schulz an allen Orten auf die leichteste Weise Bekanntschaft und häufig auch Vertrauen. Er reiste als deutscher Naturforscher, und so wurde er denn leicht eingeweiht auch in das wahre Wesen des Geheimbundes, da es Leute gab, die es für wünschenswerth hielten, die Sklaverei auch wieder in Europa einzuführen, und die dem deutschen Reisenden gegenüber mit diesen großartigen Planen hervortraten. Seine Phantasie hatte reichlich Muße, sich nach allen Richtungen zu ergehen. In Richmond und Petersburg, in Columbia und dem georgischen Columbus, in Charleston und Montezuma sah er manche herrliche Frauengestalt an sich vorüberrauschen, Frauen französischer, spanischer, englischer, deutscher Abkunft, Jungfrauen, zierliche, üppig-volle, ätherisch-verduftende, lernte er kennen; manch flammender Blick begegnete dem seinen, aber dauernden Eindruck vermochte keine dieser Schönen auf ihn zu machen, ihm schwebten noch immer die Glutaugen vor, womit die creolische Schönheit ihn auf dem Deck des Elefanten angeblickt, er konnte die Grazie ihrer Bewegungen, die feine durchsichtige Haut des Gesichts, den kleinen Fuß mit den durchbrochenen Seidenstrümpfen, welche das zarte Blaßroth der Haut matt hindurchschimmern ließen, nicht vergessen. Er träumte bei Nacht, er träumte bei Tage, wenn er auf einer Hängematte hingestreckt die süßen Düfte der Orangengärten einsog und den Rauch der Havana in die blauen Lüfte sendete. Es lernt sich alles im Leben, auch das Nichtsthun.

Als Oskar zwei Jahre in Virginien, den beiden Carolinas, Georgia und einem Theile von Florida zugebracht hatte, war ihm das Nichtsthun längst nicht mehr so lästig als im Anfang seiner Reise; er weilte Wochen und Monate da, wo es ihm gefiel, aber es zog ihn mit unwiderstehlicher Sehnsucht weiter nach Westen, es war ihm, als müßte er dort der Creolin wieder begegnen, welche einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte.

In einer Soirée in Charleston war er einer Creolin von ähnlicher Gestalt, gleicher Grazie, gleich glühendem Blicke begegnet, allein es war das nicht seine Schiffsbekanntschaft, die Dame kam direct aus Mexico und konnte kaum englisch sprechen.

In Neuorleans glaubte er auf dem Deck eines stromauf fahrenden Dampfers seine Schöne zu gewahren, als die Landungsbrücke eben abgezogen wurde; er fuhr auf einem Dampfer, der wenige Stunden später abfuhr, drei Tage dem ersten Schiffe nach, und als er dasselbe bei Napoleon am Einfluß des Arkansas einholte, fand er, daß seine Augen ihn getäuscht hatten. Diese Thorheit brachte ihn, da seine Liebessehnsucht stieg, auf den vernünftigen Gedanken, jene Pflanzung am Red-River aufzusuchen, von welcher der Kapitän des Elefanten erzählt hatte. Fand sich, daß die ältere Creolin jene Doralice sei, die auf den Kapitän geschossen, so war es leicht, eine Annäherung zu vermeiden. War es denn aber nicht möglich, daß die Flucht des Kapitäns und der Schwester wie des Sklaven Brutus einen wohlthätigen Eindruck auf sie gemacht hatte?

Jedenfalls war es nicht nothwendig, anzunehmen, daß die Tochter auf die Mutter artete; wenn die Tochter nach dem Vater artete, und dieser Vater der Kapitän war – und daß dem so sei, bildete sich unser Freund, ohne weitere Belege dafür zu haben, ein – so war die Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie das Gegentheil der Mutter sei.

Die Reise zum Red-River wurde beschlossen, und da, wo an der nördlichen Grenze der Grafschaft Concordia die Entfernung des Rothen Flusses von dem Mississippi nur wenige Meilen beträgt, ließ sich Oskar aussetzen, miethete in einem Dorfe am Mississippiufer zwei Pferde und ritt, von einem Bauer begleitet, nach Natchitoches hinüber, sein Gepäck sollte mit dem Dampfer nachkommen. Natchitoches war ein kleines Städtchen von fünftausend Einwohnern, es hatte aber die Großloge zum Goldenen Zirkel von Neuorleans hier eine Filialloge gegründet, und so durfte unser Freund hoffen, Bekanntschaften anknüpfen und Erkundigungen über die Pflanzungen am andern Ufer einziehen zu können. Er erfuhr, daß in dem Städtchen ein deutscher Stellmacher und zwei Tischler wohnten, und daß an dem Fluß herunter mehrere deutsche Familien sich angesiedelt hatten, selbst ein deutscher Arzt hatte sich hier seit drei Jahren niedergelassen.. Es war natürlich, daß Oskar den deutschen Collegen zuerst aufsuchte. Er fand einen noch jugendlichen Mann in ihm, den die Theilnahme an dem badischen Aufstande im Jahre 1849 aus seinem Wohnsitze Rastadt nach Amerika geführt hatte. Mehrere Deutsche, die mit ihm über den Ocean kamen und sich am Red-River ansiedeln wollten, wo sie Freunde und Verwandte hatten, veranlaßten ihn, in Natchitoches sein Glück zu versuchen, und es war ihm günstig. Dr. Bill, so hieß der Badener, hatte Glück mit Fiebercuren und war zehn Meilen den Fluß hinauf wie hinab ein gesuchter und beliebter Arzt auf den Pflanzungen; er stand zur Zeit im Begriff, sich mit der Tochter eines reichen Schiffbauers zu vermählen. Kaum hatte Oskar als Doctor der Philosophie und deutscher Naturforscher sich vorgestellt und der Landsmann vom Rhein seinerseits erzählt, wie er nach Natchitoches verschlagen sei, als ersterer anfing, nach den Pflanzungen am linken Ufer des Red-River zu fragen, welche im Besitze einer Witwe Amaria wären. Sie müßten sehr groß sein, denn es sollte ein Negerdorf mit 800 Niggers dazu gehören.

»Ich kenne so ziemlich alle Ansiedelungen an diesem Flusse«, erwiderte der Arzt, »20 Meilen hinab und 30 hinauf; aber ich kenne keine Witwe Amaria, auch kein so großes Negerdorf. Gegenüber liegen stromabwärts zuerst vier kleine deutsche Ansiedelungen, die man hier mit dem Namen einer Pflanzung gar nicht beehrt. Jeder von unsern Landsleuten pflanzt zwar auch etwas Baumwolle, allein keiner hat mehr als ein halbes Dutzend erwachsene Sklaven, und die kleinen deutschen Flachsköpfe sind bei der Ernte in den Cottonfeldern ebenso thätig als die schwarzen, krausen Negerköpfe. Etwa zwei Meilen hinab liegt eine wahre Musterpflanzung, sie gehört einem Franzosen, der eine kleine allerliebste Pariserin sich zur Frau geholt hat. Drei Meilen weiter nach Süden stoßen wir auf einen Herrn Micks, Besitzer von etwa 300 Sklaven, eine der mir widerlichsten Persönlichkeiten in der ganzen Grafschaft. Er ist ein roher, plumper Geselle, aus Texas oder Neu-Mexico herübergekommen, und soll früher Sklavenfänger gewesen sein. Die Frau, zu deren Behandlung ich herübergerufen wurde, mag früher hübsch gewesen sein, aber der Gebrauch künstlicher Schönheitsmittel und der Genuß geistiger Getränke, vielleicht auch Opiums, hat sie heruntergebracht. Ich traf die Dame in einem Zustande unbegreiflicher Aufregung, den ich mehr einem Opiumtaumel als einem Champagnerrausche, wie der Mann es that, zuschrieb. Sie starrte mich mit so glänzenden, halb verrückten Augen an, und ihr ganzes Gesicht drückte einen solchen Zustand heftigsten Seelenschmerzes aus, daß ich mir erklären konnte, daß sie sich durch Laudanum habe vergiften und sich den Muth dazu durch Champagner habe trinken wollen. Es waren zwei Töchter in dem Gemache der Kranken, die in einer Hängematte lag; die älteste hatte den Kopf auf das Sofa gedrückt und schien zu weinen, ich habe von ihr nichts gesehen als schlanke, schmiegsame, gerundete Formen. Die jüngere Tochter, ein Mädchen von etwa dreizehn Jahren, suchte den Vater zu beschwichtigen, der wie ein Wütherich in dem Zimmer umhertobte und nicht übel Lust hatte, wie er sich ausdrückte, ›dem versoffenen Weibe den Verstand wieder mit der Sklavenpeitsche einzuprügeln‹. Ich entfernte mich, sobald ich konnte, und habe die Pflanzung nicht wiedergesehen.«

Oskar stellte seine Fragen ein; er war durch die Antwort nicht mehr unterrichtet. Den Versuch, die Pflanzung selbst zu sehen, wollte er indeß wagen. Gehörte das Ziel seiner Träume einer Familie an wie die Micks, so würde er das Denken und Phantasiren von den Augen, die ihn schon drei Jahre lang verfolgten, um so leichter lassen können. Er hatte kein bestimmtes Reiseziel, und es konnte ihm gleich sein, ob er sich einige Wochen in Natchitoches oder weiter hinauf in Alexandria aufhielt, wohin er seine Reise zunächst fortzusetzen gedachte.

Der Gasthof, in dem er sich aufhielt, gab bald Gelegenheit, die Honoratioren des Städtchens kennen zu lernen, und nachdem er sich einem Herrn mit einer Physiognomie, die ihm gefiel, und der ihm vom Wirthe als Freimaurer bezeichnet war, als Bruder aus dem Orient der Loge zum Goldenen Zirkel zu G. in Deutschland zu erkennen gegeben, folgten Einladungen in Familien und Ausflüge in die Umgebung.

Bis zur nächsten Lehrlingsloge mußte Oskar noch den Vollmond abwarten, der eben erst Abschied genommen hatte. Das Leben bis dahin war mitunter langweilig und häufig schweiften seine Gedanken nach der Heimat, nach dem Bächlein der Rothen Leine, wenn er Tag für Tag von seinem Fenster aus den Red-River langsam und schwerfällig aus den westlichen Wüstenregionen zwischen Neu-Mexico und Indiana sich dem Mississippi zubewegen sah, mit denselben Dampfschiffen und Fleetbooten, die er am Tage zuvor schon gesehen zu haben glaubte.

Dieses Leben und Treiben in Gasthöfen, Tavernen, Boardinghouses, Inns oder wie sie sonst genannt werden oder sich nennen, ist in Amerika noch von einer viel größern Eintönigkeit als in Deutschland, weil dem Amerikaner jede Anlage zur Gemütlichkeit und außerdem die Zeit fehlt, woran man in Deutschland Ueberfluß zu haben scheint, wie jedes Kaffee-, Wein- und Bierhaus, jede Tonhalle, jeder Club zeigt. In der eigentlichen Gaststube überall derselbe Schenktisch, nur mehr oder weniger elegant, mit den Flaschen und Caraffen dahinter, die von bunten goldbedruckten Etiketten strotzten, dahinter die Wein- und Champagnerflaschen oder Bierflaschen, überall dieselben Yankees, Plantagenbesitzer, Hinterwäldler, die stehend in weniger als keiner Zeit drei, vier oder mehr Gläser dieses oder jenes Getränks hinuntergießen. Sieht man ausnahmsweise einmal ein halbes Dutzend Männer um einen Kamin herumsitzen, so kann man eine Viertelstunde warten, ehe einer von ihnen ein Wort spricht, alle scheinen sich nur zu üben, den Tabackssaft mit Kunstfertigkeit und Eleganz in das Feuer zu spritzen.

Diese Gastzimmer waren ihm unausstehlich, und nur die Noth trieb ihn hinein, wenn er in das »Neu-Orleans-Bulletin« oder eine sonstige Zeitung blicken wollte, deren Entfernung aus dem Trinkzimmer gegen die Sitte war. Zum Glück für ihn lief um die erste Etage des Neu-Orleans-Hotels, in welchem er wohnte, eine breite hölzerne Veranda ringsherum, und obgleich es gegen Ende Januar war, schien hier die Sonne so warm und herrlich, daß er den größten Theil des Tages im Freien zubrachte. Schon blühten die Pfirsiche an dem Hause empor, und Schlingpflanzen mancher Art kletterten an dem Geländer hinauf, öffneten auch wol schon herrliche Blütenkelche. Im Garten hinter dem Hause begannen Oleander und Granatblüten anzusetzen, Rosen zu knospen, Jasmin duftete seine betäubenden süßen Gerüche. Oskar saß da stundenlang, betrachtete das rege Leben auf dem Kai zu seinen Füßen, dem Landungsplatze der Dampf- und Flachboote, oder schaute stromabwärts nach dem jenseitigen Ufer, wo er sich hinter einem bewaldeten Hügel die Pflanzung mit der schönen Creolin phantasirte.

Zu seinen Füßen saß ein schöner schwarzgelockter Hühnerhund, der zu seinem Herrn emporsah. Dieser hatte vor anderthalb Jahren von einem Auswanderer in Charleston den Hund, als er ein halbes Jahr alt war, gekauft. Das Thier, das es im Zwischendeck eines Segelschiffes auf der langen Fahrt schlecht genug gehabt haben mochte, gewöhnte sich schnell an seinen neuen Herrn und ward dessen unzertrennlicher Begleiter, der niemand in dessen Abwesenheit in das Zimmer einließ und nicht duldete, daß Sachen seines Herrn von Fremden berührt wurden.

Oskar hatte sich bei seiner Unthätigkeit häufig mit »Hund Caro« beschäftigt und diesen außer der nöthigen Jagddressur noch manches Stückchen gelehrt, das ihm zur Unterhaltung diente. Caro konnte Thüren öffnen und zumachen, verlorene Sachen wiederfinden, Menschen stellen und schien alles, was sein Gebieter zu ihm sprach, zu verstehen.

So saßen Herr und Hund eines Nachmittags auf der Veranda, als der Wagen des Arztes vor dem Hause anhielt. Der Hund sprang fröhlich auf, als er Wagen und Pferde erkannte, denn er wußte, daß es über Land ging. Ehe sein Herr sich erhoben, holte er für diesen Panamahut und Sonnenschirm aus der Stube. Oskar wurde roth und wieder weiß, als der Wagen vorfuhr, denn er glaubte, es sollte nach der Pflanzung des Master Micks gehen. Das war nun freilich nicht der Fall, es galt diesmal nur, die von dem Franzosen bewohnte Nachbarpflanzung zu besuchen. Man mußte über den Fluß mit einer Fähre setzen, zu einer Brücke wurden erst die Fundamente gelegt. Caro aber verschmähte das Fahrzeug, er schwamm voran, ohne sich durch die Strömung auch nur einen Zoll von der geraden Richtung abbringen zu lassen. Man fuhr am linken Ufer im schlanken Trabe nach Süden; die Wege waren gut, denn sie dienten den Pflanzern, um den Einladeplatz für Zucker, Baumwolle und sonstige Absatzproducte zu erreichen. Der Arzt erzähle dem Landsmanne, daß der Pflanzer, zu dem sie fuhren, ein Pariser sei, der vor etwa fünf Jahren die Pflanzung von einem alten Oheim geerbt und sich dann vor drei oder vier Jahren die Jugendgeliebte nachgeholt habe. Diese sei die Tochter eines altnapoleonischen Generals, ohne daß sie für den gegenwärtigen Beherrscher Frankreichs schwärme. Sie sei liebenswürdig und sehr lebendig, er fühle sich in ihrer Gesellschaft aber immer noch etwas unheimlich, da sie ihn wegen seines überrheinischen Französisch verspottet habe.

Die Pflanzung lag etwa eine halbe Stunde weit von dem Ufer des Flusses, der sich hier stark nach Südost krümmte, hineingeschmiegt in einen grünen Wald von Ahorn, Eichen und andern Bäumen, der sie gegen Nordwestwinde schützte. Sie war überall der Straße zu in weitem Umfange von einer hohen regelrechten Fenz umgeben. Das Wohngebäude hatte nur Ein Stockwerk. Eine von hölzernen Säulen getragene Veranda umgab das Haus nach drei Seiten. Dieselbe war so tief, daß man eine nach zwei Seiten mit Gedecken zu belegende Tafel in ihr aufstellen konnte. Im ersten Stock war die Veranda nach Osten, Süden und Westen durch eine breite weiße Cottonbedachung, nach Art unserer Markisen, gegen Sonnenglut geschützt. Das Haus umgab ein prächtiger Garten, in welchem schon jetzt, Ende Januar, Orangen, Granaten, Convolveln, Juniperus, carolinischer Lorber, amerikanische Agaven und andere Blumen und Blattpflanzen das schönste Grün verbreiteten, in Tausenden von weißen, gelben, rothen Blüten erglänzten und einen Wohlgeruch aussandten, der die Sinne berauschte.

Die Familie des Besitzers, Vicomte Eugen du Plessis, bestand aus Frau und zwei Kindern. Man saß unter der Veranda, um nach der Siesta Kaffee zu trinken. Das älteste Kind, ein Knabe, etwa zwei Jahre alt, spielte auf einer feinen Binsenmatte zu Füßen der Mutter mit einem weißbraunen Wachtelhündchen, das jüngere wurde von einem Mulattenmädchen in einer unter der Veranda befestigten Hängematte gewiegt und mit dem Pfauenwendel vor Mosquitos und andern lästigen Insekten geschützt. Ein Negerknabe nahm das Gespann des Arztes in Empfang und führte die Pferde in den Stall. Hund Caro, der gewohnt war, bei den Pferden sein Quartier aufzuschlagen, hatte sich, ehe noch der Arzt unsern Freund vorstellen konnte, auf die Terrasse und in die Veranda gedrängt, mit dem Wachtelhündchen und dem Knaben Bekanntschaft und Freundschaft geschlossen und sich benommen, als sei er hier zu Hause, was seinem Herrn sehr unangenehm war, da es ein Zeichen schlechter Erziehung schien. Allein der Vicomte empfing die Gäste mit so viel französischer Höflichkeit, und die Dame vom Hause nahm sich des schönen Hundes mit solcher Lebhaftigkeit an, daß er den eroberten Platz behaupten durfte. Der Arzt drückte seine Freude darüber aus, daß er die Familienglieder in vollkommenem Wohlsein beisammen finde, während er sich schon Gedanken darüber gemacht habe, daß eins der Kinder erkrankt sein könnte.

»Zum Glück war diese Besorgniß grundlos«, erwiderte der Vicomte, »und ich muß um Verzeihung bitten, daß ich in flüchtiger Hast Ihnen nicht geschrieben, daß es sich um einen zwölfjährigen Negerknaben handelt, der auf der Pferdeweide von einem der Ponies abgeworfen ist und sich den Arm gebrochen oder verstaucht hat.«

»Dann wollen wir sofort zu dem Kranken«, sagte der Doctor.

»Nicht früher, als bis Sie diese Tasse Kaffee getrunken und sich eine Cigarrette oder eine Havana angezündet haben«, beschwichtigte die Pariserin.

Das nahm für den eifrigen Berufsmann nicht lange Zeit in Anspruch, er begab sich mit dem Vicomte und einem alten Neger, der bei Krankheitsfällen als Gehülfe, Wärter, selbst als Arzt gebraucht zu werden pflegte, in das Cottondorf, das Zuckerdorf lag entfernter.

Während Caro sich von dem jungen Vicomte ganz gemüthlich an den langen Ohren ziehen ließ und dem Wachtelhunde, wenn er über diese Freundschaft eifersüchtig zu belfern anfing, einen wohlgemeinten Schlag mit seinem Vorderfuße gab, begann Oskar mit der jungen Frau ein Gespräch in den üblichen Fragen, wie sie die Einsamkeit am Red-River mit dem schönen Paris habe vertauschen können, und diese begann zu erzählen:

»Ein Oheim meines Mannes, der ein alter wunderlicher Kauz gewesen sein muß und in Frankreich ein schönes Vermögen besaß, hatte sich kurz vor der Zeit, ehe Napoleon Louisiana verkaufte, hier angesiedelt, diese Pflanzung nach seinem Geschmack erbaut, zwei Negerdörfer für die Baumwoll- und Zuckersklaven eingerichtet. Er hat beinahe nur seinen Sklaven gelebt, da er die Bildungsfähigkeit der Neger zu seinem Hauptstudium machte. Die Schulen, welche er eingerichtet, sind wahre Musterschulen, sie werden deshalb von unsern südlichen Nachbarn, welche Ausbildung ihrer Sklaven einem Verbrechen gleichachten, nicht geliebt und sind oft in öffentlichen Blättern verspottet und verleumdet worden. Entdeckte der Alte bei irgendeinem Negerknaben oder Mädchen eine besondere Fähigkeit z. B. zum Zeichnen, Rechnen, so sendete er dieselben nach Neuyork oder Philadelphia, um sie ausbilden zu lassen. Dadurch hat er die größten Erfolge erreicht; unter denen, welchen er Freibriefe gab, sind die bedeutendsten Mechaniker, Künstler, Gelehrten der Union, sogar ein Astronom. Die hiesigen Sklaven behandelte er wie seine Kinder; jede Familie erhielt ihr eigenes Häuschen und so viel Weideland, um eine Kuh zu ernähren, obgleich man hier den Luxus einer Kuh für eine Negerfamilie nicht kennt; außerdem wurde für jedes der Dörfer noch ein gemeinsamer Weideplatz für das Vieh am Flusse reservirt.

»Das größere Gebäude, welches Sie dort über die Ahornbäume emporragen sehen, ist die gemeinsame Schule; der Lehrer ist im Dorfe geboren, ebenso ist der Prediger ein Neger. Sie finden im Dorfe jedes Handwerk vertreten, denn was der Sklave nach Feierabend schafft, erwirbt er für sich selbst. In Neu-Orleans wird manches als pariser Arbeit verkauft, was hier im Dorfe gemacht ist. Die feinsten Schnitzeleien in Elfenbein und Holz werden von plumpen Negerhänden geschaffen. Ich will Ihnen später ein Kästchen zeigen, das Sie von japanesischer Arbeit nicht werden unterscheiden können. Der Künstler, welcher es verfertigt, schnitzt jetzt die beiden Dörfer, Schule und Kirche, Garten und Bäume, und mein Mann will das Kunstwerk zu der im nächsten Jahre in London stattfindenden internationalen Weltausstellung senden.

»Doch, um wieder auf den frühern Besitzer der Pflanzung zurückzukommen: derselbe hatte in einem in Natchitoches niedergelegten Testament meinen Mann zu seinem Erben eingesetzt, unter Bedingungen, welche in einem in Paris deponirten Codicill enthalten seien. Darin war meinem Manne auferlegt, diese Pflanzung funfzehn Jahre selbst zu bewirthschaften, in dem Geiste, wie es der Testator gethan, den Negern Vater und Berather zu sein und sie zu der möglichsten Bildung heranzuziehen. Er dürfe keinen Neger je verkaufen, solle jedem einen Freibrief geben, der zu einer Kunst oder Wissenschaft besondere Befähigung zeige. Endlich, spätestens nach funfzehn Jahren, sollte er sämmtliche Sklaven, Männer, Frauen, Kinder, freigeben und ihnen die beiden Dörfer, Schule und Kirche, mit allem Weide-, Cotton- und Zuckerrohrlande, zum Eigenthum überweisen, um hier eine ikarische Republik, einen kleinen Negerstaat zu bilden. Nur dieses Haus mit Garten, Park und Wald sollte meinem Manne eigen bleiben.

»Wenn Sie, mein Herr, sich schon einige Zeit hier im Süden aufgehalten haben, so können Sie sich denken, daß diese Testamentsbestimmungen hier Geheimniß bleiben müssen. Ahnten unsere Nachbarn die Absicht des Testators, der Welt zu zeigen, daß ein Nigger ebenso bildungsfähig sei als ein Weißer, wüßten sie, daß jetzt nach zehn Jahren hier eine freie Negercolonie entstehen soll, man würde unsere Pflanzung mit Feuer und Schwert vertilgen. Der alte Oheim spricht in seinem pariser Codicill freilich die sichere Erwartung aus, daß in zwanzig Jahren die Sklaverei in der Union nicht mehr bestehe, eine Vorhersagung, der ich nach dem, was ich hier erfahren, freilich wenig Glauben schenke. Würde die Sklaverei schon vor Ablauf von funfzehn Jahren gesetzlich aufgehoben, so ist mein Mann seines Aufenthalts hier entbunden; er hat alsdann nur den Niggern ihr Eigenthum zu überweisen. Darauf tritt er aber die eigentliche Erbschaft erst an. Diese besteht in einem Palais in Paris, in einer französischen Rente von 20000 Francs und in einer englischen Rente von 1000 Pfund Sterling in Consols, welche Gegenstände durch zwei pariser Notare bis dahin verwaltet werden, um Zins zu Zins zu schlagen.

»Mein Gemahl war bis dahin Kapitän bei der reitenden Artillerie, ein Vicomte ohne Herrschaft, der von seinem Solde leben mußte, da das Kapital, welches sein Vater, der Emigré, von den Entschädigungsmillionen für die während der Revolution confiscirte Vicomtie erhalten hatte, von diesem aufgezehrt ist. Er war Republikaner und kein Freund der Bonaparte und wußte, daß, seitdem Louis Napoleon auf dem Präsidentenstuhle saß, auf Beförderung für ihn nicht zu rechnen war.

»So nahm er denn seinen Abschied, reiste hierher, um sich die Besitzung und ihre schwarzen Bewohner anzusehen, und schrieb darauf mir, ob ich sein Schicksal theilen, hier länger als ein Jahrzehnt, einsam unter Schwarzen, mit ihm zubringen wolle. Es kam mir zwar spaßhaft vor, daß ich Negermutter werden und statt in den Lustgärten von Paris, Versailles, Fontainebleau und in den Theatern an der Seine in den Urwäldern am Red-River meine besten Lebenstage verbringen sollte, dagegen lockte die Beschreibung des paradiesischen Gartens und Parks, wie die Photographie dieser Wohnung, die mir Eugen sendete, und dann, außer der Liebe zu Eugen, eine kleine Schwäche aller Pariser, die ich Ihnen verrathen will, Herr Doctor! Wir Pariser finden uns in der ganzen Welt zurecht, wenn wir nur die Aussicht haben, in unsern alten Tagen in Paris leben, womöglich gut leben zu können. Ich bin also Eugen hierher gefolgt und bereue es nicht. Fünf Jahre sind seit der Testamentseröffnung verflossen, die andern zehn Jahre werden auch noch hingehen; die Gegend ist schön und gesund, die Wohnung selbst und der Garten vorzüglich, die schwarzen Menschen sind vortrefflich, gutgeartet, geschickt, willig und bildungsfähig. Wir haben nur Eine Klage: unsere Nachbarn taugen nichts. Nach oben hin haben wir uns zwar wenig zu beklagen; es wohnen dort Deutsche mit wenig Sklaven, die sie gut halten; ihre Sklaven senden ihre Kinder in unsere Negerschulen und besuchen unsere Kirchen, wir haben gegen Liebschaften unter unsern und den Sklaven der Deutschen nichts, da sie regelmäßig zur Heirath führen. In diesen Negerehen aber herrscht eine Liebe und Treue, an der wir Europäer uns ein Beispiel nehmen könnten, wenigstens die Männer.

»Aber desto schlimmer sieht es den Fluß hinab aus. Unser nächster Nachbar, Master Micks, ist ein Sklavenpeiniger, schlimmer als Frau Stowe ihn geschildert. Er war früher, wie ich mir habe erzählen lassen, Sklaveneinfänger, der seine und seiner Bluthunde Dienste an Pflanzer vermiethete, denen Sklaven entflohen waren, wie das oben am Mississippi nichts Seltenes sein soll. Der Besitzerin der nächstgelegenen Pflanzung war nun vor Jahren ein Nigger und ein Quadronenmädchen entflohen, und sie nahm zu dem berühmten Einfänger ihre Zuflucht. Dieser hat die Sklaven nicht, wohl aber die Herrin selbst eingefangen und geheirathet, und nun gleichfalls eine Musterwirthschaft dort eingerichtet, dem Oheim zum Aerger. Die Sklaven, welche er vorfand, waren ihm, wie er sagte, durch Milde und die Nachbarschaft verdorben, er hat sie sämmtlich verkauft. Er wollte den Pflanzern Louisianas zeigen, wie allein die Peitsche den Nigger regiere, und machte öffentlich bekannt, daß er träge, faule, ungehorsame, widerspenstige, böswillige Nigger kaufe, da er ein Mittel habe, sie zu zähmen, und kaufte von Saint-Louis bis Neu-Orleans herab 300 Stück seit Jahren mishandelter, störrischer, verthierter Nigger zusammen, denen er in zwei frühern Genossen Sklavenaufseher der rohesten Art gab. Er vermaß sich, mit den 300 zusammengekauften Sklaven mehr Arbeit zu verrichten, als die 800 Sklaven des Herrn Amaria verrichtet hätten.«

»Amaria?« fragte Oskar halb erschrocken, halb erfreut, und wurde blaß und wieder roth.

»Ja! Amaria, das war der Name seines Vorgängers, dessen Witwe er geheirathet«, versetzte die Französin. »Ist Ihnen der Name bekannt?«

»Nicht doch«, stotterte jener, und die Erzählerin fuhr fort: »Micks regiert durch Furcht und Schrecken, soll aber die Pflanzung sehr herabgebracht haben; seine vorjährige Cottonernte wie Zuckerernte wurde durch die unserige bei weitem übertroffen, obgleich jene Pflanzung größer ist und er hundert Sklaven mehr besitzt. Selbstmorde der Nigger sind bei ihm an der Tagesordnung, obgleich der Neger an sich lebenslustig ist und harte Arbeit wie Schmerzen zu ertragen weiß. Ebenso schlecht als seine Neger behandelt er seine Frau und seine Stieftochter, und doch ist diese, meine einzigste Freundin hier, ein Engel von Schönheit, Milde, Sanftmuth, Menschenliebe, die hinter dem Rücken des Stiefvaters manche Thräne zu trocknen weiß. Es ist mir oft unbegreiflich gewesen, wie Hermine ihre Seelenreinheit in solcher Umgebung hat bewahren können. Denn die durch brutale Behandlung zur Verzweiflung gebrachte Mutter hat sich schrecklichen Lastern hingegeben, sie raucht Opium, berauscht sich in Champagner und sonstigen Spirituosen. Die Stiefschwester artet auf den Vater und ist so häßlich und böswillig wie er selbst.«

Unserm Freunde war bei dieser Erzählung heiß und kalt geworden; es war kein Zweifel, er hatte das Urbild seiner Träume gefunden, die Hermine der Erzählerin war niemand anders als jene Creolin, deren Augen ihm seit drei Jahren keine Ruhe ließen, nach denen er seit jener Zeit mit unwiderstehlicher Sehnsucht sich umgeschaut hatte. Es trat eine Pause in der Unterhaltung ein, da Oskar in träumerisches Nachdenken versank, aus dem er erst durch das Anschlagen des Hundes Caro geweckt wurde. Der Vicomte und der Arzt kamen zurück, letzterer hatte den verrenkten Arm des Negerknaben wieder eingesetzt und dann mit dem Vicomte beide Negerdörfer Haus bei Haus besucht, alle Männer, Frauen und Kinder aber im besten Wohlsein befunden.

Die Luft draußen wurde vom nahen Fluß her nebelig, die Mosquitos und anderes geflügeltes Ungethüm wurden zudringlicher, die Hausfrau nöthigte die Gäste in das Haus, Caro wurde zu den Pferden gebracht. Die Zimmer neben der Veranda waren nach neuester pariser Mode eingerichtet. Oskar bewunderte die japanesische Arbeit des Negers, die schönen Elfenbein-Schnitzereien von derselben Hand und nahm dann, während der Vicomte und der Arzt sich über Congreßpolitik unterhielten, ein Album zur Hand, um darin zu blättern. Es waren Bleistift- und Kreidezeichnungen aus der Umgegend von Paris, wahrscheinlich von der Frau des Hauses; auch einige Aquarellmalereien. Unter diesen fesselte ein Bild die Aufmerksamkeit unsers aufgeregten Freundes in hohem Maße: eine mächtige Eiche, in ihrem Herbstkleide, an deren Fuße zwei Kinder mit schwarzen Lockenköpfen und schwarzen glänzenden Augen saßen und, wie es schien, zu dem Maler erstaunt emporblickten.

Das Bild kam Oskar so bekannt vor, als müsse er es schon gesehen haben, dennoch erinnerte er sich nicht wann und wo.

Während er noch auf das Blatt starrte, trat die Hausfrau wieder in den Salon, nahm ihren Platz neben ihm und betrachtete das Bildchen gleichfalls mit Interesse, wie es schien. Plötzlich glaubte Oskar in einigen zu Tage liegenden Wurzeln des Baumes das Autogramm seines Vetters Gottfried Schulz zu erkennen und erinnerte sich nun auch, ein gleiches Bild, in etwas roherer, flüchtiger Skizze, in dessen Sammlung gesehen zu haben, ja er wollte sogar die ganze Behandlungsweise des Vetters erkennen.

Mit sichtbarer Erregtheit sagte er zu seiner Nachbarin: »Gnädige Frau, darf ich fragen, wer dies gemalt hat?«

»Sehen Sie einmal die beiden Kinder an«, erwiderte diese, und zwar zu seinem Erstaunen wie zum Erstaunen seines Freundes, des Arztes, im reinsten Deutsch, »ob Sie keine Aehnlichkeit zwischen einem der Kinder und mir entdecken?«

Oskar sah sie an und schüttelte mit dem Kopfe.

»Und doch bin ich eben das kleinste dieser Kinder, Anne Marie de la Colombière, vor sechzehn oder siebzehn Jahren, und der Maler ist der Mann meiner Schwester Jeannette, den ich damals im Walde von Fontaineblau zuerst entdeckte, als er die Eiche skizzirte.«

»Also meines Vaters Brudersohn, der Professor Gottfried Schulz?«

»Ihr Vetter, der Professor?« fiel sie lebhaft ein, »dann sind wir ja cousins à la mode Brétagne. Das ist ja vortrefflich, da werde ich Sie hier halten, so lange es meine schwachen Kräfte vermögen, und wenn diese nicht ausreichen, so müssen die Eugen's helfen.«

Dieser war aufgesprungen, umarmte den neuentdeckten verschwägerten Verwandten, und seine Frau that desgleichen.

Daß sich Oskar gern halten ließ, war selbstverständlich, hatte er doch hier die beste Gelegenheit, sein Traumbild näher kennen zu lernen. Man war noch in Erörterung der verwandtschaftlichen und persönlichen Verhältnisse begriffen, als Hermine Amaria auf einem schwarzen Pony, begleitet von einem riesigen Neufundländer, in das Gartenthor einritt und vor der Veranda abstieg.

Anne Marie jubelte auf und umarmte die Freundin; der Vicomte wie der Arzt traten ihr oben entgegen. Oskar konnte nicht zurückbleiben. Die Abendsonne leuchtete in das feingeschnittene, zarte, durchsichtige Gesicht der Creolin, die am Arme oder eigentlich in den Armen der Freundin die Stufen zu der Veranda hinauftrat. Als sie hinter dem Vicomte und dem Arzte aber das bärtige Gesicht unsers Freundes plötzlich hervorschimmern sah, und die Freundin ihr diesen als einen Cousin aus Deutschland vorstellte, nicht aber als einen Plagegeist, wie sie dort zu Tausenden herumschwärmten, erröthete sie tiefer als die untergehende Sonne in den Fluten des Red-River. Sie hatte offenbar Oskar wiedererkannt; als man aber nachher im Salon ein Abendmahl einnahm und in Champagner auf das Wohl des so zufällig entdeckten Vetters trank, da wagte sie nicht, die Kraft ihrer Glutaugen, wie auf dem Schiffe, noch einmal zu versuchen.

Ein glücklicher Abend, nur daß Hermine zu früh schied. Auch der Arzt brach auf. Hund Caro war sehr verwundert, seinen Herrn nicht in den Wagen des letztern, sondern zu Pferde steigen zu sehen; der Vicomte hatte vorgeschlagen, Hermine noch ein Stück durch den Urwald, der beide Pflanzungen voneinander trennte, zu geleiten, er ritt mit seiner Gattin voran, während der Neufundländer und Caro, die bei den Pferden schon Freundschaft geschlossen haben mußten, lustig vorausbellten.

Frauen sind scharfsichtig; die kleine Pariserin war es sehr, und da sie aus dem Gespräch unsers Freundes erfahren hatte, daß dieser Hermine schon früher gesehen und beachtet, da wußte sie auch, was die Frage nach Amaria bedeutet hatte, sie wußte, daß ihre Freundin den deutschen Vetter interessire, daß hier vielleicht ein paar Herzen sich suchten oder schon gefunden hatten. Welche Frau fühlte sich aber nicht berufen, keimende Liebe zu hegen und zu pflegen, zu schützen und zu fördern, den Liebenden Gelegenheit zu geben, allein zu sein? Anne Marie war es, die, nachdem sie der Freundin das Versprechen zu einem Spazierritt am frühen Morgen abgenöthigt, den Gemahl zu rascherm Trabe reizte und den Zwischenraum zwischen sich und dem Paare dahinter möglichst erweiterte. Ob aber Oskar heute Abend schon, als das erste Viertel des Mondes durch die dunkeln Bäume schimmerte, eine Erklärung wagte, oder erst am andern Morgen, als die Geliebte und er auf das Geheiß der Vicomtesse von den Pferden stiegen, diese einem Niggerknaben übergaben und durch den von tausend Thautropfen glänzenden Wald zu einer Einsiedelei gingen, welche die Freundinnen im Versteck des Urwaldes hatten errichten lassen, während die Pariserin ihrem Gatten entgegenritt, der, um eine Bestellung auszurichten, einen Umweg durchs Negerdorf genommen hatte, das, liebe Leserin, kann ich mit Gewißheit nicht sagen. So viel aber darf ich verrathen, daß, als nach einer halben Stunde der Vicomte mit seiner Frau vor der Einsiedelei anlangte und Oskar mit Hermine im Arm heraustrat, Liebesseligkeit aus beider Antlitz leuchtete, und daß Hermine sich so elastisch an Oskar anschmiegte, als sei sie für immer Eins mit ihm.

Es war aber auch ein herrlicher Februarmorgen, so warm wie bei uns ein Junimorgen, das junge Laub des Unterwaldes war schon entfaltet, die Kastanienbäume hatten auf offenern Stellen ihre Blütenstengel aufgethan, es sprangen alle Knospen, warum sollte da in zwei Herzen, die sich längst nach einander gesehnt, die Liebe nicht aufgehen, warum sollte der Mund nicht aussprechen, was die Augen schon längst gethan: ich liebe dich!

Oskar und Hermine hatten sich im Urwalde Liebe und Treue für das Leben gelobt, und sie stellten sich den Freunden als Verlobte vor.

Aber wie es kein Licht ohne Schatten gibt, so auch keine reine ungestörte Freude und Seligkeit. Kaum hatte Hermine Abschied genommen, als ihre Freundin Oskar in die nähern Familienverhältnisse der Geliebten einweihte. Micks hatte bei seiner Verheirathung mit der Witwe Amaria einen Ehevertrag zu erschleichen gewußt, welcher ihn bei dem Tode seiner Frau zum Eigenthümer der Pflanzung machte und ihn nur verpflichtete, Hermine mit einem Drittel des Werthes abzufinden. Im Fall die Frau versterbe, ehe jene volljährig sei, sei Micks zu deren Vormunde bestimmt. Nun habe dieser seit einem Jahre von seiner Frau verlangt, sie solle das Erbtheil der Tochter auf ein Sechstel testamentarisch herabsetzen, und weil sie sich weigere, mishandle er sie.

Seit einigen Wochen sei nun Micks mit dem Plane hervorgetreten, Hermine an einen seiner Freunde, einen Baumwollagenten in Neu-Orleans, zu verheirathen. Diese habe durch Bitten und Flehen bei der Mutter bisjetzt verhindert, ihre Zustimmung zu ertheilen, ob dieselbe aber in einem der vielen schwachen Augenblicke, die sie habe, nicht einwilligen werde, sei mehr als zweifelhaft.

»Wenn Habsucht«, erklärte Oskar, »die Haupttriebfeder der Handlungsweise jenes Mannes ist, so wird ein Ausweg leicht zu sinken sein. Ich selbst bin nicht ohne Vermögen, und nach den letzten Nachrichten aus Deutschland ist es meinem Bruder gelungen, mein Erbtheil flüssig zu machen und mir auszuzahlen. Es schwimmt in guten Dollars schon über das Meer, und ich kann mit einiger Anspruchslosigkeit etwa von den Zinsen leben. Ich werde aber im Osten eine Beschäftigung suchen, sei es als Advocat oder als Kaufmann. Ich würde Herminen heirathen, wenn sie keinen Cent im Vermögen hätte. Wenn ich mich also gegen Micks bereit erkläre, mit einem Sechstel zufrieden zu sein, so sollte ich glauben, würde er mir ihre Hand nicht verweigern.«

»Was aber wird aus der Mutter?« fragte die Vicomtesse, »soll die den Mishandlungen ihres Mannes ausgesetzt bleiben?«

»Wenn sie von Micks scheiden will, mag sie mit uns nach Osten ziehen, will sie das nicht, muß Hermine sich von ihr trennen.«

So machte man Zukunftsplane. Oskar erzählte, wie er am Vollmondstage in Natchitoches die Bekanntschaft des Pflanzers zu machen hoffe und gleich am andern Tage bei diesem und Herminens Mutter um die Hand der Geliebten anhalten wolle.

Die Pariserin warnte den Vetter, sich mit den Freimaurern einzulassen, Eugen habe ihr erzählt, daß die schlimmsten aller Sklavenhalter in den Logen die ersten Aemter und Würden bekleideten; er nahm die Warnung leicht hin.

Noch acht Tage hatte Oskar das Glück, die Geliebte täglich zu sehen und aus ihrem Munde zu hören, daß sie ihn über alles liebe. Die Französin scherzte: Hermine habe ihr anvertraut, daß sie sich zuerst in seinen Bart verliebt habe, er sei der erste Mann gewesen, den sie im Vollbarte gesehen. Wenn er den Bart hinwegschnitte, sei auch die Liebe vorbei, die Creolinnen seien wetterwendisch und unfähig, treu zu lieben. Eugen sprang dem jungen Mädchen zu Hülfe, indem er behauptete, daß die Pariserinnen die Creolinnen noch überträfen – man scherzte und neckte sich, um sich versöhnt in die Arme fallen zu können.

Es war indessen der 15. Februar, der Tag der Logenfeier, gekommen, Oskar hatte am Abend vorher von Hermine Abschied genommen und ihr versprochen, am Tage nachher auf Micks' Plantage zu kommen und den entscheidenden Schritt zu thun. Er ritt nach dem Frühstück zur Stadt, zum Misvergnügen Caro's, dem es auf der Pflanzung besser gefiel.

 << Kapitel 91  Kapitel 93 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.